Dissertationsskizze "Propaganda im Exil. ÖsterreicherInnen in der amerikanischen Emigration 1938-1945"

Dissertant: Mag. Florian Traussnig
Betreuung: Ao.Univ.-Prof. Mag. Dr. Siegfried Beer

 

Thematischer Hintergrund

Seit jeher haben Menschen das Bedürfnis, ihre eigene Meinung und Weltsicht persuasiv zu verbreiten. Spätestens seit dem 20. Jahrhundert, das als das Jahrhundert globaler Massenkommunikation gilt, erfüllt das Phänomen Propaganda dieses (politische) Bedürfnis. Propaganda ist heute ein fester Bestandteil des Kommunikationsprozesses aller modernen Gesellschaften. Obwohl der Propagandabegriff – vor allem aufgrund der Propagandaaktivitäten des NS-Staates vor und im Zweiten Weltkrieg – oft negativ konnotiert ist und gerne mit „Manipulation“ in Verbindung gebracht wird, hat sich die Propaganda als stets kontroversiell empfundene, im Kern jedoch pragmatisch intendierte Sozial- und Kommunikationstechnik bis heute behauptet. Ideologiediffusion (1) durch Propaganda wird in allen Staaten der Welt – dazu zählen neben Diktaturen übrigens auch sämtliche Demokratien – angewandt. Unter dem vielseitigen Konzept Propaganda lassen sich aus zeitgenössischer Perspektive nicht nur temporäre, psychologische Maßnahmen zur (außen)politischen Meinungslenkung in militärischen Konflikten, sondern verschiedenste Kommunikationstechniken subsumieren: so kann Propaganda auch in Friedenszeiten etwa der gouvernmentalen Selbstrepräsentation und dem „manifacturing of consent“ innerhalb eines Staates dienen (2), oder jedoch als (partei)politische Werbetechnik angewandt werden, die am globalisierten Markt der Meinungen im Sinne der Public Relations eine bestimmte Weltanschauung vertritt. Allen Auffassungen und Variationen von Propaganda ist jedoch gemein, dass Propaganda eine „technique of influencing human action“ (3) ist, die sich „durch die Komplementarität vom überhöhten Selbst- und denunzierendem Fremdbild aus[zeichnet]“ und die die „Wahrheit dem instrumentellen Kriterium der Effizienz unterordnet.“ (4)

Der Untersuchungsbereich der vorliegenden Studie erstreckt sich nun auf die Propagandaaktivitäten amerikanischer Kriegsinstitutionen während des Zweiten Weltkriegs, welcher „nicht nur mit Waffen, sondern auch mit Worten“ geführt wurde. (5) Im Rahmen dieses globalen Konfliktes haben sowohl diktatorische Regimes wie NS-Deutschland und das faschistische Italien, als auch demokratische Gegner wie Großbritannien und die USA in großem Umfang In- und Auslandspropaganda betrieben. Die Propaganda wurde von allen Beteiligten als Instrument der Meinungslenkung und der psychologischen Kriegsführung eingesetzt, welches das übergeordnete Kriegsziel – die militärische Niederringung des Gegners – maßgeblich unterstützen sollte.

Im Zuge der Absorption Österreichs durch NS-Deutschland im Jahr 1938 mussten tausende Österreicher, darunter viele Intellektuelle, Wissenschaftler, Politiker und Künstler, ihr Land wegen politischer oder rassischer Verfolgung durch die Nationalsozialisten verlassen, andere wiederum liefen während der Kampfhandlungen in Europa als Deserteure zu amerikanischen Verbänden über. (6) Obwohl sie gegenüber den österreichischen Flüchtlingen innerhalb der USA eine teilweise sehr rigide Sicherheitspolitik verfolgte, erkannte die sich ab 1941 im Krieg befindliche amerikanische Regierung bald, dass die österreichischen Emigranten ein „‚untapped reservoir’, voller Energie und Wissen“ darstellten, das aktiv in die amerikanische Kriegsanstrengung eingebunden werden sollte. (7) Und so leisteten neben mehreren tausend österreichstämmigen Soldaten in der US-Armee auch einige hundert Exilösterreicher Dienst in amerikanischen Kriegsinstitutionen, die mit der Produktion von Propaganda betraut waren. Ein großer Teil dieser österreichstämmigen Propagandisten hatte durchaus moralische Vorbehalte gegenüber dem Propaganda-Konzept, dennoch war allen Beteiligten bewusst, für die Demokratie und gegen den nationalsozialistischen Totalitarismus, der einen singulären Zivilisationsbruch darstellte, zu kämpfen. Auch wenn bei dieser Studie die historiographische Dokumentation und kommunikationswissenschaftliche Analyse von Propaganda im Mittelpunkt stehen, muss man diese politisch-moralische Dimension der von US-Österreichern betriebenen Propaganda – die in diesem Fall auch als Beitrag zum österreichischen Exilwiderstand gezählt werden kann – stets berücksichtigen. Die oft kontroversiellen Propagandainhalte und –methoden der kriegsführenden Mächte können daher nicht das einzige Kriterium bei der (ethischen) Bewertung der Propaganda sein, sondern vielmehr die pragmatische Frage, warumund wofür bzw. wogegen jemand Propaganda betreibt. So lässt sich in Bezug auf die propagandistischen Zielsetzungen der genannten Kriegsparteien feststellen, dass die von Demokratien wie den USA betriebene Propaganda in ihren Zielen – zumindest nominell – immer dem Gemeinwohl verpflichtet ist, während Propaganda in Diktaturen wie dem Dritten Reich stets durch Gewalt komplementiert [wird].“ (8) Dieser Unterschied war für österreichische Emigranten und Flüchtlinge, die zwischen 1938 und 1945 in US- Kriegsinstitutionen aktiv an der amerikanischen Kriegspropaganda beteiligt waren, von wesentlicher Bedeutung.

 

Inhalte und Methoden

Der einführende Teil der Studie setzt sich einerseits mit dem historiographischen und kommunikationswissenschaftlichen Konzept Propaganda auseinander und skizziert andererseits die Lebenssituation österreichischer Emigranten in den USA ab 1938, wobei der Schwerpunkt auf dem politischen, künstlerischen und intellektuellen Exil liegt. Es folgt die eigentliche Untersuchung des Forschungsfeldes, nämlich die historiographische Dokumentation und Analyse der Aktivitäten österreichischer Migranten und Flüchtlinge die in amerikanischen Propagandainstitutionen und –projekten auf verschiedensten Schauplätzen während des zweiten Weltkriegs involviert waren und damit nicht nur einen intellektuellen, sondern auch mentalitätsgeschichtlich interessanten Beitrag zum US-amerikanischen war effort und zur Niederringung des NS-Regimes in Europa leisteten. Im Rahmen der Analyse werden ausgewählte amerikanische Propagandaplanungen und –aktivitäten mit österreichischer Beteiligung im Zweiten Weltkrieg detailliert dargestellt. Die bereits vorgenommene Sichtung von Primärquellen hat gezeigt, dass die österreichischen Emigranten in den institutionalisierten Propagandawerkstätten der USA im Groben auf zwei verschiedene Realisierungen psychologischer Kriegsführung trafen. So unterschieden sich die Propagandakonzeptionen der zwei maßgeblich für die psychologische Kriegsführung der USA zuständigen Organisationen wesentlich voneinander: während im Office of War Information (Amt für Kriegsinformation, OWI) eine eher idealistische „weiße Propaganda“ produziert wurde, verfolgte man auf Seiten des Kriegsgeheimdienstes Office of Strategic Services (OSS) den pragmatisch-subversiven, stark auf militärische Zwecke zugeschnittenen Ansatz der „schwarzen Propaganda“. In beiden erwähnten Einrichtungen für psychologische Kriegsführung waren österreichische Emigranten an vorderster Stelle aktiv. Letztere agierten unter anderem als Texter, Regisseure, Sprecher, Zeichner, Musiker, Ideengeber und sogar als operators für Propaganda-Spezialeinsätze. Sie taten dies unter anderem auf amerikanischen Boden, in Großbritannien, Italien und in Nordafrika.

Neben der historischen Darstellung ausgewählter amerikanischer Propagandaaktivitäten mit österreichischer Beteiligung werden in der Diskursanalyse verstärkt die konkreten Propagandakommunikate (z.B. Radiomanuskripte (9) und Karikaturen (10)) unter Zuhilfenahme von kommunikations- und sprachwissenschaftlichen Instrumentarien untersucht. Die kommunikativen Strategien der österreichischen Propagandisten – weniger ihr strukturelles Umfeld und die tatsächliche Effektivität der von ihnen produzierten Propaganda – stehen hierbei im Vordergrund des Forschungsinteresses. Eine bedeutende Rolle nimmt die Personalisierung der untersuchten Propagandaaktivitäten und Persuasionsstrategien ein. Durch biographische Exkurse über den soziokulturellen Hintergrund der beteiligten österreichischen Personen und ihre oft dramatischen Exilererfahrungen sollen die Dokumentation und Analyse der untersuchten Propagandabeiträge narrativ aufgewertet werden. Eine der zentralen Forschungsaufgaben ist an dieser Stelle die Klärung der Frage, warum gerade Österreicher in der amerikanischen Propagandaplanung eine relativ bedeutende Rolle gespielt haben. Von großem Interesse, etwa bei der Radiopropaganda des OWI-Austrian Desk, welche ab 1943 speziell an die Österreicher innerhalb des Deutschen Reichs adressiert war, ist hierbei die Art und Weise, wie die beteiligten österreichischen Emigranten zum Zwecke der moralischen Schwächung des Nationalsozialismus und zur Stärkung des (desintegrierend auf das Dritte Reich wirkenden) österreichischen Nationalismus ihre eigene Kultur und Herkunft instrumentalisierten: Wie werden die Selbstbilder und österreichischen Ethnostereotypen „Gemütlichkeit“, „Humorismus“, „Antimilitarismus“ und „Kultur“ gegen die deutschen NS-Machthaber (die „preußischen Militaristen“) psychologisch ausgespielt?

 

Quellenlage

Die Primär- und Sekundärquellen zum Thema sind prinzipiell äußerst reichhaltig: die Primärquellen reichen von Archivmaterialien (z.B. Geheimdienstakten über Propagandaoperationen), persönlichen Nachlässen (z.B. Radiomanuskripte) bis zu (auto-)biographischen und memorialliterarischen Werken der Beteiligten selbst. In der wissenschaftlichen Sekundärliteratur wurden diese Quellenmaterialien – mit Ausnahme der unten angeführten Dokumentation von Peter Eppel und einigen einschlägigen Aufsätzen von Siegfried Beer et. al. – allerdings noch nicht in den Themenkomplex „Österreicher in US-Propagandainstitutionen des Zweiten Weltkriegs“ integriert und gebündelt. Dies wird unter anderem eine Zielsetzung dieser Studie sein.

 

Zu sichtende Quellenbestände:

Selektive Aktenbestände des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands (DÖW)

sowie ausgewählte Aktenbestände in den Record Groups 208 (Records of the Office of War Information) und 226 (Records of the Office of Strategic Services) der National Archives and Records Administration [College Park, MD., US], sowie diverse Aktenbestände der US Library of Congress et.al.

 

Sekundärliteratur (Auswahl):

Siegfried Beer, „Alliierte Planung, Propaganda und Penetration 1943-1945. Die künftigen Besatzungsmächte und das wiederzuerrichtende Österreich, von der Moskauer Deklaration bis zur Befreiung.“ In: Stefan Karner (Hg.), Das Burgenland im Jahre 1945, Eisenstadt: 1985, 67-88.

Antony C. Brown (Hg.), The Secret War Report of the OSS. New York 1976.

Peter Eppel (Hg.), Österreicher im Exil. USA 1938-1945. Eine Dokumentation, 2 Bde., Wien: 1995.

Christof Mauch . The Shadow War Against Hitler: The Covert Operations of America's Wartime Secret Intelligence Service. New York: 2003

Conrad Pütter , Rundfunk gegen das 'Dritte Reich'. Deutschsprachige Rundfunkaktivitäten im Exil 1933-1945. Ein Handbuch (Rundfunkstudien, Bd.3). München : 1986.

 

Ziele

Durch das Wechselspiel zwischen der quellennah erarbeiteten Dokumentation von ausgewählten amerikanisch-österreichischen Propagandaproduktionen des Zweiten Weltkriegs, sowie deren Analyse (unter Zuhilfenahme von kommunikationswissenschaftlichen, diskursanalytischen und semiotischen Methoden) und einem narrativ-biographischem Ansatz soll eine im Zugang methodisch ausgereifte und thematisch breite Studie entstehen, die sowohl geschichts- als auch kommunikationswissenschaftlich interessierte Rezipienten anspricht.

 

(1) Thymian Bussemer, Propaganda. Konzepte und Theorien, Wiesbaden: 22005, 39.

(2) Vgl. Noam Chomsky, The Spectacular Achievments of Propaganda, New York: 22002, 14.

(3) Harold D. Lasswell, “Propaganda”, in: Robert Jackall (Hg.), Propaganda, New York: 1995, 13-25, 13.

(4) Bussemer, Propaganda, 33.

(5) Gerhard L. Weinberg, Eine Welt in Waffen. Die globale Geschichte des Zweiten Weltkrieges. New York: 1994, 622.

(6) Für einen fundierten Einblick über die österreichische Emigration in den USA zwischen 1938 und 1945 siehe die Dokumentation von Peter Eppel (Hg.), Österreicher im Exil. USA 1938-1945. Eine Dokumentation, 2 Bde., Wien: 1995.

(7) Ebd., Bd.2, 48.

(8) Bussemer, Propaganda, 39.

(9) Als Beispiel dafür können die im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) unter den Aktennummern 19719 und 9549 einsehbaren Radiomanuskripte der österreichischen Propagandatexterin, Übersetzerin und Sprecherin Clementine Bern-Zernik genannt werden, die sie im Dienste des Office of War Information für den Propagandasender Voice of America verfasst bzw. als Sprecherin verlesen hatte.

(10) Hier sei exemplarisch der österreichische Geheimdienstmitarbeiter Edmund Linder alias Eddy Zinder erwähnt. Linder war in der Morale Branch des Office of Strategic Services aktiv und kreierte u. a. subversiv-aggressive Propagandacartoons, die im Rahmen des Kommandounternehmens „Sauerkraut“ hinter den feindlichen Linien verteilt wurden. Zu Edmund Linder siehe: Christof Mauch . The Shadow War Against Hitler: The Covert Operations of America's Wartime Secret Intelligence Service. New York: 2003 sowie die geheimdienstlichen Akten des OSS in den National Archives and Records Administration in der R(ecord) G(roup) 226, E(ntry) 210, B(ox) 540 und der RG 226, E 210, B 317.