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Slawische phonologische, phonetische und prosodische Systeme

Jede slawische Sprache verfügt über drei Systeme – ein phonologisches, ein phonetisches und ein akzentuelles.

Unter einem phonologischen System versteht man ein System von Lauten mit differenzierender semantischer Funktion, die als Phoneme bezeichnet werden. Phoneme werden durch eine Umklammerung mit Schrägstrichen gekennzeichnet: / /, z. B. /a/ und /i/.

Das phonetische System bilden Laute mit bestimmten akustischen, physiologischen und rezeptiven (z. B. auditiven) Charakteristiken. Die Grundeinheit eines phonetischen Systems bildet ein Laut, der die kleinste artikulatorische Einheit eines sprachlichen Systems darstellt. Laute werden durch eine Schreibung innerhalb von eckigen Klammern gekennzeichnet: [ ], z. B. [a] und [i].

Ein Laut und ein Phonem sind nicht ein- und dasselbe. Ein Phonem ist ein Laut, der keine Bedeutung trägt aber einzelne Wörter semantisch differenziert. Z. B.: im Deutschen: LandSandHand, russisch: рукамукасука, BKS: lukamukakuka. Phoneme bilden so genannte Minimalpaare, wie etwa in den Wörten Wand und Wind.

Das akzentuelle System bilden unterschiedliche Arten quantitativer Formen in Bezug auf Vokale (in der Gestalt langer und kurzer Akzente), deren qualitative Unterscheidung (steigende und fallende Akzente) und eine Kombination von Quantität und Qualität betonter Silben.

I. Slawische phonologische Systeme

Jede Sprache verfügt über ein bestimmtes Phonemsystem. Unter den nichtslawischen Sprachen besitzen das Abchasische (71) und das Romani (42) die größte Zahl an Phonemen, wogegen die Sprache der australischen Aranta (13) und das Finnische (30) die wenigsten Phoneme aufweisen. Das Englische verfügt über 40, das Deutsche über 36 und das Französische über 35 Phoneme.

Unter den slawischen Sprachen weisen das Russische und das Weißrussische (43 Phoneme) die breiteste Phonembasis auf, es folgen das Bulgarische und Kaschubische (41) sowie das Slowakische und Sorbische (37). Polnisch, tschechisch, ukrainisch und altkirchenslawisch (34) befinden sich im Mittelfeld, und am unteren Ende der Skala stehen das Mazedonische (32) und das BKS (31).

Innerhalb des phonologischen Systems der slawischen Sprachen gibt es universelle, spezifische und exklusive Phoneme. Als universelle werden dabei diejenigen bezeichnet, die in allen slawischen Sprachen auftreten. Spezifische Phoneme werden nur in einigen Sprachen angetroffen, während exklusive Phoneme ausschließlich in einer Sprache vorhanden sind.

Universelle slawische Phoneme. Phoneme, die für alle slawischen Sprachen charakteristisch sind, können einer breiteren Betrachtung unterzogen werden, nämlich – in Bezug auf (a) andere nichtslawische Sprachen und (b) indoeuropäische Sprachen mit einer Differenzierung von Phonemen 1. und 2. Ranges, die als slawische universelle Extraphoneme bezeichnet werden. Slawische universelle Extraphoneme 1. Ranges sind diejenigen Phoneme, die auch in anderen Sprachen der Welt auftreten (z. B. in slawischen und indianischen Sprachen). Slawische universelle Extraphoneme 2. Ranges bilden Phoneme, die in slawischen und indoeuropäischen Sprachen vorkommen (dazu zählt die Mehrzahl der Vokale und Konsonanten).

Zu den universellen slawischen Phonemen zählen unseren Angaben entsprechend folgende 26 Phoneme:
/a/, /o/, /e/, /i/, /u/,
/b/, /ts /, /t∫/, /t’∫’/,
/d/, /d’/, /f/, /g/, /h/,
/j/, /k/, /l/, /m/, /n/,
/p/, /r/, /s/, /∫/,
/t/, /v/, /z/.

Dies bedeutet, dass die angeführten Phoneme in allen slawischen Sprachen vorkommen. Einige von ihnen mögen über eine spezielle Aussprache verfügen, so etwa über einen höheren Grad an Härte oder Weichheit, was vor allem die Affrikate /t∫ /, /∫/ und Konsonanten des Typs /d’/ betrifft.

Spezifische slawische Phoneme sind nur für einige slawische Sprachen charakteristisch. Auch diese Phoneme können in Bezug auf (1) andere nichtslawische Sprachen und (2) indoeuropäische Sprachen betrachtet werden, wobei abermals spezifische slawische Phoneme 1. und 2. Ranges unterschieden werden können. Diejenigen slawischen Phoneme, die auch in anderen Sprachen der Welt vorkommen, bezeichnen wir als slawische spezifische Interphoneme. Diese können sowohl 1. Ranges – wenn sie in einigen slawischen Sprachen und auch in anderen Sprachen der Welt (z. B. in afrikanischen Sprachen) vorkommen – als auch 2. Ranges sein – wenn sie in einigen slawischen Sprachen und einigen indoeuropäischen Sprachen auftreten.

Zu spezifischen slawischen Phonemen können weiche Konsonanten des Typs /b’/, /d’/, /f’/, /g’/, /k’/, /l’/, /m’/, /n’/, /p’/, /r’/, /s’/, /t’/, /v’/, /z’/, /b’/, / Z’/ gezählt werden, die in den ostslawischen Sprachen und teilweise im Bulgarischen vorkommen. Einzelne spezifische Phoneme trifft man auch in zwei bis drei anderen Sprachen an, so 1. im Altkircheslawischen /ọ/, /ę/ und Polnischen /ą/, /ę/, 2. im Altkirchenslawischen, Russischen, Weißrussischen und Ukrainischen: / y/ (ы).

Die exklusiv slawischen phonologischen Phoneme (Unikate) sind diejenigen Phoneme, die nur in einzelnen slawischen Sprachen auftreten. Ihre Exklusivität kann einen internen und externen Charakter haben. Die externe Exklusivität kommt in den Fällen vor, in denen ein exklusiv slawisches Phonem gleichzeitig ein Unikat in Bezug auf alle Sprachen der Welt (1. Rang) oder auf die indoeuropäischen Sprachen (2. Rang) ist.

Über exklusive slawische Phoneme (Unikate) verfügt nur eine kleine Zahl an slawischen Sprachen. Eine Reihe solcher Phoneme trifft man im Altkirchenslawischen an: /ě/ ( ˜) – jat,/ǎ/ (ъ), /ĭ/ (ь), / S t/. In den lebenden Sprachen treten exklusive Phoneme (Unikate) im Tschechischen (/ř/) und Slowakischen auf (/ŕ/).

II. Slawische phonetische Systeme

Unter einem phonetischen System versteht man die Aussprache einzelner Laute. Das slawische phonetische System lässt sich in zwei Untersysteme gliedern: ein vokalisches und ein konsonantisches.

Ein vokalisches System zeichnet sich dadurch aus, dass in bestimmten Sprachen Vokale ohne quantitative Redunktion ausgesprochen werden, wogegen in anderen eine kleinere oder größere Reduktion vorgenommen wird.

Ein typisches Beispiel für eine Vokalreduktion bietet das Russische, in dem einzig akzentuierte Vokale klar ausgesprochen und nichtakzentuierte in Abhängigkeit von ihrer Position reduziert werden (Anlaut oder Endlaut, Position vor einer betonten Silbe u. Ä.).

Ein Beispiel für eine Aussprache ohne quantitative Vokalreduktion stellt das BKS dar, in dem sämtliche Vokale deutlich, unreduziert und unabhängig davon, ob sie betont oder unbetont sind, artikuliert werden.

Für das Konsonantensystem ist eine unterschiedliche Aussprache einzelner Laute, wie z. B. č im Russischen und BKS.

III. Slawische prosodische Systeme

Im prosodischen System der slawischen Sprachen liegen unterschiedliche Arten der Betonung vor. Einige Sprachen besitzen nur einen Akzent, der an eine fixe Silbe gebunden sein kann – initiale Silbe, zweite Silbe, drittletzte Silbe (sog. Antepenultima), vorletzte Silbe (sog. Penultima), letzte Silbe (sog. Ultima) usw., wobei der Akzent frei und beweglich sein und sich auf allen Silben oder auf der Mehrzahl der Silben befinden kann. Andere Sprachen haben zwei, drei oder mehrere Akzente.

Zur Gruppe der Sprachen mit fixiertem Akzent gehört z. B. das Tschechische (Betonung auf der 1. Silbe) und das Polnische (Betonung auf der Perultima).

Ein typisches Beispiel für einen freien und beweglichen Akzent ist das Russische, in dem er auf jeder beliebigen Silbe liegen kann.

Zwei Akzente besitzen einige štokavische Dialekte des BKS (z. B. zetsko-južnosandžački govori, d. h. die Mundarten von Zeta und des Südsand žak).

Ein Drei-Akzent-System ist für die slowenische Sprache und für čakavische und kajkavische Dialekte charakteristisch

Ein Vier-Akzent-System hat das BKS. Angesichts dessen, dass es neben zwei steigenden (lang und kurz) und zwei fallenden (lang und kurz) Akzenten auch eine so genannte Länge gibt, kann man von einem fünfgliedrigen prosodischen System sprechen.

Präsentationen (ppt)