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Ao. Prof. Dr. Bernd Dietrich von Arnim

(1899-1946)

Rajko Nahtigal
Geboren 1899 in Rostock
Gestorben 5. 2. 1946

Anstellung am Institut 1941-1944/46
Funktion am Institut außerordentlicher Professor

Lebenslauf

Linda Sadnik-Aitzetmüller

Wiener Slavisches Jahrbuch / Herausgegeben vom Rudolf Jagoditsch. – Wien: Verlag A. Sexl: 1952. – S. 1-5.

Bernd von Arnim

Am 5. Februar 1946 starb an einem im letzten Kriege erworbenen Leiden der Professor für slavische Philologie Bernd von Arnim. Als Sohn des viele Jahre an der Wiener Universität wirkenden Professors für klassische Philologie Hans von Arnim am 8. September 1899 in Rostock geboren, besuchte er das Gymnasium in Wien und Frankfurt a. M., wo er nach dem ersten Weltkrieg einige Semester Jus und Nationalökonomie hörte. Dann wandte er sein Interesse den slavischen Sprachen und Kulturen zu. Er studierte zunächst in München bei E. Berneker und G. Gesemann, seit 1922 in Leyden bei van Wijk, in dem er seinen eigentlichen Lehrer verehrte. Nach Ablegung der „Doctoral-Prüfung“ mit Lehrbefugnis für Russisch und Deutsch war von Arnim als Gymnasiallehrer in Leyden tätig, wo er 1930 mit einer Untersuchung über „Die Schreiber des Psalterium Sinaiticum und ihre Vorlage“ promovierte. Die „Beiträge zum Studium der altbulgarischen und altkirchenslavischen Wortbildung und Übersetzungskunst“ brachten bereits 1932 die Habilitation an der Friedrich-Wilhelm-Universität, in Berlin. Nach einer Reihe wissenschaftlich fruchtbarer Jahre wurde Bernd von Arnim 1941 mit der Leitung der Lehrkanzel für slavische Philologie an der Karl-Fräuzens-Universität in Graz betraut und zum tit. ao. Professor ernannt. Seine Lehrtätigkeit in Graz setzte er auch im Wintersemester, 1943/44 fort, während er gleichzeitig mit den Aufgaben der damals geplanten ordentlichen Lehrkanzel für Bulgarisch an der Universität Wien betraut war. Aus seiner Lehr- und Forschertätigkeit riss ihn die Einberufung zur deutschen Wehrmacht, als derer Angehöriger er im Kampfe um Berlin in russische Gefangenschaft geriet. Schwer krank kehrte er im Herbst 1945 nach Österreich zurück. Ein allzufrüher Tod hat seinem Schaffen ein Ende gesetzt. Dennoch rechtfertigt sein wissenschaftliches Werk in reichem Maße die Hoffnung, die M. Vasmer in seinem Vorwort zu den „Studien zum altbulgarischen Psalterium Sinaiticum“ ausgesprochen hat, als er feststellte, dass „die deutsche Slavistik in der Person des Verfassers eine vielversprechende Kraft gewonnen hat, von deren Kenntnissen und Fleiß die Forschung noch manches zu erwarten hat“.

Bernd von Arnims wissenschaftliches Hauptinteressengebiet war das Bulgarische in seiner ganzen geschichtlichen Ausdehnung und seinen Zusammenhängen mit benachbarten Sprachen. Es ist verständlich, dass der Schüler van Wijks seine Aufmerksamkeit zunächst den alltkirchenslavischen Denkmälern zugewandt hat, zu deren Untersuchung ihn vorzügliche griechische Sprachkenntnisse sowie eine ausgesprochene Anlage, sich mit der Übersetzungskunst dieser Literaturdenkmäler zu befassen, prädestinierten. Im Zentrum seiner wissenschaftlichen Arbeiten stehen die in vier Abschnitten gebotenen „Makedonisch-bulgarischen Studien“, die Fragen der bulgarischen Laut und Formenlehre sowie der Lexikographie betreffen. Sie zeigen von Arnim als vortrefflich geschulten Linguisten und Kenner der bulgarischen Sprache von der ältesten Zeit bis in die Gegenwart, zumal er anlässlich einer drei Monate währenden Studienreise durch Bulgarien (1931) die Gelegenheit wahrnahm, seine Kenntnisse der bulgarischen Mundarten an Ort und Stelle zu vertiefen.

Der eigentliche Zweck dieser mit Unterstützung der Balkankommission der Wiener Akademie der Wissenschaften unternommenen Reise – über ihre wichtigsten Ergebnisse liegt ein Bericht im Anzeiger der Akademie vor – war die Sammlung von Sprachresten der Urbulgaren. Die Lösung der Frage nach Sprache und Volkstum dieser Urbulgaren hat Bernd von Arnim durch einige Studien, insbesondere aber durch seine „Turkotatarischen Beiträge“ gefördert, in welchen er u. a. die These des Fortbestehens einer „hunnisch-iranischen Mischbevölkerung“ in den Urbulgaren vertritt. Seinen Ansichten wird von der neuesten Forschung – trotz mancher Bedenken im einzelnen – in hohem Maße Rechnung getragen (F. Althelm, „Literatur und Gesellschaft im ausgehenden Altertum“, Kap. VIII. Hunnische Runen).

Mit den genannten Interessengebieten hängt eine Reihe von semasiologischen und etymologischen Arbeiten zusammen, die u.a. wertvolle Anregungen durch die Heranziehung der Türksprachen bieten. Kulturgeschichtlich besonders interessant und zugleich charakteristisch für die Arbeitsrichtung von Arnims sind, die Stadien über den bei Jordanes belegten Ausdruck strava „Leichenfeier“, den Arnim aus türkischem astrav mit v < γ ableitet, und das altbulgarisch belegte Wort synъ „πύςγος βαςις“, bei dein er Herkunft aus dem Donaubulgarischen annimmt.

Wie sehr auch die Orts- und Flussnamenforschung den Verstorbenen interessierte, sehen wir an dem reichen Sammelmaterial, das sich in seinem Nachlass befindet. In den letzten Jahren beschäftigte sich von Arnim intensiv mit volks- und kulturkundlichen Problemen. Als Anhänger der vergleich enden Methode war er bestrebt, diese zu verbessern und zu verfeinern. Davon zeugt vor allem seine großangelegte, ein geradezu gewaltiges Material auswertende Untersuchung über „Slavische Sternsagen und Sternnamen“, die zu vollenden ihm nicht mehr vergönnt war.

Durch sein wissenschaftliches Werk hat sich Bernd von Arnim den Dank seiner Fachgenossen verdient. Seine akademische Lehrtätigkeit sichert ihm die Verehrung seiner Schüler, denen er in der Liebe zur Wissenschaft und durch eine vorbildliche menschliche Haltung in schwerer Zeit ein leuchtendes Beispiel war.

Bibliographie

1930

  1. Studien zum altbulgarischen Psalterium Sinaiticum. Veröffentlichungen des Slavischen Instituts an der Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin, 8, 1980, VIII u. 288 S.
  2. Etymologisches. 1. abg. kъrčii, 2. abg. Krъkyga, 3. aserb. porukъ. Zeitschrift für slavische Philologie, Bd. 6, H. 3/4, Leipzig 1930, S. 372-374.

1931

  1. Beiträge zum Studium der altbulgarischen und altkircheuslavischen Übersetzungskunst. Sitzungsberichte der Preußischen Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Kl., 1931, Nr. 32. Berlin 1931, 75 S.

1932

  1. Vorbericht über eine Studienreise nach Bulgarien im Anzeiger der Wiener Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Kl., 69. Jg. 8. 172-181
  2. xavalή „Wagen, Karren“ bei Konstantin Porphyrogennetos. (de. adm. imp.). ZfalPh., Bd. 9, S. 137-138.
  3. Avarisches. (Über den avar. Jugurrus, die Kärntner Herzogseinsetzung, Lehnwörter im Kroatischen). ZfslPh., Bd. 9, S. 403-406.

1933

  1. Wer war Avitocholtъ ? Miletič-Festschrift, Sofia J933, S. 573-575. Принасяне кучета въ жертва при царь Симеона Бъгарски Прегледъ, Bd. II, H. 1, Sofia 1933, S. 91-98.
  2. Mazedonisch-bulgarische Studien. 1. Teil: Hauptphasen und -aspekte des Ausfalls der reduzierten Vokale in den Verbalpräfixen sъ -, vъ - (sъn-, vъn-) und vъz- im Alt-, Mittel- und Neubulgarisclien. ZfslPb., Bd. 10. H. 1/2, S. 21-10.
  3. Die Stellung des Bulgaren Fürsten Symeon zum Christentum. ZfslPh., Bd. 10, 3/4, S. 339-343.
  4. Turkotatarische Beiträge: 1. Zur Geschichte der Onoguren und Urbulgaren. 2. Prinzipielles zur Frage nach Sprache und Volkstum der Urbulgaren. ZfslPh.. Bd. 10, H. 3/4, 5.343-351.
  5. Mazedonisch-bulgarische Studien. Teil 2. ZfslPh., Bd. 11, H. 1/2. S. 77-87.
  6. Etymologische Beiträge. 1. Nbg. kina „was“? ZfslPh.. Bd. 11, H. 1/2, S. 87-89.
  7. Besprechung von: J. Németh, Die Inschriften des Goldschatzes von Nagy Szent-Miklós. ZfslPh. Bd. 11, S. 240 ff.
  8. Mazedonisch-Bulgarische Studien. Teil 3. (Die neubulgarischen Fortsetzungen von abg. (dъšti – dъštere „Tochter" und deren geographische Verbreitung.) ZfslPh. Bd. 12, H. 1/2,8. S. 1-16.
  9. Besprechung von Г . А . Ильинский. Опыт систематической Кирилло-Мефодевской библиографии. София 1934. In: Deutsche Literaturzeitung 1935, Sp. 812/3.
  10. Besprechung von: Gr. Tzenoff, Geschichte der Bulgaren und der anderen Südslaven von der römischen Eroberung der Balkanhalbinsel an bis zum Ende des 9. .Jahrhunderts, Berlin 1935. In: Deutsche Literaturzeitung 1935, Sp, 1828-1830.
  11. Herausgegeben: Günther Schlegelberger, Die Fürstin Daschkowa. Eine biographische Studie zur Geschichte Katharinas
  12. Berlin 1935. 251 S. (Neue Deutsche Forschungen Bd. 24 = Abteilung Slawische Philologie und Kultur geschichte, Bd, l. In Verbindung mit Paul Diels, Reinhold Trautmann und Max Vasmer herausgegeben von Bernd von Arnim.).

1936

  1. Zur altbulgarischen Übersetzung der Genesis. ZfslPh., Bd. 13, H. 1/2, S. 97-100.
  2. Bemerkungen zum Hunnischen. (Zu:strava.) ZfslPh., Bd. 13, H. 1/2, S. 100-109.
  3. Altbulgarisch сынъ ( synъ , lies sin), „ πύςγος βαςις“ , aruss. соунъ id. (sun) aus mtü. sïn. Ungarische Jahrbücher, Bd. 15, H. 4/5, April 193G, S. 385-388. (Festschrift für Z. Gombócz.)

1937

  1. Urslavisch glazъ auch im Südslavischen? (Zum Flußnamen Glazna usw.) ZfslPh., Bd. 14, H. 1/2, S. 104.
  2. Mazedonisch-bulgarische Studien. Teil 4: Das -ъ- der Präfixe sъ (n)-, vъ(n)-, vъz- in offenen Silben in den altbulgarischen Denkmälern. ZfslPh, Bd. 14, H. 8/4, S. 278-293.
  3. Die bulgarische Ortsname Бурханлар. ZfslPh, Bd. 14, II. 3/4, S. 317- 320.

1939

  1. Besprechung von: K. II. Meyer, Altkirchenslavisch-griechisches Wörterbuch des Codex Suprasliensis, Glückstadt und Hamburg, 1935, XII und 302 S. ZfslPh, Bd.16, II, 1/2 , S. 244-251.

1940

  1. Besprechung von: K. II. Meyer, Altkirchenslavische Studien I, Fehlübersetzungen im Codex Suprasliensis (= Schriften der Königsberger Gelehrten Gesellschaft, Jg. 15/16, Geisteswissenschaftl. KL, Nr. 2), Halle a. d. S. 1939, VI und 33 S. ZfslPh, Bd. 17, 31. 1, S. 201-207.

1941

  1. Die Papierflügel des Drachensohnes Tugarin, ZMPh, Bd. 17, H. 2, S. 351-352.

1942

  1. Slavische Sternsagen und Sterrnnamen. 1. Die Vorstellung: Mädchen mit Eimer und (oder) Tragstange. ZfslPh, Bd. 18,- H. 1. S. 86-103.
  2. Etymologien: 1. Russ. кочерга. 2. Russ. кочуриться . ZfslPh, Bd. 19, 11. 1, S. 68.

Quelle:

Linda Sadnik-Aitzetmüller: Bernd von Arnim, in: Wiener Slavisches Jahrbuch / Herausgegeben vom Rudolf Jagoditsch. – Wien: Verlag A. Sexl: 1952. – S. 1-5.