Dissertationsskizze "Das politische Lied der Reformationszeit (1517-1555). Ein Beitrag zur Kommunikationsgeschichte des Politischen im 16. Jahrhundert "

Dissertantin: Mag. Stephanie Moisi
Betreuung: Univ.-Prof. Dr. Gabriele Haug-Moritz

 

Das seit Juni 2009 in Arbeit befindliche Projekt versteht sich als ein Beitrag zur Erforschung von politischer Kommunikation in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts (1517-1555). Im Zentrum der Untersuchung steht eine ganz spezielle – von der Geschichtswissenschaft grundsätzlich sehr vernachlässigte, jedoch besonders in Hinblick auf den reformatorischen Kommunikationszusammenhang äußerst interessante – Gattung, nämlich das (deutschsprachige) Lied.

Der Reformationsgeschichte kommt nicht nur aus theologiegeschichtlicher sondern auch aus medien- bzw. kommunikationshistorischer Perspektive am Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit eine herausragende Bedeutung zu, ist sie doch besonders gekennzeichnet durch ein Nebeneinander von Mündlichkeit und Schriftlichkeit, durch einen spezifischen, früher und später nicht in dieser Weise existierenden, Medienverbund (Werner Faulstich), der v.a. Formen des Kleindrucks (Flugblätter, Flugschriften) aber auch Bücher und skriptographische Medien umfasste, sowie durch das erstmalige Auftreten tendenziell gesamtgesellschaftlicher Kommunikation, d.h. durch die Konstituierung einer nicht mehr auf die im Mittelalter existierenden Teilöffentlichkeiten beschränkten, „reformatorischen Öffentlichkeit“ (Rainer Wohlfeil). Das volkssprachliche Lied war in dieser Zeit in allen skriptographischen und typographischen Medien verbreitet (d.h. in Flugblättern, Flugschriften, gedruckten und handschriftlichen Liederbüchern) und darüber hinaus auch aufgrund bestimmter gattungsimmanenter Eigenschaften (Reimform, Verbindung von Text mit Melodie und darum leichte Memorierbarkeit) besonders zur mündlichen Tradierung geeignet. Dem Lied kommt also in dieser Hinsicht eine besondere Schlüsselrolle im Spannungsfeld von Mündlichkeit und Schriftlichkeit bzw. von oraler, skriptographischer und typographischer Kommunikation zu.

Die Quellengrundlage der Arbeit bilden demnach dem Zeitraum 1517-1555 entstammende Liedflugblätter, Liedflugschriften, handschriftliche und gedruckte Liederbücher sowie zeitgenössische, gebundene Sammlungen von Liedflugschriften (sog. „Lieddrucksammelbände“) des gesamten deutschen Sprachraumes. Bei der Analyse der Quellen sollen dabei – in Hinblick auf die Methoden kulturgeschichtlichen, sowie insbesondere medien- bzw. kommunikationsgeschichtlichen Ansätzen folgend – nicht nur die Liedtexte an sich Berücksichtigung finden, sondern gleichwertig auch gattungsimmanente und mediale Dispositive miteinbezogen werden. D.h. gleichwertig neben der Analyse der – großteils in edierter Form vorliegenden – Liedtexte steht die Analyse der vorkommenden Melodien, der medialen Erscheinungsformen bestimmter Texte („The medium is the message“, Marshall McLuhan), der besonders häufig auf Kleindrucken vorkommenden bildlichen Darstellungen in Form von Holzschnitten sowie die Untersuchung des Verhältnisses dieser einzelnen Komponenten (d.h. Medium – Text – Bild – Melodie) zueinander.

Bevor eine Eingrenzung des Materials vorgenommen werden wird, soll in einem ersten Zugriff – mithilfe von Lieddrucksammelbänden, die manchmal eine zeitgenössische Ordnung aufweisen und dezidiert „politische“ von anderen Arten von Liedern unterscheiden – das zeitgenössische Verständnis von „politischen Liedern“ untersucht werden. Damit kann eventuell ein Beitrag zum seit dem „cultural turn“ wieder sehr in Schwange befindlichen Forschungsfeld der Begriffsgeschichte des Politischen im 16. Jahrhundert insgesamt geleistet werden. Im Anschluss daran wird danach zu fragen sein, welche „politischen Themen“ bzw. Ereigniszusammenhänge im zeitgenössischen Lied überhaupt thematisiert wurden, um schließlich für ausgewählte Teilbereiche davon Charakteristika und Determinanten der politischen Kommunikation im zeitgenössischen Lied zu untersuchen. Fragen nach Produzenten und Rezipienten von politischen Liedern sind dabei ebenso von zentraler Bedeutung wie jene nach den vorkommenden politischen Akteuren (Personen, Kollektive), den ihnen zugeschriebenen Handlungslogiken bzw. -möglichkeiten etc.