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Marold, Kommentar zu den Liedern Oswald von Wolkensteins - elektronische Edition

Thomas Klampfl

Graz

29. 11. 2010

Marold, Werner

Kommentar zu den Liedern Oswalds von Wolkenstein. 1. und 2. Teil

Im Anschluß an die Ausgabe von Jos. Schatz (1902/1904)

1 und 2, Berlin 1926.

Tippfehler wurden stillschweigend korrigiert.

Sperrungen und Unterstreichungen wurden ignoriert.

Die Zählung der Fußnoten wurde verändert.

Im Text findet sich zumeist großes J statt I am Wortanfang.

Sowohl ss (zumeist) als auch ß kommen im Text vor.

Die Orthographie wurde nicht modernisiert.

Abteilungen im Original wurden ignoriert.

1. Teil als pdf (82,8 MB)

2. Teil als pdf (52,6 MB)

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Meinem lieben Lehrer Gustaf Roethe in dankbarer Erinnerung.

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Inhalt

Einleitung I-X
I. Teil Kommentar zu den einzelnen Gedichten Oswalds von Wolkenstein (nach der Reihenfolge der Schatz'schen Ausgabe) 1-524
II. Teil
1. Kap.: Chronologische Reihenfolge der Gedichte und biographischer Abriss 1-16
2. Kap.: Literarisch-stilistische Würdigung (Beziehungen - Selbständigkeit - Sprichwörtliches - Selbstironie- Anrede - Lebensnähe - Stellung in der Zeit 17-27
3. Kap.: Metrische und musikalische Bemerkungen (Strophenformen - zweisilbige Reime - Melodien - mehrst. Sätze - ursprünglich einstimmige Melodien mit Uebertragungen - Schluss) 28-47
Anhang: 1. Glossar
2. Namensverzeichnis
3. Bibliographie

-3

Abkürzungen und Zeichen.

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Abkürzungen

ABT. Archivberichte aus Tirol; Mitt. d. 3. Archiv-Section der k.k. Zentralkommission, Wien 1888 ff., nach Bd., Seite und Zeile zitiert.
Beyrich s. Bibliographie D.I.2.
eigen (beim Metr. oder Melod.) s.v.a.: ohne bedeutendere Parallelen bei den anderen Liedern Oswalds.
Hätzl. Liederbuch d. Clara Hätzerlin hsg. v. C. Haltau; Bibl. d. ges. dt. Nationalliteratur, I, 8; Quedlbg. u. Leipz. 1840.
Kolm. Kolmarer Handschrift; Kolm. Bartsch: K. Bartsch, Die Meisterlieder der Kolm. Hs.; Kolm. Runge: P. Runge, Die Sangesweisen der Kolm.Hs.
(M.) auch (M. ....) kennzeichnet Vorschläge von Meinhold (s. Einl. am Schluss!).
Maurer s. Bibliographie D.I.9.
Melod. Melodisches; Bemerkungen zur Melodie.
Metr. Metrisches; Bemerkungen zur Metrik.
Metz s. Bibliographie D.I.3 (bezw. 4).
M.-R. Mayer-Rietsch, Die Mondsee-Wiener Liederhandschrift und der Mönch von Salzburg, Bln. 1894/96; Acta Germanica III./IV.
Musk. Muskatblut; zitiert nach der Ausgabe von E.V. Groote, Köln 1852.
MZ. (Benecke-) Müller-Zarncke, Mhd.Wb.
Rep. Repetitio.
RJ. Regesta Jmperii, Bd. XI (K. Sigmund), hsg. v. W. Altmann.
RRZw. G. Roethe, Die Gedichte Reinmars von Zweter, Lpz. 1887.
RTA. Deutsche Reichtagsakten (hsg. v. Weizsäcker, Kerler, Beckmann); bes. bis Bd. XII; (1867-1906); nach Bd., Seite und Zeile zitiert.
Sch. I / Sch. II. Die Ausgaben der Lieder Oswalds von Schatz-Koller (1902), bezw. von Schatz (1904).
Such. Suchenwirt; zitiert nach der Ausg. v. Primisser.
Swsp. Schwabenspiegel; zitiert nach der Ausg. v. Lassberg, 1850.
Türier s. Bibliographie D.I. 5.
Vintl. Vintler, Pluemen der Tugent; hsg. von J.V. Zinerle, Jnnsbr. 1874; = Aeltere tirolische Dichter Bd. I.
W.Kl. oder WK.: Ph. Wackernagel, Das Deutsche Kirchenlied.
ZsFerd. Zeitschrift des Ferdinandeums, Jnnsbruck.
Jm übrigen die Abkürzungen, wie sie in den Jabb. üblich sind.

Zeichen

u : halber Taktteil.
x : Taktteil; Silbe.
: zwei Taktteile

-1

v : pausierter Taktteil.
–4a–́ : Viertakter mit Auftakt, Reim a und einsilbiger Kadenz.
–̭4a–́ : dasselbe ohne Auftakt.
–4a–̀ : dasselbe mit klingender Kadenz (–́ x̀).
–4a–̤́ : dasselbe mit einsilbiger Kadenz und pausiertem vierten Takt.
usw. (vgl. Plenio, Beitr. 42, 411ff.!)
: Bezeichnung für Schlagreim (z.B. 2:̂3 = Schlagr. zwischen 2. und 3. Takt.
[ ] : schliessen bei den Zitaten eigene Hinweise ein.

Gedichtzahlen sind unterstrichen; die Verse nach Komma dahinter; z.B.: 1,10; 37,45 usw.

I

Einleitung

Der kühne Ritter, Dichter und Sänger Oswald von Wolkenstein, der selber schon so etwas wie eine Ausgabe letzter Hand bei der Anlage der beiden Haupthss. (A und B) versuchte, ist seit über hundert Jahren Gegenstand mehr oder weniger wissenschaftlicher Abhandlungen und Notizen sowohl von Historikern als Germanisten gewesen. Allmächlich, besonders nach der Ausgabe und der biographischen Darstellung durch Beda Weber (1847; 1850), ging man gegenüber den früheren Arbeiten und gelegentlichen Zitaten zur weiteren Forschung über. Die Namen Zingerle, Noggler, Ladendorf bedeuten etwa die Hauptstufen dieser Entwicklung. Auch die beiden Uebersetzungen in Auswahl, von Schrott und L. Passarge seien genannt. Die Ladendorf'sche Arbeit erschien noch kurz vor der ersten kritischen Ausgabe von Schatz-Koller (mit den Melodien der Lieder) und stellt den im allgemeinen gelungenen Versuch einer literar-historischen Eingliederung Oswalds dar (s. II. Teil, 2. Kap.). Bald folgte der genannten kritischen Ausgabe eine zweite, verbesserte Auflage, die nur den Text enthält. Eine ganze Reihe von Rezensionen dieser beiden Ausgaben brachte neue Gesichtspunkte und Anregungen. Ausser mehr populär gehaltenen Aufsätzen und kurzen text-kritischen Notizen erschinen in den letzten zwei Jahrzehnten zwei Arbeiten über den Stil O.s (Beyrich, 1910; Türler, 1920), eine über Leben und Dichtung (Motz, 1915) und eine über die Reime (Maurer, 1922), die alle vier die Gedichte in der Gestalt und Reihenfolge der Schatz'schen Ausgabe

II

kurzweg als gegeben annahmen, nur bei der Einreihung von Ged. 77 und 113 weicht Motz von Schatz ab, aber ohne mit seinen Gründen eigentlich zu überzeugen (s. zu 77 und 113). Türler gibt in einem Anhang eine Reihe brauchbarer Einzelinterpretationen. Abgesehen von Schatz, der wenigstens die Hälfte der Gedichte einen mehr oder weniger festen Platz anwies und in den Anmerkungen der ersten Ausgabe auch einige Jnterpretationen gab, ist jeder sowohl der früheren wie der späteren Bearbeiter dem Versuch einer durchgehenden Jnterpretation aus dem Wege gegangen. Ja, manche Schlussfolgerungen beruhen bei ihnen auf offensichtlich falscher Auslegung, besonders die von Beyrich und von Maurer; bei Motz tritt das zwar weniger hervor, da er in erster Linie schon vorhandene Darstellungen benützt, wo er jedoch selbständig auslegt, ist dies und jenes zu berichtigen. Das Beispiel B. Webers, der schwierige Wörter in seinem Wb. einfach fortlässt, scheint unbewusst weitergewirkt zu haben! Wo eine solche falsche Auslegung erscheint, erwähne ich sie bisweilen, in anderen Fällen muss sie der vergleichende Leser schon erschliessen, denn eine genaue Einzelbesprechung fällt nicht in den Rahmen meiner Arbeit; dasselbe gilt von den Uebersetzungen in B. Webers Glossar. Aus der Motz'schen Arbeit ziehe ich auch nur heran, was der Auslegung nützlich sein kann, bezw. was meiner Meinung nach der Widerlegung bedarf.

Dies Fehlen einer durchgehenden Jnterpretation aller Gedichte O.s stellte Hindernisse in den Weg, über die man immer wieder bei der Beschäftigung mit den anziehenden Dichter stolpern musste. Diese Arbeit sucht daher in Form eines Kommentars zu den einzelnen Gedichten den Weg zu einer genaueren Auslegung zu beschreiten.

Nun gibt Schatz (Schatz I, 99; Sch. II, 56) mit dem Satz: "Es soll damit nicht gesagt sein, dass nicht das eine oder andere Lied erst nach 1414 entstanden ist.", die Anregung zur weiteren

III

Untersuchung der Gedichte 1 - 57 zwecks eventueller zeitlicher, auch örtlicher Fixierung (vgl. auch Sch.II,2 oben). Jm Anschluss an den Kommentar ist daher bei jedem Gedicht festzustellen, ob und wieweit eine solche Fixierung möglich ist oder nicht. Oft werden, abgesehen von anderen Gesichtspunkten der inneren Chronologie bestimmend wirken. Auch die Stellung in der Hss. ist, wo sie von Bedeutung ist1, zu berücksichtigen. Der zweite Teil soll dann das Bild, das sich aus diesen einzelnen Untersuchungen für die Reihenfolge der Gedichte ergibt, deutlich machen, wobei noch einige andere Punkte zusammenhängend behandelt werden.

Ausser dem Einzelkommentar, der neben sprachlichen, textkritischen und syntactischen Bemerkungen nur kürzere Erklärungen gibt, und ausser den eventl. zeitlichen und örtlichen Fixierungen ist zu manchen Gedichten und Gedichtgruppen auch eine zusammenfassende Ausführung notwendig, die sich mit Quellenfragen u.s.w. beschäftigt. Für die Tage- Liebes- und Volksmässigen Lieder kommt das weniger in Frage, besonders da für diese die Arbeit von Ladendorf das Nötigste gibt. Jedoch sind z.B. folgende Punkte in den Gesichtskreis der Betrachtung gezogen: Geographie (6; 17 u.a.), Astrologie (79), Geistliche Dichtung, Rechtskunde (118) u.a.

Mir ist aber auch bei diesen Gebieten in erster Linie der Gesichtspunkt massgebend, O. aus sich selbst, seinem Lebenskreis u.s.w. zu erklären. Längere Auszählungen von Parallelen finden sich schon im Anhang der Beyrich'schen Arbeit, wenn sie

1Die z.T. recht erheblichen Aenderungen in der Stellung, die B. gegenüber A vornimmt, beruhen zwar in der Hauptsache auf mehr äusserlichen Gründen (gleiche Melodien u.s.w., s. Sch. II,39ff.); doch scheinen auch andere Dinge, wie Zeit der Entstehung u. ähnl., mitgesprochen zu haben, worauf ich im Einzelkommentar zurückkomme.

IV

sich auch vermehren liessen1. Nur wo es sich um bes. deutliche Beziehungen handelt, wie z.B. beim Mönch von Salzburg (Vergl. weiter unten), oder wo quellenmässige Erörterungen Stütze oder Erklärung finden, muss natürlich auch anderes mitherangezogen werden. Auch urkundliche Belege bringen manche Aufhellung. Höchstens bei den Kalendergedichten bin ich vielleicht etwas mehr von dem genannten Gesichtspunkt abgewichen, wenngleich, glaub ich, sich der Standpunkt rechtfertigen liesse, dass auch da die vielen Einzelparallelen in den Kreis quellenmässiger Betrachtung gehören.

Ausserdem seien im einzelnen noch folgende Punkte berührt: da nach allen Anzeichen O. deutlich Erlebnisdichtung bietet, so braucht man auch bei Liedern, die keine ganz schlagenden Beweise liefern, mit der Fixierung nicht allzu zaghaft zu sein. Voraussetzung ist natürlich, dass wenigstens Anzeichen einer Beziehung vorhanden sind, ohne dass anderes dagegenspricht. Es war vielleicht Schatz' Bestreben, gegenüber mancher anscheinend nicht allzu kritische untersuchten Ansetzung, die sich bei B. Weber (O. u. Fr.) und seinen Nachfolgern fand, nur die ganz sicheren Gedichte zunächst einmal auszusondern. Dabei ist ihm aber z.B. das ganz sichere Gedicht 27 ('troge moy G'!!) entschlüpft, und auch die Kriterien für die Einreihung sind bei ihm öfters keine anderen, als sie jedenfalls B. Weber, Schrott, Passarge, Landendorf, Zingerle vielfach hatten ("Allgemeine Stimmung" u.s.w., s. d. Anm. Sch. I, z.B. zu 66-77; 80-83; 92-98 u.a.m.). Jch scheue mich daher nicht, die gleichen Kriterien, zusammen mit Auslegung von Anspielungen und textlichen Parallelen, ebenfalls zu verwenden. Etwa die Hälfte der Gedichte ist schon im grossen und ganzen festgelegt, wenn auch da noch mehreres fraglich erscheint. Bei den übrigen steht zunächst die

1Sonstige Parallelen mit O.v. Wolk. sind auch in den Anm. zu den Gedichten des Mönchs bei Mayer-Rietsch zur Genüge vorhanden; desgl. bei Wack., Hugo von Montf.

V

Frage im Vordergrund, ob Sabine oder Margarete gemeint sei. Dabei kann natürlich des öfteren nur gesagt werden: hier ist nur Sabine möglich, hier nur Margarete. Und erst wo eine solche Entscheidung nicht zu treffen ist, muss, bei Fehlen anderer Anhaltspunkte, auf eine Eingliederung verzichtet werden. Selbstverständlich sind es bei des Wolkensteiners Lebens- und Liebefreudigkeit meist auch Gedichte, die als Erlebnisgedichte unbedingt anzusprechen sind, ohne das einer der beiden Pole seiner Liebe gemeint sein kann. Dann ist ebenfalls eine Zeitbestimmung, die sich nur auf diese Momente stützen wollte unmöglich.

Bezüglich der Echtheitsfragen bei anderweit, d.h. nicht in AB (C) überlieferten Gedichten ist zwar Vorsicht am Platze, und oft ist eine Entscheidung schwer. Jedoch darf allein die Tatsache, dass ein Lied nicht in AB überliefert ist, nicht ausschlaggebend für die Ablehnung sein (s. weiter unten zu Sch. II, 49), wenn sie auch eventl. mitheranzuziehen wäre. Es sei dazu noch auf folgendes hingewiesen:

Sch. II, 43 sagt: "... Das berechtigt uns anzusetzen dass in A die Lieder Oswalds annähernd vollständig gesammelt sind." ..., trotzdem dass vorher S. 32 u. steht: "Aus dieser Buntheit der Reihenfolge ... ersieht man, dass das Material für eine auf annähernde Vollstängigkeit berechnete Handschrift nicht beisammen war." Ferner schreibt Schatz S. 47 u.: "Was sich in anderen Handschriften oder in Drucken von Oswalds Gedichten finden, geht auf frühere Aufzeichnungen der Lieder Oswalds zurück, die vor der ersten Sammelhandschrift vom Jahre 1425 fallen."

Diese durchaus berechtigte Annahme führt, meine ich, zu der Folgerung, dass Lieder sehr wohl diesen Weg gegangen sein können, ohne nachher in die Haupthss. gelangt zu sein -

VI

vielleicht aus dem einfachen Grunde, dass O. sie nur einmal aufgeschrieben und an einen anderen geschickt hat, sodass sie nicht wieder in seine Hände kamen. Bevor Schatz auf verstreut Überliefertes eingeht, fasst er nocheinmal seine Ansicht zusammen, indem er sagt: "Was in Handschriften unter des Wolkensteiners Namen überliefert ist, aber in AB fehlt, hat schon im vorhinein wegen des Fehlens in den Wolkensteinischen Handschriften, die Wahrscheinlichkeit der Echtheit gegen sich, und auch inhaltlich findet sich nichts, was für die Verfasserschaft Oswalds sprechen würde." Zu bedenken ist dabei, dass manche unter den Liebesliedern so wenig nur Wolkensteinisches haben, dass man sie ihm zuspricht, nur weil sie in den Haupthss. stehen. Es findet sich andererseits in sonstigen Hss. unter anderen Namen (bes. Mönch v. S.) überlieferte Gedichte, die nach ihrem Text mit demselben Recht Oswald angehören könnten wie solche Liebeslieder aus der Wiener und der Wolkensteiner Hs. (s. II. Teil, 2. Kap.).

Aus den Sch. II, 49ff. genannten und von Schatz für unecht gehaltenen Gedichten möchte ich zunächst für den Kommentar ausschalten, weil ich sie auch für unecht halte:

1.) das Gedicht aus Cgm. 379 (G), aus dem gleichen Grunde wie Schatz; Bolte und Kopp a.a.O. lehnen es ebenfals ab;

2.) ein gleich vor diesem in derselben Hs. stehendes Gedicht, das Zingerle (W.S.B. 64, 626) auch als in der Hs. Oswald zugeschrieben erwähnt. Es hatte es wohl versehentlich mit dem ersten, das er ebenfalls nennt, zusammengetan; Schatz nennt es garnicht mehr;

3.) die vier Verse in der Handschrift des Londoner Brit. Museums Add. 16581 Bl. 142 b.; sie stehen in einer Sammlung von berühmten Sprüchen, die Gott, den Vätern, Propheten, Philosophen, Minnesängern, Spruchdichtern, Bürgerlichen, Fürsten usw.

VII

in den Mund gelegt sind.

Bei den folgenden dagegen sehe ich keinen eigentlich schlagenden Beweis gegen O.s Verfasserschaft, abgesehen von dem Fehlen in AB:

1.) Die beiden Hymnendichtungen in Cgm. 715, die ausdrücklich im Gegensatz zu den von ihnen verschiedenen Umdichtungen des Mönchs gestellt sind. Die Beziehungen O.s zum Mönch von Salzburg (gleichgültig, ob persönlich oder nicht) ergeben sich ausser dem schon Oben Genannten gerade aus der Tatsache, dass O. in dieser Haupths. Hermanns so vielfach genannt und auch mit Versen vertreten ist, die in AB stehen (Ged. 43; s. M.-R., a.a.O. 515 u. 522). Auch ist zu erwähnen, dass zu O.s Lied 37, dessen Versmass sehr ähnlich in der Sterz. Misc.-Hs.1 sich findet (s. Sch. I, 108), eine metrische Parallele in der Kolm. und der Donaueschinger Hs. steht: ein Marienlied ("Barant") des Peter von Sachsen, dem der Mönch mit einem lateinischen mit gleichem Mass und Jnhalt (ebenfalls in beiden Hss.) antwortet. Näheres über die Beziehungen zwischen O. und Mönch von Salzburg s. II. Teil, 2. Kap.!

Die beiden Hymnen sind im Anschluss an die Hymnennachdichtungen Ged. 125 besprochen (textlich hergestellt nach Cgm. 715, Cgm. 1115, Hs. d. Wiener Nationalbibl. 46,94).

2.) Mehr theoretisch ist die Frage bei den andern im Verzeichnis des Cgm. 715 unter O.s Namen genannten Gedichten, da ihr Text fehlt. Dass jedoch ein Schmauslied grundsätzlich für O. "nicht annehmbar" (Sch. II, 50) wäre, will auch mir nicht einleuchten. Jch erinnere nur an die mehr oder weniger derben Trinklieder 41; 42; 43. Allerdings scheint im vorliegenden

1Diese Hs. enthält auch mehrere Lieder des Mönchs von Salzburg! S.M.-R. a.a.O. 26, Nr. 41 a.

VIII

Falle eine Verwechslung mit dem öfter erscheinenden "Neidharts Gefräss" (vgl. Hätzl I, 91 u. Kolm., Runge, S. 62) stattgefunden zu haben, das, trotz einiger kleiner Parallelen, sowohl im Text als besonders in der Melodie von O. absteht. Brill, Die Schule Neidharts, S. 201f, weist es als Neidhart untergeschoben nach, da es, wo es sonst erscheint, ohne Verfasser steht. Was die Möglichkeit einer Verwechslung (auch bei Hermann von Sachsenheim, dessen Mörin 1453 gedichtet ist; s. Martin, S. 11) angeht, so ist nur an Ged. 36 (u. 49) zu erinnern, die auch im Druck "Neidhart Fuchs" enthalten sind und an die sonstigen Lieder O.s, die der Art Neidharts und besonders seiner Schule nahe stehen (z.B. etwa: 16; 38; 39; 40; 48; 75; 80; 81).1

3.) Ged. 126, das zwar in A steht, jedoch von Schatz ohne offensichtlichen inneren Grund, anscheinend nur, weil es spät (nach 1442) nachgetragen ist, für unsicher gehalten wird (s. Sch. II, 29). Es soll an seiner Stelle besprochen werden.

Als allerdings fraglich möchte ich bezeichnen:

1.) das noch in Sch. I stehende Ged. 127 aus dem Cgm. 4871; denn die Ueberschrift 'den Techst vbr das geleyemors wolkenstain' weist nicht einmal unbedingt auf eine auch nur angenommene Verfasserschaft O.s hin;

1Bemerkt sei hier noch, dass das sonst "Neidharts Gefräss" genannte Lied auch in der Sterz. Hs. steht und hier 'May(e) dein' beginnt, also entsprechend dem einen Titel aus dem Verzeichnis des Cgm. 715; dasselbe gilt von dem Anfang 'Der may', womit in der Sterz. Hs. zwei andere Lieder aus der Neidhart-Schule beginnen (eins davon ist "Die Salbe").

IX

es steht in der Ueberlieferung zu weit abseits (Lohengrin-Hs.!)1 Jn dem Kommentar lasse ich es daher fort.

2.) die Verse auf die Hussitenschlacht bei Taus am 13./14. Aug. 1431. Allerdings ist die Möglichkeit seiner Verfasserschaft durchaus vorhanden, denn O. war in dem fraglichen Jahre bei Kaiser Sigmund in Nürnberg (s. Sch. II, 20); wenn ihn auch die Nürnberger Urkunden nur im Herbst 1430 und Frühjahr 1431 erwähnen (s. II. Teil, 1. Kap.), so könnte er auf der Rückreise vielleicht doch im August noch in Regensburg, wo die Verse überliefert sind, gewesen sein. Das Mass dieser Zeilen fusst auf der jg. Hildebrands-Lied-Zeile (–4a–̀, –4b–̤́), wie Ged. 78, das ja auch eine Kriegshandlung zum Vorwurf hat. Da es sich um ein kleines Fragment handelt, sollen diese Verse gleich hier folgen, ohne dass ich auf eine weitere Besprechung eingehe:

Got mus fur vns vechten,

sulln dy hussen vergan,

von herren rittern und von knechten

ist ez vngetan,

sy kunnen nur vil trachten,

da ist gar lueczl an

das macht den schlechten herzen

gar argen posen wan.

Näheres findet sich bei C. Will, Verhdlgg. d. hist. Ver. v. Oberpf. u. Regensbr. (1899), Bd. 51, 93ff, woher ich auch den Abdruck übernommen habe.

1Zu der kurzen Notiz über diese Hs. bei Schatz (Sch. II, 50) bemerkt M. Voigt, Beitr. z. Gesch. d. Visionenlit. (Palästra 146, 1924), S. 198, bei Gelgenheit einer Besprechung des Cgm 4871, dass auch die Schlusslage zu Vierfünfteln noch Lohengrintext enthält. Erst am Schluss (fol. 135f) folgen von anderer Hand (16. Jh.!) das unechte Gedicht O.s und Suchenwirts "Schöne Abenteur" (gleich: Prim. No. XXV).

X

Es ist noch zu erwähnen, dass Vorarbeiten des im Weltkriege gefallenen Herrn Oberlehrer Meinhold aus Barth, die, ausser Untersuchungen über Versbau und Betonung in den Liedern O.s v. Wolk., auch eine kurze Zusammenstellung textkritischer und erklärender Anmerkungen enthalten, mir durch Herrn Professor Dr. Roethe freundlichst zur Verfügung gestellt wurden. Was ich an Wichtigerem aus diesen geschöpft habe, ist durch ein dahintergesetztes (M) kenntlich gemacht. Mein Dank für freundliches Entgegenkommen gilt auch Herrn Professor Dr. C. von Kraus in München und seinen Mitarbeitern beim Bayer. Wörterbuch in München und Wien, aus dem ich eine Reihe von Einzelauskünften erhielt. Herr Dr. Moor und Herr Dr. Bartha vom Berliner Ungar. Jnstitut haben mich durch Auskünfte und Uebersetzung der Motz'schen Arbeit (Dr. Bartha) verpflichtet. Photographien aus Hss. verdanke ich den Handschriften-Abteilungen der U.-B. Jnnsbruck (zu Ged. 78; 97; 118,195), S.-B. München (Direktor Dr. Leidinger) (Hymnen), Nationalbibl. Wien (Direktor Dr. Smital) (Hymnen). Von Hss. selbst wurden mir, wofür ich ebenfalls meinen Dank ausspreche, zur Benützung in der Berliner Staatsbibl. überlassen: Die beiden bei Ged. 79 erwähnten astrologischen Hss. aus der Landesbibl. Kassel und er U.-B. Tübingen; auch konnte ich durch Vermittlung der Deutschen Kommission der Preuss. Akad. d. Wiss. (Professor Dr. Fr. Behrend) die bei 97 besprochene Petrarca-Hs. aus Wolfenbüttel einsehen, wobei mich Herr Dr. Piur durch seine Unterstützung zu Dank verpflichtete.

X/2

Erster Teil

Kommentar zu den einzelnen Gedichten.

1

Erster Teil

Kommentar zu den einzelnen Gedichten

Für die Einrichtung des Kommentars ist das meiste aus der Einleitung zu entnehmen. Es ergab sich allerdings die Frage, ob die Schatz'sche Reihenfolge zunächst rein äusserlich gewahrt bleiben solle, oder ob es nicht besser wäre, die Gedichte mit metrischen oder inhaltlichen Gemeinsamkeiten zusammenzurücken, bezw. gleich die von mir vorzuschlagende Anordnung vorzunehmen. Doch nach genauerer Ueberlegung ist die äusserliche Anordnung das kleinere Uebel; sie wahrt die Uebersichtlichkeit des Ganzen, zumal bei Mitbenützung der Schatz'schen Ausgabe. Der zusammenfassende zweite Teil bietet ja die Ergänzung des genannten Punktes.

1 (B. Web. 47)

(Aa 15,f.8 a; B 57,f.25 a; C f.54 a)

Metr.: Gleicher Rahmen wie 67, welches in den Stollen Jnreime hat - ähnl. 66 (s. d.!).

Melod.: (5); eigen. Aufgesang choral notiert; Abgesang mensural: 3-teil. Takt, Tanzcharakter!

1. ... 'mensch' im selben Sinne auch 29,6; 55,35; (84,24?!).

2. ... 'beswaigt' nach A; Sch. I hat 'ge-', das ja das Gewöhnlichere

2

wäre - 'besw.' ist gewählter, mit Anklang an 'beswiften'. S. a. Behaghel, Lit.-Bl. ... 1903, S. 368 (Bespr. v. Sch. I).

4. ... "Weil (Seit) mein eines Auge seinen Wechsel zeigte, sich änderte". Nach B. Weber (= Engelh. Dietr. v. Wolk.) verlor O. schon als Junge durch einen Bolzenschuss das rechte Auge; vgl. 5,17f; 30,6; 58,45f; 59,21; 64,96; 100,29, sowie die Wiedergaben der Porträts und des Grabsteines in Sch. I und das Titelbild nach der Wolfenbütteler Hs. (s. zu 97).

6. ... 'mich zwingt' - d.h. "hat in seiner Gewalt,", sodass ich immer daran denken muss.

9. ... 'nahent' vgl. 28,53; s. zu 34,13 - nach der allgemeinen Ueberlieferung bei O. (s. zu 34,13!) wäre auch hier besser 'nahet' statt 'nahent' zu setzen. Allerdings ginge dann der Vorreim 'nahent schier' : 'umbvahent mir' verloren, der bei O.s Klangfreude naheliegt (vgl. zu 54,13/15 u. 64,61f).

12. ... Vielleicht besser ein Komma nach 'herz' - 'bekanst' ist auf 'Blick' zu beziehen.

16. ... 'mich desgleichen renken' - mich dementsprechend (d.h. meinen Gedanken entspr.) zu bewegen.

18. ... 'tadels punt' (= punct), d.i. 'tadels mail'.

19. ... Um diese Zeile metr. zu glätten, schlägt Behaghel a.a.O., 368, vor, 'ungmach' zu lesen. Es bleibt auch kaum eine andere Lösung, wenn man nicht 'pär' (= baere) statt 'gepär' einsetzen will.

21/22. ... vgl. 68,16 - 'tuen u. lass' vgl. 53,71 (Christus); 66,26 und 68,12 (Marg. und Jgfr. Maria).

3

B. Weber (O. u. Fr.), Passarge, Zingerle und Ladendorf beziehen dies Gedicht auf Sabine.

Die Altersangabe und die Schilderung besonders in der ersten Str. sprechen durchaus für bestimmte Beziehungen. Jch möchte mich den genannten anschliessen und das Lied auch dem Sabine-Kreis zusprechen. Unter der Voraussetzung der möglichen, bei Ged. 20 ausgeführten Konstruktionen fiele es in das Jahr 1402, also in die Zeit ihrer Ehe. Dem brauchen die anderen Angaben in den Gedd. 84 und 95 nicht zu widersprechen, denn dort handelt es sich um 13 Jahre erhörter Liebe, während hier wie auch in Ged. 28, wo von 8 Jahren gesprochen wird, die Liebe nur einseitig bei O. ist. Dass der Dichter sehr bald nach seiner Rückkehr von den ersten grösseren Reisen, die wohl mit ziemlicher Sicherheit bis 1400 anzusetzen sind (s. Sch. II, 5f), Sabine kennengelernt hat, liegt recht nahe; denn das Wolkensteiner Drittel von Hauenstein gehörte diesen ja schon seit 1367, und die Vorbereitungen zu der erst 1407 erfolgten Teilung des väterlichen Erbes werden ihn auch schon vorher, seit dem Tode seines Vaters (um 1400), öfters auf die Burg und mit der Erbin der anderen zwei Drittel zusammengeführt haben.

Die metr. Uebereinstimmung des Ged. 67 mit diesem scheint auch für jenes neben anderen Momenten von Bedeutung zu sein, sodass es ebenfalls in den Sabine-Kreis, statt zu den Marg.-Gedd. gehörte (s. zu 20 u. 67).

Zu beachten ist noch, das 1 und 2 in A zusammen stehen, und zwar zwischen mehr zusammengehörenden Liedern (65; 17; - ; 64; 63; 6; 36). Bei der Versetzung an eine andere Stelle in B sind beide Gedd. beieinander geblieben! Man kann sie also wohl als zusammengehörig betrachten, denn auch bei 2 (s. d.) liegt Beziehung auf Sabine nahe.

4

2 (48)

Aa 16,f.8 b; B 58,f.25 a; C f.54 b)

Metr.: sehr ähnl. 11; 59; 83; 87; 126 (i. 4. Vs. jedes Strr.-Teiles –4–̀); 58 (i. gl. Vs. –4–̤́); vgl. zu 11.

Melod.: (45), eigen; einige Phrasen erinnern an die Melod. von 5 (81).

1. ... 'laist mir gesellschaft' - gewährt mir ein freundschaftliches (ironisch! s. d. ff. Zeilen!) Beisammensein.

3. ... La. AB 'ersten' - nach Ehrismann, ZfdPh. 40, 251 (Bespr. v. Sch. II), Nachklang des konsonant. Anlautgesetzes; vgl. zu 8,25. Die Monatsnamen wären hier vielleicht besser gross zu schreiben, da die Art ihrer Verwendung einer Personification nahekommt.

4. ... (u. 8,12,16) - die Aenderung die Schatz gegen die Hss. vornimmt, entspricht dem Mass der Parallelzeilen in den anderen Strr. (–4b–́); die Mel. liesse an sich 'erfröret' zu.

11/12. ... "Das macht der März, der ihr diese Fähigkeit gibt (nämlich die Gesundheit sehr wechselnd, bald gut, bald schlecht zu beeinflussen)"; 'der irs tuet kunt' ist natürlich nicht wörtlich zu nehmen, sondern soll nur die Aehnlichkeit der Eigenschaften ausdrücken, wie auch nachher 'das erbt si ...', 'dem geit der J. ...' usw.

13. ... 'Gel. i. g. f. ungevell' - iron. Wendung: "Glück ist das beste Mittel gegen Unglück".

5

14. ... 'wann' für 'swanne' s. Glossar; vgl. auch zu 76,28.

19f. ... 'des glückes', d.h. des Besitzes von Anmut und Schönheit ('hübsch und wolgetan'). - 'zeitlich' (nach der Zeit) bezieht sich auf das folgende 'darnach und ("je nachdem", vgl. 122,11).

22. ... 'eugl. kl. a. d. rubein' - rot-braune Augen oder nur allgemeine Verstärkung von 'klar'? ('rubein' ist Reimwort!).

26ff. ... Nach 'weiss' muss Komma stehen, denn das Folgende ist auch noch von 'hat ... geleget auff' abhängig. - Das Komma nach 'gleiss' ist besser zu streichen, damit die Zusammengehörigkeit von 'gleiss recht als ...' deutlich wird.

31. ... 'fürher ziern' - zierlich hervorbringen.

33. ... (u. 39,44,48) - beachte die Betonung Séptembèer! A hat 'gleich', sodass da Septémbèr zu betonen wäre. Doch ist bei O. nur bei besonderen Verhältnissen des Strophenbaus an solch ein Fehlen der Senkung zu denken. (Vgl. 45,56 'Wálpùrg, 57 'Weídmànn; 80,1 'Fröleich', 3 'Hainreich'; mehrfach im Jnneren des Verses bei Ged. 31). Die unverkennbaren Betonungen 'Óctobèer' und 'Nóvembèr' geben auch der Betonung 'Séptembèr' recht, und das gegenüberstehende 'Decémber' zeigt nur die Unsicherheit O.s bei der Betonung fremder Wörter und Namen; vgl. z.B. 64,22 'látein': zu 77,88 'latéin'; 117,199 'Longinus': 105,15 'Lónginùs' (Reim!), sowie die schon durch die Art der Gedichte sich ergebenden Betonungen in den Kalendern 56 und 57.

40. ... Gegen Behaghel a.a.O. 368, der hier 'vor dick' vorschlägt, hat Sch. II, 'oft dick' mit Recht beibehalten.

6

Denn O. hat diese Tautologie öfters (vgl. z.B. 13,20; 84,38). Es liegt daher kein Grund vor von A abzuweichen, abgesehen davon, dass es bei den doch ziemlich klaren Hss.-Verhältnissen O.s im allgemeinen misslich ist, nach dem Muster einer Textkritik, die erst den Archetypus herstellen muss, einen Mischtext zu konstruieren ('vor - nach BC - dick' - nach A -).

41. ... Nach 'haus' muss ein Komma stehen, denn 1.) ist 'als' die Gegenpartikel zum verherstehenden 'als' und 2.) ist 'tue' dem von 'ich hoff' abhängigen 'pring' nebengeordnet.

42. ... 'damit' - Rel. m. finaler Bedeutung, s. Glossar.

45. ... Punkt nach 'nert' (in Sch. I nicht deutlich zu erkennen), denn Zeile 46 ist Vordersatz zum Folgenden!

B. Weber (O. u. Fr. 124/5) bezieht auch dies Gedicht ohne weiteres auf Sabine. Auch Zingerle und Ladendorf schliessen sich dem an. Es steht dieser Ansicht, meine ich, nichts entgegen, ja manches spricht dafür. So erscheint mir Vs. 14-16 nicht als bloss "literarische" Klage über die Sprödigkeit der Angebeteten, sondern als persönliche Anspielung, die sehr wohl auf Sabine zielen könnte. Ja, vielleicht hat dieser mit am nächsten liegende Vergleich mit dem April überhaupt O. die Anregung zu dem ganzen Gedicht gegeben. !?! - Auch die drei Schlusszeilen deuten auf den gleichen Gefühlskreis, sodass, neben der schon bei 1 betonten Zusammengehörigkeit von 1 u. 2, die dafür verwendbaren Momente für Beziehung auf Sabine, und keine dagegensprechen.

Ged. 2 wäre also nach den bei 1 genannten Voraussetzungen (s. Ged. 20) ebenfalls ins Jahr 1402 zu setzen.

7

Persönlicher Natur scheint auch die nicht weiter deutbare Anspielung beim Oktober zu sein.

3 (50)

(Aa 39,f.23 b; B 61,f. 26 a; C,f.55 b)

Metr.: eigen.

Melod.: (28); eigene, sehr ansprechende Mel.

2. ... Der Punkt nach 'jar' (Sch. I) ist beizubehalten.

7/8. ... 'ain l. par ... eugl. klar' ist als Parenthese zu 'wengl. rot' zu fassen, wodurch der Kasuswechsel an Härte verliert.

9. ... 'die örlin ...' sind weitere Subjekte zu dem zunächst nur auf 'mündlin' bezogenen 'macht', Vs. 6.

10. ... 'krispel' = 'krisp' - 'krinnen' gehört kaum zu crins (B.Web. Lex.), sondern jedenfalls zu 'krinc, kringel', denn O. zählt 5 Synonyma auf, teils aus Freude am Klang, teils um die Krauslockigkeit der Besungenen recht anschaulich zu machen. (Vgl. 4,10)

12. ... Vgl. 4,13 und 66,14! - Solche Aufzählungen bringen natürlich leicht eine undeutliche Konstruktion mit sich; meist wird ein 'ist', 'sind', 'hat si' u.ä. zu ergänzen sein. Ebenso ist das Metrum oft nicht ganz glatt; doch kommen naturgemäss Aenderungen nur in Frage, wo Kontraktionen u.ä. leicht möglich sind, ohne der Ueberlieferung zu nahe zu treten. Hier jedenfalls muss der Vs. so bleiben, wie er ist (Begründung s. Sch. II, 55).

15. ... "Deren harte Einsenkung", d.i. also das Brustbein; 'der' ist Gen. Pl. Relat. - Nach 'schal' ist besser ein Semikolon an Stelle des Kommas zu setzen.

16. ... Zu erg. 'ist'; ebenso im folg.

8

19. ... 'reuch' = 'riuhe, rûhe'; vgl. 12,37.

20. ... 'gross hindersetzt' - "stattlich hintersetzt, hinten völlig"; vgl. 66,19 den 'dicken sitz' - 'gedrolter Zal', "von draller Fülle"; 'gedrolt' falsche, aus dem Adj. 'gedrol' rückgebildete Partizipialform; vgl. 'gedrollen' 5,21.

21. ... 'mit herter mass besessen' - hart, fest besessen (ist sie), d.h. mit festem Sitzfleisch - zu 'mit h.mass' = hart vgl. 109,76 'mit der langen masse' = lang.

22. ... 'geschocket' = gewölbt; zu 'schocken', "auffhäufen" (vgl. 48,28; 53,17; 79,123).

23. ... ls. 'zart e n'; 'verschart' ist 3. Ps. Jnd. Prät. von 'verscherten', "verletzten" (vgl. 84,30).

24. ... Komma nach 'tugend' ist zu streichen, denn 'eitel rain' ist Prädikatsnomen mit Fehlen der Kopula.

25ff. ... Die Adjektiva 'junk, edel' sind am besten als Substantiva zu übersetzen, die neben 'adeleicher schein' Subjekt zu 'probiert' sind. "Grammatisch" ist die Singularform natürlich nur auf 'ad.schein' bezogen. "Jugend, edle Herkunft, adliges Auftreten abwechselnd untermengt ('mit wandel', s. Glossar) zeigt sich noch dazu in vollendeter Erscheinung."

31. ... 'ab erfrein' - durch Werben abgewinnen.

Die noch in der 2. Pers. gedachten Aufzählungen der ersten Str. werden von den syntaktisch unpers. der zweiten so überwuchert, dass die dritte Str. aus dem Zusammenhang fällt und mit der 3. Pers. beginnt. Erst am Schluss erscheint wieder die direkte Anrede (vgl. Ged. 4 und 31). Ein dichterisches Missgeschick, dem die Anwendung ähnlichen Wechsels, etwa bei 20, gegenübersteht; denn dort hebt dieser Wechsel die

9

Lebendigkeit des Ausdrucks!

Auch dies Ged. bezieht B. Weber auf Sabine. Jedoch will mir die aus der Beschreibung deutliche Gestalt nicht recht zu der sonstigen Vorstellung von Sabines Art passen. Dazu kommt vor allem die ziemlich klare Uebereinstimmung mit der Darstellung in dem Marg.-Ged. 66 (3,12 : 66,14; 3,20 : 66,19f; 3,22 : 66,23 usw.). - Jn diesem Zusammenhang käme dann auch der Neujahrsgruss in Frage, der ebenfalls zwei Marg.-Ged. (27 u. 74) entspricht. Es sind die einzigen Lieder dieser Art, die O. hat (100,7 gehört nicht hierher.) Das Duett (76) und die Art der Lieder, die ausdrücklich an Marg. gerichtet sind, lassen darauf schliessen, dass sie ebenfalls nicht unerfahren in der Sangeskunst war, sodass die Anspielung 3,15 darauf zielen könnte. Der Widerspruch zwischen den 'liechten euglin klar' und den 'swarzen eugl kl.' ist nur ein scheinbarer; denn 'liecht' heisst hier 'leuchtend' was gerade auch von schwarzen Augen gelten kann, zumal von denen Margaretens 70,8 gesagt wird, dass sie ihr Angesicht "verleuchten"!

Jch schliesse mich daher Ladendorf an, der Ged. 3 in den Marg.-Kreis stellt (auch Schrott hält die Beziehung auf Marg. für möglich; s. bei ihm Anm. 54, S. 209). Danach wäre es auf 1417 (Neujahr) anzusetzen, denn nur die Zeit der Werbung kommt nach dem Charakter des Gedichts in Frage (s. d. folg.). Die sehr eingehende körperliche Schilderung (bes. Vs. 19) braucht dem nicht zu widersprechen; man vergleiche nur Ged. 66!

4 (fehlt B. Web.)

Aa 26,f. 16 a; fehlt BC)

Metr.: Sehr ähnl. 49; Vs. 5 jeder Str. hat das Schema –8–̀, d.h. klingende Kadenz mit pausierter

10

8. Hebung; vgl. G. Pohl, Der Strophenbau i. dtsch. Volkslied, Berlin 1921 (Palästra 136), § 4,3.

Melod.: (91); zweist.; einige Aehnlichkeiten mit der Mel. von 49 (85); bei beiden ist der Tenor ursprgl. einstimmig (s. d. Uebertragung im II. Teil, 3. Kap.).

1. ... ls. 'wätlich' - zu der ganzen Zeile vgl. 68,11. - Die hsl. Schreibung 'creatur' und 'kur' (iu : ü) ist kaum von Bedeutung für den Reim, denn, abgesehen von 84,68/70, wo diese beiden Wörter allein reimen, stehen sie sonst nur im Reim auf -ûr.

2. ... Vgl. Vs. 19 'wie es der maister hat bedacht'.

3. ... Die Aenderung gegen die Hs. macht den Vers glatter, ist aber nicht unbedingt nötig, denn 'gemessen ist' ist für O. metr. durchaus möglich.

4. ... 'verglanzt' = glänzend glatt gemacht; term. techn. der Bildgiessersprache ? (s.u.) - desgl. 'mensur' (= Vorschrift) ? - 'ze tal' = abwärts, d.h. vom Scheitel bis zur Sohle.

6. ... 'possen' - nicht etwa, wie von B. Weber bis Maurer angenommen zu werden scheint, gleich 'buosem' sondern gleich 'posse' (bosse), swm., 'kleine gegossene Figur, Gestalt" (vgl. auch DWB. unter "Possen", wo nur Belege ab 16. Jh. stehen! desgl. Jelinek, Mhd. Wb. unter 'bosse': Chronik der Stadt Trautenau 1490!). Es unterliegt für mich keinem Zweifel, dass es sich hier (vgl. Vs. 8 'pild'!) nur um das gegossene Bildwerk handeln kann und dass auch 21,6 und 30,12 'possen' = Figur, Gestalt ist, wenn auch Ged. 21 im ganzen nicht eindeutig zu erklären ist.

Nach 'mail' steht besser ein Semikolon, denn die ff. Zeilen bilden einen neuen Vorder- und Nachsatz.

11

9. ... Die Prolepsis 'Ain h. klein' wird nachher, Vs. 10-15, fortgesetzt; zu allem ist zu erg.: 'des nam ich war'.

13. ... "Nase, Kinn und Kehle, die (deren) helle weisse Haut glänzen, leuchten (zusammen) mit den Wänglein" (, die rot sind; vgl. 66,14ff, auch 68,19).

14. ... "Die Stirn (ist) mit Gedanken, mit Verstand ausgefüllt"; 'sinnen' Dat. Pl.

15. ... 'von jungen jaren' (ls. jarn) = 'von kinde'. - 'verstrackt' = untergebracht; ob durch (Präsens-) Vertauschung von 'verstrecken' und 'verstricken' die Bedeutung des zweiten auf das erste übergegangen ist, also 'verstrackt', von 'verstrecken' für 'verstrickt', von 'verstricken' steht? - vgl. 11,40.

16. ... 'ain man' - Jener Mann, d.h. Gott, der hier nach der beliebten Darstellung als Bildgiesser erscheint (vgl. z.B. Walth. 45,15!).

20. ... 'und ... wird volpracht' ist ebenfalls von 'wie' abhängig; das vorherige Objekt 'es' ist hier Subjekt!

21ff. ... 'sim., regn., pulchr.' stehen zwar in ihrer direkten Bedeutung (gleichen, überstrahlen ...), scheinen aber doch von O. gewählt zu sein, weil es wohl Fachausdrücke des Bildgiesserhandwerks waren. (s. o.) - ls. 'regniern'.

23. ... ls. 'sis' - vgl. 36,56.

24. ... Ebenfalls aus metr. Gründen ist 'und' zu streichen; dafür Komma; die asyndetische Gegenüberstellung liebt O. (s. die Beispiele bei Beyrich und Türler). - 'tar' hier: "darf, kann" (vgl. 60,16).

12

Aus den gleichen Gründen wie bei Ged. 3 fällt der Dichter aus der zweiten Pers. am Anfang in die dritte, ohne jedoch am Schluss zur zweiten zurückzukehren.

Bei keinem bisher ist dies Lied irgend in Beziehung gesetzt. Doch scheinen mir, ähnlich wie bei 3, die stellenweise recht weitgehenden Uebereinstimmungen besonders mit 66 (vgl. auch Vs. 10 mit 3,10) und die trotz der Einkleidung hervortretende Jnnigkeit auf Margarete zu führen. Jedenfalls spricht eine grosse Wahrscheinlichkeit dafür, und andererseits steht nichts dagegen, sodass ich nach meinen Richtlinien nicht anstehe, auch Ged. 4 dem Marg.-Kreis beizugesellen; und zwar für den Januar 1417 (s. zu Ged. 77; vgl. auch zu 26 und 64).

5 (52)

Aa 41, f. 24 a; B 63, f. 27 a; C,f.57 b)

Metr.: eigen.

Melod.: (81); eigen; einige Phrasen erinnern an die Mel. von 2 (45).

1. ... Behaghel, a.a.O. 368, will 'auwe' statt 'an we' unter Hinweis auf Vs. 22. Dort steht aber in BC 'o we', während hier alle Hss. 'an' haben. (die B. Weber'sche auf Goldhanns Abschrift fussende La. von A: 'au ...' geht wohl auch auf 'an ...' der Hs. selbst zurück). Abgesehen davon gibt die Verstärkung von 'Wol' durch das negierte Gegenteil (ân wê) doch einen glatteren Sinn; und das 'awe', 22 bedeutet etwas anderes, nämlich einen freudig erschreckten Ausruf.

2. ... 'pöschelocht' - dasselbe wie 'poschot' 13,13 = rund, voll; vgl. auch 12,16 und 19,18. Nach B. Weber "in Tirol

13

noch allenthalben"; s.a. Lexer, Kärnt. Wb. 37 'poschat'; jedenfalls zu 'bosche' (= busch), swm., also zunächst "buschig"; dass bei dieser spezifischen Anwendung als Attr. zu 'munt' auch 'bussen', "küssen" mitspricht, ist wohl denkbar. - Komma nach 'munt' muss natürlich fort; Sch. I hat es auch nicht.

3. ... Komma fort nach 'smila'.

4. ... rösel. triel' - "rosiges Schnäuzchen"; vgl. 8,13; 12,24; (40,44 - BC).

5f. ... Komma nach 'tal' zu streichen und vor 'die höch' zu setzen: "Ober- und Unterlippe durch weisse Zähnlein nur in schmaler Spalte geschieden".

10. ... 'schriems' - s. Schm. Fr. II, 601 "schrems" = schräg; vgl. Lexer, K.Wb. 226 'schrems' / 'schlems'; daselbst ist das Zitat aus Weinhold, Beitr. z. e. schles. Wb., im Vergleich zu O. interessant: 'schrims' ! - B. Web. hat im Text 'schriembs', was also als La. für C nachzutragen wäre; mhd. Adv. 'slimbes'! (r : l !).

11. ... ls. mit C: 'präch noch disen' - vgl. 80,10. (M)

14. ... 'still verhagen' - schweigend einschliessen (in meinem Jnnern), vgl. Vs. 16!

15. ... Komma nach 'sagen' überflüssig.

17/18. ... Vgl. zu 1,4; ferner 30,6; 58,45; 59,21; 64,96; 100,29.

21. ... 'gedrollen' - dies ist echtes Part.; vgl. 'gedrolt' 3,20. - Zu dieser hübschen Schilderung vgl. die ironische bei der Hausmagd 60,69f.

24. ... Besser Kolon nach 'umb sust'.

25. ... Die Notwendigkeit des Bartabnehmens, besonders da er grau ward, trat wohl öfters bei solchen Gelegenheiten an O. heran, auch als der Bart noch 'wolgevar' war, s. 58; 59.

14

26. ... "Es fehlte mir denn an Messer oder Bedienung".

31. ... 'pünde' - ähnl. wie das sonst bei O. beliebte 'schrenk'.

37. ... Nach 'säch' ist ein Komma zu setzen, denn 36/37 fügt sich besser ein, wenn es ebenfalls als Vordersatz zu 'ich fluch ir nicht' genommen wird.

38. ... Die Aenderung 'sölch genäch' gegen Sch. I 'sölche näch', die Behaghel a.a.O. vorschlug, entspricht jedenfalls der vom Dichter beabsichtigten Gestalt (s. d. La. von A).

39. ... 'd. manhait retten' - entweder "die männliche Ehre retten" (durch Beweis der 'potentia coeundi') oder 'retten' hier im ähnl. Sinne wie bei 'fiure', also etwa "die Brunst löschen" - jedenfalls ist es deutlich eine Umschreibung für 'coire', in welchem Sinne ganz die gleiche Wendung bei H. Sachs noch erscheint (Fabeln u. Schwänke in Meisterges, Götze - Drescher, Bd. 6, Nr. 860, Vs. 40; Fastn.-Sp. 6,35, 231, Neudr.).

40. ... 'fliehen' m. d. priv. Gen.! - Vgl. d. Gen. bei (wenken) und 'wichen', Gr.Gr. IV, 677.

41. ... Die Fassung von A 'und ob' brächte ja den konzessiven Sinn dieser Zeile schärfer zum Ausdruck, aber 'ob' allein kann das auch wiedergeben. (noch 10 mal bei O. konzess.); Abgesehen davon ist der Vers so glatter. - 'des kriegs dernieder läg' = coitu languescerem.

42. ... Die La. von C 'wurdn' ist ohne Bedeutung und zeigt nur, dass der Schreiber die Konstr. nicht verstanden hat. Denn 'täg' ist nur abh. von 'ze leisten' und diese ganze Phrase wieder von 'wurd mir' (vgl. 63,195 'des ward mir ...'). - zu dem Reim 'läg : täg'

15

s. zu 6,42, Anm. 1 - "Vielleicht käme ich dazu, doch noch wieder Einladung in ihr Haus (= vulva) Folge zu leisten". - 'täg(e) leisten' soviel wie 'tagleisten'.

44. ... Vgl. 96,29.

46ff. ... Die Stellung in A ist ja die ursprüngliche. Schatz hat wohl, wenn er auch grundsätzlich A vorzieht hier an 'zain' gleich 'penis' gedacht und daher die dann glattere Umstellung von BC übernommen. Es aber doch fraglich, ob diese Bedeutung hier angenommen werden kann. 'zain' hat einen zu prägnanten Sinn, um hier im Plur. (etwa für 'genitalia') zu stehen. Ebenso wenig will mir ein eventl swf. mit Sing.-Bedeutung einleuchten, wenn man dabei auch an "Korb" im Sinne von 'pelvis' denken könnte. Vielleicht liessen sich die Schwierigkeiten beheben, indem man 'umbezainen' (zu 'zeinen' = "flechten") liest. Dann stünde auch der Stellung von A nichts entgegen.

B. Weber und Ladendorf beziehen dies Gedicht wieder auf Sabine, und auf den ersten Blick (vgl. auch gerade die Anspielung in 84 und 95) scheint dem nichts zu widersprechen. Besonders die kurze Schilderung am Anfang könnte sehr wohl auf sie passen. Doch entspricht weiterhin der Ton, den O. anschlägt, mehr der Art, wie er von seinen leichteren Liebesabenteuern spricht (vgl. z.B. 36; 48; 49; u.ä.) oder dem der Lieder 43 und 47.

Dass man es im übrigen hier mit einem ausgesprochenen Erlebnisgedicht zu tun hat, leuchtet ohne weiteres ein; es handelt sich aber wohl eben nur um eins seiner Abenteuer. Nur dür die Zeit gibt die Anspielung auf seinen grauen Bart einen gewissen Anhaltspunkt; denn

16

erst in den Gedichten um 1416 (s. 36,47; 65,78) beginnt er über das Grauwerden zu klagen. Man könnte also Ged. 5 etwa vor 63 einschieben (vor 6; 17; 36; s. II. Teil, 1. Kap.).

6 (29)

(Aa 19,f.11 a; B 20,f.9 a; C, f. 23 a; E s. Sch. II, 47f)

Metr.: eigen; Rep. sehr ähnl. der von 7 u. 17!

Melod.: (24); eig. Rep. sehr ähnl. der von 7 (Mel. 36).

2. ... 'Levant', der Ostwind; vgl. 17,20, wo Lev. = O ist; 17,31 aber auch = O-Wind. Die Windnamen sind besser gross zu schreiben, da sie hier (bes. Vs. 80ff), sowie in Ged. 17 der Personification recht nahe stehen (s. zu 17). 'genent : erkent' ... s. zu 7,3.

5. ... 'nicht widerwent' - d.h. er lässt Griechenland rechts liegen auf seinem Wege (s. u.).

6. ... 'Barbaria' - das nordwestl. Afrika (vgl. zu 36,78).

8. ... ls. 'Portígal J́spníe Erpre6#x0301;nt', mit schwebd. Betonung; Sch. I hat (gegen AB !!) 'Jspanien'; Behaghel wies schon a.a.O. darauf hin.

9. ... 'von ort zu ent'; dieselbe Formel 65,26 u. 96,6 (im übr. s. u.).

10. ... 'der element'; vgl. 17,27, wo auch mask.! Beide Male sind Winde gemeint; vgl. Montf. 5,25 'der element des luftes'; ferner Vintl., 744 u. 749.

17

11. ... 'zu pot' - die mundartl. apokopierte Form des Nom. ist auf den Dat. übertragen (C will das "berichtigen").

13. ... 'Ponent' - Westwind; vgl. Vs. 84 (u. 17,22 'Ponant').

15. ... ls. 'narbanisch'! (vgl. 63,116 'Narbane'); da B 'norbögnisch' hat, will Wustmann, AfdA 29, 230 (Bespr. v. Sch. II) hier 'norwögnisch' (norwegisch) haben!! Es steht aber da 'Ponent. Des freut sich dort in occident ...'; und gerade die La. der Hs. C, die Wustmann für textkritisch wichtiger hält als Schatz, führt mit 'Norbanisch' auf den richtigen Weg. Denn es handelt sich um die Bewohner der Gegend von Narbonne, das im MA einen starken Handel nach dem Orient hatte; die Freude über den Westwind ist also sehr verständlich; vgl. auch 17,22ff.1

19. ... 'widerpart' - Ladendorf (S. 140) sieht hierin einen "befreundeten Hüter", wie er etwa in Ged. 11 erschiene (auch da kann sehr wohl der 'wachter' damit gemeint sein!); Motz übernimmt diese Ansicht L.s. Doch kann 'widerpart' das nicht bedeuten; Es bezieht sich offensichtlich, wie schon B. Web. in seinem Gloss. erklärt, auf den Kampf zwischen 'Levant' und 'Ponent' (also: "Jch höre den Streit" (der Winde)).

1Allerdings ging dieser Handel seit dem 14. Jh. zurück (s. K. Kretschmer, Die Jtal. Portolane des MA's, S. 89); jedoch ist, auch abgesehen davon für die Küstenbewohner der Narbonner Gegend entsprechend der Küstenrichtung der Westwind günstig zum Ausfahren.

18

20. ... 'bekart' - Maurer, S. 62 sieht dies als 3. Pers. Sing. Präs. an, mit Uebertragung des Prät.-Vokals. Nach dem Zusammenhang ('ich hör ...') wäre das allerdings anzunehmen und der zweite Beleg, den M. anführt (91,12 'verkart') ist unzweifelhaft Präs. - dazu kommt im vorliegenden Falle auch noch die Reimnot (14 Reime!!); doch wäre trotz allem 3. Pers. Sing. Prät. in Perfektbedeutung (s. nachher 'hat geschart') denkbar. Vgl. Michels, Mhd. Elb., § 246.

22. ... 'himels gart' - "Himmelskreis"; vgl. auch 12,7 'der sterne gart' (Reigen der Sterne) und 94,55, 'sünden gart'. S. Schm. Fr. I, 938f (auch Maurer s. 37). - Es handelt sich um das stm. 'gart' = chorus! Lexer unterscheidet nicht 'garte' und 'gart'. (54,31 'gart' ist 'garte'!).

25. ... 'wicht' - zu erg. 'boeser' oder 'snoeder'; gegen den Wächter - vgl. 41,4!

26. ... 'das ... mart (mort)' - O. scheint nur die neutrale Form zu kennen; s. 9,7; 29,15; die anderen Stellen lassen nicht das Geschlecht erkennen, jedenfalls Masc. nirgends.

29. ... 'missl' mit hinev.' - Mhd. sonst mit Gen. oder mit 'an' gebräuchlich! Gr.Gr. IV,818 hat als einzigen Beleg für 'mit' einen nhd.!

30. ... ls. 'snöds'.

35. ... 'krachen' - laut werden (im Auffahren a. d. Schlaf).

37. ... 'machen liepl. zaff' - der Liebe pflegen; 'zâf' = Pflege, nicht = Hin-Herziehen (wie B. Web. Lex.); es scheint als ein "neutrales" Subst. gebraucht zu sein, das erst durch ein

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Attr. näher bezeichnet wird (etwa wie nhd. "Sache", oder "Geschichte" u.ä.; s. 122,41 'singet wüerter zaff' - vgl. auch zu 79,62 'gezaft'.

38. ... 'auss laures wan' - in Befürchtung eines Nachstellers? Also 'laure' (lûre) hier st. flekt.? Oder ist ein n-Strich über dem e zu ergänzen? ('laurens'!)

42. ... 'mit widerzam' (s. d. Hss.! Deswegen und wegen der Reime Vs. 47 'wunnesam' und 51 'gram' ist hier etwa an 'widerzannen' kaum zu denken!) - = 'widerzaeme' (stf.; a für umgl. â wäre ja tirol. (s. Schatz, Tir. Ma., ZsFerd 47 (1903), 33/24 u. Ders., Ma. v. Jmst., §§ 37 u. 39, S. 43 u. 47 ob.). Es steht hier in einer a/â + Nas. -Reihe im Reim - Ferner vgl. w...:scham (Nom.) 89,25; das Adj. : -am / -amm 98,16; : - am 107,75; Ausserdem : - âm (aus -oum) 91,72; 93,24; : - âm (aus -oum) und : - âm (aus -aeme) 114,48; in diesen Fällen wird es sich um das Tirol. â (a) für ae handeln, also 'widerzaeme' anzusetzen sein; ob aber in den ersten ( : -am), ist mir doch fraglich; denn das unumgelautete a / â entwickelte sich im Tir. zu o / ō (s. Schatz, Ma. v. Jmst., S. 72), und dass eine solche Trübung schon bei O. vorhanden war zeigen Reime wie ochsen : ungelachsen 80,17/19; trolle : schalle, 97,84; lam : Rom 118,393/4; (s. aber auch pame : zame : game, 37,50; zam : tam (aus toum!), 94,35; pan (aus poum!) : - an / -ân, 123,39 - Näheres s. zu 37,45ff.) Jch möchte daher die Existenz einer

20

Doppelform annehmen: widerzäm = widerzaeme, widerzōm = widerzam (mit Dehnung!) das zweite als Kompos. von zam, mit gleicher Bedeutung.1

43. ... "Hab ich dir Missfälliges getan?" - 'm...' ist Subst., so wie 'ungemach', 'zorn' u.a.

49. ... "Jedes pfeift seine eigene Melodienreihe" ('vicht' in dem Wettstreit 'auff paumes pan'); vgl. Hätzl. I, 28,39 'Veglicher sang sein aigen ticht'; s.a. Wolk. 28,9ff. Wenn auch 'jan' jedenfalls das Richtige ist, so muss doch auffallen, dass die Hss. Unsicherheit zeigen: gan Aa (Sch. I), yan B (B. Web.), tan C - Das Wort mag den Schreibern ungewöhnlich gewesen sein, denn an der anderen Stelle seines Vorkommens bei O. (54,5) liegen die Dinge ähnlich: jan (aus ran) Ag (Sch. I), jan B (?), von C ? (B. Web. Text!); s.d.!

54. ... 'ant' zu 'âhen' (s.a. 16,27); - 'freuden' Gen. plur.

55. ... 'mit lieber zal' - mit oftmaliger Gunst.

56. ... Komma nach 'val', wie Sch. I!

58. ... 'verdenken' - hier = verwünschen (sc. 'in schand. tal').

1Vgl. die Ausführungen bei Maurer, S. 27! - Wenn 'widerzam' nicht bei Lexer steht, so ist das noch kein Beweis, dass es das Wort "nicht gibt". Dann dürfte es auch 'zam', Fem., (16,28; 23,10) nicht geben. Die beiden anderen a.a.O. angeführten Reime erledigen sich ebenfalls: bei gevar: tar, 113,21/22, liegt es auch nahe e. Doppelform gevar u. gevaere für das Adj. anzunehmen (vgl. 111,80 - laeg (1. Pers. Konj. Prät.) : täg, 5,41/42; laeg ist tir. lâg, tāg der gedehnte Pl. zu tog (s. Schatz, Ma. v. Jmst., S.44 unt.).

21

62. ... 'deins z. l. sal' = du; vgl. 11,39; 15,33. - 'damit' final, s. Gloss.!

65. ... 'pal' - zu 'bellen'; gl. Bildung wie vorher 'gal'.

67. ... 'hat gewichen'!! vgl. 95,3 - s. Gr.Gr. IV, 165.

68. ... 'spitzen, smitzen' - beides Jnf.! also Komma dazwischen.

70. ... 'witzen' - Gen. Pl.?! abh. von 'nicht'?!!

71. ... 'hitze' - Adj. j-Stamm, gegenüber 'heiz'. - 'trähern' Acc. Sing., nur scheinbar schwach: Mischung von 'treher' und 'trahen'.

72. ... Komma nach 'giessen', wie Sch. I.!

73/74. ... 'niessen/sliessen' (so zu lesen mit A! B. Web. liest auch für B 'sl...'; beachte E: 'schl...'! - zu erg. "die Aeuglein", kata synesin - zu sl-/fl- vgl. zu 46,4). Beide Jnf. sind auch von 'kunt', Vs. 71 abh., daher Komma nach 'giessen'! "Heisse Träne konnte sie aus den Aeuglein vergiessen, geniessen (konnte sie) ohne Verdriessen und (die Aeuglein) schliessen schön verwundet (vom Liebesverlangen)."

80ff. ... 'Trumitan' - Nordwind; Komma nach 'Sud'! Dieser gegen den Nord, der Ostwind gegen den Ponent. Hier also die vier Hauptrichtungen NSOW gegenüber Ged. 17, dass die acht Hauptwinde aufzählt. Bei 6,83 ist 'Ost' = Ostwind - bei 17,47 = it. 'ostro', d.i. Süd!

86. ... 'der klarh' Gen. abh. von 'vein'. - Hier wie 7,27 u. 8,12 besser 'Lucifer' zu lesen! Vgl. auch 92,41 u. 110,42; mit Ausnahme von 8,12 hat Sch. I an den genannten Stellen 'L...' (Sch. II nut 110,42!!).

22

87. ... 'überfrein' - Diese Stelle ist bei Lexer der einzige Beleg für absol. Gebrauch! Die Bedeutung absol. "Oberhand gewinnen" (B. Web.!) ist wohl denkbar, denn das 'greisen' des Lucifer ist: das Verbleichen (8,12) des Morgensterns und hier Acc.-Obj. zu 'überfrein'; also etwa soviel wie: "überbieten, überwinden" (durch das 'greisen' des Tages, vgl. 7,28 u. 8,26 - die obige Bedeutung von 'gr.' liegt wohl nach dem Zusammenhang und den anderen Belegen ähnlicher Darstellungen zu nahe, um etwa an 'gerisen', fallen, untergehen zu denken).

89. ... 'schrecken' lag wohl auch dem Schreiber (A.a., Diktat? s. Sch. II, 51) näher; erst vom Dichter (s. a.a.O., 30f) in 'strecken' verändert, dessen intrans. Verwendung ohne Refl. ungewöhnlich ist; sonst hat O. nur trans. oder refl. Gebrauch bei diesem Verbum.

94. ... Vgl. 65,71.

95. ... Jch schliesse mich Türlers Vorschlag an, 'mein herz, sich an ...' zu lesen; aber 'mein herz' ist Anrede an die Geliebte: "mein Herz, sieh an deine Unversehrtheit ('deins leibes nar'), die mich stets tadelsfrei zeigt" ('von' pleonast.; so auch B. Web. Gloss.; vgl. 13,26 u. 26,27).

97. ... St. Balthasar als Ehrenhüter!?

102. ... 'tar' - mit Jnf. mit zu! Sonst bei O. stets mit einf. Jnf.

104. ... St. Peter als Beschützer der Liebenden!?

105ff. ... 'in', d.h. den Wein der Minne St. Johanns, den Abschiedstrunk; 'grans' = Mund (vgl. 110,1);

23

'der minne' ist Dat., nach dem Reim sw. 'minnen' anzusetzen. - 'zendlin' Gen. Pl., abh. von 'zinnen'. Ein Augenzwinckern des Vortragenden wird wohl die Doppeldeutigkeit dieser Stelle, bes von Vs. 105/6, verraten haben (vgl. 46,14/15; auch 49,27). Die Verse 107, 108 und 111 haben überschüssigen Auftakt mit Annäherung an die Rep. von 7 u. 17.

111. ... 'zu gahen', Adv. = schnell.

Dieses Tagelied mit dem auch sonst üblichen Verlauf der Handlung erhält sein besonderes Gepräge durch die anschauliche Schilderung des Weges, den der Morgenwind zurücklegt. Die Reihenfolge der Länder lässt darauf schliessen, dass O. eine geographische Kartenvorstellung gehabt hat, und zwar nach Art der Katalanischen Weltkarte von 1375, die einen etwa ostwestlich verlaufenden Ausschnitt der Erdoberfläche bietet (s. 'von ort zu ent'; s.u.)! Diese Karte fusst auf den ital.-katalan. Seekarten1, und O. kann sie oder eine ähnliche gerade bei dem Ceuta-Unternehmen und der darauffolgenden Spanienreise kennengelernt haben. Die magnetische Deklination kannte man damals noch nicht, und da zu jener Zeit im Mittelmeer gerade östl. Deklination von etwa 11 1/4° herrschte (s. Kretschmer, a.a.O., 82 und 93), so ist auf den "Kompaskarten", wie diese Seekarten auch genannt werden, die Ost-Westrichtung um den obigen Betrag nach rechts verdreht; d.h. die Richtung (Jndien) - Syrien - Berberei -

1s. K. Kretschmer a.a.O, 122ff; Nachbildung s. Nordenskjöld, Periplus, Taf. XI-XIV.

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- Granada - Portugal-Spanien entspricht auf diesen Karten genau der Ost-Westlinie (Griechenland bleibt dabei nördlich dieser Linie!) Die Parallelkreise dagegen zeigen ein abweichendes Bild: - Jndien soll bei Seite gelassen werden, dafür galt doch mehr oder weniger die Vorstellung "dahinter weit im Orient" - verfolgt man nun von Syrien aus etwa den Parallelkreis 35° n.Br. nach Westen, so gelangt man zwar nach der Berberei, aber nicht nach Granada und Südspanien. 37° andererseits geht zwar durch diese Teile der Jber. Halbinsel, berührt aber Afrika kaum und läuft im Osten über das südl. Griechenland und Kleinasien. Ferner entsprechen die Worte 'über all die welt von ort zu ent' auch ganz dem schon berührten Bild der katalanischen Weltkarte, die von Jndien, hinter dem nur noch das Paradies liegt, bis einschl. zu der Jber. Halbinsel reicht. Mit den aufgezählten Ländern ist also, abgesehen von der genauen Uebereinstimmung der Richtung, 'die welt von ort zu ent' umschrieben!

Jch nehme daher als feststehend an, dass O. eine geographische Kartenvorstellung entsprechend den Mitteln seiner Zeit gehabt hat. (s. auch Ged. 17)

Was die Zeit angeht, in der Ged. 6 abgefasst sein könnte, so liegt es, wie gesagt, nahe, dass O. eine solche Weltkarte auf seiner Spanienreise zu Gesicht bekommen hat.1 Weil er aber Sigmund vorausgereist war (vielleicht sogar auf einem ganz anderen Wege; s. zu Ged. 109, Anfang!) und erst in Perpignan wieder zu diesem stiess,

1Kleinere ital. Seekarten wird er jedenfalls schon bei seinen früheren Reisen kennengelernt haben (vgl. 17 u. 64,25ff), sodass auch diese Karte ihm nichts Unverständliches war.

25

nachdem er vorher in anderen Gegenden Jberiens gewesen war, ergibt sich im Zusammenhang mit dem Vs. 15 erwähnten 'narbanischen geslächte' eine grosse Wahrscheinlichkeit für den Aug.-Sept. 1415. Das Narbonner Gebiet begann schon in einer Entfernung von höchstens zwanzig km von Perpignan, sodass die Kollektiv-Benennung, zumal die ganze Küste dort nordsüdlich verläuft, verständlich ist. Nach Narbonne selbst kamen sie erst Anfang November, in einer für ein Tagelied, trotz des südlichen Landes, doch etwas späten Jahreszeit.

Allgemeiner für die ganze Zeit dieser Reise spricht auch die Ueberlieferung in den Hss., wo Ged. 6 zwischen 64; 63 und 36 steht, und zwar in einer Gruppe zwischen anderen Gedichten, die bei der Umstellung in B(C) zusammen geblieben ist.

O. hat dies Lied also jedenfalls mit den anderen Liedern dieser Reise zusammen mitgebracht (s. zur Entstehung von A: Sch. II, 32).

M. Hermann, VjS. f. Lit 3, 605, stellt es ebenfalls mit 63 und 64 zusammen und setzt alle drei (die andern beiden allerdings fälschlich) ins Jahr 1415.

7 (27)

Aa 12, f. 6 b; B 16, f. 6 b; C, f. 15 b)

Metr.: gleich 17,90; so gut wie gleich: 98; 102; 105; 122; fast gleich: 57; Rep. = Rep. von 6; 17. - Näheres über diese ganze metrische Gruppe s. zu Ged. 57, Metr.!

Melod.: (36) eigen! nur Rep. fast gleich d. Rep. v. 6.

26

1. ... vgl. 11,49/50.

2. ... spr. 'meíner vernúft'.

3. ... 'genennet : kennet': Partiz.! zweisilb. Reim nötig! - vgl. 6,2/3 (genannt Aa, erkant Aa) : -ent (einsilbig); 106,29 (erkant B. Web. Text : gewant) : hend; 81,10 genennet : kennet (Präs. 3!) Klgd. Reim nötig! 103,22/28 genennet : erkennet (Beid. Part.) Klgd. Reim nötig! - Dagegen kennen und Kompass. -ant: reimt zu anderen Rückuml. 4 x, reimt zu -ant 17 x; nennen und Komposs. -ant: reimt zu anderen Rückuml. 4 x, reimt zu -ant 5 x.

3. ... ls. 'nordosten' (so Sch. I); n-Strich über dem -e?

4. ... 'mich prüeft' - mir scheint; besser: es offenbart sich mir; ich merke, dass ...

6. ... Komma nach 'vergich', das Variation zu 'sich' ist; die eigentliche Abhängigkeit des 'glosten' kommt von 'sich'.

9. ... ls. 'gsank'!

10. ... 'in gueter acht' - an nichts Böses denkend; nicht: gut aufpassend.

12. ... 'mer gesellet' - nocheinmal paare.

15. ... 'rieffen' (rüfften BC) - s. dazu Sch. II, 52 Anm., vgl. auch zu 64,43 'rueft'.

16. ... s. zu 8,3.

20. ... 'slücklin' (slucklin A!) ist Demin. zu 'slucke' = theristrum (vel vestis aestivalis) s. Schm. Fr. II, 506! Sie gibt es ihm, damit er etwas anhat und auch nicht erkannt wird, wenn er aus dem

27

Fenster sieht. BC haben fälschlich 'schlicklin' daraus gemacht (De Gruyter, Tagelied, hält das, da er ja nur B. Web. kennt, für einen Weintruk und vergleicht Antw. Ldb. Nr. 140, wo von einem Trunk die Rede ist; diese Parallele ist natürlich ungültig.).

23. ... 'vensterpret' - Fensterladen! Ebenso Hätzl. I. 35,56 'wa vensterprett vnd glas darfür' - sonst mhd. meist = Holzumrahmung der Fenster.

27. ... 'disen' statt 'den' glättet den Vers ohne Sinnesänderung (m); 'von im' refl. - ls. 'Lucifer' (s. zu 6,86).

28. ... Besser 'gen' (BC) statt 'von'; 'volent' - sc. der Lucifer hat ...

31. ... ls. 'zammen'; - 'taten' B gegen 'tâten' A lässt wohl hier die Absicht des Dichters erkennen (s. 63,173).

32. ... ls. 'seuften, klagen' (vgl. zu 4,24) - die Präteritalumschreibung auch 41,38; 109,79; 112,7.

37. ... Komma fort nach 'ge' (Ehrismann, ZfdPh. 40, 252).

39/40. ... 'rührt/füert : hört' - es handelt sich wohl in allen drei Fällen um Prät. (Die erzählenden Stellen dieses Gedichts sind fast durchweg im Prät.; s. aber zu Vs. 41!), sodass man 'ruert : fuert : hôrt (s. A!) ansetzen kann. Dann ist die Differenz zwischen -uer- und -or- (dies, wenn auch in geringerem Ausmasse, wohl immer durch das -r etwas diphthongiert gesprochen) nicht so gross. Für Obpf. möchte ich diesen Reim aber doch nicht halten, wie es Maurer, S. 30 tut1, dann schon eher für

1Die anderen Belege, die für M. für Nürnberg anführt, sind auch hinfällig: possen (S. 33) ist nicht = buosem (s. zu 4,6); desgleichen S. 29 'schaun' - denn 'schön' lautet Nürnbg. 'schein' wie M. selbst anführt. (s. zu 12,11!).

28

alem. 'rôrt : fôrt'; vgl. Weinh. AG § 41. (vgl. auch Ged. 59,17 'seg' u.a.). Andererseits soll man sich bei O. gar nicht zu sehr scheuen, auch ungenaue Reime anzunehmen (s. die Liste bei Maurer, S. 5ff, die an sich schon nicht klein ist und noch durch die Seite 54 angeführten Stellen vermehrt wird).

40. ... 'jal' - der La. iall A (Sch. I hat jall A als La!) steht aus B. Web. die La. "gall W" (Goldhann !?) gegenüber; B. Web. hat im Text 'yal', das auch leicht 'gal' in C sein kann; jedenfalls möchte ich 'gal', Prät. 3 von 'gellen', annehmen.

41. ... 'künt' - dies ist allerdings unzweifelhaft Präsens (vgl. 56,63 verkünt, Präs.; 112,23 erzünt, Präs.; doch s.a. 53,48 erzünt Ptz.! aber 66,6 erkunt, Ptz. (:grunt : munt); erzunt 5 x : -unt!) - vgl. dagegen 'künt' unten Vs. 46! Was die übrigen Prät. in diesem Gedicht angeht (s.o. zu Vs. 39/40), so sei noch hingewiesen auf: 1.) Vs. 24 'ret'; Wustmann, AfdA 29, 230 (Bespr. von Sch. I) liest 'redt' in C, Sch. I 'rett' AB; - also ret = redet(e), Prät. 3. 2.) Vs. 48 'lacht'; ist zwar neutral, aber doch als Prät. sehr wohl möglich und wahrscheinlich.

44. ... 'an (âne) solt' - mea sponte et ultro. Nach diesem Vers besser eine schwerere Jnterp., etwa Semikolon.

45. ... 'traut ... wol' - verstärkende Jronie; s.a. die anderen Beispiele dieser Art bei Türler, 24f.

46. ... ls. 'mir wär vil lieber, der ... künt'! Die hsl. Form 'kündet' erweist Konj. Prät.; 'den abentstern' ist in der Stellung der Konstr. ἀπὸ κοινου̃. Nachtweisen (wahrscheinl. Einlasslieder, s. Roethe, Bespr. von De Gruyter Tagelied, AfdA 16, 78) sind selten; vgl. Burggr. v. Lüenz, HMS, I, 211a;

29

Botenl. HMS. I, 28, b und 32 b; Günther v. d. Forste, HMS. II, 165 b; Hadloub, Nr. 53; Kolm., Bartsch LXVI, 10, 26, 38 (Nahtwîse); desgl. CLXXXVIII, 41.

50. ... 'in senden pein' ist nicht Dat. Pl.; sondern 'senden' ist entweder Adj. Acc. Sg., oder Subst. Gen. Pl.; 'pein' in jedem Falle Acc. Sg.; für das Masc. vgl. z.B. 12,33; 42,16; 114,6; sonst meist unentschieden; Fem. selten (z.B. 6,81; (117,67?)) - s.a. zu 18,26.

52. ... 'zuckernar' - vgl. 14,22; 31,14; 76,35.

51/54. ... Die Beziehungen zu 14,21/22 und 31/32 sind offensichtlich, und zwar ist wohl 7 seiner ganzen Art nach in die frühere Zeit zu setzen, ohne dass eine bestimmte Zeit angegeben werden kann, während 14 in den Margarete-Kreis gehört (s.d.). Zudem scheint mir 'freudenmacherinne' für mhd. Liebesgedichte näher zu liegen als 'freudenmacher', sodass dieses als das abgeleitete Wort anzusehen wäre, trotz des grammatikalisch umgekehrten Verhältnisses.

54. ... 'sunder gar' = ohne 'gare', d.i. unvorbereitet, unversehens; ganz ähnl. auch 'sunder war' (A).

Bis auf etwa 'freudenmacherinne' und 'zuckernar' und vielleicht noch einiges wenige hat dies Tagelied kaum einen unmittelbaren Erlebnisgehalt. Die einzigen deutlicheren Beziehungen (zu 14) sind schon berührt.

30

8 (94)

(Aa 31, f. 19 a; fehlt BC)

Metr.: eigen; Zeile 3/4 jeder Str. besser als eine Zeile zu lesen. - ferner s.u. zu Vs. 29.

Melod.: (50), eigen (Dur!); mensuriert.

1. ... 'sorgen' : 'verporgen(-licher)' - solche "gebrochenen" Reime hat O. bisweilen (vgl. 20,37/39 weis : leis(-er); 41,27 her wein - geht ein(-her); auch 54,13/15 gogel (-leichen) : vogel (-reich).

3. ... 'hatz' - vgl. 52,9 'an argen hatz' (: schatz : platz); dagegen 7,16 'des tages hass (: pas : mass); 26,4 (: was); 84,29 (: vergass); 109,141 (: was). Maurer a.a.O., 55 unten, hält hier u. 52,9 'hatz' für "Augenreim" (vgl. auch 64,42; 66,20/22; 79,158). Ob nicht 7,16 und hier, 8,3, an 'hast' (das Heraufeilen des Tages) zu denken wäre?! - Ndd. Wortschatz ist ja O. nicht fremd. Zu dem dann entstehenden Reim vgl. 64,42 spreutzt (spreusst A): kreutz! Die Möglichkeit 'hast : pas ...' (7,16) verbürgen unreine Reime wie 18,34 ... (-ōz : - ōzt); auch ist 18,4/5; 63,98/91; 97,63... zu vergleichen - s : z ist O. natürlich geläufig. Allerdings bietet bei dieser Auslegung, das soll nicht geleugnet werden, 52,9 (hier sicher Masc.) Schwierigkeiten, wo man um 'haz' wohl nicht herumkommt, während hier, in Ged. 8, immerhin noch an 'hatz' stf. Hetze gedacht werden kann (s. aber 104,7 'mit sneller hetz'). - Vgl. auch zu 64,42 'spreutzt'.

7f. ... 'halt die mass ...' - vgl. 17,1ff.

12. ... ls. 'Lucifer' (s. zu 6,86).

15. ... 'per' - B. Web. liest 'ker'! daraus ist für die Hs.

31

'ber' zu entnehmen1, das Schatz nur zu 'per' "normalisiert" hat, während 'wer' (Jmp. zu 'wern', gewähren, geben) jedenfalls das Richtige ist! - "gewähre, gib da wo es mir mangelt".

16. ... Komma nach 'herz'; 'schrenke' in d. folg. Zeile ist Jmperativ!

19. ... Sch. I 'macht'; auf Behaghels Vorschlag (Bespr.) hier geändert, jedenfalls mit Recht.

21. ... 'entrant : gesant : gewant' s. zu 7,3.

25. ... Hs. 'teken'; Ehrismann, ZfdPh. 40, 251: "Nachklänge des konsonant. Anlautgesetzes in A"; desgl. 2,3; 13,28; 14,44; vgl. 44,2.

26. ... 'dein greis' = Acc. Fem.

29. ... der Text der Hs. ist aus metr. Gründen beizubehalten: Die durchaus mensurierte Melodie fordert einen Viertakter, dessen erste zwei Takte einsilbige Füllung haben: 1. so / pist / du wol / mein - / 2. der / uns / frau mach / gail - / dagegen ergäbe die Schatz'sche Aenderung bei der 3. Str. durchaus widrige Betonung, weil nur ein Wort diese beiden Silben umfasst; und die Hs. hat auch in der 1. Fassung 'mein', dem Vom Verbesserer nur ein kleines -e angehängt ist (in der Mel. viell. der Ton zu wiederholen); jedenfalls gibt die Zeile dann einen metr. glatten Gesang: 'meine / kunft / der wart / schier - /'.

Für Zeit- oder Ortsbestimmung gibt das Gedicht nichts her, sodass es in die früheren Gedichte eingereiht bleiben muss.

1b und k scheinen sich bei dem Schreiber Aa sehr nahe zu stehen: vgl. die La. zu 96,62, wo für Aa jedenfalls 'erkrumē' als Variante anzunehmen ist.

32

9 (85)

(Ah 106, f. 56 a; B 101, f. 40 b; C,f. 79 a; J s. Schatz II, 49)

Metr.: eigen; 2. Teil gleich dem Abges. v. 1 und 67.

Melod.: (110) eigen; Tenor ursprgl. einst. - die Mel. fand auch später manche Bearbeitung (s. z.B. Lochh. Ldb., auch A. Schering, Stud. z. Mus.-gesch. d. Frührenaissance, S. 25) - vgl. die Melodie v. 76 (123); Tenor übertragen i. II. Teil, 3. Kap.

3ff. ... Vgl. 54, Anfang!

5. ... 'von rechter schanz', d.h.: es geht schon mit rechten Dingen zu.

11. ... 'des' bezieht sich nicht auf 'qual' (bei O. Mask., s. Gloss.) sondern entweder auf 'don' oder auf '... don ... pringet qual'.

12. ... 'unweiplich' vgl. 36,62.

15. ... 'schidliche not': Bedrängnis des Scheidens. Vgl. 11,52, wo 'schidlich' denselben Sinn hat; aber: 18,16 'schidlicher freundschaft' und 118,325 'schidlich man'. Vgl. auch 'schidung' 89,21.

Ohne Bestimmung; Frühzeit.

Die zwar bemerkenswerte Uebereinstimmung der Fassung der Schlusszeile in A mit der entsprechenden im Lochh. Ldb. gegenüber BC (s. Sch. II, 49) wird wett gemacht durch die sonstigen, bisweilen recht weitgehenden Abweichungen des Lochh. Ldb., das auch noch eine 4. Str. anflickt (m. e. Neujahrswunsch!).

33

10 (40)

(Aa 28, f. 17 b; B 49, f. 21 a; C, f. 50 b)

Metr.: eigen; zwei verschieden gebaute Strr. (s.u. und vgl. 13 u. 46).

Melod.: (105) eigen; zweistimmig; jede Str. eine Stimme; auch mit deutlich komischer Wirkung (s.u.).

3. ... 'die nackenploss' - ein Wort; Rel.-Satz, zu erg. "liegen".

4. ... 'der gast' gleich 'der wachter' (Vs. 18); Türlers Vorschlag (S. 111) möchte ich doch dahin gestellt sein lassen. - 'so ach ellent' ist Acc. Pl., auf 'uns' bezogen.

5. ... 'wem last du mich' sagt die Frau zum Geliebten, der nach den Anzeichen des kommenden Tages und dem Wächterruf zur Trennung mahnt (s.u. zu Vs. 28!).

7. ... "schnell fort, die (s. Vs. 19 u. 28) noch gerne liegen bliebe" (sagt der Wächter); vgl. auch 23,9. - zu dem Reim 'weg : läg' s. Maurer S. 19f.

8. ... Komma vor 'gesell' (die Frau spricht!) - 'geschell' zu 'scheln', übertr. = "trennen": "trenne dich weislich von mir!" Also Ausr.-Z. nach Vs. 8.

9ff. ... Wieder der Wächter; Jmp. 'stand' (s. Gloss.) - 'up' Mdd., vgl. neben anderem bes. Gedd. 25 u. 26.

10. ... A hat 'fögel'; die Behaghel'sche Frage, warum hier (schon Sch. I!) 'voglin' gegen A gewählt ist, hat eine gewisse Berechtigung.

12. ... Junger Kuckuck aus einem Zeisignest! vgl. 45,7 die Furcht des kleinen Getiers vor dem Kuckuck.

14. ... 'perg und tal' Acc. d. Richtung; - nach 'qual' besser ein Semikolon, desgl. nach Vs. 15.

16/17. ... Komma nach 'röte' und 'sich', das nicht Refl. ist, sondern zwischengeschobener Jmperativ! - 'blas schon' : blase nur! - Zwischen 17 und 18, das der Mann singt,

34

beginnt der Discant (hier d. Wächter) mit seinem 'aahü, aahü' von Vs. 3, wie nachher zw. 23/24 mit Vs. 6.

19. ... 'rüert' : berührt (vgl. 11,51). - Also wohl ein Liebeslager, zu dem sie gekommen ist (s. Vs. 27 u. 28).

26. ... ls. 'senliche' mit BC; wegen des offenbar beabsichtigten Gleichklangs mit 'mordlicher' (M).

28. ... ist nicht Frauenzeile, sondern ebenso, wie die ganzen Vss. 13-Schl., Gesang des Mannes (Volkslied, s. Roethe Bespr. v. De Gruyter, Tagelied, AfdA 16,94; s.a. 23,9), denn der Mann singt die ganze Tenorpartie, während im Discant Frau und Wächter wechseln und zwar:

Discant Tenor (beginnt)
13 - 14 a bis 'tal'
1 - 2 Frau 14 b - 15/16
17
3 Wächter 18
4-6 ebenso (Fr., W.) 19 - 24 ebenso
7 Wächter
8 Frau 25/26
27
9 - 10 Wächter
11 - 12 Wächter (od. Frau?) 28

Die Parodie auf das Tagelied erhellt schon aus dem Text (vgl. bes. Vs. 9 u. 12), wird aber in ihrer komischen Wirkung durch die Melodie noch erheblich unterstützt, die besonders die Wächterrufe mit zerlegten Dreiklängen und Quintensprüngen tonmalerisch ausgestaltet ('stand up ...'). Jnnigste Verschmelzung von Text und Komposition tritt hier zu Tage! Vgl. auch die Sätze von 45, mit seiner Tonmalerei der Vogelstimmen, oder von 14 mit den gegenseitigen Antworten. - Nach Zeile 7, 19 u. 28 scheint es sich um ein geheimes Nachtlager im Freien zu handeln.

Eine Bestimmung ist nicht möglich.

35

11 (34)

(Ah 93,f. 51 a; B 40, b. 16 b; C, f. 43 a)

Metr.: = 126; 83; - 59; 87 - nur in der Reimverteilung unterscheiden sich diese Lieder: 126 ist völlig gleich 11; bei 83 ist Reim b und c nicht = β und γ; 59 und 87 haben die Reimfolge a(c,d,e,),a,a,b(β = b) in den vier Strophenteilen. - 2 und 58, die auch in diese metr. Gruppe gehören, weichen im 4. Vs. metr. ab (2 hat –4–́; 58: –4–̤́), die Reimverteilung ist bei ihnen die gleiche wie 59 und 87. - Rep. haben nur 11 u. 83, mit dem geringen Unterschiede, dass die 4. u. 8. Zeile in 11 das Schema –4β–̀ hat und in 83: –4β–̤́. - vgl. auch die bei 113 bespr. metr. Gruppe.

Melod.: (18) gleich d. Mel. v. 126 (25); 83 (82). - Jn B ohne Melodiehinweis; in A Hinweis auf die Mel. v. 83 (sowie bei 126 Hinweis auf 11). Die andern metr. ähnlichen Lieder haben eigene Melodien.

2/3. ... Dreifache Negation! - "der nie ein Erdenwesen mit irgendeinem Aussehen gleicht". BC hat die Häufung abgemildert: 'mit aller hendlin ...' - 'hendlin' in dieser Verwendung für 'hand(e)' braucht O. gerne (15,55; 28,5; 40,16; 59,54; 62,21; 84,32); vielleicht nicht echtes Demin., sondern durch Missverständnis entstanden aus 'handlei' (s. Schm. Fr. I, 1122, wo Beispiele für 'handlei' aus Mich. Beh.; vgl. auch Kauffringer XVI, 422 'mit mangerlaihand stucken'.).

11. ... 'darumb ob': für den Fall, dass. - 'geplent', d.h. vom Tageslicht getrennt.

15. ... 'zölich' = zouweliche. - Stabreim!! - s.a. 37,3.

16. ... "zu gefährlichem Abenteuer"; vgl. 126,36 'in sorglich abenteuer'.

17. ... 'ir macht' - Jmp. m. Pron.! Auch sonst bisweilen: 94,57;

36

106,71; 119,4; Sing.: 17,38; 89,3; 96,49; 96,92; 101,31 ('eur genad' statt des Pron.) könnte ebenfalls hierher gerechnet werden. - Dieser Art des Jmperativs stehen allerdings 560 Jmperative ohne Pron. gegenüber! - vgl. auch zu 72,26 (2. Pers. ohne Pron.).

18ff. ... Vgl. 28,4/5; hier: 'sich erglenzt', dort: 'glanz (Präd.-Nomen!) zieret sich'!

20. ... 'gärbe' hier besser als Adj. 'gerwe' (vgl. 28,5) zu betrachten, dass als Reimwort 'varbe' nur verstärkt; wörtlich: "über alle bereitete Farbe".

21. ... 'Poliert' ist wohl nur bildlich zu verstehen; aber vgl. 36,63!

22. ... 'verlan': im Stiche lassen, versäumen.

24. ... 'härbe' = 'herwe', als Subst. zu 'hare, here'.

35. ... 'kürlich' ist syntaktische Parallele zu 'minnigliche), 34.

37. ... "das hast du verdient", nämlich dass ich 'dein stäter diener ewiklich' sein will.

39. ... Vgl. 6,62 u. 15,33; Komma nach 'sal'.

40. ... Appos. zu 'leibes sal'; - 'vol verstrecket': ganz voll. Die Bedeutung "versehen mit", wie sie Lexer nach B. Web. Gloss. hat, kommt wohl hier nicht in Frage; doch vgl. 4,15!

43. ... Zum Reim vgl. 37,44ff.

44. ... Vgl. Parz. 476,20; Wh. 122,23.

44/48/52/56. ... - iu - : öu - öfter bei O; vgl. 20,38/40; 26,27/29; 29,11/12; 49,7/8; 53,22ff; 75,46/47; 81,62/67; 117,166/172; vielleicht sind auch die Reime 'geude(n) : freude(n)' hierher zu ziehen, wenngleich die Etymologie von 'geud...' nicht ganz sicher ist; es sind die Stellen: 23,3; 44,5/6; (53,23); 54,22/24; 68,26/28; 71,33; 74,46/56; 76,29/32; 96,74/80; 97,46/47; 109,13 - auch 56,21/22 u. 123,7ff (-iu- : -eu- aus -ew-) gehören her, aber weder 12,37 noch 81,42/47 (s.d.), wie Maurer, S. 30f fälschlich annimmt! Vgl. auch zu 79,51 'euchte'.

37

48. ... 'Und im' - Fortsetzung des Relativsatzes mit dem ersten Subj. als Obj.!

51. ... Für 'traum' vielleicht 'taum' zu lesen (umida nubila)? Vgl. 10,19.

52. ... 'schidlich streuen': Auseinandergehen; vgl. 9,15; dagegen 18,16 u. 111,325!

Die Volksmässigen Elemente (die Scheune als Liebeslager!) treten hier ebenfalls zu Tage.

Eine bestimmte Beziehung findet sich nicht.

12 (44)

(Ag 54, f. 32 b; B 53, f. 23 a; C, f. 52 a)

Metr.: eigen.

Melod.: (94); eigen, zweist.

1/2. ... Vs. 2 ist beinahe wie eine lexikalische Erklärung zu 'leise' (vgl. Lexer zu 'lise', adv.: "auf leise, sanfte, langsame, anständige Weise"!!).

7. ... 'gart': Reigen (chorus), s. zu 6,26.

10. ... 'machen': 1. Pl. Jmperat.; oder imperativ. Jnf.?

11. ... noch von 'machen' abh.; aber die beiden ff. Vss. fallen in die asyndetische Farbenaufzählung (s.u.) - vgl. 37,37ff - 'schaunen', sowie 'schaune' 37,39 halte ich nicht für 'schūn = 'schôn, schoen', sondern für frz. jaung! ('schaunen, praunen'; 37,39 'praune, schaune'!); s. nämlich Maurer S. 28 f, dazu 7,39/40 Anm. 1!! - C hat missverständlich 'schonen' bezw. 'schöne'.

13. ... Komma weg! Ls. 'violplüemlin' (s. Türler), wobei trotzdem 'viol' als parallel zu den ebenfalls für 'plüemlin' gedachten Attributen in Vss. 11 u. 12 zu nehmen ist. - 'spranz' ist Adj. (vgl. 72,29), allerdings s.a. 'violspranz' 37,48.

38

14. ... 'Lunzlocht' - zu 'lunzen, lünzeln', also: mit einem sanften, müden Ton? (s. Sch. Fr. I, 1495) 'münzlocht' - ?? etwa zu 'münzen': prägen; bildl. für "küssen"?? Doch kann auch ebenso gut an eine Spielerei mit 'mund' gedacht werden. (eventl. auch 'mutze': vulva). Die Klangmalerei und Freude an Bildungen dieser Art ist ja letzten Endes die Hauptsache. 'klunzlocht' - entweder zu 'klünseln': schmeicheln, oder zu 'klunzen', owf.: Spalte (klunse) - beides s. Schm. Fr. I, 1336. 'zisplocht' und 'wisplocht': flüsternd, lispelnd - Alles Advv. zu 'sprāchen', das als Jnf. von 'sol' Vs. 16 abh. ist. Daher muss das Komma nach Vs. 15 'sachen' fort!

16. ... 'pösch.' s. zu 5,2.

20. ... Komma weg nach 'ergaum'! D. Folg. ist Obj. zu 'ergaum'.

23. ... ist Parenthese!

24. ... ls. 'smielisch', also: lächelnd (Diktat: "trielischmielisch..."?); beachte aber A 'mülisch' also: 'miulisch' zu 'mûl'!?); dann wäre der Reim 'treulich : meulisch'; aber BC haben hier wohl das Richtige, denn vgl. 5,3 'smiel' und bes. 70,7 'smielisch'. 'vöslocht' ?? eine Farbe? oder doch = voll Fasern (so B. Web. Gloss.), d.h. mit kl. Haaren auf der Oberlippe?? - Vgl. 79,107 'dünn lebs an vasen'!

27. ... Komma weg nach 'herzen'!

29. ... 'darauff', d.h. auf mein Herz. - Part.-Konstr. als Vordersatz in gleichem kondit. Sinn wie d. vorh. Konj. Prät.! Oder viell. doch auch schon hier wie Vss. 35ff, imperativisch!?

39

33. ... 'an allen pein' vgl. zu 7,50 u. 18,26.

35. ... 'múnd mündlìn gekúst' - so unzweifelhaft nach der Mel. und den Parallelzeilen 9 und 22!

36. .. 'prust an prust' würde zwar den Vers glätten, aber nicht im Sinne der ganzen Stelle sein; die Komposition gestattet, ohne Störung 'prüstlin' zu lassen!

37. ... 'rauch ...' vgl. 3,19. Die Reime pauch: rauch / peuchlin : reuchlin sind rein (-û-, bezw. -iu-)! Vgl. zu 11,44ff.

39. ... 'getust' ebenso wie 'gekust' (35, imperativ. Part. Prät.: "gedrückt!" (gestossen?)).

Aus diesem Lied leuchtet deutlich die schalkhafte Freude O.s an den Wortbildungen und ihrer Häufung hervor. Dabei ist die Versglätte bei all den Aufzählungen und dem verzwickten Versmass zu bewundern!

Eine Erlebnisbeziehung ist nicht erkennbar, trotz der sprudelnden Lebendigkeit dieses Liedchens. Allerdings steht hier nichts entgegen, an Sabine zu denken.

13 (46)

(Aa 30,f.18 b; B 56, f. 24 b; C, f. 53 b)

Metr.: eigen; zwei verschieden gebaute Strr. (vgl. 10 u. 46); bezügl. der Zeilenzahl s. zu Vs. 42.

Melod.: (107) zweist., eigen. 1-26 singt der Mann, 27-Schl. das Weib; auch in den Stimmen sind beide getrennt: Discant d. Mann - Tenor d. Weib, die hier doch wohl eine reichlich tiefe Stimme haben müsste (s.a. 14)! Z.T. zeigen sich Entsprechungen des Textes oder gar Antworten bei den zugleich gesungenen Stellen.

1. ... Antwort hierauf geben die ersten Frauenzeilen, 27ff.

40

5. ... ls. 'genat'; s.d. metr. Parall. Vs. 11!

6. ... ls. 'kurzlicher'!? Mel.:

Grafik

7. ... vgl. 72,21 wörtl.!!

8. ... Schatz hat hier mit Recht gegen die Hss. umgestellt; Behaghel, Lit.-Bl. (1903), 368 (Bespr. v. Sch. I), der dagegenspricht, hat jedenfalls nicht bemerkt, dass die beiden Teile des Liedes aufeinander reimen.

9. ... 'seuftenstoss' hier, wie 18,36, schon deutlich Kompos.!

10. ... Semikolon nach 'bekrenkt'! 'nicht wenkt' hat als zu erg. Subj. 'herz'.

11/12. ... Advv. zu 'nicht wenkt'. Bestätigung von 10b - 12 in Vs. 37!

15. ... "der kann doch wohl singen"! "zu dem passt es wohl, dass er singt!". - 'müglicher' ist nach der Mel. schon möglich, wenn auch Vs. 22 (Parallelzeile!) Auftaktlosigkeit verlangt. - Jn A viell. 'müglich', wie in Vs. 47? - Für die Bedeutung von 'müglich' vgl. auch 11,60.

18. ... 'pistus' - wegen des -s siehe zu 38,25.

26. ... 'an tadel frei' - vgl. 6,96 u. 16,27. Auf 20 - 24 Antw.: 45 - 47 -ebenso steht 48 zu 25/26 in Beziehung.

27. ... S.o. Vs. 1!

31. ... Z. erg. "bin" und Vs. 32: nämlich "mein".

33/34. ... Beziehung zu Vs. 7.

34. ... "komme ich deinen Wünschen entgegen". - 'betrachten' hier wie 'trachten', intr. m. Adv. ('dir wünschleich), also eigtl.: "ich trachte dir nach Wunsch" vgl. 86,3 'zesamen tracht' (Jmp. Pl.)!

36. ... Hier richtig gegen A BC: 'verdenkt' (s. Beh. a.a.O.).

37. ... s.o. Vs. 10bff.

38. ... zu d. La. v. BC s.o. zu Vs. 18!

42. ... Beachte die Parallelzeile 48! 'pillich sol ich - treulich

41

soltu'; also nach 'pillich/treulich' oder nach 'sol ich/soltu' ein Zwischenraum! Jm ersten Fall ist der Reim durch d. Mel. gestützt. Jn den beiden Stimmen stehen sich Vs. 16 u. 42 a, desgl. 17 u. 42 b gegenüber; würden danach die Vss. 42 u. 48 je in zwei Zeilen zerlegt, so wäre die Zeilenzahl bei beiden Stimmen die gleiche (s. II. Teil, 3. Kap.).

43. ... Punkt nach 'gezelt'! (wie Sch. I); - Ehrism. a.a.O. 252, will Punkt nach 'schier', Vs. 42 (??). 'fro gezelt' ist auf 'ich', Vs. 42, zu beziehen: "froh zu nennen", "glücklich zu preisen".

44. ... 'runst': umschreibendes Reimwort.

45-47. ... s.o. 20-24.

47. ... 'zier' umschreibend und verstärkend; daher ist es unerheblich und mehr Geschmackssache, ob man ('müglicher'), 'grosser' als Gen. Pl. auf 'freuden' oder als Dat. Sg. auf 'zier' bezieht; ich neige zum ersten. Aus metr. Gründen ist besser 'grosser' nach BC (so a. Sch. I!) in den Text zu setzen; hier verlangt a. d. Mel. nur zwei Silben!

48. ... S.o. Vs. 25/26 u. zu Vs. 42.

49/50. ... Komma nach 'mich', wie Sch. I! - 'wunniklich mich, dich freuen' ist Obj. zu 'halt' (Konj. Präs. 3): "selig uns (mich, dich) freuen", d.h. "unsere selige Freude behüte das Feldgeschrei: Ehre!"

Die ganze Art dieses Liedes passt vollständig in den Margaretekreis (vgl. die Duette 14; 74; 76!) hinein. Dazu kommen noch: Vs. 2f 'wie lang sol ich dein wesen an? den fremdikait (Entfernung, Trennung!) mir pringet pein', worin ganz die Stimmung der Lieder 71-73 ausgedrückt ist, desgl. Vs. 6 'in kurzer frist' zu 72,23; ausserdem aber bes.: die Parallelen zwischen Vs. 7 u. 72,21, die den anderen Kriterien den Untergrund gibt.

Jch schliesse mich daher Schrott und Ladendorf an, die beide diesen Zwiegesang in den Margaretekreis setzen. - Zeit: Winter 1417/18 (s. zu Ged. 77).

42

14 (51)

(Aa 40, f. 23 b; B 62, f. 26 b; C, f. 57 a)

Metr.: Aehnl. 74! Hier wie dort hat Vs. 6 jeder Halbstr. kling. Ausgang mit pausierter 4. Hebung (–4–̤̀), was durch die Mel. erwiesen wird; vgl. zu Ged. 4, Metr.!

Melod.: (109) Zweist., eigen; auch hier, wie 13, Disc. d. Mann, Ten. d. Frau! Allerdings sind die wirklichen Gesangsstellen meist nicht so tief; i. d. 2. Str. ist's ja auch umgekehrt. Z. Hs. s. Joh. Wolf, Gesch. der Mens.-Not., I 381; II, 140; III, 184 - überall steht über der Melodie in A: 'Albrecht'; an der letzten Stelle gibt W. eine Anm. i. d. er diesen Albr. für den mögl. Komponisten d. Liedes hält.

1. ... "durch die Kraft der rechten Liebe verfolgen mich immer die Gedanken" - vgl. 70,17!

4. ... Punkt nach 'mich', wie Sch. I.

12. ... Punkt oder Ausr. hinter 'sei' (Sch. I).

13. ... 'mit gerner milt': m. Entgegenkommen.

14. ... 'an schat', s. Maurer S. 57 d. übr. Belege für st. Flex.!

16. ... Punkt oder Ausr. nach 'beschehen' (Sch. I).

21/22 ... 31/33 ... vgl. 7,51ff - zur Betonung s. zu 45,37.

24. ... Weshalb Türler nach 'sein' Komma setzen will, sehe ich nicht ein (s.d. Zweizeiligkeit!); die Zeilen 25/26 sind Antw. d. Frau zu d. Mann (33/24) und geben noch Objekte zu 'pringt' (34)!

28. ... Besser Semikolon nach 'mir' (Zweizeiligkeit).

33. ... ls. 'dein' statt 'ewr' (sonst hier nur Singl.! vgl. auch 74; 76).

40. ... ls. 'tuen ich'; sonst O. nur so! z.B. 13,27; 22,11; 74,54; 77,34 usw. (11x)! 45,19 'tu ich' kommt wegen der Lautmalerei dieses Liedes nicht in Frage.

41/42. ... Vgl. Ged. 71, bes. Vs. 25f!

43

43. ... 'traun nein ich' - vgl. 38,4; 49,18; 80,6.

45. ... Ausr.-zeichen!!

55. ... 'durch abenteur': um A. willen, d.h. wenn man etwas erleben will, ...; d. Laa. von A u. B zeigen, dass die metr. Lücke hier empfunden wurde; wegen des Reimes zu 'neur' bleibt 'abenteur' am besten im Text und es wird ein 'so' vor 'muess' eingefügt; dies nachgesetzte 'so' erscheint bei O. 96 x!

47/48. ... "ihr trügerisches Verreden auf Böses hin".

47/57. ... 'valsch : hals' - Maurer, S. 51 schlägt hier vor, 'vals' zu setzen (wie auch 103,39; 120,63); doch nach dem auch sonst bei O. nicht seltenen Reimen von s : sch (Maurer gibt sie alle a.a.O.), hier einem reinen Reim zuliebe eine ältere Form für O. anzunehmen, der sonst in seiner Sprache deutlich Uebergänge zum Nhd. aufweist, erscheint mir nicht angebracht, zumal auch nicht einzusehen ist, warum gerade hier die Dinge anders liegen sollen als bei den übrigen s : sch, für die Maurer eine (allerdings nicht ganz befriedigende, s. zu 63,169) Erklärung findet.

Die bei Sch. I, Anm. 10 erwähnte Zweizeiligkeit des Gesprächs ist am Beginn auch glatt durchführbar! Vor allem wird sie durch die Komposition erwiesen, die, wie auch aus der Koller'schen Uebertragung zu ersehen ist, immer abwechselnd einen Zweizeiler die eine und den andern die andere Stimme singen lässt. Ein entsprechender Abdruck des Gedichts in einer solchen Reihenfolge hätte für die 2. Aufl. kein Wagnis bedeutet, denn er wäre der vom Dichter beabsichtigten Form entgegengekommen (s.a. Ehrism., a.a.O. 252); die Hss. haben ja auch eine weder metrisch noch inhaltlich gerechtfertigte Reihenfolge der Strophenteile 31-50, die Schatz umstellt! Bewusst angebracht ist sicher auch die Abwechslung der Reihenfolge der Sprechenden in den einzelnen Strr.: 1. Er - Sie; 2. Sie - Er; 3. Er - Sie!

44

Wenn auch der Jnhalt dieses Wechselgesangs mehr dem Gewöhnlichen entspricht, so bleiben doch Momente genug, die es sehr wahrscheinlich machen, dass wir es hier ebenfalls mit einem Liede des Margaretekreises zu tun haben: Versmass und zweizeilige Rede und Gegenrede sind ganz änlich bei Ged. 74, nur dass sich da die direkten Namen als Anrede finden; - 14,2 : 70,17 - 14,41 : 71!

Jch setze Ged. 14 daher, darin Schrott und Ladendorf folgend, in den Margaretekreis und damit in die Zeit 1417-1425 (Grundstock von A!), nach seiner Art jedoch mehr in den Anfang dieser Zeit (s. zu Ged. 77).

15 (76)

(Ah 99, f. 53 b; B 91, f. 37 b; C, f. 74 b; E (K) s. Sch. II, 47 f. u. 49)

Metr.: eigen.

Melod.: (92) zweist., eigen - ein Text.

3. ... Nach 'zein' stärkere Jnterp., Semikolon!

5. ... Komma weg nach 'vein'.

7. ... ls. 'slaffe' (so Sch. I!), C 'slaf'!! (Diktat in A: 'slaffeschrick' ?) - 'schrick' : 1. Pers. Jnd. Präs.!

11/12. ... Kolon nach 'krei'; Vs. 12 in "..."!

16. ... 'senlich puess': Liebeshilfe.

19. ... ls. 'liderlich unbevacht' (s.a. C!), vgl. Vs. 27, bes. d. Vss. 47, 55, 75 u. 83; überall metr. nach dem Ausweis der Mel.: / x́ x / ú u x / x́ x / x́ u /

20. ... 'ermlin' Gen. Pl.

22. ... 'kürlich' - hier etwa: so, wie es nicht besser sein könnte.

25/26. ... 'roter munt auffsleusst den punt' - vgl. 6,58; 12,36; 36,30. - 'verwunt': vom Pfeil der Liebe getroffen.

45

27. ... ls. nach C 'maisterlich ainen' (s.o. zu Vs. 19).

31. ... 'der sinne zal': alle Sinne.

33. ... vgl. 6,63 u. 11,39!

34. ... 'gral' Variation zu 'sal' - vgl. 11,31 (auch 6,63).

35ff. ... Dies Lied ist jedenfalls unterwegs (zu Schiff) gedichtet. Vgl. zu Ged. 6 gegen Ende, Anm.

40. ... 'von : verlan : stan ...' - O. reimt 'von' nur auf -ân (-an); doch vermeidet Schatz wohl mit Recht die Schreibung 'van', "da die Aussprache dieser Silben nicht sicher bestimmt ist" (Sch. II, 54); das gleiche gilt nach d. a. O. für die Reime -an : -un. Vgl. 56,43/44; 63,15/16; 63,125/26; 78,25-28; 96,78/84; 110,85/87; 111,130/32; 116,4, 8, 14, 20; 118, 225/26; 121,50/52.

48. ... 'prach' Subj. dazu auch 'm. h. hail', Obj.: 'das sail' = die Fessel meines Liebeswehs (vgl. 22,10, a. 28,40) löste.

49/50. ... 'ach' zwischen Kommata! - vgl. 71,19!

51. ... Zu erg. "ist".

53ff. ... vgl. 35,22ff.

54. ... 'renk' hier nicht = Wendungen, sondern = Fussknöchel, Fesseln (s. Schm. Fr. II, 122 unt.); 'gelenk' besser als Adj. zu nehmen (so auch B. Web. Gloss.), dann muss das Komma zwischen 'renk gelenk' fort!

55. ... 'mangerlai hendlin' s. zu 11,3 - 'schrenk' ist am besten wohl als Singl. Fem. anzusehen: 'schrenke' = Verschränkung (vgl. 21,14; 35,25; auch 22,21).

62. ... 'grot'! vgl. ähnl. Reimzufluchten zum Ndd.: 33,10; 37,106. - 'unval' = 'ungeval' scheint noch nicht früher überliefert zu sein.

63. ... zu erg. "habe ich".

65. ... 'lent' gehört wohl eher zu 'lenen' als zu 'lenden', das Lexer (nach B. Web.) hier ansetzt.

67ff. ... vgl. 8,15.

69. ... 'Bedenka jo' vgl. 72,22 'wenda jo'!

46

71. ... zu erg. "mich".

74. ... 'das' ist rel.! - 'allreit' = 'alreite', "bereits, schon"; Komma nach 'beklait'.

75. ... 'schön' ist Subst.!

76. ... besser wohl Komma nach 'geleich', denn das folg. 'von' bezieht sich doch enger auf 'reich' wenn auch das Verb für Vs. 78 aus 'wurd' herauszuholen ist.

80. ... Vgl. 19,13 (auch b. Hätzl.!).

82/85. ... Merkwürdig sind die C-Schreibungen 'eeeee' und 'meeeeeee', denn einmal 5, das andere mal 7 e ergeben jedesmal 5-hebige Verse, wenn man die e einzeln liest. Allerdings geben weder Mel. noch metr. Bau einen Anhaltspunkt dafür; auch ist ja Vs. 85 eine Anhängezeile.

82. ... 'gruent': Konj. Prät. - 'gr. m. kle': "ginge es mir nach Wunsch".

84. ... 'kre' aus 'krei' (wei 'schrei/schrê!); vgl. 19,17; 98,21.

Die Anspielungen Vs. 35ff lassen ein direktes Erlebnis dahinter vermuten; etwa die im Auftrage von Sabine unternommene Pilgerfahrt (s. II. Teil, 1. Kap.)? Doch können die angezogenen Verse auch eine etwas hochtrabende Wendung sein, hinter der nichts steckt. Jch wage jedenfalls nach der Art des ganzen Liedes nur zu sagen, es kann in den Sabine-Kreis gehören; in den Margaretekreis kaum, trotz der scheinbaren Uebereinstimmung von Vs. 49/50 mit 71,19, weil der ganze Charakter des Gedichtes nicht dazu passt.

47

16 (38)

(Aa 27, f. 17 a; B 47, f. 20 a; C, f. 49 b)

Metr.: eigen; Zeilenzahl s. unt. zu Vs. 1.

Melod.: (26) eigene, sehr zierliche Tanzmel. mit volksmäss. Einschlag (s.u.)

1. ... Der Vorschlag Türlers, 'schier' in die erste Zeile zu setzen, ist nicht richtig, da Schatz metrisch abteilt. Diese Frage fällt aber unter den Tisch, denn nach Ausweis der Mel. sind die Schatz'schen Zeilen 1/2, 3/4, 5/6, 7/8 jeder Str. als je eine Zeile zu lesen! Die Strr. sind also 11-zeilig.

6. ... 'pfifferlingen' vgl. 36,36; 75,42; auch 40,19; 60,4. 'roch' doch wohl: Turm des Schachspiels; hier bildlich für die Pilze.

11/12. ... vgl. 15,70; es handelt sich wohl um eine ähnliche Gedankenrichtung (s. Vs. 15!).

12. ... Punkt oder Semikolon hinter 'lie'.

15. ... 'der kranz von rosental': der Rosenkranz als Zeichen der Liebesgunst - übertr.: die Liebesgunst selbst.

16. ... 'güet : tuet' - dieser Reim und 55,31 'beschueff : prueff : rueff' sind die einzigen sicheren Reime von -uo-:-üe- bei O.; die anderen lassen sich alle leicht auf dem Wege über Doppelformen u.ä. beseitigen. Ob Umlautlosigkeit oder auch das Gegenteil vorliegt, wie Maurer S. 14 als möglich ansieht, erscheint mir gerade an der Hand dieser Beispiele fraglich. Es wird sich um grob unreine Reime handeln. Denn es darf doch nicht ausser acht gelassen werden, dass O. -ue-:-üe- so selten untereinander reimt. Diese beiden Laute waren jedenfalls zu seiner Zeit auch schon in der tir. Mundart ähnlich von einander geschieden wie heute ('ue' und 'ie', s. Schatz, Tir. Ma., ZsFerd. 47,45). - Vgl. 55,31; a. zu 79,14.

48

16-23. ... Die von Türler vorgeschlagene Jnterpunk. ist anzunehmen; also: Komma weg nach 17 'dick', auch Kolon nach 18 'verkeren'; Komma weg nach 20 'sparen'; Komma bleibt nach 28 'quelen': "Deine weiblich Güte (d.h. du) straft und züchtigt mich durch das Verkehren meines Begehrens (d.h. das Abprallenlassen): darum erschrecke ich umsomehr. Lass um Meinetwillen deine Blicke umherfahren und nicht sparsam sein. Meine Qual, (nämlich) dein Heimlichtun, werde schnell mir zum Troste". So muss man meiner Meinung nach am Schluss übersetzen und nicht "schicke mir bald tröstliche Botschaft", wie Türler!

27. ... Pleonast. 'ane ... ploss' - vgl. 6,96; 13,26.

28. ... 'zam' Subst.! Hier wäre Neutr. d. Adj. möglich: "das was angebracht wäre" oder "Vertrauliches". Aber nach 23,10 ist wohl auch dies stf. (s. a. zu 6,42).

42. ... 'schat' - vgl. 14,15, wo 'schat' st. Acc. zu 'schade' ist; die Belege anderer st. Accuss. vom sw. Subst. bei O. s. Maurer S. 57. Diese Stelle ist da nicht vermerkt - es liesse sich allerdings denken, dass hier 'schate' gemeint sein könnte, wenn mir auch 'schade' das Richtige zu sein scheint. Es steht hier, wie 14,15, dem Reim zuliebe (vgl. 29,6 'schaden' im Versinnern).

45. ... 'dem (nam)' A -- viell. 'dein' zu lesen? Oder weist das nur auf schriftliche Vorlage, deren Zusammengeschriebenes 'denmanin' der Schreiber falsch trennte? (s. Schm. II, 32).

Die metr. Gestaltung dieses Liedes in Verbindung mit der Melodie birgt Jnteressantes, denn es scheint eine volksmässige Melodie zum Zwecke mehrst. Satzes mensuriert zu sein. Die Mensurierung wird nämlich bei dem Versuch, das Lied einstimmig als Tanzlied zu singen, durch das textlich scharf ausgeprägte Metrum durchbrochen! - Auf eine genauere Bestimmung des Liedes muss mangels jeglicher Anhaltspunkte verzichtet werden.

49

17 (28)

(Aa 14, f. 7 b; B 17, f. 7 a; C, f. 16 b)

Metr.: gleich 7; 90; so gut wie gleich 98; 102; 105; 122; fast gl. 57; Rep. = Rep. von 7, auch 6. - Näheres zu dieser metr. Gruppe s. zu Ged. 57, Metr.

Melod.: (67) fast gl. d. Mel. v. 57 (47), mit dem Einschub des 2-Takters; ohne Melodiehinweis i. d. Hss.!

1/2. ... 'heng und lass', nämlich die Segel; d.h. "zieh die Segel nicht an sondern lasse sie flattern, bis du den richtigen Kurs hast (s. Vs. 23! da erst werden die Segel hoch und straff gezogen).

3. ... 'marner' hier: Schiffsherr - dagegen Vs. 46 i. Pl.: Matrosen.

4. ... 'stat' - s. Vs. 8 'stet'! (Sch. I hat auch hier 'stet').

6b. ... fehlt, wie 22b, der Auftakt; dieser hat in der Mel. eine dreitonige Ligatur: so ... / pistu / o o o / o o /, die sehr wohl noch um einen Ton ausgedehnt werden könnte: o o o o / o o / o ... / -der / mit ... / -ten / also im Singen stört die Auftaktlosigkeit nicht.

8. ... 'mag du' - B. Web hat 'magstu' im Text mit den Laa. 'mag du' für WX, ebenso Sch. I im Text mit den Laa. 'mag du' für AaB; also C: 'magstu'?! Dass 'mag du' auf spirantisches g weist, also für 'mahtu' steht, ist kaum anzunehmen; es wird, ebenso wie die anderen bei O. nicht seltenen (meist durch Reim bestätigten) Formen der 2. Pers. Sing. Jnd. Prät. (st. und sw. Verb! s. Gloss. unter "Präteritum") eine Angleichung an die 1. 3. Pers. sein. (Maurer, S. 61 u. 63, gibt diese Formenbeispiele nicht vollständig). - Vgl. auch zu 94,52. 'mag du mir wol erschiessen': kannst du für mich von gutem Nutzen sein; vgl. 69,4 i. ähnl. Sinne.

16. ... Es liesse sich 'gviel' lesen; aber der zweisilbige Auftakt stört nicht so übermässig und ist ausserdem durch die Mel. in A gestützt (B hat nur zwei gleichhohe Noten, was nichts beweist).

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18. ... 'vor kalamiten': vor Magnetbergen.

20. ... 'die prüeff zehant ker in levant' - das Komma nach 'zehant' muss natürlich fort, ebenso nach 'levant': "Die Aufmerksamkeit, dein Trachten wende stracks nach Osten und ...". Es wäre allerdings verlockend, hier, im Zusammenhang anderer Seetechnischer Ausdrücke (s. bes. d. Vs. 30f u. 43), bei 'prüeff' etwa an eine ähnliche Einrichtung zu denken, wie sie der vertikale Strich im Busselenkasten oder der horizontale auf der Glasscheibe des Kastens darstellt; beide zu dem Zweck, die Richtungslage des Schiffsrumpfes zu kennzeichnen. Der Steuermann muss so führen, dass diese Linie sich mit der beabsichtigten Kurslinie auf der Bussole deckt. - O. hat dies Wort nur einmal (55,31) in ganz anderem Zusammenhang - es scheint anderweitig nicht belegt zu sein. Die Bedeutung ist in beiden Fällen klar und entspricht der von 'prüeven' stn. und 'prüevunge'.

22. ... 'in den poppen' - it. 'poppa' Fem.! (Port., Span. popa). Dies sind die Herkunftswörter! Lat. 'puppis' erst mittelbar (s. Lexer, II, 285) - Sch. I hat 'in dem' mit BC; hiernach Behaghels Vorschlag (a.a.O. 368) geändert mit A. - Als Mask. auch belegt in der Schilderung einer Seereise von Venedig nach Beiruth (Henrici, ZfdA 25, 59-70), passim.

24. ... 'vach den gast', d.h. den Ponant, den Westwind. Ob 'vâch' oder 'vach' anzusetzen ist, lässt sich nicht entscheiden, da der Sinn in jedem Falle der gleiche bleibt.

25. ... 'timun' - hat A nicht viell. 'timon'?! it. 'timone': Steuerruder; doch wird es sich hier wohl um den Steuermann handeln, der auch in der zu Vs. 22 genannten Reise 'Thymon' (tymon) heisst (s. K.H.E. Krause dazu, a.a.O., S. 184).

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(25). ... 'noppen': hüpfen; auch: stossen (Schm. Fr. I, 1751); also "stampfen" oder auch "schlingern". Das Ruder soll dem Schiff eine solche Richtung geben, dass diese Bewegungen verhindert werden.

26. ... 'Maistro provenz' - it. 'maestro' und 'maestrale' schon allein = Nordwestwind. 'provenz' weist ebenso wie 'Trumetan' und 'Grego' auf den Standpunkt des ital. Seefahrers.

27. ... 'Trumetan' - vgl. 6,80 (Nordwind).

28. ... 'Grego: it. greco' - Nordostwind. - 'o. zen': bei dem Winde segeln, anluven; d.h. der Wind kommt schräg von vorne; vgl. it. 'orzare'; span., port. 'orzar'1; (la) orza: Backbordbrasse nach ZfdA 25, 135 (s.o. zu Vs. 22 u. 25) - vgl. a. zu 'potzu' (29).

29. ... 'katza, otzu, karga' -. katza: cazza = hol an! zu it. cazzare, span., port. cazar = (ein Tau) anziehen, anholen. potzu: wohl 'potza' zu lesen - = it. poggia, Steuerbordbrasse?! Viell. aber eher Jmp. zu 'poggiare', anluven (s.u.). karga: carga = hol nieder! z. ält. it. cargare (= cariacare), span. cargar (las velas) = niederholen; vgl. a. it. 'il carga basso' = d. Tau z. Niederholen eines bestimmten Segels. Es handelt sich also höchstwahrscheinlich um Manöver beim 'orzen' (nach links an den Wind gehen), bezw. beim 'potzen' (nach rechts an den Wind gehen); dabei müssen dann bald diese, bald jene Segel (oder ihre Taue) angeholt oder niedergeholt werden. Zu diesen Befehlen ist 'behend' Adv. - Komma muss nach 'behend' stehen, und der Punkt nach 'firmament' fort, denn 'm. d. mensur ...' gehört zu 'den magnet lent'.

1Dies u.d. ff. Ausdrücke meist nach Bobrik, Naut. Wb. Lpz. 1858.

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30f. ... 'mensur' ist wohl die Strichteilung der Windrose. - 'des kimpas firmament': die Orientierung des Kompasses. - "Lande die Magnetnadel mit Hilfe der Strichteilung und der Orientierung des Kompasses" - "lande", d.h. bringe sie zum Stehen, durch Wendung des Kurses in die gewünschte Richtung (s.o. z. Vs. 20!).

31. ... 'Levant' hier: Ostwind (s.z. 6,2); 'forzen', it. forzare = bewältigen, d.h. vom Ziel, vom Kurs abbringen.

32f. ... 'Wassa alabanda': it. 'bassa alla banda', "hinunter an der Seite!" (bassa = Jmp. zu bassare). - Wassa = bassa vgl. 64,29 wargatin = it. barchettino und 77,32 well = bella (auch 27,21 well- = belle). - 'springen': imperativ. Jnf. - 'in die sutten' vgl. Tannhäuser, HMS. II, 95a 'der smak der von der sutten gat, der ist nicht guot geverte'; Apollonius (DTM. Singer, Vs. 16138) i.d. Strassb. Hs. (A) 'werft mich in die sutten wider'; nach Strobl gleich dem 'projicite me in sentinam navis' der Quelle Heinrichs (d. anderen Hss., mit ihnen Singer, haben 'sucht'!) - 'sutte' (im Schiff) = sentina, das Bodenwasser des Schiffs, dann der Raum, wo es sich befindet: der Kielraum (vgl. it. sentina = Kielraum!) - 'teuff' - sonst 'tieff' bei O. (4 x im Reim!); vgl. 81,42 'leup' (: gestreupt - so zu lesen mit Türler, S. 115), s.a. Maurer S. 31f. - 'nach, hinab' Ausr.-Z. - 'sutten hinab' beim Vortrag mit Ekthlipsis: 'suttenab'!

34. ... 'forton': it. fortuna, der Sturm; vgl. Röhricht u. Meisner, Deutsche Pilgerreisen ... (Bln. 1880), S. 68 (die fortun), 70 (von der vortun wegen), beides 1436, Reise Georg Pfinzings a. Nürnbg. - S. 341 (grosser Fortuna, Gen.), 1496, Reise Peter Rindfleischs a. Breslau.

35. ... 'da' als zeitl. Konjunktion (du BC!)?!

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38. ... Jmp. m. Pron. s. zu 11,17.

40. ... 'Scherock': it. scirocco, der Südostwind. - Komma nach 'widerstreit'.

41. ... 'leit' ist Jmp. zu leiden (lîden). - 'schroten': moveri, quassari (B. Web.). - 'in dem wagen' - es läge ja nahe, 'in den' anzusetzen, aber es scheinen alle Hss. 'dem' zu haben (s. dagegen 20,3!), und die Stellung im Reim lässt für O. durchaus die Ausnahme sw. Flexion zu (vgl. z.B. 6,108; 83,215; Maurer a.a.O.). Dass hier nur an 'wâc' zu denken ist, scheint mir eher annehmbar, als etwa der Gebrauch von 'wagen' für Schiff (das Himmelsbild "Wagen" kommt nach dem Zusammenhang nicht in Frage).

43. ... 'vach ein quart mit des zirkels furm' - quart = 1 Kompasstrich (= 11°15'), d.i. ein Viertel des Winkels zwischen je zweien der acht Hauptrichtungen (s.u.); franz. quart, span. quarto, it., port., quarta für diesen Winkel! - 'mit des zirkels furm', ähnl. wie Vs. 30 'nach des kimpas firmament' (vgl. it. compasso!). Also: "Mach eine Wendung um einen Kompasstrich", etwa um den entgegenkommenden Wind auszunutzen, oder um von dem von der Seite kommenden Wind nicht zum Kentern gebracht zu werden.

44. ... 'durm' - Sch. I hat 'turm', alle Hss. 'd-' - 'türmic', schwindlig (vgl. 37,35 'türmli').

45. ... 'kalla fella eiola grosso' - kalla: cala = lass herab! it. calare, span. calar. fella: vela = das Segel; it., span.; beachte f- auf Rasur A! eiola: ?? ebenso 'grosso' in diesem Zusammenhang?? Sind das nähere Bezeichnungen für 'vela' (im Naut. Wb. ist bei d. Segelbez. nichts Derartiges zu finden), oder ist 'eiola' auch ein Jmperativ??

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(45). ... Daher ist auch noch nicht festzustellen, ob 'kallá fella éiola grósso ...' oder 'kalla félla eióla grósso ...' gelesen werden muss.

46. ... 'plassübla': it. plausibile, beifallswürdig, annehmbar, einleuchtend, als Adv. zu 'rüeg'; es ist hinter 'marner' ein Kolon zu setzen: "sei mit dem Tauende nicht zurückhaltend!" Dies ist jedenfalls die nähere Erläuterung zu dem ersten! Vielleicht hörte O. in diesem Zusammenhang auf dem Schiff den Befehlenden etwa sagen: "Te lo faro plausibile!" - Nach 'halt' Punkt oder Ausr.-Z.

43-46. ... sind ein Einschub, der die Tätigkeit auf dem Schiff im Sturm vor Augen führt. Mit 47 beginnt die eigentliche Fortsetzung des Satzes. Daher sind die Vss. 43-46 am besten in Klammern zu setzen.

47. ... 'kump mit gewalt' bezieht sich auf das Subj. 'wurm' (42!); hinter 'gewalt' ist ein Semikolon vonnöten. Diese Lösung scheint mir glatter, als in Vs. 47 Konstr. ἀπὸ κοινου̃ anzunehmen. - 'Ost': it., span. 'ostro' = Südwind (s.u. d. Zusammenfassung; vgl. dagegen 6,83 'Ost'!). - 'in' bezieht sich in jedem Falle auf den Schirocco.

48ff. ... Die Reime im Vortrag mit Ekthlipsis: 'kum̄ : vernum̄ : frumm̄' (s. C!).

49. ... 'mit halber macht', d.h. der Wind kommt von der Seite.

50. ... 'isso' entweder zu ält. it. 'issa': nun, jetzt; viell. m. Reminicenz an 'iezuo' (ietzo - itzo) - oder es ist gleich dem it. Demonstr. 'esso'. - Jm ersten Falle hiesse es also: sogleich; im zweiten wäre 'isso zu frummen' = "ebendem - d.h. dem Segeln mit halben Wind - zum Nutzen", also etwa: "zu diesem Zweck". 'chaiola reiben' ?? - B. Web. hat im Text 'reyden', Wustmann (AfdA 31, 129) 'reyden' als La. für C! - Doch ist 'reiben' wohl das Richtige; denn franz.

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'cajoler': schmeicheln, liebkosen (it. cajolare?) berührt sich in der Bedeutung damit, zumal die Handlung, die hiermit wohl gemeint ist, durch das franz. Wort bildhaft ausgedrückt würde: franz. cajoler als term. techn.: Mit Hilfe des Stromes gegen den Wind fahren.

51/52. ... 'die Steuer': puppis (Schm. Fr. II, 778). - 'im', d.h. dem Südwind; der Kurs ist also N oder NO (s. Vs. 49), etwa nach der Abfahrt von Tripolis?!

53. ... 'Gorwin': it., span., 'garbino' = Südwestwind (arab. garbi = westlich).

55/56. ... Zu dem Reim 'oriente : sente' vgl. 53,61/64 durchgründen : erzünden (Dat. Sg. Fem. Ptz. Prät.); 97,76/77 lande : erkande; 106,40/44 kante : ande; s.a. zu 28,1 (-d- : -t-) und 70,32 (-ld- : -lt-).

Die Einkleidung in der Form des Kreuzzugsliedes ist ziemlich lose und geht nur aus der 1. Str. und der Schluss-Zeile der letzten hervor. Auch sind die nautischen Kenntnisse des 'herzen freulin' etwas - erstaunlich.

Neben den it. Befehlen, Fachausdrücken usw. sind wohl am interessantesten die acht Winde, die mit ihrer Gunst oder Ungunst für die Fahrt nach 'Suria' aufgezählt werden. Die Art der Darstellung zeigt recht genaue Kenntnis und lässt auf eigene Erfahrung schliessen. Die Winde stehen in der Reihenfolge der Windrose:

Ponant ... W
Maistro prov. ... N W
Trumetan ... N
Grego ... N O
Levant ... O
Scherock ... S O
Ost (= ostro) ... S
Gorwin ... S W

Diese Folgerichtigkeit und Benennung erweist zumindest die Bekanntschaft mit der ital. Windrose mit diesen acht Hauptwinden (vgl. K. Kretschmer, a.a.O. S. 185ff). Zusammen mit den Folgerungen aus Ged. 6 muss man aber auch hier an das Kartenbild

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der Kompasskarten denken, bei denen die Kompasslinien einen besonders in Auge fallenden Bestandteil ausmachen. Allerdings sind die Richtungen selbst meist nicht benannt. Nun hat die schon bei 6 erwähnte grosse Katalan. Weltkarte (vgl. Nordenskjöld a.a.O.) auf ihrem westl. Teil eine in den Atlant. Ozean westlich Spaniens gezeichnete Windrose, bei der die Richtungen benannt sind: tramuntana, grego, levante, laydoch, mezodi, labetzo, ponente, magisto! Die Vorstellung einer solchen Karte ist also auch im Zusammenhang von Ged. 17 ziemlich sicher anzunehmen.

O. zeigt übrigens eine genauere Kenntnis und Vorstellung von den Winden als Tannhäuser, in dessen Seefahrtgedicht sie durcheinander und mit Wiederholungen (!) aufgezählt werden; dieser erstrebt seltsamerweise die Zahl 12, obgleich im MA. die achtteilige Windrose vorwiegend im Gebrauch war (s. Kretschmer, a.a.O.). Sollte da irgendeine Ueberlieferung der 12-teiligen Windrose Karls d. Gr. dahinter stehen, trotzdem diese nach Kretschmer (S. 185) praktisch kaum in Anwendung gekommen ist, auch nicht bei germanischen Seeleuten?! Tannhäuser hat die Windnamen nur vom Hörensagen bei seiner Reise, während bei O. v. Wolk. doch wohl praktische Erfahrung vorliegt, es sei denn dass 64,29/30 '... mein wargatin; ... ain kauffman was ich ...', nicht wörtlich zu nehmen ist.

Die schon berührte lose Einkleidung des Gedichtes macht mir eine bestimmte Beziehung unwahrscheinlich (etwa auf Sabine, wie Passarge meint, im Anschluss an die B. Weber'sche Schilderung von S.s Forderung einer Pilgerfahrt; auch Motz S. 18f u. 51, schliesst sich dem ohne weiteres an!).

17 steht in A mit 65 und, nur durch die Gedichte 1 und 2 (s.d.) getrennt, 64; 63; 6; 36 zusammen, also mitten unter Liedern von der Reise 1415/16 (s. zu 6 u. 36). Die geographisch-nautischen Stellen machen nun ganz den Eindruck von Dingen, die O. beherrscht und nicht eben erst kennengelernt hat. Es liegt

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daher, mit der Stellung in den Hss. zusammengehalten, nahe, anzunehmen, dass ihm durch das Ceuta-Unternehmen seine frühere Erfahrung bezügl. der Seefahrt wieder in Erinnerung gebracht wurde und dass eine ihm dabei oder sonst in Spanien zu Gesicht gekommene Weltkarte mit benannter Windrose (s.o. und zu 6 Anm.) ihn angeregt hat, in einem Lied mit diesen Kenntnissen etwa am Hofe von Arragon zu glänzen.

Der Ansatz Aug.-Sept. 1415 für Lied 17 ergibt sich deshalb, meine ich, ziemlich ungezwungen, wenn auch etwa die Zeit der Palästinafahrt (s. II. Teil, 1. Kap.) denkbar wäre.

Es erübrigt sich noch, ein Wort zu der verschiedentlich erscheinenden Auffassung der Winde als lebender Wesen zu sagen: Schon in 6 sieht man Anfangs den 'edel element' Levant als Tagesboten pustend über die Welt 'von ort zu ent' fliegen und von Ponent vertrieben werden. Auch ebd., Vs. 80ff wird der Trumetan angeredet und ihm Vergesslichkeit vorgeworfen; Süd und Ost 'spazieren' herein; das 'schricklich widergrein' des Ponent (wie am Anfang) wirkt ebenfalls durchaus personifizierend!

Jn 17 sind nicht alle Winde in dieser Art verlebendigt, aber doch auch die meisten. Schon 25/26 hat man stark den Eindruck, als wenn von lebenden Wesen die Rede wäre. 27 'grego, der man' bringt dann bereits deutliche Personification, sodass auch in diesem Zusammenhang der Levant, 30, persönlich genommen werden kann. Der Schirocco erhält die wirksame Apposition 'der wurm', bei deren Wahl ja natürlich das Reimbedürfnis des im Zusammenhang nötigen 'sturm' mitgesprochen haben wird. Die personif. Wirkung wird aber nicht dadurch abgeschwächt, denn vorher 'mit neit' usw. wirkt auch schon in der Richtung! Von hier aus lässt sich ferner der persönliche Eindruck der Ost(ro) und Gorwin(o) nicht verhehlen, wenngleich bei diesen die umgebenden Worte nicht so deutlich sind.

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Literarische Momente möchte ich nun für diese Personificationen nicht annehmen, ebensowenig Vorstellungen von Kartenbildern, denn die Darstellungen von Winden in Gestalt pustender Köpfe habe ich auf Karten erst etwa von 1500 an gefunden! Sonst allerding erscheinen sie auch schon früher (vgl. A. Hauber, Planetenkinderbilder u. Sternbilder, Strassb. 1916, S. 15 u. 18); doch passen die Personificationen ganz zu O.s starkem Zug zur Bildhaftigkeit und sind eben ein Beispiel dafür, wie seine Naturnähe ihm bei allen Erlebnissen der Art die Vorstellung lebender Wesen bringt (s. II. Teil, 2. Kap.).

Nach dem Voraufgehenden sind daher, sowohl in 6 als in 17 die Windnamen gross zu schreiben.1

1Vgl. hierzu Beyrich, S. 33ff, bei dem aber 17 fast ganz fehlt, ja, als Personif. nur Vs. 21 'ponent', der einzige Wind, der hier nicht pers. ist, angeführt wird! Auch sonst ist manches mit Fragezeichen zu versehen. - Türler S. 56ff schränkt den Begriff der Personification gegenüber B. ein, S. 57 nennt er ausserdem z.B. die von Ged. 6 "farblos"! Trotz mancher sonst richtigen Einschränkung gegenüber bedingungsloser Anerkennung wird T. in diesem Kapitel über die Personif. Oswald doch nicht ganz gerecht, glaube ich.

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18 (42)

(Aa 33, f. 20 b; B 51, f. 22 a; C. f. 52 a)

Metr.: eigen; drei Stollen, d.h. der 3. Stollen hinter dem Abgs., bezw. der 2. Teil des Abgesangs hat die Form eines Stollen und auch dessen Melodie - also sowohl metr. als melod. Annäherung an die Da-Capo-Form1! Die Zeilen 1/2, 4/5, 7/8, 9/10, 11/12 jeder Str. sind nach Ausweis der Mel. besser als je eine Zeile zu lesen; also 8-zeilige Strophe!

Melod.: (84) eigen; zweist., im Discant die Melodie!

1. ... ls. 'seneleiches', wegen d. Auftaktes; vgl. d. Vss. 4, 14, (17), 27, 30.

4/5. ... weib : leib : schreibt : treibt; (vgl. die Parallelstellen!) - O. hat eine Reihe

1Vgl. Günther Müller, Stud. z. Formprobl. d. Minnesangs, Dt. Vjs. (1923,1), S. 61ff; daselbst in Abschn. IV und V (S. 90ff). Untersuchungen über die Dacapoform im Minnesang (Wizlaw ausführl., Wa., Reinmar d. Ae., Nor., Hartm., Licht., Winterst. usw.) - desgl. Dersl., Die Strophenbildg. b. Ulr. v. Lichtenst., ZfdA 60, 33-69. G. M. versucht "das musikalische Formprinzip der Rückkehr des Schlusses zum Anfang als bedeutsam für die Strophik des Minnesangs nachzuweisen". Es ist gerade auch aber aus seinen (bisweilen recht gesuchten) Beispielen nur zu ersehen, dass diese Form, bes. in den Liedern mit Tanzcharakter, eine gewisse Rolle gespielt hat, ohne jedoch überragende Bedeutung zu gewinnen. Besonders ist oft eine Divergenz zwischen Strophenform und Melodiegestaltung in Bezug auf diese 3-Teiligkeit zu erkennen. Ein Zurückbiegen der Mel. des Abgesangs-Schlusses in den Aufgesangs-Schluss ist ja häufig, aber doch nicht schwerwiegend genug - erst später im 15./16. Jh., zeigt sich ein stärkerer Einfluss der Melodieform A-B-A im Meistergesang (vgl. z.B. manche Melodien in der Kolm u. bei H. Sachs) - O. jedenfalls hat diese Gestaltung auch, doch von irgendwie grösserer Bedeutsamkeit kann hierfür bei ihm ebensowenig die Rede sein; ganz offensichtlich in Text und Melodie haben diese Form eigentlich nur Ged. 18 u. Ged. 80, während sonst entweder Divergenz zw. Text u. Mel. besteht (wie z.B. bei 54 - 55; 71; 104 -) oder nur ein kurzes Einbiegen am Schluss in den Schluss der Aufgesangsmelodie sich findet. Vgl. z.B. die Gedd. 1 - 2; 11; 58; 59; 83; 87; 126; - 42; 44; 119. - nur textlich vgl. z.B. 120; auch 95; 97.

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Reime dieser Art (63,89/91 lank : schankt; 64,42 spreutzt : kreutz; 81,42/47 leup : gestreupt; 97,63, 67, 74 schatz : -satz : fürgehatzt); sind diese einfach als unreine Reime anzusehen, wie Maurer es tut? Es handelt sich doch wohl um Verschmelzung des -t mit dem stammausl. Konsonanten (-pt wird zu -p; -nkt zu -nk; -tzt zu -tz) - s. Weinh., BG. § 143. Zu beachten wäre hierzu die La. zu 95,42/43 gemenk : verhenk (A), wo beim ersten das -t erst vom Schreiber b (Osw.?) hinzugefügt ist! - Der Reim 18,34/36: 38/39 gehört nicht hierher (s.d.).

5. ... 'gen Josaphat' - ins Tal des Todes, in den Tod.

6. ... beachte: 'ist' statt 'sind'! O. braucht beides bei Aufzählungen dieser Art und Nachstellung des Prädikats, aber der Sing. ist doch häufig genug, dass man eine Neigung O.s dazu feststellen kann - vgl. z.B. 36,16ff; 48,15f; 53,22-28; 68,12; 70,12f; 73,13f; 94,9ff; 94,35f; 106,13, 18, 22; 115,19; 122,45f usw. - mindestens ebenso häufig sind die Stellen, bei denen das Präd. voransteht, aber da gibt sich die Beziehung auf nur eins der Subjekte leichter. Jm Vers sind ja für dies Frage nur Fälle mit solchen Verben von grösserer Bedeutung, deren Singl. sich ohne metr. Schwierigkeit durch Pl. ersetzen liesse. Es bleiben aber auch dann noch genug, um eine solche syntaktische Neigung für O. zu erweisen.

9. ... Nach 'not' stärk. Jnterp., etwa Semik., denn es folgt ein neuer Gedanke.

10. ... Diese Zeile scheint im Widerspruch zum sonstigen Jnhalt des Liedes zu stehen, denn er verhehlt der Geliebten ja gerade nicht seine bedrängte Lage und bittet sie um Abhilfe. Oder will er damit sagen: er zeige es nicht, wenn er vor ihr stehe; dies Lied solle es ihr sagen? Zur Metrik von 9-11 (u. 22/24) s. zu 34/36.

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13. ... 'genaden', subst. Jnf.; - 'an dem zil': schliessl., zuletzt - "dafür erwarte ich doch zuletzt gewähren".

15. ... Mit Türler, S. 111, Ausr.-Z. nach 'jo'.

16. ... 'schidlicher fr.': friedlicher Fr.; vgl. 118,325; auch 89,21 (schidung); dagegen 9,15 u. 11,52.

17. ... ls. délphìn - s. B, das 'delephin' hat.

19. ... Nach 'sturm' Komma, denn es kommt ein neues Subj. (d. vor. Obj. 'in').

20. ... ls. 'sunnen glast' - zwei Wörter! (so auch B. Web.) denn das folgende Rel. 'die' kann sich nur auf 'sunnen' und nicht auf 'sunnenglast', Mask. beziehen! (M).

24f. ... 'gast' ebenso '(sterben), serben, werben' sind wohl z.T. als Reimwörter zu werten; zu übers. wäre etwa: "Lass deinen Freund (der dich besucht) nicht sterben (vor Sehnsucht), dahinsiechen und sich in Trostlosigkeit abmühen."

26. ... 'in ellenden pein'; Dat. Pl. wäre zwar möglich, doch liegt Dat. Sgl. mit Aenderung in '...em', näher. (an Acc. Sgl., wie 7,50 ist wohl hier nicht zu denken). - 'pein' bei O. meist Mask. (s. zu 7,50); C ändert hier 'in ellender'! So auch 42,16 'kleine pein' statt 'kleiner'!

27. ... 'Mein haubt das ist bekl. v. ...', d.h. "ich bin (bekleidet) umgeben mit Wehklage, Schlaffheit, Wüten gegen mich selbst ('straffen die natur'), sodass mir eine Stunde mehr Bedrängnisse bringt als (sonst) tausend".

29. ... 'zwingt' - BC 'twingt'! Es ist dies die einzige Stelle wo die Hss. bei diesem Wort voneinander abweichen; sonst haben sie stets übereinstimmend zw- oder tw- (s. Gloss.).

31. ... 'macht' it hier etwa mit "Wille, Selbstbeherrschung" am besten wiederzugeben.

32. ... 'freuden (objektiver Gen. Pl.) ... sigehaft' - der Widerspruch von 'sigehaft' zu der vorigen Zeile, überhaupt der Gebrauch dieses Wortes in solchem Zusammenhang ist wieder ein Beispiel von O.s eigentlich noch nicht genug und

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zusammenhängend gewürdigter Selbstironie, die gerade ein hervorstechender Zug seines Wesens (nicht nur im Alter) ist!

34/36. ... Vgl. die Parallelzeile der anderen Strr.; der unreine Reim zu Vs. 38/39 zeigt deutlich die Entwicklung des dritten Stollens (s.o. zu Metr.!).

35. ... Vgl. 70,25; auch 64,73f. - Der Reim 'tröst : erlöst : geröst' ist insofern von Jnteresse, als er nur noch einmal in gleicher Art erscheint (94,41-43), während sonst bei '(er)loesen' Präs. mit -ö- und Ptz. Prät. mit Rückumlaut -o- im Reim deutlich unterschieden werden. Was die anderen beiden Reimwörter angeht, bes. das letzte, so zeigt sich bei ihnen in d. Hss. manche Unklarheit (s. bes. 64,74!); doch ist aus der Gesamtheit d. hsl. Ueberlieferung auch da mit ziemlicher Sicherheit das Streben nach Unterscheidung wie bei 'loesen' zu erkennen, sodass eine Textfassung hie und da auch gegen die Hss. gerechtfertigt erscheint (vgl. auch zu 64,74).

36. ... 'seuftenstoss' - vgl. 13,9.

37. ... Subj. ist 'herz' (35).

38. ... 'trauren - tauren - lauren' - vgl. 72,19 d. ganz gleiche Reihenfolge! - 'negt': neckt, quält.

Dass das Bild Vs. 16-21 nicht O.s wirkliches Eigentum sein soll, sehe ich nicht ein, denn die "epische" Art allein kann doch nicht als Beweis gegen O. angesehen werden (Türler, S. 79). Es liesse sich immerhin denken, dass dieses Lied, das Ladendorf "an Schiffsbord" nennt, wirklich auf See entstanden wäre, so wie Ged. 15, wo jedoch die vielleicht darauf zu beziehende Anspielung (Vs. 41ff) wesentlich deutlicher ist als hier.

Ladendorf (S. 136; auch Motz, S. 51) stellt dies Lied in den Sabinekreis, anscheinend nur aus dem äusseren Grunde des eventl. anzunehmenden Entstehungsortes. Allerdings liessen sich ja auch die Klagen und Bitten um Erhörung zu dieser Einordnung verwenden. Andererseits ist die Aehnlichkeit mit der "ruhelosen Nacht (71)"

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und der "Scheideklage" (72), mit z.T. wörtlichen Uebereinstimmungen, nicht zu verkennen, und die Bitten wirken stellenweise mehr wie solche um Treue, als um Erhörung. Daher sehe ich es nicht als zu gewagt an, dieses Lied in den Margaretekreis zu stellen (s. zu Ged. 77).

19 (73)

(Ah 97, f. 52 b; B 88, f. 36 b; C, f. 73 a; E s. Sch. II, 47f.)

Metr.: eigen.

Melod.: (108) eigen; zweist., Tenor ursprgl. einst. (vgl. die Uebertragung im II. Teil, 3. Kap.).

1. ... 'Vierhundert jar ...' - Dass gerade die Zahl 400 gewählt ist, fällt auf, da man nach dem heutigen Gregor. Kalender an den alle 400 Jahre nicht ausgelassenen Schalttage denkt. Wenn nun auch erst das Tridentiner Konzil die ersten Festlegungen für die Gregor. Kalenderreform brachte, man beschäftigte sich doch zu Anfang des 15. Jhs., noch vor dem Konstanzer Konzil, verschiedentl. mit der Frage einer Reform und legte seine Gedanken in Denkschriften nieder. (Vgl. Ferd. Kaltenbrunner, Die Vorgesch. d. Gregor. Kalenderreform, WSB. 82/1876); aber es scheinen da durchweg andere Zahlen eine Rolle zu spielen, als gerade die uns heute geläufige Vierhundert. Sollte für O. eine Anspielung dieser Art angenommen werden, so wäre festzustellen, ob schon vor 1411 (s.u.!) solche Zahlen in den Kreisen auftauchten, die sich mit der Kalenderreform beschäftigten.

Das Fehlen der Jnitiale V- in A gewönne vielleicht Jnteresse dadurch, dass sie in der Bechstein'schen Hs. der Hätzl. (s. Haltuas S. XL unten) auch fehlt ('Ierhundert'!),

64

wenn nicht sonst diese Hs. gegen A B C ganz zu der Prager Hs. (Osw. E) stimmte! Durch dies Fehlen der Initiale übrigens auf eine andere beabsichtigte (etwa H -) zu schliessen, verbietet die Ueberlieferung in BC (E) und in der Strassburger Hs. (s.u.!). Die auffällige Wahl gerade der Zahl 400 bleibt also bestehen. Eine blosse Hyperbel anzunehmen (wie Beyrich, S. 45, und Türler, S. 21), befriedigt mich hier nicht, denn hyperbolisch verwendet O. sonst nur die Zahlen 'hundert' 63,2; 85,57; (96,114); - 'zweihundert' (auch dies ist nicht auffällig, denn es ist der auf 100 folgende Hunderter als Bezeichnung für "mehr als hundert" oder "hundert und noch einmal hundert") 29,18; 64,73. - 'tausend' 12,18; 18,29; 65,35; 90,28. - 'hundert tausend' 40,43; 69,26. - also hauptsächlich die üblichen!

Die Wendung 'auff erd' deutet auch auf einen besonderen Sinn. Jhr ist der Nebensatz der Zeile 2 'wo ... mag' durch 'und' nebengeordnet. Dieser Nebensatz ist zugleich durch Konstr. ἀπὸ κοινου̃ Vordersatz zum folgenden in Zeile 3. Nur so lässt sich die erste Zeile sinngemäss hineinziehen; das Komma nach 'tag' ist also besser zu streichen (Sch. I hat sogar Punkt!), sonst stünde die erste Zeile für sich und ohne Zusammenhang mit dem Folgenden. - Zum Dat. 'erd' vgl. Maurer, S. 59; es fehlen da aber für die st. Form 4 und für die sw. 2 Reimbelege (s. Gloss.).

6. ... 'vertust' (: prust : lust), s. zu 12,39, Anm.

7. ... 'zu lieben ungemach': Liebesspiele; nicht wie Schrott (S. 102) übersetzt: "Um solches Heil liebt ich das Ungemach". - Vgl. 32,12 'lieplich ungem.', dagegen z.B. 65,83; 68,9.

12. ... Zu erg. "ich".

15. ... Vgl. dieselbe Wendung 38,20.

17. ... 'giftlich' = 'giftec, giftig' hier: zornig (s. Sch. Fr. I, 876 u. "der Gift"; vgl. 29,2!). - 'kre' s. zu 15,84.

18. ... 'pösch.' s. zu 5,2.

20. ... 'gar' fehlt B. Web. (also C?).

65

21. ... 'oi mi' ist auch einer der roman. Sprachbrocken O.s, den er natürlich selbst gehört und entlehnt hat (vgl. Gr.Gr. III 296).

Schrott lässt in der schon öfters angezogenen Anm. die Möglichkeit vermuten, dass auch dies Gedicht unter anderen in den Margaretekreis gehöre. Dem kann aus folg. einfachen Grunde nicht so sein:

Nach J. Wolf, Mens.-Not., I, 387, stand es in dem 1870 verbrannten Cod. cart. M 222 C 22 der Bibl. Strassb., der aus dem Jahre 1411 ist1! ('Vier hundert ior uf erd die geltend einen dag'), nach diesem Zitat zu urteilen, handelt es sich um O.s Gedicht (W. schreibt es ihm a.a.O. nur "möglicherweise" zu).

1411 ist also der t. ante qu.; auf Genaueres muss man aber wohl verzichten. Jedenfalls gehört dieses Lied bestimmt zu denen, die Schatz der früheren Zeit des Dichters (vor 1414) zuweist! Jn der Ausdrucksweise führt manches wohl auf Erlebnis (Vss. 9, 14, ...), aber bestimmte Beziehungen (etwa auf Sabine) anzunehmen, bliebe doch immer nichts mehr als Vermutung.

Die schon näher besprochene erste Zeile gibt dem Gedicht seine besondere Note.

1Wolf gibt ein Jnhaltsverzeichnis der Hs. mit Anfängen, dass er nach sich ergänzenden Mitteilungen von Aug. Lippmann, Rod. Reuss und Paul Meyer zusammenstellt.

66

20 (36)

(Ah 88, f. 47 b; B 43, f. 18 a; C, f. 46 a; E. s. Sch. II 47)

Metr.: eigen.

Melod.: (86) eigen; ein- und zweist.; ansprechende Mel. - Durch die mensural erkennbaren Melismen in der 3. Stollenzeile erhält diese statt –6–̀ das Schema –8–̤̀ (vgl. zu 4, Metr.!).

3. ... Osw. braucht 'sit(e)' sonst nur stark. Es wäre ja auch eine Ausnahme (vgl. 17,41 'in dem wagen') denkbar, aber die Ueberlieferung scheint nicht einheitlich zu sein. Jedenfalls hat Sch. I 'tugendlichem'! B hat, wie die Photogr. in Sch. I zeigt, '-em', desgl. B. Web im Text nach C. Hat aber A, was infolge des Fehlens von Laa. hier nicht ersichtlich ist, '-en', so ist natürlich '-em' in Sch. II als Druckfehler zu betrachten und in '-en' zu bessern.

4. ... 'ain' in der Anrede s.a. 103,3ff - vgl. die absichtlich humoristische Verwendung dieser Anredeform durch das Mädchen in dem bäurischen Gedicht 80 (Vs. 36).

7. ... 'verellent' - die übertr. Bedeutung kennt O. natürlich (vgl. 23,1; 45,16 u.a.), wenngleich an den meisten Stellen des Vorkommens von 'ellende' usw. der Annahme der urspr. Bedeutung nichts im Wege steht, bezw. eine solche sicher ist (z.B. 64,78).

10. ... Sch. I hat 'lat euch', aber ohne Laa. Nach 'lass dir' und den Laa. 'lat ew' BC E in Sch. II zu urteilen, hat wohl A hier den Sg., der durchaus berechtigt ist; denn die Steigerung in den Worten des Werbenden ist solcher Art, dass die Singl.-Anrede am Schluss den Eindruck nicht stört, sondern verstärkt. Durch die Antworten der Dame wird er wieder in die förmlichere Werbung zurückgedrängt, bis sich bei einem erneuten stärkeren Gefühlsausbruch wie von selbst wieder die 2. Pers. Sg. als Anrede einstellt (Vs. 44ff). Die schnippische Antwort kühlt

67

aber die Glut wieder, sodass bis zum Schluss der Ritter sich der höfischen Anrede befleissigt. Es ist also, abgesehen von der deutlicheren Stelle Vs. 44ff, auch hier in Vs. 10 nicht etwa der Singl. als zu bessernder Lapsus anzusehen, sondern im Gegenteil: die vertrautere Anrede wirkt hier wie dort als künstlerisches Mittel!1

11. ... "Es wäre besser, ihr unterliesset ...".

18. ... Kolon nach 'schauen'; s.d.f.!

19. ... 'ein klaines freuelin': ein zartes, schwaches Frauenzimmer.

23. ... Türler verlangt mit Recht, dass der Punkt nach 'tragen' gestrichen werde, denn Vs. 24 ist adverb. Bestimmung zu dem Vorhergehenden. Dafür steht nach 'verporgenleich' besser Semikolon statt des Kommas.

31. ... Nach 'welt' ein Komma statt des Punktes! Denn diese Zeile hat den Sinn eines Konzessivsatzes für d. folg.

33. ... Semikolon nach 'sinne'! (so auch Türler).

34f. ... Hier kommt die schnippische Jronie der Dame besonders zum Ausdruck (s.u.!); nach 'gestalt' Komma!

35. ... Dies Alter wäre ja an sich kein Hindernis für so lebhafte Anbetung, ist aber für eine Dame der damaligen Zeit immerhin hoch genug, um als scheinbares, kokett gebrauchtes Abschreckungsmittel Anwendung zu finden.

37/39. ... Die Verschiebung der Reimstelle des Jnreims (wie auch z.T. die Aenderung des Reimgeschlechtes Vs. 67/69) fällt in diesem Lied empfindlicher auf als in manchen seiner anderen; denn die Mel. ist im Abges. ganz auf einen zweisilb. Jnreim eingestellt und hebt ihn besonders hervor. Der Mel.-Einschnitt fällt daher bei dieser Str. nach 'weder' und 'ietz eur', sowie in der letzten nach 'nicht' und 'frau'. Dadurch fällt auch der "gebrochene" Reim 'weis' : leis(-er)' nicht so stark ins Ohr (vgl. zu 8,1).

1Der Gebrauch der Anrede ist bei O. durchaus geregelt. Was neben einzelnen Stellen besonders deutlich aus den Gedd. (25); 80; 81; 112 erhellt (s. II. Teil, 2. Kap.).

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31-40. ... Dass diese Str. in A fehlt, kann von keiner Bedeutung sein; denn sie ist ein so integrierender Bestandteil des Gedichts, dass das Fehlen nur auf Versehen beruhen kann.

38/40. ... Reim -iu- : -öu-' s. zu 11,44ff.

41f. ... Der Ritter nimmt das Wort der Dame - 'klueg' - auf und gibt es ihr unter Verwendung seiner etwas schillernden Bedeutung zurück: '... der kluegen sprach' - "Sind euch denn so ausgeklügelte Worte nötig (für die ganze Sache? Sie liegt doch sehr einfach:) Eure Schönheit tuts mir an, ... eure höfische Lebensart".

44. ... S.o. bei Vs. 10 - vgl. 67,22, wo wörtlich das Gleiche steht!

53. ... Sch. I vermerkt für B die La. 'smäh'; bei einem Vergleich mit A, wo 'schmächt' steht, wird man die Form in B als Konj. anzusprechen haben. Jedenfalls handelt es sich hier ganz sicher um ein Verbum und nicht etwa um das Subst. 'smach' (= smaehe) (M). Ganz klar wird das, hält man sich Vss. 46 u. 57 vor Augen. Es ist also zu lesen: 'der frauen smäch' und dieser Satzteil in Komm. einzuschiessen; er bildet einen Konditionalsatz als Subj. zu 'tuet missevallen'.

54. ... Nach 'klain' stünde besser eine stärkere Interp., etwa Semik. oder Kolon.

55. ... "Mir genügt zu meiner Beruhigung schon einzig die Tatsache, dass ..." ('ains' Gen., abh. v. 'tröst').

58. ... Der Vers hat eine Silbe zuviel, die aber von d. Mel. aufgenommen werden kann durch Auflösung einer zweitönigen Ligatur bei 'ir an'. Sollte durchaus eine Silbe gestrichen werden, käme natürlich nur 'und' in Frage.

59. ... 'verpfendet': tauscht als Pfand dafür ein.

60. ... 'entüemet': abgesprochen; nur hier, bei O., überliefert? vgl. 'vertüemen', das auch scheinbar i.d. Vorlage von E gestanden hat. S. auch 121,58.

69

61ff. ... 'geniessen ..., das ...': entgelten (i. gut. Sinn).

66. ... Diese Zeile lässt sich nicht ganz sicher deuten. Setzte man 'kain' = 'gen' (in Richtung, in Bezug auf), dann wäre der Sinn ja klar: "und wäre freudlos durch euch in Bezug auf das Misslingen", d.h. wenn meine Bewerbung nicht glückte. Aber eine solche Ansetzung ist sprachlich nicht ganz einwandfrei, weil 'kain' für 'gegen' spez. md. ist; ausserdem hat C 'ain'! - Sieht man dagegen in 'kain' das Jndef., dann bleibt nur 'kain (ain) misselingen' als Subj. zu 'wär unfro' anzusetzen. Dann müsste aber 'unfro' aktive Bedeutung haben ("freudlos machend"), was ebenfalls fraglich ist.

68. ... 'zu wähe' - ebenso ironisch wie die anderen Stellen vorher (vgl. 34ff).

Schrott sieht dies Lied als "mit höchster Wahrscheinlichkeit" (Anm. 51) zum Margaretekreis gehörend an; ebenso führt es Ladendorf unter diesen Liedern auf; Motz (S. 52) übernimmt diese Ansicht, indem er Vs. 4-10 als Begründung anführt! Die ganze Art der Dame aber dem Ritter zu antworten, passt nicht zu dem Bild, das sonst aus den Margaretegedichten hervorleuchtet. Viel eher könnte es Sabine sein, der die schnippisch-ironische Art zuzutrauen wäre. Um dies anzunehmen, wäre folg. Kombination auf Grund von Vs. 35, wenn nicht beweisbar, so doch möglich: Schatz weist sicher nach (ZsFerd, 1901, S. 186ff u. Sch. II, S. 9), dass das Verhältnis mit Sab. 14091 begann,, nachdem sie Witwe war2. War sie da nun 24 Jahre alt, so hätte sie mit 12/13 geheiratet (spätestens 1397; s. Zs. Ferd a.a.O.) und früh Kinder gehabt, (s. Sch. II, 9), was ja bei ihrer südländischen Art durchaus

1Viell. schon 1408; s. 84,19 '... und dannoch mer'!

2Die Anrede 'freulin' neben 'frau' braucht dem nicht zu widersprechen.

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denkbar wäre. Auch die Klage des Ritters in Vs. 23, dass er schon lange unbeachtet sich Liebesgedanken um sie machte, liesse sich gerade mit der Tatsache, dass sie vorher noch verheiratet war, gut vereinbaren (s.a. d. Gedd. 1; 2; 28!).

Denkbar und mir sehr wahrscheinlich ist also die Beziehung dieses Liedes auf Sabine, das dann in die Zeit 1408/9 fallen würde. O. hat vielleicht im Winter 1408/9, nach dem Tode Hausmanns (s. Sch. II, 9), einen Antrag an Sabine gerichtet und wurde dann etwa auf die Zeit nach einer erst zu absolvierenden Palästinafahrt (vgl. 64,49ff) vertröstet. Da O. nun vom Mai 1409 bis Jan 1411 ('wol zwai ganze jar' 64,15) nicht in Tirol nachweisbar ist (vgl. Sch. II, 8 Und Noggler, ZsFerd 27, S. 7/8) und ausserdem auf dem Stein in Brixen vom Jahre 1408 eine Kreuzesfahne in der Hand hält, kann für seine Palästinafahrt gut die Zeit 1409/10 angesetzt werden, solange nicht zwingende Gründe, etwa aus Urkunden od. ä., entgegenstehen.

Als aus Erlebnis geboren wirkt Ged. 20 jedenfalls. Den lebendigen Eindruck des Wechsels der Anrede hob ich schon hervor, desgl. die schnippische Jronie in allen drei Frauenstrr., die in der zweiten (31-40) ihren Höhepunkt erreicht. Dass die Dame wirklich 'grauselich gestalt' sei, wird ihr, ganz abgesehen vom Ritter, auch ein Leser oder Hörer des Liedes kaum glauben. Ebenso ist wohl auch ihr Hinweis 'Und kann auch weder weis noch wort' nicht allzu ernst zu nehmen, der übrigens besonders die Annahme bestätigt, dass O. mit dem werbenden Ritter sich selber zeichnet!

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21 (79)

(Ah 29, f. 18 a; B 94, f. 38 b; C, f. 76 a)

Metr.: eigen.

Melod.: (122) eigen; zweist., Tenor ursprgl. einst.!?

Leider setzt dies Ged. einer unwiderleglich einleuchtenden Lösung zuviel Schwierigkeiten entgegen - die Verständlichkeit leidet unter der Reimkünstelei (s. unt. Ged. 22!). Es ist daher die folgende Auslegung nur als Versuch anzusehen, der nicht Anspruch auf Endgültigkeit erheben kann:

I. "Liebste, Sehnsucht nach dir hat mich unerfüllt umfangen. Wisse, Frau, glaube, sieh: ich (tröste mich dein) verschmerze dich, da ich fern bin (als 'ellende').

II. Eine zierliche Gestalt (auch hier ist 'possen' sicher so zu übersetzen; vgl. zu 4,6) hat (mich) umschlossen, lieblich die Zange (der Arme um mich) gegossen lange in enger Umarmung ('wange' = 'bang'?!) mit süssem Wallen (des Blutes)."

III. (Sie:) "Ei, was soll das?! Absichtlich versäumte ich nie die Umarmung ('schrenk')1. Wende, führe, Liebster, mich Jrrende." ('vaelen' ist wohl das Einzige, das man hier nach dem Zusammenhang annehmen könnte, wie schon B. Web. ansetzt).

Entsprechend dieser Auslegung wäre die Jnterp. an einigen Stellen zu ändern: 4. nach 'schau' Kolon; 8/9. Kommata fort nach 'gossen' und 'zang'.

Trotz der bereits betonten Unsicherheit der Auslegung macht das Gedicht den Eindruck, als ob es sich auf ein ganz bestimmtes

1Nach dem Vorgang von 15,55 möchte ich Acc. Sg. F. 'schrenke' annehmen, wenn auch hier - 21,14 - Pl. von 'schranc' möglich wäre. - S.a. 22,21 u. 35,25.

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Vorkommnis bezöge! Vielleicht ist es eine Neckerei: da die Umworbene den Liebhaber etwa des öfteren habe vergeblich warten lassen, so tröste er sich, wie er sagt, darüber mit einer anderen; das Liebesspiel mit dieser ist in der 2. Str. geschildert - als er der sonst Umworbenen dieses vormalt, wird sie ungehalten (3. Str.) und betont, dass es nicht ihre Schuld sei, wenn sie nicht zum Liebesspiel hätte kommen können; sollte sie aber gefehlt haben, möge er sie richtig führen.

Auf wen sich das Liedchen beziehen könnte, ist nicht ersichtlich; höchstens könnte Sabine (nach 1409) in Frage kommen. Es muss schon unter den nicht näher bestimmbaren Gedichten seinen Platz behalten (in A später eingetragen!).

22 (78)

(Ad 34, f. 21 a; B 93, f. 38 b; C f. 76 a)

Metr.: eigen.

Melod.: (121) eigen; zweist., Jmitation und Echo (hoquetus).

Dies Lied birgt infolge seiner vielen Reimnotwendigkeiten mindestens ebenso viele Schwierigkeiten wie 21. Türler gibt (S. 112) beachtenswerte Vorschläge, von denen mir aber nicht alle brauchbar erscheinen. Vss. 4/5 ist Konjektur '... in immer ach / nach rach ich ...' wohl wirklich die glatteste und einleuchtendste aller Möglichkeiten. Andere Aenderungen betreffen die Jnterp. und sollen bei den Einzelbemerkungen erwähnt werden. Eine Gesamtübersetzung folgt.

2. ... Komma fort nach 'scherz'! Türler behält es bei.

3. ... 'ser' ist Subst. und Subj. zu 'zwingt ...'.

4/5. ... S.o.! - 'natürlich lieb': naturgegebene Liebe; vgl. 62,28; 95,63 u. 97,81.

6. ... Sch. I hat das Komma vor 'frei'! Dem schliesst sich Türl. an und sieht in diesen beiden Zeilen eine (ironische)

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Antwort des Mädchens. Wenn dies gleich möglich wäre, so möchte ich doch eher in 'frei einen Jmp. sehen: "erlöse (mich)!", und 'gesell' als Anrede an die Umworbene.

10/11. ... 'sail' ist natürlich: seil, Fessel (vgl. 15,48; auch 28,40 'unempunden'!), als Sinnbild des Liebesbandes und - wehs. 'segel' (so T.!!) kann hier gar nicht in Frage kommen ('der segel' Mhd.!); 'sail' ist Appos. zu 'unhail' und zwischen Komm. zu setzen. Bei 'wage schilt' könnte ja 'wage' drei, ja vier Bedeutungen haben: 1.) Gen. Sg. von wage = Bewegung - 2.) Gen. Pl. von wâc - 3.) Gen. Pl. von wâge im eigtl. und 4.) von wâge im übertr. Sinne. T., jedenfalls durch das Missverständnis bei 'sail' veranlasst, nimmt das zweite an und knüpft daran, die doch recht gezwungene Deutung: Namensschild am Schiff! Jch möchte mich für die Annahme B. Webers (= Bedeutg. 3) entscheiden, der 'wage schilt': Wagschale erklärt, und beides dann übertr. als: ungewisser Ausgang, ungew. Geschick. 'schreiben' ist dann natürlich auch nicht wörtlich zu nehmen. Der Punkt, den Sch. I nach 'schilt' hat, muss beibehalten werden.

12-14. ... Auch hier kann ich nicht mit T. gehen. Die Schatz'sche Jnterpunktion wäre nur dahin zu ändern, dass nach 'hat' das Komma zu streichen wäre. 'wilt' ist Bestimmung zu 'milt', das Adv. zu 'begr. hat' ist, wozu wieder 'quat mat' das Subj. bildet: 'quât made' "ein böser Wurm" od. 'quât mât' = "eine böse Mahd", d.h. von Hoffnungen (vgl. 15,88 'und gruent mein kle ...')1. Jch möchte mich für das zweite, das auch einen glatten Reim ergäbe, entscheiden, obgleich der nagende Wurm im Herzen auch kein widersinniges Bild wäre.

1'mat' ("matt") oder 'mât' (3. Pers.) ist wohl nicht möglich, da nach B. Web. Laa. A 'quad mad' hat!

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14. ... 'rück mir': verschaffe mir, verhilf mir zu ... - 'lieb verrenken': Attr. und subst. Jnf. - erwünschte Umarmung.

15-17. ... Subj. ist 'rot dein munt' (dein roter Mund), Präd.: 'trost' - Objekte: Tot, lait, schait, not (Ausr.-Z. ist zu streichen!) - 'mait' ist Anrede; hinter 'trost' Punkt oder Semikolon.

17/18. ... 'wunt': Jmp. von 'wunden' - 'die hunt': Acc. Pl. - Jnsofern stimme ich T. zu, als ich auch für 'hunt' im Vorausgehenden allegorische Namen sehe; nur scheint es mir nicht annehmbar, diese in ganzen Sätzen oder Satzteilen zu sehen; sondern die Hundenamen sind: 'tot', 'lait', 'schait' und 'not'. Vgl. auch Ged. 44!

20f. ... Das Bild aus der Jagd scheint hier wieder aufgenommen zu sein. 'schrenken' entweder subst. Jnf. oder sw. Acc. Pl. zu 'schrenke' (vgl. zu Ged. 21, Anm.). Uebersetzt kann in beiden Fällen werden: Umarmungen. Ob auch diese beiden Zeilen als Worte des Mädchens angesehen werden könnten, lässt sich nicht entscheiden; ich möchte es aber ebenfalls (s.o. zu Vss. 6/7) ablehnen. - Die Betonung 'plasèn' ergäbe sich wohl rein textlich; doch ist bes. bei diesem Lied Text und Kompos. so miteinander verschmolzen (der Text ist stellenweise auf beide Stimmen abwechselnd verteilt!), dass die Mel. unbedingt mit heranzuziehen ist. Da ergibt sich dann, dass bei den Synkopen, bezw. längeren Tonreihen auf einer Silbe gerade an dieser Stelle eine Tonbeugun 'plasèn' nicht mehr empfunden werden kann.

Uebersetzung

I. Herz, brich! Räche! Sieh: Freude bedrängt hier der Schmerz, Leid zwingt und bringt naturgegebene Liebe in dauerndes Weh. Nach Rache rufe ich ingrimmig. Ei, erlöse (mich), Liebste! Denn ich kenne ja dein treues Gedenken.

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II. Mein Hort, dein eines Wort tötet mir die Freude, Unglück, die Fessel, gebe ich einem ungewissen Ausgang (d.h. in meinem Unglück überlasse ich mich einem ungewissen Schicksal.). "Furchtbar" freigebig ist eine böse Mahd über mein Herz gekommen. Nun schnell, Fortuna, verschaffe mir erwünschte Umarmung!

III. Tod, Leid - Jungfrau - Trennung, Not macht dein roter Mund wieder gut. Verwunde die Hunde, deren Stimme mir nie wohl klingen wollte! (Aber) Abhilfe muss mir freudlos werden (d.h. einer Abhilfe für meine Qual werde ich mich (aber) nicht zu erfreuen haben), denn man liess, Liebste, noch nie zu Umarmungen blasen (d.h. ich bin noch nicht erhört und zu dir gerufen worden).

Dies Gedicht ist, so wie 21; 23; 24 (und 66) nach 1425 in A eingetragen (s. Sch. II, 29); und zwar scheint es mit 21 zusammenzugehören, denn beide Lieder stehen in A nicht weit voneinander (auf noch freien Bll. nachgetragen!!) und sind in B zusammengerückt! Sie gehen auch beide in der Reimkünstelei am weitesten von O.s Gedichten.

Der Hintergrund eines Erlebnisses scheint vorhanden; auch geben die kühnen Bilder, wenngleich durch Reimerfordernisse veranlasst, dem Lied seinen besonderen Charakter (Vss. 10ff, 17ff). Ob aus dem späteren Eintrag auch eine späte Entstehungszeit zu entnehmen ist, ist fraglich. Wollte man die Vss. 6/7 u. 20/21 als ironische Antworten der Angeredeten gelten lassen, so wäre ja allenfalls ein Zusammenhang mit seiner Lage in der ersten Gefangenschaft 1421-1423 zu konstruieren. Vgl. 84,49; 84,107f; 85,49ff; 87,45f. Aber das ist doch mehr oder weniger vage Vermutung, und so muss auch hier die Frage nach der Abfassungszeit unentschieden bleiben.

76

23 (93)

(Ah 65, f. 37 a; fehlt BC)

Metr.: eigen, einfach.

Melod.: (117) eigen; einst., sehr gefällig.

1-3. ... 'zahers flins': Tränenschimmern - B. Web. Gloss.: 'flins' = schimmerndes Fliessen; s.a. Schm. Fr. I, 794; Höfer I, 232. - 35,81 'geflinst' und 79,152 'flunst' legen ein st. Verb. 'flinsen' nahe mit der Bedeutung "schimmernd fliessen".

"Ein jammervoller, tränenreicher Abschied" - 'pei der wid' Bekräftigungsfluch: "Beim Galgen" - den Punkt nach 'zins' streicht Türler und setzt ihn mit Recht hinter 'freuden'; denn 'der freuden' gehört unbedingt zu 'zins'! - Nach 'mag' ist ein Ausr.-Zeichen zu setzen; ironisch: "Jch kann schon prahlen!" (Vgl. Had. v. Lab., Jagd, 364,1 'Von ungelücke göuden mac ich wol ewiglichen!). - 'geude(n) : freude(n)' s. zu 11,44ff.

4. ... Nach 'klag' ist das Komma zu streichen und hinter 'sag' zu setzen; denn dieses ist nicht synt. Parallele zu 'klag', also Subst., sondern zu 'trag', also verbal! Diese Lösung ist so glatt, dass ihr gegenüber der Vorschlag Türlers ('sac'!) sehr konstruiert erscheint.

5. ... Das Fehlen des Kommas in Sch. II nach 'begoss' ist wohl nur Druckfehler; Sch. I hat es.

8. ... Die Umstellung in Sch. II (Sch. I geht noch mit der Hs.) bedeutet zweifellos eine berechtigte Besserung des hs. Textes. - Das Komma nach 'schreib' (i. beiden Ausgg!) muss natürlich fort.

9. ... Der scheinbare Widerspruch zwischen dieser Zeile (s.a. 12 'meid mich'!) und dem 'ich pleib' in der vorhergehenden löst sich, wenn man ein Stelldichein am dritten Ort annimmt (vgl. auch Ged. 10!).

77

10. ... 'zam' vgl. 16,28 - "Anstand" od. "Vertraulichkeit". S. zu 6,42! - nach 'zam' besser Semikolon.

11. ... Die hsl. Fassung 'kleicher' legt es sehr nahe, in diesem Worte nicht 'gleicher' zu sehen, sondern 'künftikleicher' zu lesen! Dann ist natürlich das Komma nach 'vernünftig' nicht vonnöten.

"Darum freue ich mich als bedachtsamer Mann schon auf das kommende Erwarten!" - Zu dieser Freude am Scheiden vgl. die ähnl. Anspielung 26,24f.

12. ... Bei 'frau' fehlen ebenfalls die in Sch. I einschliessenden Kommata! - Zu 'meid mich, frau' s.o. zu Vs. 9.

Hervorzuheben ist bei diesem Lied der zierlich-liebliche Eindruck, den es erweckt, ohne dass dabei die leicht sich einordnenden vielen Reime störten; der Uebergang von der 3. Pers. zur Anrede wirkt als künstlerische Steigerung. Abgerundet wird der Eindruck durch die gefällige Dur-Melodie.

Eine bestimmte Beziehung, die auf Rückschlüsse auf die Abfassungszeit zuliesse, findet sich nicht. Das Milieu scheint das gleiche wie bei 10 u. 11 (s. diese).

24 (92)

(Ah 66, f. 37 a; fehlt BC)

Metr.: eigen.

Melod.: (118) eigen; einst.

2. ... 'in senlich rick' kann nach dem Zusammenhang nur Dat. sein, wobei das unfl. Adj. zu beachten wäre: "in, mit der Sehnsuchtsfessel" - denn etwa Acc. Pl. anzunehmen, erlaubt das Präd. 'mort' doch wohl nicht; nach 'rick' stünde besser Semik. oder Punkt.

78

3. ... B. Web. hat 'durchgert'! Steht also in der Hs. '-gent'? Aber zu 5 'dein frau' scheint doch mit 'mein ...' ein direkter Lesefehler bei Weber (Goldhann!) vorzuliegen.

5. ... 'ich pier' ls. 'ich empier' nach dem Vorschlag von Leitzmann, Beitr. 44, 310.

6. ... "du ('dein leib') wirst mir stets Schmerzen verursachen".

8. ... 'wat' ist synt. Parallele zu 'betrat': "Wenn deine Ungnade mich traf, mich in Fesseln schlug, wurde ...".

10. ... 'unhart' ist Präd.-Nom. - "da ward mein Ungemach wieder zum Guten gewendet". Jst 'unhart' sonst nicht belegt?

12/13. ... Durch die Schatz'sche Jnterp. ist, abgesehen von der dann nicht deutlichen Konstr. des 'begab', die Zeile 13 nicht verständlich. 'mer ler' gehört mit zu den Aufzählungen 'straff, zucht, er'! Hinter 'er' muss also ein Komma stehen, und hinter 'ler' Semik. od. Punkt: "Mild war gegen mich ihr Tadel, Erziehung, Ehre, ausserdem ihre Unterweisung; ihre Liebe liess mich nie fahren" - 'ler' vgl. 31,12; 69,21.

15. ... Nach 'ert' muss Komma stehen (Türler), denn 'die wert' ist Appos. zu 'meinen trost': "die Teure". - 'versert und unerlost' beziehen sich auf 'ich'.

Dies Lied, auch nur in A überliefert, steht mit 23 zusammen (s.d.!) und ist ebenfalls später nachgetragen (s. zu Ged. 22). So leicht jedoch wie dort (23) wirken hier die Reimspiele nicht. Sie bringen eher etwas Gezwungenes in den Stil. Auch sonst finden sich keine Eigenheiten, ebensowenig Beziehungen, die eine Zeit anzusetzen gestatteten.

79

25 (80)

(Ah 104, f. 55 b; B 96, f. 39 a; C, f. 77 a)

Metr.: eigen; einf. Kreuzreim.

Melod.: (96) eigen; dreist., Tenor ursprgl. einst.!?

Es scheint sowohl dies als das folgende Gedicht (in A) des öfteren eher mnd. Formen statt mnl. zu haben; während bei Ged. 77, wo ausdrücklich die betreffenden Sprachbrocken mit 'flemmsch' bezeichnet sind, auch das Mnl. zugrunde liegt.

1. ... 'Grasselick lif' - mnd. 'greselick': Schauder erregend, grässlich; zu mnd. 'gresen': schaudern; das mhd. 'graezlich' (Jer., Pfeiffer, 125 d) spielt hier sicher auch hinein, das ja sonst 'gretelik' heissen müsste (vgl. mnd. 'grettig': zornig; desgl. mnl. 'gretig') - 'lif': Lieb mnd. 'lêf, aber mnl. 'lief'! vgl. 26,13/14; 33,10; 37,106; s.u. zu Vss. 10 u. 12.

"Du böses Lieb!"

'hef' statt 'hebb' aus 2. u. 3. Pers. zu erklären (hefst u. heft), vgl. Lasch, Mnd. Gr. § 294, Abs. 3. S.a. Vs. 11 - 'dick': dich! (vgl. 26,16/22/25 ... 'mick'!).

2. ... 'sütten' - mnd.: süssen, nicht: gesottenen (so B. Web. Gloss.!); vgl. auch 115,18; 'von disem sütten hechtigen'.

3. ... 'tu vorem komen' - mnd.: begegnen, vor Augen kommen.

4. ... 'grot jolit' - mnl. jolijt: Freude! Die Aenderung Behaghels ist gar nicht nötig! 1-4 (Sie) "Du böses Lieb, wohin habe ich dich verloren diese ganze lange süsse Sommerzeit hindurch?" (Er) "Dass ihr mir vor Augen kommt, darüber lebt mein Herz in grosser Freude."

5. ... 'Geilicken', Adv. als Verstärkung zu 'fro'; mhd. 'geilliche(n); mnd. nicht belegt? - 'all telich' entweder: mnd. 'alletliken (vollständig) oder *al-tellik(en) = voll-zählig (vgl. das

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mhd. tellich = numerabilis); ist hier adv. Bestimmung zu 'sunder truren'. - An mnl. 'dagelijks' (vgl. mhd. 'allertegelich') ist doch wohl nicht zu denken, wenn es sich auch dem Sinne einordnen liesse. Die Form 'delik' (aus 'degelik') wäre übrigens wieder mnd.

6. ... 'jo' = ju, "euch". - 'lif' hier: Leib! Die Wortstellung dieser Zeile (sowie auch der Parallelzeile in der 3. Str.) ergibt bei alternierendem Lesen Tonbeugungen; dem entgeht man aber leicht durch Auftaktlosigkeit und Zusammenziehung von 'frauen' in 'fraun', bezw. dreisilbige Taktfüllung: 'keiserliek' (úux).

7. ... 'geschol', ebenso wie 9 'gschat' = scal/scat. (vgl. auch 26,7 u. 19 'gscharp'; 12 'gschon'; 17 'ergschrick'; 22 u. 25 'gscheiden'; sowie 77,24 'gschoner'); ein Hörfehler, in den der Tiroler, durch die Gewöhnung an die Ausstossung des e in der Vorsilbe ge-, leicht gegenüber dem ndd. Anlaut sk- verfallen konnte, wobei es dahin gestellt bleiben muss, ob der Hörfehler bei O. selbst oder etwa bei dem Schreiber (nach Diktat) zu suchen ist. Deutlicher wird die Verwechslung mit der Ma. des eigenen Landes - in dem Streben, überhaupt mundartl. zu schreiben, an Stelle einer Konventionssprache! - in dem tirol. 'nit', sowie in dem 'gschin' 8 u. 9. Auch 'das', Anf. 7, ist nicht "stilgerecht", ebenso vorher 'telich', 'tut' (dôt!), 8. 'eur' (jur!) und 11, 'freude' (fraude). - 'verluren': versäumen; scheint nur noch Hätzl. I, 1,10 überliefert zu sein!

8. ... Ls. 'din' statt 'eur'; sie spricht in d. 2. Pers. Sg. (s. Vs. 1/2)! 5-8 (Er) "Ausgelassen froh, ganz ohne Trauern lasst meinen Leib allein euch erfreuen!" (Sie) "Das werde ich nicht versäumen, gern euer einzig Weib zu sein!"

10. ... 'sir' und 12 'mir' für 'sêr' und 'mêr' stehen nach Lasch, § 113, mit 'lif' (s. zu Vs. 1) für mnd. 'lêf' auf einer

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Stufe, d.h., dass verschiedene ê des Mnd. Neigung nach i haben! Dies ist mit ein Kennzeichen des mnd. Einschlages in der Sprache des Liedes 25. 9-12 (Er) "Freundlicher (lieber) Schatz, das Schloss muss sein verbunden und gar sehr fest1 verriegelt." (Sie) "Nun erst habe ich Freude gefunden (vgl. 28,42 und 39,8), und wählt mein Herz keinen anderen mehr."

Zu den Reimen ist noch zu bemerken, dass sie (ausser tit : jolit) etwas spez. Niederdeutsches nicht haben; sie würden alle ebenso gut oberdeutsch geltende Reime bilden, wenn man sie umschriebe.

1-2 spricht die Frau, 3-6 der Mann, 7-8 die Frau usw. s.o. Zu beachten ist dabei der Unterschied der Anrede (Sie i. Sg. Er i. Pl.), die ja bei O. fest geregelt erscheint (s. II. Teil, 2. Kap.). - Es scheint sich um ein endliches Sehen oder Wiedersehen nach langer Trennung zu handeln, was nicht in Widerspruch steht damit, dass Zingerle (WSB. 64) dies Lied dem Margaretekreis zuschreibt. Dazu hat ihn wohl am meisten der innige Ton dieses einfachen Liedchens veranlasst, wie ein solcher auch sonst gerade den Margaretengedichten eigen ist. (Vgl. z.B. 76!) Jch schliesse mich ohne Bedenken Zing. an. Weiteres s. zu 26, mit dem 25 in A zusammensteht.

1Zu diesem Gebrauch von 'keiserlich' in allg. lobender oder verstärkender Bedeutung s. Haupt zu Engelh. 863.

82

26 (75)

(Ah 105, f. 55 b; B 90, f. 37 a; C, f. 74 a)

Metr.: fast gleich 86; die Zeilen 5/6, 7/8 (Abgs.) jd. Str. sind als je eine Zeile zu lesen, wie es die Melodie verlangt (–8–̤̀, s. zu 4, Metr.); desgl. Zeile 3/4 der Rep. (= Schatz 11/12). Diese, sowie die letzte Zeile der Rep. hat die gleiche Mel. wie der Abgs.! - Die Str. ist also, einschl. der Rep. nicht 13-, sondern 10-zeilig.

Melod.: (1) ähnl. der Mel. von 86 (23); einst., ansprechende Volksmelodie!

Die sprachliche Betrachtung der Fassung von A steht im Mittelpunkt; vgl. zu Ged. 25 Anf.!

1. ... Das eine 'wer' ist zu streichen (auch i. der Mel. nicht einzuordnen!) - 'eck', so auch Vs. 6, desgl. 77,7 in A (BC 'ick') und 77,30; sonst überall, auch in 25, 'ick', was dem Mnd. und Mnl. entspricht; vgl. 'undecke' Vs. 26! - Beides (eck, undecke) weist jedoch mehr aufs Mnd. (s.a.d. folg. Wort!) - 'belgerin' mnd. 'pelegrin', mnl. 'pelegrijn' - das b- ist also als "hyperniederdeutsch" anzusehen!

2. ... 'eine' ebenfalls mnd. (eine, ene), denn mnl. nur: 'een'!

3. ... Das eine 'so' zu streichen (s.o. zu 1 'wer') - 'söstern', mnl. u. mnd. 'suster'; - 'mein' statt 'min'!!

4. ... 'brüderlicken' - eigentl. auch nur durch '-licken' zu einem ndd. Wort gemacht; denn das Erste könnte ebenso gut md. sein (mnd. broder, mnl. broeder!); das gleiche gilt für Vss. 12 'bruder' und 13 'müdr'!

5. ... Dies weist allerdings deutlich aufs Mnl.: aventure; denn mnd. heisst es 'eventure'! 'nuwe' mnd. u. mnl.

6. ... 'losen': schmeicheln; hier trans.: schmeichelnd erzählen, aufschneiden.

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7. ... 'gscharp' = scarp (mnl., mnd.), s. zu 25,7 'gschol'. - 'örigin' (BC 'örichin') - hier ist eigtl nur der Unterschied zwischen -chin und -gin (wie 9 der zwischen -chin und -ckin) zu beachten. Obd. Suffix ist es ja in keinem der beiden Fälle; vgl. 99,20 Kädrichin, Engichin; 99,26 kindichin und 115,18 hechtigin (-chin C); desgleichen 40,2 schäffgin!

8. ... 'freuntlicken' wieder nur durch '-licken' "stilisiert" - s.o. zu Vs. 4; vgl. dagegen 25,9!

9. ... 'zway'! - statt 'twe(i)'! - 'stäbickin' s.o. zu 7. - An das intervokal. -v- für ausl. -f ('staf'!) ist hierbei -b- natürlich nicht zu denken; "flämisch" wird das Wort eben auf die bekannte Art: durch Veränderung des -chin in -ckin! - 'hiet', bair.-öst. Form!! Hier gilt das zu 25,7 ('nit' und 'gschin' 8,9) Gesagte! - 'pald', hier ist sogar das obd. p- stehen geblieben!

10. ... 'höggen' (mnd. hoike, hoke; mnl. hocke, houke ...) ein spez. ndd. Wort: Mantel, Umhang. - 'wier-': östl.-tirol. -r- zur Hiatvermeidung nach 'wie'!! Also ähnl. Sachlage wie Vs. 9 'hiet' usw.; ndd. würde hier etwa 'wo' od. 'als' stehen. - 'wie ich tät', d.h. wie ichs "vor zeiten" tat.

11. ... 'klösterlich verdrät': in einen Mönch ('beghart' 64,50!) verwandelt, zu erg. 'wäre ich".

12. ... 'gschon' = scon; s. zu 25,7. - 'bruder' s.o. zu Vs. 4.

13. ... 'liefer' s. zu 25,1. - 'sückte' - (mnd. soken; mnl. soeken) - 'müdr' s. zu Vs. 4.

15. ... 'die' statt 'de'! - 'ein' s.o. zu Vs. 2. - 'ougen-' statt 'ogen-'!

16. ... 'kunt' und 'mick' (hier und sonst) nach Lübben, Mnd. Gr., nur um Hannover bis Magdeburg gebräuchlich! - 'kurtten', mnd. 'kort' - mnl. neben 'cort' auch 'curt' (desgl. ndfrk. u. afries.!).

17. ... 'benügen' mnd. 'benogen'! - 'ich' statt 'ick'! Verlesen?? - 'ergschrick' s.b. 25,7; 'erscrick' mnl. u. mnd.

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18. ... 'mein' statt 'min'! - 'beseden' = besetten.

19. ... 'gscharp' = scarp, s.o.

21. ... 'die weyl' statt 'de wil'!

22. ... 'gscheiden' = sceiden (sceden), s.o.

24. ... 'mich' statt 'mick'! wie Vs. 17 - auch verlesen?? - 'darnach' statt 'darna' (mnd.); - diese Konstr. von 'bangen', gegenüber der in der hd. Fassung (täglich), steht dem Ndd. näher.

25. ... 'gscheiden' s.o. - 'selten scheiden', s. zu 23,11!

26. ... 'undecke' s.o. zu Vs. 1!

28. ... 'für' - hier müsste im Ndd. erst recht 'vor' stehen, während in der hd. Fassung besser 'für' in den Text zu setzen wäre; denn O. gebraucht in dieser Bedeutung vorwiegend 'für' (28 x gegen 3 x 'vor'!), vgl. auch zu 36,34 und 89,3! - 'stampanei' - Mnd. 'stemperie': Betreiben, Agitation, Aufwiegelung, Machination. Hier: Kurzweil, vgl. 96,48: Kurzweil (iron.); 111,104: Betreiben; 115,22: Kurzweil (nicht: mühselige Arbeit, Unfall, wie Lexer nach B. Web. Gloss.!).

Die Wörter in den Reimen ergeben entweder gleiche Reimmöglichkeit für das "Fläm." wie für das Obd. (s.a. Ged. 25), oder (wie 22/24 u. 23/25) sogar nur oberdeutsche Reime! Bei 27/29, wo ja in jedem Falle unreiner Reim (vgl. zu 11,44ff) vorhanden ist, ist die mnd. Schreibung 'frowen' und 'ruwen' besonders deutlich (vgl. auch Vss. 1, 5, 12/13).

Vs. 2 'vor zeiten' weist deutlich auf eine spätere Abfassungszeit ebenso Vs. 10 'wie ich tät'. Einen weiteren Anhaltspunkt persönlicher Art bieten die Vss. 18-21, die zu sehr an die Worte 64,101ff 'so kan ich der vergessen nimmer ewikleich ...' anklingen, um nicht ähnl. Stimmung zu kennzeichnen, d.h. Sabine zu meinen! Dazu kommt die Verbindung mit den Erinnerungen an die Pilgerfahrt, wie sie sich ebenfalls in Ged. 64, Vss. 49ff finden! Ob aber diese Stimmung aus Ged. 64 selbst

85

oder nur eine gleiche zu anderer Zeit den Anstoss zu Ged. 26 gegeben hat, ist nicht sicher zu entscheiden. Man könnte es aber ohne Schaden in diese Zeit setzen (s.u.).

Jn A steht 26 nun mit 25 zusammen. Das hat aber wohl mehr den äusseren Grund der sprachlichen Beziehung; denn wenn auch die Entstehungszeiten beider Lieder nicht weit voneinander abstehen werden (s.u.), so sind doch wohl noch eine Reihe Gedichte dazwischen zu setzen (vgl. a. zu 77).

Wir finden O. im Januar 1417 wieder bei König Sigmund (s. Sch. II, 12), der von England über (Antwerpen?) - Dortrecht (Okt. 1416) - Nymwegen (Novbr.) - Aachen (Dezbr.) - Lüttich - (Dezbr.) - (Rochefort?) - Luxenburg (Jan. 1417) - ... nach Konstanz gekommen war. O hatte ihn im März/April 1416 in Paris verlassen; es ist nun sehr wohl denkbar, dass er dem Hofe schon entgegengereist war, etwa nachdem er in der Zwischenzeit Margarete kennengelernt hatte, und während der Reise des Hofes durch das Niederfränkische das "Pilger"-Lied verfasste, in dem die Sehnsucht nach der alten Geliebten wieder einmal hochkommt, und später 25, als er Margarete wiedersah.

Allerdings müsste er sie bald nach seiner Rückkehr aus Paris kennengelernt und gleich wieder verlassen haben, sonst wäre die Trennung während der 'langen, sütten somertit' nicht verständlich. Auch die besondere Unterscheidung der Anrede könnte für eine vorerst kürzere Bekanntschaft sprechen, denn in den späteren Margareteliedern ist auf beiden Seiten 'du' durchgeführt.

Diese ganzen Kombinationen geben sich, meine ich, so ungezwungen, dass die Ansätze: Herbst 1416 für 26 und Januar 1417 für 25 sehr viel Wahrscheinlichkeit für sich und nichts gegen sich haben (vgl. zu Ged. 77 u. II. Teil, 1. Kap.).

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27 (fehlt)

(Aa 24, f. 15 a; fehlt BC)

Metr.: ganz einfach, 2 x 4 Viertakter (Jnreime), Doppelstrr.; vgl. 77 (s.a. unt.).

Melod.: (8) eigen; einst.

Bei dem folg. Versuch einer Erklärung der fremdsprachlichen Ausdrücke bediene ich mich der Bezeichnungen, die O. für die Sprachen selber gewählt hat im Ged. 77: Französ., Lat., (Ung.), (Fläm.), Welsch (wobei die Entscheidung, ob nur Jtal. od. auch Rhätoroman. anzunehmen ist, dahin gestellt bleiben soll), Windisch (= Sloven., das i.d. Alpen als 'windisch' bezeichnet wird; vgl. z.B. Lexer, KWb.); für das Slovenische habe ich, neben serb. und kroat. Wörterbüchern, Pleteršnik benutzt, für das Romanische, neben einschlägigen Wbb. usw., Mussafia, Beitr. z. Kunde d. nordital. Dialekte (Wien 1873).

Jch setze links die fremdsprachliche Halbzeile und rechts daneben die übersetzende Parallelzeile des Gedichtes; darunter dann die Erklärung.

1a. ... 'Bog dep mi' / 'Pis willenkumn'.

Wind.: bog te sprimi = Grüss dich Gott!

2a. ... 'gramer sici ty' / 'dank ich dir ja'

'sici ty' wohl mit Doppelschreibung aus 'siti' (c/t), oder -ci ist Fehler aus a.

Franz.: grand merçi à tu (f. toi).

2b. ... 'sme curri' / 'an sorg vernumn'

Lat.: ls. 'sine cura'!

3b. ... 'c(um) video te' / 'das ich dich sich'

Lat.: "Wenn ich dich sehe".

4a. ... 'cū bonavnor' / 'mit liebe gar'

Welsch.: (?!): vgl. Gröd. 'kum bon amor'.

4b. ... 'jassem toge' / 'dein so bin ich'

Wind.: jaz sem tvoje = ich bin Deins.

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5a. ... 'Dut mi sperancz' / 'mein gedingen ganz'

Welsch.: - 'gröd.: duta̤ mi - it.: speranza.

5b. ... 'nate strroio' / '(der)stat zu dir'

Wind.: na te = auf, zu dir. Ls. stojo (= stoje, er steht), zu 'stati' (oder zu strjati; strjavati = verhärten??) (oder zu strojiti = zurechtmachen, herstellen??) (oder zu strujati = fliessen??). Viell. ist das erste gemeint, jedoch in der Form mit einem der anderen verwechselt?!

6b. ... 'cū gaudeo' / 'mit freuden zier'

Lat.: cum gaudio.

7a. ... 'Opa mā' / 'zwar meine werk'

Lat.: gebräuchl. Abkürzung: op'a = opera; mā = mea.

8a. ... 'nadobrisi slusba' / 'mit diensten stark'

Wind.: na dobri(si ?) služba. na = in, dober = gut, stark (dobri Pl.!), -si = ??, služba = d. Dienst.

8b. ... 'basz calt' / 'vil manigfalt'

Wind.: bàš: gerade, just; kȃjti = viel (für 'mnogo' gebräuchl.!); dass der Tiroler das -j- vor t für ein -l- hören konnte, liegt auf der Hand.

9a. ... 'ka cu mores' / 'wie magstu (recht)'

Wind.: kakȏ = wie, mores = du kannst.

10a. ... 'chage sum prasz' / 'dein gevangen knecht'

Welsch.: (?) (che io sono preso ?).

Gröd.: k'íe son (?) - 'pres' wäre auch prov.! - 'sun' auch rhätorom.!

10b. ... 'hoc me myrat' / 'des wundert mich'

Lat.:

11b. ... 'c̄pietas / 'mit güetikait'

Lat.: cum pietas (für pietate - Reim!!).

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12a/b. ... 'ne gam maluat' / 'in kainem pfad'

'nemon dilasz' / 'tue mir nicht lait'

a.) Welsch. (Franz.?): ne jam(ais) mal fait- Gröd.: melfát, Adj. = verpfuscht.

b.) Wind.: ne men = nicht mir, dilasz zu delati = tun. Also: "Nie Böses nicht mir tue!"

13a. ... 'kiti cū mand' / 'was du verpant'

(Wind.: ki ti = was du ?!) - vgl. Rhätorom.: que tü cumand; Gröd.: ke (ki) ti kumant = was auch dein Befehl - Also: Welsch. !!? (vgl. 77,39 'mi ti commando' - welsch - mich dir emphilch').

13b. ... 'en jaszem dyal' / 'das tät ich gern'

Wind.: on(ó̤) = das da, gerade das (wegen e für o s.o. nemon = ne men(i); viell. beides nur aus d. Hs. verlesen!?); jaz sem s.o. zu 4b jassem. dejal Ptz. zu dejati = tun (s.o. delati; kroat. djelati).

14b. ... 'aboi mal' / 'an übel kern'

Lat.: ab omni mal(o).

15a. ... 'Hoc des me' / 'des la mich ...'

Lat.: hoc debes me - 'des' ist die Abkürzung für 'debes', die anzunehmen ist; erstens weil auch sonst gebräuchliche Abkürzung des Lat. in diesem Ged. Verwendung finden, zweitens weil das Metrum noch eine Silbe fordert! Das 'me' ist als Subjekts-Acc. auf 'genissn̄ lan' zu beziehen.

16a. ... 'troge moy g' / 'auff wolgetraun'

Wind.: troge = drag ... teuer, lieb (vgl. 77,36)? (aber: auff wolgetraun!? - etwa doch Fläm.? s. 77,42 troi! - vgl. u. zu Vs. 20). moj = mein, g = G, d.h. Grete!! (vgl. 69,11; 70,33; 72,21!) 'moy g' ist schon Vs. 15 mit 'frau' übersetzt!

16b. ... 'cū bon wan an' / 'zu guetem jar'

Welsch. - Gröd.: kum bonaman - nach Musaffia = Neujahr ('dame bonaman': 'gib mir dez newenjars', u.ä. Beisp.)

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17a. ... 'io te prosso' / '(dein gnad) ich pitt'

Wind.: iȃ, aslov. = jaz, ich (te, dich; slav. Form?); proschu (serb.): ich bitte; proču (wend.): ich bitte; prósim (sloven.!): ich bitte; oder Welsch: io te presso (it.) = "ich bitte dich inständig"?

18a/b. ... 'gesi grando ... optia'

Welsch: it. che = dass, sia = sei, grande = Adv., gross, sehr (z.d. Endung -o vgl. Romauntsch: granda!)

Lat.: ls. 'optua' = opportuna! - das würde sowohl im Sinne als metrisch passen. Sind die Punkte vom Herausgeber oder bezeichnen sie eine Lücke i.d. Hs.!??!

17/18. ... Also: "Jch bitte dich, dass deine Gnade (mir) recht günstig sei".

19b. ... 'hc rogo te' / '(gedenk an mich)'!!

Lat.: hoc r.t. - z. Uebers. s.u.!

20a/b. ... 'qo propesar' / 'als ich an g(e)vär'

'natetro ge' / 'gedenk an dich'

a.) Welsch. (Lat.?!): qo = questo, dieses? (Cappelli gibt dafür allerdings erst "XVI. s.f." an!); prope(n)sare = bedenken.

b.) Wind.: na te = an dich (sloven.) 'troge' scheint hier wirklich gleich dem 'draga' 77,36 zu sein! Die Uebersetzung O.s verlangt allerdings wohl, für 'qo' lat. 'quo', wie weit (Rel.) anzunehmen; 'prope(n)sar' = Jnf. für die 1. Pers. Präs., wegen des Reimes (vgl. ob. 'pietas'!); hiervon ist 'na te' abhängig: "Wie ich an dich, Teure, gedenke".

21a. ... 'flor wellenpianck' / 'pluem, schön und plank'

Welsch: it. 'fiore bell(o) e bianco', Romauntsch: flur, bella, blauncha, friaulisch: flor, bel, blanc.

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21b. ... 'pomag inenne' / 'hilff mir (auss pein)'

Wind.: pomagati, sloven. = helfen; ls. 'mene', sloven. = mit (metr.!!)

22b. ... 'cū fidele / 'der treue dein' (!?)

Welsch (Lat.!?): ls. 'tu' ? 'tu fedele' = du Treue? - oder cun fidelte(d), Romauntsch = mit Treue. Glatter wäre allerdings vielleicht (wenn auch nicht ganz zur Uebersetzung stimmend) diese Stelle zur folg. Zeile zu ziehen: 'cum fidele non fac (is, s.u.) hoc = "Wenn du dies nicht getreu tust".

23a. ... Für 'fac' / 'facis' anzusetzen, würde hier keine Schwierigkeiten bedeuten und den Vers metrisch glätten.

24a. ... 'sellennem tlock' / 'auss grüenem walt'

Wind.: zelèn, sloven. = gründ (Endung v. Dat., Lok., Jnstr.); tù sloven. = in (ebenso gebr. wie 'v')? lȏg, sloven. = Wald.

24b. ... 'sit tutel rot' / 'var ich in not'

Vgl. afrz. 'sui total rot' (= Ptz.) Perf. v. rompre, neben rompu); 'total' Romauntsch = 'totel(a)'! Oder steckt hier doch Windisch dahinter?!

Es kommen also hier 5 (4?) Sprachen zur Verwendung, neben Deutsch: Windisch, Lateinisch, Welsch, Französisch (?) - (Vgl. auch zu 64,20ff u. zu 77!). Und zwar sind, mit geringen Ausnahmen, diese Sprachen in den einzelnen Strr. (je 8 Zeilen) regelmässig verteilt, wobei Französisch, das nur 2 x (1 x ?) erscheint, an der Stelle von Welsch steht; nur 8b scheint eine Ausnahme zu machen, weil da Windisch an Stelle von Welsch steht (vgl. 16b; auch 24b); vielleicht hat O. 'baß calt' für welsch gehalten, wegen des ähnlichen Klanges welscher Wörter?! Jedenfalls ist die beabsichtigte Reihenfolge für jede Str. folgende:

Wind. / Dtsch.

Welsch. / Lat.

Dtsch. / Lat.

Welsch. / Wind.

Also von den beabs. 4 Sprr. soll jede 4 x in der Str. vorkommen, in je zwei Zeilen immer alle 4 hintereinander (s.d. 2. Str., Vs. 9-16).

91

Welsch. / Wind.

Dtsch. / Lat.

Lat. / Dtsch.

Wind. / Welsch.

Jn der zweiten Halbstr. korrespondieren die Zweizeiler derart miteinander, dass im zweiten die 4 Sprr. in umgekehrter Reihenfolge erscheinen.

Doch scheint auch in der ersten Halbstr. eine gewisse Gesetzmässigkeit abzuwalten, sowie zwischen den beiden Halbstrr.; bezeichnet man die Sprachen in der Reihenfolge des ersten Zweizeilers (s. 2. u. 3. Str.) mit: a (Wind.), b (Dtsch.), c (Welsch), d (Lat.), so erscheint folgendes Bild, das bezügl. der Entstehung und des Aufbaus des Liedes nicht ohne Reiz ist:

a / b
c / d
-- -- --
!! -> b / d
c / a
-- -- --
c / a
!! -> b / d
-- -- --
d / b
a / c

Zur sonstigen Jnterpretation ist nur weniges nachzuholen. Es ist ein Liebesgedicht mit den herkömmlichen Wendungen. Der Hauptzweck ist ja eben die Anwendung der verschiedenen Sprachbrocken, genau wie bei 77! - Die Jnterpunktionen in den fremdsprachlichen Strr. scheinen nur Reimabteilungen zu sein; natürlich muss dann nach 'zwar' Vs. 3, auch ein Komma stehen. Jn den deutschen Strr. fehlt ein solches in Vs. 9 nach 'mich'; 'den gev. kn.' ist Appos. dazu. - Vs. 14 'wo ich(s) bekant', vgl. etwa 15,70 'du waist wol wo'! - Vss. 17-24 ist die Uebersetzung der deutschen Str. nicht so Zeile für Zeile annähernd wörtlich, wie vorher; es entspricht sich höchstens der allgemeine Sinn von zusammen je zwei Zeilen; s. bes. Vss. 17/18, 19/20, 22. - Auch 24b scheint nur ungefähr, nicht wörtlich den Sinn widerzugeben.

Die inhaltliche und zeitliche Einreihung des Liedes ergibt sich deutlich aus Vs. 16 '(troge) moy g, cū bon van an', denn 'g' ist Gret (s.o.!), sodass also 27, wie schon erwähnt neben 77 zu stellen ist, unter die Margaretegedichte, und zwar

92

zu Neujahr 1417. - Am zweckmässigsten würde man es vor 77 einzureihen haben, denn das beiden gemeinsame einfache Versmass hat in 77 eine kleine Weiterbildung erfahren, eine Art "Wiederholung der Hinterreihe" (s. Plenio, Beitr. 42, 439ff; vgl. Gedd. 29 u. 30):

27 / 77
2a, 2b / 2a, 2b
2a, 2b / 2a, 2b
------ -- ------
/ (2c, 2d)
------ -- ------
2c, 2d / 2e, 2f
2c, 2d / 2e, 2f
------ -- ------
(2c, 2d)

Auch die grössere sprachliche Glätte lässt 77 als das spätere Gedicht erscheinen, wenn auch hier, in 27, die Anordnung der Sprachen regelmässiger ist; allerdings war es mit 5 (4) Sprachen leichter als mit 7!

28 (87)

(fehlt A; B 106, f. 42 b; C, f. 83 b)

Metr.: eigen.

Melod.: (48) eigen; frische Tanzmelodie, dreiteil. Takt!

1. ... Das Komma zwischen 'plüede' und 'früede' streicht Türler mit Recht, denn es gehört beides zusammen: entweder ist 'plüede' Gen. Attr. und 'fr.' Subst. oder 'fr.' Adj. attr. zu 'pl.' (vgl. 37,47). - Zu dem Reim vgl. (26,12/13); 37,47/48; 37,78f; 53,13; 53,22ff; 59,68 ...; 100,4 ...; 107,81; 111,125f; 117,166/172; s. Maurer, S. 54, wo jedoch die Belege nicht vollständig sind; vgl. auch zu 17,55/56 (-nd-/-nt-) und 70,32 (-ld-/-lt-).

4. ... 'glanz' prädik. Adj.; Subj.: 'des maien tenne' (vgl. 11,18f).

5. ... 'manger hendlin' s. zu 11,3. - ls. 'varbe garbe' (Türler); vgl. a. 11.20.

6/7. ... 'würzlin' ... auch von 'durch' abhängig.

93

9. ... Vgl. 6,49.

12. ... 'und gilt ain junge kappen'; B. Web. deutet das: "... eine frühe Frau"! Aber 'kappe' in dem übertragenen Sinne unserer "Haube" zu nehmen, geht doch wohl nicht recht an. Es ist sicher zu lesen 'ain jungen Kappen': d.h. ein junger Kapaun als Wettpreis.

15. ... ls. '... schönen hönen' (Türler); 'sch...' ist attr. zu 'h...': "Das (s. Vs. 13!) erwarte ich auch von der schönen Hochmütigen".

19/20. ... Den Reim 'unrüebet : trüebet : üebet' hat Maurer, S. 13, nach meiner Meinung fälschlich als umlautlos angesehen; ich halte im Gegenteil 'unr.' für im Reim umgelautet! (vgl. a. 114,9!) - "Die mich so sehr in Unruhe setzt, betrübt und abhetzt mit vielen Gefahren".

27. ... 'heb(e)' scheint in dieser Bedeutung ("Last") nur bei Wolk. belegt zu sein! - Nach 'heb' stünde besser Semik. und nach 'empinden' ein Ausr.-Z.!

31. ... 'gelffe' ist ebenfalls Adv., wie 'tapferlich', beides zu 'gestalt': "stattlich, voll von Gestalt (wie du bist), walte ...".

33f. ... 'gesange' mit epithet. -e (viell. mit Reminisc. an das Kollektiv 'gesenge'; vgl. 37,32ff; 64,16; 93,17; auch 90,3 u. 97,96); es ist Acc.-Subj. zu 'erwecken', abh. von 'lass'. - Das Komma nach 'gesange', ebenso nach 'pange' fort! Dafür ist eins zwischen 'lange' und 'pange' zu setzen, gleichgültig, ob 'lange, pange' noch attr. zu 'gesange' gezogen wird ('lange' dann auch mit überschüssigem -e!), oder ob man beide als Advv. ansieht, was sich nicht ganz sicher entscheiden lässt; allerdings neige ich zum ersten.

34/35. ... 'jölich' zu 'jôlen'; vgl. 81,22 'ju jutz jölich'! - Türler setzt mit Recht nach 'lieb' Komma, denn 'ainig jölich, frölich lieb' ist als Variation zu 'frau' ebenfalls Anrede.

94

36. ... nach 'geweren' Komma! Das folg. 'Darumb' ist rel. (M).

37. ... 'in dem achten jar' - s. Sch. II, 10, wo diese Stelle auf Sabine bezogen wird; weiteres s.u.!

41. ... Am Schluss des Vordersatzes, nach 'wolgevar', Komma!

43. ... 'Auffrüstikliche' in diesem übertr. Sinne = "aufgeräumt, heiter", vgl. 67,11 'auffrüstig'.

43/44. ... enthalten Anreden!

45. ... 'leuchte' ist Subj.!

46. ... 'schricke' Acc. Pl.!

51. ... 'unvergessen' aktivisch - wie 31,17 u. 116,99; s. dagegen 34,5! - "(schreibe mich als, d.h.) sieh in mir einen, der dein nicht vergisst!"

52f. ... s. zu 34,13f! vgl. a. 1,9; desgl. 64,65ff, bes 73.

53. ... ls. 'nahet'! s. zu 34,13.

55. ... 'selten sehen' vgl. 15,30!

Besonders lustig und typisch für Oswaldischen Humor wirkt die Art der Darstellung bei dem Wettsingen der Vögel und gibt dem Natureingang sein besonderes Gepräge.

Schatz (Sch. II, 10) rechnet dies Lied mit Recht zum Sabinekreis und datiert es gemäss der Anspielung auf die 8 Jahre auf etwa 1416 (wie 64). Jedoch ist hier davon die Rede, dass O. nach 8 Jahren noch immer unerhört wäre, während die beiden Erwähnungen der 13 Jahre (84,21; u. 95,11), auf die Schatz sich stützt, deutlich von einer Zeit erhörter Liebe sprechen! Setzt man also mit Sch. den Anfang des beiderseitigen Verhältnisses auf 1408/9 (nach dem Tode Hausmanns, Sch. II, 9), so wäre 1408/9 der späteste Termin für Ged. 28, und der Beginn seiner, zunächst einseitigen Liebe zu Sabine spätestens auf 1401/2 zu setzen, was vollkommen mit der Kombination bei den Gedd. 1; 2 u. 20 übereinstimmt!

95

29 (54)

(Ae 48, f. 30 a; B 65, f. 27 b; C, f. 58 b)

Metr.: wie Ged. 30, w.s.!

Melod.: (101) gleich der Mel. von 30 (111) nach B; zweist. - s.d. Uebertragung des dem Satz zugrundeliegenden Tenors im II. Teil, 3. Kap.

1f. ... Vgl. 64,67 'davon mein herz ist wund bis in den pittern tot'!

4. ... 'zwir durch' - es handelt sich hier nicht um 'zwir' = zweimal (so B. Web. Gloss.!), sondern um 'twer', adv.: "quer durch".

5. ... 'erd' - beachte den überschüssigen Reim (: versert : swert)! s. zu 30, am Schluss!

6. ... 'mensch' - vgl. 1,1; 55,35; (84,24).

9f. ... Zu diesem Jagdbild vgl. ausser 22,18ff bes. Ged. 44!

10. ... Komma nach 'latz', wie Sch. I! Denn die folg. Zeile gehört auch noch zu den Vordersätzen!

11. ... 'damit' final! Vgl. u. Vs. 16 und s. zu 2,42!

10/11. ... 'schanden latz...ung' vgl. 72,7 'der valschen zungen latz'!

11/12. ... Reim -iu- : -öu- s. zu 11,44ff.

13. ... 'ich man dich, lieb, der wort' - vgl. 64,55ff! - s.u.

16. ... 'damit' - s. ob. Vs. 11. Auch hier final, wenngleich der relat. Gebrauch noch durchscheint - Beziehung natürlich auf 'bedenk'.

18. ... 'Zwaihundert jar': hyperbolisch für "mehr als hundert Jahre"; s. zu 19,1!

Ladendorf (S. 139) bezieht dies Gedicht auf Margarete. Seine Begründung aber, O. wäre über M. fälschlich Böses berichtet worden, worauf er ihr nun schreibe, scheint mir doch nicht stichhaltig. Die eindringliche Sprache des Liedes lässt ja an bestimmte Erlebnisse, die etwa dahinterstünden, denken; wenn aber überhaupt eine Beziehung feststellbar wäre, so könnte meiner

96

Meinung nach nur Sabine in Frage kommen (s. Vs. 13!!). Jst Sabine 64,66ff gemeint, so käme auch die Aehnlichkeit zwischen 29,1 und 64,67 noch dazu. Wenn die Beziehung für geltend angesehen wird, so bliebe trotzdem noch die Zeitfrage; denn die Gesamtstimmung könnte ebenso gut der Zeit der ersten Gefangenschaft angehören, wozu noch die immerhin mögliche Beziehung zwischen Vss. 13ff und 84,107f, bes. 85,49ff käme. Jch würde zwar das erste vorziehen, wage aber keine bestimmte Eingliederung dieses Liedes (vgl. a. II. Teil, 1. Kap.).

30 (55)

(fehlt A; B 66, f. 28 a; C, f. 58 b)

Metr.: wie Ged. 29; s.u.!

Melod.: (111) vgl. 29.

3. ... 'teucht' - vgl. 71,12 'teuchte' - dies Wort scheint nur bei O. belegt zu sein!? B. Web. Gloss. gibt die Bedeutung: Gedanken, Erinnerung (nach Schm. Fr. I, 486 'bedaucht': imaginatio, Voc. v. 1429); Lexer: Bedrückung, Beschwerde, Kummer - als Ableitung von 'diuhen'. - Der zweiten Erklärung möchte ich folgen, und zwar aus sprachlichen Gründen; den inhaltlich wäre die erste hier auch, ja 71,12 sogar eher denkbar!

4. ... Der Punkt nach 'melt' (Sch. I) ist besser beizubehalten.

5. ... Es liesse sich ein Komma nach 'welt' rechtfertigen; Vs. 5 als Vordersatz zum Folg., das dann gemeinsamer Satzteil wäre.

6. ... 'mein aug' - vgl. zu 1,4; ferner 5,17; 58,45f; 59,21; 64,96; 100,29.

9. ... d.h.: er kümmerte sich nicht um die Zeit, die unter seinen Liebesgedanken verging.

97

12. ... 'possen' nach dem Vorgang von 4,6 u. 21,6 auch hier = Figur, Gestalt. - Zu der 'varb von eitel grüen' vgl. 36,37 '... mait, beklait von einer stauden ...'.

17. ... 'verstampt' - wohl nicht zu 'verstempfen': zustampfen (so Lexer nach MZ.), was hier keinen Sinn gäbe; denn es handelt sich um Schilderung des 'possen'. Jedenfalls von einem 'verstemmen': versteifen; also 'verstam(p)t' = "versteift", d.h. fest, drall! Der Reim bietet keine Schwierigkeiten bei O.; vgl. schon das 'rampt' (= râmt(e)), ferner 122,28-30 'ampt: verdampt: erlampt'! Auch sonst findet sich öfters epenthet. -p-, z.B. 31,10 'benimpt'.

19. ... relat. Bedingungssatz z. Folg.

20. ... 'im' bez. sich natürlich auf 'possen'.

21. ... 'zwisel' = Gabelung (der Beine).

22. ... 'maser' Fem.!! Hier, in dem Bilde des Birnbaums = "Stamm".

27. ... 'vernünftig, alt und weis' - "Da ich leider ... bin".

Die zweifellos vorhandene bestimmte Beziehung lässt sich auch hier nicht feststellen (Sabine??).

Von Jnteresse ist der metrische Vergleich mit 29, mit dem 30 nach Ausweis von A die Mel. gemein hat. Merkwürdigerweise hat die Mel., die nur für 29 überliefert ist, an den beiden Stellen der Str., wo 30 eine Wiederholung der Hinterreihe aufweist (5 u. 10 jd. Str.) auch 4 Takte ohne Text! Gehört also die Originalkomposition doch zu 30?! - Nach dem metrischen Bau ist allerdings eher 29 als das frühere anzusehen, was ja auch mit der hsl. Ueberlieferung stimmen würde, denn es hat die noch weniger ausgebildete Form, die erst die andere ahnen lässt (vgl. die Cäsuren in Vss. 5 u. 12), abgesehen von der Unebenheit der zweisilb. Kadenz in Vss. 11/12. - Vgl. auch das metr. Verhältnis von 27 zu 77!

98

31 (37)

(Aa 22, f. 13 b; B. 46, f. 19 b; C, f. 49 a)

Metr.: eigen; eine Str.!

Melod.: (90) eigen; dreist., Text unter Discant! Die anderen Stimmen instrumental?!

4. ... 'valkenterz' - Anrede an die Geliebte! Nach Schm. Fr. I, 626 'terz, terzel' = weibl. Falke! (Lexer = männl. F.!!).

11. ... ls. 'zártèn' nach Ausweis der Mel.

12. ... Nach 'ler' (Bildung, Anstand; vgl. 69,21) ist ein Zwischenraum zu lassen (es gilt als Reimwort und füllt allein den Takt!); ferner ls. 'weíplìche'.

13. ... Auch hier scheint die Mel. zu fordern: 'muess ich bedenken, wo ich ...' / –́ / x̀ x / –́ / –̀ / x́ x / ...

14. ... Hier wären dementsprechend folg. Aenderungen nötig: 'sendeliches scheiden geit sauer zuckernar' / x́ x / x̀ x / –́ / x̀ x / x́ x / x́ x / x̀ v / (s.A: sendliches! und BC: sawer!) 'zuckernar' vgl. 7,52; 14,22; 67,35.

15. ... ls. 'tröstlich gedingen' (/ –́ / x̀ x / –́ / x̀ ...)

17. ... Die Melodie fordert eine metr. Verteilung auf dieselbe Zeit wie bei Vss. 13a, 14a und 15a, also: 'únvèrgéssèn'!! 'unverg.' hat wie 28,52 u. 116,99 aktive Bedeutung; s. dagegen 34,5.

18. ... Vgl. 15,37!

Ladendorf (S. 136) zieht dies Lied in den Sabinekreis, wofür ich jedoch keine Anhaltspunkte sehe; möglich ist es, aber ebenso gut könnte es auf Marg. sein. (s. Vs. 14 'zuckernar'!); daher muss auf eine Fixierung verzichtet werden.

99

Zu den metrischen Vorschlägen ist noch ergänzend darauf hinzuweisen, dass es sich um ein Lied in einer Str. handelt: Vss. 1-5 u. 6-10 sind die Stollen (gl. Mass und gl. Mel.!), 11-18 der Abgesang, der aus zwei verschied. Teilen besteht; das ist bei der Notierung durch die Benennungen 'Secunda pars' und 'Tertia pars' gekennzeichnet.

32 (84)

(Ah 96, f. 52 a; B 100, f. 40 a; C, f. 78 b)

Metr.: eigen.

Melod.: (56) eigen; einst., mensuriert!

6. ... 'verhendelt': bei den Händen gefasst - vgl. 35,52 'gezwait geviert'; 43,21 'zwait euch'; 83,29/30 'vier stunt zwai und zwai geweten schon nach ainem rai'; 86,3 'ie zwai und zwai zesamen tracht ...'; 102,14ff 'dafür lob ich den grüenen mai / und sunder zwai / freuntlich darin gesellet'.

7. ... Nach 'tal' muss ein Jnterp., Komma oder Semik., stehen: es beginnt ein neuer Satz danach!

11/12. ... Dazwischen fehlt eine Zeile, die der Strophenbau verlangt, mit Reim auf 'han' und umbvan'. Etwa wie 6,50; 'mit süesser stimm auff paumes pan'!?

12. ... 'lieplich ungemach' - s. zu 19,7 'zu liebem ungem.'.

13. ... 'lieb ach': Liebesseufzer.

16. ... Das eine 'ich' ist zu streichen (i. Sch. I und Sch. II!). 'der ...': "von der ich ... nichts ...".

17. ... 'umbvan' abh. auch von 'sol'.

Jm Gedicht selbst finden sich keine Anhaltspunkte irgendeiner Beziehung. Natürlich könnte mit der Liebsten am Schluss Sabine gemeint sein, aber auch ebenso gut eins der Mädchen

100

der Konstanzer Zeit, denn dies Lied steht in A und B mit 61 und 62 zusammen, mitten zwischen anderen Gedichten. Setzte man die bekannte vermutliche Entstehungsart von A voraus, so könnte man für dies Mailiedchen die Jahre 1415 oder 1416 in Anspruch nehmen. Allerdings widerspricht dem für beide Jahre, dass O. im Mai sowohl 1415 als 1416 sicher mit anderen Gedanken beschäftigt war (s. zu Gedd. 63 u. 64!); eine spätere Zeit kommt erst recht nicht in Frage. - Ged. 32 muss also unter den nicht genauer datierbaren Liedern verbleiben.

33 (53)

(Ae 42, f. 25 a; B 64, f. 27 b; C, f. 58 a)

Metr.: eigen.

Melod.: (95) eigen; zweist. Kanon ('Fuga'). Die Kanon-Mel. hat zwischengeschobene Stücke ohne Text! vgl. Ged. 74 u. die Uebertrgg. im II. Teil, 3. Kap.

1-5. ... Der Mann (4/5 mit direkter Anrede).

6-10. ... Die Frau.

11-15. ... Der Mann. Also sind dementsprechend die Zeilen, bezw. Strr. in "..." zu setzen.

7. ... 'doch unergangen': wenn auch nichts geschehen ist - d.h.: wenn du auch in meinem Betragen keinen Grund dazu hast finden können, irgendeine Gunst von mir zu erwarten.

9. ... 'behüet' entw. ironisch: "nehme sie in seine Hut!" oder gleich der sonst auf Sachen bezog. Bedeutung: 'behüeten' = verhindern, hier auf Personen bezügl.

10. ... 'lief' - vgl. 25 (zu Vs. 1) u. 26! Hier natürlich nur dem Reim zuliebe, wie 37,106.

101

11. ... B. Web. liest hier 'ich' statt 'du' in A (Goldhann!); desgl. hat er im Text Vs. 12 'verl...' statt 'bel...' (= C?).

13. ... Das Reimzeichen nach 'wart', sowie die Rasur von -en in Zeile 3 ist wohl nur als Versehen des Schreibers zu werten; denn, abgesehen von dem Strophenbau des Liedes, der ja allein noch nichts besagen würde, geht die Mel. gerade an dieser Stelle ganz glatt weiter, während sie sonst bei diesem Lied auch die inneren Reime durch Pausen auszeichnet! - 'von liechten euglin plick' ist eine etwas schiefe Konstr.; denn sowohl 'l. eugl.' ist Dat. Pl. als 'plick' Dat. Sing.! Viell. ist in 'liechter' zu ändern!?

Jrgend eine bestimmte Beziehung ergibt dies kleine Liebesgespräch nicht. Wenn überhaupt, so wäre hier nach der sanften Art noch am ehesten an Margarete zu denken.

34 (74)

(Ah 100, f. 54 a; B 89, f. 37 a; C, f. 73 b)

Metr.: eigen; einfach: a b / a b.

Melod.: (31) eigen; frische Dur-Mel.!

1. ... Vgl. 68,28, wo 'herz' metr. zuviel ist!

5. ... 'unvergessen' - Passiv; vgl. dagegen 28,51; 31,17; 116,99. Das Komma nach 'sein' ist falsch und fehlt auch Sch. I.

9. ... 'du west' - Ekthlipsis aus 'wessest', oder ebenso Angleichung an 1. u. 3. Pers., wie sonst oft bei O.? (allerd. nur im Jnd.!)

10. ... '...halb' vgl. 64,86!

13. ... Vgl. 1,9; 28,53f - 'nahent' gegen alle Hss.!! Ebenso liegt der Fall bei 28,53 (nur BC überl.) und 92,7 (AhBC);

102

Sicher -ent hat Aa 1,9 u. 86,1 - bei 11,41, wo Schatz keine Laa. hat, ist wohl auch -et für A anzunehmen, wie B. Web. in seinen Laa. angibt; denn 11 ist (wie 34 und 92) von h geschrieben! 71,15 fällt aus, da Pl. anzusetzen ist. Rechnet man dazu, dass B vom Schreiber a geschrieben ist (1,9 u. 86,1 haben B(C) -et!), so ist wohl klar, dass diese Verschiedenheiten auf die Rechnung der Schreiber zu setzen sind. Wollte man nun eine der beiden Formen durchführen, so scheint mir doch, dass das Gebräuchlichere 'nahen' angebrachter ist; denn abgesehen davon, dass der Schreiber h Oswald am nächsten stand (s. Sch. II, 33), ist 'nahen' auch im Reim (67,24) überliefert. Die eventl. Ausnahme für 1,9 s. dortselbst!

Schatz (Sch. I, 114) bemerkt zu den Marg.-Liedern 66-77: "Das von anderen Liedern eines an Margarete gerichtet ist, man könnte etwa an 34 denken, scheint mir nicht wahrscheinlich". Ein strikter Beweis findet sich gerade in diesem Lied am wenigsten (s. dagegen z.B. 3; 4; 13; 14; 27 ...), aber möglich wäre immerhin die Beziehung auf Margarete. Wegen der sonst doch recht allgemeinen Haltung, im Vergleich zu den genannten Liedern, die ich dem Marg.-Kreis zuschreibe, möchte jedoch ich Ged. 34 in seiner weniger bestimmten Stelle lassen.

103

35 (33)

(Ag 59, f. 34 b; B 37, f. 15 b; C f. 41 a)

Metr.: gleich 53 - Die Verschiedenheiten des Masses einzelner paralleler Zeilen in den Strr. fallen auf (Z. 2/3 u. 5/6 in Str. 1 gegen Strr. 2 u. 3; Z. 9 u. 12 in Strr. 1 u. 2 gegen Str. 3). - Dabei bleibt aber die Silbenzahl die gleiche!! Jn der stark verzierten meistersingerischen Melodie tauchen diese Verschiedenheiten unter. Die Zeilen 19-21 u. 28-30 jd. Str. sind als je eine Zeile zu lesen (M); Nur dann sind bei der verschiedenen Stellung der inneren Reime diese Schlussteile der Abgesänge gleich.! - Bei Ged. 53 liegen die Dinge ganz ähnlich; s.d.!

Melod.: (88) gleich der Mel. von 53 (99); meistersingerische Melismen; eine Vereinfachung der Mel. bietet zu viele Schwierigkeiten, als dass man sie wagen könnte. Der urspr. einst. Tenor des Satzes (zweist.) hat also wohl von Hause aus die "geblümte" Fassung. - Der tanzartige, mensuriert (dreiteil. Takt!) notierte Abgesang legt die Vermutung einer Unterdichtung, d.h. der Entstehung der Mel. vor dem Text, nahe, da organisch zu seinem Bau gehörige Takte bei der Unterlegung ohne Text bleiben!

14. ... 'senden' = 'senen', subst. Jnf.; durch Beeinflussung des nebeneinanders von 'sene/sende' und 'senelich/sendelich'.

17/19. ... Die von Türler vorgeschlagene stärk. Jnterp. nach 'minnikleich' und 'raine' ist einleuchtend.

21. ... Hier, wie auch Vs. 26, möchte ich gegen Türler doch bei der Schatz'schen Jnterpretation bleiben; und zwar ist mir, bei dem Mangel an sonstigen schlagenden Entscheidungsgründen,

104

die Grenze der Strophenteile 21/22 massgebend, um dort lieber einen Punkt zu setzen. Dann verlangt der Satz Vss. 22-26 einen Nachsatz, der sich zwangslos in Vss. 27ff bietet.

24. ... Nach 'wenke' steht besser ein Komma (Türler hat keine Jnterp.!); es ersetzt ein 'und', denn 'schr.' ist 'ir gelenke' nebengeordnet.

25. ... 'schrenke' - hier lässt sich ebensowenig wie 21,14 sichern, ob es sich um Pl. v. 'schranc' oder Sing. Fem. 'schrenke' handelt, wenn ich auch das zweite annehme; vgl. auch 15,55 u. 22,21; die Bedeutung "Umarmung" ist klar.

31ff. ... (36) die Ausr.-Z. von Sch. I könnten bleiben; jedoch schliesse ich mich Türler an, der 37 nach 'klar' auch eins setzt, und dafür nach 39 'gepflänze' ein Komma.

36. ... Ausr.-Z. nach 'unverdrossen', wie Sch. I. - ls. 'schau' (vgl. Vss. 7 u. 68).

38/39. ... Die Kopula zu ergänzen!

41. ... 'empfangen' = empfenget, "entzündet"!

42. ... Komma fort nach 'glänze' (Türler), denn 'Von manger varbe' ist nähere Bestimmung zu 'empfangen'!

43/44. ... Türler setzt nach 'varbe' Punkt und zieht 'junk und marbe' unter Fortlassung des Kommas nach 'marbe' mit Recht zum Folg.; dagegen sehe ich 'garbe' nicht als Adj. zu 'smelchlin' an (es käme wohl höchstens die Bedeutung "reif" in Frage, die hier, in dem Frühlingsgedicht, nicht passt), sondern als Subst. 'garbe' = "Schafgarbe"! Also nach 'smelchlin' Komma!

46ff. ... 'harbe' ist dann nur als Attr. zu 'würzlin' anzusehen. Das Komma nach 'harbe' streicht Türler und setzt eins nach 'manigfalt', sowie Punkt nach 'gesüesset'. Erst dadurch erhält der Satz 44ff sinngemässen Bau!

51. ... 'sprinz und spranz' = "Sprossen und Spriessen". Vgl. 36,43: 'trink trank ...'; 47,11 u. 71,13: 'winkerwank'; 36,90 'trutza trätzli'. Ausr. nach 'spranz' wäre nur folgerichtig.

105

52. ... Das Komma nach 'gevieret' muss fort: "zu zweien, zu vieren schart euch ..."; 'schärlich dieret' = "gebärdet euch 'schärlich'" - zu 'schar' = Tanztour, s. Schm. Fr. II, 443 "Schar" x c.)!

54. ... 'schrailich gieret': "jauchtzt euer Verlangen hinaus!"

55f. ... "beschleunigt die Erfüllung eurer Wünsche!" Vgl. 73,29.

52-60. ... Diese Aufforderung zum Tanzen in der Frühlingsfreude entspricht dem tanzartigen Charakter der "Abgesangs"-Melodie, die sich deutlich den Repititionen anderer Frühlingslieder O.s anreiht - s. dazu auch bei 53,43ff!

66. ... "Durchweht, durchblasen" - man sollte 'hat' (2. Pl.) statt 'han' erwarten!

69. ... 'von euch' Anrede an die Winde.

73. ... "Wohlauf, die Luft geht frisch und rein! Wer lange sitzt muss rosten!"

76. ... "Wie begossene Pudel".

80/81. ... Komma fort nach 'prunne', das Subj. zu 'geflinst' = "fliesst schimmernd" (s. zu. 23,1) ist; vgl. auch 79,152 'flunst'!

88. ... 'neur ein got' = Gott allein (vgl. 65,9; 110,72 'neur ain...').

90. ... 'verzinst': (als Zinsen) zukommen lässt.

Die metr. und melod. Uebereinstimmung dieses Liedes mit dem geistlichen Liede 53 führt auf Beziehungen zwischen diesen beiden Gedichten, die bes. durch 53,19ff deutlich werden: alle Frühlingsfreude gleicht doch nicht der hohen Freude des Maienreigens der Gläubigen. Darin liegt eine deutliche Anspielung auf das weltl. Frühlingslied 35. Danach ist 53 offensichtlich das spätere Gedicht.1

Ob 35 in die Frühzeit zu setzen ist, oder etwa in den Marg.-kreis (vgl. 75!), lässt sich nicht entscheiden; es muss also bleiben wo es ist.

1Jn A steht 35 erheblich vor 53, und auch B das beide zusammenrückt hat die Reihenfolge 35; 53 beibehalten; die Mel. ist in beiden Hss. nur bei 35, während bei 53 lediglich ein Hinweis auf diese Mel. steht!

106

36 (30)

(Aa 20, f. 12 a; B 21, f. 9 b; C, f. 24 a; F, s. Sch. II, 48)

Metr.: eigen.

Melod.: (41) eigen; frische volksmäss. Tanzmelod.

3. ... 'dungen' = 'tungen', düngen, erfrischen ('mit süesser kraft').

5. ... 'tauren' (dûren) m. Gen.! - "nicht länger ertragen, dulden", also etwa entsprechend 'bîten'! - 'er' = der Mai.

7. ... Kolon nach 'trauren'; es folgt die Aufzählung dessen, 'was sich versmogen hat'!

8. ... ls. 'plüemlin plüet'; 'plüeml.' ist Gen., abh. von 'plüet' (= 'plüede', Pl.? wegen des Reimes!?) (M) - vgl. 40,8; 53,26; 54,19; 75,28.

10. ... 'trett auff höher': "erhebt euch in die Luft!"

13. ... 'quel' nur hier! (Reim!?) - O. hat sonst 'qual' (Mask.!).

14f. ... '... reut ain ander mel ...' - Trotz der La. in A: 'rudt' ist an 'reuten' in diesem Zusammenhang nicht zu denken - es ist 'reuten' und 'rëden' = durch das Sieb schütteln verwechselt; dies Vb. wird gerade vom Mehl gebraucht (s. Schm. Fr. II, 57) - vgl. 46,15 'reiter' (C: reutter); desgl. 81,68 'reut', Jmp.; eventl. auch 75,47.

17. ... "zeigt sich schon durch die Fruchtbarkeit des Bodens".

20. ... 'ieds sein geleichen nachgepilt'; vgl. 96,55ff: 58 'geleich kiest sein geleichen'; auch 103,37ff und 110,51ff.

21. ... 'des maien schilt': d. bunte Blumen-"Schild" der Maiwiese! Dass die Reimnotwendigkeit auch einige Veranlassung zu diesem Bild gegeben hat, darauf weist schon B. Web. in seinem Gloss. hin.

21/22. ... Die übermütige Frühlingslust kommt in diesen beiden Versen in echt Oswald'scher Art zum Ausdruck! Vgl. Ged. 45!!

24. ... 'fürher pringen': zutrinken.

107

26. ... Die von Türler vorgeschlagene Zeichensetzung (Punkt fort nach 'zart', Komma nach 'well wir') ist doch etwas gezwungen; denn bei solcher Reimfülle und Aufzählung ist blosses Nebeneinanderreihen ohne deutlichen Satzbau bei O. nichts Ungewöhnliches (s. aber u.!).

27. ... 'an verlangen': ohne Kummer.

28. ... 'sangen' - um Aehrenbüschel kann es sich kaum handeln hier im Frühling! Aber die Bedeutung "Blumensträusse" (Schm. Fr. II, 310f) oder "Kräuterbüschel" würde passen.

29. ... Sch. I hat richtig nach 'wangen' Komma; aber auch vorher, nach 'sangen', stünde besser eins. - 'mit verhangen laub d. w.' ist eingeschobene nähere Bestimmung. - Das Komma nach 'umbvangen' möchte ich auch streichen, sodass sich dieses Ptz. auf 'wir' bezöge, und 'zangen' als Jnf. ebenfalls von 'well wir' abh. wäre.

30. ... 'zangen' aus 'zanegen' = 'zanen' (s. Schm. Fr. II, 1126f auch 1136 'zanken', unter Bedeutg. b.)): m. d. Zähnen nagen, kauen, reissen; also: 'zünglin zangen' = züngeln (vgl. 6,68f). Nach 'zangen' viell. besser eine stärkere Jnterp., Kolon oder Semik. - 'mein part': meine Mitspielerin (in diesen Frühlingsfreuden); oder doch: mein Bart, d.h. ich??

31. ... 'von hals': ohne Vorbereitung, als Natursänger. - 'quientieret', hier, wie auch 93,17 ist diese mus. Spezialbezeichnung nur allg. für 'singen' gebraucht; an beiden Stellen mit beabsichtigt komischer Wirkung!

32. ... 'und der' konzessiv: "wenn auch einer noch so höfisch nach französischer Art discantierte, ..." - daher natürlich Komma nach 'discantieret'!

33. ... Ls. 'gugg guck, lieb ruck!', als eine Art nähere Erklärung zu dem Subj. des Nachsatzes: 'der hal'! vgl. Vss. 43/44. - zu den mus. Fachausdrücken O.s siehe bei 64,24.

108

34. ... Ls. mit BC 'weit für', welches in dieser Bedeutung gegenüber 'vor' bei O. weit überwiegt (s. zu 26,28); 89,3 hat Schatz 'für' mit BC gegen A in den Text gesetzt! - vgl. 36,38! - 'Jöstlins saitenspil' - Es liegt nahe, an den venedischen Dichterkomponisten Leonardo Giustiniani zu denken, dessen villanellenartigen Lieder im 15. (u. 16.) Jh. unter dem Namen "giustiniana" bekannt waren! Giust. war Zeitgenosse (geb. 1385!) O.s, der ihn sehr wohl in Oberitalien kennengelernt haben kann; s.a. Koller in Sch. I, S. 136, der nachweist, dass O. seine mus. Kenntnisse in Jtalien (Venedig!) erworben haben muss! Sowohl dem Zusammenhang dieses Gedichtes, als dem von 43 (Vs. 27 'jöstel') ist die Art der Lieder, die man mit "giustiniana" bezeichnete, durchaus angemessen ("scherzhaft pointierte Liebeslieder schlicht villanellenartiger Faktur", H. Riemann, Mus.-Lex.)!

35. ... 'Hetz jagen' gehört zusammen.

36. ... Pfifferlingen'; vgl. 16,6; 75,42; auch 40,19; 60,4. - Die angeführten Stellen lassen erkennen, dass es sich auch hier um die wörtliche Bedeutung, um ein mit der Frühlingsfeier verbundenes Pilzesuchen handelt, und nicht um einen obscönen Nebensinn, den ja die folg. Zeilen nahelegen könnten.

37. ... Nach 'mait' muss ein Komma stehen; 'beklait von ainer stauden' ist Appos. zu 'mait'. Diese steht entweder hinter einem Busch, oder ist, was eher anzunehmen sein wird, mit Grün umkleidet. Vgl. vorher Vss. 28/29; desgl. 75,30/31, wonach dieses Grün die einzige Bekleidung bei einem solchen Waldfest gewesen zu sein scheint.

40. ... 'paden' - Türler sagt: "'baden' muss soviel wie 'waten' bedeuten" und verweist dabei auf die La. von A (wadn̄) Das scheint mir aber nicht stichhaltig zu sein;

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denn wollte man das w- in A anerkennen und in B das b- = w- setzen, so zeigen doch die anderen Laa. (C paden, nach B. Web. Text, F paden (HMS)), dass für dies Frühlingsvergnügen die Bezeichnung "baden" das Geläufige war. Dem widerspricht jedoch auch die La. von Aa durchaus nicht, denn w- für b- (entsprechend dem häufigeren b- für w-) ist ja in bair. Hss. nichts Seltenes (s. Weinh., Mhd. Gr. § 159; BG. §§ 124 u. 136; Michels, E.-B 3.4 § 118, A. 3!). - Dazu kommt, dass der Schreiber Aa an anderer Stelle (46,4) das Gleiche aufweist (gegenüber b- u. p- in BC!). - Vgl. auch zu 17,32, wo ja allerdings die Entlehnung aus dem Roman. mitspricht! - Jedenfalls bleibt hier, 36,40, der Schatz'sche Text das Richtige.

43/44. ... Der Vorschlag Türlers, Vss. 43 u. 44b ('pag den zol') in "..." zu setzen, kennzeichnet erst deutlich die richtige Bedeutung dieser Zeilen, die den Vss. 31-34 im Sinne parallel laufen! - 'pag' (bezahlt!) vgl. 100,61 'pagärt'.

46. ... 'in dem land', d.h. in Spanien (s. Vs. 43 u. Sch. I, 108; vgl. a. u.!); - 'all' ist Adv., sodass zu 'nam ich war' das Obj. zu erg. ist, etwa: jede Gelegenheit!

47. ... Auffällige Konstr. von 'sehen'! Dat. d. Pers. u. Acc. d. S. - zu übers. mit: "an mir". Jn dieser Zeit (also im Alter von 39 Jahren; s.u.!) scheint sich danach das Grauwerden bei O. eingestellt zu haben, was immer noch früh genug wäre. Die B. Weber'schen Ausführungen über diesen Punkt (O. u. Fr., 122) kommen nicht in Frage, da sie auf biogr. u. auch sonst falschen Voraussetzungen beruhen!

49-52. ... partizip. Acc.-Konstr. als Attr. oder Appos. zu 'freulin'! vgl. die Aufzählungen z.B. in Ged. 3 u.a.

110

50. ... Sch. I hat 'verdackt' nach BC, aber abgesehen von der stärkeren Berücksichtigung von A in Sch. II erhält 'verdeckt' noch Unterstützung dadurch, dass nur die umgelautete Form im Reim bei O. erscheint (30,12; 48,22; 68,4; s.a. 11,32; 37,57; 71,4; 99,37)! - 'm. roten hosen' s. zu Vs. 56!

51. ... Ein zwischengeschobenes 'vil' ('ir vil liechten ...') würde den Auftakt herstellen.

52. ... d.h. mit schw. gemalten Augenbrauen; zu der durch den Reim mit veranlassten sw. Form 'bestreichet' vgl. 'gestrichet', Troj. 20298, in ganz ähnl. Sinne!

53. ... Bei O.s Vorliebe für Wort- und Klangspiele liesse sich der Schüttelreim dieser Zeile sehr wohl als bewusst angewandt denken. - Viell. auf einen Scherz im Kreise der Hofleute zurückgehend!?

54f. ... Sowohl die Streichung des Komma nach 'gepaine' (zw. Subj. u. Präd.!), als die Setzung eines solchen statt des Punktes nach 'klaine' (beides schlägt Türler vor) erscheint gerechtfertigt; denn Vss. 56/57 sind Konstr. ἀπὸ κοινου̃, zu der 'leib, gepaine ... klaine' Vordersatz ist und 'gar verswunden wär ... schuech' Nachsätze sind! Die Vorwegnahme des Subjektes des gemeinsamen Nebensatzes 'ach die raine' ist durch metr. u. Reimgründe veranlasst und stört die angenommene Konstr. nicht.

56f. ... "miede sie das Hosentuch" (s.a. Vs. 50!). Auch diese Anspielungen weisen auf Spanien, weil dort die Frauen, wohl durch den maurischen Einfluss, sicher Beinbekleidungen des genannten Schnittes trugen; vgl. Racinet, Le Costume historique (Paris 1888), Tom. III, Blanche 167: 'Mauresque XIII.-XIV. Siècle', 'Jnterieur de l'habitation seigneuriale': einfarb. Bild eines Raumes der Alhambra (salle de la benediction) mit Frauen, die alle farbige (rote oder grüne) Hosen (ohne Röcke) anhaben,

111

etwa im Schnitt der männl. kurzen Hosen, die wir aus dem 17./18. Jh. kennen, mit einem gelben (goldenen) Band unterhalb des Knies gebunden (s. Vs. 57!).

58. ... 'mein wunden': meine Wunde; die sw. Form d. obl. Kas. in den Nom. gedrungen (vgl. z.B. possen, swm. 4,6). - Sch. I hat richtig Komma nach 'wunden'; Subj. zu 'het', Vs. 59, ist "ich".

59. ... 'all mein kunden': "das Ziel meiner Weisheit".

60. ... s.u. zur zeitl. Festsetzung!

62. ... d.h. "passen eigentlich nicht für ein Weib".

63. ... B. Web. hat im Text 'das anges.', wohin wohl auch 'des' bei Schatz zu ändern ist. - 'verglanzen': mit Salbe glänzend machen (vgl. 11,21 'poliert euch'). Metr. ist diese Zeile nicht glatt, denn 'angesicht' in 'angsicht' zu ändern, verbietet der Binnenreim; viell. liesse sich 'glanzen' lesen, das ja dasselbe bedeutet!?

64. ... 'ring in oren' - vgl. 63,53 (M).

65ff. ... Der Reim 'verschrôten : rôten : poten' zeigt bereits die Analogie zum Sing. Prät. mit Dehnung als Entwicklung zum Nhd.; s.a. Maurer, S. 61 u. vgl. zu 41,34/37.

66. ... 'mündlin' - teils wörtlich, teil Metonymie für die "freulin"!

66-68. ... Vgl. 63,54-56!! (M)

69. ... 'näglin rot' vgl. 63,53!! (M)

70. ... 'ze lank' - auch auf Spanien weisend?? Besser Semik. nach 'lank', denn :

71f. ... 'ir' bezieht sich (wie auch 69) auf die 'freulin' oder auf 'dieselbig mait'; vgl. die Laa. von A zu Vs. 70: 'die sein ir (Dat. Sing.) ain ...', von BC zu Vs. 72: 'pfligt sy', wo auch in A die Endung auf Rasur steht! Die Singularbeziehung scheint jedenfalls zuerst gedacht zu sein, aber die

112

Rasurverbesserung durch b in A weist deutlich auf beabsichtigten Pl.! Für den Zusammenhang allerdings ist es verhältnismässig gleichgültig, ob Sing.- oder Pl.-Beziehung anzunehmen ist, den 'dieselbig mait' gehört unzweifelhaft auch zu den 'freulin'!

75. ... 'zu ainlitz' - adverbial, der Wendung 'zeinizen', 'ze einzigen' unorganisch nachgebildet? Oder etwa ein Name? "Auch lobe ich den Vorhang bei den Betten (dieser "Fräulein") mehr als den Klang einzig (?) der Glocke". - Es scheint sich hier um eine Anspielung auf denselben oder einen ähnlichen Vorgang zu handeln, wie er 63,97ff ausführlicher beschrieben ist - die Glocke wäre dann auch hier, Ged. 36, die Sturmglocke, die ihn aus der Ruhe in den Armen der "Fräulein" aufscheucht.

76. ... 'Soldans lant' - jedenfalls die Küstenländer am südöstl. Mittelmeer (vgl. Schiltberger, Kap. 3 u.ö.); wohl kaum: Soltania, Sultanie, Prov. des Reiches Timurlengs, südl. d. Kasp. Meeres (vgl. Schiltbg., Kap. 18 u. 35). - S.a. 65,6 'Soldans kron' und 111,22 'Soldan'. - Die Erklärung für 65,6 = "Ostpreussen", die Motz S. 14, Anm. 4 gibt, verstehe ich nicht!

77. ... Eifenstrant' - nach dem sonstigen Vorkommen (z.B. Such., XIV, 224 u. XVIII, 181 'gen Eifland') handelt es sich jedenfalls um "Livland", das allerdings ungleich häufiger in der Form 'Nifland' erscheint! Die Stellung bei Such.: 'gen Eifland' würde zu der Ableitung aus falscher Wortgrenze nach 'in' oder 'gen' führen. Wenn O. in Ged. 107 'Liffen' neben 'Eiffenlant' ausdrücklich nennt, so zeigt das wohl nur, dass er beides für Namen verschiedener Länder hält. Aus dieser Ungenauigkeit ist aber kaum ein Schluss zu ziehen bezügl. der Frage, ob er wirklich dort gewesen ist oder nicht; denn der

113

Zeitraum von etwa 30 bis 40 Jahren zwischen seiner Preussenfahrt (jedenfalls vor 1400) und der Entstehung des Liedes 107 (Winter 1426/27) konnte wohl manches Gesehene und Gehörte vermischen und verwischen!

78. ... 'Afferen' = Navarra, Nafern!! Vgl. Eb. Windeck, Altmann (Hs. H), S. 51: Nafern (Kap. 56 = Hagen Kap. 43); S. 366 Nafferen (Kap. 398 = Hagen Kap. 311); S. 402 Afferna, Aferna (Kap. 352 = Hagen Kap. 334)! Vgl. auch ebenda, S. 62 Arbona (= Narbonne, 3 x, einziges Vorkommen des Namens!) und: S. 88 Affers, S. 413 Affers (= Navers, einmal S. 65 Naffers!). - Afrika, an das man nach dem Vorgange B. Webers ("die Nordküste von Afrika) denken könnte, kommt nicht in Frage. O. nennt diese Gegend Barbaria (-ei): 6,6; 109,11; 111,12; bes. neben Afferen: 65,56; 107,1!

80. ... 'Romani': Oström. Kaiserreich "Romanien" (vgl. 107,4 'durch Romanei in Türggia'!). - "Rumänien", wie Motz S. 15, Anm. 1, erklärt, ist abwegig. - S.a. zu 64,22 'roman'.

76-82. ... Aus dem Durcheinander der Länder ohne ersichtlichen geographischen Zusammenhang, ergibt sich die Absicht, die Namen bedeutender Länder, die er kennt (die Länder!) beliebig nebeneinander zu reihen. Denn hier kommt es nur darauf an, sie im Gegensatz zum Rhein zu setzen! Nach 'Duscant' stünde daher besser ein Kolon! "Spanien, Russland, ... (sind ja schöne Länder): wer aber dich, Rhein, kennengelernt hat, dem bist du doch die höchste Freude" ("der Freude Puppe").

83. ... 'zissli müssli' - zu 'ziselmûs, -miuselin'; 'fissli füssli' - zu 'visel'! 'henne' : "Heini"?! 'klüssli' - vgl. 38,9 'kleusli'; zu Nikolaus, Klaus. 'hüssli': hiuselin; 'tüssli': Demin. zu 'tûs' = 2 Augen im Würfelspiel; 'grüssli': Demin. zu 'grûs'.

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83-86. ... Obscöne Anspielungen sind wohl auch schon diese Zeilen (s.u.); etwa von dem weiblichen Teil der Tanzenden gesungen: ""Ziselmäuslein", "Fisel-Fesel", Heini(?), Kleusli, kommt ins "Häusli", werft ein Daus (bildl.!) "su-sa-süss". Keinen Graus wollen wir dabei haben!" Zu der Möglichkeit solcher verblümten, aber immerhin deutlichen Anspielungen und Aufforderungen vgl. ausser 38,9f bes.: 47,13f; 75,36ff! Die folg. Zeilen 87-90 wären dann die Antwort des männl. Teils.

89. ... Vgl. 75,39! - 'tula hätzli' Jnterj. d. Aufforderung.

90. ... 'trutza trätzli' - reimspielende Erweiterung von den Jnterjj. 'trutz' und 'tratz': "... denn, der uns die Freude missgönnt!"

Die schon vermerkten Vergleiche von Vs. 64 mit 63,53 (M), Vs. 67 mit 63,54ff (M), Vs. 69 mit 63,53 (M), Vs. 74f mit 63,97ff sowie die schon von Schatz (Sch. I, 108) betonten spanischen Beziehungen in den Vss. 43ff lassen es als so gut wie sicher erscheinen, dass Ged. 36 zu der Reise Spanien - Frankreich 1415/16 gehört! Die Anspielungen wirken hier ebenso lebhaft wie die in Ged. 63 (vgl. Sch. I, 113 zu 63!), sodass man die Abfassungszeit ohne Bedenken in die Reise selbst setzen kann. Da es sich um ein ausgesprochenes Frühlings-Tanz-Lied1 handelt, das bei O.s lebhafter Naturfreude auch nur im Frühling gedichtet sein kann, so lässt sich die Abfassungszeit noch enger umgrenzen. Der Frühling 1415 kann nicht in Frage kommen, weil O. sich da ja erst auf den Weg machte (Sch. II, 11); so bleibt nur das Frühjahr 1416, in dem sich König Sigmund, in seinem

1Die Mel. erweist deutlich den Tanzcharakter!

115

Gefolge Oswald, in Frankreich befand (19. Febr. in Chambéry, 1. März in Paris ...)1. Das Hineinmengen von Liebeserlebnissen in Spanien (Vss. 50 u. 56) braucht dem nicht entgegenzustehen; es ist das nur eine spezielle Ausmalung des allgemeinen Vergnügungsmilieus dieser ganzen Reise. An die strenge historische Reihenfolge hält sich O. ja auch in Ged. 63 nicht ganz!

Das Versprechen, in Paris, London dem 'freulin' ein paar Schuhe machen zu lassen, setzt voraus, dass O. die Absicht Sigmunds, nach Paris zu reisen, bekannt sei. Diese Absicht entstand um den 1. Febr. in Lyon. Nun kommt noch 'Lunden' dazu, wenngleich durch die Reimnot etwas in der Bedeutung abgeschwächt; der Plan der Londonreise tauchte aber jedenfalls erst später auf2, vielleicht als Möglichkeit schon auf der Reise nach Paris besprochen, was ja zu einer kleinen Renomage genügen würde!

Jedenfalls lässt sich mit einiger Sicherheit der 20. Febr., an dem Sigmund Chambéry verliess, um nach Paris zu reisen, als term. p. qu. ansetzen. Der term. ante qu. ergibt sich aus dem angezogenen Versprechen: 1. März - der Tag von Sigmunds Eintreffen in Paris.

Danach fiele die Abfassung in die Zeit vom 20. Febr. bis 1. März 1416. Will man annehmen, dass auch schon, als sich in Lyon die Notwendigkeit nach Paris zu reisen herausstellte, von der Möglichkeit nach London zu kommen, gesprochen wurde, so wäre mit der Ansetzung: Februar 1416 die Abfassungszeit immer noch deutlich genug umschrieben; denn die Einschränkung auf Ende Februar würde das Klima der in Frage kommenden Gegenden (Mittelfrankreich) von selbst ergeben.

Ged. 36 hätte also seine Stelle unmittelbar vor 63!

1s. Aschbach II, 154ff und RJ.

2vgl. Lenz, Kön. Sigism. u. Heinr. V. v. Engl., Bln. 1874, S. 80ff.

116

37 (35)

(Ah 80, f. 44 a; B 42, f. 18 a; C, f. 45 a)

Metr.: eigen; vgl. Sch. I, 108 Anm. zu 37 (s.o. Einl. S. VII); Der Abges. ähnelt metr. etwas dem Stollen von 75 (s.d.); Vss. 6/7 u. 14/15 jd. Str. sind nach Ausweis der Mel. als je eine Zeile anzusetzen; zu 3/4 usw. s.u. bei Vs. 3.

Melod.: (68) eigen, auch gegenüber den Melodd. in der Sterz. und in der Kolm. Hs., die einige Uebereinstimmungen untereinander aufweisen (s. Kolm., Runge, S. 22 Nr. 7 und Rietsch, D. dtsch. Liedweise, 1904, S. 224 Nr. 8). - Eine der schönsten Melodien O.s! - Mensural notiert (in A dreiteil. in B zweiteil. Takt), "Moll" (äolisch); im Abges. mit verwandter Dur-Tonart (F) einsetzend!!

2. ... Die von Türler vorgeschlagene Zeichensetzung (Punkt nach 'erheben'; Komma fort nach 'streben', das 1. Pers. Pl. Konj. Präs. sei) wirkt doch zu gekünstelt. 'grüesse' ist Subj. zu 'erheben, streben', sowie zu 'jeten, treten'!

3. ... 'zölich' s. zu 11,15. 'jeten' intrans. im Sinne einer Bewegung, etwa = gehen, eilen! Vgl. 40,47 'pis raid der abent zueher jat'; 114,89 'pis bas ich von in jat'; - Die Zeilenabteilung in diesem Stollenteil (3/4, 11/12; 39/40; 47/48; 75/76; 83/84) gibt den metr. Bau (vgl. die Mel.!) nicht deutlich wieder und ist wohl nur durch das Vergleichen mit dem Bau des Herbstliedes der Sterz. Hs. hervorgerufen. Will man nicht, wie auch bei Vss. 6/7 (14/15; 42/43; 50/51; 78/79; 86/87), eine Zeile ansetzen, so sind, entsprechend der bei 6/7 usw. gewählten Abteilung, drei Zeilen geboten mit je einem Schlagreim

117

in den beiden ersten Zeilen; die zweitönigen Motive der Mel. entsprechen dieser Teilung auch durchaus. Das Komma nach 'zölich' ist zu streichen, zwischen Adv. und Präd.! (M)

8f. ... 'Durch helle döne schöne' gehört als adverb. Bestimmung zu 'hört man dringen, singen, klingen ...'; das Komma nach 'auen' ist also mit Türler zu streichen; dafür ist eins nach 'schöne' zu setzen (M).

10ff. ... Auf die zeugmatische Konstr. von Vs. 6 ('hört man ...' auch zu 'glesten ...') weist Türler mit Recht hin; ebenso entspricht seine Zeichensetzung dem Satzbau (Komma nach 'strauhen', Komma fort nach 'rauhen'); doch sehe ich 'strauhen' nicht als Subst., sondern als Adj. an, synonym zu 'rauhen', beides Attribute zu 'esten'.

13. ... 'preit angerweit' - "breite Angerweide", also etwa "weite Wiesenfläche".

15. ... 'süenlich' (= friedlich) vgl. 70,28!

17/18. ... Komma nach 'kalt' und 'ungestalt' (zwischen Attributen und nach Anrede!).

20. ... 'gespalt' schwach!! Allerdings im Reim - vgl. 36,52 'bestreichet'; (118,243: 'gaunt').

22ff. ... Zu dem Reim vgl. 40,14/15 'darumb : kum'; dazu Maurer, S. 43. - Vgl. auch 53,52-55; 114,43/47.

32. ... 'nachtigalle' - ebenso wie 'droschel' und 'lerchen' Gen. Sing. Das -e ist, wie bei 'schalle' und 'halle' epithetisch, wegen des notwendigen 2-silb. Reimes. So ist es jedenfalls glatter, als für 'schalle' und 'halle' Plur. anzunehmen. Vgl. zu 28,33f.

36. ... Leitzmanns Vorschlag, 'glüete' (Acc. Pl.) statt 'güete' zu lesen (Beitr. 44,310), ist eine einleuchtende Textbesserung.

38. ... ergänze "sind"!

39. ... 'schaune' s. zu. 12,11!

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45ff. ... Die Zeichensetzung Türlers klärt den Satzbau: 'sich entsl., spriessen' sind gemeinsame Verba zu den vorausgehenden Subjekten 'wäsli, gräsli' und den folgenden 'plüede, vielspranz ...'; doch muss nach 'firlafanz', sowie nach 'zame' das Komma stehen bleiben; 'firl.' gehört auch zu den Subjekten; deren letztes ist 'zier', zu dem 'aller pame' gehört und 'zame, game' Attribute sind! 'zame': swf. v. Adj. 'zam' = wohlbekannt. 'game': swf. v. Adj. 'gam' = froh; zu 'gamen'; 'gemelich' (s. B. Web. Gloss.). - 'boum' reimt bei O. mehrfach auf -am/äm: 91,70/72 (: widerzäm); 114,44 ... (: käm : widerzäm : näm); 123,39 (: hân : lobesan : ergân : ran : pran); allerdings auch zweimal auf -au- aus -û- (11,55: versaum; 116,59: daum); in diesen beiden Reimen steht auch 'gaum' und 'raum', von denen das letzte auch einmal allein auf 'widerzäm' reimt (93,30). Die (wenigen) Reime dieser 3 Wörter untereinander kommen natürlich nicht in Frage (12,20; 53,81/90); doch gehört sicher hierher auch 94,35 tam : zam, worauf Leitzmann, Beitr. 44, 3111 hinweist ('tam' für 'toum' = Duft), ebenso 81,4/9 'junkfrä : Krä'; 113,36/38 'gäbe : schäbe' (schoube). - Die fast durchweg in den Hss. erscheinenden -am/-äm kommen noch dazu. - Es handelt sich hier um das tirl. ā für ou, bes. vor m (s. Schatz, Tir. Ma., ZsFerd 47, S. 41; vgl. auch Weinh. BG. § 40 und Maurer, S. 32). - S.a. zu 6,42! - Vgl. a. 81,60/65 'geläben : schäben'. - Zu dem Reim 'plüede / früede' s. zu 28,1.

53. ... Das Komma nach 'stauden' streicht Türler mit Recht, denn 'stauden' ist attr. Gen. zu 'stock'.

54. ... 'machet schock': "macht Büschel", d.h. beginnt zu grünen; Punkt nach 'schock'!

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56f. ... Komma nach 'pock', sowie Punkt nach 'bedecket' fort!! (s.u. zu Vs. 59!).

58. ... Subj. zu 'bedecket'.

59. ... Schatz' Aenderung gegen die Hss. leuchtet ohne weiteres ein (B. Web. gibt für A die La. 'wers erkoren' (Goldhann!)); Punkt oder Semik. nach 'erkoren', es folgt ein neuer Satz!

66f. ... Durch die folgende Ortsbestimmung erhält 'gail dich' die Bedeutung eines Verbums der Bewegung: "hüpfe!".

68ff. ... Am besten ist wohl 'raien' (mit eventl. zu erg. 'ze') als abh. von 'gail dich' anzusehen.

75. ... 'türmli' = 'türmel'; vgl. zu 17,44 'durm'.

76. ... 'neuen slauch': neue Schlangenhaut.

79. ... 'raide' - 'reite', Adv. "schnell" - vgl. 40,47 'raid' auch 15,74 'allreit' und 107,81 'raide' (Adj.). - Zu dem Reim d/t vgl. zu 28,1, auch Maurer S. 54.

82. ... An das fragliche ahd. 'guosena' (wohl: 'goufana', mhd. 'goufen') ist hier nicht zu denken (s. nämlich B. Web.!), sowenig wie 4,6 bei 'possen' an 'boosem'! - will man nicht 'goschen' annehmen, s ist das Nächstliegende: Ptz. Prät. wie 'beschlossen', und zwar Dat. Pl.; 'beslossen, gossen, warmen' sind dann Attribute zu 'armen': "mit beschlossenen, (um einander) gegossenen, warmen Armen". Vgl. auch 21,8!

84f. ... Für den Reim sch/ss vgl. Maurer S. 51, wo sich auch vollständig die anderen Belege für diese Reimart bei O. finden; s.a. zu 14,47/57. - B. Web. hat im Text 'tusch' (also C!?), wohin wohl das 'dusch' des Schatz'schen Textes zu ändern ist, entweder = "still!", "scht!", oder = "drück!" (vgl. 'getust' 12,39 Anm.).

87. ... Die Umstellung von BC gibt hier wohl doch den richtigen Text. Denn 'saine' als Parallele zu 'raine' ergäbe keinen rechten Sinn, weil O. 'saine' sonst stets

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prägnant braucht (s. z.B. 28,30; 36,55; 82,19). Es muss also heissen: 'ob die raine, klaine, saine mir empl...' (langsam, kokett, zögernd). - Nach 'schinkel' muss das Komma fort und dafür nach 'knie' gesetzt werden, denn Wortstellung und Konstr. verlangen diese Auffassung des Satzbaues.

97. ... Nach 'pucken' besser Punkt. Vs. 98 ist nicht Nach- und Vordersatz, sondern nur Vordersatz; das Vorhergehende hat ja schon in Vss. 86ff seinen Nebensatz mit 'ob'.

99. ... Der unreine Reim wird abgeschwächt durch den noch "unreineren" Vss. 104ff!

103/108. ... 'erwinden : kinde' s. zu 63,170/72.

104ff. 'klifen': kneifen, zwicken; vgl. Schm. Fr. I, 1322 "kleiben" (schwäb.) in diesem Sinne, desgl. Schweiz. Jd. III, 616 "chlüben" - auf 'klieben' zurückgehend. - 'lifen' vgl. zu 33,10. - A hat noch 'vertriben', jedoch ist auch hier das -f- vom Dichter beabsichtigt, denn die scherzhaft-gewaltsame Angleichung der drei Wörter an 'grifen' erscheint hier als Ausdruck der kindlich-übermütigen Frühlingslust.

Als Ergänzung zu den obigen metrischen Bemerkungen sei noch hinzugefügt, dass die bei Sch. I, 108 zu Ged. 37 erwähnte deutsche Uebersetzung des Herbstliedes aus der Sterz. Hs. auch in der Kolm. Hs. auf das deutsche Marienlied des Peter von Sassen und das dazugehörige lateinische des Mönchs von Salzburg folgt; wie es scheint in einer Umarbeitung auf Frühling (!), denn es hat die Ueberschrift: 'Ein ander par jn dysē tone vonn meyē ein pryszl.' (= prîsliet) - s.a. Kolm., Bartsch, S. 7!

Wie Schatz a.a.O. annimmt, ist das Lied der Sterz. Hs. als das frühere gegenüber dem Oswald'schen anzusehen; dem entspricht ja auch schon allein die Entstehungszeit der Sterz. Hs. (Ende 14. Jh.). Jedoch ist mangels sonstiger Anhaltspunkte in dem Liede O.s eine eventl. genauere Datierung nicht möglich.

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38 (61)

(fehlt A; B 73, f. 30 b; C, f. 65 a)

Metr.: = Ged. 39.

Melod.: (51) gleich der Mel. zu 39 (64); die Kehrreime 'des heiaho' und 'dem sei also' in der Mel. als Echo zu dem Schluss der vorhergehenden Zeile; der Kehrreim am Ende der Str. ist nur ein zweiter Abgesang und hat dessen Melodie!

4. ... 'sim nain ich' - vgl. 14,43; 49,18; 80,6; - 'sim' positiv: 43,13; 76,1; 80,35 - vgl. a. Gr.Gr. III 303,8. - Zu 'agneslein' in C s. zu 40,1 u. 3!

10. ... Es wäre wohl besser, den fehlenden Auftakt durch ein 'ach' zu ergänzen, zumal diese beiden Lieder (38 u. 39) sonst metr. glatt sind.

15. ... 'kain' ist hier deutlich Jndef., aber der negative Sinn des ganzen Satzes und das Vs. 12 negativ verwendete 'kain' haben die Wahl dieser Form beeinflusst. - 'kain' erscheint nur noch 112,96 in gleicher Konstr. bei Oswald; sonst noch als Jndef. in Fragesätzen: 14,51; 54,23; 59,7; im übrigen steht es zwar als Jndef. in negat. Sätzen, ist jedoch bei der überwiegenden Zahl der Stellen bereits alleiniger Träger der Negation, während das Jndef. meist durch 'ain' wiedergegeben ist; in negativen Sätzen überwiegt aber noch 'kain' als Jndef. - Ls. 'übern'!

17. ... 'erwinde' - es ist fraglich, ob hier 1. Pers. Jnd. Präs. anzusetzen ist (wegen der dann vorliegenden trans. Konstr. von 'erwinden') - nimmt man 'mein treu gefueg' als Subj. und 'erwinde' als 3. Pers. Opt. Präs., so ist die Konstr. glatt: "meine Treue lasse nie von dir ab!".

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25. ... 'ichs' - 'keren' ist Gr.Gr. IV 333ff einzufügen, wo die Verben aufgezählt sind, bei denen die Konstr. mit dem beziehungslosen 'ez' im Mhd. erscheint. Das Gleiche gilt von 'tanzen' 43,13, 'mithalten' 58,19 und 'sprechen' 112,58 u. 89. - Sonst erscheint dieses 'ez' noch 13,18 (pistus) und 115,28 (wärst dus) sowie in mehreren Laa. von BC (13,38; 17,3; 36,82; 44,16; 46,30; 81,51 (B); 85,8 (B); 97,94 (C); 108,33).

26. ... ls. 'des' statt 'das' mit C (M)! 57,23 steht 'gewërn' ebenfalls im Gen.; die anderen Fälle sind unentschieden: 28,36 (mit abh. Satz); 65,10 'treu gew.', das danach ebenfalls auch als Gen. anzusetzen ist; 106,36, Dat. d. Pers. ohne Sache; (113,30 gehört nicht in diesen Zusammenhang, da es sich dort um 'weren' = bezahlen, vergelten handelt!).

Dieses Lied, sowie die meisten der folgenden 15-16 Lieder lassen sich nicht irgendwie zeitlich usw. festlegen. Es soll daher jedesmal nur ein kurzer Hinweis diesen Punkt berühren, ohne dass natürlich Möglichkeiten ausser acht gelassen werden.

123

39 (62)

(Ah 101, f. 54 a; B 74, f. 30 b; C, f. 65 b)

Metr.: = Ged. 38.

Melod.: (64) s. zu 38.

2. ... Schatz bevorzugt den Text von BC, weil in A "ein offenbarer Fehler vorliegt" (s. Sch. II, 51); denn bei dem Text von A würde 'freulin' Anrede sein, was zu der sonstigen 3. Pers. des ganzen Liedes nicht passt. - "Schweig still, Gesell (d.i. allgem. Anrede, etwa an den Zuhörer?), die Sache ist schon richtig; gib mir nur 'freulins petenprot'", d.h. die Belohnung dafür, dass ich das 'freulin' besinge.

8. ... 'wart' - verstärkende Partikel, etwa mit "fürwahr" wiederzugeben; s. die Beisp. Gr.Gr. IV, 175; ferner z.B.: Such. XXVIII, 166; XLI, 1367; XLII, 149 - Mönch v. Salzb. 46,1 - Musk. 14,31; 15,31; 44,46 - auch Wolk. 40,43 und 74,45. Auch schon früher häufig. Die 3. Pers. Prät. von 'werden' kommt nicht in Frage; d.i. nur bei den Beispielen (s. Gr.Gr. a.a.O.!) möglich, die Dat. haben (z.B. auch Wolk. 64,94). Wo der nur von 'wol' abhängige Acc. steht, würde ein Prät. 'wart' ohne Beziehung sein. Die Entwicklung von einer Verbalform zur Ausruf-artigen Partikel liegt wohl vor und zwar ist der Jmperativ von 'warten' als Ausgangswort am einleuchtendsten (vgl. a. Schm. Fr. II, 1005 und bes. Lexer, KWb., 250!).

11. ... Auch hier Text von BC gegen A (s. zu Vs. 2!). - Der Vers ist glatter so; denn 'ellezéit' betont O. sonst nie; vgl. 67,21 'mein dienst dir allzeit ist berait' (alle Hss.!). Ebenso an allen anderen Stellen (ausser den beiden genannten noch 11 x!) stets 'állzeit' (M). - Abgesehen von diesem Betonungsgrund spräche der überschüssige Reim

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'allzeit berait' nicht gegen die Fassung von A: vgl. z.B. 15,12; 40,1; 40,41; 52,15; 57,22; 92,1; 103,19; 106,34).

14. ... 'm. i. hörelein gemait': "mit ihren lieblichen Hörnlein", d.h. Brüsten! Vgl. z.B. die Bilder und Umschreibungen 5,19ff und 31,8; auch 30,21ff!

15. ... Das 'e' entspricht hier etwa der Redewendung: "im Gegenteil" oder "ja sogar" - mit Beziehung auf den negativen Satz Vss. 12/13. - 'ain kinglin ploss' - "(ja, ich vertraute ihr sogar an:) einen nackten Zaunkönig" (= ein hilfloses Vögelein) - hier mit obsc. Nebensinn: membr. vir. (s. B. Web. Gloss.).

17. ... 'als meinem r. h.' - 'als' hier natürlich nicht ausschliessend (etwa nach 'e'), sondern lediglich verbindend; vgl. Vs. 4! - Der kling. Reim 'herren : geren' ist als 'hêrren : gēren' (mit Dehnung) anzusehen (die Mel. hat eine mehrtönige Ligatur auf der ersten Reimsilbe!); näheres über 'hêr(ren)' im Reim s. zu 55,15f!

22. ... Komma nach 'hoff'!

23. ... 'well' (soll, süll BC!) - Man könnte zweifelhaft sein, ob bei dem fut. Sinne der Stelle nicht besser die Laa. von BC den Ausschlag geben; doch braucht O., neben häufigerem 'soln', auch sonst 'wellen' futurisch, sodass auch hier kein Grund vorliegt, von A abzuweichen. Abgesehen davon wäre hier das rein futurische 'süll mich' farbloser als 'well mich', worin ausserdem noch die Erwartung einer Gnade liegt! - Zu dem Schwanken zwischen beiden Verben vgl. noch 42,33 u. 38; 75,19, wo allerdings kein rein fut. Sinn vorliegt, sondern 'süll wir' mit "wollen wir", "lasst uns" wiederzugeben ist!

25. ... 'ir gailt': freut sich ihrer (d.i. des Mädchens!). - Zu dem Sing. bei mehreren Subjj. vgl. zu 18,6! Jch glaube

125

jedenfalls, dass sich diese Jnterpretation dem Folgenden besser anpasst, als wenn man nach 'sin' ein Komma setzte und 'ir gailt' als 2. Pers. Pl. ansähe!

26. ... Nach 'ir' stünde besser ein Punkt, denn 'die weisse' gehört zu dem Ausruf, daher auch das Ausr.-Z. erst nach 'weisse' zu setzen ist.

Dass irgendein tatsächliches Verhältnis diesem Liede zu Grunde liegt, also O. selbst die 1. Pers. ist, kann man wohl auch hier annehmen. Doch ist eine nähere Zeitbestimmung nicht möglich.

40 (77)

(Ah 103, f. 55 a; B 92, f. 38 a; C, f. 75 a)

Metr.: eigen; volksmässig einfach. - Die Sinneseinschnitte in den ersten Strophenzeilen (1, 4, 25, 31, 37, 40 (43)) liessen eine Cäsur nach dem dritten Takt (mit pausiertem vierten) vermuten; doch fehlt bei den anderen neun Strr. der Sinneseinschnitt. Die Melodieführung lässt beides zu, erscheint aber glatter, wenn diese Zeile hintereinanderweg gesungen wird. Den Ausschlag geben die Vss. 22 u. 34, bei denen eine Cäsur in die Wortmitte fallen würde!

Melod.: (65) mensuriert: in A rein 2-teil. Takt, Koller schiebt in Vs. 1a noch eine Note ein, jedenfalls mit Recht. - Jn B ist gegen Schluss stellenweise 3-teil. Takt.

1. ... 'agneslein' hier u. Vs. 3 in C; viell. die Liebste des Schreibers von C!? Vgl. 38,4; s.a.u.! - Nach 'Bärbelein' besser Komma.

126

2. ... 'schäffgin' A! Suffix!!

8. ... 'plüemlin pluet' vgl. zu 36,8; s.a. 53,26; 54,19; 75,28.

9. ... 'get ab in meiner huet': vergeht, verschwindet in meinem "Hütebezirk". (vgl. vorher 'waide').

14/15. ... 'darumb : kum' vgl. zu 37,22ff!

16. ... ls. mit B 'kainerlaie' aus metr. Gründen (M); vgl. die Anfangszeilen der anderen Strr. - 'hendlin' s. zu 11,3!

17. ... 'das käs und prot' - 'k. u. pr.' gehört hier zusammen, sodass es gewissermassen als ein Begriff anzusehen ist, der das Geschlecht von 'prot' angenommen hat ('käsenprot'!); sonst wäre diese Stellung doch ungewöhnlich, indem man eher 'käs und das prot' erwartete. - "Wahrlich ich tauschte nicht Käse und Brot ...". - Bei dieser Uebersetzung bleibt zwar 'keut' eine "richtige" Form, doch entspricht es der Gedankenfolge des Satzes besser, wenn man 'keut' als anom. sw. Prät. zu 'kiuwen' ansähe: "Jch leide keinen Durst, ja ich habe sogar noch nicht einmal Käse und Brot gegessen, ..." (die Fassung von BC: 'von hewt' legt diese Uebersetzung noch näher!). Dies wäre dann neben dem Karlmeinet (kuwede) und dem md. Schachbuch (ZfdA 17, 261, 9 kuwete) ein weiterer, schon spätmhd. Beleg für sw. Präteritalbildung bei diesem Vb. Entsprechend dem Gebiet der beiden Belege (ndrh. und md.) würde die hier von O. gebrauchte Form dem 'Schäffgin' in A (Vs. 2) an die Seite zu stellen sein!

19. ... Komma nach 'swämmelein', wie Sch. I!

20/21 'darzu : du' - der einzige Reim dieser Art bei O.! - 118,33 'prust : tuest' ist anders zu beurteilen, und 72,9 'hüglich : tüglich : rüglich' (s.d.!), den Maurer, S. 23, auch vergleicht, gehört nicht hierher, denn es ist alle drei Male -ü- anzusetzen. Ob aus dem Reim 112,14/16 'jû : dû' auch auf den vorliegenden zu schliessen ist,

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erscheint fraglich in anbetracht dessen, dass -zue sonst (7 x) nur auf -ue (aus -uo) reimt! Jedenfalls ist, da es Jnreim ist und nicht an so stark betonter Stelle steht, kurz -u der Reimvokal.

22. ... Der Text, wie er in den Hss. steht, liesse sich ja singen, denn die Mel. hat dreimal in der ersten Zeile je 2 Töne auf eine Silbe; doch folgt man besser der geringen Aenderung, die Schatz vornimmt, um metr. Glätte zu erzielen (vgl. Vs. 41 'genzlich' Adv.).

28. ... 'pei der wit' - s. zu 23,2!

30. ... 'tät du' - s. 'du tetst', Vs. 36!!

31. ... ls. 'was klain'. Es handelt sich doch um frühere Dinge an die sie sich erinnern; die Aenderung von B (C) gibt hier sicher das Richtige! - 'klain' aus metr. Gründen.

34. ... ls. 'soich'!

35. ... 'verraucket' (C 'v̕rucket'!) - nicht = verriuhet (s. 48,5 'verreuhen' und 75,47 'durchreut'); jedenfalls = verrucket (s. C!) - hat eventl. in der Vorlage des Schreibers 'verczucket' gestanden und ist verlesen?

36. ... 'tetst' gibt offenbar die O. schon geläufigere Form, die aus dem Konj. übernommen ist; während die ältere Form 'tät' in Vs. 30 mehr dem Reim zuliebe gewählt sein wird, zumal in diesem volkstümlichen Liede.

37. ... ls. 'Pis wil-, pis willenkomn'! Vgl. die La. von C; desgl. 27,1/2 (deutsch); aber auch 100,26 'wilkomen'. - Die metr. Gründe für meine Fassung von 40,37 leuchten wohl ohne weiteres ein.

40. ... Komma nach dem ersten 'und wär'.

43. ... 'wart' - s. zu 39,8! Es ist auch hier Bekräftigungspartikel (s.a. 74,45!); denn 'vil mer dann hund. taus. stunt' gehört zu 'mich tröst'! Nach 'wart' ist dementsprechend Kolon oder Ausr. zu setzen, u. d. Punkt nach 'stunt' zu streichen!

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46. ... ls. 'wunn'!

47. ... 'raid' vgl. 15,74; 37,79. - 'jat': "eilte" (s. zu 37,3!).

48. ... 'wat' - O. braucht zwar 'wât' fast ausschliesslich bildlich (s. zu 52,18), ja einmal nur als umschreibendes Reimwort: 86,24 'des maien wat' (jedoch m. d. Laa. 'pfat' in BC!), vorausgesetzt dass es sich da um 'wât' handelt; denn nach der La. 'pfat' zu urteilen, ist die Annahme eines Synonyms 'wat' zu 'pfat' nicht ausgeschlossen, wobei dann an 'waten' und 'weten' zu denken wäre. Diese Bedeutung würde auch, 40,48, sehr gut passen. Jedoch möchte ich aus Gründen der Wortbildung eher ein stf. '*wat' = "Verbindung" annehmen (zu 'wëten', wie 'trat' stf. zu 'trëten'). Jm ersten sowohl als im zweiten Falle ist immer ein O. geläufiges Wort denkbar, das hier in seiner eigentlichen Bedeutung geradeaus gebraucht besser zu der Ungezwungenheit des ganzen Schäferliedleins passt als eine so "geblümte" Redeweise mit 'wât'. Der dann glatte Reim unterstützt die Ansetzung 'wat' ebenfalls.

Die Lieder 38; 39 u. 40 scheinen zusammenzugehören: die ersten beiden, schon durch Uebereinstimmung von Versmass und Melodie verbunden; stehen in B zusammen (38, fehlt in A!); die letzten beiden stehen wieder in A dicht beieinander (nur durch Gedicht 72 getrennt); ausserdem haben 38 u. 40 durch die Gesprächsform manches Gemeinsame, auch zeigt die La. 'agneslein' einige Beziehung zwischen ihnen.

Die Frage, ob etwa 39 als das frühere gegenüber 38 anzusehen ist, weil dieses in A fehlt, ist wegen des Mangels an deutlichen direkten Beziehungen nicht von Belang. Es kann daher wohl ohne Schaden die der hsl. Ueberlieferung entsprechende Reihenfolge dieser drei zusammengehörigen Liedchen beibehalten werden.

Eine Zeitbestimmung ergibt sich nicht; denn die sprachlichen Besonderheiten (Vs. 2 'schäffgin'; 17 'keut'; auch 35 'verraucket'?) sind zu vereinzelt, um irgendwelche Schlüsse zuzulassen.

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41 (60)

(Ag 55, f. 33 a; B 72, v. 30 a; C, f. 65 a)

Metr. u. Melod. (89): eigen; zweist. Kanon ('Fuga'). Die Zeilenabteilung von Schatz gibt den Bau der Str. nicht deutlich wieder. Sinneseinschnitte sowie Mel. verlangen folg. Einteilung: Die Vss. 4/5a, 5b/6, 7/8, 9/10 jd. Str. sind je eine Zeile! Dabei ergibt sich, dass 'we dir' (Str. 1) und 'pfüg dich' (Str. 2) entsprechend den anderen beiden Strr. und mit Unterstützung der Mel. als Zweitakter (mit einsilb. Taktfüllung: / –́ / –́ /) anzusehen sind. Der dreiteilige Takt, den die Mel. hat Grafik, gibt auch den beiden letzten Zeilen jd. Str. (nach der neuen Einteilung!) metrische Glätte: ihr metr. Schema und ihre Taktfüllung sind folgende: x / –́ x / –́ x / x́ x x / x́ x, x / x́ x x / –́ x / –́ x / x́ v v / - vgl. a. Ged. 73! "Gebrochene" Reime, wie Vss. 27/28 hat O. ja öfter, aber stets innerhalb der Zeile, nie bei der Versgrenze! Durch obige Einteilung wird auch dies Uebel behoben (z. Teil M).

1f. ... Die "Minne" zeigt sich niemandem gefügig, wenn er "nichts hat" (mit entspr. Bewegung des Daumen und Zeigefinger vorgetragen). - Vgl. den Standpunkt des Bürgers in dem Streitgedicht 112!

3. ... ls. 'hinegat' (M) - Dadurch wird diese Zeile metr. gleich den Parallelzeilen der anderen Strr.; es bleibt dann nur Vs. 2 der ersten Strophe auftaktlos.

13. ... 'vegt' - Schm. Fr. I, 696 verzeichnet ein opf. 'fegen' = zanken und verweist dabei auf 'vêhe' und 'vêhen', was ja nach Bedeutung und Gebrauch an dieser Stelle sehr

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gut passen würde. Doch vgl. für den Zusammenhang dieser Str. auch Schweiz. Jd. I, 686 'fegen' = ausräumen, plündern (bes. in Bezug auf Geld); s.a. d. Folg.!

15. ... 'wie kiffstu mich' - zu 'kifen' 'kiffen' = "nagen": "Wie ziehst du mir das Geld aus der Tasche!" Ein Hineinklingen des Verbums 'kifeln' (zu kîben') ist natürlich entsprechend dem Folg. durchaus denkbar (vgl. Schm. Fr. I, 1229!).

17. ... Nach 'pelt' muss Komma stehen (M)! Denn 'schelt und pelt' sind nicht etwa Jmperative Sing., sondern Plur. (= schellet, pellet!), und eben deshalb sind 'frau, knecht, ...' Anreden an die ganze Bewohnerschaft des Wirtshauses. Vgl. 102,4, wo er sich über häufigere Unbequemblichkeiten dieser Art beklagt; s. bes. a. 60,88ff!

20. ... 'taschen' - beachte: teschen C! Vgl. 59,41 'fläsch : täsch ...' und die Anm. von Schatz daselbst im Apparat! (s.u.).

21. ... Nach 'fläschlin' muss eine Jnterp. stehen; am besten wohl Ausr.-Z., denn Vordersatz zu 'so trenelt ...' kann gramm. nur Vs. 22 sein!

23. ... Zu 'trenelt' ist die La. 'trendelt' aus C zu ergänzen (nach B. Web., Text und Laa.), die mit dem epenthetischen -d- die mhd. geläufigere Form dieses Verbums darstellt. (nur -nd- verzeichnen auch Schöpf (tir.), Lexer (kärnt.), Unger (steir.), Fischer (schwäb.).

26. ... 'godersnal' = das "Gluck-gluck", hier nicht der Flasche, sondern der Laut in der Gurgel beim Schlucken!? - allerdings stört bei dieser Annahme das 'im' etwas, das eigentlich nur die Bedeutung "Gurgel" schlechtweg voraussetzt. Vielleicht ist - mit entspr. Jnterp. nach 'wol' - 'nu' zu lesen: 'nu, goder, snal'!!? (vgl. 97,82 '... gleich der wetergens, die täglich wasser snallet'!). Diese Erklärung erscheint mir als die einleuchtendste. Jedenfalls ist etwa an 'goders hol' (wie 122,4) nicht zu denken, denn

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das würde stärkere Textveränderungen verlangen, sowohl hier als im Reim Vs. 30.

28f. ... 'giessen und fliessen' können sowohl als von 'get' abh., wie auch als 1. Pers. Pl. Jmp. gedacht werden.

30. ... 'der plater val' - B. Web verzeichnet für B die La. 'blauter'! Dass sie bei Schatz nicht steht, erklärt seine Anmerkung bei der La. zu 22,21.1 - "Bis in die tiefe der Blase, wo der Wein seinen Untergang findet", oder gar: "bis in den (Wasser-) Fall der Blase"?

31. ... ls. mit B(C) 'solt' statt 'muest'! das passt besser zum ganzen Zusammenhang ("ich hatte es ihr auf ihre Bitte versprochen"); 'muest' ist wohl nur durch das 'muest' in Zeile 33 hier hereingekommen.

33. ... 'porn': deflorare.

34/37. ... Maurer S. 48 (unter 'w') und S. 61 (Konjugation) erwähnt nur den Reim hob : stro; es gehört aber auch schob : klob dazu (vgl. die anderen Strr.!). Betrachtet man zunächst die Vokale, so ergibt sich mhd. -ou- : -ou- : -uo- : -ô-. Die beiden -ou- sind als -ô- anzusetzen; als Zeichen der schon einsetzenden nhd. Angleichungsentwicklung über das gedehnte Ptz. 'gekloben, geschoben'; diese Deutung beweisen zu Genüge die häufigen klingenden Reime, bei denen O. alte Kürze verwendet; vgl. Maurer S. 6f, wo aber die Beispiele nicht vollständig sind - auch unterscheidet dieser andererseits nicht einfach zweisilbige Reime (x́x) von den wirklich klingenden (–́x̀).

1Zu diesem 'au' für 'â' vgl. das häufige Unterbleiben der Diphtongierung in den von h geschriebenen Gedd. der Wiener Hs.! S. Sch. II, 33 über den Schreiber h; dagegen Sch. I, 110 (Anm. zu 56/57) Abs. 1, wo wegen der nur in B erscheinenden Bezeichnung des 16. Okt. als Festtag "der Schreiber von B" (also h) "nach Schwaben oder der Schweiz" (Konstanz, Chur, Basel) zu weisen ist. Jn Verbindung mit den angeführten orthogr. Eigentümlichkeiten kann also die Ostschweiz als Heimat des Schreibers h für sicher gelten.

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(34/37). ... Es bleiben aber trotzdem noch genug Beispiele für die Dehnung. Für den Reim -uo- : -ô-, d.h. eine Entwicklung 'huob' zu 'hob' nimmt Maurer S. 61 nach Behaghel, Gesch. 4 § 319 (S. 275, Abs.3) Beeinflussung zwischen e- und a-Reihe an. Beh. geht von 'weben' aus, das sich 'pflegen' und 'wegen' nhd. angleicht. Die spätere Form 'gepflogen' zieht nach sich 'gewoben' (und 'gewogen'); nach 'weben' richtet sich 'heben'. - Entsprechend dem Präs. 'heben' liegt diese Analogie ja nahe, doch spielen gewiss auch die Präteritalformen der u-Reihe eine Rolle: 'gehȃben' zu 'gehōben' (nach 'geklōben, geschōben'); huob zu 'hōb' (nach 'gehōben'). Jedenfalls ist der Reim in diesem Gedicht als vokalisch rein anzusprechen! Das -o- für -ou- kann ausserdem alem. sein (vgl. Weinh., AG. § 42; Montf., Wack. CLV!). Hierzu würden die konsonantischen Verhältnisse dieses Reimes stimmen, denn alem. bleibt in den Wörtern, die in den flektierten Formen -w- haben, dieses auch im Auslaut stehen (als -w oder -b); vgl. Weinh. AG. §§ 155, 165; Beh., Gesch. 4 § 257! - Der Reim nähert sich also auch konsonantisch der Reinheit, wenn man alem. Formen annimmt (s.u. Zus.-Fassg.!); daher würde ich hier auch unbedenklich 'strob' einsetzen. Sonst reimt Oswald 'strô' (65,71; 89,50; 115,3 (Dat.!!); 116,93 (Dat.!!)). - Vgl. a. 36,67 'poten' (3. Pl. Prät.: -ôten!).

34/35. ... obscön (vgl. z.B. 49,13).

37ff. ... Vgl. Steinmars Heulied! (BC 'sy'!!).

38. ... 'ward' m Jnf. statt Prät. vgl. 7,32; 109,74; 112,7.

38/39. ... Vgl. 48,37, auch 71,32. - Doch ist es nicht ausgeschlossen, dass 'stadel' hier nicht nur: Scheune, Schober bedeutet, sondern auch: penis (vgl. Schm. Fr. II, 733

133

"Stederling"!). Diesem Doppelsinn würden sich dann 'stro' und 'slaier' anschliessen.

Dies Lied ist zwar in B gegen A verstellt und steht da ganz in der Nähe von 38; 39; 43 - doch scheint mir die Stelle, an der es in A steht auf den richtigen Weg zu weisen: inmitten anderer Lieder stehen nämlich 41; 58; 59! Nach der schon öfters berührten Entstehungsweise von A (s. Sch. II, 32!) ist anzunehmen, dass Ged. 41 in den Konstanzer Kreis gehört. Dafür sprechen neben dieser Stellung in A die ja allein nichts besagen würde, manche Beziehungen anderer Art. Die Situation, bes. in der 2. Str., entspricht ganz derjenigen, wie sie in 59,33ff und 60,17ff geschildert wird. Auch die "Philosophie" der 1. Str. passt in ihrer Art ganz in den Kreis der Liebesabenteuer Konstanzer Prägung, desgl. die Scene der Schluss-Strophe.

Zu diesen inhaltlichen Fäden kommen noch sprachliche Eigentümlichkeiten, die die Annahme solcher Beziehungen bestätigen. Auf das konstanzer 'teschen' C (Vs. 20), das dem 'fläsch, täsch.' 59,41f entspricht, hat Schatz schon im Apparat zu 59 hingewiesen. Doch schwerer wiegt der deutlich aufs Alem. weisende Reim 'schob : klob : hob : stro(b)' (s.o. zu Vss. 34/37).

Jch setze daher Ged. 41 in den Konstanzer Kreis, also Anfang 1415 oder Anfang 1416 (s. Sch. II, 10ff; desgl. meine Bemerkungen zu den Gedd. 6; 25/26; 36!); und zwar stünde es wohl am besten nach 59, entsprechend dem Jnhalt. - Vgl. auch zu dem folg. Lied.

134

42 (9)

(Ah 82, f. 45 a; B 84, f. 34 b; C, f. 71 a; G, s. Sch. II, 48 u. 49)

Metr.: eigen; einfach, volksmässig.

Melod.: (114) eigen; zweist.; Melodie i. d. Oberstimme! - volksmäss. "Moll"-Melod. (dor.), in ihrer Art ganz denen entsprechend, wie sie später H.L. Hasler, H. Finck, H. Jsaac u.a. mit Sätzen versahen - also ist vielleicht auch diese Mel. von O. nur "gesetzt"!?

5. ... Nach 'verheit' ("entehrt") Komma statt Punkt; Vs. 5 als Parenthese!

7. ... Nach 'staffen' Semik.!

16. ... 'ain klainer pein' vgl. zu 7,50 und 18,26!

17. ... sw. Dat.: Reimform!

20. ... vgl. B. Web. Gloss. zu 'yren'!

21. ... 'mithalten' vgl. 58,19!

22. ... 'züren' aus 'zürn' aus 'zürnen' (entspr. dem Reimwort 'üren' aus 'ürn'); vgl. 55,26 'begegen' und 95,15 'eraren'.

23f. ... 'beküren' = 'bekorn' - "wenn ihr polnischer Sitte nachzukommen versuchen werdet"; wohl Anspielung auf die Folgen zu reichlichen Trinkens (s.u.).

25. ... 'den fürsten' - ob es sich hier wirklich um einen Fürsten, etwa Herzog Friedrich (so B. Web. und Passarge) oder den Pfalzgrafen Ludwig (vgl. 100,58ff) handelt oder ob (nach Roethe, Dtsche Rdsch. 50,155) der "Fürst" Wein gemeint ist, lässt sich endgültig wohl nicht entscheiden (s.a. u.).

31. ... ist ebenfalls bildl. gemeint, wie der gleiche Ausdruck 102,41; d.h. hier, in Ged. 42, nur mit Beziehung auf die Beeinträchtigung des Gleichgewichtsgefühls.

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33. ... ls. 'well wir' mit BC und mit Unterstützung von G, das nach Sch. II, 48 wegen 'darumb' in Vs. 38 A näher steht, oder jedenfalls der älteren Ueberlieferung; denn hier, Vs. 33, steht G ja gegen A mit BC!

34. ... Es muss nach der Mel. und den Vss. der anderen Strr. wohl unzweifelhaft 'hausdierélèin' angesetzt werden!! - Komische Wirkung!? - Vgl. 45,37!

38. ... 'kalzen': schelten, grosses Geschrei machen. - Vgl. 59,71!

40. ... 'drei': Kraut und Brei versalzen, schlecht geschmalzen. Jst dies nur eine weiter nichts besagende Schlusszeile, oder sind die "drei Schäden" eine Anspielung, viell. rechtlicher Art?!

Nach Vs. 24 verlegt Schrott (SS. 30 und 204) den Vorgang, der diesem Liede zu Grunde liegt, nach Polen. Jn den Aufzählungen der Länder jedoch, die O. gesehen haben will, kommt Polen nicht vor, und wenn er doch dort oder in einer Gegend, der er diesen Namen geben könnte, gewesen sein sollte, so kann das nur in der Zeit vor 1400 geschehen sein! Dem widerspricht aber der Gedankenkreis der ersten Str.; abgesehen davon kann sich nach "Polnischer Sitte", ganz gleich ob die genannte Anspielung in Frage kommt oder eine andere, ein Wirt auch anderswo benehmen!

Einen Anhaltspunkt für Ort und Zeit gibt weder diese Stelle noch die Zeile 25, die ebenfalls nicht eindeutig festgelegt werden kann. An und für sich stünde ja nichts im Wege dies Lied mit dem vorhergehenden in die Konstanzer Sphäre zu setzen; aber es wäre nur eine Wahrscheinlichkeit, keine annähernde Sicherheit! - Vgl. auch II. Teil, 1. Kap.

136

43 (58)

(Ae 52, f. 32 a; B 70 f. 29 b; C, f. 63 b; (L, s. Sch. II, 49))

Metr.: eigen; einfach, entspr. dem Zweck des Kanons (s. Melod.!); in den einzelnen Strr. haben die 1., 3. u. 5. Zeilen immer je eine Silbe am Anfang weniger, es ist also die 5. Zeile jd. Str. mit pausierter erster Hebung zu schematisieren! Zu beachten ist ferner, dass die erste Zeile nur in der 1., 3. u. 5. Str. Auftakt hat, in der 2., 4. dagegen nicht; also wäre auch die 6. Str. auftaktlos zu beginnen, d.h. 'Nu' zu streichen (s. Melod.!)

Melod.: (97) eigen; dreist. Kanon ("Fuga"); nach der Art des Kanons könnten immer wieder neue Einsätze stattfinden an den entspr. Stellen, d.h. jede Stimme könnte die Kanonmelodie durchsingen und daran gleich die nächste Str. anknüpfen. Des glatten Uebergangs wegen müssten dann aber alle Strr., ausser der ersten, am Anfang auftaktlos sein! Aus der vorhandenen Auftaktlosigkeit gerade in der 2. u. 4. Str. sowie dem Fehlen der beiden Strr. 5 u. 6 in A ist demnach zu schliessen, dass nicht das ganze Lied kanonartig hintereinander fortgesungen wurde, sondern immer nur zwei Strr., dergestalt dass bei der 3. u. 5. Str. wieder der einstimmige Einsatz stattfand wie in der 1. Str. - Die Mel. ist übertragen von Wustmann, Grenzboten 62,525.

13. ... 'wollstus' - wegen des -s siehe zu 38,25! - 'sim' siehe zu 38,4!

15. ... 'ranzen' - eigtl. = zerren, ziehen; hier nach dem Zusammenhang jedenfalls dem heutigen Schiebetanz ähnelnd, höchstens mit noch etwas heftigeren Bewegungen ('Pöckisch'!).

137

(15). ... Vgl. auch 6,111 'gerans'! - 'Pöckisch ... umbhin' vgl. mit 58,45 'umbhin recht als ein pock' (auch beim Tanz!); auch mit 83,31 'nach des mutzen fueg'.

18. ... 'dauch' - vgl. Schm. Fr. I, 494, woselbst bei 'dauhen' Verse eines Schiffsliedes aus dem Bogenberger Mirakelbuch 1679 mitgeteilt werden, die stellenweise in der kehrreimartigen Form auffallende Aehnlichkeit mit dieser Zeile O.s haben: 'Jodl dauch an!, Jodl dauch an! Ho dauch an, ...'!

19. ... 'snäggel' - entweder zu 'snecke' oder zu 'schnâkel' (Schm. Fr. II, 565), wozu auch ebd. 567: 'schnickel' und die Bemerkungen dazu zu vergleichen sind. Die erste Bedeutung wäre ja bei der anderen Stelle, wo dies Wort erscheint (47,16), möglich; aber die zweite, die nur eine Kosebezeichnung entspr. dem Anschauungskreis beider Lieder ist, erscheint mir doch näherliegend; es wäre danach bei Lexer, der sich B. Web. anschliesst, zu ändern.

20. ... 'frisch, fro, frei' vgl. 48,1; 75,4; 81,21; auch 57,64 und 62,23. O. liebt anscheinend stabreimende Wendungen dieser Art.

21. ... 'zwait euch' - vgl. zu 32,6! 'snurra päggel' (Sch. I 'murra' kommt wohl nicht in Frage) - Komma nach 'snurra', denn 'päggel' ist jedenfalls Anrede: s.v.a. 'beckel', d.h. Schlagbecken!?

22. ... 'Penz' - C hat 'bentz', wodurch B. Web. veranlasst wurde, hier fälschlich Koseform von 'Wenzel' anzunehmen.

23. ... 'durta' - onomatopoetischer Zuruf der Aufmunterung?!

26. ... Aufforderung zu einer Bewegung im Reien; oder ähnl. dem 'hebt auff' der Trinker? s.u. zu 28ff!

27. ... 'jöstel' = "giustimiana" ?? (s. zu 36,34!) Also: "Noch ein Tänzchen!"?? - Es ist hier allerdings wohl eher

138

an 'tjost' = (bildl.) Liebeskampf zu denken: "Spring auf, Heinrich! Noch ein Tjöstchen!" - dementsprechend wäre dann Ausr.-Z. nach 'Hainreich' und 'jöstel' zu setzen.

28ff. ... Diese, sowie wohl auch schon die vorhergehenden Zeilen dieser Str. enthalten wieder mehr oder weniger versteckte obscöne Anspielungen und Aufforderungen.

33. ... 'nachin' = nâchhin: nach, hinterher (s. Schm. Fr. I, 1714), als Aufforderung an den langsam hinterher Trottenden: "nach!" - vgl. 44,32 (15) 'zuewi' (= zuehin). - 'tschorffe' - Schöpf, Tir. Jd. 767: tscherflen = mit den Füssen schleifen (Schm. Fr.: scherflen); Lexer Kwb. 216 dasselbe und 225: tschörper = Kretin; desgl. Unger Steir. Wb. tschorber = taubstummer Bursche. - Beides wird wohl bei 'tschorffe' mitsprechen, wenn auch das erste den Ausschlag gibt: "Tölpel, Trampel ..." (s.a. d. Folg.!).

34. ... 'lempeil' = 'lempel, lampel', der Tropf, der "Schlaaks".

35. ... 'als ain orffe' - jedenfalls sprichwörtlich, entspr. dem: "glotzen wie ein Karpfen".

Eine Beziehung, die diesem Liede einen genaueren Platz anweisen könnte, ergibt sich nicht; denn der Möglichkeiten, dass es O. zum Singen mit seinen Zechkumpanen gemacht hat, sind bei seinem bewegten Leben zu viele!

S. a. zu Ged. 47!

139

44 (43)

(Aa 25, f. 15 b; B 52, f. 22 b; C, f. 51 b)

Metr.: eigen; eine Str., bestehend aus zwei Stollen (AI, AII) und einem Abgesang (BI, BII), dessen zweiter Teil dem zweiten Teil eines Stollens entspricht; aus Schatz' Textwiedergabe ist dieser Bau nicht zu erkennen (s.u.!).

Melod.: (113) eigen; dreist., den metr. Bau unterstreichend, sodass mit Hilfe der Komposition der Bau des Liedes einigermassen zu entschleiern ist, wenn auch im Einzelnen eine unwiderlegliche Textunterlegung leider nicht möglich ist.

Vergleicht man den Schatz'schen Text mit dem Bild, das der Melodieabdruck mit seinem Text bei Koller bietet, so zeigt sich deutlich eine Jnkongruenz. Der Eindruck eines nicht ganz glatt laufenden Textes wird auch durch manches Unzusammenhängende und die Wiederholungen (s. d. Laa.!) verstärkt. Soweit nun die wirkliche hsl. Fassung aus B. Web., Schatz und Koller zu erkennen ist, mache ich im folgenden den Versuch, die "richtige" Reihenfolge und damit die Klarheit des Baues herzustellen (zugleich mit entsprechender sich ergebender Jnterpunktion):

Text: (links neben d. Text u.d. Zeilenzahlen die Schatz'schen Zeilen; rechts das metr. Schema)

Wolauff, gesell, wer jagen well, AI –2–́,–2a–́
engagent im kain ungevell, (dafür i. Tenor: 'wiss, das er sein netz recht stell;) –̯4a–́
1/4 u. 19-21 besetz die hohen wart –4b–̤́ (–́3b–)
unverkart! –̯2b–́
5. so pringst du vil wild in mart –̯4b–́
----- --------------- -----

140

los, Freud! –1c–́
zwar dein stimm ich geud. –̯3c–́
5-10 ich hör Lieb und Trost, –̯3d–́
der mich dick erlost –̯3d–́
aus verhangem rost. –̯3d–́
10. hetz zue! es ist noch frue! –3e(e)–́
----- --------------- -----
Wart Wunn und Hail, lass nicht vom sail,
so machst du vil wild wolvail!
vertrit die alten spür!
nicht lass für AII = AI
28-38 u. 11 15. Geud und Meld mit willenkür! (Reime:
se, lapp! f,g,h,i,k)
setz von, Rüeg, und trapp!
her lauft, Gail und Gsunt!
still, ir lieben hunt!
dank so hab eur munt!
20. hin rück, heng nach, Gelück!
----- --------------- -----
Los! zuehin all mit laut und schall, BI –2α–́,–2α–́
das es den vorstern wol gevall! –4α–́
22-26 5. perg und tal –̯2α–́
nu kall! plas ab der klingen, –4β–̀
15. das uns müess wolgelingen! –4β–̀
----- --------------- -----
27 Hin lauft! die stolzen hint BII –4γ–̤́
12 jagt nach, ir trauten hundes kint! –4γ–́
----- --------------- -----
ju, Schenk,
richt ab Stät und Wenk! Reime: δ,ε,ζ; Bau wie d.2.
13-18 zuewi, Will und Harr! Hälfte eines Stollen (auch = Mel.!); nur
30. der vart pist du ain narr; 33/34 (16/17) haben Auftakt!
kraiss umb, suech wider dar
32. nach Trüeb! das wild ist müed.

141

Kommentar:

2 (Schatz: 2). ... Ehrismann, ZfdPh 40, 251 (Bespr. v. Sch. II) will 'enkagent' nach A in den Text haben, da es ihm charakteristisch erscheint; doch darf nicht A ohne weiters mit O. identifiziert werden (Ehrism. wendet sich a.a.O. gegen die ihm zu starke Normalisierung Schatzens; s.a. zu 8,25!).

3 (Schatz: 3 u. 21). ... Das 'wart' in der Schatz'schen Zeile 3 ist dasselbe wie in seiner Zeile 21; denn die Komposition hat dies alleinstehende 'wart' der Discant da, wo der Tenor im Zusammenhang 'wart' hat! Danach folgt beiden Stimmen gemeinsamer Text. Ausserdem wird von der anderen Seite diese Zusammenlegung bestätigt durch die metr. entsprechenden Vss. 12-16 (Sch.: 28-33); diese sind als zweiter Stollen nach der Stollenmelodie zu singen und nicht in den Abgesang zu pressen, wie das Koller mit dem Schatz'schen Text tun musste (in den Hss. steht er nicht darunter, denn er ist bei Koller kursiv gedruckt!).

4 (3). ... 'unverkart': ohne sich zu rühren.

5 (4). ... 'mart' = 'mort' - vgl. 6,26 u. 26,22.

7 (6). ... 'geuden' transitiv!! - Zum Reim s. bei 11,44ff.

10 (9). ... ls. 'verhangem' (s.d. Laa.!) - "der mich oft aus über mich verhängtem Liebesleid erlöste".

12/13 (28-30). ... Diese Zeilen gehören als Satz zusammen und entsprechen auch in der Art des inhaltlichen Aufbaus dem ersten Stollen; die Trennung von Schatz in drei Zeilen usw. ist demnach hinfällig. - Aus metr. Gründen ist 'vom' statt 'von dem' zu lesen, desgleichen 'vil' einzuschieben, wie es in Zeile 5 (4) steht. "Achte auf W. u. H., lass (sie) nicht vom Seil, so ...".

14 (31). ... "Zerstöre die alten Spuren!"

15f (32f). ... "Prahlerei und Verrat lass nicht gutwillig voran"; d.h. gegenüber den anderen Hunden.

142

17 (34). ... 'lapp' - Jmp. zu 'lappen' = 'laffen' (vgl. Hätzl. I, 29,27), nicht Hundename, wie Türler S. 113 annimmt.

18 (35). ... Springe davon, R., und lauf!" - 'trapp' ist ebenfalls Hundename (Türl. a.a.O. schliesst sich Schatz an!) - 'setzen' im gleichen Sinne vgl. Had. v. Lab. (Stejskal) 129; 343; 345.

19 (36). ... ls. 'Gail' und 'Gsunt' - das sind Hundenamen (M)!!

24 (23). ... Ausr.-Z. nach 'gevall' statt des Kommas (Türler).

25 (24). ... Ohne Jnterp.! "Berg und Tal mögen nun erschallen!" (Türl.).

26 (25). ... Komma nach 'klingen'! "Blase die Schlucht abwärts, ...", eigtl.: herab von de Schlucht, d.h. von ihrem oberen Teile - Aufforderung an einen Jagdhelfer.

28/29 (27/12). ... Die beiden Verse gehören zusammen, denn die werden hintereinander gesungen (Tenor - Discant) und reimen aufeinander. Ausserdem wird die Schatz'sche Zeile 27 dann erst in sich möglich: Ausr.-Z. nach 'lauft'; keine Jnterp. nach 'hint', das Acc.-Obj. ('stolzen!) zu 'jagt nach' ist. - 'hinde' stark!!

30 (13). ... 'Schenk': "Geschenke", ebenfalls Hundename. Es wäre der Richthund für die 'Stät' und 'Wenk'; vgl. Had. v. Lab., Stejskal zu Str. 20!

32 (15). ... ls. 'zuewi' = 'zuehi(n)! Vgl. 43,33 'nachhin'! S. Schm. Fr. II, 1069; von den Stellvertretungen des -h- durch -w- und -r-, die als Analogien zu den Hiatkonsonanten im Tirol. anzusehen sind, ist hier -w- wohl auch durch das folg. 'Will' begünstigt. Ein Hineinspielen von 'zouwen' ist ebenfalls immerhin möglich.

33 (16). ... Besser Semik. statt Punkt; die folg. Zeile gehört mit dieser etwas mehr zusammen.

143

34 (17). ... ls. 'suech'!! Das ist kein Hundename, sondern Jmperativ (Türl.)! Dafür ist aber:

35 (18) 'Trüeb' als Name anzusehen (Türl. vermutet das schon!). Auch ist hier eine Lücke einzuschalten, denn 'Trüeb : müed' ist Reim, metr. entsprechend den Zeilen 11 (10) und 22 (11)!

Die Schatz'sche Zeile 'heuch, heuch, heuch, heuch, hoch, hauch' steht in den Hss. nicht am Schluss, sondern inmitten der durcheinander gewürfelten Verse. Da sich bei der vorgeschlagenen Anordnung eine glatte Form erkennen lässt, bei der diese Zeile stören würde (sie ist auch in den Hss. der Notierung nicht unterlegt), so lässt sich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit vermuten, dass mit diesem Text die Begleitstimmen mitsangen, eventl. der Discant im ersten Teil des Abgesangs (23-27 (28-26)); wenn auch die Mittelstimme (Contra) nach ihren Tonfolgen und ihrer rhythmischen Einteilung am ehesten diesen Text vermuten liesse1.

Der Ansicht von Schatz (Sch. I, 109), dass es sich hier um ein wirkliches Jagdlied handele, kann ich mich nicht anschliessen. Gerade aus dem zunächst nur nach metr. und hsl. Gesichtspunkten hergestellten Text ergibt sich auch inhaltlich deutlich, dass die früheren Jagdallegorien als Vorbild gewirkt haben und dass O. eine solche geben wollte. Das schärfere Anklingen an die wirklichen Verhältnisse einer Jagd ist wieder nur ein Zeichen für die Lebensnähe von O.s Dichtung, die selbst, wo er speculativer und "literarischer" Dichtart nachgeht, stets doch durchbricht (vgl. z.B. das astrolog. Ged. 79, oder die Beicht 106 u.a.m.).

'Freud', 'Lieb' und 'Trost' bringen ihn in frohe

1Vgl. Jannequin 'a "Chanson; 'La chasse', Commer, coll. mus. Bat. XII sowie andere ähnl. Sätze des 16. Jhs. mit lautmalendem Text in den Begleitstimmen!

144

Jagdhoffnung - er ermahnt sich, 'Wunn' und 'Hail' fest am Seil zu halten, damit sie sich nicht von ihm verlieren. - Doch dürfen dagegen auch 'Geud' und 'Meld' keinen Vorsprung erhalten. - 'Rüeg' jagt er fort und lockt dafür 'Gail' und 'Gsunt' zu sich, denen 'Glück' folgen soll. - Dann gerät er ganz ins laut schallende Jagdgetriebe hinein und vergisst eine Weile seine Allegorie; kommt aber wieder darauf zurück: Durch 'Schenk' soll sowohl 'Stät' als 'Wenk' die richtige Richtung gegeben werden. - 'Will' und 'Harr' werden dem "Wild" nachgeschickt, verlieren aber die Fährte, werden gescholten und zurückgerufen; d.h. das Hoffen und Harren auf die Gunst der Angebeteten macht ihn zum Narren, und so werden 'Will' und 'Harr' dem 'Trüeb' nachgesandt (seine Gedanken wenden sich der Trübsal zu). - Das müde, abgehetzte "Wild" am Schluss scheint demnach, mit Umkehrung der Allegorie, er selber zu sein. Diese kleine Unklarheit ist ebenfalls bei O.s Lebendigkeit nicht weiter verwunderlich: ihm liegt die folgerichtige Durchführung einer solchen Speculation nicht; das Erinnern an tatsächlich Geschautes verwirrt ihm etwas den Zusammenhang. Es ist ein Spiel, in dem er sich eben auch einmal versuchen wollte.

Eine Zeitbestimmung ist nicht möglich, wenngleich die Beziehung auf Sabine nicht ausgeschlossen erscheint.

Zu den Vergleichen, die Schatz a.a.O. anführt, wäre noch nachzuholen: Hugo v. Montf. VII, Rep.; IX, 26, 29, 30, 35 und Rep.; sowie "Die Jagd der Minne", Lassb. LS. 126. Die von Ladendorf (S. 146) erwähnten Waidsprüche und Jägerrufe (J. Grimm, Altd. Wälder III, 97ff) zeigen ebenfalls deutlich, wie O. hier (und 45, Schluss) aus eigenster Erfahrung und lebendiger Teilnahme geschöpft hat (vgl. bes. Altd. Wälder III, 134ff).

145

45 (41)

(Aa 32, f. 19 b; B 50, f. 21 b; C, f. 50 b)

Metr.: leichartig; 1. Teil bis Vs. 24, hierin Vss. 14/15 und 16/17 einigermassen einander entsprechend. Eine genaue Analyse der Verslängen usw. liesse sich höchstens in den ersten Versen geben, ist im übrigen bei diesem Liede nicht von belang, weil hier Komposition und Text zusammen erst die Gesamtwirkung der Tierstimmen erreichen.

Der 2. Teil, Vss. 25-Schl., hat zwei gleiche Stücke mit gleicher Mel., was, abgesehen von dem nur in A überlieferten zweiten Stück, auch aus dem Halbschluss beim ersten und dem Wörtchen 'tan' zu ersehen ist, das in B noch am Schluss des ersten Stückes unter Noten steht. Dementsprechend sind auch die Vss. 48-50 als eine Zeile zu lesen (wie Vs. 32!). Aber nur bis hier findet sich bei der Schatz'schen Zeilenabteilung genauere Entsprechung, wenn man von Verschiedenheiten der Reimverteilung (26-29: 42-45) absehen will; denn die Vss. 51-58 stimmen mit 33-40 doch höchstens in der Zeilenzahl überein. Diesen Unebenheiten versucht Koller bei der Textunterlegung durch Wiederholungen abzuhelfen. Das ist aber nicht nötig! Die Vss. 33-40 und 51-58 sind folgendermassen zu lesen:

Das ìn dem wáld erklíngèt. dada prústa jànü léir, nicht véir,
ir líerent, zíerent, grácket und wácket hín und hèr pis dìr der géir die háut abzìehn wird pèi dem véir.
recht àls unsèr pfarrèr. woláuff, woláuff, woláuff!
cidiwígg, cidiwígg, cidiwígg woláuff, sailèr, pind áuff!
cifìcigó, cifìcigó, cifìcigó nàchtigál schínd dìch, Wálpùrg, rǘgel dìch, guet Wáidmàn
diesèlb mit ìrem gsáng behǜeb den grál mit jágen, páissen, róggen ìn dem tán.

146

Es kämen also bei einem dem metr. Bau gerecht werdenden Abdruck 24 + (8+6) + (8+6) = 52 Zeilen statt 58 heraus.

Melod.: (87) zweist.; der Text wird im Discant gesungen und erhält beste Unterstützung bei der Lautmalerei der Vogelstimmen. Der Tenor ist dem beweglichen Discant gegenüber als langsamer 'cantus firmus' einem französ. Liede entnommen, das mit den Wortes "Per moutes foys" beginnt. Zu O.s Satz vgl. J. Wolf a.a.O. (s. zu Ged. 14): I, 380 theoret. Bemerkungen; II, 140-148 Abdruck von A; III, 186-189 Uebertragung. W. weicht verschiedentlich bes. bezügl. der Noten Grafik und Grafik, von Koller ab; und zwar unter Berufung auf die Auslegungen der Theoretiker (I, 380). Auch die Einteilung und Gegenüberstellung der Stimmen (W. nimmt 6/2- und 9/2-Takt an) ist bei ihm eine andere. Gegenüber Wolf vgl. Fr. Luswig, Sammelbd. d. Jnt. Mus.-Ges. VI, 613 (in der Bespr. v. J. Wolf, Mens.-Not.) wo die Quelle von Oswalds Tenor nachgewiesen ist (vgl. auch II. Teil, 3. Kap, S. II/36 Anm.).

3. ... Das Fehlen des Punktes ist wohl nur Druckfehler in Sch. II (Sch. I hat ihn!).

5. ... Komma fort nach 'hal' (Türler); die folg. Vogelnamen sind die Subjekte zu 'erklingen, singen'.

11-15. ... Jch schliesse mich Türler an, der hier Anführungsstriche vorschlägt; desgl. 16/17 (hinter 'ich?'), 18-24, 25 ("Raco"), 26-29, 30, 32/33, 42 ("Upchachi"), 42, 45, 46, 48 u. 49 die Aufforderungen, 50-53. Die Schlussverse sind allgemeinere Aufforderungen des Dichters.

14. ... 'lunger' - hier nicht: hurtig, schnell, sondern: avidus; vgl. Gr.Gr. II, 135, worauf auch B. Web. hinweist; auch

147

Schm. Fr. I, 1492 gibt Belege für diese Bedeutungsrichtung ('lung': Trieb!).

18. ... Sch. I lässt 'lerch', das B (C) fehlt, auch fort; doch kann es mit Sch. II ruhig beibehalten werden, denn die Mel. hat hier Raum dafür! Bei dem Versuch, die Zeile metrisch zu analysieren (s.o.!), wären sowohl 'mais' als 'lerch' taktfüllend, also als zwei einsilbige Takte anzusehen, was bei den metr. Verhältnissen des Liedes keine Schwierigkeiten bedeutete. Dass nachher die 'lerch' mit besonders gekennzeichnetem Gesang noch einmal erscheint, ist ebenfalls kein Hindernis (s. Vs. 6!).

19. ... Wolf a.a.O. im II. und III. Band liest hier immer 'sa' anstatt 'oci'; ebenso:

22. ... 'ri' an Stelle des dritten 'ci' und:

23. ... 'ci ri ci ri ci vigli sia sia'; aber gerade diese Zeile zeigt, dass die Schatz'schen Lesungen die richtigen sind; denn 'vigli' ist natürlich 'vigk', und dahinter steht 'fia', das nicht 'sia' sondern 'fia' ist! Das gleiche gilt bei Vs. 39, wo Wolf auch s statt f liest.

24. ... Wer einmal an einem frühen Maienmorgen den Gutzgauch hat "lachen" gehört, weiss, dass 'cu cu' nicht sein einziger Laut ist!

34f. ... An Substantiva, wie B. Web. annimmt, ist hier wohl nicht zu denken; es sind 2. Pers. Pl. Jnd. von lautmalenden Verbalbildungen zu 'liri' und 'ciri' und zu den Naturlauten etwa der Enten und der Frösche; bei dem ersten ist vielleicht noch an 'lîren' gedacht und beim zweiten an 'zieren'.

Zu der 2. Pers. Pl. Jnd. auf -ent vgl. Schatz, Ma. v. Jmst, § 151 (S. 166), wo das -et der heutigen Ma. lautgesetzlich auf ein -ent zurückgeführt wird (neben dem Einfluss des Konj.); es wäre diese Stelle also den nicht gerade vielen

148

südbair. Belegen zuzugesellen (vgl. Roediger, ZfdA 20, 317; E. Schröder, AfdA 17,292).

36/37. ... 'her: pfarrer' (-aere!) - 'hër' hat bei O. folgende Reimverhältnisse: Neben drei Reimen auf -ër, die ja ohne Belang sind (9,1; 117,202; 118,5), erscheint es, wie hier, noch dreimal im Reim zu -är (-aere): 64,15; 66,8; 87,31 und ebenfalls dreimal auf -êr reimend: 59,31; 109,157; 118,153. Die sieben letzten Reime weisen ja deutlich auf Dehnung hin; doch der qualitative Unterschied muss auffallen. Wenn hier von "Augenreimen" bezw. literar. Reimen die Rede sein soll, so glaube ich aber für O. bei diesem Wort eher die ë : ê - Reime dafür ansprechen zu können, als die andern (s. bei 64,15 die La. v. BC 'har'!); s. dagegen Maurer, der SS. 17-20 ausführlich über die e-Reime handelt. Für die Menge der anderen Reime mag M. schon recht haben, zumal die Zahl der ë : ê - Reime, die er S. 19 angibt, noch zu niedrig gegriffen ist: nicht 46, sondern mindestens 57 gegenüber der geringen Zahl der anderen! -

'pfarrèr' - Die in den Betonungsverhältnissen der Zeile liegende Absicht komischer Wirkung ist deutlich: s.o. zum Metr.! - Denn O. hat sicher schon 'pfárrer' (pfarr) gesprochen! - die anderen bei ihm reimenden nomina agentis auf -aere kommen als Gegenbeweis nicht in Frage, da sie bis auf eins dreisilbig sind (márstallä̀r 64,13; kléusenä̀r 96,17; úrtailä̀r 118,95; árbaitä̀r (-er) 118,166; 119,9), also von Hause aus einen Nebenton auf der letzten Silbe haben. Auch das einzige zweisilbige hat, nach dem Bau des betr. Liedes, Nebenton nach betonter Stammsilbe: 'fréuden-máchä̀r' 1421!

44. ... 'lue' - st. Prät.!! vgl. ags. hlôvan, hléov! - Kolon danach!

51-53. ... Fortsetzung der Worte an den Esel. 'dada prusta' - wieder ein fremder Sprachbrocken!? 'da' ist

149

sloven. Jnterj. der Aufforderung; 'prusta' eventl. zu 'próžiti (sloven.), 'pružati (-ite, kroat.); also etwa = "zieh!". - 'janü leir' - Die B. Weber'sche (Goldhann'sche) La. 'gani' kommt wohl eher nicht in Frage. Doch könnte das Zeichen über 'nu' eher als Hacken für die Bezeichnung von o anzusehen sein; also: 'ja nuͦ leir'; 'leir' als Jmp. zu 'leiren': "leiern", d.h. d. Göpel drehen zum Antrieb der Mühle (vgl. Schm. Fr. I, 1499f)?! - Eine andere, mir einleutender erscheinende Erklärung wäre: 'na nü' = ja ne - 'leir' = sei träge; also als Variation zu dem folg. 'nicht feir': "Sei ja nicht träge, feiere nicht!". 'pei dem veir' - An 'viure' ist nicht zu denken, und daher das Reimspiel iu (eu) : î(ei) bei Maurer, S. 15 zu streichen! Es ist jedenfalls = vîre, Fem., für das die Bedeutung des "Feierns, Feierabendmachens" geläufig ist. Als Neutr. ist es belegt bei Frauenlob 361,6. - Vgl. Schöpf, Tir. Jd., 129: feirum (aus feirobnd), Mask. = das Ende, der Garaus; diese Bedeutung ist wohl hier gemeint!

55. ... 'sailer' - hier: der die Meute am Seil hält. - dass so zu bessern ist gegenüber der Hs., kann als sicher gelten; B. Web. (Goldhann) liest übrigens 'saylor'!

56ff. ... 'Walpurg' und 'Waidman', welches letztere gross zu schreiben ist, sind sicher wirkliche Hundenamen (s. Ged. 44!). - 'rügel dich' = "tummel dich" (s. Schm. Fr. II, 74-76; vgl. zu 'rüglich' 72,9) - 'roggen' = 'rohen', also etwa "Laut geben, läuten".

Keine Zeitbestimmung. Ob eventl. dies Lied erst nach seinem Aufenthalt in Frankreich entstanden ist, muss dahingestellt bleiben; denn der in einem afrz. Gedicht vorkommende Vogel-(Nachtigallen-)Ruf,

150

'oci, oci' ("töte, töte") kann O. auch auf anderem Wege bekannt geworden sein (vgl. L. Uhland, Germ. III, 136, wo ausserdem eine strassb. Hs. erwähnt wird, die ein anderes afrz. Gedicht mit dem so ausgelegten Vogelruf enthält!). Abgesehen davon ist es ja auch gar nicht sicher, ob O. diese Auslegung der ihm vielleicht sonstwoher geläufigen Vogelrufnachahmung kannte, wenn auch die Wahl gerade dieser Form irgendeine literarische oder ähnliche Beziehung nahelegt.

Vgl. auch Wilh. Wackernagel, Voces variae animantium (Basel, 1877), S. 7 u.ö.!

46 (39)

(Aa 23, f. 14 b; B 48, f. 20 b; C, f. 50 a)

Metr.: Jm Ganzen sind deutlich zwei (verschieden gebaute) Strr. zu erkennen, von denen eine die Frau (Tenor), die andere die Magd (Discant) singt (vgl. 10; 13). Der erste Stollen der Tenorst. reimt mit dem ersten Stollen der Discantstr. da, wo die Zeilenschlüsse zugleich gesungen werden (2 : 8; 5 : 13); dasselbe bei dem zweiten Stollen (15 : 21; 18 : 26) und beim Abgesang (32 : 37). - Es liessen sich eventl. einzelne Zeilen der Schatz'schen Versabteilung zusammenlegen, sodass die gegenüberstehenden Stollen von Discant und Tenor einander noch mehr angeglichen würden; doch ist dabei eine ganz sichere Entscheidung nicht möglich. Klar liegen die Dinge nur bei den Zeilen 12/13 u. 25/26 (s.u.), die als je eine Zeile zu lesen sind; ebenso 27/28. - Jm übr. s.u.!

Melod.: (106) in A vierstimmig, wobei aber nur je drei

151

Stimmen (nach Kollers Urteil) zusammenpassen (1,2,4 oder 1,3,4). Da nur Discant und Tenor Text haben, so sind viell. die anderen beiden Stimmen als Jnstrumentalbegleitung anzusehen!?

1. ... 'Stand' ist natürlich Sing., und 'Maredl' Koseform zu 'Margarete'; es wird mit beiden Namen das Gleiche angeredet (s.d. gleich danach folgenden Jmperative!); also ist nicht der erste Name: Marie, wie B. Web. annimmt, sodass für ihn 'stand' Plur. ist. Dementsprechend sind Ausr.-Z. und Komma hinter 'Maredl' und 'Gredel' zu tauschen!

2. ... 'kent' = 'künt', "feuere ein!" - 'klueg': sparsam; vgl. Schm. Fr. I, 1328f und Lexer KWb. 161.

3. ... Besser mit C 'ge, du ...', denn sowohl hier als nachher, Vss. 13-18, wird die Magd nur in der 2. Pers. Sing. angeredet.

4. ... ls. mit C: 'wer pett, K. kn., der dieren slecht' = "wer bettet, Knecht K., dem Mädchen (so) glatt (, dass sie nicht aufstehen will)?" - Es liegt hier das Gleiche vor wie 36,40, wo auch der Schreiber Aa ein w- für b- hat, Schatz aber das richtige p- einsetzt (s. dort!). Auch ist jedenfalls 'slecht' zu lesen! Entweder hat Aa eine Vorlage sl- in fl- verlesen, oder es steht auch in A (und B) fl-! (vgl. zu 6,47, wo 'sliessen' (nach Aa!) für 'fliessen' einzusetzen ist).

5. ... ls. mit A 'vluechter'; das ergibt metr. Glätte und zugleich das Bild für die sprachliche Entstehung aus 'verfluechter'. Die Lösung, die B. Web. nach der Form von C (u. B) gibt: "offenkundig" (von 'verliuhter'), ist zwar hübsch, aber nicht als richtig anzusehen.

6. ... 'enmag' - hier, sowie Vs. 34, 'mügen' = nhd. "mögen"! Noch einige Male, bes. bei Negation, hat O. diese Bedeutung, sonst überwiegend den mhd. Gebrauch: "vermögen".

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6/7. ... Vielleicht besser als eine Zeile zu lesen!? vgl. Vs. 2!

9. ... ls. 'der weil' - "überlasst auch der Weile, dem Verweilen", d.h. "lasst euch Zeit", "machts nicht gar zu eilig" - vgl. entspr. 43,32 'nempt kein weil'!

10. ... Soll das eine Drohung der Magd sein? Oder ists eine Anspielung anderer Art?

10/11. ... Vielleicht auch besser als eine Zeile!? Vgl. Vss. 3 u. 4!

12/13. ... Jst eine Zeile!! Dafür spricht auch die Komposition. Dabei lies 'Küenzelsüenzel' als eine Art Streckform (M). - 'mein trauter K. ...' steht in Konstr. ἀπὸ κοινου̃.

14f. ... 'lauff gen stadel, suech die nadel' - Strafarbeit!!? - 'reiter': Sieb; vgl. a. Hätzl. I, 35,20. - (B. Web. hat im Text 'reutter' und verz. d. La. -ei- für B! S. zu 36,14 'reut') - Die Möglichkeit obscöner Nebenbedeutung liegt bei diesen beiden Zeilen nahe: 'nadel, gabel (vgl. 30,21 'zwisel'), drischel (wie sonst 'flegel' = penis), sichel' (vgl. 49,4). Natürlich wäre sie nicht der Frau in den Mund zu legen, sondern vom Dichter oder Vortragenden (vgl. zu 6,105ff) zu verstehen gegeben.

18. ... 'sicherlichen' ist zu streichen aus metr. Gründen, die durch die Komposition gebieterisch unterstützt werden; dafür ist dann 'ere' zu lesen. Diese Zeile entspricht einmal der Parallelzeile (5); ausserdem käme noch die Vergleichung mit Vss. 25/26 in Frage, der zugleich zu singenden Discantperiode. Diese ist aber ebenfalls nicht länger als ihre Parallele, Vss. 12/13 (s.u.).

19/20. ... Komma nach 'ungemach' - ls. 'so schein unrein allein' (s. Sch. II, 54) - 'Wer' hier: swer: "Wer auch nachher kommt, der mir mein Ungemach wendet (vgl. 49,12/13!), s. erscheine ich doch allein als treulos!"

25/26. ... Eine Zeile! - Der Schlagreim ist aber nicht zwischen

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'ich' und '-lich' anzunehmen, sondern zwischen 'ganzlich' und 'Küenzlin', was aus der hsl. Ueberlieferung (s. bes. B!) zu ersehen ist. Die Zeile 25/26 ist demnach zu lesen: 'pin ich/genzlich/s'Küenzlis/auss dem/edlen/Zillers-/tal.' u u / x́ x / x́ x / x̀ x / x̀ x / x́ x / x̀ v / Also ebenso 6 Takte wie die Parallelzeile 12/13 und nicht länger (s.o. zu Vs. 18!)!

27/28. ... Eine Zeile! - Dadurch ist der Abgesang des Tenors auch 5-zeilig. - Der Gen. 'dein' könnte nahelegen, auf die erste Fassung in A: 'psach' zurückzugreifen: 'besach dein' = "pflege dich, halte dich ordentlich"; doch muss man wohl der Autorität des Verbesserers b (s. Sch. II, 30 u.f.) folgen und 'pfäch' mit dem etwas auffälligen Gen. der Person gelten lassen.

30. ... ?? - "Locke (d.h. laufen den Männern nicht selber nach, sondern lasse sie werben!), so wirst du ein 'Bock'" (d.h. kannst nicht ohne weiteres gestochen werden; s. Schm. Fr. I, 203!). - ?? - Ein solcher Sinn steckt jedenfalls in dieser Zeile, denn die Fassung von A lässt ganz Aehnliches erkennen: "trotze, so wirst du begehrt" ('ain lock' = Lockspeise). Der Zusammenhang ergibt ja doch die Aufforderung der Frau an die Magd, ein fleissiges, sparsames und zurückhaltendes Mädchen zu werden, damit sie einen ordentlichen Mann bekomme, wozu sie auch noch von der Herrin angesteuert werden solle.

32. ... ls. 'zainem mánnè'.

35. ... 'pflicht' ist abzusetzen, da es Reimwort ist!

Eine Zeitbestimmung ergibt sich nicht; wenn auch die Entstehungsursache zu diesem Liede sehr wohl eine Scene sein könnte, die vielleicht seine als Herrin später recht handfeste und lebenmeisternde Margarete mit einer ihrer Mägde hatte!

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47 (45)

(Aa 35, f. 21 b; B 54, f. 23 b; C, f. 52 b)

Metr.: Drei Teile sind ja durch die Jnitialen (Vss. 7 u. 13) gekennzeichnet; auch inhaltlich befinden sich an diesen Stellen Abschnitte. Doch ist abgesehen davon ein klarer metr. Bau des Ganzen nicht zu erkennen. - Jn den Versen überwiegen 3- und 5-hebige (4- u. 6-taktige!?). - sind Vss. 9-11 viell. als eine Zeile zu lesen?

Melod.: (93) dreist.; auffallend ist eine sichtliche Jnkongruenz zwischen Text und Melodie (Discant!); denn die wenigen immer wiederkehrenden Motive und Phrasen haben ganz verschiedenartige Metren als Text. - und wollte man auch das gelten lasse, so findet sich doch in der rhythmisch-melodischen Ausdeutung des Textes keine Klärung der metr. Verhältnisse. Selbst der von Koller in der Uebertragun scharf gekennzeichnete Halbschluss auf 'süesser winkenwank pringt mir freuden vil' findet sich (abgesehen von der Mittelstimme, die in B auch fehlt) Ton für Ton in Discant und Tenor nachher auf 'damit hueb sich ain gäggel. do sprach sie: snäggel!'! Tenor und Medium machen neben dem hier melodieführenden Discant den Eindruck von Jnstrumentalbegleitung, da sie für den Text zu wenig Töne haben. Der Tenor scheint wieder eine von anderswoher als 'cantus firmus' übernommene Melodie zu sein (vgl. zu 45!).

3-5. ... Es handelt sich anscheinend hier um eins der volkstümlichen Spiele mit Eiern, deren Schmeller einige aufführt (vgl. z.B. Schm. Fr. I, 1321 "Eierklauben", was hier gut passen würde; oder II, 904 "Eierwalgen"!).

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6. ... Türler liest 'frau gelt' (als Anrede an den Weinkrug); doch scheint mir entsprechend dem vorhergehenden Spiel, die Annahme eines Jmperativs näher zu liegen: 'frau, gelt, ...', "Frau, bezahlt (eure Wette): bringt den Wein!" Oder: "... geltet (euer Versprechen) ab, ..."; etwa als Anrede an die Wirtin (vgl. 41,18 und 32!), die dem Sieger Wein versprochen hat!?

14. ... "Das tu ich", nämlich Hainzel und Jäckel!

15. ... 'gäggel' - 'gougel' läge wohl am nächsten (Reimvokal wäre das "hohe" a!); aber in A steht 'checel', das doch dazu nicht recht passen will - hier könnte 'gickel' und 'gegel' (s. Schm. Fr. I, 884 und 878) mitsprechen. - "Ein närrisch-verliebtes Gezerre".

16. ... 'snäggel' = "Schnākl"; s. zu 43,19!

17. ... ls. 'nímmè'; desgl. ist 'awe' nach Ausweis der Mel. als Reim abzusetzen, da diese den folg. Teil der Zeile rhythmisch gleich Vs. 18 wiedergibt.

18. ... 'Jäggline' komischer lat. Vokativ (s. d. folg. Verse!!).

Keine Zeitbestimmung; doch ist es am besten seiner ganzen Art nach mit dem Trink- und Lustlied 43 zusammenzustellen, und zwar 47 wohl zuerst, da es in den Hss. früher steht.

48 (71)

(Ah 79, f. 43 b; B 83, f. 34 a; C, f. 70 b)

Metr.: gleich 79; fast gleich 82; in den Auftaktverhältnissen der Rep. finden sich einige Unterschiede, und die dem zweiten Stollen angehängte Zeile (mit kling. Kadenz und pausiertem 4. Takt; vgl. zu 4, Metr.) fehlt bei 82.

Melod.: (4) einfache, springtanzartige Mel.; 70 (59) hat die gleiche, 82 (63) eine ganz andere, bei der nur

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die Schlusszeile der Rep. an die von Lied 48 anklingt.

1. ... 'fr., fr., fr.' vgl. zu 43,20.

3. ... Vgl. 60,37 (dort ironisch!).

6/7. ... 'ain fuchs in ainem hag' - 96,24 dieselbe Wendung!!

7. ... 'lauss' - hier die Tätigkeit des Lauerns; dagegen 109,91, 'in der leuss' konkret: im Verborgenen, d.h. im Gefängnis!

8ff. ... Der Vorschlag Türlers, diese Zeile als Parenthese und die folg. als abh. von 'wart ich ...' anzusehen, leuchtet ein; ebenso 'kreuchen' als imperat. Jnf. - Zu dem Reim 'verreuhen : kreuchen : scheuhen' s.a. 60,74ff 'schuehen : -uechen' (4 Mal!). Maurer erwähnt diese Reime nicht! Vgl. dazu Schatz, Tir. Ma. S. 21f und 58ff, sowie seine Karte daselbst!

14. ... 'paine' Pl., dagegen 71,9 'pain'!

15. ... Nach 'herte' verlangt Türler einen Punkt; jedenfalls steht da besser eine stärkere Jnterp. anstatt des Kommas: Vss. 14-15a sind Aufzählungen, zu erg. "hat sie" oder "sind". - Ebenso streicht T. mit Recht das Komma nach 'geverte'.

16. ... 'verget sich', "gibt sich" - zu beziehen auf 'wort geverte'. - 'pirgisch': rusticus, hier im lobenden Sinne, im Gedanken an die gesunde Urwüchsigkeit; die Freude hieran ist auch ein Stück von O.s kernhafter Naturfreude!

19. ... 'Lenepach' = Lahnbach-Spitze (3006 m, unweit westl. v. Meran, gleich nördl. v. Naturns im Vintschgau), oder der von diesem Berge entspringende Lahnbach? Vgl. a. Tarneller, Die Hofnamen i. Burggr.-A. u. i. d. angrenz. Gemeinden, Archiv f. österr. Gesch. 100 (1910) 69, Nr. 127: Lanpach i.d. Gemeinde Naturns! Daselbst citiert: 1394 'bonum am Lenpach plebis Naturns"; 1416 'auf Länpach ein hoff'; 1437 'Stoffel an dem Lenepach'. - Allerdings ist eine unzweideutige Entscheidung kaum möglich; denn in Urkunden aus dem Kirchenarchiv

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Taufers, sowie dem gräfl. Welsbergischen Archiv in Niederrasen (ABT. III) erscheinen mehrfach die Bezeichnungen: Lenpach - ab dem Lenpach - auf dem Länpach usw. wobei es sich jedenfalls um Oertlichkeiten im Fussertal (bei Pfalzen, Stefansdorf u.a.) oder in dessen Nebentälern handelt. Und entsprechend dem geogr. Ursprung des Namens (s. Schm. Fr. I, 1400 und bes. 1477 Lain) ist ein 'Lenepach' so ziemlich überall in Tirol möglich, sodass B. Web. mit seiner Kennzeichnung "unweit Kastelrutt" auch recht haben könnte, zumal er diese Gegend aus eigner Anschauung kannte.

23. ... Es liesse sich ja 21-23 als ἀπὸ κοινου̃ auffassen; doch ist das nicht nötig. Jch setze lieber Semik. oder Punkt nach 'grüen'.

25. ... 'mit g. freuden ... küen' vgl. 65,36 'freudenküen'!

27. ... 'getucke' - nur das "Gebücke", das "Bücken"! nicht "Schmiegen", wie auch Lexer nach B. Web. angibt!

28. ... 'zue geschöck' vgl. 53,17 - 'zueschocken' ist jedenfalls ein term. tech. der Vogelsteller: die Lockspeise aufhäufen, anhäufen. - Vgl. a. 3,22! 'geschocket' und 79,123 'schöcke'.

30. ... 'gelöck' vgl. ebenfalls 53,18! Das "Locken" des Vogelstellers durch Nachahmung der Vogelstimmen.

32ff. ... Hier wird die schon vorher erkennbare Absicht obscöner Zweideutigkeiten in Verbindung mit den Ausdrücken der Vogelstellerei deutlich!

34. ... 'gelert' - 'lêren' als Jntrans. erscheint bei O. ebenso oft wie in der gewöhnlichen Bedeutung; 'lernen' kommt sehr selten vor: 3 x, wovon das eine (118,194) in CD durch 'leren' ersetzt, ein zweites durch Reimherstellung zu erschliessen ist (109,26), gegen 19 x 'leren', wovon 9 x in der Bedeutung "lernen" (s. Gloss.).

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38. ... Sch. I hat den Text von B(C), der grössere Verständlichkeit für sich in Anspruch nehmen kann. Ob hier nicht B doch der Absicht des Dichters näher kommt!? Unter seiner Leitung ist die Wolkensteiner Hs. ja auch entstanden! Und doch ist zweifellos auch die erste Fassung in A Oswalds Eigentum. Fraglich bleibt mir allerdings dabei, ob 'pachen' das Richtige ist! Den in der Hs. steht 'bachen' (s.d. Laa. bei B. Web. und Sch. I!), was besser als 'wachen' zu lesen ist (vgl. 8,15!!). - Damit wäre immerhin ein gewisser Zusammenhang mit dem Sinn der Strophe, bes. am Schluss gegeben ('lass!': "lass uns ...").

Eine Zeitbestimmung ist nicht möglich, auch wenn man sich O. selbst als den Vogelsteller am 'Lenepach' denkt. Denn in der Meraner Gegend ist er verschiedentlich gewesen, ebenso wie im Pustertal. Doch wird wohl mehr frühere Zeit in Frage kommen, besonders wenn man die Stimmung dieses Liedes mit der am Schluss von Ged. 109 oder der von Ged. 114 vergleicht, wo die Einwirkungen der Gefangenschaftsperiode, bezw. des Alters (114) solche unbekümmerte naive Leichtlebigkeit nicht mehr aufkommen zu lassen scheinen.

Zu beachten ist, dass 48 gegenüber A, wo es mitten unter andersartigen Liedern steht, in B zwischen (82); 81 u. 42, also immerhin in etwas passendere Umgebung gesetzt ist! Doch auch mit dem folgenden "Graserin-Lied" gehört es, wenigstens in der Art, zusammen; s. zu dies.!

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49 (64)

(Ag 61, f. 35 b; B 76, f. 31 b; C, f. 66 b; F, s. Sch. II, 48)

Metr.: Die Aehnlichkeit mit dem metr. Bau von Lied 4 wird evident, wenn man Vss. 5/6 (desgl. 14/15; 23/24) als eine Zeile liest; diese Zeile hat dann sprachlich zwar eine Hebung mehr, umfasst aber metrisch ebenfalls 8 Takte wie 4,5 (4,13 u. 4,21); d.h. Lied 4 hat hier –8–̤̀ (s. zu 4, Metr.!) und 49 hat –8–́!

Melod.: (85) zweist.; Tenor urspr. einst.! Die metr. Uebereinstimmung mit 4 (Mel. 91) wird unterstützt durch die unverkennbaren Aehnlichkeiten auch zwischen einzelnen Phrasen der Tenor-Melodien beider Lieder, bes. bei der angeführten 5. Zeile jd. Str. (Vgl. die Uebertragg. der beiden Tenöre im II. Teil, 3. Kap.)! Zu diesen Beziehungen s.a. u.!

1/2. ... Zu erg. "gehend" od. ähnl.!

6. ... Vor die Querlatten des "geschränkten" Zaunes drücken (s. Schm. Fr. II, 609), oder einfach "vor den Zaun". ('die schrenken' ist Plur.!).

7. ... 'die seul' nicht: 'sûl', sondern 'siuwele', der Pfriem; hier viell. eine Bezeichnung für den Holzstöpsel, der zur Befestigung des Gatters in eine Krampe gesteckt wird. Trotz des überall deutlich durchblickenden obscönen Hintersinnes bleibt die erste Str. doch noch im Zusammenhang eines Bildes, während im folgenden bis zum Schluss die Bilder für die bezeichneten Vorgänge erfinderisch wechseln; allerdings bleibt auch dabei O. immer im Tätigkeits- und Berufsgebiet der "Gräserin"! - Reim -iu- : -öu- s. zu 11,44ff.

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9. ... 'an sorg nicht fliesen' - Doppelte Negation: "Ohne Sorge sein" und "nicht verlieren"!

10. ... 'zeunen' - Die Bedeutung "über den Zaun steigen", die Lexer vorschlägt, ist wohl wegen des dazugehörigen 'her' als sicher anzunehmen (s.a. Vs. 4!!).

13. ... Vgl. 30,21!

17. ... 'schübern' = 'schoberen' - Vgl. 92,12.

18. ... 'sim nain ich' vgl. 14,43 und zu 38,4!

21. ... ls. 'dannoch so gert si, ...'! Vgl. zu 14,55!

22. ... 'nid. peunt', "untere Wiese" (= 'reuch' oder 'briune').

25. ... 'swenzeln' und 'renzeln' techn. Ausdrücke der Flachsbereitung!

27. ... 'gränsel' Vgl. Parz. 113,7!

Auch hier ist es schon denkbar, dass irgendein Erlebnis zu Grunde liegt, aber eine Bestimmung ebensowenig möglich, wie bei den vorhergehenden Liedern. Wie in den meisten Gedichten dieser Art bei O. liegt die Originalität weniger im Stoff und Jnhalt als in seiner lebendigen Darstellung und Sprache.

Auffallend, doch sicher ohne Bedeutung ist die Tatsache, dass dies Lied in A zwischen den beiden Margarete-Gedichten 75 und 76 steht und in B mit diesen beiden, trotz der im übrigen ganz anderen Umgebung, zusammengeblieben ist! Das Frühlingslied 75 hat ja allerdings mit seinen obscönen Anspielungen gewisse Berührungspunkte mit dem in den Hss. darauffolgenden Lied von der Grasserin.

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50 (96)

(Aa 8, f. 4 b; B 13, f. 5 b; C, f. 14 b)

Metr. u. Melod. (75): Der an sich reizvolle Bau dieser Str. bietet bei den Vss. 5/6 einige Schwierigkeiten. Jedenfalls geht zunächst aus der Mel. wohl unzweifelhaft hervor, dass jede dieser beiden Zeilen als zwei Verse anzusehen ist; der erste hätte (trotz der Verhältnisse in der 2. u. 3. Str.!!) als Grundschema –4–̀, der zweite : –4–̤́. Dass in der Mel. (und Notierung) mehrsilbigem Auftakt Rechnung getragen wird, zeigt die Unterlegung des Textes der 1. Str., wobei 'Wer ist' zweimal das a als Auftakt erhält, das bei dem gleichen Melodiestück zu Vs. 6 a, dem einsilbigen Auftakt 'und' entsprechend, nur einmal erscheint. Demnach kann für den Gesang bei der 2. u. 3. Str. ein dreimaliges a vor dem hauptbetonten c ohne Bedenken angenommen werden; bei Vs. 18, wo dann nach A 'minnikleich' zu lesen ist, sowie bei Vs. 31, wo 'an dem' in 'am' zu ändern ist, käme ebenfalls nur zweimal a in Frage. - Der zweite Teil der fraglichen Verse hat fast nur (bes. in B) Ligaturen als Notation, doch ergibt der innere Rhythmus auch dieses Melodiestückchens deutlich –4–̤́.1

Die Folge dieser metrischen Klärung ist das schärfere Heraustreten auch des "zweiten Aufgesangs", der, nun dem ersten im Grundschema metrisch gleich, nur in der Taktfüllung unterschieden von ihm erscheint; in der Komposition wird, trotz klareren Aufzeigens der metrischen Aehnlichkeit, dieser Unterschied fein unterstrichen,

1Die Zeilen 6 b und 19 b ordnen sich infolge der längeren Melodie zwanglos beim Singen ein.

162

dadurch dass die Stollenmelodie des ersten Aufgesangs sich zwischen Tonika und Dominante (dorisch) bewegt (mit Tonikaschluss), während die des zweiten Aufgesangs fast jubelnd sich von der Dominante bis über die Tonikaoktav erhebt und nur zum Halbschluss in der Dominante herabsinkt!

Die äussere Schlussfolgerung aus diesem Ergebnis wäre natürlich je zweizeiliger Druck der Vss. 5 u. 6 jd. Strophe.

11. ... B. Web. sieht hierin eine Appos. zu 'des', Vs. 10, wobei 'selbdreien' für 'selbdritten' stehe (vgl. 51,5). Dadurch fände die auffällige Flexion immerhin eine Erklärung; 'unitas' ist dann sinngemäss Genitiv (als "Fremdwort" gebraucht!); die Nominativform ist aber auch sonst in solchen Fällen für O. nicht auffällig (vgl. z.B. 27,11!) - Der Reim spricht hier natürlich ebenfalls mit. - 'selb dreien freien' sind sw. Gen. Sing. Fem., auf 'unitas' bezüglich. - "Jn unbefleckter Jungfräulichkeit genas sie seiner, der selbst ein Teil der heiligen Dreieinigkeit ist" (eigtl. der "selbdritten freien (Reimwort!!) Einigkeit").

15. ... Vgl. 65,45!

16. ... 'dieren' vgl. zu 53,31.

18. ... ls. mit A: 'minnikleich'! - Komma danach fort (s.o. Metr.).

22. ... 'sein undertan' - Dat. Pl., abh. v. 'pringt schein' (M?), d.h.: den ihn in der Goldeinfassung (der Krone) umgebenden geringeren Edelsteinen. - Nach 'runst' Punkt (M).

23. ... Punkt fort nach 'gunst', gehört zum Folg. (M).

24f. ... 'trivallen' ist viell. besser als 'drivalden', "dreifältig" anzusehen (M) - vgl. 90,5 'trilitz' -, anstatt als Vb. 'trivallen': "jubeln", obgleich auch dies passen könnte; das Komma danach ist dann natürlich zu streichen. - 'so wil

163

ich', 25, gehört sowohl zu 'schallen' als zu 'warten'; "Dem Banner der Ehren will ich mit voller Hingabe dreifältig lobsingen ohne Stolz ...".

26. ... Für den Gesang würde nach der Melodieführung auch die hsl. Fassung dieser Zeilen genügen; doch gemäss dem metr. Bau erscheint wohl eine Einfügung geraten, wenn auch 'aller' nicht das allein Mögliche ist: es könnte ebensogut 'grosser' oder besser 'hoher' eingesetzt werden (z. Teil M).

28. ... Besser Komma statt des Fragezeichens (M); s.u.!

29. ... Vgl. 53,82 u.a.: Der Zorn Gottes über den Sündenfall und über die daraus entspringende Sündhaftigkeit der Menschen.

30f. ... 'ü. r. tr.' - "auf sich nimmt", durch Fürbitte für die sündigen Menschen. - Komma nach 'tragt'; Zeile 31/32 ist Nachsatz zum Vorhergehenden! Nach 'gross' muss dementsprechend dann das Fragezeichen stehen, das Vss. 28 u. 30 zu streichen war! Die 3. u. 2. Pers. im selben Satz wäre doch gar zu grob!!

33. ... 'der schossen sail' - 'sail' bildl. als "Rettungsseil", "Rettung, Erlösung" - also: "des Schosses Rettung", d.h. rettende Aufnahme in Gottes Schoss.

35. ... 'ain drum' muss als nachträgl. Subj zu 'wirt zu tail' angesehen werden, wobei hier für das vorhergehende 'sail' eine Genitivempfindung einsetzt. Zu der Hoffnung und Bitte um Hilfe und Gnade bei und nach dem Ende vgl. z.B. 54,33ff; 55,35f; 84,109ff; 92,43ff; 93,54; 104,31ff; 105,24ff; 117,198; 125,4ff.

Mit dem etwas verzwickten Vers- und Strophenbau dieses Liedes mag der gerade nicht geschickt wirkende Wechsel zwischen 3. Pers. und Anrede im Zusammenhang stehen: das lang ausgesponnene Bild (Vss. 20ff) liess den Dichter vergessen, dass er vorher zur Anrede übergegangen war. Erst am Schluss scheint wieder die Anrede mehr als wirkendes Moment zum Ausdruck zu kommen in dem Uebergang zur persönlichen Bitte (s. meine Zeichenänderung!).

Zur Zeitfrage vgl. Ged. 55 (für 50-55)!

164

51 (97)

(Aa 10, f. 5 b; B 14, f. 6 a; C, f. 15 a)

Metr.: eigen; eine Strophe: 1-5 und 6-10 sind die Stollen, 11-18 ist der Abgesang. - Bei den Zeilen 4 u. 9 legt die Melodie eine Trennung zwischen den Reimwörtern nahe, dergestalt, dass das erste zum vorhergehenden Vers zu stellen wäre und das zweite ein Anhängsel bedeutete. Wenn auch dadurch die Reimwörter 'frucht' und 'sent' in den Hintergrund gedrängt werden, so wird diese Annahme durch die Fassung von BC in Vss. 8/9 gestützt und so gut wie gesichert. Es sind also Vss. 3/4 und 8/9 am besten als je eine Zeile zu lesen! Dies gilt ebenfalls von den Vss. 11/12, 13/14 und 15/16, wo auch die Mel. darauf führt; bei den letzten beiden Zeilen zeigt ausserdem die verschiedene Länge der Schatz'schen Reimzeilen (gegenüber der Kongruenz bei Zusammenlegung von je zweien), dass 'gaist' : 'vollaist' Jnreime sind! - Einzelheiten zu den Vss. 13 u. 17 s.u.!

Melod.: (29 a) eigen; wohl auch von O. selbst (s.u. die Zus.-Fassg. bei Ged. 52 (für 51 u. 52)! Vgl. auch II. Teil, 3. Kap.

1. ... Komma nach 'frucht' (M), wie in Sch. I!

4. ... Komma fort nach 'gepar'!

5. ... 'selbdritt' noch durch 'ain' verstärkt: "als der Eine von den Dreien" (der Dreieinigkeit); vgl. 90,5, auch 50,11. - Vs. 5 ist auch Relativsatz zu 'got' ('der' ist zu erg.). - Nach 'tot' besser Semik. oder Punkt (Sch. I hat Punkt!!), denn der folg. Nebensatz ist Vordersatz zu Vss. 8/9!

8. ... Komma nach 'sent' fort! (M); Sch. I hat keine Jnterp.!

11. ... 'frau kron': Maria.

165

13. ... Der Vers ist auftaktlos, wie die Mel. erweist, die die gleiche ist, wie bei Vs. 15, nur dass da der erste Ton infolge des Auftakts verdoppelt ist - die Kürzung zu 'hailger' gegen die Hss. erhält auch durch die Notation der Mel. ihre Stütze Grafik

17. ... Dieser Vers bietet metrische Schwierigkeiten, die sich wohl ganz eindeutig nicht lösen lassen. Die Mel. könnte weiter helfen: sie hat am Anfang zwei gleiche Töne was nach dem sonstigen inneren Rhythmus der Mel. ergibt, dass der Melodieschreiber (s. Sch. II, 30) hier Auftakt annahm; der Schreiber von B hat das noch verstärkt, indem er den Auftakt eine Quart tiefer setzte! Danach ergäbe das einen Vers: 'das sí uns vèrlaitèn in wé', der für O. ausgeschlossen ist; denn vereinzelte Fälle von Widerstreit zwischen Vers- und Wortbetonung, die bei ihm erscheinen, lassen nicht den geringsten Schluss etwa auf silbenzählendes Princip zu. Entweder beabsichtigten sie besondere Wirkung (45,37; 42,34) oder sind eine Folge des verwickelten Vers- und Strophenbaues, also Ungeschick (12,35; 22,21; 123,46), oder sie erweisen sich durch leichte Aenderungsmöglichkeiten, die z.T. schon Schatz wahrgenommen hat (29,11), als Geringfügigkeiten (25,6; 72,11; 105,18; 118,166); schwebende Betonung am Versanfang, die O. öfter hat, gehört nicht hierher. Es ergibt sich auch hier, 51,17, durch Ansetzen von Auftaktlosigkeit ein glatter Vers (mit Ekthlipsis):

Grafik

17/18. ... Vgl. Mönch v. Salzburg, Tischsegen (W. Kl. II, 600; Hätzl. I, 107), Vss. 5/6: 'das uns darin berüer kain we, das well got! Benedicite!'

Hier erscheint der Uebergang in die Anrede, die sich im Abges. gegenüber dem Aufges. findet, durchaus eingegliedert und als künstlerischer Ausdruck.

Weiteres s. u. bei 52, sowie bei 55 (für 50-55).

166

52 (98)

(Aa 11, f. 6 a; B 15, f. 6 a; C, f. 15 b)

Metr.: Erinn. an lat. Hymnenmasze; vgl. a. z.B. Mönch v. Salzburg (M.-R.) Nr. 20; 26; 42 u. 59, auch ders. W. Kl. II, 578, 579, 581. - zu Vss. 23 u. 24 s.u.!

Melod.: (29 b) eigen; wohl von O. selbst (s.u.!); Koller bemerkt im Revisionsbericht: "in A steht zu Anfang der C-Schlüssel auf der zweiten Linie, in B durchaus". - Es besteht also Unsicherheit der Schlüssel. Dadurch, dass Koller, B folgend, durchweg den Schlüssel auf die zweite Linie setzt, ergeben sich in Zeile 7 u. 8 Tritonusgänge. Der C-Schlüssel ist wohl von Zeile 5 ab, oder wenigstens von 7 ab auf die erste Linie zu setzen, also:

Grafik

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Von diesen beiden Vorschlägen würde der erste zweifellos dem ionischen Charakter der Mel. (s. das Einleitungs-Melisma!) besser entsprechen.

1/3. ... Vgl. Mönch v. Salzburg, M.-R. Nr. 7 (= Hätzl. II, 66), Vss. 15-17: Woluff alles, das zu himel sey, Mit aller süssen symphoney, Und singent got der ern krey, ...'

3. ... 'der eren kre' - "dem Stand der Ehre", Appos. zu 'alpha et o.'.

9. ... 'hatz' hier: 'haz̡'! Vgl. 26,4 'āne hass' und 109,141 'ān allen hass'; s. dagegen zu 8,3 'hatz'!

13. ... 'in ellentlicher wag' - es ist hier wohl besser an 'wage': "Bewegung" zu denken, statt an 'wâge': "Wagnis, Gefahr" (so B. Web.!); also: "in landstreicherischen (oder jämmerlichem, vgl. 95,12 u. 120,1) Hin und Her".

18. ... 'in engestlicher wat' - 'wât', das auch sonst bei O. nur im Reim erscheint, verwendet er beinahe ausschliesslich umschreibend mit Attr., dergestalt dass die ganze Wendung fast das Gleiche besagt wie das Attribut. Es wäre demnach nur Reimwort; doch erweckt es nie den Eindruck, sondern gliedert sich stets so ein, dass dadurch eine Vertiefung und Verlebendigung der Stelle erreicht wird! Besonders deutlich hier: 'in engestlicher "wat"'; "von 'angest' wie von einer 'wât' ganz umschlossen"! Vgl. 68,14 'keuschliche wat'; 90,32 'cristenliche wat'; 117,61 'der vorchte wat' - wörtlich nur 108,13 u. 121,63. - 40,48 (auch 86,24?) gehört nicht hierher; s. zu 40,48!

20. ... 'der helle vas' - B. Web. bemerkt in seinem Gloss., dass hier auch an ein fem. Subst. gedacht werden könne: 'die vas': Griff, Handhabe, ansa; doch handelt es sich dann wohl immer um etwas passiv Konkretes, um etwas an das man anfassen kann, während für diese Stelle unter

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"Griff" nur der "Zugriff", das "Greifen", also eine Handlung zu verstehen wäre; denn die Umdrehung in etwas aktiv Konkretes (B. Web.: "Kralle") kommt kaum in Frage. Es kann schon beim "Fass der Hölle" bleiben, das ist durchaus bildhaft genug! (Vgl. 'Vas' bildl. bei Osw.: 53,36; 104,25).

21. ... 'der ich genas': "durch die ich errettet wurde" - es spielt wohl bei dieser immerhin ungewöhnlichen Anwendung des Gen. bei 'genesen' die Konstr. 'leben' m. Gen. eine Rolle (vgl. Michels EB 3.4, § 305,8); auch mag 'geniezen' mit Gen. von Einfluss sein (vgl. 64,24). Sonst bei O. nur die gebräuchl. Konstr.

23. ... ls. 'all seln'!

24. ... 'glauben' stört beim Singen nicht, weil darauf eine Ligatur zu singen ist (s.o. Melod.!).

19/Schl. ... vgl. den wohl später zugedichteten Schluss des anderen Tischsegens des Mönchs v. S. (Lochh. Ldb. Nr. 34, F.W. Arnold in Chrys. Jb. II, 32 u. 140; auch W. Kl. II, 106), die 7. Str.: 'Her, gib den lebendigen dein genad, dy toten in dein parmherezikait lad. Verleihe vns auf diser erde(n), das vnser sünde(n) mynder werden. Her, gib den kristen guten frid, der vns allen sey getailet mit. Amen.'

Für die Lösung der Quellenfrage dieser beiden enger zusammengehörigen Lieder 51/52, des "Benedicite" und des "Gratias" scheinen sich auf den ersten Blick leicht Wege zu öffnen; doch finden sich in der Hymnenliteratur, die ja am nächsten liegt, nicht die geringsten Möglichkeiten unmittelbarer Vorbilder! Denn die Tischgebete unter den Hymnen und Kirchenliedern (vgl. z.B. Kehrein, Dtsch. Kirchenlied I, 25ff.) haben nur die

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Bitte um Segen und Schutz und den Dank, also etwas für diesen Gebetskreis Selbstverständliches, mit O. gemeinsam. Es bleiben als Ausgangspunkte nur die Benedictionen und die Dankgebete aus der katholischen Liturgik (vgl. z.B. R. Lippe, Missale Romanum, Mediolani 1474, Bd. II, London 1907, S. 301f!), sodass auch hier O. eine bis zu gewissem Grade selbständige Gestaltung angestrebt und gefunden hat, wie ich glaube. Allerdings wage ich endgültig nicht zu entscheiden: eine Sonderuntersuchung gerade dieser geistlichen Lieder O.s, die Uebersetzungen oder Bearbeitungen zu sein scheinen oder sind1, kann erst letzte Klarheit bringen. Doch selbst bei etwaiger Abschwächung obigen vorläufigen Ergebnisses wird wohl O.s durchaus eigene und selbständige Gestaltung immer zu erkennen sein!

Die gelegentlichen Uebereinstimmungen mit Versen des Mönchs v. Salzb.: 51,17/18; 52,1/3 (52, Schluss?) zeigen auch nur "Beziehungen" zwischen den beiden, ohne O.s Selbständigkeit Abbruch zu tun.

Zu der Zeitfrage s. bei 55 (für 50-55)!

53 (104)

(Ah 85, f. 46 a; B 38, f. 16 a; C, f. 41 b)

Metr.: gleich 35; auch hier gilt das bei 35, Metr. Gesagte bezügl. der Verschiedenheit der Masze einzelner Parallelzeilen in den Strophen (Zeile 3 u. 6 der Strr.: Strr. 1 u. 2 gegen Str. 3; Zeile 9-12: Str. 1 gegen

1Gedd. 51; 52; (117); (120); 125; 'renovatio mundi'; 'mittit ad virginem'.

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Strr. 2 u. 3!). - Die Silbenzahl ist wieder gleich!! - Ebenso sind die Vss. 19-21, 28-30, 49-51, 58-60, 79-81, 89-90 als je eine Zeile zu lesen (M).

Melod.: (99) gleich der Mel. von 35 (88); A und B haben bei 53 einen Hinweis auf die Mel., die nur bei 35 notiert ist; zwei- und einst.; weiteres s. bei 35!

5/6. ... Vgl. Vss. 80ff, sowie 104,17; bes. 117,50ff. - Hinter 'erlait' setzt Türler einen Punkt; doch ist das nicht unbedingt nötig, denn an Stelle einer Kopulaergänzung am Anfang kann man ebensogut Vorwegnahme im Nominativ annehmen; vgl. z.B. 85,13ff 'Die sunn, der man, der sterne kranz ... den gait er varb und liechten glanz!' - denn da setzt Türl. mit Recht hinter 'durchgat', Vs. 12, Punkt!

11/12. ... 'raine lauter' - verstärktes Adv. - 'fein' Prädikatsnomen.

13f. ... 'derselben plueder' etwa: "dieser (armen) Kerle"; vgl. schweiz. 'blüter, blüeter': armer Mensch; kärnt. 'plüetar': armer Mensch, Tropf (s. v. a. 'hâschar' und 'häutar') - S. a. Schm. Fr. I, 333 'Blüeter' soviel als 'Fretter' (ebd. 830, = Stümper, Pfuscher, Schlucker) - Der Reim -t- : -d- ist für O. nichts Ungewöhnliches (s. u. zu Vs. 24!). - Zu Vss. 13-19 zus. s. weiter unten!

15. ... 'mueder' = 'müeder' in der wohl ursp. Bedeutung "Leib", bildl. für "Christus" - vgl. Hugo von Langenstein, Martina 205, 3 'Christ ... im menschelichim muoder' - Schm. Fr. I, 1573 fürht aus Cgn. 714, f. 200 an: 'ein schöns menschlichs muder (: prudre) lag Christ vor esel und vor ochsen'.

16. ... 'lueder' = 'lüeder', Pl., "Lockspeisen" (s. Vs. 18 'gelockt'!) - auf die Missdeutung B. Webers: 'lueder' = 'Lider' ('ain mueder' fasste er als "ein Müder" auf!) hat Leitzmann, Beitr. 44, 309 mit Recht hingewiesen.

171

17. ... 'zuegeschockt': "aufgehäuft" - vgl. 48,28: 'wenn ich das voglen zuegeschöck'! vgl. a. 3,22 u. 79,123.

18. ... Vgl. 48,30 'ain süess gelöck'!

19. ... Punkt nach 'raien' (Türler).

13-19. ... "Dieser Tröpfe ('All unser veind') freut euch, Brüder, (d.h. freut euch, dass es diesen so schlecht ergangen ist), dieweil jener 'Menschensohn' die Lockspeise aufgehäuft, und süss gelockt hat zu dem Reigen." - Zum Ganzen vgl. übrigens Vss. 43ff!

20f. ... 'maien' - Gen. attr. zu 'zier', das selbst Gen., abh. von '(hat er) gewalt', ist. - Türler streicht den Punkt nach 'gewalt'; doch erhält dadurch die Konstr. etwas Gezwungenes; zumindest muss doch ein Komma bleiben, aber auch Punkt stört nicht.

23. ... 'übergeude' ist besser als Subst.: "Ueberfluss" od. ähnl. anzusehen denn als Adj., als welches Türler es zu 'würzlin' zieht.

24. ... 'kreude' wohl ausgesprochene Reimform; sowohl Pluralbildung als -d- fällt auf, wenn auch 28,1 zu vergleichen ist; s.a. zu 17,55/56 (-nd- : -nt-) und zu 70,32 (-ld- : -lt-). - Zum Reim -iu- : -öu- s. zu 11,44ff.

26. ... 'pluemen spranz' gehört zusammen, daher Komma dazwischen fort! (M) - vgl. 36,8; 40,8; 54,19; 75,28. - Türler setzt hinter 'spranz' Kolon; das könnte aber irreführen, ein Gedankenstrich wäre besser: "Und alle Freude, ... - Aufzählung der Frühlingsfreuden, etwa in dem Sinne: und nähme man alle Freuden des Frühlings zusammen - diesem Tanz (d.h. dem Reigen der erlösten Menschheit) kann nichts gleichkommen, (sondern) sie (die genannten Frühlingsfreuden) weichen vor dem Schwung (?) des Reigens." Natürlich muss hinter 'geleichen' ein Komma stehen, das Sch. I auch hat!

172

31f. ... 'weib' - 'dieren' ... 'maid' - 'fraue' chiastisch prägnant gegenübergestellt als Ausdruck für das Wunder der jungfräulichen Geburt. Diese in Marienliedern ja an sich nicht auffällige Gegenüberstellung verdient nur Erwähnung, weil O. sonst (in den weltl. Liedern) 'weib' und 'frau' durchaus nicht immer im Gegensatz zu 'maid', 'junkfrau', 'freulin', 'dieren' prägnant gebraucht (s. Gloss.!). - 'dieren' für die Jungfrau Maria sonst nur 50,16.

33. ... Punkt nach 'genas' (Türler).

43ff. ... Die Aehnlichkeit in Satzbau und Jnhalt mit Vss. 13ff, der strophischen Parallelstelle in der 1. Str., springt in die Augen. Es steht die Mel. des "Abgesangs" im starken Gegensatz zum ersten Teil der Strophe und erinnert in ihrem tanzartigen Charakter an die echten oder unechten Repetitionen1, gegenüber der meistersingerisch verzierten Mel. des ersten Strophenteils. O. treibt hier offensichtlich sein Spiel mit diesem Anklang an eine Rep. (s. zu 35,52ff!), indem er die Melodiewirkung durch den Text noch verstärkt - die jauchzende Frühlingsfreude bricht durch!

47. ... 'feures flünt' - 'flünt' wohl = 'flint' zu 'flinder', "Flitter" und 'flindern', "flimmern, funkeln" - also etwa: "Glut", wie auch B. Web. übersetzt; an ndd. 'vlint' = 'vlins' ist kaum zu denken!

45-48. ... "... weil ein Zunder (= Heilg. Geist) eine einzigartige Feuersglut (Christuskind) hervorbrachte, ohne dass sie

1Als "echte" Repetitio bezeichne ich die mit gleichem Text in allen Strophen, als "unechte" solche die bei zwar verschiedenem Text doch als 'Repetitio' entweder bezeichnet oder aus der Melodie (Tanz!) zu erkennen sind; vgl. z.B.: 11; 26; 34; 121; - 6; 7; 17; 36!

173

angezündet wurde" (d.i. unbefleckte Empfängnis).

49. ... 'die macht' - "das gewaltige Wunder".

51. ... Antwort auf die vorhergehende Frage. - Die gleiche Umschreibung für "Gott": 106,2!

52ff. ... Entweder Anrede an Christus ('zimmer' = Leib der Jungfrau; vgl. Frauenlob 233,7!), oder besser wohl Anrede an Maria, so wie Vss. 57ff, wobei dann 'zimmer' den Raum bedeutet, in dem Christus geboren wurde, eben den Ort der Freude und des Lichts!

59. ... 'kur' bei O. nur: -ûr (in Fremdwörtern) reimend! Umlautlose gedehnte Form; vgl. a. Maurer, S. 12. - "Schäme dich nicht ... der Wahl", d.h. dass er dich erwählt hat.

60ff. ... 'abenteuer': das wunderbare Erleben, das Schicksal; vgl. 117,10 u. 126,36, wo auch die Erlebnisse Christi 'Abenteuer' genannt werden! - 'Auss der erzünden' = 'a. d. erzündeten', also "aus der mit dem Feuer des Geistes Entbrannten" (Maria) - s.o. Vss. 45ff, wobei allerdings der Widerspruch zu 'unerzünt' nicht zu genau genommen werden darf: es ist hier ein anderer Zusammenhang! - Das Komma nach 'jungen' fort! - Zu dem Reim s.o. bei Vs. 24!

66-70. ... "Nie drang auch nur eine Spur seiner Werke durch irgend eine Tür" (bildl.), d.h. die undringliche Mauer des Geheimnisses um seine Werke öffnete sich nirgends; "so vollkommen und über die Maszen unzählbar" (waren die Werke).

71f. ... Zu erg. "ist" oder "war". - 'an widerhab': "ohne Rückhalt".

73ff. ... Komma nach 'steren' (M), Komma fort nach 'geperen', Ausr.-Z. nach 'meren', Punkt fort nach 'jat' (87), dafür einen solchen nach 'garten' (88). - "Gepriesen sei der Stern, deine Geburt und das Abendmahl (das mëren)! Dein bereitwilliger Tod (das Begehren des Sterbens;

174

vgl. 120,82!) hat uns zum Trost erlöst mit der Herrlichkeit deiner Frucht von dem Lebensbaum, die durch Zorn (s.o. Vs. 4f!) verloren war, weil ein Dorn das Korn deiner Saat stach, die du aus deinem Garten jätetest. Lasst uns aufmerksam auf die Gnaden warten" (wortl.: "Warten, pflegen lasst uns das Aufmerken auf die Gnaden", 'gnaden' Gen.!) - 'sein' m. Jnf. bei O. vgl. 118,341 'noch niemand das gestaten pis(t)'; s. Gr.Gr. IV, 92) - 'du jat' ist entweder: 'jât' umlautlos für 'jaete' oder, was ich nach dem sonstigen Gebrauch O.s eher annehme, Angleichung an die 1. u. 3. Pers. (s. Gloss. unter "Präteritum"!).

79/80. ... 'früchte: güfte' vgl. 71,10/12; 89,8/10 - zu diesen Reimen -ht- : -ft- s. Maurer, S. 53.

Zur Zeitfrage dieses geistlichen Frühlingsliedes lässt sich ausser der Bemerkung bei 35 ("35 früher als 53") wenig Näheres ausführen (s. zu 55!).

54 (101)

(Ag 58, f. 34 a; B 34, f. 15 a; C, f. 39 b)

Metr.: gleich 71; der metr. Rahmen ist auch bei Gedd. 55 und 104 der gleiche, nur haben diese weniger innere Reime; bei 55 fehlen sie im Abges. bei 104 in Zeile 1/3 jd. Str. und im Abges. - Zu beachten ist ferner bei dieser Gedichtgruppe die Gleichheit des metr. Rahmens vom ersten Aufges. (Z. 1-4 jd. Str.) und Abges. - also eine Annäherung an die Da-Capo-Form A-B-A (s. S. 59, Anm.), allerdings hier ohne jede Parallele

175

in der Mel., die im Gegenteil durch ihre Fassung die beiden Aufgesänge einander näher bringt (Vss. 1 a / 3 a = 5 a / 7 a!).

Melod.: (22) gleich der Mel. von 71 (7), nur in B Hinweis darauf. Einst. mit geringen Melismen. Die inn. Reime finden eine gewisse Unterstützung, die jedoch am Anfang des Aufges. und im Abges. nicht stark genug ist, den Verlust der inn. Reime bei Gedd. 55 u. 104 zu verhindern. Bei dem mittleren Teil der Str. ist die Unterstützung durch die Mel. stärker. Es haben daher auch alle Lieder dieser Gruppe hier die inn. Reime beibehalten! Zugleich geht aus der Mel. des Mittelteils deutlich hervor, dass der letzte Zweitaktter metr. zur folg. Zeile gehört: es ist also nicht abzuteilen (wie Schatz und Koller haben):

–2c–́, –2c–́, –2c–́ (–6–́)
–4d–̀

sondern:

–2c–́, –2c–́ (–4–́)
–2c–́, –4d–̀ (–6–̀)

Dieser Versteilung steht textlich nicht nur nichts entgegen, sondern sie fällt mehrfach mit Sinneseinschnitten zusammen, was bei der anderen nicht der Fall ist: vgl. 64,7; 54,29; 54,81; 55,31 (Semik. hinter 'prueff'!); 71,31 (Punkt nach 'frue'!); 104,31 (zwar kein Punkt, wie Schatz ihn hat, aber doch Einschnitt gegenüber syntaktischer Zusammengehörigkeit des Folgenden!); vgl. auch zur Rep. von 61; 62; 101.

1. ... Komma nach 'lasur', vor der Appos.! (M) - wie in Sch. I!

2. ... 'durchsichtiklich gesprenget' - "versprengt, hie und da einen Durchblick ('durch graw' = durch die Stratuswolken

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des Morgens) erlaubend, oder hie und da durchscheinend.

1-3. ... Vgl. Ged. 9, Str. 1!

5. ... 'jan' - Wie dies Bild für die Jungfrau Maria zu verstehen ist, lässt sich schwer entscheiden - vielleicht = "Gang"!? (vgl. 'füesslin'! - Denn nur in der Bedeutung "Reihe (vgl. 6,49!), Strich; Gang" u.ä. ist dies Wort belegt (vgl. Tobler, Unger. Schöpf, DWb. usw.), während sich für "Gewinn" kein Beleg findet; es scheint das nur eine etymologische Folgerung (aus frz. 'gain') zu sein (siehe gegen diese Etym.: Schade, Altd. Wb. und Kluge, Etym. Wb.!!) - Zu beachten ist ein Wort bei Schöpf, Tir. Jd.: "jândle, n. (Virgen) = Mädchen; vgl. jaͦn". Schöpf verweist also auf 'jan', bei dem er auch nur Belege für die genannte Bedeutung "Reihe, Strich, (Gang)" hat - ob diese Beziehung richtig ist?! - Dass bei der vorliegenden Stelle O.s Unklarheiten bestehen, zeigen auch die hsl. Fassung und B. Web.: Sch. I bemerkt in den Laa.: "'ran' aus 'jan' verschrieben A" - B. Web. hat in seinem Text 'van', ohne Laa.! Hat also C 'van', oder hat B. Web es nur eingesetzt, weil ihm 'jan' nicht deutlich war (6,49 hat er mit C 'tan' statt 'jan' im Text)?! - Vgl. die Laa. bei 6,49!

6. ... 'plasnieren' hier: "machen, bilden; nachbilden", etwa im selben Sinne gebraucht wie 'posnieren' 68,17 ("bilden, gestalten") und 94,24 ("nachbilden")?! - Vgl. auch 93,21 'plasniert sich', "schmückt sich schildähnlich".

9ff. ... 'auff ringer wag' - "auf der leichten, d.h. in die Höhe schnellenden Schale der Wage" - eine hübsche contradictio, die 'swär auff ringer wag'!! "So wäre meine Beschwernis leicht auf der Wage: vollständig

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entfernt durch die, der ..." ('Von der' Attraktion!) - oder "... getrennt von der, der ...", d.h. hätte mit (oder bei) ihr nichts zu suchen.

11. ... Vielleicht besser: 'Von der man er, lob singen mag' zu lesen (M), wenn auch nicht unbedingt notwendig.

12. ... Punkt nach 'maiden' (M. u. Türler); das Komma, sowohl in Sch. I als in Sch. II ist doch wohl nur ein Versehen!

13. ... ls. hier in der Trennung 'gogel-leichen'! - "lustig"; vgl. auch 81,23 'gail, gol, gölich, gogeleichen' (: rogeleichen).

15. ... Bindestrich nach 'vogel' fort (M. u. Türler)! - 'reich' ist Adv.! O.s Reimklangfreude zeigt sich, entspr. dem Jnhalt, hier besonders stark in dem Uebergreifen des Reimes über die Reimstelle hinaus (s.a. zu 64,61ff). 'gogel-leich-en' ist dadurch sogar ein zweimal "gebrochener" Reim (vgl. zu 8,1!).

17. ... 'ticht': 'tihtet'; nicht etwa: 'tîchet' das der Reim ausschliesst - zu 'pricht', 'ticht' und 'flicht' ist 'kel' Obj. - 'pricht' vgl. 83,11 'die musik prechen' - jedenfalls dem 'frangere' der Musiktheoretiker entspr., also: "diminuieren, längere Töne in mehrere kurze zerlegen, verzieren", was ja auf den Vogelgesang gut passt.

18. ... 'mit strangen heller stimme': "mit Verschränkungen einer hellen Stimme" oder geradezu "mit Strophen ..." (vgl. Schm. Fr. II, 816!).

19. ... 'plüemlin' Gen., abh. v. 'spranz'; vgl. 36,8; 40,8; 53,26; 75,28!

20. ... 'klimme': "Höhe, Weite, Ausmass"; vgl. 111,37 'ain tür von klafters klimme' - zu 'klimmen'. - Jm DWb., aber auch bei Schöpf, Lexer (Kärnt. Wb.), Tobler, Fischer, Unger findet sich kein Beleg! Eine nur Oswald'sche

178

Bildung ist dies Wort aber doch wohl kaum!!

21f. ... 'uns ... ze freuden'! - zum Reim 'freuden/geuden' s. zu 11,44ff.

23f. ... 'kain' = 'dehein'; s. zu 38,15. - 'wart ... ze geuden', "fiebat ... celebranda" - Zur Konstr. vgl. Gr.Gr. IV, 61 u. 107!

26. ... Komma nach 'staine' (M)!

27. ... 'All abenteuer': "alles Merkwürdige, Wundernswerte" - nur hier in dieser besonderen Bedeutung; sonst hat O. immer die gebräuchliche des gefährlichen oder wunderbaren Erlebnisses (gern für Christi Schicksal auf Erden: 53,62; 117,10; 126,36).

32. ... 'durch wurz fröl. oster' - "um des Pflänzleins frohen Lenzes willen" (, das in dir, dem "Garten", gewachsen ist), d.h. um der Auferstehung seines Sohnes willen ...; Syntax und Sinn dieser und der folg. Zeilen ist wohl klar genug, sodass sich Türlers Vorschlag, 'durchwurz' zu lesen und hinter 'oster', sowie hinter 'senken' ein Ausr.-Z. zu setzen, erübrigt!

33. ... 'ste für die tür' - vgl. 105,17 'ste mir vor schaden ...'; desgl. 110,89 'ste für, Maria, wend dein kind'.

34/35. ... stehen in der Konstr. ἀπὸ κοινου̃.

36. ... 'lieb' ist in Kommata einzuschliessen, als Anrede (M. u. Türler). Diese Anrede der Jungfrau Maria hat, schon nach Vs. 35, nichts Auffälliges; ausserdem ist auch z.B. 65,31ff zu vergleichen (M), welche Verse wie auch manche andere von Ged. 65 es im ersten Augenblick fraglich erscheinen lassen, ob 65 auf Maria gesungen ist, wenn nicht andere Anzeichen dafür sprächen! Dasselbe gilt von Ged. 68, das ebenfalls zu den Marienliedern gehört!

Entsprechend der Bezeichnung "Weihnachtslied", die Schrott

179

und Ladendorf dem folgenden Lied 55 geben, könnte man dieses (54) "Osterlied" nennen!

Der Wechsel zwischen 2. u. 3. Pers. in Lied 54 zeigt sich organisch - zu Anfang einmalige Anrede ('rain creatur'); dann unvermerkt Uebergang in die 3. Pers. beim weiteren Ausspinnen, und erst am Schluss als Höhepunkt Seufzer und direkte Bitte um Hilfe im letzten Stündlein.

Zur Zeitfrage s. bei 55 (für 50-55)!

55 (102)

(Ah 63, f. 36 b; B 35, f. 15 b; c, f. 40 a)

Metr.: gleicher metr. Rahmen wie 54; 71 und 104, nur fehlen die Schlagreime im Abges.; Vss. 5/6 u. 7/8 jd. Str. sind anders abzuteilen:

'Der neuen mär, wie das an swär
geporen wär ain sun von rainer maide.'
usw.

Näheres s. zu 54, Metr.!

Melod.: (40) gleich der Mel. von 71 (7), in A und B Hinweis darauf.

3f. ... ls. mit C 'freunt'! Ebenso wie 63,145 ('v'kernt' C); 106,60 ('tuͤnt' BC u. Sch. I!). - "Darum freuen sich alle Frommen, d.h. alle, die auf Erlösung hoffen, sowohl auf Erden als im Fegefeuer, über die neue Botschaft ...".

5. ... Komma fort nach 'wär' (M)!

7. ... 'Des wunders ploss': des offenbaren Wunders - Komma nach 'gross' (M), wie es auch in Sch. I steht!

9f. ... 'Prach ... ain kluft, als es die alten jehen' - Anscheinend liegt hier die Sage zu Grunde, die in Reiseberichten vom Heil. Lande mit verschiedenen Variationen erzählt wird:

180

Der Sultan (oder die Türken od. ähnl.) wollte die Marmortafeln aus der Marienkirche in Bethlehem (über der Gruftkirche der Geburt Christi) oder aus der Geburtskirche selbst fortnehmen, da erschien plötzlich eine grosse Schlange. "Als die Schlange von ungeheurer Grösse der ersten Marmortafel, womit die Kirche bekleidet war, einen Biss versetzte, spaltete sie entzwei, und so ging es fort bei 40 anderen Tafeln. Sobald der Sultan (- welcher, wird nie gesagt -) sein Vorhaben aufgab, verschwand die Schlange, aber ihre Spuren, wie etwas Verbranntes, blieben" (so Marinus Sanutus, 1310, nach Titus Tobler, Bethlehem (1849), S. 87). Aehnlich andere - doch bei allen kommt offensichtlich die Schlange gerade im Dienste Gottes (Franciscus Pipinus, 1320: "faciente virtute Christi"), um die Heiden am Kirchenraub zu hindern! - Wurde Oswald die von ihm gebrachte Version erzählt? Oder hörte er nur von der "feurigen Schlange", die er dann, wie es in dem Falle nahe läge, mit dem Teufel in Verbindung brachte? (vgl. 88,8 'der slangen haubt, davon Johannes schreibet') - Vgl. a. Montf. V, 107: 'min gott ist von einr magt geborn, daz tett den tiefeln sicher zorn'!

13f. ... Vgl. 117,129f: 'küng, küng aller küng, der herr, herr aller herren, ...'!

15f. ... Bei 'lebentigen' erweckt nur das Schriftbild den Eindruck metrischer Unstimmigkeit - es ist 'lemting' zu sprechen; die Mel. lässt auch nur Zweisilbigkeit zu. - 'der leb. rot ...' ist ebenfalls abh. von 'fürste'; der Vorschlag Türlers: 'der' als Gen. Pl. des Rel., zu beziehen auf 'herren', aufzufassen, den er bring, um das "metrisch geforderte" 'lebentig' (BC) zu stützen, ist abwegig. - 'werden': Ptz. Präs.! Sonst nicht bei Oswald! - Vgl. Montf. 'leben' (lebend) : begeben' V, 229; 'Bern: wern(d)' XXIV, 61;

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'lachen (lachend) : gemachen' XXXI, 175 u. 180! Es ist hier bei O. in dieser Vereinzelung natürlich kein "alemannischer", sondern, abgesehen von -rr- : -rd-, auch in der Endung ein unreiner Reim, wobei die Schreibung 'werden' durch den alemanischen Schreiber Ah (s. zu 41,30, S. 131 Anm.) veranlasst ist; er hat ja auch B geschrieben, und C ist die Abschrift von B. -- Die Unreinheit von -rr- : -rd-, die ja nicht so ins Ohr fällt zumal die Aussprache 'wearn' (ohne -d-) seiner Ma. entspricht (vgl. Schatz Ma. v. Jmst, § 69, S. 91 und Schm. Fr. unter "Erd" und "werden"!) - diese Unreinheit auch sonst bei O. gelegentlich: 'kêren : werden : erden' 58,37-39 (-ērn, Stumpf!); 'lêren : erden' 111,65/67 (klingend!); am häufigsten 'erde(n) : werde(n)', woraus nichts zu ersehen ist. Den Erweis der Dehnung, die diese beiden Reime zeigen, bringt auch der Reim des vorliegenden Gedichts, denn es ist 'hêrren' anzusetzen, da O., mit einer (allerdings auch nicht zu schwerwiegenden) Ausnahme, nur 'hêr(ren)' reimt: 105,36 (: sêr); 106,5-7 (: -mêr : kêr); 106,52/56 (: lêren); 111,145/147 (: lêren); - 39,17/18 (: geren), klingend, ist auch zu den Dehnungsreimen zu rechnen - nur 110,42/44 (herre : vërre) bildet die genannte Ausnahme, die dadurch wesentlich an Gewicht verliert, dass 'verr...' auch zu -êr- reimt: 71,15 (: -kêr); vgl. auch die Belege bei Maurer S. 6 unter ββ) und S. 11 unter bb), sowie ebd. S. 17ff über die e-Reime bei Oswald; 109,28 gehört nicht hierher (s.d.)!

17. ... 'mit armer macht': "mit Armseligkeit"; s. Vs. 24 'ellend herberg' - Gegensatz: 'so wol bedacht' (= bedâht).

24. ... 'Die' ist Demonstr.; der Satz muss aber relativisch wiedergegeben werden, da er unbedingt zum vorhergehenden Zusammenhang gehört (s. Vs. 17 'mit armer macht').

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25/27. ... '... esel: vesel' dies ist nicht, wie Maurer, S. 7 u. 9 annimmt ein "stumpfer" Reim, der als Beispiel neben die Reime mit -ësen zu stellen wäre, sondern durchaus "zweisilbig", wenn auch nicht "klingend"1 (/ –́ / x̀ v); denn bei den Parallelversen mit einsilb. Reim folgt auf diesen ein Auftakt, der hier fehlt, sodass also die Synaphie des Verses gewahrt bleibt!

26. ... 'begegen' aus 'begeng' (für 'begegnen') auseinandergezogen, analog dem Verhältnis von 'legen' zu 'leng' (vgl. 64,94-96 'pfleng (pflegen) : seng (segen) : geng (Pl. v. ganc)) - An der vorliegenden Stelle ist zweisilbiger Reim anzusetzen. Vgl. auch 42,22 ('züren', Jnf.!).

27. ... 'vesel': "Spreu" ('vese').

29. ... 'd. d. g., v. d. d. sass' steht in der Konstr. ἀπὸ κοινου̃. 'du sass' - 'du was' - auch hier wieder die Angleichung an die 1. u. 3. Pers., wie schon 17,8 u. 53,87; s. Gloss. unter "Präteritum". (s.a. d. Folg.).

31. ... 'beschueff' könnte ja nach dem Reim (: prueff) = 'beschüefe' sein, doch es reimt auch 'rueff'; demnach ist 'beschueff' die gleiche Bildung wie vorher 'sass' und 'was'! - 'von veiner prueff': "von bewährter Schönheit (eigtl. "von schöner Bewährung"); zu diesem Wort vgl. zu 17,20! - Viell. besser Semik. nach 'prueff'. - Zu dem ungenauen Reim -ue- : -üe- s. zu 16,16 (vgl. a. zu 79,14).

33. ... 'Freuntlich veraint' zu erg. "mit ihr". - 'das ich' sprich 'deich'! Es ist übrigens der einzige Fall dieser Zusammenziehung von 'daz' mit folg. Pronomen oder folg. 'ist' bei Osw.; höchstens wäre 92,24 'die ich' (diech) zu vergleichen.

1Zur Unterscheidung "klingend" und zweisilbig" s. im II. Teil, 3. Kap.

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34. ... 'beklaiden' hier in ähnlicher Bedeutung wie 'volziern' (s. z.B. 50,14; 53,34).

35. ... 'Götleich gepurd': "Gottes Sohn"! - Komma nach 'magt', wie in Sch. I. - 'mensch' in dieser Bedeutung bei O. vgl. 1,1; 29,6; (84,24).

Es erscheint angebracht, die vorstehenden Lieder 50-55 bezüglich der Zeitfrage zusammen zu betrachten. Wenn sie auch nicht alle als Gruppe sich zusammenstellen lassen, so ergeben sich doch bei einigen nähere Beziehungen zueinander. Da sind zunächst die beiden Marienlieder 50 und 54 - die ganze frohgläubige, hingebende Art mit der Bilderfreudigkeit, sowie auch wörtliche Parallelen ('nach adeleicher art' 50,15 = 65,45!) und andere Uebereinstimmungen ('mündlin rot', 'lieb' 54,35f mit 65,19ff!) machen es sehr wahrscheinlich, dass diese beiden Lieder der gleichen Zeit und Stimmung angehören wie 65 also Spätsommer 1416 anzusetzen sind (s. zu 65 und vgl. zu 68!).

Für die Lieder 51; 52; 53 und 55 gibt das letzte wohl den Ausschlag: Es ist nach der Anspielung auf Bethlehem jedenfalls während oder kurz nach dem Besuch des Heil. Landes entstanden. Dafür spricht vor allem auch der Umstand, dass es mit 90 und 105 zusammen in A auf Lücken nachgetragen, also höchstwahrscheinlich mit diesen - vielleicht auf einem Zettel - zusammen dem Schreiber vom Dichter übergeben ist (s. Sch. II, 28 unten). Nun ist zweifellos 105 (gegen Schatz!!) in die Zeit der Jerusalemfahrt zu setzen: s. 105,22 'ich gib mich heut dem hailgen grab'. - Zu beachten ist auch die sicher auf Anordnung des Dichters in B(C) vorgenommene Aenderung des 'ich' usw. in 'wir' usw. (s. Sch. II, 42), da O. die aus der Augenblicksstimmung geborene persönliche Fassung für die "Ausgabe" der Gedichte jedenfalls nicht allgemein genug verwendbar erschien. Ged. 90 widerspricht in seiner Stimmung ebenfalls nicht, denn auch der

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Schluss ('Damit ich all mein veind verpau') ist doch zu allgemein gehalten, um damit allein den Ansatz: 1422/23 zu rechtfertigen (s. Sch. I, 115!) - gerade dazu wäre 51,15 zu vergleichen! - Auch die ausgesprochene Gebetsform, die sich bei 51; 52 (Tischsegen); 90 (Dank und Bitte um Hilfe); 105 ("Morgensegen", s. Ladendorf S. 156!) findet, legt den Schluss der Gleichzeitigkeit nahe. Die Tatsache, dass der Melodiehinweis (90 und 105 haben fast denselben Bau und die gleiche Melodie wie 57 (1424!)) nur bei 90 steht und bei 105 fehlt, ist ohne Beweiskraft, da ja 55; 90 u. 105 auf Lücken nachgetragen sind, wobei eben für 105 der Hinweis vergessen wurde, jedenfalls weil er in beiden Fällen nicht auf der Vorlage stand, nach meinem Ansatz (s. u. Anm.) ja auch nicht stehen konnte! - Denkbar wäre es, dass 126 (vgl. Einl!) ebenfalls hierher gehörte, trotz der späten Eintragung in A (Vs. 5f 'Jn ainer stat, ist mir bekant, und haisset Betlehem genant'; Vs. 32 'das uns die veint nicht fressen') - doch s. zu 126!

Ebensowenig erscheint 53 als ganz sicher; es sei jedoch, da die allgemeine Stimmung, bes. in der 3. Str., gut in diese Zeit passen würde, auch hierher gerückt.

Jch setze die Gruppe 51; 52; 53; 55; 90; 105 demnach unbedenklich in die Zeit während oder kurz nach der Palästina-Fahrt O.s; wann diese stattgefunden hat, lässt sich jedoch nur vermuten184.

184Es kämen wohl in Frage: Ende der 1390er Jahre (B. Web.: 1397! ??) - oder 1402/3 (s. Sch. II, 8) - am wahrscheinlichsten ist mir jedoch 1409/10 (s. Sch. II, 8 und Noggler, ZsFerd 27, 7/8), wie bei Ged. 20 ausgeführt wurde (vgl. auch zu 64 und II. Teil, 1. Kap.).

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Die beiden Kalender 56 und 57

Diese beiden in Art und Zeit zusammengehörigen Gedichte sollen zusammen kommentiert werden. Schatz hat in der ersten Ausgabe ihnen schon eine ausführliche Besprechung gewidmet. Um zu vieles Verweisen zu vermeiden und um das dort gebotene Material der Anlage meiner Arbeit anzupassen, habe ich die Schatz'schen Bemerkungen in den Kommentar eingearbeitet. Sie sind durch "..." oder dahintergesetztes (Sch. I, Seitenzahl) kenntlich gemacht. Zuerst gebe ich für jedes der beiden Gedichte einzeln die metr. (und melod.) Notizen - dann folgt der Kommentar für beide zusammen.

56 (121/122) - (Ae 45, f. 28 a; B 67, f. 28 a; C. f. 59 a; H, s. Sch. I, 109f u. Sch. II, 49)

Metr.: "Der erste Cisiojanus, den A im Jnhaltsverzeichnis mit 'der gesprochen kalender' im Gegensatz zu 'der gesungen kalender' Nr. 57 anführt, ist in A in Strophen getheilt eingetragen ... Der Umfang einer Strophe deckt sich nicht genau mit einem Monat; der Dichter hat nur Reimpaare beabsichtigt." (Sch. I, 109) - Die beiden Abdrucke bei B. Web. schliessen sich in der Form an A (122) und B(C) (121) an; B hat die einzelnen Wörter untereinander mit den Sonntagsbuchstaben daneben (nach B. Webers Text), aber ohne besondere Kennzeichnung der Monate. - Die Reimpaare sind durchweg: –4–́, wie bei 118 (s.d.). - Was gegebenenfalls bei einzelnen Vss. metr. zu bemerken ist, findet sich unten in der Einzelbesprechung. Natürlich ist bei Unebenheiten des Versbaus diese Dichtart mit ihren vielen Aufzählungen usw. in Betracht zu ziehen, sodass Tonbeugungen nicht durchaus mit Hilfe von Aenderungen beseitig werden müssen.

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Die Hauptsache ist ja doch hier, dass jeder Tag sein Wort bekommt und das Ganze sich leidlich in viertaktige Reimpaare bringen lässt. Diese Unzulänglichkeit hat wohl Oswald bewogen, die Umarbeitung (s. Sch. I, 110) vorzunehmen, die in metr. Beziehung infolge der Strophenform im ganzen auch strenger zu beurteilen ist, trotz mancher Tonbeugungen, die natürlich auch da übersehen werden müssen!

57 (123); (Ae 43, f. 25 a; B 28, f. 13 b; C, f. 35 a)

Metr.: Die Strophe dieses Liedes bildet das Grundschema für die Lieder 7; 17; 90; 98; 102; 105; 122, ohne jedoch früher als alle diese entstanden zu sein (s. bes. zu 17, auch zu 55!). Die genannten Lieder haben alle in Vss. 9 u. 12 jd. Str., also der letzten Zeile des Abgesangs, der aus zwei gleichen Teilen (mit gleicher Mel.) besteht, noch einen Zweitakter mit dem Reim α (γ) vorgeschoben, sodass die Zeile nicht wie bei 57 das Schema –β–̀, sondern –2α (γ)–́, –4β–̀ hat, also der entsprechenden Stollenzeile angeglichen ist. - Die Gedd. 7; 17; 90 u. 98 haben ausserdem die erste Stollenzeile durch Binnenreim a(c) noch in 2 Zweitakter geteilt - andererseits ist bei Ged. 7 die Teilung der dritten Stollenzeile in Zwei- und Viertakter durch Schlagreime ersetzt, die in den sechs Stollen der drei Strr. an verschiedener Stelle stehen (meist Takt 1:̂2, nur der erste Stollen der 1. u. 3. Strr. hat Takt 2:̂3). Jn Ged. 98 ist der letzte Abgesangsreim gleich dem entsprechenden Stollenreim (β = b). - 7 und 17 haben ausserdem eine "unechte" Rep. (s. zu 53,43ff; S. 172, Anm.), die sich eng an die

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von Ged. 6 anlehnt. - B hat das Lied strophisch eingetragen, A dagegen Vss. 1-12 als Strophe unter Noten und danach den ganzen Cis. als Tabelle mit Sonntagsbuchstaben und gold. Zahl (s. Sch. I, 110/113), welche in Sch. I, 121ff abgedruckt ist.

Melod.: (47) - Dieses ist laut Hinweisen in A auch die Mel. für 90; 98; 102; (für 105 fehlt der Hinweis; s. zu 55!) - B verweist bei 90; 98; 102; 105; 122 (dies letzte Ged. steht nur in B(C)) - für 90 u. 105, die wohl beide früher als 57 entstanden sind, siehe zu 55 a. Schluss! - Die anderen sind teils ebenfalls nach 57 in A (bezw. B) eingetragen (98; 102; 122) und haben den Hinweis (122 auf 105!), oder vorher (7; 17) und sind ohne Notiz. Bei diesen beiden hat das auch darin seinen Grund, dass 7 eine ganz eigene Mel. hat und dass 17 gegenüber der zwar deutlich erkennbaren Mel. von 57 einige Abweichungen aufweist, zumal ja auch für den im Abges. eingeschobenen Zweitakter ein Melodiestück möglich war. Auffällig bleibt demgegenüber natürlich, dass bei den nach 57 in A eingetragenen Liedern, die ja alle den eingeschobenen Zweitakter im Abges. haben (s.o. Metr.!), nur auf 57 und nicht auf 17 verwiesen wird, während andererseits 57, das ja nach 17 in A steht (17f 7 b, 57f 29 a), nicht etwa einen Hinweis auf 17 hat; dies bleibt auch in B, wo diese metr. und melod. Gruppe zusammengerückt ist (f. 13 b bis 14 b Gedd. 57; 105; 102; 90; 98), isoliert (f. 7 a), bezw. nur mit 7 (in A f. 6 b, in B f. 6 b) beisammen, das ja eine eigene Mel. hat; viell. ist das durch die Rep. veranlasst, die beiden gegenüber den anderen gemeinsam ist!? Die diese metr. und melod. Gruppe zusammenfassenden Bemerkungen haben hier Platz gefunden, weil

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die Hss. in erster Linie auf 57 verweisen, ohne dass, wie gesagt, dies Lied das zuerst entstandene dieser Gruppe ist. Aufschlussreiche Folgerungen lassen sich leider nicht daraus ziehen, es zeigt sich in diesem Falle die bis zu einem gewissen Grade vorhandene Planlosigkeit, bezw. Aeusserlichkeit in der Anordnung der Hss. (s. Sch. II u.a. S. 32 (zu A) und S. 39ff (zu B)).

Kommentar

Die Versbezeichnung bei dem folg. Komm. ist in der Art geregelt, dass die Verszahl von 56 zuerst und dahinter die von 57 in Klammern steht, bezw. eins von beiden allein; in diesem Falle setze ich: --, oder (--) an die andere Stelle.

M.-R. = Mayer - Rietsch's Ausg. des Mönchs v. Salzbg. (Acta Germ. IV).

Pickel = Karl P., Das Heil. Namenbuch v. Konrad Dangkrotzheim, Strassb. 1878 (Elsäss. Literaturdenkm. Bd. I)1

Grotef. = H. Grotefend, Zeitrechnung des Dtsch. MA.s und d. Neuzeit, Hannover 1891/98.

Ferner sind verglichen:

1.) Ein Bamberger Kalender des 15. Jhs., abgedr. Mitt. a. d. Osterlande XIX (Altenburg 1869), Tabell.-Anhang.

2.) Anton Lechner, Mittelalterl. Kirchenfeste u. Kalendarien in Bayern, Freibg. i. B. 1891 - Darin 12 Kalender vom X.-XV. Jh. (3 a. d. Diözese Freising, X.-XIII/XIV. XV.; 2 a. Salzbg., XI. XIV.; 3 a. Passau, Cis. 1246. XIV. XV.; 2 a. Regensb., XI. XII. XV.; 1 a. Augsbg. XIII/XIV.; 1 a. e. Kloster d. Würzburger Diöz., XII/XIII.

3.) P. Alberdingk Thijn, Kalender en Gezondheidsregels. ... der XIIIe, XIVe en XVe eeuw.; i.d. Ausg. d. Kkl. Vlaamsch. Akad. - Gent 1893.

1 (--). ... Alle Hss. haben 'Genner'! vgl. Gröd. 'Genè'. - Vgl. den

1Von den beiden b. Pickel nur bruchstückweise abgedr. Ciss., dem niederrhein. u. dem Verscis. ("Cysianus") sind die vollständ. Abdrucke verglichen: Ndrh. Cis. v. Reifferscheid, Wagners Arch. f. d. Gesch. Dtsch. Spr. u. Dichtg. 1874, 507ff. - "Cysianus" v. Pfeiffer, serapeum 14 (1853), 150ff, 173ff.

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Anfang des Cis. des Mönchs v. Salzbg. (M.-R. Nr. 99): 'Besniten wirdikleichen'! 'wirdikl.' sonst bei keinem der Ciss. bei Pickel. - Aus den hsl. Verhältnissen dieser Zeile geht nahe Beziehung zwischen A und H (Cgm. 3897) hervor: "H beginnt 'Genner gepar chr. wird.', in A steht für 'gepar' das richtige 'beschnaid' auf Rasur; es wird wohl 'gepar' radiert worden sein und beide Handschriften, A und H, giengen dann auf dieselbe fehlerhafte Quelle zurück" (Sch. I, 109 Anm. 1). Das Fragezeichen im Apparat von Sch. II hinter 'beschnaid rb' bezieht sich nach Ausweis des App. in Sch. I ("'beschnaid' in A auf Ras., vielleicht von b") nur auf die Schreiberbezeichnung, b, nicht auch auf die Rasur selbst!

2 (2). ... 'Erhart' (8. Jan.) nach Grotef. u.a. in Regensb. (Bisch. v. Reg.!), Augsb., in schweiz. Diözesen u. im Salzburgischen gefeiert, dagegen anscheinend nicht in Brixen und Trient! - Jn den genannten Diözesen auch bei Lechner a.a.O. - Jn den lat. Ciss. seltener, jedoch in den meisten deutschen.

3 (--). ... vgl. Teichner (Pickel, S. 61), 3 'der stern weist sie' (Sch. I, 111).

4 (--). ... "'sach' blosses Füllwort, das wie viele andre den Reim bildet; andere sind zur Verbindung der Namen willkürlich eingestellt." (Sch. I, 111) - beachte aber, dass an gleicher Stelle (zwischen 'Prisca' und 'Fabian') beim Teichner 'sag' steht, und zwar nicht im Reim!

4 (3). ... 'Antoni' (= Antonius, 17. Jan.) - vgl. Gröd. 'Antuene'! Aber auch in den Ciss. des Teichner und des Mönchs. v. S. steht 'Antoni' (b. Teichner allerdings im Reim!); ebenso im Namenbuch (Pickel, S. 81), Vs. 52: 'Anthenie' (Var. 'Anthonie').

-- (4). ... 'Octavo', 19. Jan. (desgl. --(9) 'Octavo', 11. Febr.) - "4 und 9 kommt 'Octavo' vor also Octavus, -ius, -ianus am

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19. Jänner u. 11. Februar, für beide Tage jedoch vermag ich keinen Heiligen dieses Namens nachzuweisen. Für den 20. Jänner und 10. Februar verzeichnet Stadler, Heiligenlexikon 'Octavius'." (Sch. I, 110 unten). Stadler nennt a.a.O. die erwähnten Daten nur neben dem 20. Nov. unter welchem Tag auch Grtef. II 'Octavius' verzeichnet und zwar als in Turin verehrt. Auch in den AASS. steht er mit anderen nur unter dem 20. Jan. u. 10. Febr.! - Es wird sich hier wohl um diesen Turiner Heiligen handeln, wobei die Versetzung auf den 19. statt den 20. Jan. immerhin durch die Vigilien erklärbar wäre - doch beim 11. (für 10.) Febr. ist auch diese Erklärung nicht möglich! Nicht unwichtig ist allerdings auch die Tatsache, dass sowohl der 20. Jan., als der 10. Febr. bei O. in beiden Kalendern schon durch Heilige belegt sind, die in deutschen Landen für diese Tage allgemein sind (Fabian (u. Seb.), Scolastica)! Etwa eine "Oktave" als Ausweg anzunehmen ist nicht möglich, da auf 8 Tage vorher kein wichtiger Festtag fällt. - Keiner von beiden findet sich irgend in einem Cis. und Kalender.

-- (5). ... 'Agnes Vinzenzen wil besten' vgl. Teichner (Pickel), 6 'Agnes Vincenten wil han'! Beachte die La. zu 56,5 "vil kunt rb A"!

6 (6). ... Pauli Bekehrung, 25. Jan. - "Johannes Chrysostomus 27.1." (Sch. I, 111); das Komma nach 'Hanns' (56,6) streicht Ehrismann, ZfdPh 40, 252 (Bespr. v. Sch. II) wohl mit Recht. - Nur i. d. lat. Cis. der Donauesch. Hs., den Pickel S. 40f abdruckt, u.i.d. Verscis. bei Pfeiffer, sonst i. keinem anderen Cis. - ls. 'guldner' aus metr. Gründen! S. d. Laa; Näheres s. zu 59,77.

-- (6). ... 'Val Constantini' "'Val(erius)' 29. Jänner. 'Constantini'. Grotefend kennt einen 'Constantius' 29. Jänner, der in

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Halberstadt auch am 30. Jänner vorkommt." (Sch. I, 112). - Valerius wird nach Grotef. hauptsächlich in der Schweiz, auch in Brixen, am 29. Jan. verehrt - in Salzburg nicht! Doch hat ihn von den verglich. Kalendern neben dem Bamberger (15. Jh.) zwei Freisinger (13. u. 15. Jh.) und dem Klosterkalender (12./13. Jh.) der Salzburger aus dem 14. Jh.! Von den Ciss. haben ihn nur der Bickel'sche lat. (s. Pickel, S. 32, La. zu Vs. 2) und ein Utrechter Cis., von dem Pickel S. 73 Jan. u. Febr. abdruckt. - Constantius findet sich dagegen zumeist in mittel- und norddeutschen Diözesen (u.a. in Brandenburg u. Havelberg) und in Trient, doch immer am 29. Jan. - mit der genannten einzigen Ausnahme: Halberstadt - die anderen Ciss. erwähnen ihn nicht; in den verglich. Kalendern fehlt er! Wie O. dazu gekommen ist, lässt sich schwer sagen - machte ihn wohl einer der Kurfürsten (etwa der Brandenburger, s. Ged. 100!) darauf aufmerksam, als er in Heidelberg, oder wo er sie sonst traf, vielleicht davon sprach und recht viele Namen in das Gedicht aufnehmen wollte, wobei dann eine Ungenauigkeit des Datums leicht mit unterlaufen konnte? (s.u. die Zus.-Fassg.!) - B. Web. bemerkt für diese Stelle im Gloss. unter "Val": "'val' = das Eintreffen auf einen bestimmten Tag. 'Hanns macht val Constantini' Kalenderregel." - ? - Er übersah jedenfalls, dass 'val' einen Namen bedeutet.

7 (7). ... "'zünt' hat Bezug auf Maria Lichtmess 2. Februar, vgl. Steyrers Cisiojanus, 5. 'preid, liecht Blas zunt'. Am Blasiustage haben die Kerzen eine besondere Verwendung." (Sch. I, 111). - "'breid' (vgl. 'Bride' bei Konrad v. Dankrotzheim 70) Mönch von Salzburg 8, Teichner 9, Steyrer 5 = Brigitta." (Sch. I, 112). - Die gekürzte Form 'Blas' findet natürlich ihre Erklärung aus dem Reim und dem Vergleich mit anderen (bes. Silben-) Ciss. - doch vgl.

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Gröd. 'Blèš' für 'Blasius'!

Zu 57: "Es ist ersichtlich, dass jede Strophe zwei und jeder der beiden Strophenteile einen Monat umfassen soll. Nicht gelungen ist dies für die ersten drei Monate, 7 'die' fällt auf den 31. Jänner, 13 'Roman' auf den 28. Februar; in den übrigen Strophen erfüllt jeder Teil einen Monat." (Sch. I, 111).

8f (8). ... 'Ag(ath)' - Agatha (5. Febr.) haben bei Teichner nicht alle Hss. (auch nicht der Text bei Pickel), jedoch u.a. Cgm 234 (bei Pickel M¹); sonst in allen Ciss.! - Apollonia hat nur M¹ des Teichner; ferner i.d. meist. lat. und i.d. ndrh. Ciss.; - "Ag(atha), also Namenkürzungen wie sie die Silbencisiojani haben. Pollon = Apollonia." (Sch. I, 112); vgl. Gröd. 'Palònia' (aber 18. April i. Gröd. Kalender 'Apollonia'!). - 'Helen(a)' bei keinem der verglich. Ciss.! Grotef. verzeichnet sie zum 8. Apr. nur für Trient (u. Agram!); für Brixen am 15. Mai! Von den verglich. Kalendern haben sie jedoch: der Bamberger (15. Jh.), der Passauer a.d. 15. Jh. und der Klosterkalender, der überhaupt sehr viele Namen hat.

-- (8). ... Eine Reimlücke zwischen 'Helenapolon' kommt nicht in Frage nach dem Bau der Strophe (M) - abgesehen davon ist trotz 'elena' in A, das Hörfehler beim Diktat (vgl. zu 28 (27)!) sein kann, jedenfalls zu lesen: 'Helen, Apollon'; auch die Mel. hat hier keine Cäsur, sondern im Gegenteil glatten Fluss.

-- (9). ... 'Oktavo' s.o. zu -- (4)!

10 (10). ... 'Julian' = Juliana 16. Febr.

11 (11). ... 'Symeon', 18. Febr. - Nach Grotef. II nicht in Brixen, Salzbg., Trient, dafür aber u.a. in Chur, Köln und Trier! Nur Konr. v. Dankr. hat ihn - die Ciss. nicht! Ebenso findet er sich nur i.d. Würzburger Klosterkalender (s. zu 8f (8) 'Helena').

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12 (--). ... Ob 'puel' irgendeine besondere Anspielung bedeutet (Sch. I zieht es zur vorigen Zeile: '... trueg puel' und setzt hinter 'puel' Punkt!), oder ob es nur die übliche Cis.-Verknüpfung, mit 'Walpurg' als Obj. ist, ist schwer zu entscheiden.

12 (11). ... Petri Stuhlfahrt 22. Febr.

12 (12). ... 'Mathe' ('Math') - "'Math(ias)'. Der Mönch von Salzburg hat, nach der Hs. K, für Mathäus 21. September, 'ajath', ein deutlicher Lesefehler für 'math'." (Sch. I, 112). - Für dieselbe Hs. wird bei M.-R. auch für die vorliegende Stelle (Matthias, 24. Febr.) 'ajathyas' angegeben, wofür das Gleiche gilt. - Jn den Ciss. bei Pickel findet sich die Abkürzung 'Math', soweit sie vorkommt, ebenfalls nur bei Matthäus, 21. Sept., während bei Matthias, 24. Febr., der Name immer (auch i.d. lat. und dtsch. Silbenciss!!) ausgeschrieben ist! - Zu O.s Form 'Mathe' vgl. Gröd. 'Matie'.

-- (12). ... "'ins' kann wohl nur ein abgekürzter Name sein, 23. Februar." (Sch. I, 111 oben). - A hat 'inns'! Es ist nicht ausgeschlossen, dass es sich um die bekannte Abkürzung 'Jn̄s' für Johannes handelt. Die AASS., sowie Stadler verzeichnen zum 23. Febr. einen 'Johannes Anachoreta in Syria' (Stadler "et 3 soc.", 5. Jh.). - Grotef. hat ihn nicht, auch erscheint er in keinem anderen Cis. und Kalender; wurde er nur in Syrien verehrt? - 'Walpurg', 25. Febr., auch im Cis. des Mönchs v. S., doch nur i.d. Mondsee-Wiener Hs. - in keinem anderen Cis. (bei Pickel nur zum 1. Mai, i.e. ndd. Rostocker Silbencis. und i. Namenbuch). - Von den Kalendern haben sie mehrere zum 25. Februar. - 'zoben' versieht Sch. I, 112 mit einem Fragezeichen, es wird wohl auch fraglich bleiben müssen. Ein Bischof 'Sophanus' steht i.d. AASS. unter dem 27. Febr., auch Stadler erwähnt ihn

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zu diesem Tage (nach d. Schott. Menologium). Doch hat es demgegenüber mehr für sich, etwa an 'zouwen': "fertig machen, bereiten" zu denken; das Komma nach 'Math' wäre dann davor zu stellen und 'Jns, Math' Objekte zu 'zoben'. Für den bei einer solchen Auslegung entstehenden Reim 'loben : zoben' (aus 'zouwen') vgl. den Reim 41,34/37 'schob : klob : hob : stro(b)' und den Kommentar dazu! Mir scheint dies immerhin am einleuchtendsten zu sein, selbst der Möglichkeit gegenüber, 'zoben' aus 'ze oben' zu erklären, die ja zwar den anscheinend glatteren Reim für sich aber dafür wieder die Erschwerung der Sinndeutung gegen sich hat (trotz der in dieser Richtung ja ziemlich grossen Anspruchslosigkeit von Gedichten solcher Art).

-- (13). ... 'Roman' (us) - Abbat. Juren. - 28. Febr. - (s. bei 7 (7) "zu 57"!). - Bei Grotef. ausser einigen nordd. Diözesen und sonst meist roman. Ländern in Köln und Trier, auch Salzbg; dtsche Schweiz, Brixen, Trient nicht! - Er fehlt den anderen Ciss., auch fand ich ihn nur i.d. Bamberger u. im Kloster-Kalender. - 'Donat', 1. März nicht überall, u.a. aber in Basel, Brixen, Trier - 'Sim' (plicius), 2. März, neben einigen mittel- u. nordwestdeutschen Diözesen (Merseburg, Bremen-Utrecht) in Mailand! - Beide (Donat, Simplicius) fehlen in anderen Ciss., sowie i.d. verglich. Kalendern (auch i.d. ndl.!!); nur der Kloster-Kalender verzeichnet Donat zum 1. März.

13 (13). ... 'Künigunt' ('Küng'), 3. März, auch im Cis. des Mönchs v. S., beim Teichner nur in einigen Hss. u.a. M¹ (im Pickel'schen Text nicht); auch sonst nicht i.d. verglich. Ciss. - Nach Grotef. u.a. hauptsächlich in Brixen, Trient - Salzbg. - Köln. - Die Kalender haben sie meist (auch der ndl.).

14 (13). ... 'Adrianus' ('Äderlein'), 4. März, u.a. (bes. nordd. Diözesen,

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auch Speyer u. Worms) in Konstanz u. Trient! Nur wenige Ciss. haben ihn (u.a. auch d. Teichner; d. Mönch v.S. nicht!) - auch i.d. Kalendern selten (Bamb., Salzb. 11. Jh., Augsb.).

15 (14f). ... 'pfinztages ... pat' ('pädelein') vgl. Teichner 16 'März du heizzest Adrian des pfinztages gein pad sagen' (s. Sch. I, 111). - "Was 'pfinztages ...', das auch bei Teichner 16 steht, zu bedeuten haben mag?" (Sch. I, 111) - 'Adr. der wart gesunt ...' ist jedenfalls nur die übliche Verknüpfung und Ausfüllung, denn in 57 heisst es 'ain pädelein Gregorio beraiten', sodass eine Beziehung auf einen Heiligen hier kaum anzunehmen ist. Es bleibt nur das "märzische Bad" zu erklären; vgl. dazu Schm. Fr. I. 439 unter "Pfinztag": "der unsinnig Pf., der letzte Donnerstag vor Fasten ... An diesem Tage wurden ehedem in München und wohl auch anderwärts die Wahnsinnigen (des Heil. Geist-Spitales) kalt gebadet." - Dazu ist zu bemerken, dass 1424 die Fastenzeit in den Anfang des März fiel (Ostern 23. April; Aschermittw. a. 8 März, d. Donnerstag vorher also a. 2. März) - jedoch zielt diese Anspielung bei O. und Teichner ziemlich sicher auf die "Märzenbäder", s. Schm. Fr. I, 207 unter "Bad": "Mörzenbäder an den 3 Dornstag im Mörzen" (in einer Badestubenordnung aus dem Augsburgischen, 1544) - und ebd. 209 u. "Merzenbad": "An den dreyen pfinztagen im Merzen die Merzenpäder", Rohrbacher Ehaft. - Jn den Praktiken und Gesundheitsregeln wird ja auch meist der März als dem Baden zuträglich genannt (vgl. z.B. bei Alb. Thijm, a.a.O. SS. 20, 38 u. 50!); doch finden sich andererseits bei Zappert, Ueber das Badewesen mittelalterl. u. späterer Zeit (Arch. f. Kde. österr. Geschichtsquellen XXI, 1859, 1-160), SS. 146 u. 158, sowie bei B.M. Lersch, Gesch. d. Balneologie, Würzbg. 1863, S. 193 in erster Linie

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Maienbäder. Der März wird bei ihnen nur nebenbei für Schwitzbäder erwähnt; von den Wochentagen nennt Zapp. so ziemlich alle, und dem Donnerstag ist bei ihm nirgend eine besondere Rolle zugeteilt. Es bleiben also zunächst nur die oben genannten Belege bei Schmeller! - Eine Anspielung auf die Stellung des März in der Heilkunde hat O. ja auch 2,9-12!

16 (--). ... vgl. Teichner 17 'den lerer Gregorium' (Sch. I, 111) - vgl. a. Martyrol. Monacens. (Pickel S. 15) 'Gregorius der gross lerer und pabst', sowie im Namenbuch 99 'Sante Gregorium, den lerer' - auch der Zeinerische Cis. (Pickel, S. 53) enthält eine Anspielung darauf: 'Der Mertz, ... spricht, er müsse Gregorium han; mit dem wolle er disputirn'!

-- (16). ... 'Matron(a)', 15. März; Grotef. II verzeichnet sie in Deutschland für Merseburg, andere Matronen in Capua, Barcelona, Thessalonich, bei Stadler zum 15. März die letzten drei Matr.! - Die La. 'Marthan BC' ist ohne Bedeutung; sie zeigt nur die Unsicherheit der Schreiber gegenüber dem nicht geläufigen Heiligennamen - eine Martha ist für diesen Tag nicht nachzuweisen. - Jn den anderen Ciss. erscheint Matrona nicht! Von den verglich. Kalendern verzeichnet sie jedoch der Bamberger!!

17 (16). ... 'Gedraut', 17. März - vgl. Teichner 18 'Gerdraut gib herberg guet' - "17. 'Gerdraut ... herberg', zur Erklärung dient folgendes: Schmeller Zs. f.d. A. I, 422 theilt aus einer Handschrift des 15. Jahrhunderts mit: aliqui dicunt quod quando anima egressa est de corpore tunc prima nocte pernoctabit cum beata Gerdrude, secunda nocte cum archangelis sed tertia nocte vadit, sicut deffinitum est de ea. Ueber Anrufungen der hl. Gertrud um gute Herberge in deutschen Gedichten des 14. Jahrhunderts,

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s. Zingerle, Wiener S. B. 1862, 40, 220f. Vgl. Schmeller, baier. Wb.² I, 942." (Sch. I, 111) - Bei Schm. Fr. a.a.O. stehen die vorgenannten Belege zusammen und noch andere. - Zu der Namensform 'Gedr...' für 'Gertr...' s. E. Schröder, ZfdA. 58, 95f.

-- (17). ... 'Benedict', 21. März, gehört zu den sieben Namen, die bei Teichner stehen und bei O. 56 fehlen (Sch. I, 111) - mit einer Ausnahme (Marcus, 7. Oktober, übrigens beim Mönch v. S. genannt!) hat O. dann alle in die Umarbeitung 57 aufgenommen. Er findet sich in fast allen Ciss., auch beim Mönch v. S.

-- (18). ... Es ist besser, 'Fraue' (gross!) zu schreiben: Mariae annuntiatio, 25. März.

18 (18). ... 'Rueprecht' - "Jch glaube, es ist für H charakteristisch, dass am 27. März 'Rupert' als Festtag1 angegeben ist, dagegen 'Marcus' am 25. April nicht, entsprechend dem Kalender der Salzburger Diözese, siehe Grotefend Zeitrechnung II. 161f" (Sch. I, 110 oben); A hat aber, nach Ausweis von Schatz' Tabelle (Sch. I, 109f) ebenfalls den 27. März als Festtag bezeichnet, während für den 25. April nach ebendieser Tabelle in keiner Hs. Festtag angegeben ist!! - Er steht nur beim Teichner und beim Mönch v. S., die anderen Ciss. bei Pickel führen ihn nicht. Es ist Rupertus von Salzburg, der Apostel der Bayern; der 27. März ist sein Todestag - die 'translatio Ruperti' wird am 24. Sept. gefeiert (siehe -- (53)!).

1"Die Festtage sind in A rot geschrieben" (Sch. II, App. zu 56); gilt das für alle Hss.? - in 57 sind die Festtage rot durchstrichen (Sch. II, S. 31 zu Hs. A!).

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-- (19). ... 'Abr., wank. muet' - Vgl. Teichner 19 'Abrill unstaeter schein' (s. Sch. I, 111) - vgl. a. Wolk. 2,15f 'so tuet si gleich als der Abrell, halb hie und dort ist si betört.'

-- (20). ... 'Celestin', 6. April, bei Grotef. u.a. in Basel, Konstanz, Mainz, Trier (auch 8. Apr.); in Brixen am 5. April (s.u.)! Er fehlt Teichner und Mönch. v. S., sowie i.d. anderen Ciss.; Pickel bemerkt zu der vorliegenden Stelle (er druckt diese Halbstrophe ab), S. 57, Anm.: "'Celestin', als Heiliger für den 6. April, nur noch in einem von Weidenbach veröffentlichten Calendarium von 1452; der Tag Celestins ist sonst der 7. Juni." Wie P. auf den 7. Juni kommt konnte ich nicht feststellen - Grotef. hat nur (5.) 6. (7.) (8.) April, sowie einen anderen Celestin am 19. Mai! - Jn den verglich. Kalendern findet sich C. nur zum 5. April im Bamberger, sonst nirgends zum 5. od. 6. April.

21 (21). ... 'Leu' ('Leo') - Papst Leo I., allgem. am 11. April - nur in Brixen am 12. (Grotef.)! - Jn einem Silbencis. bei Pickel (S. 46) fällt auch 'Le(o)' auf den 12. April, sonst steht er in keinem anderen Ciss. (auch nicht bei Teichner und Mönch v. S.!). Jn den Kalendern selten, und, wenn verzeichnet, so nur zum 11. April. - Reim 'Leu : treu' s. zu 11,44ff.

23 (22). ... 'Valer' (-ianus), 18. April, vgl. Teichner 25 'sich, Valerian, daz groz ellend' (s. Sch. I, 111); Teichner M¹ fehlt Valerian! - "Wegen 'Valer(ius)' 18. April verweise ich auf Pickel Elsäss. Literaturdenkmäler I, 62 Anmerkung." (Sch. I, 111 unten). - Es muss natürlich 'Valer(ianus)' heissen. Bei Pickel a.a.O. findet sich gegen Krause (Germ. XXII, 286ff) der Nachweis, dass Valerian ausser am 14. April mit Tiburtius zusammen

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auch häufig allein am 18. April vorkommt. Pickel verweist neben Osw. und Teichner auf einen Silbencis., dessen erste vier Monate er S. 46 zum Abdruck bringt und auf den Zeinerische1 Cis. (bei ihm S. 54), sowie auf die beiden lateinischen, die er bringt; bei allen diesen erscheint Valerianus am 18. April. Auch im Steyrer-Kalender heisst es Vs. 15: 'gutr rittr, hilf von sendr not'!. Da fällt 'rittr' auf den 18.; der übrige Jnhalt der Zeile hat deutlich die gleiche Anspielung, wie die Verse Teichners und Oswalds! Das Namenbuch nennt ihn auch, nur ist nach Art des Gedichtes der Tag nicht zu ersehen: 127-129 'Thiburcien und Sant Valerien / und den ritter Sant jergen, / ein edelen helfer in der not.' - Grotf. II verzeichnet ihn jedoch nur zum 14. mit Tiburtius zusammen als überall vorkommend, am 18. nicht! - Auch i.d. "Cysianus" bei Pfeiffer nur mit Tiburtius am 14.; das Gleiche gilt von den verglich. Kalendern.

24 (23). ... 'Jörig, Marcus' - vgl. Teichner 26 'Wir fürchten Jorgen, Martzen gaches end' (s. Sch. I, 111) - Auch hier gibt Pickel in einer Anm. die Rechtfertigung seines

1Aus A. Wysz, Ein deutscher Cis. für das Jahr 1444, gedr. von Gutenberg (Drucke u. Holzschn. d. XV. u. XVI. Jhs. No. 5), Strassbg. 1900, geht hervor, dass es wohl noch eine frühere Rezens. dieses Cis. gibt, eben diesen Gutenberg'schen Druck. Danach wäre richtiger vom Gutenberg'schen Cis. zu sprechen, zumal W. ziemlich sicher nachgewiesen hat, dass dieser Cis. auch für das Jahr 1444 verfasst wurde. Jch belasse es jedoch hier bei der Bezeichnung Pickels (Zeinerischer Cis.), weil ich auch sonst Pickel oft heranziehe und deshalb Missverständnisse durch andere Namensgebung vermeiden möchte. Auch diese erste Rezens. hat Valerianus zum 18. Apr. (Valerius), sowie mehrere der anderen Fassungen, die W. heranzieht (Pickel benützte nur zwei, deren eine eben der Zeiner'sche Druck ist).

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Teichner-Textes gegen Krause a.a.O., der für Georg den 23. haben wollte. - St. Georg erscheint teils am 23., teils am 24. (u.a. in Brixen, Passau, Salzb., Trient). - vgl. a. den Steyrer Kalender 16: 'Gorg, Marcus wend den gachen tot.'; desgl. Namenbuch, 130 'Sant Marx bitt für den gehen tot' (s. Sch. I, 111). - Der Textänderungsvorschlag, den Pickel zu seinem Abdruck dieser Halbstr., S. 57, für die vorliegende Zeile macht, geht den falschen Weg, weil Pickel nur den B. Weber'schen Text zugrunde legen konnte. - BC hat ja ein Wort zu viel, aber es ist 'uns' zu streichen und nicht 'hie'; dies hat Schatz im Text, der ja in erster Linie die Hs. A berücksichtigt. - Bezügl. des 25. April (Marcus) als Festtag s. bei 18 (18) (27. März 'Rueprecht')!

-- (24). ... 'Vitalis', 28. April, gehört auch zu den Namen, die Teichner hat und die O. 56 fehlen (s. zu -- (17) 'Benedict'). Auch beim Mönch v. S.; ausserdem haben ihn die lat. Ciss. u. der "Cysianus", die übrigen, auch das Namenbuch nicht; die verglich. Kalender verzeichnen ihn alle! - Für die Anspielung 'früchtet wurzen' findet sich keine Parallele; viell. spielt hier St. Vitus hinein (s.d.!)?

-- (25). ... 'Sigmund', 2. Mai, u.a. in Prag, Salzb., Trient (auch am 1. Mai); in Brixen (u. bes. d. Schweiz) am 1. Mai! - Auch im Cis. des Mönchs v. S., sowie i. einigen Rezenss. des lat. Cis. (s. Grotefend, Anz. f. Kde. d. dtsch. Vorz. 17, 1870, S. 282 Anm. 9) und im "Cys." b. Pfeiffer - sonst in keinem der verglich. Ciss.; auch in d. Kalendern selten (Bamb., Freising 10. Jh.! (1. V.) u. 15. Jh., Passau 15. Jh.).

26 (25). ... besser 'Kreutz' (gross): 3. Mai 'crucis inventio' (vgl. Mönch v. S. 29: 'chreutz funden'). - Florian, 4. Mai, fehlt bei Teichner u. Mönch v. S.; sonst findet er sich bei den meisten lat. Ciss. und beim Steyrer, ebenso i. fast allen Kalendern.

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27 (26). ... 'Gothart', 5. Mai, fehlt bei Teichner u. Mönch v. S.; alle lat. Ciss. und Steyrer haben ihn; ausserdem die 'Laurea Sanctorum' (s. Grotefend, Anz. f. Kde ... 17), sowie mehrere der Kalender (Freising 15. Jh., alle Passauer, Regensb. 15. Jh.). - 'Johanns', Joh.Ev./Ap., 6. Mai: Joh. ante portam latinam (vgl. Namenbuch 158: "Johans vor der latinischen porten").

28 (27). ... 'Corbian(us)'; 56,28 hat H 'Gordian'; 57,27 A 'Corbianus' (nach Laa. Sch. I). - "56,28 (57,27) liegt eine vielleicht der Abschrift zur Last fallende Verwechslung mit 'Gordian' vor, der am 10. Mai gefeiert wird. Jm älteren Kalender steht auch 'Corbian', ebenso im jüngern in der Handschrift B. A hat 'Corbinianus', dessen Fest bei Oswald am 9. September angesetzt wird. Für das 'pran' 57,27 weiss ich keine Erklärung." (Sch. I, 111). - Sonst nur im Zeinerschen Cis. 'Gordian' am 10. Mai, im übrigen weder 'Corb.' noch 'Gord.'; bei Mönch v. S. 'Jordanus' das für 'Gordianus' steht; in dem lat. Cis. an Gordians Stelle: Epi (= Gordianus u. Epimachus, 10. Mai, Pickel, S. 36 Anm. zu Vs. 9) - 'Gord' hat auch die Laurea Sanctorum und der Pfeiffer'sche 'Cys.'; die verglich. Kalender verzeichnen mit Ausnahme des ndl. u. des Bamberger alle den 'Gordianus'. - Es läge ja nahe, einfach 'Gordian(us)' in den Text einzusetzen, unter der Voraussetzung eines Schreib- oder Hörfehlers (beim Diktat vgl. zu -- (8)!). Doch steht dem das Festhalten an 'Corbian(us)' auch in der Umarbeitung und in B gegenüber! Oder war Osw. 'Gordian' nicht geläufig, sodass er das Fehlerhafte ohne Absicht beibehielt? - vgl. übrigens zu -- (50), 'Corbin', 9. Sept. wo auch etwas nicht recht stimmt.

-- (27). ... Zu 'pran' ist beachtenswert die Fassung, die der Cis. des Mönchs v. S. in der Hs. K hat: an Stelle von 'Jordanus' steht da Vs. 31 'prandian'! Mayer bemerkt dazu in der Anm.

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(S. 504): "Von den Brandianen, die als Heilige bekannt sind, wird keiner am 10. V. verehrt." - Für den Mai verzeichnen Stadler und Grotef. einen 'Brandanus' (Bren-), Abt von Cluainfert in Jrland, am 16. Mai (Basel, Konstanz - Aberdon) und 17. Mai (Lübeck), und einen 'Branus' (Branius) zum 18. Mai (Jrland) - ausserdem Stadler, neben anderen an ganz anderen Tagen, einen 'Brendanus' (Brando) de Birr ausser am 29. Nov. auch am 9. Mai (!), ebenfalls Jrland. - Eine endgültige Erklärung für O.s (und des Mönchs v. S.) Stelle ist wohl kaum möglich. - Jn den verglich. Kalendern findet sich nur der Brandanus vom 16. Mai im Bamberger Kal.

28 (27). ... 'Pangratz', 12. Mai, bei Ged. 56 nur in A und C als Feiertag bezeichnet (Sch. I, 109/110); dem Teichner fehlt er, ebenso Steyrer und Zeiner; von den lat. Cis. hat ihn nur die Bickel'sche Rezens. (s. Pickel, S. 36 La. zu Vs. 9); sonst erwähnt ihn das Namenbuch, die Laur. Sanct., sowie die Kolm. Hs. für den Mönch v. S., der ndrh. Cis. und der "Cys."; dieser jedoch zum 14. Mai. - Die verglich. Kalender haben ihn fast alle. - 'Sophei' (-ellen) - Sophia, 15. Mai, u.a. in Köln, Konstanz, Trient, Brixen, Salzbg. nicht!

29 (28). ... Die wörtliche Uebereinstimmung bei diesem Vs., die nicht die einzige ist (vgl. z.B. den folg. Vs., auch 56,35 mit 57,34; 56,41/42 mit 57,40/41 u.a.m), zeigt 57 als Bearbeitung von 56 (vgl. Sch. I, 110). - 'Pilgrin', Peregrinus, 16. Mai; die La. zu 57,28 in Sch. II "'Pilgrin' A" erscheint überflüssig - sie ist jedenfalls aus Sch. I mit übernommen, wo Schatz im Text 'Pilgrim' hat! - Er fehlt in anderen Ciss.; von den verglich. Kalendern haben ihn auch nur zwei (Freising 10. Jh. zum 17. und d. Klosterkal.). - 'Potenz(iana)' 'Basill(a)' (vgl. Sch. I, 112) - Potentiana, 19. Mai, nur noch beim Mönch v. S. und im "Cys."; die Kalender verzeichen sie fast alle. -

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Basilla, 20. Mai, hat Grotef. nur für Chur, Utrecht und (Rom); nicht für Brixen, Trient, Salzbg. u.ä.! Jn keinem anderen Cis. erwähnt; auch in den Kalendern zum 20. selten (Freising 10. Jh. u. Klosterkal.).

30 (29). ... "Maiengrün und Blüthen hat auch der Steyrer'sche Cis. an dieser Stelle 19f." (Sch. I, 111). - 57,29 ist 'maien plued' (zwei Wörter) zu lesen, wie es auch in Sch. I richtig steht; sonst stimmen die Tage nicht! - vgl. a. Teichner 32: 'Mai du bringst laub und gras'! Rostocker ndd. Silbencis. (Pickel S. 72: 'Den Sommer bringet uns vorwar / Urban ...'; Namenbuch 161f: 'Darnoch let sich der sumer an / den bringet löblich der bobst Urban' - Die beiden letzten Belege, sowie O.s Vers und der Steyrer ('Prich Urban viol') bringen die "Maienblüte" (als Zeichen des beginnenden Sommers) mit Urban, 25. Mai, in Verbindung; er scheint also dabei eine besondere Rolle gehabt zu haben. Stadler erwähnt den hl. Bischof Urban (2. April) als Patron der Weinberge, mit Rebzweig m. Traube abgebildet, und führt an: "Hat Urbanstag schön Sonnenschein / Verspricht er viel und guten Wein". Dazu bemerkt Stadl., dieser Bischof U. würde oft mit dem Papste U. (25. Mai) verwechselt, dergestalt dass diesem die Traube als Symbol ("irrig" St.) beigegeben wurde. Es mögen hiermit die Anspielungen bei O. und den anderen in Verbindung stehen! Vgl. a. unter den Versen mit landwirtschaftl. Regeln, die am Schluss eines Druckes (1539) des Zeinerischen Kalenders stehen (Anz. f. Kde. ... 1871 (18), 136): 'Pflanz Koͤl Urbani'!

31 (30). ... 'Hanns', 28. Mai, Joh. I, Papst (6. Jh.) in Brixen am 27 Mai (s.u.), am 28. nur in Bremen, Chur und Krakau (Grotef.). - 'Zirill', 29. Mai. - "'Zirill', 29. Mai, haben Stadler und die Acta Sanctorum nur für 27. u. 28. Mai." (Sch. I, 110f).

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'Cyrillus' (Knabe, Märtyrer) steht aber sowohl bei Stadler als Acta Sanctorum unter dem 29. Mai ('Cyrillus, Carellus et Soc. M.M.'); Grotef. verzeichnet ihn nicht. Ein anderer Cyrillus findet sich in AASS. unter dem 27 und bei Stadler unter dem 28.! - Johannes und Cyrillus fehlen in allen anderen Ciss.; Joh. in den Kalendern nur: Bamb. z. 27.(!), Freising 10. Jh. u. Klosterkal.; Cyrillus zum 29. Mai überhaupt nicht!

31f (--). ... "..., dass hier Entlehnung aus dem Teichner'schen Cis. vorliegt, zeigt das Wort 'kauft da'. T. 33 'rait Urban auf den grossen jarmarkt gen Petronell'. Also eine Spielerei mit dem Namen 'Petronella', Heilige am 31. Mai, und 'Petronell' bei Hainburg in Niederösterreich." (Sch. I, 111). - Auch vorher verweist Sch. I, 111 auf die Parallele zwischen Teichner und O.: 'gen Petr...'. Die anderen Ciss. bei Pickel, von denen auch einige die Petronella bringen, haben hier nichts Aehnliches, sodass u.a. gerade diese Stelle für die Benützung des Teichner'schen Cis. beweisend wird.

-- (31). ... vgl. Teichner 34 'Hilf, getrewer Erasm' (d.i Erasim: Prim!) (s. Sch. I, 111). Vgl. a. den Anfang des Juni beim Mönch v. S. Vs. 36: 'Getrewer Marcelline. / Erasmus ...'!

-- (32). ... 'Bonifaz(ius)', 5. Juni, fehlt beim Mönch v. S.; bei Teichner nur i.d. Hs. M¹. Die anderen Ciss. haben ihn alle, auch das Namenbuch und die Laur. Sanct.

33 (32). ... 'Genat' (Sch. I u. Hss. 'Senat', H scheint bei 56 'genat' zu haben, denn bei den Laa. 'S...' sind nur ABC in Sch. II verzeichnet!). - "'Senat', 7. Juni, ist nicht zu finden. Weber macht aus dem Lesefehler Goldhanns 'Genat', in der Abschrift von A einen hl. 'Genadius', S. 335." (Sch. I, 111 oben). - Jn der Fassung (B) C von 56 (121) und bei 57 (123) hat B. Web. 'Senat', wozu er S. 423 bemerkt:

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"Der Heilige d. N., eigentlich Genadius, nach Oswald gefeiert am 7. Juni. ... Wohl etwa bloss Abschreibefehler statt 'genât'." Jn Sch. II ist nun doch die Aenderung vorgenommen worden gegen alle Hss.; ob mit Recht? - Weder die AASS., noch Stadler und Grotef. verzeichnen einen 'Gen(n)adius' oder 'Senat(or)' zum 7. Juni. Auch die verglich. Ciss. und Kalender haben beide nicht.

(33) --. ... 'Veit' nur in ACH, in B nicht als Festtag bezeichnet (s. Sch. I, 109/110).

33f (33). ... 'Veit(linus)', 15. Juni - '... pflanz(en) ...' vgl. auch den Cgm 811 (MSB. 1891, 659; Keinz), f. 22: landwirtschaftl. Zeitregeln, darunter: 'secz pflanzen Viti' - dasselbe auch unter den Priameln am Anfang des Ldb.s der Cl. Hätzl., bei Haltaus S. LXVIII, No. 9: 'Setz pflanzen uxti' (ls. Viti); s.a. zu 30 (29); 45f (--) 'Sixt ... paissten ...' und 65 (--) 'trink, Martein, wein'!

35 (--). ... 'hailgen' gegen alle Hss., die -ei- haben! Ehrismann, ZfdPh. 40 (251) (Bespr. v. Sch. II) geht die "Normalisierung" zu weit, er möchte das "charakteristische" -ei- der Hss. bei 'heilig...' im Text beibehalten wissen, da oft in bair. Hss., die sonst -ai- haben, bei 'heilig' das -ei- bliebe! Schatz bemerkt in den Ausgaben über seine Orthographie (Sch. II, 53ff) nichts über dies -ai-/-ei- bei 'heilig'. Selbst nach flüchtiger Durchsicht der Laa. kann man sich jedoch überzeugen, dass trotz manchen Schwankens doch -ai- überwiegt (s. z.B. auch 57,26 u. 34!); daher ist Schatz wohl im Recht, wenn er überall -ai- in den Text setzt. Für das "charakteristische" bairischer Handschriften genügen ja die Angaben im Apparat! - vgl. auch 56,63 und 57,61, wo allerdings ebenfalls die Hss. überwiegend -ei- haben! s. ferner 119,2/4 'hailg : sälg'!!

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36 (34f). ... 'Achatius', 22. Juni, 'ain hailger ritter': Achatius war Heerführer unter Kaiser Hadrian; er und seine 10 000 Mann wurden zu Märtyrern. Sie werden mit ihm zusammen gefeiert. - vgl. den Steyrer Kal. 24 'ritter Hanns' (Sch. I, 112) - auch Teichner 38f: '... sich hebt ein grozzer streit, / bezwingt Achatz Vriaul' - sonst findet er sich nicht in den Ciss., allerdings aber beim Mönch v. S.

36 (35). ... 'gross Hanns' ('Johannes tauft'): Joh. Bapt. nativitas, 24. Juni - vgl. Teichner 40 'Johannes tauf' ('tauft' haben M² und F!) - Mönch v. S. 41: 'Tawffer' - 'klain Hänselein': Joh. u. Paul, Märtyrer (gest. 362), 26. Juni.

37 (36). ... 'Leo': Leo II., Papst, 28. Juni; Wortspiel mit 'leo': 'peiss, Leo'; doch ist es wahrscheinlich, dass O. einen ndrh. oder ndl. Kalender benützend, ein dort stehendes 'pais' (= Papst) missverstanden hat! vgl. d. ndl. Kalender des 15. Jhs., den Alb. Thijm veröffentlicht (s.o.), zum 28. Juni: 'Leo pais'! - L. steht übrigens nur in den meisten lat. Ciss. und in der Laur. Sanct., sonst (also auch b. Teichner u. Mönch v. S.) fehlt er; jedoch verzeichnen ihn alle verglich. Kalender. - "'Paulen' am 30. Juni ist dadurch gerechtfertigt, dass an diesem Tage Pauli Gedächtnis gefeiert wird." (Sch. I, 112). - Die Ciss. bei Pickel (auch d. beid. lat. Silbenciss.) haben auch Paulus am 30. Juni, ebenso der Mönch v. S.

38 (37). ... ls. 'Künigin' (gross): Mariae visitatio, 2. Juli - Teichner hat hier (in Pickels Text) 'Process', der auch an diesem Tage gefeiert wird - nur in den beiden Münch. Hss. (M¹ u. M²) steht 'Maria' an dessen Stelle! Die Mehrzahl der Ciss. bei Pickel (auch d. lat.) hat 'Process'; Mönch v. S. fehlt beides.

38 (--). ... '(frisch) Marei schankt' - Obj. ist ja wohl 'visch' -

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doch vgl. Steyrer 25f: 'Trinck, Process! ... Trinkt, prueder!'! - ?? - "'visch' hat auf 'Ulreich' bezug. Vgl. Konrad von Dankrotzheim 206 'Ulrich sinen visch bringet in der hant'. Die Erklärung dazu gibt die Lebensgeschichte des Heiligen: Bei einem Besuche (zwischen Konrad von Konstanz und Ulrich) trug es sich zu, dass die beiden Freunde einmal die Nacht im Gespräch miteinander zubrachten. Am Morgen des andern Tages, eines Freitages, standen noch die Fleischreste der Abendmahlzeit auf dem Tische. Der hl. Ulrich schenkte dieselben einem Boten des bayrischen Herzogs, der sogleich seinem Herrn Nachricht gab, wie die hl. Bischöfe die Abstinzenz einhielten. Als er aber den Beweis aus der Tasche zog und vorzeigte, war das Fleisch in einen Fisch verwandelt. S. Stadler, Heiligen-Lexikon 5, 586." (Sch. I, 111f). - Jn den anderen Ciss. findet sich keine Anspielung hierauf, auch nicht beim Mönch v. S.

-- (38). ... Die Teilung 'dar nach' (zwei Wörter) ist die richtige und einfache Lösung, sodass der Pickel'sche Vorschlag (B. Webers Text hat 'darnach', wodurch die Tage nicht stimmen!), vor 'Margret' ein 'zur' einzuschieben, überflüssig ist, abgesehen von der metr. Unmöglichkeit dieses Einschubes!

39 (--). ... 'und Kilian prach kersen (kerschen A, -rss- B) sechs' - "vgl. 'Wol auf nach cherssn' Steyrer 27, 18.-21. Juli" (Sch. I, 112) - derselbe aber vorher, 25: 'Uolreich ist umb sechs', 4-8. Juli, also hier 'sechs' auf den Tag des Kilian! - Weder in AASS., noch bei Stadler konnte ich etwas finden, was sich zur Erklärung der 'sechs' beibringen liesse. Die 'kersen' sind wohl nur als Frucht des Juli anzusehen (einige Sorten reifen ja erst dann).

40 (39). ... 'Margret' am 12. Juli bei Grotef. nur in Brixen, Freising, Hildesheim, Passau, Regensb., Salzb.; sonst meist am

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13. Juli. Das stimmt auch mit den verglich. Kalendern: Freis., Salzb., Pass., Regensb. Kalender haben sie am 12. die anderen (darunter auch der Regensburger des 11./12. Jhs.) am 13.

Am 13. VII. beim Mönch v. S., den meisten der lat. Ciss., dem Zeinerischen und dem ndd. Cis. (Pickel S. 72) - Am 12. VII. im Steyrer Kalender und bei Teichner (M¹ am 13.!). - Heinrich, 13. Juli haben nur Mönch v. S. i.d. Kolm Hs., Laur. Sanct. und der "Cys.", von den Kalendern nur einige (Freis. 15. Jh., beide Salzb., Pass. 15. Jh., Regensb. 15. Jh.). - 'tailten' ('Tailung') "Aposteltheilung am 15. Juli. Die Andeutung eines Heiligentages durch ein Wort, das irgendwie darauf Bezug hat, kommt in den Cis. öfter vor. Vgl. 57,42 'die pant' (= Pantaleon 28,7) Steyrer, 1. 'Neu ist (= Neujahr)' 2. 'nach dir ist dem Felix gar Ant (= Antonius 17,1)' 22. 'ritter Hanns' = 22.-24. Juni 'ritt(er)' = Achazius s. Oswald 57,34f. 46 'der teufl lützel', so die Handschrift, dann fällt die Silbe 'lütz' auf den 13. December, den Lucientag. Pickel ändert ohne Angabe von Gründen 'der teufel lützl', S. 48. Beim Mönch v. Salzburg 56 'endthawpt' = 29. August, Johannes Enthauptung. 79 'empfangen' = 8. December, Mariä Empfängnis. 53 'vastet' = 14. August und 70 'vasten', 31. October hat Bezug auf die Fasttage, da diese Tage Vorabende hoher Festtage sind. Man vgl. dazu aus dem Verscisiojanus, von dem der Juni bei Pickel S. 69 gedruckt ist, Vers. 23 = 23. Juni; 'By dem ban man fasten tut' und 28 = 28. Juni 'zweien zwelffbotten fasten', also die ausdrückliche Angabe, dass die Vorabende vor Johannes, 24. und Peter und Paul, 29. Juni, Fasttage sind. Dann 42 'verslaffen' nach der Hs. 26. richtiger 27. Juni = Sieben-Schläfer. Teichner 40 'Johannes tauf. Hensel släft.'

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24.-27. Juni. Steyrer 30 'slaf nicht, Petr Paul!' = 27.-30. Juni. Verscisiojans, 27 'die sibensleffer sollen in han'." (Sch I, 112); Bei O. finden sich noch mehr Beispiele dazu, meist Wortspiele mit Heiligennamen: 57,45 'romt' (Romanus, 9. Aug.); 57,67 'Cant' (Candida od. Candidus, 2. Dez.); 57,72 'Ste, Hanns, kind, Tho kumpt Silvreie' (= stê, Hanns, kind, dâ kumbt S.); - vgl. auch 57,36 'peiss, Leo, ...', sowie Mönch v. S. 46 'tailen'!

41 (40). ... 'Arnolf', 18. Juli u.a. (bes. nord.- u. mitteld. Diöz.) in Brandenburg, Basel, Mainz, Speyer und in Köln; nicht in Brixen, Trient und Salzb.!! Die lat. Ciss., Teichner u.d. "Cys." haben ihn, die andern (auch Mönch v. S.) nicht; ebenso in den Kalendern selten (nur Bamb. u. Salzb. 14 Jh.). - 'Praxedis', 21 Juli, bei Ged. 56 allein in C als Festtag bezeichnet (Sch. I, 110 oben); beim Teichner nur i.d. beiden Münch. Hss. (M¹ u. M²) erwähnt; sonst i.d. lat. Ciss., i. Namenbuch, d. Laur. Sanct. u. i. "Cys.", bei den übrigen (auch Mönch v. S.) nicht; die verglich. Kalender jedoch verzeichnen sie alle! - 'lued' vgl. Teichner 44: 'Arnolphus der pat frown Magdalen'!

43 (42). ... 'Anna', 26. Juli, ebenfalls bei Ged. 56 allein in C als Festtag (Sch. I, 110 oben), beim Teichner nur M¹ und M²; sonst nur in einer Rezens. des lat. Cis. (Prag) und beim Mönch v. S.; in den Kalendern häufig.

43 (--). ... Ueber den Reim 'Pantaleon : Steffan' s. zu 15,40.

-- (42). ... 'pant': 'Pantaleon', 28. Juli (in Trient am 27. VII.!); zu dem Wortspiel vgl. oben zu 40 (39) 'tailten'! - Er findet sich in einigen der lat. Ciss., beim Mönch v. S., i.d. Laur. Sanct. und i.d. ndrh. Cis. - 'Felix' (II., Papst), 29. Juli; nach Grotef. fast überall; aus Stadlers Darstellung ergibt sich, dass Unsicherheit bezügl. seiner

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Anerkennung als Heiliger bestand. - Nur in drei Rezensionen des lat. Cis., sonst in keinem Kalendergedicht dagegen i.d. Kalendern häufiger! - 'krächsen', "Traggerüst" (krechsen); "Tragkorb" (kretze) - ist das nur eine allgem. Textverbindung zwischen den Heiligen (der Reime auf 'Alex(en)' gibts nur wenige!!) - oder doch eine bestimmte Anspielung?

44f (43f). ... 1. Aug.: Petri Kettenfest. - Die Aufzählung der ersten sechs Heiligen vergleicht Sch. I, 111 mit dem Teichner; diese Uebereinstimmung ist jedoch ohne Belang; denn sie finden sich auch alle i.d. lat. Ciss., sowie die meisten in den übrigen - ausserdem hat der Teichner die (falsche!) Reihenfolge 'Steffel, Stephan'; es ist das beides Papst St. I, 3. Jh., das zweite, am 3. August, die 'inventio Stephani', der sogenannte "kleine Stephan" (vgl. Mönch v. S. 50f 'Sand Steffan nymmet vindung'!).

45 (--). ... 'Oswalt', 5. Aug. nur in C als Festtag bezeichnet (Sch. I, 110 oben).

45f (--). ... 'Sixt ... paissten' - vgl. ebenfalls (wie 33f (33)) Cgm. 811, f. 22 unter den Zeitregeln: 'trag sperber Sixti / da fach mit wachteln Bartolomei' - desgl. Hätzl. b.d. Priameln (Haltaus S. LXVIII) 'Trag Sperber Sixti / Vach wachtel Bartholomei' - ebenso unter den Versen des zu 30 (29) genannten Zeiner-Druckes (1539): 'Trag Sperwar Sixti. Fahe Fincken Bartholomei'.

46 (--). ... 'Laur.', 10. Aug. in C, gegen B, nicht als Festtag bezeichnet (Sch. I, 110 oben).

-- (44f). ... 'romt', 9. Aug. - Sch. I hat im Text 'rüemt', daher viell. auch die aus Sch. I in Sch. II mitübernommene La. - Es steckt darin sicher ein Hl. Romanus, miles mart. Romae. Er findet sich auch in den lat. Ciss., beim Mönch v. S., in der Wiener Hs. (W) des Teichners, i.d. Laur.

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Sanct., sowie den meisten Kalendern. Was allerdings 'romt' im Wortspiel als Prät. des Satzes bedeuten soll, ist unsicher (= rûmet ??). - 'nussen', "ernten, brechen" (Nüsse) - Subj. 'Polt, Euseben', wobei die Endung -en nicht zu stören braucht, es ist Reimwort! vgl. z.B. Teichner 47f: '... Oswalt, Sixt, Affran / sehent Sant Laurenzen ... stan'! - 'Polt', Hippolytus, 13. Aug., beim Teichner nur i.d. Druck F, ferner in den lat. Ciss., beim Mönch v. S. und i.d. Laur. Sanct. - Eusebius, 14. Aug., fehlt den meisten, nur die lat. Ciss. u.d. Laur. Sanct. erwähnen ihn; doch in den Kalendern erscheint er fast regelmässig wie Hippolytus.

47f (46). ... 'Maria' ('Frau'), 15. Aug.: Mariae assumptio. - 'trunken (trink) ... ainen (ein) Perenhart (Pernh.)': "Es muss ein geistiges Getränk gemeint sein, wie wir heute von Benediktiner oder von Chartreuse sprechen." (Sch. I, 112). - Bernhard fehlt in der Teichnerhs. M¹!

-- (46). ... 'Agapt', Agapetus, 18. Aug. - nur i.d. lat. Ciss., d. Laur. Sanct. u. im "Cys."; beim Mönch v. S. steht zum 17. Aug. 'Augustus', viell. verschrieben aus 'Agaptus'? - Von den Kalendern fehlt er nur dem ndl.!

-- (47). ... ls. 'Bartlomeen' (viersilbig!) mit BC, aus metr. Gründen (–6–́).

50 (--). ... 'Augustinus', 28. Aug. in C, gegen B, nicht als Festtag bezeichnet (Sch. I, 110 oben).

-- (48). ... 'Ruff', Rufus, 27. Aug. - nur i.d. lat. Ciss.! - dagegen in den Kalendern häufig. - 'Hanns', 29. Aug., Joh. Bapt. decollatio (vgl. Steyrer 32: 'Hanns erslagn', Zeiner 48 'das wüst Johans houbt e' usw.; bei Teichner kommt er nicht vor, sonst haben ihn fast alle; bei Mönch v. S. heisst das Wort zum 29. Aug.: 'endthawpt'!).

51 (--). ... ls. 'im Séptembèr'! vgl. zu 2,33!

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51 (49). ... 'Gilg', 1. September - "'Gilg' für 'Aegidius' ist weit verbreitet. Ein Schreiben Ulrichs v. Matsch an Oswald schliesst: 'geben zu potzen am sambstag nach sant Gilgentag (= 2. September) 1441'. 'Gilg' beim Teichner 53, Steyrer 33, Mönch v. Salzburg 57, wo F.A. Mayer S. 506 "l. Aegid" vorschlägt. Ja warum den ändern? S. noch Konrad von Dankrotzheim 262 und Schmeller, bair. Wörterbuch I. 902." (Sch. I, 112). - 'schankt(e) guet(en) most' vgl. Teichner 53 'Gilg, trink most' (s. Sch. I, 111) - vgl. auch Steyrer 33 'Gilg mit dem most ...'.

52 (49). ... 'Mang', Magnus, 6. Sept.; sonst nur noch bei Mönch v. S.; in den Kalendern häufig.

52 (50). ... 'Marei'm 8. Sept.: Mariae nativitas.

-- (50). ... 'Regin', Regina, 7. Sept.; u.a. in Augsb., Brandenbg., Brixen, Köln, Konstanz. - Jn den anderen Ciss. findet sie sich nirgends und ist auch in den Kalendern selten (ndl. und Freis. 10 Jh.; im Augsb. zum 5. Sept.). - 'Corbin(ianus)', 9. Sept (s. zu 28 (27)!); "... 'Corbinianus', dessen Fest bei Oswald am 9. September angesetzt wird." (Sch. I, 111) - Dieser Corb. in Brixen, Passau, Salzbg. am 8. Sept.! Jn München-Freising am 9. Sept. (Stadler, Grotef.; v.d. verglich. Kalendern nur der Freis. des 15. Jhs. z. 9. Sept. und d. Regensburger des 15. Jhs. z. 8., sonst keiner!); dafür jedoch Gorgonius überall am 9. Sept.! Jn den Ciss. erscheint, soweit dieser Tag überhaupt mit einem Namen belegt wird (lat. Ciss. u. Mönch v. S.), nur der Gorgonius; jedoch erwähnt d. Laur. Sanct. beide in der Reihenfolge: 'Corbinianus - Gorgonius' ? - 'Jllang', 10. Sept.; "'Jllang' ? Hilarius am 10. September." (Sch. I, 112). - Eine Erklärung scheint schwer möglich - spielt da etwa ein "Text" oder eine "oratio" oder ähnl. hinein, die mit 'ille agnus' (s.d. Reim zu 'Mang' = Magnus!) beginnt? Einen Hymnenanfang mit diesen Worten habe ich nicht finden

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können (Mone, Daniel, Chevalier, Analecta hymnica).

-- (51). ... 'Protus', 11. Sept. scheint in den deutschen Ciss. zu fehlen - nur die lat. haben ihn fast alle, ebenso die Laur. Sanct., doch auch das Namenbuch - die verglich. Kalender, ausser dem ndl., verzeichnen ihn alle.

53 (51). ... ls. 'Kreutze' (gross!), crucis exaltatio, 14. Sept. (vgl. 'hochleiches Kr.'!).

54 (52). ... "'Offnei' kann nur 'Euphemia' sein, 16. September. Vgl. Konrad von Dankrotzheim 271." (Sch. I, 112). - Sie fehlt Teichner und Mönch v. S. und anderen; nur bei Steyrer und im Namenbuch, sowie den lat. Ciss. u.d. Laur. Sanct.; in den Kalendern häufig.

55 (53). ... 'Mauritz', 22. Sept. - bei Teichner nur i.d. Hs. M¹! die anderen Ciss. haben ihn ausser dem ndd., der überhaupt nur wenig Namen hat, und dem ndrh. alle (auch der Mönch v. S., das Namenbuch u.d. Laur. Sanct.); ebenso die Kalender, ausser dem Regensburger des 15. Jhs.

-- (53). ... 'Rueprecht', 24. Sept.: translatio Ruperti (derselbe wie 18 (18), 27. März) - bei Sch. I, 111 unter den Namen die Teichner hat und die bei O. 56 noch fehlen. Von den lat. Ciss. hat ihn nur der Bickel'sche (s. Pickel S. 23 u. 38, La. zu Vs. 18!) als 'Ru' - von den anderen Steyrer, Teichner ('zu Salzpurg Rupr.') und der Mönch v. S.

56 (54). ... 'Virgil', Bisch. v. Salzb., 26. Sept., translatio; der eigentliche Tag ist der 27 Nov. (s.u. -- (66)!); nur in Brixen, Passau, Salzbg. (Grotef.)! Jn den lat. Ciss. findet er sich nicht; von den anderen haben ihn nur Steyrer und die Teichnerhs. M² (Cgm. 4426); auch in den Kalendern ist er selten (Salzb. 14. Jh. u. Pass. 15. Jh.). - 'Cosmar' ('et Damianus'), 27. Sept., sonst 'Cosmas'! Jn wenigen anderen Ciss.; nur in der Bickel'schen und noch einer Rezens. des lat. (s. Pickel S. 23 u. 38, La. zu Vs. 18)

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als 'Co' (sonst in den lat. Ciss. an seiner Stelle immer: Damianus), bei Zeiner, i.d. Laur. Sanct. u. im "Cys."; die verglich. Kalender führen ihn alle. - Grotef.: "Ueberall"!! - Hieronymus 30. Sept., nur in den lat. Ciss., der Laur. Sanct., dem ndrh. Cis. u.d. "Cys.", dagegen in allen Kalendern.

57f (55f). ... 'Remigius', 1. Okt., fehlt Teichner und Steyrer, sonst haben ihn alle Ciss., Namenb. u. Laur. Sanct. - 'Franz' ('Fränzelein'), Franciscus v. Assisi, 4. Okt. - "Was hier ... von Franciscus gesagt ist, mag vielleicht in Legenden erzählt sich finden; vgl. den Zeinerschen Cis. bei Pickel S. 55, 55f." (Sch. I, 112). - Bei Zeiner heisst es 55f: 'Remigius, der hies Frantzen / Mit Gertruden frölich dantzen', doch nachher (Vs. 59) kommt das 'dantzen' noch einmal in diesem Monat vor! - vgl. auch beim Mönch v. S. 64f die Fassung der Kolm. Hs.: 'Remigius den wysen, Franciscum (-us?) leret schallen'! - Das 'tanzen' wird sich wohl eher auf Oktoberfeste u.ä. beziehen, was bes. aus der Zeiner'schen Okt.-Str. hervorgeht; jedenfalls habe ich in den AASS. und bei Stadler nichts Legendares der Art gefunden. - Für die 'faulen käse' könnte immerhin eine besondere Form der Ueberlieferung folgender Geschichte sein, die sich AASS., Bd. 50 (Okt. Bd. 2), 625c findet: Eine Frau mit verkrüppelten Händen kommt zu Fr., 'ut suam ei miserandam necessitatem ostenderet. Quam visam Vir Dei commiserans, tetigit ac sanavit, ita ut illa propriis manibus caseatam (hoc est, placentam ex caseo) continuo praepararet, eamque Famulo Dei ... offerret.'

-- (56). ... Dionysius, 9. Okt. bei Teichner nur in Hs. B, sonst in allen Ciss., Namenb. u. Laur. Sanct. - "'gugelein', eine

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Kopfbedeckung, Schmeller, bair. Wörterbuch I, 880" (Sch. I, 112) - es ist die Kapuze der Mönchskutte!

-- (57). ... 'Maxim', Bisch. Maximilian, 12. Okt., nur in Breslau, Brixen, Freis., Lebus, Pass. Regensb., Salzb. - Jn keinem der anderen Ciss.; auch nicht in allen Kalendern (Bamb., Freis. 10 Jh., beide Salzb., Pass. 15. Jh., Regensb. 15. Jh.).

59 (57). ... 'Colman', 13. Okt., vgl. Teichner 62 'Österreich Colman hat erhangen' (Sch. I, 111), "'Coloman' starb in Österreich am Galgen s. Stadler" (Sch. I, 112). - vgl. a. Steyrer 38 'Cholman hang' und "Cys.": 'Colman wart erhangen'; sonst in keinem der anderen Ciss.!

60 (58). ... 'Gall' - "B hat ganz allein den 16. Oktober (erg. als Festtag), 'Gallus', der nur in Augsburg, Konstanz, Chur, Basel als Festtag gilt, das weist den Schreiber von B nach Schwaben oder der Schweiz!" (Sch. I, 110 oben). - Es ist dies der Schreiber Ah; zu der Frage seiner Herkunft s.o. bei Ged. 41,30, S. 131 Anm.! - 'husch' (57,58) - soll das schon die beginnende Kälte des Oktobers anzeigen? oder ist das eine Anspielung auf Legendenhaftes (Flucht od. ähnl.)? Denn beim Teichner heisst es 63: 'Gall beleib!' - 'Lucas schreibt' ('schraib') - vgl. Teichner 64 'Lucas schreib!' (Sch. I, 111).

61 (59). ... 'Urs ... Köl(e)n' - vgl. Teichner 65 'Ursula ze Cholle' und Steyrer 49f '... und maid aindlef tausnt / datz Choln...' (Sch. I, 111/112) - desgl. Namenb. 309 'Die eilfftusent megde zuo Kölle am Rin' - die anderen haben diese Anspielungen nicht; nur eine Rezens. des lat. Cis. hat Ur. (d. Haltaus'sche Cis., s. Pickel S. 23 u. 38 zu Vs. 20), der Mönch v. S. 'Ursula' allein und der ndd. Cis. bei Pickel S. 72 'Meghede'. - Die Form 'Urs' für 'Ursula' ist natürlich durch metr. Forderungen stark bedingt, doch vgl. Gröd. 'Ëursa'! (H hat 56,61 'Ursel', was metr.

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durchaus möglich ist). - 'Crispinum' ('-us; Culumb'); hier also auf den 24. (u. 25.) Okt.? Grotef. verzeichnet nur den 25. für Crisp. ("überall), nur den 24. für Columbanus (in Brixen u. wenigen anderen). Zu beachten ist, dass in 57 die beiden Namen auf Rasur stehen; trotzdem also danach anscheinend die vorliegende Anordnung als "Verbesserung" beabsichtigt war und sich dieser Fehler in 56 nicht so leicht beseitigen lässt, ohne mehr zu ändern, möchte ich doch vorschlagen 'Columb, Crispinus' zu lesen! - Der lat., der ndrh. Cis. u.d. "Cys." haben den Crisp. auch auf den 25. Okt., die anderen Ciss. erwähnen ihn nicht; Columb. erscheint in keinem der verglich. Ciss.; bei den Kalendern liegen die Dinge ähnlich: Crisp. durchweg am 25. (er fehlt nur Pass. 14. Jh.) - Columbanus nur Bamb. zum 24, sonst überhaupt nicht oder zu ganz anderen Tagen!

62 (--). ... 'Dolos' - "Nicht nachzuweisen vermag ich auch 56,62 'Dolos' 26. Oktober." (Sch. I, 111 oben). - Zu beachten ist, dass dies der einzige Name ist, den O. in die Umarbeitung 57 nicht aufgenommen hat! B. Web. Gloss. erklärt es als lat. 'dolos', Acc. Pl. von 'dolus'; doch enthält die Geschichte des Simon nichts, was diese Bezeichnung rechtfertigen könnte. Dafür findet sich aber für Simon (28. Okt.) bei Stadler, dass seine Reliquien von St. Peter in Rom nach Toulouse gebracht wurden, "wo 1807 eine Bestätigung derselben stattgefunden hat". Wann diese Ueberführung geschah, gibt Stadler nicht an; jedoch findet sich in den AASS., Bd. 60 (Oct. XII), 448 folg. Ueberlieferung zu Simon (et Juda): Saussayus (in Martyrol. Gallicano ad d. XXVIII oct.) "... Simon et Juda; quorum pretiosissima corpora Tolosam a Carolo Magno in dilectiss. ipsi ecclesiam S. Saturnini invecta ... honorantur."

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Wenn auch dies Mart. Gall. des Saussayus erst dem 17. Jh. (Paris 1638) angehört und andere, anscheinend widersprechende Ueberlieferungen sich vorfinden, so genügt für die Erklärung der Stelle bei O. die Tatsache, dass es einen Ueberlieferungszweig gab, der die Ueberführung der Reliquien Simons und Judä in so frühe Zeit setzte. Es kann also kaum zweifelhaft sein, dass 'Dolos' = Tolos(a), Toulouse ist!!

-- (60). ... 'Narz', Narcissus, 29. Okt., u.a. in Basel, Brixen, Konstanz, Passau, Salzb. - Er findet sich in dem lat. Cis. der Donauesch. Hs. Nr. 28 v. 1360 (Pickel S. 40f) als 'Nar'; sonst nur noch beim Mönch v. S.; in den Kalendern nicht selten. - 'Wolfgangen', 31. Okt. - Sch. I, 111 u. den Namen, die Teichner hat und die O. in 56 fehlen; in den anderen Ciss., mit Ausnahme des "Cys.", findet er sich nicht, doch in den Kalendern öfter, wie ihn auch Grotef. für viele, bes. südd. Diözesen verzeichnet.

63 (61). ... vgl. Teichner 67 'Heiligen all' (Sch. I, 111) - es ist in beiden Gedd. wohl besser 'Hailigen' (spr. Haili͡ng') zu lesen (s.d. Laa.!!), vgl. 105,18. Wegen des -ai- gegen die Mehrzahl der Hss. s. zu 35 (--). - Die bes. Betonung des "alle" erscheint, ausser bei Mönch v. S., in allen Ciss. (b.d. lat. nur 'Omne'!); was den spez. Vergleich mit Teichner fordert, ist die Stellung des 'all' hinter 'Hailgen' gegenüber den anderen Ciss., die es sämtlich vorsetzen - dies 'all' an zweiter Stelle gibt zugleich eine Andeutung für "Aller Seelen" am 2. Nov. (Mönch v. S. 71: 'Heilig seel'!).

-- (61). ... 'Eustacheus der vieng wilt' - 2. Nov. (fast überall neben "Aller Seelen") - "'Eustacheus' Patron der Jäger" (Sch. I, 113); i. keinem anderen Ciss., nur i.d. Laur. Sanct.!

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(64) --. ... 'auss vanknüss, Lienhart, lös all pünt', Lienhart, 6. Nov.; vgl. Teichner 68 'löst uns Lienhart' (Sch. I, 111) - "Lienhart, der Patron der Gefangenen, siehe Stadler. Vgl. besonders Konrad von Dankrotzheim 332 'Der bantlöser Lienhart', Teichner 68." (Sch. I, 112). - vgl. auch Steyrer 41 'Lienhart vieng'; nicht alle Ciss. erwähnen ihn, v.d. lat. auch nur einige Rezensionen.

-- (62). ... 'gepr. vier' - "...; in Trient am 8. November vier gekrönte Brüder in südtirolischen Kalendern, bei Grotefend, Trient November 8. 'Quatuor coronatorum'." (Sch. I, 113). - auch i.d. meisten lat. Rezens. ('Co'), sowie im Namenb. 335: 'die vier gekrönten vin' und im "Cys." - in den anderen Ciss. nicht; dagegen in allen verglich. Kalendern (Grotef.: fast überall).

-- (63). ... "'Mart(in)' Papst am 10. 'Martein' Bischof am 11. November, so z.B. in Brixen, s. Grotefend 2,1, S. 31." (Sch. I, 113). - sonst erwähnt ihn kein Cis.; dafür aber die Mehrzahl der Kalender. Grotef. a.a.O. gibt ihn für Trient zum 12. Nov.; am gl. Tage steht er auch i.d. Pass. Kal. des 14. Jhs. bei Lechner.

65 (63f). ... 'trink ... wein' - '... gens ...'; vgl. Teichner 69f 'So ezze Martein mit Briccen sein gens alein' (s. Sch. I, 111). "56,65 deutet auf die Ess- und Trinkgelage um Martini. Jch verweise nur auf die Cis., Mönch von Salzburg 73, Teichner 69f, Zeiner 63, Steyrer 42." (Sch. I, 112). - Mönch v. S. 73: "mit grossen Marteins kophen" - Teichner 69f s. oben! - Zeiner 63f: 'Martin schenkt gueten most' (vgl. Wolk. 56,51 und 57,49!) 'und hat ouch dabi Elisabeth guote kost' - Steyrer 42: 'Do trannkch Mertt' - vgl. a. Namenb. 336ff: '... Sant Martin, / den man beget ... / mit wines kraft und maniger traht.'

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-- (63). ... 'Britzien', Briccius, 13. Nov. - bei Sch. I, 111 unter den Namen, die Teichner hat und die O. bei 56 fehlen - die meisten Ciss. (a.d. lat.) haben ihn. - 'Ott' ('Öttel'), Othmarus, 16. Nov., fehlt Teichner! - Auch von den lat. Ciss. haben ihn nur sehr wenige; sonst nur beim Mönch v. S., d. "Cys.", dem Namenbuch u.d. Laur. Sanct. Die Kalender erwähnen ihn fast alle.

-- (64). ... 'Jss mit Elsbetha frölich fro'; vgl. die Fassung der Hs. M¹ bei Teichner 69f: 'Fro ist Martein mit Briccen sein gens alein'! - Zu der stabr. Formel 'frölich fro' vgl. zu 43,20.

67 (65). ... 'Cecil, Clement', Cäcilia, Clemens, 22. u. 23. Nov. - Die meisten anderen Ciss. haben beide, auch der Mönch v. S., der "Cys.", das Namenb. u.d. Laur. Sanct.; doch beim Teichner finden sie sich nur in der Hs. M¹!

-- (65). ... Crysogonus, 24. Nov., fehlt bei Teichner, Mönch v. S. und den meisten anderen - nur die lat. Ciss. haben ihn fast alle, desgl. d. Laur. Sanct.! Jn den verglich. Kalendern findet er sich durchweg.

68 (66). ... 'Kunz' ('Kuenzo') - Konrad, 26. Nov.; sonst nur beim Mönch v. S., im Namenb. und im "Cys."; in der ält. Fassung von A für Ged. 57 fehlt er auch. Ebenfalls selten ist er in den Kalendern (nur: Freis. 15. Jh. u. Augsb.!).

-- (66). ... 'Virgil', 27. Nov.; dies ist sein eigtl. Tag - am 26. Sept. translatio Virg.; nur Teichner und Mönch v. S. i.d. Kolm. Hs.! Jn den Kalendern nicht selten.

68 (--). ... 'vischet Änd.' - "Der hl. Andreas war wie sein Bruder Petrus Fischer." (Sch. I, 112).

-- (66). ... 'lauff nach, Anderöttel' (Das Komma hinter 'Virgil' fort und dafür hinter 'nach'!) - s. die Laa. in der ält. Fassung der Umarbeitung in A (vgl. Sch. I, S. 110!): 'Katherina czwar virgili sand nach andreyen' - dazu vgl. Teichner 73:

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'Katrein, send Virgil nach sand Andre'; Zeiner 66: 'Bilhild (27. Nov.) hies kommen Andreas'; immerhin auch d. ndd. Cis. (Pickel, S. 73): 'Na Katherinen kumpt Dreus'!

-- (67). ... 'Cant' = canta, "singe"; zugleich Wortspiel (s.o. zu 40 (39)!) entweder mit 'Candida', 1. Dez. (in Magdeburg u. Trier) oder mit 'Candidus', 1. Dez. (in Brixen, Freis., Trier); sonst in keinem der verglich. Ciss. - 'sola' = sol la (s. C!); vgl. 83,13/14 '... ut ... la ... fa' und 109,127 '... fa sol la'.

69 (--). ... 'hilff uns Barbara' vgl. Teichner 74 'Hilf mit trewen Barbara' (Sch. I, 111) - vgl. Steyrer 45: 'Hilf süezzen Barbar, ...'. Auch im Namenb. eine Anspielung hierauf (Hilfe beim Sterben), doch nicht eine so wörtliche Parallele wie die obigen. - Barb. ist bei 56 nur in C als Festtag bezeichnet (Sch. I, 110).

-- (68). ... 'Nicetus', 5. Dez., Nicetius, Bisch. v. Trier (6. Jh.), nur daselbst verehrt! Jn keinem der verglich. Ciss.!! Von den Kalendern bei Lechner hat ihn nur der Klosterkal. (Diöz. Würzb.), der, wie gesagt, überhaupt sehr viele Namen aufweist.

70 (--). ... ls. 'Nikolas', aus metr. Gründen!

70 (68). ... 'Maria', 8. Dez.: Mariae conceptio. (vgl. Mönch v. S. 79 'empfangen'!). - 57,68 'von Montsera' "deutet auf den Marienwallfahrtsort Montserra in Spanien." (Sch. I, 113).

-- (69). ... 'Damasius', Damasus, 11. Dez.; in keinem der anderen Ciss.! Grotefend u. Lechner i.d. meisten anderen Kalendern. Die ält. Fassung von 57 in A hat 'czu vinedig luceye', dazu vgl. Teichner 76f. 'Zu Venedig / Lucia' (Sch. I, 111).

71 (--). ... 'minnikl. Lucei' - vgl. Mönch v. S. 81: 'sand Lucia mynnikleich gegangen', d. lat. Cis. Vs. 23: 'alma Lucia'; - Bei den anderen ohne dies Attribut.

221

-- (71). ... 'aus Jndia Thomas': Apostel Thomas, 21. Dez.; er war nach der Legende Apostel in Jndien, wo er auch seinen Tod fand. 'Th, künt uns das Jesumlein' vgl. Teichner 79 'Thomas kündet uns geporen Christ' (Sch. I, 111).

73f (71f). ... Zu dieser Aufzählung vgl. Mönch v. S. 84: 'Christ, Steffan, Hanns, kind, Thomas und Silvester' - Steyrer 48: '... Christ, Stephn, Hanns, Chind, Toeml ...'. - Die anderen (lat., Zeiner, Teichner) haben ja auch alle diese Heiligen, doch die Art der Wiedergabe ist gegenüber O. abweichender! - Steffan, Märtyrer, 26. Dez - Hanns, 27. Dez., des Joh. Ev./Ap. Hauptfeiertag, an dem der Wein in der St.-Johanns-Minne geweiht wurde. 'kind', 28. Dez., "Unschuldige Kindlein" - 'Thömel' ('Tho'), 29. Dez., Erzbischof v. Canterbury (12. Jh.) - 'Silvester' haben beim Teichner nur M¹ und M²; bei Steyer'schen, Zeiner'schen, Rostocker u.d. ndrh. Cis. fehlt er ganz! Die Kalender verzeichnen ihn natürlich alle. - Zu 'Silvreie' sind die Laa. von Jnteresse; die ält. Fassg. von A, bei der Schreib- oder Hörfehler vorliegen muss, hat: 'sull wyer greyen'; in B(C) steht: 'silureyen silvester'; in beiden noch 'silvester' dam anderen Wort zugesetzt!! B ist hier also offensichtlich Diktat: 'Silureyen' war dem Schreiber nicht verständlich - Der Diktierende (Osw.) sagte, etwa auf einen erstaunten Blick des Schreibers, erklärend: 'Silvester', worauf der Schreiber nichts Eiligeres zu tun hatte, als das Wort ebenfalls dazuzusetzen. - Wegen des Wortspiels in dieser letzten Zeile von Ged. 57 s. zu Vss. 40 (39).

222

Für die Erklärung und Beurteilung der Oswald'schen Wortcisiojani kam natürlich eine möglichst weitgehende Vergleichung mit anderen Ciss. in Frage. Dabei habe ich mich allerdings, mit einigen Ausnahmen, im allg. auf die bei Pickel (s.o.) abgedruckten, bezw. genannten beschränkt, da ja hier immerhin reichhaltiges Material geboten ist und da andererseits eine umfassende Behandlung der Cisiojani als solche nicht im Rahmen meiner Arbeit liegt. Es war zunächst die Vergleichung mit Teichner weiter zu führen, aber auch der Cis. des Mönchs von Salzburg mehr heranzuziehen. Denn bei genauerem Zusehen ergab sich, dass auch die Parallelen mit diesem die Bekanntschaft O.s damit zumindest sehr wahrscheinlich machen, wenn auch der Teichnerische infolge der Uebereinstimmung in manchen weitergreifenden Anspielungen den Vorrang unter den literarischen Quellen der Kalendergedichte O.s behalten wird (s. Sch. I, 111). Bezüglich der Heiligennamen ergibt sich nämlich folgendes Bild (ich rechne beim Teichner die Namen, die auch nur in einer Hs. oder einigen Hss. stehen, und bei Osw. alle, d.h. die von 57 mit - 'Dolos' 56,62, das in 57 nicht steht, ist ja kein Heiligenname!):

O. hat mehr als Teich. über 50 Nam., davon mit Mönch v. S.: 15. O. hat mehr als M. v. S. über 60 Nam., davon mit Teichner: 18. O. hat mehr als beide über 44 Nam.!

Von den letzten 44 fehlen mit einer Ausnahme (Joh. 29. Aug.) 21 auch sonst in den Ciss., 22 bei vielen; sie kommen hier also nicht in Betracht! - Von den 18 der dem Mönch v. S. fehlenden Namen, die O. mit dem Teichner gemeinsam hat, finden sich einer (Peter, 1. Aug.) auch sonst bei allen, 12 bei mehreren, nur 4 bei wenigen und einer (Wolfg., 31. Okt.) bei keinem; d.h. es kommen für die Beziehung gegenüber dem Mönch v. S. höchstens 5 Namen in Frage. -

Von den 15 der beim Teichner fehlenden, die O. mit dem Mönch v. S. gemeinsam hat, stehen bei vielen: 3 Namen, bei einigen:

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zwei, bei sehr wenigen: 6 und sonst bei keinem: 3 (Walpurg, 25. Febr.; Potenz., 19. Mai; Magnus, 6. Sept.) oder 4 ('pran' 11. Mai, s. zu Vss. -- (27)!); d.h. es sind etwa 12 Namen für die Vergleichung wichtig.

Dieser rein zahlenmässige Vergleich gibt ja scheinbar dem Mönch v. S. ein Uebergewicht gegenüber dem Teichner; doch kommt ausser den schon genannten andersartigen Uebereinstimmungen zwischen O. und Teichner noch folgendes hinzu: beim Teichner finden sich nur höchstens 2. Namen, die er mehr hat, als O. (die Sch. I, 111 genannten beziehen sich nur auf Ged. 56!): Marcus, 7. Okt., den auch der Mönch v. S. hat, und Process, 2. Juli, an dessen Stelle jedoch in den beiden Münch. Hss. M¹ u. M² 'Maria' steht (über diese Hss. s. weiter unten!). Der Cis. des Mönchs v. S. dagegen hat fast 20 Namen mehr als O., was bei dem offensichtlichen Bestreben des Wolkensteiners, recht viele Namen zu bringen (s.a. Sch. I, 110), immerhin die Bedeutung des Mönchs v. S. als O.s Quelle stark herabdrückt! Trotzdem sind, meine ich, die obengenannten Uebereinstimmungen beweiskräftig genug, um eine Benützung auch des Cis. des Mönchs v. S. für sehr wahrscheinlich zu halten. Aus dem genannten Bestreben heraus wird eben O. alles herangezogen haben, was ihm irgend zur Bereicherung des Kalenders mit Namen dienen konnte (s.a.u.!). - Bezüglich der Benützung des Teichner'schen Cis. sind dessen Hss.-Verhältnisse interessant, denn eine ganze Reihe von Namen (17) findet sich in dieser oder jener Hs. des Teichnerkalenders, die der Text bei Pickel nicht bietet; und zwar muss auffallen, dass dabei der Cgm. 234 (M¹) mit 11 Namen überwiegt - allerdings hat er 'Margareta' am 13. Juli statt am 12., und 'Bernhard' 20. Aug. fehlt. - in 3 Fällen wird diese Hs. auch durch die andere Münchener, Cgm. 4425 (M²), unterstützt, die für sich noch 2 Namen allein mit O. gemeinsam hat! Es darf wohl die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, dass diese Hss. selbst (oder besser viell. deren

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Vorlagen?!) als eine von O.s Quellen angesehen werden kann. Eine der Quellen!! Denn der Cis. des Mönchs v. S. ist ja schon als zweite sehr wahrscheinlich, und zumindest hat O. meiner Meinung nach auch eine oder mehrere Rezensionen des lat. Cis. benutzt. Nämlich von den beim Teichner (teils auch b. Mönch v. S.) fehlenden Namen finden sich, bes. in den Monaten Juli bis November eine ganze Reihe fast nur in den lat. Ciss.!

Es werden nun nicht überall literarische Quellen sich feststellen lassen. Solche sind aber auch ganz sicher nicht die einzigen. Abgesehen von Heiligennamen, die O. von Hause aus bekannt waren, wird er auch manche aus eingesehenen Kalendern genommen und auch auf seinen Reisen gehört1, ja gar erfragt haben. Auf der Reise des Sommers 1424 über Salzburg, München usw., Heidelberg bis Köln und Aachen (s. Sch. II, 17 und die Gedd. 99 u. 100) kann er sehr wohl das Material für die schwierige Arbeit eines Kalendergedichtes gesammelt oder vervollständigt haben; denn mehrere der teils bei Teichner, teils beim Mönch, meist bei beiden und anderen fehlenden Namen (z.B. Symeon, 18. Febr.; Roman, 28. Febr.; Arnolf, 18. Juli; Candide, 1. Dez.; Nicetus, 5. Dez.) werden in Köln oder Trier verehrt - auch mittel- und norddeutsche Diözesen spielen hier hinein; trag er ja doch im Rheinpfälzischen (Heidelberg?) bei seinem kurfürstlichen Freunde Ludwig III. v.d. Pfalz sowohl mit den Erzbischöfen

1Die Verehrung in den Diözesen Brixen oder Trient gibt öfter die Erklärung dafür, dass sie bei ihm erwähnt werden; auch die Schweiz (Basel, Konstanz u.a.) scheint Namen beizusteuern; s. z.B. Val(erius), 29. Jan.; Helena, 8. Febr.; Donat, 1. März (Basel, Brixen Trier); Kunigunde, 3. März (u.a. i. Brixen, Köln, Trient); Celestin, 6. Apr.; Leo, 12. Apr. (nur i. Brixen a. dies. Tag); Sophia, 15. Mai (u.a. i. Köln, Konst., Trient); Basilla, 20 Mai (nur in Chur u. Utrecht); Joh. I., Papst, 28. Mai (nur Bremen, Chur, Krakau); Regina, 7. Sept (u.a. i. Augsb., Brixen, Köln, Konst.); Virgil, 26. Sept. (nur Brixen, Pass., Salzb.); Maximilian, 12. Okt. (unter wen. and. i. Brixen, Pass., Salzb.); Candidus, 1. Dez. (nur Freis., Brixen, Trier).

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von Köln, Mainz, Trier als mit dem Kurfürsten von Brandenburg zusammen (s. 100,33ff!), und da mag er dann gefragt haben oder Vorschläge bekommen haben, etwa im Gespräch mit den Fürsten über seine neuesten dichterischen Pläne. Dass er dabei den 'gesprochenen Kalender' schon fertig hatte und vorlegte, läge ja nahe, da die in Frage kommenden Namen meist erst in 57 erscheinen; doch widerspricht dem wohl, dass Arnolf, 18. Juli, der vorwiegend in nord- u. mitteldeutschen, sowie rheinischen Diözesen erscheint (in Brixen usw. nicht!), desgl. Symeon, 18. Febr., wo die Dinge ähnl. liegen, beide schon in 56 stehen!

Jm einzelnen finden sich natürlich noch diese und jene Beziehungen; hier in der Zusammenfassung kommt es nur auf das für die Zeitbestimmung Brauchbare an. Hierzu bemerkt Schatz (Sch. I, 110): "Es kann ganz wohl sein, dass er diese letzte Umdichtung vornahm, nachdem die erste Bearbeitung auf Blatt 13 der Wiener Handschrift eingetragen war, dann hätten wir 1424 oder 1425 als Entstehungszeit." usw. - Es handelt sich hier nur um Ged. 57; doch aus dem eben genannten Grunde sind wohl beide Gedichte zeitlich ziemlich eng zusammenzurücken; die Ansetzung von M. Herrmann, Vjs. f. Lit.-Gesch. III, 606: 1427/28 kommt nicht in Frage, da beide Gedichte schon im ältesten Teil von A, der 1424 vorlag, enthalten sind (s. Sch. II, 28). - Zu den genannten Möglichkeiten für die Entstehungszeit tritt nun noch ein Fehler bei Ged. 56; da steht in A bei der Monatsbezeichnung des Februar (s. Sch. I, 109): 'Hornung hat XXIX tag' - das Jahr 1424 war Schaltjahr!1 Danach sehe ich also die

1Das könnte ja als Fehler des Schreibers angesehen werden; doch ist zu bedenken, dass O. es nicht verbessert hat (s. Sch. II, 30f. über die Verbesserungstätigkeit des Schreibers b (Osw.!?) in A Bll. 1-25a!).

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Entstehungsgeschichte von 56/57 etwa folgendermassen:

Oswald trug sich, irgendwie angeregt, mit kalendarischen Stoffen1, während er die Deutschland-Reise im Sommer 1424 unternahm. Vielleicht hatte er, bevor er abreiste, die Zusammenstellung von bisher Gedichtetem in einer Hs. angeordnet - daher etwa die vielen Verbesserungen gerade in dem ältesten Teil der Hs. A, der 1425 vorlag!? - Auf der Reise kam weiteres Material für die Kalender zusammen oder er bekam auch überhaupt da erst die Anregung zu diesen Stoffen unterwegs. Als er dann im Herbst oder Winter (s. Sch. II, 17f) zurückkam, gestalteten sich diese Dinge zu Gedichten (57; 56; 79) und wurden noch der inzwischen fertiggestellten Sammlung angereiht. Die ältere Fassung von 57, die in A auf Bl. 13 ab (wirklich Schreiber a? s. zum Schreiber e Sch. II, 27, Anm.!) stand und zum Teil getilgt wurde, war jedenfalls der erste Entwurf zu 57 (s. Sch. I, 110), den O. nicht in die Sammlung seiner Gedichte endgültig aufnehmen wollte (im Verzeichnis auf Bl. 38 a fehlt dies Stück auch, s. Sch. II, 30!). Denkbar, ja mir am wahrscheinlichsten ist es, dass 56 schon während der Reise entstanden ist, als der "Hornung" mit "XXIX tag" noch in lebhafter Erinnerung war (vgl. zu d. Gedd. 99; 100); für 79 kann wohl nur allgemeiner 1424 angesetzt werden.

Jch setze also, um noch einmal kurz zusammenzufassen, 56 in den Frühling - Sommer 1424, 57 in das Spätjahr 1424 (und 79 allg. ins Jahr 1424).

Eine dichterische Beurteilung erübrigt sich, da ein solcher Masstab bei Kalendergedichten dieser Art unangebracht

1Ged. 79 (Astrologie!) gehört auch hierher und ist höchstwahrscheinlich auch in dieser Zeit entstanden, denn es steht in dem ältesten Teil von A mit 57 und 56 zusammen; 98 und 111 sind erst später zwischengeschoben (s. Sch. II, 28!).

227

ist (s. oben zum Metr.!). Doch darf auch hier nicht unerwähnt bleiben, dass O. durch die Aufnahme und die Art der Verarbeitung so vieler Heiliger - es sind 170, also beinahe jeder zweite Tag! - eine Sonderstellung (und keine schlechte) unter den Verfassern ähnlicher Dinge einnimmt!

Es ist noch eine rein kalendarische Sache erwähnenswert: A hat das Ged. 57 als Kalendertabelle aufgezeichnet, die Schatz (Sch. I, 121) nach der Hs. abdruckt. Da fällt auf, dass die Reihe der goldenen Zahlen mit 19 anfängt, statt, wie sonst im Ma. üblich, mit 3, da man das Jahr 1 der 19-jährigen Mondzyklen mit Christi Geburt begann; also:

Dez. 24 / 1
25 / -
26 / 9
27 / -
28 / 17
29 / 6
30 / -
31 / 14
Jan. 1 / 3
2 / -
3 / 11

usw.

Nun weist aber schon Grotefend, Handb. d. Chronologie (1872), S. 47 Anm. darauf hin, dass man im 15. Jh. die bemerkten Unstimmigkeiten zwischen dem Julian. Kalender und den wirklichen lunaren Verhältnissen bei den Kalendarien aufzuhelfen suchte, indem man die Reihe der goldenen Zahlen, die ja die Neumonde angeben, verschob. Das erwähnt auch Alb. Thijm a.a.O., S. 57ff, denn der von ihm veröffentlichte ndl. Kalender des 15. Jhs. beginnt die Reihe der gold. Zahlen ebenfalls mit 19 - das Gleiche findet sich in dem genannten "Bamberger" Kalender (15. Jh.). Es ist dies anscheinend die von den Astronomen der Zeit festgelegte Verschiebung für die Jahre 1420-1439. Aus einem Kalenderstück (August) nämlich, das R. Klug, Der Astronom Joh. v. Gmunden (* 1380) und sein Kalender, Linz 1912, S. 29 abdruckt (a.d. Hs. 69 des Stiftes Wilhering, die auch den Kalender für

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1439ff von Joh. v. Gmunden enthält), ist zu ersehen, dass für diese Zeit (1420-39) die Reihe der gold. Zahlen mit 19 beginnend festgesetzt war; denn in den genannten beiden Kalendern, sowie bei O.s Tabelle, beginnt, entspr. dem Augustbeispiel bei R. Klug, der August mit der gold. Zahl 131. Diese Verschiebung erstreckt sich nicht nur auf die Zahlenreihe an sich, sondern auf die Zusammen- und Auseinanderrückung der Zahlen (die Reihenfolge bleibt immer dieselbe). Und diese Verschiebung ist bei den angeführten Kalendern, desgl. bei O. jedesmal anders - daher hier nur festzustellen bleibt, dass die Oswald'sche Tabelle den Chronologen einen weiteren Beleg für diese vorgregorianischen Korrekturversuche bietet2.

1Der Kalender der Augsb. Diöz., den Lechner a.a.O. S. 247ff bringt und ins 13./14. Jh. setzt, ist demnach, da er auch die Reihe der gold. Zahlen mit 19 beginnt, wohl ins 15. Jh. zu rücken. (Ueber sonstige Ungenauigkeiten bei Lechner s. Grotefend, Zeitrechnung II, 1 Vorwort!).

2Das Konst. Konzil beschäftigte sich ebenfalls mit diesen Fragen (bes. i. März 1417); vgl. v.d. Hardt, Magn. Conc. Const. (1700) Tom. III, P. VI (Sp. 71-91), bes. Cap. II (Sp. 74ff) u. VI (Sp. 86ff); zu endgültigen Formulierungen, gerade bezügl. d. gold. Zahl, scheint man nicht gekommen zu sein ("Nec sic aureus numerus seu primationis lunae poterunt corrigi et stabiliter signari in Calendario ...").

229

58 (91)

(Ag 56, f. 33 a; fehlt BC)

Metr.: ähnl. 2; 11; 59; 83; 87; 126 (im 4. Vs. jd. Strophenteils etwas abweichend von diesen; s. zu 11, Metr.). Die Reimverteilung ist gleich der von 2; 59; 87.

Es finden sich einige Unebenheiten, von denen nur eine zu beseitigen ist (s. zu Vs. 11!) - die anderen müssen bleiben: Bei den Vss. 7 (3), 18 (2), 25 (1), 26 (2), 30 (2), 31 (3), 33 (1), 34 (2), 37 (1), 39 (3) fehlt der Auftakt. Die Auftaktlosigkeit fällt deshalb ins Gewicht, weil Auftakt und erste Hebung fast durchweg (mit Ausnahme der ersten Abgesangszeile) in der Mel. verschiedne Tonhöhe haben (1. a-b; 2. f-g; 3. f-c; 4. a-f -- Abges.: 1. a-a; 2. f-a; 3. d-e; 4. c-f), und erhält eine Abschwächung höchstens dadurch, dass die Auftakttöne die gleichen sind wie die Schlusstöne der vorhergehenden Zeile (ausser Abges. 3); Stoll. 1. u. Abges. 1. gehen textlose (instrumentale !?) Melismen voraus, die am Schluss den gleichen Ton haben wie der folg. Auftakt! Schroff auftaktlos sind von den genannten Vss. zunächst: 7, 18, 25, 33, 37; die anderen sind durch die scheinbar zweisilb. Reime, die vorausgehen veranlasst - "scheinbar", denn die Vss. 27, 32, 35, 38, 40, denen auch solche Reime vorausgehen, haben Auftakt, und die Mel. lässt, abgesehen von der 4. Zeile jd. Strophenteils, nur Versschlüsse zu, die entweder einsilb. mit folg. Auftakt oder zweisilb. mit folg. Auftaktlosigkeit sind. Sollte der Mel. keine grössere Gewalt angetan werden, so ist es nur denkbar, dass eben der Auftakt fortgelassen wurde, und zwar bei allen auftaktlosen Versen dieses Liedes.

230

Daher sehe ich, um der Einheitlichkeit der "zweisilb." Reime willen, diese ebenfalls als einsilbig an, wie es ja auch der metr. Rahmen des Liedes verlangt: 25-27, -u͡ng; 29-31, -a͡m; 33-35, -affn; 37-39, -ern. - vgl. a.d. Reimverhältnisse des folg. Liedes!

Melod.: (79) eigene, bewegte Mel., die dem ironisch-fröhlichen, "hüpfenden" Charakter des Liedes entspricht.

4ff. ... Schon diese Ratschläge sind natürlich, wenn man sie mit dem Jnhalt des ganzen Liedes zusammenhält, ironisch gemeint.

11. ... Für eine Ergänzung, die der Vers gegenüber der Hs. fordert, liegt 'rainen' jedenfalls am nächsten: vgl. z.B. 63,9.

12. ... vgl. die Episode 59,57ff! Osw. war ja auch alles andere eher, als gerade ein "schöner" Mann!

13. ... 'Des' bezieht sich nicht nur auf die vorhergehende Zeile, sondern auf die ganzen Erfahrungen und die daraus folgenden Ratschläge.

14. ... 'Do' - das Festhalten an der Hs. ist hier (sowie Vss. 25 und 30) das Gegebene (Sch. I hatte diese drei Stellen in 'da' geändert). - 'tanzhaus' - "Das genannte 'Tanzhaus' befand sich gegenüber der St. Morizkirche, ohngefähr an der Stelle des heutigen Merkurbrunnens." (Schrott, S. 201, Anm. 11). Vgl. a. Chr. d. dt. Städte, Augsb. (bes. Bd. IV = Augsb. I, 316, 5 u. Anm.); 1396 wurde es an der genannten Stelle in der heutigen Maximilianstrasse neu erbaut und stand da bis ins 16. Jh.

16. ... ls. 'gviel' - 'der gviel in ...' s.o. zu Vss. 4ff!

18. ... 'nit' (: sit) - bei O. nur noch 61,18/20 (: trit), sonst stets 'nicht' im Reim (22 x !). - Die Form 'nit' wäre

231

ja für den Tiroler Dichter nichts Besonderes (vgl. Maurer, S. 52, wo allerdings die Belege aus Weinh. Mhd. Gr.² § 244 fälschlich herangezogen sind); doch muss auffallen, dass gegenüber dem bei weitem vorwiegenden Gebrauch der Form 'nicht' die beiden einzigen Fälle von 'nit' sich in Gedichten des (Augsburg-) Konstanzer Kreises finden, die auch sonst einige mundartliche Kennzeichen aufweisen (vgl. 41,20 'teschen' C; 59,17 'seg'; 59,18 'genesch'; 59,41ff 'fläsch, täsch, gnäsch'). Da diese Kennzeichen ins Alemannische führen, wäre ich geneigt, auch die Form 'nit' hierfür in Anspruch zu nehmen (vgl. 59,44 i.d. Hs. Ag 'nit'!) und für O. selbst 'nicht' als das Gebräuchliche anzusetzen - wo er übrigens ausdrücklich seine Ma. kennzeichnen will, hat er 'neut' (aus 'niut'): 81,15, das zwar nicht im Reim steht, jedoch als Unterstützung obiger Meinung gelten kann!

19ff. ... ls. 'hielt (ich) es mit' - Sch. I hat 'ich' (desgl. B. Web.)! - Ehrismann, a.a.O. 252 schlägt vor, nach 'gaiss' ein Komma zu setzen; doch selbst dann würde 'hielt ich es mit' noch in der Luft schweben. Jch setze hinter 'gaiss' Punkt und hinter 'mit' Komma, denn der folgende Konj. Prät. (O. braucht ihn stets bewusst: 63,151; 67,5; 80,24; 92,19) macht wohl deutlich, dass 'hielt ich es mit' als konditionaler Vordersatz anzusehen ist! - "Hielte ich mit (d.h. nähme ich das ohne Widerspruch hin), so müsste ich es doch als sehr ehrenrührig ansehen, dass ...".

22. ... 'vor gehatzt' - "aufgehetzt und vorgeschickt" (von solchen, die ihm nicht wohlwollten) - vgl. 'guets ... fürgehatzt' 97,74 (Gutes vorausgesandt, d.h. i.d. Himmel).

23. ... 'het sich m. d. füchsen kratzt': "wäre mit im Komplott";

232

vgl. Vs. 22! Jedenfalls wohl eher diese Bedeutung, als: "hat sich mit Buhlschaft abgegeben" (so B. Web. Gloss.).

25. ... 'nach der snuer' - "in gerader Reihe" - nach 'sprungen', ebenso:

27. ... nach 'gelungen' Komma (M) - zu Metrik und Reimen von Vss. 25ff, wie auch 29ff, 33ff, 37ff s.o. bei Metr.!

34. ... ls. 'ùnd geléicht mich zàinem áffn'.

35. ... 'gästlin': "armer Gast, Frauenwerber, Pilger" gibt B. Web. Gloss. als Erklärung, wovon wohl die mittlere am ehesten in den Zusammenhang passt. Die ausdrückliche Verwendung des Demin. macht jedenfalls einen prägnanteren Sinn als bloss "Gäste" wahrscheinlich.

36. ... 'für alle ...': besser als alle ... (erg. 'freulin'!).

37ff. ... Zu dem Reim vgl. a. zu 55,15f.

37. ... Punkt nach 'werden' (Türler).

38. ... "Das kann sie auch umkehren in den Spr.", d.h. sie kann auch anders sein: das Sticheln und Schalten kann sie auch wandeln in vergnügtes Herumtollen im Tanze.

39f. ... Nach 'erden' am besten Kolon und nach 'kind' Ausr.-Z. (Türler), ebenso:

41. ... ein Ausr.-Z. nach 'tock'.

43. ... ls. 'verts'! - 'umbhín' nur hier, sonst nur 'úmbhin' (Vss. 26 u. 38 u. 43,15). - 'umbh. a. a. pock' vgl. 43,15 'pöckisch well wir umbhin ranzen'!

44. ... ls. 'gswier' = geswüere! - Entrundung; s. Schatz, Ma. v. J. § 56, Ders. ZsFerd 47, S. 45; vgl. a. Wolk. 59,4, 8, 12, 16; 59,61ff; 110,15/17; 118,7/8 u. 159/160; 119,33/36 'gepirt : verirt' und dazu a.a.O. § 49 u. S. 26; (auch 92,14/16?). - Jndirekte Rede: "(sie sagt,) sie möchte schwören, dass ich blind wäre".

45f. ... s. zu 1,4; vgl. 5,17f; 30,6; 59,21; 64,96; 100,29.

233

'gesich : ungelich : mich' - in der überwiegenden Mehrzahl 'geleich' auf ei (aus î) sogar auf altes ei; doch ganz allein steht dieser Reim zu i nicht: vgl. 69,12; 109,9/11; 117,78/84! Es wird sich jedenfalls um unreinen Reim handeln, wenngleich eine Beeinflussung durch die Adj.- und Adv.-Endung -lich nicht ausgeschlossen erscheint; diese findet sich nämlich ungleich häufiger (auch bei Advv.!) im Reim auf -ich und ist in solchen Fällen sicher als kurz anzusetzen. (vgl. auch Maurer, S. 11f, der jedoch nur ganz kurz darauf eingeht).

47. ... 'reib' kann kaum als Prät. angesehen werden, denn aus den Laa. der anderen Gedichte, die der Schreiber Ag geschrieben hat (12; 35; 41; 49; 54; 59; 75; 76), ist für altes ei nur die Schreibung ai zu erweisen. 'reib' ist 3. Pers. Konj. Präs. als Ausdruck der indirekten Rede (s.o. Vs. 44!): "daher (weil sie mich für blind halte) schmiege sie sich nicht an mich" - Dass 'si' in der Hs fehlt, erklärt sich aus der Ekthlipsis 'si͡ sich' beim Vortrag.

48. ... ls. 'narrn' - 'vint' entweder = 'vindet'; dann steht besser vorher Punkt (nach 'mich') - oder = 'vinde' als Fortsetzung der indirekten Rede, was ich für wahrscheinlicher halte.

Schatz rückt die beiden Lieder 58 und 59 zeitlich zusammen, indem er darauf hinweist, dass sie nur in A, und da unter anderen, zeitlich nicht hergehörigen Gedichten, zusammen stehen. Weiteres s. bei Ged. 62 (für 58-62).

234

59 (5)

(Ag 57, f. 33 b; fehlt BC)

Metr.: gleich 67; ähnl. 2; 11; 58; 83; 126. Vgl. zu 11 und 58, Metr.

Melod.: (11) eigene Mel., von der mit fast noch mehr Recht das bei 58 Gesagte gilt. Eine leise Aehnlichkeit mit der Mel. von 87 (62) ist erkennbar.

2. ... 'ungenetzt beschoren' übers Ohr gehauen, geprellt, übervorteilt (vgl. DWb. 8, 2575, 4h, β).

3. ... 'Costnitz' - Dies ist die von O. offensichtlich bevorzugte Namenform: vgl. 59,52 u. 75; 60,6; 61,2/12/32; 113,62; 115,19 - nur 63,10 hat er 'Costenz' (Constentz C). Marmor, Geschichtl. Topogr. der Stadt Konst. (1860), S. 1 Anm. weist darauf hin, dass in den Urkunden der Stadt im 14./15. Jh. nur 'Costenz' geschrieben wird, und bezeichnet 'Costnitz' als eine slavische Umbildung. Ulr. v. Richental hat ebenfalls nur 'Costenz'. - Ebenso scheint sich tatsächlich in den Chroniken, die Ruppert, Die Chroniken der Stadt Konst. (1891/92), veröffentlichte, nur die Endung -enz (-anz) zu finden. Von den Liedern und Gedichten bei Liliencron, Hist. Volksld. I, die sich auf Konstanz beziehen, haben, mit einer Ausnahme, alle -enz(e), -anz(e). Diese Ausnahme ist die Rede Joh. Engelmars vom Konzil; sie hat durchweg -niz (nicht im Reim; die Hs. stammt aus St. Paul in Kärnten!!). Aus Oesterleys Hist.-Geogr. Wb. ist eine Scheidung nach dem Gesichtspunkte deutsche: slavische Namensform nicht zu ersehen, da -nitz(e) auch in der Schöppenchronik (1105!), sowie einigen Nürnberger Chroniken (1368; 1415) erscheint; auch Konstanzer Quellen haben danach anscheinend bisweilen diese Endung; doch überwiegt bei

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Oesterley -anz, enz(e), ence u.ä. Abgesehen von einem Teil der genannten Belege wird die Ansicht Marmors wohl bestätigt durch die RTA; denn von den rund 40 Malen -nitz (unter im ganzen rund 275 x), die in den meisten Fällen natürlich nur durch die Feststellung der Herkunft des Schreibers erklärt werden könnten, stehen 11 in Urkunden aus der Kanzlei König Wenzels (RTA, Bd. I) und 9 in Urkunden aus den Jahren 1428-31, also der Zeit der Hussitenkämpfe Sigmunds (RTA, Bd. IX). Warum nun O. diese also jedenfalls slavische Form vorzieht, lässt sich jedoch schwer sagen. Bei Eb. Windecke (Altmann, Ausg. d. Hannov. Hs. H) übrigens nur -enz, -anz; doch hat danach die Gothaer Hs. G einmal -nicz (a.a.O. S. 85, Kap. 85 = in G Kap. 73 Ueberschrift).

7. ... 'ob': "um zu sehen, ob ...". - 'sich verschart': "sich verliert, versteckt"; vgl. 12,7.

11f. ... 'ain süessen rimpf, als der ...' - aus dem Nachsatz geht die Jronie der Stelle hervor. Er hat sich auf einen wirklich 'süessen rimpf' gefasst gemacht und musste nun sein Gesicht verziehen, "wie wenn mich einer erschlagen wollte". Nach 'erslüege' stünde besser ein Kolon.

15. ... 'die weil der kurzen aines was' - "solange noch ein kurzes vorhanden war"; d.h. solange noch eins kürzer als die andern war, galten diese als lange und wurden gerupft. Scherzhafte Umschreibung für die "ganze Arbeit", die das 'freulin' machte!

16. ... 'kriege': Adj. "störrisch, struppig"? Jch glaube allerdings, dass doch wohl an 'kriec': "Flaschenzug, Winde" zu denken ist! - "Sie glaubte, es wären Winden" (, an denen sie sich hochziehen könnte). - Der Reim 4/8/12/16 '-üege : kriege' ist aus Entrundung zu erklären und für Osw. als rein anzusprechen (s. Schatz, Ma. v. J.

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§§ 51 u. 56 und ZsFerd 47, S. 45); vgl. zu 58,44. Die unreinen Reime bei den Parallelversen der 3., 4. und 5. Str. beeinträchtigen diesen Schluss nicht (2. Str. gedehntes -ō- : -ô-, also rein!).

17f. ... 'seg' und 'genesch' entsprechen der Konstanzer Ma. (s. Sch. II, Anm. zu 59,41); vgl. den Reim 'fläsch : täsch : gnäsch' 59,41ff, sowie 41,20 'teschen' C!

18. ... 'genesch': "Leckerheit, Lüsternheit" - der Satz ist sprichwörtlich, wobei 'genesch' auch häufig als persönl. (= nascher) aufgefasst wird (s. Schm. Fr. I, 1765f). - 17/18 ist des zweiten 'freulin' Rede, die es mit den folgenden Handgreiflichkeiten bekräftigt!

21. ... 'das pesser aug': das linke Auge, d.h. das, mit dem er noch gut sehen konnte (vgl. zu 1,4).

22f. ... 'die ertrünk z'arg vervieng ...': "Die Ehrentrünke (= diese Empfänge) übel aufnahm und mein Maul darum gar sehr hängen liess". - Komma fort nach 'vervieng'!

25. ... 'wer aim leicht, das ist ain gelt': "Wer einem auch leiht, es ist eine Schuld", d.h. Schulden sind Schulden, gleich wer der Ausleiher ist. Hier wohl in Anspielung auf die vorhergehende Szene (vgl. Schm. Fr. I, 1465 "R.A. 'Einen zu leihen nemen', ihn derb abprügeln"); s.a. u. Vs. 28!

26. ... ls. 'Älle' - das sind jedenfalls die beiden 'freulin', die ihn so freundlich empfangen haben!!?

27. ... 'gumpen' hier spöttisch als Kennzeichnung des Passganges.

28. ... "Darum haben wir noch mehr verloren" - im "Spiel" mit den 'freulin', denn jetzt entziehen sie sich uns, sodass wir ihnen nicht einmal "die Schulden abzahlen" können (s.o. Vs. 25!).

29. ... Jronisch!! - 'Der' Gen. Fem.!

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29-31. ... 'sêr : entwër : hër' - s. zu 45,36/37.

31. ... ls. 'gestreut in d'stuben ...'!

36. ... Wohl besser 'pei der wide' zu lesen: "beim Strange" (vgl. 23,2 und 40,28!); Schatz (Sch. I, 113) hält es auch für ein Wirtshaus (wie Vs. 77 'Slegel'), und Marmor a.a.O. 50ff kennt allerdings ein Widenhaus (am Widengraben im SO der Stadt, nahe am Bodensee), doch ist nicht zu ersehen, ob als Wirtshaus und ob für 1415. Ein anderes 'Richmans widenhusz', erwähnt Ulr. Richental (Buck, S. 80 unten) als auf dem Brühl (nördl. d. Stadt) gelegen; dieses findet sich auch auf dem Stadtplan bei Marmor (s. a.u. Vs. 37f). Der Ausdruck 'pei der wide' lässt aber doch wohl die oben angenommene Bedeutung als die richtige erscheinen, zumal sie ja auch nach dem Zusammenhang recht nahe liegt!

37f. ... ls. '"zal gilt, du muest", was ir gesank, "dem Stainbrecher von Nesselwank!"'. Dieser ist offenbar der Er, der Vs. 42 das Geld in Empfang nimmt (Türler, S. 114). - d.i. zweifellos die richtige Zeichensetzung; Vs. 38f ist ein neuer Satz. Wer jedoch der 'Stainbrecher von Nesselwank' war, wird sich wohl ganz nicht klären lassen. Die Bezeichnung als "Wirtschaftspächter des Gasthauses zur "Wiede"" (Schrott, 204, Anm. 30) wäre nur möglich, wenn man 'wide' als Wirtshaus ansähe (s. o. z. Vs. 36). - Bei Ulr. Rich. wird ein 'Conrat Stainbrecher' genannt, der im Gefolge des Marktgrafen v. Niederbaden in Konstanz war (Buck, 210). Doch ist wahrscheinlich an den 'Ulrich Stainbrecher von Nesselwangen' zu denken, über den u.a. König Sigmund die Reichsacht verhängt auf Grund der Klage einiger Konstanzer Bürger (s. RJ. unter d. 19. Sept. 1418, Ulm); worauf sich diese Klage bezog, konnte ich allerdings leider nicht feststellen, denn das "Achtbuch", dem

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die Notiz in RJ. entnommen ist, enthält nach freundl. Auskunft Herrn Professor W. Altmanns, ebenfalls nur kurze Notate. - "Nesselwang ist ein an der Strasse Ueberlingen nach Stockath gelegenes kleines Pfarrdorf" (Schrott a.a.O.); es gehörte in den Zinsbereich von Konstanz (Oesterley, Hist.-geogr. Wb. a. 1375).

41. ... 'ain fläsch' - sodass er mich wie eine solche "aussaugen" könnte. (vgl. 112,31!). - Zu dem Reim s. oben zu Vss. 17f.

43f. ... 'ich wil': "ich meine" - Komma nach 'wil'! - "Jch meine, dass er diese kleine Näscherei noch keinem abgeschlagen habe". Worauf O. anspielt, lässt sich nicht entscheiden; war der Steinbrecher ein Kuppelwirt? - 'des ... gnäsch' - Gen. ohne -s (mit Ekthlipsis!) vgl. 'kreutz' 79,160! - auch 81,67; 92,44, jedoch ohne Ekthlipsis (s. Maurer, S. 56). B. Web. sieht 'gnäsch' als Verbalform an, was zunächst besticht, aber doch wohl den Satz noch unklarer machen würde.

45. ... 'gewandelt' : "gewechselt".

47. ... 'wer' hier am besten: "Widerstand".

48. ... Etwas anderes als 'grimme' kann mit dem 'gm̄e' der Hs. kaum gemeint sein (B. Web. löst es in 'germe' auf!).

50. ... 'Vast edel, notig' ("gar vornehm, aber dürftig") sind auch auf 'gepräng' ("Getue") zu beziehen. - 'swacher swanz' gibt dann kurz zusammenfassend noch einmal das Vorhergehende wieder; nach 'swanz' muss natürlich das Komma fort!

51. ... 'was uns nicht teuer' - "würde nicht teuer für uns" (, wenn wir da mitmachten).

53. ... ls. 'fundn' - 'in solchem lauff': "bei solcher Gelegenheit", d.h. in ähnlichen Fällen.

54. ... 'aller hendlin' s. zu 11,3!

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56. ... ls. 'meim'.

57. ... 'gelert': "gelernt"! s. zu 48,34!

59. ... 'heur als vert' - in diesem wie im vorigen Jahre: gleichgültig; vgl. 83,20!

60. ... 'ab mir want den kragen': "mir den Hals abwandte", d.h. mir den Rücken zukehrte.

61ff. ... 'heut : leut : gedreut' - Auch bei diesem Reim handelt es sich um Entrundung; denn der Vokal von 'heut' (Dat.) und 'leut' (Plur.) entspringt aus umgelautetem -iu-, das nach Schatz, ZsFerd. 47, S. 46f tirol. zu -ai- wurde (vgl. a. Schatz, Ma. v. J. § 54, S. 65 unten) - auffällig bleibt immerhin die Form 'gedrait', da man mundartl. eher 'gedrât' erwarten sollte. Somit ist wohl dieser Reim nur als annähernd rein anzusprechen. - "... oder ist euer Leib aus Gold gedrechselt?" vgl. 67,2!

65. ... 'ain weise mugg' - scherzhafte Einleitung für die folg. sprichwörtl Anspielungen auf den Hochmut des 'freulin'; vgl. C. Schulze, ZfdA 8, 376ff (bes. 379) desgl. II. Teil, 2. Kap.

67f. ... 'und slechte gwinn ain edle prugg' - 'slechte' bezieht sich jedenfalls auch auf 'pürd': "mit glatter (ausgewogener?!) Bürde kommt man gut über die Brücke, ob man geht oder reitet".

69. ... 'wer über well, der über walzt' - "Wer zu hoch hinaus will, überschlägt sich" (Hochmut kommt vor dem Fall). vgl. 97,39ff, sowie Freidank 28,23ff u.a.

70. ... 'gepfalzt' - "passe nur für einen Fürsten" - nach dem ganzen Zusammenhang kommt eine andere Deutung kaum in Frage (B. Web.: 'phaltzen' = stützen; vgl. Schm. Fr. I, 427).

71. ... 'kalzt' : "laut prahlt" - vgl. 42,38 (= schelten).

72. ... 'der leut': "der Bewerber".

73f. ... Das Gleiche 121,36f - aus Freidank (84,6/7 = Paul 35) -

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vgl. auch Wolk. 97,78f 'ain täglich grober mensch, dem als sein tuen gevallet'. - Dass O. gerade dies Sprichwort bevorzugt, entspringt derselben Denkungsart, wie seine Selbstironie.

76. ... 'An der seiten' - d.h. da, wo der Geldbeutel hängt!

77. ... Sch. I hat 'guldin' mit der Hs.; doch erscheint hier die Aenderung gerechtfertigt wegen des Acc. Sing. (aus 'gúldèinen'!); vgl. 63,114 (Subst., Dat. Pl.?); 63,178 (sw. Dat. Sing.); 80,11 (sw. Nom. Pl.); dagegen 56,6 (st. Nom. -er); (63,158); 87,6 (unfl.); 101,37 (Subst. Acc. Pl.): - 'guldein Slegel' - auch hier ists nicht sicher, ob es sich um ein Wirtshaus handelt (Sch. I, 113). Denn nachweisen lässt sich anscheinend nur ein Haus zum Schlegel ('hus, das da haiszt zuͦ dem schlegel, by sant Laurentzen', Ulr. Rich., Buck S. 129). Dasselbe Haus erwähnt Marmor S. 171 und bemerkt, dass es 1526 einem Goldschmied gehört habe (war das nun auch zu O.s Zeit der Fall?). Dagegen wird bei Ulr. Rich. mehrmals ein Haus zum gold. Schwert genannt, in dem die englischen Bischöfe wohnten und das ebenfalls ganz dicht bei St. Lorenz (heute Wessenbergstrasse 4) stand. Vielleicht verwechselte O. die Namen? - Die englischen Bischöfe gaben am 24. Januar 1417 ein Festmahl, zu dem 'all rät und sust erbaer lüt' geladen wurden. Dabei wurde ein Weihnachtsspiel aufgeführt. Eine gleiche Veranstaltung, nur noch prunkvoller, fand am 30. Januar (Uff den fritag vor der liechtmesz'), also drei Tage nach Sigmunds Ankunft in Konstanz, statt: 'luͦdent ... unszern herren den küng, all weltlich fürsten und die groszen herren und in sonder hertzog Ludwigen von Payern und burggrauf Fridrichen von Nürenberg und ettlich ander grauffen und nün bischoff und etlich auditores ze tisch, als das da vor

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geschriben statt, in das hus zuͦ dem guldin swert.' Doch s. unten zu Ged. 62.

79. ... 'et wo ...' - "wohin immer in der Welt ich mich wende". - Für 'ker' ist wohl 'kege' oder gar 'kegel' einzusetzen - 'kegen' = ziehen, auch intrans. (s. Des Teufels Netz, Barack, ausser 8 x trans. auch 2 x intrans.: 7811 und 12837; vgl. auch Schm. Fr. I, 1231 und 1026 oben), wobei eine Verwechslung mit 'kegelen' möglich ist (vgl. Konrad v. Würzb., Lied 18, Vs. 24 'kelget'!).

80. ... 'meide' - -d- : -t- vgl. zu 28,1; s.a. zu 17,55/56 (-nd- : -nt-) und 70,32 (-ld- : -lt-).

Zeit s. zu Ged. 62 (für 58-62).

60 (4)

(Ah 98, f. 53 a; B 45, f. 19 a; C, f. 48 a)

Metr.: gleich 107; nur haben bei Ged. 60 die Schlusszeilen der Abgesänge Auftakt (ausser Vs. 51!), diese Verse haben also das Schema –4–̤̀, bei 107 jedoch: –̭4–̤̀ (beide Male kling. Kadenz mit paus. 4. Hebung; vgl. zu Ged. 4, Metr.!). - Die Jnreime bei Vss. 1-4 von 107 sind überschüssig. - Die Zeilen 5/6 der Stollen sind wohl besser als je eine Zeile (–6–̀) zu lesen, was sowohl durch die Mel. als bes. durch Sinneseinschnitte gestützt wird (vgl. 60,35/41/65/71; 107,35/41).

Melod.: (76) gl. d. Mel. von 107 (17); nur in B Hinweis, und zwar bei 60 auf 107 (107 steht auch in beiden Hss., in B unmittelbar, vor 60!).

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4ff. ... 'vierzen pf. fünfzen schilling' - 'pfifferling' = Pilze, zugleich als das übliche Bild für: Kleinigkeit. Dementsprechend ist dieser Satz nur als scherzhaft allgemeine Bezeichnung der Teuerung aufzufassen: 14 Nichtigkeiten kosten 15 Konstanzer Schillinge (vgl.: 3 Männer und 4 Meinungen).

7f. ... Dies könnte schon eher eine wirkliche Preisangabe sein; allerdings macht die spasshafte Formulierung der zwei Verse ein ähnliches Bild der Teuerung schlechthin wie das vorhergehende wahrscheinlich, zumal wegen der Formel 'umb ain ai'! Der für Konstanz vorgeschriebene Preis war: 'Ain ay umb ain haller und nit türer' (Ulr. Rich., Buck, S. 40).

9. ... 'ain gross geschrei': übermässig viel - doch vgl. Schm. Fr. II, 591: "Katzengeschrei, Gericht, aus Resten zerschnittenen Fleisches, besonders Kalbsbratens, in einer Brühe bereitet".

10. ... 'rai': Tafelrunde.

11. ... 'lai' - es handelt sich hier kaum um das swm. 'leie', das doch wohl zu prägnante Bedeutung hat, sondern jedenfalls um das indekl. gewordene 'lei(e)' in Verbindung mit 'manger', wobei durch die Beugung immerhin eine bemerkenswerte Konstr. entsteht. - "Aus kleiner Schüssel geht der Essreigen von vielerlei Teilnehmern, denen ...". Diese Stelle wäre dementsprechend aus den Beispielen für st. Flexion statt sw. im Reim bei Maurer, S. 58 zu streichen!

16. ... 'tar' = "darf"! vgl. 4,24.

17. ... Anführungsstriche vor 'damit' - der Wirt spricht, bis Vs. 30!

21. ... 'hessen' als Jnterj. aufzufassen (= hess; s. Schm. Fr. I, 1179, huss, vgl. 78,1!), würde wohl dem Sinn der ganzen

243

Stelle am besten entsprechen; nach 'hessen' Ausr.-Z.: "schleunigst fort!"

23. ... Vgl. 112,105f.

24. ... "da gibts keinen anderen Ausweg".

25f. ... 'i. gib e. kurze ellen u. nim d. langen nach dem tag' - sprichwörtl.: ich geb euch wenig und nehme hinterher viel dafür.

28. ... vgl. 59,37.

29f. ... 'wellen mit ainer kellen' - ? - sprichwörtl.? "Mit dem Löffel rühren"??

31. ... 'slehentrank' - bäurischer Krätzer; (vgl. Ring 37,35 'slehenwazzer').

34. ... An 'Traminn' denkt O. wegen des berühmten Traminer Weines (vgl. 109,94).

36. ... 'ungelimpfen' - die sw. Form erscheint O. nicht ungeläufig zu sein: vgl. 70,15 'gelimpfen'; wenn es auch hier sich um den subst. Jnf. handeln könnte. Jm 15. Jh. begegnet hier ja hin und wieder die sw. Flexion!

37f. ... vgl. 107,49 'die geben muet als sackwein vich'! vgl. u. zu Vs. 89!

40. ... 'swach, unfruet': "elend und betäubt"; auch 114,119 diese beiden Wörter als Variationen: "armselig und dumm."

42. ... "macht mich das Maul verziehen".

46. ... 'von ainer raunen katze' - ??

48. ... 'fragen nach dem schatze' - etwa soviel wie "sehen, ob es da etwas zu holen gibt".

49ff. ... 'slegelstil kaufen umb ain ratze' - ? sprichw.?

52f. ... Beachte das Wortspiel zwischen 'beschaiden' und 'schied'! - 'das gold von leder' - "das Geld vom Beutel"!

55ff. ... 'gulten ain veder' - hier scheint auch wieder das

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Bildhafte hineinzuspielen: 'veder': wenig, nichts (s.o. zu Vss. 4 u. 7); denn das Folgende ist ja ebenfalls eine solche Hyperbel für die Preisforderungen des Wirtes.

59f. ... Komma fort nach 'zeder', denn 'fleder' ist auch von 'gepreisen' abh.; 'fleder' jedenfalls: 'vlader', "Maser", wie es auch B. Web. ansetzt - hier viell. für das wodurch ein Flader entsteht: (Ast-)Knochen (?), wodurch das Bild nicht als nur um des Reimes willen hergeholt erscheinen würde: "Jhn kann ich nicht preisen, wie einer Zeder den 'Knoten'". - Ganz befriedigt ja diese Lösung nicht; doch will man nicht das Auskunftsmittel der Reimnot (5 Reime u. dabei schon ë, e u. ê vertreten!) als einziges gelten lassen, wird es schwer sein, die Stelle und ihre Anspielung restlos zu klären.

61. ... "Das beste will ich im folgenden erzählen" - Kolon nach 'verschreib'.

63. ... Semik. nach 'kleib'.

64. ... 'vertreib' 1. Pers. Präs. - Das Umspringen ins Präs. bei diesen Erzählungen ist O. nicht fremd (vgl. z.B. 58,33ff; 59,24ff; 60,31ff gegen d. Vor. u. Vss. 52ff; 60,74/77/79).

65. ... ls. m. d. Hss. 'pauren leib', also zwei Wörter! - Nach dem Reim und vor allem der La. von A ('lib') ist hier an 'Laib' wohl kaum zu denken; sondern es ist jedenfalls der bäurische "Dunstkreis", den O. nicht mehr "riechen" kann!

67. ... "Doch denke ich auch noch mit Schaudern an ein lockiges Kleinod."

70. ... 'paus': "schwellende Fülle", "Schwall" zu 'bûzen', "aufschwellen, hervorquellen" (vgl. a. Schm. Fr. I, 288f. u. 297). Zu dieser ironischen Schilderung vgl. die ernstgemeinte 5,19ff!

71. ... 'zaus' - "das Zerren" - als Variation zu 'kratzen' - oder

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ist etwa an 'zûse' Fem.: 'zûsach' zu denken in der Bedeutung: "Haarschopf", das dann Objekt zu 'kratzen' wäre?!

75. ... 'gedilt' hier etwa: "gezimmert".

78. ... 'ruehen' Fem.?! - Entweder veranlasst duch das feminine Vergleichsobj., oder nur scheinbar Fem. infolge Ekthlipsis beim Diktat (aus 'swarzer ruechen')?!

81. ... 'tuechen', "das Kleid fertig machen", das sie mit den Schlägen angepasst hatte. - vgl. auch 85,72.

82. ... 'Verporgen was' - "war nichts zu sehen von ...".

86. ... 'unlöblich' - "war nicht zu loben", weil nicht vorhanden!

89ff. ... Wenn auch O. sich öfter über Kindergeschrei beklagt (vgl. Ged. 101 u. bes. 102), so bleibt die Parallele mit 107,27ff doch bemerkenswert; denn neben ihr steht die von 60,37f zu 107,49; Weiteres s.u.

Die eben genannten beiden nicht belanglosen Parallelen zwischen den Gedd. 60 und 107 werden wohl etwas eingeschränkt durch die metr. Uebereinstimmung; denn bei der ziemlich langen und reimreichen Strophenform ist anzunehmen, dass Oswald, während er das später gedichtet Lied verfasste, das frühere einsah; und dabei konnte leicht dieser und jener Ausdruck mit hinüberschlüpfen.

Aus der Tatsache, dass 107 mit Melodie versehen ist und 60 nur einen Hinweis trägt, ergibt sich für das Zeitverhältnis der beiden Lieder zueinander kaum etwas; denn in A steht 60 als sechstes Gedicht vor 107, sodass nach der Entstehungsart von B (s. Sch. II, 39ff, bes. 40!) die erwähnte Tatsache wohl nur auf äusseren Gründen beruht!

Näheres zur Zeitfrage s. zu 62 (für 58-62).

246

61 (82)

(Ah 94, f. 51 b; B 98, f. 39 b; C, f. 78 a)

Metr.: gleich 62; nur hat die Rep. einen Vers mehr; sie ist auch gleich der Rep. v. 101 (in BC auch eine Zeile mehr!!). Es läge wohl nahe, die kurzen Vss. der Rep. zu längeren Zeilen zusammenzulegen, etwa wie sie die metr. Gruppe 54 usw. (s.u.) hat; denn die Mel. bringt Vss. 9/10, 11/12, 13-15 näher zusammen. Doch die Verschiedenartigkeit dieser Melodieteilung schon hier in 61, die sich noch mehr bei 62 und 101 zeigt, während es sich andrerseits bei diesen drei Repetitionen doch um offensichtlich ähnliches Metrum handelt, schreibt wohl die Schatz'sche Zeilenabteilung als einzigen Ausweg vor.

Melod.: (57) eigen; fast nicht mensurierte Notation (vgl. zu 62!); irgend eine Aehnlichkeit mit der Mel. von 62 (27) ist nicht vorhanden.

1. ... ls. 'Paradis'; denn es ist das, wie schon Schrott, S. 204 Anm. 26 gegenüber B. Web. ("Liebchen") feststellt, die Vorstadt dieses Namens im NW von Konstanz. Es lag im MA. ausserhalb der Stadt und war der Turnier- und Festplatz. - vgl. z.B. Ulr. Rich., Buck S. 62: Am 20. März 1415, am Tage der Flucht des Papstes Johannes, sticht Herzog Friedrich dortselbst Ringe. Trotzdem O. offensichtlich das naheliegende Wortspiel mit diesem Namen aufnimmt, ist, da es sich ja um einen tatsächlichen Ortsnamen handelt, die Grosschreibung natürlich unerlässlich.

11. ... 'prait': 'bereitet' ? (M) - Dann müsste natürlich das Komma nach 'zierlich' fort! - vgl. 15,76 u. 79,154. Sch. I hat mit B(C) 'raid' im Text, was gerade als Gegensatz zu 'slecht' bei dieser Schilderung vielseitiger Augenweide

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etwas für sich hat. Aenderungen in B stehen ja öfter offensichtlich unter dem Einfluss des Dichters (s. Sch. II, 42). Doch da die gleiche Wendung 'zierlich prait' 15,76 erscheint, ist wohl auch hier, 61,11, 'prait' im Text beizubehalten. 'prait' entweder: breit, d.h. verbreitet, beinahe überall - oder: (zur Zier) bereitet (s.o.). - Das Komma nach 'pr.' ist besser zu streichen (zwischen Obj.-Attr. und Prädikat).

15. ... 'mündlin rot', Umschreibung für die Besitzerinnen der roten Mündlein selbst.

20. ... 'sant Peter lat michs liegen nit' - sprichwörtl. Anspielung auf Petri Verleugnung? Die folg. Vss. jedenfalls lassen es doch wohl kaum zu, hier an das Frauenkloster "St. Peter an der Fahr" (a.d. alten Rheinbrücke in Konstanz) zu denken, wie Schrott, S. 204 Anm. 28, meint.

24. ... Nach 'rett' natürlich Punkt, wie Sch. I!

26. ... Komma hinter 'glanz' besser fort!

27. ... 'besessen haben meinen leib ... pei dem tanz', d.h. mit mir getanzt haben.

28. ... 'i.d. Katzen b.d. tanz' - Das alte Zunfthaus der Geschlechter ("Gesellschaft zur Katze") in Konstanz. Bis 1424 in der heutigen Münzgasse 21 (früher (S-)Amlungsgasse), von 1424 ab in der Katzgasse 3. Hier fanden die offiziellen Festlichkeiten der Geschlechter und des Adels statt.

29. ... Das 'und' stellt den Relativsatz in eine Reihe mit den attributiben Wendungen Vs. 26 (vgl. 62,6).

Zeit s. zu 62 (für 58-62).

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62 (83)

(Ah 95, f. 51 b; B 99, f. 40 a; C, f. 78 b)

Metr.: gleich 61, ausser der Zusatzzeile im zweiten Teil der Rep.; Näheres s. zu 61, Metr.

Melod.: (27) eigen; mensuriert in dreiteil. Takt, Tanzrhythmus (vgl. zu 61).

2f. ... Das Komma nach 'eren' ist besser zu streichen und nach 'bestelt' (hier auch Sch. I. Komma!) zu setzen (vgl. 69,11/12). Diese Wendung eines adverb. Ausdrucks mit nachgestelltem 'so' hat O. ja häufig (vgl. zu 14,55).

4. ... 'hader': Tändelei, "Flirt"; bei den folg. Stellen, Vss. 7, 8 u. 20, ist die handgreiflichere Bedeutung "Liebesspiel" anzusetzen; ebenso bei dem Vb. 'hadren', Vs. 10. Dagegen s. u. zu Vss. 22 u. 29!

6. ... Hier ist die Nebeneinanderstellung von Adjektivattributen und Relativsatz durch 'und' noch deutlicher (vgl. 61,29).

7f. ... 'sich dem hader machet hön, und doch ...' - "... das Liebesspiel stolz ablehnt, verachtet und schilt, ohne es zu kennen".

10f. ... 'hadren well für ungevell' - "das Tändeln, Liebesspiel Unbequemlichkeiten vorzieht". - vgl. a. 115,11.

12f. ... 'freuden ungesw. auff gl. tail': "ehrbarer Freuden der Gegenseitigkeit".

17. ... "Wenn er in den Grenzen bleibt".

18. ... Punkt hinter 'krei' (Türler).

21. ... 'aller hendlin' s. zu 11,3; das Komma nach 'freudenspil' ist besser zu streichen.

22. ... 'Unhäderlich': "ohne Streit", "friedlich".

23. ... Nach 'frölichen fro' muss doch wohl eine stärkere Jnterp. stehen, da es offensichtlich nur zum Voraufgehenden gehört (Türler setzt Punkt). - Zu dieser stabreimenden Formel vgl. zu 43,20.

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27. ... 'vernempt den sin' - Türler setzt mit Recht Kolon dahinter: "Und die Moral von der Geschicht"!

28f. ... 'natürlich': von Natur aus, aus Naturtrieb; vgl. 22,4; 95,63; 97,81. - "Wer könnte von Natur aus davon abstehen, seinen Fetzen auch dahinein zu werfen" (d.h. auch seinen Beitrag dazu zu liefern, auch da mitzumachen)?

30. ... 'das verkeren' - "das (nämlich den natürlichen Trieb zum Liebesspiel) übel auslegen, tadeln" (oder: abwenden, unterdrücken?).

33. ... 'gelart': "gelernt"! - s. zu 48,24.

Die Zeitfestsetzung für die Lieder 58-62 bietet gewisse Schwierigkeiten, weil, zumal für 58 (Augsb.) und 62 (Nürnbg.), passende urkundl. Belege fehlen - denn der Nürnberger Aufenthalt O.s 1430/311 kommt wegen der allgemeinen Stimmung dieser Lieder nicht in Frage. Allerdings befand sich Sigmund im Herbst (24. Sept. - 5. Okt.) 1414 in Nürnberg, und O. könnte wohl da schon bei ihm gewesen sein. Denn an der Sch. I, 113 zitierten Stelle bei Noggler, ZsFerd. 27, S. 8 verweist dieser in Anm. 16 (S. 17f) auf ZsFerd. 26, 125, Anm. 1, wo er Daten aufzählt; doch in keiner der beiden genannten Anmerkungen ist zu finden, dass der 15. Okt. 1414 als letztes Datum in Tirol für O. in Betracht käme. Jn Anm. 16 (a.a.O., S. 17f) ist nur der 15. Okt. 1413 genannt und als letztes Datum der 16. März 1414! Hiernach jedenfalls wäre ein Aufenthalt O.s in Nürnberg im Herbst 1414 denkbar. -

Jn Augsburg andrerseits hielt sich König Sigmund vom 3. bis

1Hier seien zu Sch. II, 20 noch zwei urkundl. Belege aus RTA. IX nachgetragen; der zweite fällt ja in den schon bekannten Aufenthalt O.s in Nürnbg., der erste jedoch weist den Dichter auch im Herbst 1430 in der Stadt nach: 1.) Bei den Kosten Nürnbergs bei und nach der Versammlung zu Nbg. i. Sept. 1430 (6. Sept. - 27. Dez.) a.a.O., S. 475, 12: 'Propinavimus primo Oswalten Wolkenstein von der Esz (wohl: Etsch) 4 qrt.; summa 12 sh 8 hl.' 2.) Propinationen Nürnbergs v. Jan. - Mai 1431, a.a.O. 607,3: 'den zweien Volkensteiner von Tyrol 10 qr; summa 1 lb 8 sh 4 hl.' (gemeint sind Osw. und Michael).

250

16. Okt. und am 19. Okt. 1418 auf; O. konnte wohl bei ihm sein (Pressburg, 1. April 1419 Entlassungsurkunde, Noggler, ZfdA 27, 181), sodass für Ged. 58 Herbst 1418 zu nennen wäre. -

Für 59 könnte etwa der Jan. 1417 in Anspruch genommen werden, wenn man die bei Vs. 77 erwähnte Verwechslung und damit die Anspielung auf die betr. Festlichkeiten bei Ankunft Sigmunds als richtig unterstellt.

Auch für 60 (Ueberlingen) wäre dann Anf. 1417 möglich (Sigmund blieb bis Mai 1418 in der Konstanzer Gegend, Osw. war in der ersten Hälfte des Jahres 1417 bei ihm).

61 könnte in den Mai 1418 gesetzt werden; am 10. Mai fand dort die Versöhnung zwischen Sigmund und Herzog Friedrich statt; O. hätte sich in diesem Falle gleich nach der Belagerung Greifensteins (s. Ged. 78) nach Konstanz begeben.

Leider sind diese Kombinationen hinfällig durch die Anspielung auf die Barterlebnisse und die Teuerung beim Konzil in Ged. 63 (Vss. 9ff), das ins Jahr 1416 gehört - einzig Ged. 62 würde sich einordnen lassen. Doch liegt hier bei den genannten Daten anscheinend Unsicherheit vor; ausserdem rückte es die Ueberlieferung (61 und 62 in A zus., mitten unter anders gearteten Liedern, also ähnl. wie bei 58 und 59), sowie die ganze Art sorgloser Fröhlichkeit ganz in den Kreis der anderen 4 Lieder.

So sehr also diese Gedichte zu genauerer Fixierung durch ihre zahlreichen Anspielungen verlocken, muss zunächst, mangels passender urkundlicher oder ähnlicher Belege, die doch mehr oder weniger versuchsweise vorgenommene Datierung von Schatz beibehalten werden; also:

58/59 Winter 1414/15.

60 bis 62 Anfang 1415.

Jn ebendiese Zeit wären dann die Gedd. 5 u. 41 zu setzen (s.d.).

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63 (6)

(Aa 18, f. 10 a; B 19, f. 8 a; C, f. 19 b)

Metr.: Einfache Strophe nach Art der histor. Volkslieder. - Metr. Einzelfragen und Aenderungsvorschläge s. unten an den betr. Stellen (Vss. 105, 111/12, 118, 153-156, 162/64, 183/84); auftaktlos sind von den 224 Versen nur vier: 25, 179, 201 und 208, von denen 25 und 201 am Strophenanfang stehen; bes. bei diesen, aber auch bei den anderen beiden (3. u. letzte Strophenzeile) lässt die Mel. Auftaktlosigkeit nicht als besonders störend empfinden; der Auftakt wird pausiert. Vs. 197 ist Auftakt durch leichte Aenderung herzustellen (s.u.).

Melod.: (20) eigen; frisch und dem launig erzählenden Ton gut angepasst - die Notation ist mensuriert und lässt die zweisilb. Reime als klingend (zweitaktig) erkennen; s. II. Teil, 3. Kap.

2. ... Nach 'jaren' besser Kolon, denn Vss. 3f sind ja der 'altgesprochen rat'. (M)

3f. ... Vgl. z.B. Freidank 117,12-14 'swem nie herzeleit geschach, dem ist trûren ungemach, nâch trûren dunket fröude guot.' Aus Ton und Umgebung der Oswald'schen Verwendung dieses sprichwörtl. Gedankens klingt der Seufzer allerpersönlichsten Erlebens solcher Wahrheit deutlich durch.

4f. ... 'auch' leitet das Umgekehrte ein, daher viell. besser Kolon hinter 'auch'! Was er auch vorher an Freuden gehabt haben mag, es ist reichlich wieder abgegolten durch seine Erlebnisse in Spanien.

9f. ... vgl. 59,5-16!

11f. ... 'meiner taschen der sigelstain ward m. gesniten' - jedenfalls iron. Wendung, um das Gegenteil auszudrücken: denn gemeint ist offenbar ein 'sigestein', "Zauberstein", der in die Tasche gelegt wird, damit das Geld nicht ausgeht.

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9-16. ... Türler setzt - jedenfalls mit Recht - Kolon nach 'gesniten' und fasst Vs. 13 als Parenthese - er übersetzt: "Was einerseits mein Bart durch Dirnen in Konstanz erlitten hat, andererseits der Siegelring für meine Tasche meisterhaft graviert wurde, das ist ein ungleicher Sinn - (je zwei gegenüber einem ihn hinzupfen) - gegen wie es mir in Arragon erging." Dazu bemerkt T.: "Dem Bartrupfen dieser zwei stellt er das einmalige der Königin von Arragon gegenüber, die ihm einen gravierten Siegelring in den Bart hängte. 'Und' - 'und' heisst: einerseits - andererseits, wobei das 'was' im ersten Teil zeugmatisch auch zum zweiten konstruiert ist, obschon man dort eher 'wie' erwarten würde." Restlos befriedigt mich diese Lösung nicht. Doch ein Aufzählen mehrerer Möglichkeiten, die einander die Wage halten, ohne den Anspruch auf Endgültigkeit zu haben, würde nicht weiter führen, und da ich keinen besseren Vorschlag finde, lasse ich es zunächst bei Türlers Auslegung. Dabei sehe ich allerdings in der Wendung 'sigelstain ... gesniten' 'sigelstain' zunächst nur als "Siegstein" an, ohne jedoch eine wortspielende Hindeutung auf den (Siegel-)Ring der Königin von Arragon ganz von der Hand zu weisen. - Zu dem Reim 'Arragun : Pärpian' ist beachtenswert die in Urkunden hin und wieder erscheinende Form: Arogan (RTA VII, 306, 50; Brief Sigmunds aus Konstanz, 21 Juni 1415); Arrogania (1412; s. Finke, Acta concil. Const. I (1896), S. 156f); doch gibt der andere Reim, in dem 'Pärpian' erscheint (: Lun 64,47) den Ausschlag, indem er wohl auf eine dunklere Aussprache der Endsilbe von 'Perpignan' weist!

17-24. ... jedenfalls auch eine Anspielung auf die Anschläge, die in Spanien gegen Sigmunds Leben versucht wurden (vgl. u. Vss. 38f und 105ff; s.a. Aschbach II, 142f und Eb. Windeck Kap. 57 u. 58!).

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21f. ... ls 'klobm : betrog͡n' (s. A 'klogn'!).

26. ... Als Parenthese zwischen Klammern oder Gedankenstriche zu setzen.

28. ... 'die türn und vesten truegen ...' als symbolische (Uebergabe- oder) Ergebenheitserklärung Perpignans beim Einzug Sigmunds?!

30. ... 'die' - Wiederaufnahme nach dem Sinn: nämlich die Pfeiffer, Trommler, Saitenspieler, Mohren und die anderen Teilnehmer an dem Festzuge.

33. ... 'loff' - O. verwendet nur diese Form in der 1. u. 3. Pers. Sing. Prät., wobei C stets in 'lieff' "verbessert" (64,6; 64,9; 99,39); auch das Ptz. Prät., das nur einmal erscheint, lautet 'erloffen' (104,6/8 : versoffen); dagegen heisst es 116,12 für die 3. Pers. Pl. 'lieffen', und hier hat C 'luffen'!! - Die 1. Pers. Sing. Präs. 'loff' 77,7 gehört nicht hierher, da sie nur in der exposicio' des fremdsprachl. Gedichts die Uebersetzung für "flämisch" 'lop' wiedergibt, also durch diese beeinflusst ist; 'loff' steht ja auch 'lauff' (louff B!) verhältnismässig nahe.

35. ... Ob 'wirdikleich' nur, ernsthaft gemeint, auf das Vorhergehende zu beziehen ist, oder nicht auch auf das Folgende (38-40), also mit ironischem Anklang?

36f. ... Das Komma nach 'kaiser' ist viell. besser zwei Wörter weiter zu rücken, sodass die Appos. 'künftiger kaiser gen Pärpian' entstünde und auf 'empfangen' nur 'all in die stat' zu beziehen wäre! 'all' hätte in dem Falle auch mehr Berechtigung. - Die Betonung 'Sigmùnd' die sich offensichtlich aus dem gehörten 'Sígismùnt' herschreibt (vgl. 63,118) hat O. ausschliesslich: (57,25); 63,57/166/174/197/203; 64,20/41 (im Reim!). - O., der am 21. Aug. die Eroberung Ceutas mitgemacht hatte (s. zu 109,12), ist also am 18. Sept. beim Einzug König Sigmunds bereits in Perpignan zugegen (vgl. Sch. II, 11); s.a. unten zu Vss. 154ff und Zus.-Fassg.

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38-40. ... 'leck': heisses Badewasser. - Bezieht sich jedenfalls auf einen der Anschläge auf das Leben Sigmunds, ist aber wohl bildl. zu nehmen (vgl. Aschbach II, 142f u. Windeck, Hagen, Kap. 57-58.

41. ... Komma nach 'künigin' besser fort.

43f. ... Komma nach 'jungen' (M) - 'n.d.j. ... tät er sich nimmer wischen', nämlich den Mund (s.d. Folg.!); zu dem Reim ss/sch s. zu 14,47/57 u. 37,85; die gerundete Form 'wüsshen' (s. B!) ist wohl besser in den Text zu setzen.

45. ... 'zwaiung': Schisma, "läge das Sch. an Frauen, ..." s.u. Vs. 62!

47. ... 'Peter Schreufel' - offensichtlich Wortspiel mit dem Namen Pedro de Luna's ("Peter Luner"), worauf schon B. Web. verweist, indem er schreibt: "'schreufel' = kl. Schraube, MT. Schraufe, Dim. Schreufl., der Nagel, der das Herausgehen des Rades an der Achse verhindert, MT. auch Luner genannt, daher mit Anspielung auf Schreufel und Luner, Spottname auf Peter de Luna, der sich durch die schraubenden Künste seiner Politik als Papst erhalten wollte." Die Form 'luner, loner' für 'lun' = "Lünse" erscheint öfter (s. Schm. Fr. I, 1482; Lexer I, 1983). Vgl. das andere, einfachere Wortspiel mit Luna/Laune, Vs. 130.

52. ... ls. 'hint an'.

53-56. ... Jn Vs. 53 zu erg. "haben sie"; ls. 'nagel rot' - vgl. 36,69 (M). - 56 'mit s. nieten', "mit süssem Verlangen". - Zum Ganzen vgl. 36,66-68!

58. ... 'achzen wochen' - Narbonne und Perpignan waren die Orte der Verhandlungen; am 15. Aug. 1415 kam Sigm. in Narbonne an, vom 18. Sept. bis Ende Okt. war er in Perpignan, von Anfang Nov. bis Mitte Dez. wieder in Narbonne, wo am 13. Dez. die

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Narbonner Artikel abgschlossen wurden. Vom 15. Aug. bis 18. Dez. sind genau achtzehn Wochen, und um diese Zeit muss auch Sigm. Narbonne verlassen haben, da er am 15. Dez. zum letzten Mal in Narbonne urkundet und Weihnachten in Avignon feiert. (vgl. dazu Aschbach II, 139-151 und RJ.). Oswald ist hier offenbar genauer als Windeck, bei dem sich, abgesehen von dem falschen Jahr 1416, als nähere Zeitangabe folgender Satz findet (Kap. 59): "Als der König 3 Monate in Perpignan gewesen war, machte er sich auf und zog gen Avignon." (nach der Uebers. v. Hagens, Gesch.-Schr. d. dt. Vorzeit Bd. 87).

61. ... 'def' = 'swer'; vgl. 13,36; 59,1!

62. ... 'zue der scisma' - Das auffällige Genus erhält bei B. Web. eine hübsche Erklärung: "Bekanntlich war Kaiser Sigmund zu Konstanz in einem lat. Vortrage über 'haec Schisma' von einem ital. Kardinal zurechtgewiesen worden. Er liess sich aber das deutsche Sprachrecht ebensowenig nehmen als Oswald, auswärtiger Grammatik zu Trutz"; jedenfalls Einfluss durch 'die zwaiung' (s.o. Vs. 45). - Nach 'genaigt' Komma (Türler), das Folgende ist Nachsatz zu Vs. 60!

64. ... Dass es sich auch hier (vgl. u. Vs. 135f!) um ein Spottpfeifen handelt, ist nach dem Zusammenhang wohl klar; doch welche Anspielung stecht in dem Pfeifen 'auff ainem wagen'?

65. ... 'hämisch' - dies mittelhochdeutsch anscheinend noch seltene Wort begegnet bei O. zweimal: hier und 117,151!

67ff. ... Oswald und mehrere in den folgenden Strophen Genannten mussten wohl öfters zum persönlichen Schutze Sigmunds in "Alarmbereitschaft" liegen, wobei jedenfalls der 'matras' die Annehmlichkeiten mit der späteren "Pritsche" der Wachtstuben gemein hatte.

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71f. ... 'mumme' - B. Web. bemerkt hierzu: "Ein verschnittenes Tier weiblichen Geschlechts" - einen Beleg für diesen Gebrauch konnte ich nicht finden; doch hat Tobler (schweiz.) "Mummi, Mummeli" = Kuh oder Kalb in der Kinderspr.; desgl. Fischer (schwäb.) = Dorfstier - beide auch allgemein = Rind. - Neben dieser Bedeutung (aus "Muh"?) spielt aber offensichtlich auch 'mummen', "murmeln, unverständlich sprechen" hinein, womit Weigand, Dt. Wb. diese Stelle O.s allein erklärt ('das sagt mir vert ain stumme'!). - Restlos lässt sich diese Anspielung wohl nicht klären; auch B. Web. weist auf die Möglichkeit eines obscönen Sinnes hin (s. Dieff. Gloss. 28b amasia = mumme, wo die Ansetzung 'minne' durchaus nicht sicher ist: vgl. DWb. 'mummelplatz'!).

73. ... 'der von Ötting' - Graf Ludwig (XII.) v. Öttingen, Sigmunds Hofmeister. Er war ein Altersgenosse O.s (1378 bis 1440) und jedenfalls auf der Spanienreise mit, denn ihm stiess Ende Febr. 1416 der Unfall in Chambéry zu, als Amadeus VIII. von Savoyen Herzog wurde (s.u. Vss. 209ff und Aschbach II, 154).

80. ... Der einfache Dativ 'im' wäre auffällig; das zu erwartende 'an' steckt offensichtlich in 'man' (Ekthlipsis!). - Die sw. Form 'rizze' ist zwar selten, aber auch sonst als Synonym von 'riz' für das 15. Jh. belegt (früher nur in der Bedeutung: Zirkel; vgl. Lexer).

81. ... 'Herzog von Prig': Herzog Ludwig II. von Brieg (1409 bis 1436); s. Ulr. Rich., Windeck, RJ. (Jan. 1416 Lyon, Nov. 1416 Dortrecht).

82. ... 'gevach': häufig, oft - s.a. 107,32; 115,26 - zu ndd. 'vaken' - sonst anscheinend nur ostmd. belegt (Jeroschin u.a.). Jm DWb. ist zu diesen drei Stellen bei O., die

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da zitiert sind, bemerkt: "Osw. hatte es in Preussen angenommen bei seinem langjährigen Aufenthalt dort in jungen Jahren". Diese Erklärung hat wohl manches für sich, doch ist eine nur literarische Uebernahme des Wortes natürlich ebensowohl möglich.

83/85. ... 'hinden ... e vor' - "mit dem Hinterteil zuerst".

90. ... "Wenn ich sie alle im Gedächtnis behalten hätte".

89/91. ... 'lank : schankt' - hier ist viell. doch besser mit C 'schank' zu setzen; als Prät. entweder von stv. 'schinken', oder auch mit Verschmelzung von -kt zu -k, vom swv. 'schenken'. Jm zweiten Falle gehörte dieser Reim zu den bei 18,4/5 besprochenen.

91. ... 'Paumgarter' - ? - Jn den RJ. erscheinen zwei dieses Namens je einmal, aber zu ganz anderen Zeiten und, ohne irgendwelche Schlüsse zuzulassen. - Ebensowenig konnte ich dem Herrn 'Fritze' genaueren Jnhalt abgewinnen; soviel ist nur sicher, dass weder Herzog Friedrich v. Tirol noch Friedrich von Nürnberg gemeint sein kann, da beide diese Reise nicht mitmachten. Der letzte, den Passarge hier unterstellt, erhielt noch einige Tage vor der Abreise Sigmunds aus Konstanz von diesem Aufträge ausdrücklich für die Zeit der Abwesenheit des Königs (s. RJ. zum Juli 1415!).

95. ... 'im' aus metr. Gründen viell. besser zu streichen? - Es fehlt im Text B. Webers ohne Laa; doch ist das hier kaum von Belang, da die nicht unwichtige Verschiedenheit in der folg. Präposition (von AB, mit C) ebenfalls übersehen ist. - Zusammenhang und Beziehung bleiben auch ohne 'im' gewahrt.

96. ... 'reimen' - "Darauf sollte sich H. Fr. einen Vers machen" (vgl. W. Braune, Reim und Vers, Heidelb. 1916, S. 32f).

98. ... 'nach der zal': der Reihe nach.

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97ff. ... Diese und die folg. Strr. (bis Vs. 128) beziehen sich wohl sicher auf den Ueberfall, der anscheinend auf Sigmund bei Perpignan geschah; s. Aschbach II, 142 und Windeck (Hagen) Kap. 57. Die Sturmglocke wurde jedenfalls geläutet, weil ein Brand in der Nähe von Sigmunds Wohnung ausgebrochen war und weil in der Stadt Katalanen und Aragonesen miteinander im Kampfe lagen. Besonders die Szene Vs. 109ff wird auch bei Windeck erzählt; allerdings ist da von einer Beteiligung des Gefolges Sigmunds nicht die Rede. Man hat also nach O.s Bericht doch dazwischengehauen, jedenfalls um die Umgebung der Wohnung Sigmunds, den "Bannbezirk", von Streitenden und Verdächtigen zu säubern. - Beachte: 'dersèlben stúrmglòggen schál'! Also offensichtlich beschwerte Hebung im eigentlichen Sinne, die bei O. sonst als künstlerisches Mittel nicht mehr erscheint, wenn er auch einsilb. Taktfüllung zur Genüge aufweist (vgl. z.B. zu 31, Metr. und 45, Metr.).

111f. ... ls. 'swerte : geverte'! (geferte A!) vgl. die Parallelverse der anderen Strr. und zu Vss. 153ff und 162/64!

113ff. ... '... strich ..., von guldein was sein name ...' - Motz, S. 26, gibt diese Stelle etwa so wieder (ungar.): "Jch habe keine Reue wegen meiner guten Wahl, ihr Name wurde zu Gold, seitdem sie (d.h. die Wahl) die Sache des Christentums in Narbonne in Ordnung gebracht hat". Jn 'strich' = "Wahl" sieht Motz anscheinend eine Person, auf die O.s Wahl gefallen sei, also wohl Sigmund, sodass hier eine Anspielung auf die Belohnung durch den König (vgl. Vss. 195ff) anzunehmen wäre. - Auch hier ist die Aenderung gegenüber Sch. I ('guldein' statt '-in') gerechtfertigt (Dat. Pl. aus 'gúldèinen'); vgl. zu 59,77.

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115f. ... 'seit das': nachdem, seitdem - vgl. 83,2; 84,40; 113,2; bes. 97,33; 101,7 - doch erscheint 'seit das' auch in der Bedeutung von 'seit' allein (da, weil): 86,16; 97,48; 118,42. - 'verricht ... zu Narbane' - Abschluss der 12 Narbonner Artikel am 13. Dez. 1415 (s. Aschbach II, 146ff).

117. ... 'herzog von Prig' - s.o. zu Vs. 81. - 'pischoff von Rig': Erzbisch. Johann V., von Wallenrod (1395 bis 1418), seit dem 9. Febr. 1412 (Ofen) zum Rat Sigmunds berufen. Jn Frankreich war er also mit, muss jedoch (viell. mit O. zusammen?) vor der Englandreise Sigmunds diesen verlassen haben; denn der König schreibt ihm am 4. Juni 1416 von Westminster aus nach Konstanz (s. RJ.).

118. ... 'grossgraf' - Eb. Windeck nennt (nach Lenz, Kön. Sigism. u. Heinr. V. v. England, Bln. 1874, S. 72 Anm.) 'der grosse Graffe Conte Berchtolde von Rom' = Berthold Orsini als Begleiter Sigmunds (Mencken 1103). - ls. 'küng Sigismundis sig' (s. d. La. von A!) - neben der wörtl. Bedeutung von 'sig' ist die Absicht eines Wortspiels mit der ersten Silbe von Sigmunds Namen unverkennbar; vgl. auch die Wortspiele mit dem Namen Peters de Luna, Vss. 47f und 129f.

120ff. ... 'der lon' - es scheint, bes. nach dem Folg., als ob ein Teil der Begleitung Sigmunds sich bei dieser Gelegenheit (s.o. Vss. 105ff) nicht gerade rümlich ausgezeichnet habe! - ls. 'letz' und 'han'; nach 'gelassen' ist viell. besser Punkt zu setzen.

123ff. ... "Wenn auch dieser oder jener (kainer = dehainer) von ihnen in der Strasse durch Morast stapfen musste: es schlägt ihnen allen zum Heile aus, wenn sie sich gern mit Vorsicht bewegen". Auch dies ist jedenfalls eine Anspielung auf das "vorsichtige" Betragen des Gefolges

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Sigmunds bei dem (vermeintlichen?) Ueberfall, wo auch O. den "Erfolg" nicht gerade auf seiner Seite gehabt zu haben scheint (Vs. 127/28; 'pracht': "brachte davon, rettete"). - Ueber den Reim 'davon : gân' s. zu 15,40.

130. ... 'laune' - Wortspiel mit Peter de Luna; s.o. Vs. 47f.

131. ... 'dir hat gevält der alte glatz' - "Die hat deine alte Glatze (d.i. die Klugheit deines Alters und deine Tonsur, dein geistl. Stand) nichts geholfen". - Nach 'glatz' besser Kolon!

132f. ... 'Affiane' (: 'laune') - Der Vokal der Endsilbe des Namens Avignon (Avignone) mag dem deutschen Ohr einem -au- ähnlich geklungen haben. - Der 'prief', den O. 'zu Affiane' erfährt, ist jedenfalls das Schreiben König Ferdinands von Aragonien, 6./7. Jan. 1416, in dem dieser über die Aufsagung der Obedienz Benedikts durch Aragonien, Kastilien, Navarra u.a. berichtet. Dies Schreiben hat Sigmund viell. doch noch in Avignon erhalten, wenn er auch in dem Begleitschreiben zur Uebersendung dieses Briefes an Ludwig von Bayern von Lyon aus (22. Jan.) sagt, der Brief hätte ihn erst in Vienne am 21. Jan. erreicht. O. hat wohl die Kunde von der Obedienzentziehung und den nachfolgenden schriftl. Beleg davon in der Erinnerung zusammengeworfen. (Vgl. Aschb. II, 148, 149, 152 u. Regesten, sowie Martène Thes. II, 1658/59, wo beide Briefe abgedruckt sind).

135. ... 'mit grillen'. - Für den Sinn ("grell, mit ohrenbetäubendem Lärm") ist es gleich, ob man subst. Jnf. (= 'grëllen'), oder Dat. Pl. eines Subst. 'grill, -es' ansetzt. Doch möchte ich mich für das erste entscheiden wegen der (gerade auch bei Osw.) geläufigen Konstr. von 'mit' und dem subst. Jnf.

136. ... 'auff ainer tillen' - es liesse sich dies ja auf 'tanz' beziehen, wonach 'tillen' = 'dillen' (von swf. dille, der

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Fussboden u.ä.) wäre; ich halte es aber für wahrscheinlicher, an 'tülle' in der Bedeutung "Röhre, Zwinge zur Befestigung der Speerspitze am Schaft" zu denken, auf deren Höhlung gepfiffen wurde (zum Spotte, wie etwa heute auf dem Hausschlüssel). Eine 'tülle' = Pfeife aus Rohr ist natürlich auch denkbar: vgl. z.B. Uhland, Volksld. I. 6,47 (i.e. Pseudoneidhart); Piderit, Weihnachtsspiel a. d. 15. Jh., Parchim 1869, Vss. 479ff. - Bezügl. des Pfeifens als Spott vgl. 63,64; 87,45; 111,117; 116,74.

137ff. ... Diese Str. bezieht sich jedenfalls auf die Feierlichkeiten und Feste, die in Avignon während des Aufenthaltes Sigmunds stattfanden (Aschb. II, 151).

142. ... 'verklait' = 'verklaget' (vgl. Vs. 63!) ist in C offenbar missverstanden und daher in 'beklait' = 'bekleidet' geändert worden. Dass O. durch die Verbindung von 'glatz' und 'verklait', das ja rein der Form nach sowohl auf '-klaget' als auf '-kleidet' zurückgehen kann, ein Wortspiel geben wollte, ist allerdings nicht ausgeschlossen.

145. ... ls. 'verkernt' (mit C)! vgl. zu 55,3. - 'knauss': "toll, abenteuerlich".

145-152. ... Es war nicht möglich, in die Anspielungen dieser Str. etwas Licht zu bringen. Eine Beziehung zu denen der Str. Vs. 113ff scheint vorhanden. Wegen der Unklarheit kann auch nicht entschieden werden, ob in Vs. 151 'si' (Sch. II nach A) oder 'sich' (Sch. I nach BC) vorzuziehen sei.

153-156. ... "Doch ist alles (die vorher geschilderten unliebsamen Erlebnisse) ein geringerer Tadel, d.h. geht mir das alles nicht so nahe, weil (nachdem) ...". - Ls. 'tadl : nadl'; vgl. die Parallelvss. der anderen Strr.! - Um diese Uebereinstimmung mit dem Strophenschema auch sonst zu erreichen, müsste man Vss. 154/56 lesen: 'seit mir die schön Margrithe' / '... site'; die La. von A entspricht dem

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auch in Vs. 156 ('sitte') - doch hat die Mel. in der 2. Strophenzeile drei Noten auf diesen klingenden (s.o. beim Melod.!) Reim, dagegen in der 4. Zeile nur zwei; es liesse sich danach der Vs. 154 ohne Anstoss singen, während allerdings bei Vs. 156 die Mel. 'site' verlangt! Sollen jedoch Vers und Reim sich glatt einordnen, so muss, trotz der Sangbarkeit der überlieferten Form von Vs. 154, die oben vorgeschlagene leichte Aenderung vorgenommen werden (vgl. Vs. 111/12 u. 162/64). - 'Margarithe' ist die Gemahlin Ferdinands I. von Aragonien.

154-168. ... Die hier erzählte und schon oft seit B. Web. besprochene Episode schildert O. 64,33ff noch eingehender (s.d.!); beide Darstellungen ergänzen sich. Das geschah schon in Perpignan (s. 64,46f), wo sich ja zur Zeit der Anwesenheit Sigmunds auch der aragonische Hof befand. Mit den Vss. 153/54 leitet O. diese Rückerinnerung ein; denn im Laufe der Ereignisse ist er ja schon in Avignon und von Vs. 169 ab in Paris. Der Einschub ist geschickt angebracht und mit dem Gang der Schilderungen organisch verflochten: Am Anfang als ausgleichendes Gegenstück zum Vorhergehenden und nachher als notwendige Voraussetzung zu Vs. 175f! - (vgl. zu 209-216!).

158. ... ls. 'guldin' mit BC, wie Sch. I; bei den Formen mit Apokope (hier Acc. Pl.) wird wohl schon die Kürzung eingetreten sein, während bei Ekthlipsis der Nebenton eher begünstigt wurde, sodass in solchen Fällen 'guldein' anzunehmen ist (s. d. Zusammenstellung bei 59,77!); vgl. 56,6; 87,6 u. 101,37.

161/63. ... ls. 'gelesn : gewesn'. Es handelt sich hier, wenn auch eine Nachwirkung mitsprechen wird, kaum um den zweisilb. "stumpfen" Reim im eigtl. mhd. Sinne, sondern um Synkope der Endsilbe, die sich aus Reimen, wie der einsilb. anzusetzende 'tadl : nâdl' ergibt (s.o. Vs. 153/55; vgl. auch

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65,32/34 'kôsn : rôsn'; 118,189/90 'ervarn : jârn'; 118,233/34 'habn (ham) : gâbn (gâm)'). Demgegenüber reimt O. alte Kürze unter sich und mit alter Länge in zweisilb. und klingd. Kadenzen in überwiegender Mehrzahl, wie es ja der Dehnungsentwicklung seiner Zeit entspricht. Auffallen muss es dabei, dass gerade diese Reimgruppe -ësen, die sonst am ehesten zu Dehnung neigt, bei ihm durchweg "stumpf" gereimt erscheint (63,161/63; 85,57/59; 95,33/37/44; 102,43-45; 118,91/92; 118,203/4; 121,53-55) mit einer Ausnahme, die jedoch nicht sicher als klingend, sondern nur als zweisilbig (s. II. Teil, 3. Kap.) anzusprechen ist: 91,25/27. - (das meiste nach M; vgl. auch Maurer S. 6-9, wo jedoch Nachträge vonnöten sind und auch sonst manches der Berichtigung bedarf!).

162ff. ... 'wiskunte' (span. vicecomte) hier natürlich nur Titel ('freie'!). - Ls. 'Türkeie : freie' (s. zu Vss. 111/12 und 154/56!).

165f. ... Wenn auch Sigmund beim Anblick Oswalds, der im Schmucke seiner Ringe in Bart und Ohren zu ihm kam, das Lachen unterdrücken musste (s. 64,42f), so hat er doch, wohl als er den Stolz seines Dichters auf diese Ehrung sah, offenbar gern geholfen, die Verkleidung zum 'haidenischen freien' zu vervollständigen. Seinen Spass wird er schon daran gehabt haben!

167f. ... 'kund ich ... haidn. singen, tanzen'. Osw. über seine musikal. Fähigkeiten s. zu 64,24!

169-184. ... Dieser feierliche Empfang Sigmunds in Paris wird auch bei Windeck (Hagen, Kap. 82) gepriesen; weitere Einzelheiten sind bei Aschb. II, 156 erwähnt (s.u. zu Vss. 177-184!).

169/171. ... 'mensch : gedens'; vgl. 97,78 und 106,58. - s(s) : sch findet sich ja sonst öfter bei O. (s. zu 14,47/57), doch ist auch damals schon der Mensch das 'ungereimteste Wesen",

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sodass '-ens' als Reim herhalten musste. Denn ganz befriedigt die Lösung Maurers (S. 51), der ein dem sch nahestehendes s annimmt, nicht, weil Schatz für Tirol speziell nach n und l heute nur spirantisches s kennt (s. Ma. v. Jmst, S. 91, § 70 und ZsFerd. 47 S. 23!). - Der Reim ist also doch wohl ebenso als unrein anzusehen, wie 14,47/57.

170. ... Komma nach 'wegen', wie in Sch. I (M)!

172. ... 'lege': Meilen, entspricht lautlich ganz dem 'leghe' des Jtalienischen, dem es auch entlehnt zu sein scheint; denn die anderen roman. Formen weichen ab (span. 'legua', port. 'legoa', afrz. 'lieŭe'), während das Grödnerische ein anderes Wort (miár: milliarius) hat. Auf Grund des Reimes deutsche Flexion, also 'legen' (so Sch. I) anzusetzen, ist nicht nötig, da öfter bei O. Reime -en : -e erscheinen (z.B. 37,103/108; 63,194/96; 63,207/8; s.a. zu 64,12/16), wovon ein Teil wohl als ungenau anzusprechen ist (vgl. auch Maurer, S. 50f).

173. ... ls. 'teten' - O. hat sonst nur diese Form: 7,31; 117,116; 126,46; bei 7,31 hat Aa 'taͤtn' und B 'taten', hier, 63,173, Aa 'datē' (s. Sch. I Laa.!) und B 'tâten' (s. B. Web. Laa.); B. Web. verzeichnet jedoch auch bei 7,31 (27,2, 20) für B 'tâten', was immerhin auf eine Umlautsbezeichnung auch in B hinweisen könnte!

175f. ... s. zu Vss. 154-168!

177-184. ... Die Universitätsfeierlichkeiten zu Ehren Sigmunds werden nach Aschb. II, 156, Anm. 15 in Bulaei histor. Univers. Paris T. V., p. 299 (nach Aktenstücken der Universität) folgendermassen geschildert: "Jn die Jovis sequente (nach dem 1. März, also am 5. März) Universitas cum magna mutlitudine suppositorum eum visitavit et proposuit M. Girardus - subcancellarius. Cui D. Jmperator ore proprio absque alio

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consilio respondit regraciando Universitatis de bona visitatione et etiam in pulcro et ornato latino."

177f. ... 'nacio von aller schuel' - das Collegium jeder Fakultät mit seinem goldenen Stabe als Fakultätsabzeichen. - 'guldein' gegen die Hss. (Sch. I -in!) mit Recht (aus 'gúldèinen); vgl. zu 59,77 und 63,148.

179. ... Die Auftaktlosigkeit des Verses kann die Mel. leicht mitmachen, da die ersten drei Töne gleich sind (e'), also der erste fortzulassen ist, ohne dass der Melodiecharakter gestört wird. Jm übrigen ist die Anpassung an das metr. Schema leicht zu bewerkstelligen, indem man ein 'die' vorsetzt (vgl. z.B. unten Vs. 182!).

183f. ... An diesen beiden Versen, bes. dem zweiten scheitert jeder Versuch, sie dem Strophenbau anzupassen, ohne der Ueberlieferung zu nahe zu treten! 'sale' liesse sich ja einsetzen, aber Vs. 184 muss so bleiben wie er ist, denn die La. von C ist offensichtlich Fehler und würde, abgesehen davon, ebensowenig weiterhelfen. Trotz der Länge des Gedichtes kann man sich aber sehr wohl denken, dass es vorgesungen wurde. Es ist also danach zu fragen, wie die Mel. mit diesen beiden Versen fertig wird; und da ergibt sich, dass sie zwanglos gesungen werden könne, wenn auch die sonst in diesem Liede deutliche Reimunterstützung durch die Kadenz der melodischen Perioden hier entfällt:

Grafik

Auf 'ane' ist dann zweimal c' zu singen, im Rhythmus der anderen Takte (Grafik)!

185. ... 'lernt' nur hier und eventl. 118,194, sonst 'lêren' auch für das Jntrans.; vgl. zu 48,34; desgl. Gloss.!

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188. ... ls. 'nah enpagen': nahe gegenüber (s. Schm. Fr. I, 213 unter "enbagen"; vgl. a. Lexer), mit Ellipse des Verbums der Bewegung nach 'wolt' (Gr.Gr. IV 136). Auf diesen Weg der Erklärung führte eine Notiz, die allerdings etwas abseits lag und darum bisher wohl unbeachtet blieb: K. Witte, Alpinisches u. Transalpinisches (2 Vorträge), Bln. 1858, spricht, im Anschluss an Hauenstein, SS. 199-219 über Oswald und zitiert auch einiges. Unter diesen Zitaten befindet sich S. 212 die Vss. 63,185-188, der letzte in der Fassung 'Wolt ich ir nâh entpâgen', dazu als Anm.: Entpagen, "vor das Angesicht treten". Für dies Vb. fehlt nur der Beleg, wenn es auch ebenso denkbar wäre wie das Adv. 'enbagen', das Lexer aus 'enbegagen' abzuleiten versucht. So bleibe ich denn bei obigem Vorschlag der Textfassung und deren Erklärung als elliptische Konstruktion.

189. ... 'frau Elst von Frankereich': Jsabeau, die Gemahlin König Karls VI. Osw. spricht ihren Namen deutsch, wie sie jedenfalls von ihren deutschen Zeitgenossen genannt wurde, da sie ja eine Deutsche war (Elisabeth v. Bayern-Jngolstadt).

191. ... 'von handen' - mit eigener Hand, höchstselbst; vgl. Vs. 113, auch 64,37!

193f. ... 'mit garnen strecken' - B. Web. sieht es als Kompos. an und übersetzt 'garn strecke' (C hat 'garen'!) mit "Fischnetz zum Ausspannen"; doch setzt diese Erklärung den Text von C voraus. Da 'garnen' ohne Zweifel das Richtige ist, so bleibt kaum etwas anderes übrig, als in 'strecken' eine umgelautete Pluralform des Adj. 'strac' zu sehen: "mit ausgespannten Netzen" (hier im Sinne von: wenn man es nur versteht, die Netze richtig auszustellen). Diese sprichwörtl. Anspielung bezieht sich jedenfalls auf

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die im folgenden geschilderte Belohnung ('des ward mir ...'); denn das Sprichwort besagt wohl meist: Jm Dienste mächtiger Fürsten oder in dem "grossen Wasser" wichtiger politischer Ereignisse fällt auch die Beute reichlicher aus. - Schatz (Sch. II, 11 unten) weist nun aber darauf hin, dass es gerade die Zeit war, in der O. seinen ersten Jahressold zu empfangen hatte; doch füllen 300 Gulden nicht 'fünfthalb grosser secke' die er mit der Zugabe Sigmunds ('vollet mir den strich' - füllt (die Säcke) bis zum Strich) 'selb dritt neur mocht ertragen'. - Hat der König ihm nun noch eine besondere "Kriegszulage" bewilligt, oder steckt darin noch etwas anderes? Etwa ein besonderer Auftrag, zu dessen Ausführung O. das Geld benötigte? Dann wäre natürlich das Sprichwort darauf zu beziehen (s.u. zu Vss. 201ff!).

197. ... ls. 'künig Sigmund der v. mir'. Zur Betonung vgl. z.B. Vss. 174 u. 203.

198. ... 'mit manchem planken zier'. Der "Blanke" ist ohne Zweifel die alte franz. Silberscheidemünze 'le blanc' ('gros blanc', Weissgroschen; s.d. La. v. C 'groschen'!); vgl. z.B. Wilh. Jesse, Quellenbuch z. Münz- u. Geldgeschichte des MA.s, Halle 1924, Nr. 367 u. Anm. dazu (S. 308).

201-204. ... ls. 'ehafte not m. d. vermuet' - 'vermuet' = 'vermuote', zu 'vermüejen', also: bedrängte. - Dass diese 'ehafte not' eine Rechtssache gewesen sei, wie Sch. II, S. 12 annimmt, ist aus dieser Stelle nicht ohne weiteres zu entnehmen; sie besagt wohl nur, das O. einen gesetzlich anzuerkennenden Grund hatte, von seinem Dienst am Hofe beurlaubt zu werden. Denkbar wäre allerding, in Hinsicht auf den Ausdruck 'vermuet' das Umgekehrte, nämlich dass sein Aufenthalt ausser Lande eine 'ehafte not' wurde in Bezug auf Angelegenheiten, die er in der Heimat zu regeln

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hatte. Jn diesem Falle kann es sich natürlich um eine Rechtssache handeln, deren Verzögerung ihm Schwierigkeiten brachte ('vermuet'), sodass er Sigmund um Urlaub bat. Die Rechtssache O.s mit seiner Schwester Martha erscheint aber wohl nicht wichtig genug, um eine Grundlage für die Vss. 201-204 abzugeben1. Die Erklärung, die B. Web. Einl. der Ausg., S. 11 und "Osw. u. Fr.", S. 285 gibt2 und der sich Noggler, ZsFerd. 27, 15 und Motz S. 27f anschliessen, dass O. von Sigmund auf die Nachricht von Herzog Friedrichs Flucht aus Konstanz dorthin geschickt wurde, um dort im Auftrage des Königs Nachforschungen zu halten und als "Verbindungsmann" zu fungieren, hat andererseits ihre Schwierigkeiten; denn Herzog Friedrich floh aus der Konzilstadt am 30. März 1416 (Aschb. II, 230), und Sigmund verliess Paris schon am 7. April (RJ.); allerdings blieb er bis zum 13. April in St. Denis, sodass ihn da eine

1Osw. war vom Hauptmann von Brixen mehrfach vorgeladen worden zur Regelung von Rechtsangelegenheiten mit seiner Schwester M. und entschuldigte sich in einem Brief an diesen (6. Nov. 1418), dass er nicht 'pey land gewesen sey' und nachher ja auch bei Herzog Friedrich in Ungnade gewesen sei, sodass er nicht zum Reichstag hätte kommen können (s. Noggler, a.a.O. S. 41 u. Abdr. des Briefes ebd. S. 67).

2B. Web. bezieht sich an der zweiten Stelle auf die "Reisenotate Oswalds", die er ja in diesem Buch oft heranzieht. Was es wohl damit auf sich haben könnte, zeigt J.E. Wackernell, B. Web. u. d. tirol. Lit., Jnnsbr. 1903 S. 295, der diese Notate für chronistische Aufzeichnungen des Marx Sittich v. Wolkenstein (gest. 1620!) hält. Diese nämlich wurden von B. Web. benützt. Jmmerhin erscheint es naheliegend, in den Notizen Marx Sittichs zumindest Familientraditionen, wenn nicht Bearbeitung älterer schriftlicher Ueberlieferung aus der Chronik der Familie zu sehen. Motz, S. 41 Anm., bemerkt hierzu: "Weber beruft sich oft auf die Notate O.s, die ihm ein Graf Wolkenstein übergeben hat; diese Aufzeichnungen aber, zugleich mit andern wichtigen Urkunden, sind infolge des plötzlichen Todes Webers 1858 verschwunden." (!?).

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Botschaft mit der Fluchtmeldung noch hätte erreichen können. Dem steht nun aber entgegen, dass sich in den RJ. keine Urkunde findet, die darauf schliessen liesse, dass Sigmund etwas davon erfahren hätte (ist das nur Zufall? - s. die Einleitung Altmanns in den RJ., Bd. XI, 1!). Eine Beziehung also zwischen der Flucht Friedrichs und O.s Abreise aus Paris muss zunächst als sehr fraglich erscheinen. Einer der Botschafter Sigmunds nach Konstanz wird sich O. jedenfalls angeschlossen haben, denn Vss. 203/4 lassen einen allein persönlichen Grund für die Abreise nicht zu (zu den Botschaften vgl. RJ. unter dem 20. März, 4. 5. 6. April - Nrr. 1936, 1947, 1949, 1950 - doch s. auch ebd. Nr. 1948!).

205-207. ... Da noch Paris genannt ist, wird also nach dem Vorhergenannten Osw. Ende März bis Anfang April Paris verlassen haben (ob etwa noch nach Sigmunds Abzug, lässt sich natürlich nicht entscheiden). - Punkt nach 'verainen'.

208. ... "Dazu (d.h. zu allem in diesem Gedicht geschilderten) ist dies meine Meinung" - also Kolon nach 'maine' (s.u.!). - Die Auftaktlosigkeit des Verses ist nicht zu beseitigen und lässt sich zur Not auch in der Mel. unterbringen.

209-216. ... Jn dieser Str. vermutet Schatz einen Einschub, der zwar noch in Frankreich gemacht wurde, aber wohl erst, nachdem das Gedicht fertig war; denn die nachträgliche Erwähnung dieser Feierlichkeit, die am 19. Febr. in Chambéry stattfand, muss auffallen (Sch. I, 113). Diese Vermutung wird aber fast zur Sicherheit, wenn man an Vs. 208 unmittelbar die Schlusstrophe anfügt; dann erst erhält nämlich der genannte Vers einen brauchbaren Sinn: er leitet O.s persönlich gehaltene Schlussbetrachtung über das ganze bewegte Hin und Her dieser Reise ein. Der "besondere Grund" der Einfügung, den Schatz a.a.O. nicht näher kennzeichnet,

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kann der gewesen sein, dass O. bei seiner Rückreise von Paris vielleicht durch Savoyen reisen und den Herzog sprechen musste. Dessen Lob wollte er dann nicht unbesungen lassen, wenn er ihm das Gedicht zeigte.

210. ... 'permafoya', "par ma fois" ist ein willkommener Reim für 'Saphoia'! vgl. 99,11/13 'permafoi : Sophoi', wo jedoch nicht eine ua- (oa-) Aussprache von frz. oi zum Vorschein kommt, wie hier! sicheres -oi erweist der Reim 77,36/42 'per mai foi : op mi troi'. 'getreuen' als mit 'permafoya' übersetzt (also: 'entriuwen') anzusehen, liegt nahe, doch wäre die Form schwer abzuleiten, sodass 'getreuen' = Adj.-Acc. das wahrscheinlichere ist.

211f. ... Besser Kolon als Komma nach 'rain'; der folg. Nom. fällt dann nicht aus der Konstr., sondern der Vers bildet einen elliptischen Satz.

213. ... 'des', darum, d.h. wegen seiner 'frumkait' - doch scheint hier eine frühere Fassung der Strophe noch hineinzuspielen (s.d. Laa.!), die sich aber nicht mehr rekonstruieren lässt.

214. ... Komma nach 'genant', wie Sch. I; denn das Folgende ist Nachsatz!

215f. ... s. Sch. I, 113 - es ist damit der Unfall gemeint, der sich bei der feierlichen Erhebung Amadeus' VIII. von Savoyen zum Herzog am 19. Febr. 1416 in Chambéry zutrug: Das hölzerne Gebäude für die Feierlichkeiten stürzte ein, wobei Graf Ludwig von Öttingen das Bein brach (s. Aschb. II, 154 u. RJ.). Eine Anspielung in irgend übertragenem Sinne ist also in diesen Versen nicht zu erblicken, wie es Noggler, ZsFerd 27, S. 15 wollte, oder in anderer Beziehung Passarge (S. 53 Anm. 2). - '(des stueles) pruggen': das Gerüst, auf dem die Bänke und Stühle erhöht angebracht waren.

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217f. ... 'strieme' - es wäre verlockend, gerade nach der hsl. Ueberlieferung (-ye- auch -ey- A, -ey- BC!), hierfür 'streune' einzsetzen, als 1. Pers. Sing. Präs. von 'streunen' = 'striunen', "stöbernd, durchforschen"; doch lässt der Reim das nicht zu. Das Vb. 'striemen', "streifen, mit Streifen versehen", das Schm. Fr. hat, kommt nicht in Frage; 'strieme' ist jedenfalls dasselbe wie Vs. 95 'streimen', also: der Streifen, Strich, nur in übertrag. Sinne (dies Wort erscheint ja mhd. mit -î-, -ei- und -ie-): "Wie viel ich auch sehe, höre ... den Verlauf des Striches (Ganges) der Welt, ..."; zu der Konstr. ist zu vgl. 111,1/2 'Wie vil ich sing und tichte den lauff der welte not'.

220f. ... Von diesen Bildern der Gleichheit alles Sterblichen nach dem Tode sind ja die beiden ersten noch miteinander zu vergleichen, sofern der 'wâtsac' aus Leder ist; doch bei den anderen beiden fehlt eigentlich jede Verbindung, sodass durch diese Verschiedenheit nach jeder Richtung hin die gleichmachende Wirkung des Todes besonders drastisch zum Ausdruck kommt. Auf die Gefahr hin, die "Encheiresis" zu weit zu treiben, wage ich eine Auslegung der vier Bilder: 'watsack': der Dicke, der ein "gutes Leben" hatte; 'rieme': der Schmächtige, der hungern musste; 'glogghaus': der Geistliche oder auch der Optimist; 'essichkrueg': der Pessimist.

Die Neigung allerdings, offensichtlich ganz Beziehungsloses einander gegenüberzustellen, zeigt gerade diese Gruppe von Sprichwörtern (s. z.B. Wander unter "Tag", Nrr. 24, 28, 48); doch wenn sich keine Quelle für die Wörter in solchem Zusammenhang findet, wie O. sie braucht, so wäre hier wieder ein Beispiel dafür, wie er auch gegebene Stoffe und Motive ausgesprochen selbständig zu gestalten und seiner Eigenart anzupassen versteht!

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Bezüglich der verhältnismässig kurzen Zeit, die zwischen der Eroberung Ceutas (21. Aug. 1415) und O.s Anwesenheit in Perpignan (18. Sept. 1415) liegt (vgl. Sch. II, 11), ist auf Noggler, ZsFerd. 27, 13 zu verweisen. N. nimmt jedenfalls mit Recht an, dass O.s Rückkehr "mit jener Gedandtschaft erfolgte, die König Johann noch von Ceuta aus ... an den Hof von Arragon absandte (H. Schäfer, Gesch. v. Portugal II, 288)". - Für die Abfassungszeit ist der April 1416 der früheste Termin, wie aus Vss. 205ff hervorgeht. - Vgl. noch Sch. I, 113, sowie unten zu Ged. 64; auch die Bemerkungen zu 109,1ff, 7ff, 13ff.

64 (1)

(Aa 17, f. 9 a; B 18, f. 7 a; C, f. 17 b)

Metr.: Der gleiche metr. Rahmen wie bei Gedd. 94 u. 100. Die Strophe besteht eigtl. aus 4 (bei 94 drei) gleichen Teilen, deren letzte Zeilen aufeinander reimen; die beiden Abgesangsteile sind von den Stollen durch Binnenreime unterschieden, die die ersten 3 Verse jedes Teils in drei Zweitakter zerlegen. Ged. 100 weist auch in den Stollen und in den Schlusszeilen der Abgesangsteile Reimschmuck auf: die ersten und letzten Verse der Stollen, sowie die letzten der Abgesangsteile sind je miteinander durch Jnreime im 2. Takt verbunden, die Mehrzahl dieser inneren Reime sind einsilb. mit folg. Senkung ("Auftakt"); doch findet sich unter ihnen auch eine ganze Reihe zweisilbiger Reime, denen dann kein Auftakt folgt, sodass die Synaphie der Verse gewahrt bleibt. Es ist hier am besten der Ort, diese Stellen, soweit sie in der genannten metr. Gruppe 64; 94; 100 erscheinen, anzuführen (im Schatz'schen Text einsilb. erscheinende Reime, die als zweisilbig anzusehen sind, werden mit aufgeführt; Näheres s. unten zu den betr. Vss.):

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64,14, 25, 27, 30, 58, 90, 106, 109, 110; 94,33; 100,41, 42, 43, (46), 47; besondere Fälle sind 94,34 u. 47 (s.d.!). Zu der Unterscheidung zwischen zweisilb. Reimen dieser Art und klingenden Reimen, die Maurer nicht deutlich auseinanderhält, s. II. Teil, 3. Kap.

Melod.: (19) Offensichtlich gleich der von 94 (14), wenn auch geringfügige Abweichungen und das Fehlen eines Hinweises in den Hss. den Abdruck beider Fassungen bei Koller rechtfertigen. Die Mel. v. 100 (70) ist eine andere, nur im Abges. finden sich erkennbare Aehnlichkeiten (s. zu 100, Melod.!). Alle beiden Melodd. haben rezitativischen Charakter, wie es ja der Art sowohl von 64, das gegenüber 94 jedenfalls die Priorität zu beanspruchen hat, als von 100 entspricht.

2. ... ls. 'welte' aus metr. Gründen!

3. ... 'ellend, armuet' - diese stabr. Formel erscheint mehrfach bei O.: 97,87; 97,92; 117,13 - vgl. auch 'armuet, ungemach' 96,9 und 'armuet, übelhait' 106,45!

4. ... vgl. hierzu, wie überhaupt zum Anfang des Gedichtes: 111,129ff.

6. ... 'loff' (= Vs. 9) s. zu 63,33.

7. ... Man wäre versucht, 'fremden' als subst. Adj. aufzufassen und danach Komma zu setzen. Doch würde der Ausdruck der Stelle dadurch verlieren; das stabreimende Oxymoron passt gut zu O.s Art (vgl. 88,39 'valscher freund').

10. ... Der Zeichensetzung, die Türler vorschlägt (Punkt nach 'zwar', Komma fort nach 'jar') schliesse ich mich grundsätzlich an, nur dass ich statt des Punktes ein Kolon setze. Die Berechnungsgrundlage für das Geburtsjahr Oswalds (s. Sch. II, 4) bleibt ja bestehen - s.a. zu Vss. 97f!

11f. ... "ausser dass ich einmal ein allerdings nur halbes (= Maultier) mit fahler Farbe raubte oder stahl, und auch von dem musste ich mich mit bösem Gewissen trennen". Nach 'varb' ist viell. besser Komma zu setzen.

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12/16. ... 'laide : klaide' reimt nach dem Strophenbau auch auf 4 und 8; doch könnte hier immerhin eine Teilung vorgenommen werden, insofern als die ersten beiden Reime im Aufges., die anderen im Abges. stehen (s. zu Vss. 76, 80 gegenüber Vss. 68, 72; vgl. a. 100,4/8/12/16!) - an sich ist ja der Reim -en : -e nicht selten bei O. (s. zu 63,172).

13. ... 'renner': Laufjunge - 'marstallär': Pferdeknecht; zur Betonung s. zu 45,37!

14. ... ls. 'auch an dem rueder zoch ich zue mir, das was swär'! - Die Assonanz 'rueder : zue mir' steht für einen zweisilb. Reim; so trennt übrigens auch B. Web.!

15. ... 'här' (: -är aus -aer(e)!); beachtenswert sind die Laa. 'har' von BC; s. zu 45,36/37!

16. ... Die auffällige hsl. Ueberlieferung 'manchen' geht jedenfalls auf einen Fehler der Vorlage von A (s. Sch. II, 32) zurück (oder auf ein Verhören des Schreibers Aa?). - 'klaide' = 'klait', mit epithet. -e; vgl. 28,33 'gesange'!

17. ... 'Tartarei' - B. Web. bemerkt dazu: "worunter aber gewöhnlich nur die Krim mit einigen angrenzenden Distrikten verstanden wurde"; er bringt dazu aber nur die andere Stelle bei: 107,3 'durch Tartarei in Suria', in welchem Zusammenhang das "aber" B. Webers berechtigt erscheint (s. zu 107,3!) - hier jedoch, zwischen Litauen und Türkei stehend, kann es sehr wohl das genannte Gebiet nördl. des Schwarzen Meeres sein! - 'über mer': ins Gelobte Land (vgl. zu 55, sowie II. Teil, 1. Kap.).

18. ... Ob "Spanien" einzusetzen ist, erscheint fraglich, da O auch sonst nur 'Jsp...' hat (auch in den Varr. der Hss.): 6,8; 36,76; 63,7; 65,2; 107,15; 111,102; an diesen genannten Stellen hat das J- auch metr. selbständigen Silbenwert! Trotzdem wird es hier, wenigstens beim Vortrag nur leicht artikuliert werden und in dem Uebergang von

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-ch zu s- verschwinden müssen; ebenso ist 'zwain' zu lesen, denn die Hebungen verteilen sich so: 'gen Lámpart, Fránkreich, (J)spánien mìt zwain kǘngeshèr'! - Das Komma vor 'mit' ist zu streichen, weil die Fahrten mit den Heeren zweier Könige, die er ja auch gleich nachher nennt, nach der Lombardei (Ruprecht) und nach Spanien, Frankreich (Sigmund) unternommen wurden! Dass O. schon vor 1400, also bei seinen ersten Kreuz- und Querfahrten einmal in Spanien gewesen sei, ist also aus dieser Stelle nicht zu entnehmen, wie Schatz (Sch. II, 5) es tut - und auch die Gedichte, in denen der Name erscheint, gehören alle frühestens ins Jahr 1416 (s. zu 6 u. 36!), lassen also immer nur die Beziehung auf die Spanienreise mit Sigmund zu; vgl. II. Teil, 1. Kap. - Die Form 'mit (zwain) ... her' erklärt Maurer S. 58 als Angleichung des Dat. Pl. an Nom./Acc. Pl.; doch kann es sich bei dieser Stelle auch um "gedachten" Dat. Sing. handeln (aus der Wendung 'mit zwaier künge her')!

19f. ... 'die minn' zu Sabine! - 'auff m. aig. geldes wer': "auf eigene Kosten" erklärt dies B. Web.; Schrott übersetzt "auf eigenen Sold" - diese Auslegung würden aber doch wenigstens bei Sigmund der Tatsache widersprechen, dass O. in Dienst und Sold des Königs stand; bei Ruprecht allerdings ist es nicht sicher, da an seinem Römerzuge 1401/2 sich auch Kontingente beteiligten, die von ihm keinen Sold bezogen (s. z.B. bei A. Winkelmann, D. Romzug Ruprechts v. d. Pfalz, Jnnsbr. 1892). Es könnte auch 'auff' von 'traib mich' abh. sein, sodass die Stelle zu übersetzen wäre: "trieb mich die Minne zur Bürgschaft meines eigenen Einsatzes, meines eigenen Werter, d.i. zum Einsatz meines Lebens"! - Vs. 20 steht nicht im Zusammenhang der Konstr., sondern gibt als nähere Erläuterung des Vorigen einfach die Namen der beiden Könige im Nom. an! - 'paid mit des

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adlers streiffen' - B. Web. erklärt: 'streiff, streiffen' = Streif, Fahne, Kriegszeichen; so einfach ist aber, glaub ich, die Stelle nicht zu deuten. Es soll jedenfalls damit gesagt sein, dass beide Könige waren. Vielleicht steht 'streiffen' übertr. für Zweifarbigkeit eines Stoffes, einer Fläche, also hier des Wappens: "Beide mit dem zweifarbigen Adlerwappen des Deutschen Königs" (schw. Adler a. gold. Grund)?

21f. ... ls. 'Franzóisch, mö́risch, kátlonìsch und kástiliàn, / teutsch, látein, wíndisch, lámpertìsch, reusch ùnd romàn' - vgl. 36,32 und 77,14 'franzoisch' (auch dreisilbig!); desgl. 63,7 'Kátlon' und 110,85 'Kátalòn'. Bei 'kástiliàn' könnte man im Zweifel sein, da nur 'Kastíli/è vorkommt (65,2 und 107,13); das 'und' kann nicht gestrichen werden, da es hier offenbar bewusstes Kunstmittel bei den Aufzählungen ist, auch die vielleicht mögliche Lesung, 'kátlonsch ùnd kastíliàn' widerstrebt mir. Dazu kommt der Stabreim zwischen drei mal je zwei Wörtern, also ein Klangmittel, das O. auch sonst liebt und wenn möglich mit der Betonung im Vers verbindet; auch der Einfluss des betonten 'ka-' von 'katlonisch' ist in Betracht zu ziehen. Daher setze ich die obige Skandierung an. Aus der erkennbar beabsichtigten Parallelität der beiden Verse ergibt sich dann von selbst die Lesung für den zweiten Vers; - zu 'kástiliàn' gegenüber 'Kastíli/è ist darauf zu verweisen, dass auch sonst bei O. verschiedene Betonung des gleichen Namens sich zeigt (s. z.B. 'latein', 'Maria' u.a.; vgl. d. Namensverzeichnis!)

[...]chbezeichnung; und zwar die deutsche Sprache bezeichnend: 64,22; 77,13 (ebd. exposicio Vss. 5, 9, 22, 28, 34, 40); Subst. 'die tütsch': Sprache schlechthin: 70,21 (das Sprechen) und 70,29 (s. v. a. Verständigungsmittel); 'die teutsch': deutsche Bedeutung eines fremdsprachl. (ung.?) Ausdrucks 114,66. - 'látein' vgl. 77,18 'latèin'; es ist natürlich Lateinisch gemeint, wie bes. die Gedd. 27 u. 77 erweisen, und nicht etwa Ladinisch, was an sich ja denkbar wäre. - 'windisch': slovenisch; s. zu 27, vgl. a. 77,16 (u. expos. Vss. 4, 10, 19, 26, 35, 41). - 'lamp.' steht jedenfalls für das sonst (Ged. 77) gebrauchte 'welsch': ital. überhaupt!

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- 'reusch' ist zu lesen; durch Ekthlipsis aus 'reussisch'! - 'roman' - es lässt sich wohl nicht ganz sicher feststellen, welche Sprache O. damit meinen könnte; jedenfalls ist kaum "römisch" (so B. Web. und Sch. II, 5) darunter zu verstehen, gerade wegen des 'latein' und 'lampertisch' vorher; zumal Lombardisch und Römisch kaum in dem Sinne als verschiedene "Sprachen" bezeichnet werden könnten, wie es bei Katalon. und Kastilisch durchaus der Fall ist1! Doch könnte es sich hier um "Romanisch" im engeren Sinne, also "Romauntsch" oder Ladinisch handeln, das ihm aus dem Grödnertal ja sicher bekannt war. Das bliebe immer noch das Wahrscheinlichste; oder könnte man auch an das Venetische in der 'Romania' (östl. Morea!) denken? Das Rumänische jedenfalls (so Motz, S. 15 Anm. 2) kommt kaum in Frage; s.a. zu 'Romani' (-ei) 36,80. Die Verbindung 'reusch und roman' besagt nichts, da, abgesehen vielleicht von äusseren Gründen ('katl. u. kast.' - 'reusch u. rom.'), eine irgend sinngemässe Reihenfolge der Sprachen nicht erstrebt ist.

23. ... Zehn Sprachen nennt O. hier, die ihm weiterhalfen; das sonst bei ihm erscheinende 'welsch' wird dabei durch 'lampertisch', bezw. 'roman' ersetzt. Doch fehlen hier Ungarisch und 'flemming', die er in Ged. 77 noch verwendet ausser Franz., Deutsch, Lat., Wind. und Welsch. Auffällig ist, dass 'zehen' auf Rasur steht; hat da urspr. eine andere Zahl gestanden ('ka[stiliā', Vs. 21, steht auch auf Rasur!)? Jedenfalls kannte er mindestens 11 (od. 12) Sprachen.

1Darauf weist Leo Spitzer, Romanisches b. Osw. v. Wolk., Neuphil. Mitt. XXI (1920), SS. 72-77, 135; auf S. 76 in einer Anm. hin gegenüber Schatz (Sch. II, 11), der beides als "spanische Dialekte" bezeichnet!

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24. ... 'auch kund ich ...' - Die Stellen, an denen O. über seine musikalischen Kenntnisse und Fähigkeiten spricht, hat schon Zingerle, WSB 64 (1870), 647f zusammengestellt; allerdings fehlen da 28,33; 36,31ff; 64,97f; 95,18. Es sind: 28,33 'mein ritterlich gesange'; 63,168 '... (kund ich) ... haidnisch singen, tanzen'; 64,97f 'Jch han gelebt ... mit ... tichten, singen ...'; 65,41 'die mich zu schallen ... pat' (musizieren); 83,18 'mein singen mag ich nicht gelan'; 93,16-18 'awe ist mein gesank, dasselb quintier ich ... mein tenor'; 93,33 (Text nach BC, s. dort!) 'für singen huest ich ...'; 95,18 'was hilft mein tichten und gesank'; 100,20 'begund wir singen, schallen'; 102,18 'mein singen ...'; 109,127 lässt Osw. den Herzog Friedrich sprechen: 'wir (nämlich Friedr. u. Osw.) müessen singen fa sol la'. Dazu kommen die Stellen, die seine Empfindung gegenüber gehörten Tönen zum Ausdruck bringen: 36,31ff; 65,49-53; 83,9ff u. 25ff; 110,14; auch das Ged. 45 gehört wohl hierher.

Mit den genannten Stellen berühren sich zum Teil die, aus denen seine Kenntnis musikalischer Fachausdrücke hervorgeht (36,31ff; 57,67; 65,49ff; 83,11-14; 93,17f; 102,19-21; 109,127:

prechen (musik prechen) 54,17; 83,11.
discantieren 36,32.
disonanz 102,19.
falseten 102,20.
concordanz 102,20.
mensur apposita 65,51.
musica 65,49.
noten hol und ganz 65,52.

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nötlin 83,12.
resonanz 65,50; 102,21.
sonieren 36,33.
tenor 93,18.
timpelieren 110,14.
Tonleiter 57,67 (sol la); 83,13/18 (ut ... la ... fa); 109,127 (fa sol la).

Nähere Erklärungen finden sich, soweit nötig, an den betr. Stellen.

25. ... ls. 'umbvaren : aren' (M) - 'arn' = 'arm' kann hier nach dem ganzen Zusammenhang ('umbvaren', 'insel') nicht "Wasser-, Meeresenge" sein, sondern muss "Landenge, Landzunge, Halbinsel" heissen, wie es auch B. Web. erklärt.

26. ... 'der ich genoss von st. pant' - "die mir zustatten kamen infolge der Fessel des Sturmes".

27. ... 'hoch und nider' ist das Subj.; 'meres glider' (so zu lesen) Objekt.

28. ... 'die swarze se' (-ē A (von b!), -en BC!) - Ob es sich wirklich um den heutigen Namen "Schwarzes Meer" handelt, ist recht fraglich. Auf den Karten der Zeit findet sich jedenfalls diese Bezeichnung nicht. Der damals übliche Name ist offenbar "Pontus", während der heutige anscheinend erst etwa im 17. Jh. (in russ. und türk. Ueberlieferung) auftaucht. - Gemeint sein kann allerdings trotzdem das Schwarze Meer, da die aufgezählten Länder diese Möglichkeit nicht nur zulassen, sondern begünstigen. Osw. hätte es ja auch in einem Zustande kennengelernt, der die Kennzeichnung "schwarz" wohl rechtfertigte und vielleicht den später fest gewordenen Namen veranlasst hat, weil dieser Zustand für das "gastliche" Meer wohl typisch ist. - Zu dieser Episode vgl. auch 111,49-56!

29. ... 'wargatin': it. barchettino - it. b-: w- vgl. 17,32; 77,32.

30. ... ls. '... was ich, doch genas ich und ...' (so auch B. Web.!) -

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'ain kauffman was ich' (s.a. Vs. 29 'mir zerprach ... mein wargatin"!) - Osw. ist danach also auch einmal Besitzer, oder wenigstens verantwortlicher Führer eines Kauffahrteischiffes gewesen; 111,51 sagt er hiervon: 'ain schiff ward mir zerprochen', und auch, dass er nachher den Verlust von Kapital und Zinsen besonders erwähnt, lässt darauf schliessen. Vielleicht führte er im kaufmännischen Dienste eines venetianischen oder genuesischen Kaufherren ein Handelsschiff. Venedig hatte ja zu O.s Zeit bes. im östl. Mittelmeer (Romani 36,80; 107,4; Kandia 64,15; Soldans-Lant (-kron) 36,76; 65,6; 111,22 usw.) seinen Haupthandelsverkehr, und Genua, dessen Konkurrenz ja allerdings in den Kämpfen bis 1381 von Venedig schliesslich etwas eingedämmt war, immer noch den stärksten Einfluss auf den Handel im Schwarzen Meer (Krim - Kleinasien). Dass O. auch in mehr führender Stellung in der Schiffahrt tätig gewesen ist, lässt sich mit ziemlicher Sicherheit aus seiner für einen blossen Ruderknecht doch zu genauen Kenntnis der nautischen Hilfsmittel, bes. der Seekarten, entnehmen (s. zu Gedd. 6 u. 17!). - 'kam hin', "kam davon".

31. ... 'gestreuss': Toben des Meeres (nicht "Gesträuch", wie B. Web. u. danach Lexer!); vgl. Meister Altswert (Holland u. Keller, Stuttg. 1850), 228, 23, wo bei einem Schiffsunfall auf der Fahrt nach dem heil. Lande das Toben des Meeres und der Kampf mit dem Ungestüm der Wellen ebenfalls mit 'gestrius' bezeichnet wird!

32. ... Komma nach 'grund'! - 'zue dem reiffen' - Es läge ja am nächsten, hier an 'rîf' stf., "Ufer" zu denken (ripa) und dementsprechend 'dem' in 'den' zu ändern. Doch darf nicht übersehen werden, dass es auch 111,55 heisst: 'das (Fass) zoch mich zue dem reiffen' (: begreiffen); eine Aenderung kann also kaum in Frage kommen. Vielleicht ist doch

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'reife' swm. anzusetzen1; dann hiesse es aber nicht "Ufer" sondern könnte höchstens "zum Rettungsring verschlungenes Seil" bedeuten (vgl. Jeroschin, Strehlke, Vs. 19270, wo es allerdings stm. ist: 'den reif'!) - als pars pro toto = Fass kann es hier nicht gebraucht sein, da dem 111,53ff entgegensteht!

34. ... Komma nicht hinter, sondern vor 'zu willen' (Türler).

36. ... 'non maiplus disliga(i)des' - L. Spitzer, a.a.O. (s. oben S. 277 Anm.) versucht ausführlicher diese "spanischen" Sätze und Wörter (64,36, 40, 48) zu erklären und festzustellen, welche roman. Sprache es wäre. Sp. kommt nach genauer Einzeluntersuchung der Formen zu dem Schluss, dass O. eine "aragones.-kastil. Mischung", "wenngleich weder in tadelloser lautlicher noch syndaktischer Form", wiedergegeben habe. Als Beispiel für diese Mischung führt er die Besprechung eines barcelonischen Gedichtes von 1473 oder 72 (Romania XI, 345) durch Morel-Fatio an, wo für die "rois d'Aragon, comtes de Barcelone" eine Mischung aragones.-katalan. Sprachgewohnheiten festgestellt wird. - Hier genüge es zunächst, die Bedeutung der Worte wiederzugeben (doch s. zu Vs. 44 'laides'!): 'non maiplus disligaides' (od. -ades?!) = "Nicht mehr löst (sie) auf!"

37. ... 'von iren handen' vgl. zu 63,191.

39. ... 'nach ir gewonhait' vgl. 63,156 'nach ires landes site'.

40. ... 'raicades' (raca(i)des!?): Ohrgehänge (arracade) - Näheres s. Spitzer a.a.O., S. 73; mit 'raig': König (also "Königsringe"), worauf B. Web es zurückführt, scheint das Wort demnach nichts zu tun zu haben.

42. ... 'spreutzt' (: 'kreutz') - "öffnet den Mund vor Staunen". -

1Der Reim alt. -ei- : alt. -î ist ja bei O. nicht selten, allerdings nur vor ch; n, s, d, t, z; doch wenige davon sind auch in den Hss. mit -ai- geschrieben (von 33 Wörtern mit alt. -ei-, die im Reim auf alt. -î- stehen, erscheinen nur 9 in den Hss. mit -ai-!).

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Osw. kennt nur die Form mit Affrikata (s. 66,20 'underspreutzt : unverscheutzt' und 79,158 'spreutz (Subst.) : kreutz'), sodass das -ss- in A wohl nur dem Schreiber zukommt. Zu beachten ist, dass die Belege für 'spriuze' bei Lexer fasst durchweg -tz- haben und dass ebenso Schm. Fr. II, 708 sowohl für Vbb. als Subst. neben Spirans hauptsächlich Affrikata verzeichnet; vgl. auch DWb. unter 'spreizen, I. 2 b". - S. zu 8,3 'hatz'! - Zu dem Reim -tzt : -tz s. zu 18,4/5.

43. ... 'rueft' - nach dem Zusammenhang ist Prät. v. swv. 'rüefen' anzusetzen, wie es auch Wustmann, AfdA 29, 230 (Bespr. v. Sch. I) tut; er hält es mit 7,15 'rüfften' (BC) zusammen, welches er da allerdings fälschlich für alle Hss. in Anspruch nimmt (s. dagegen Sch. II, 52 Anm.). Jn diesem Falle ist 'rieffen' natürlich mit A im Text zu belassen.

44. ... 'laides' (: disliga(i)des : raicades (raca(i)des?) : Pra(i)des) - durch diesen Reim ergeben sich wohl die meisten Schwierigkeiten für die genannte Untersuchung L. Spitzers, weil er anscheinend für die "span." Wörter die Endung -aides bedingt, während die Sachlage bei allen dreien verhältnissmässig einfacher wäre, wenn es -ades heissen könnte! Sp. (S. 75), sowie der Hsg. der Zs. O.J. Tallgren (S. 77 Anm.) machen darauf aufmerksam, dass der Reim vielleicht bes. Schlüsse auf die mundartl. Aussprache von 'laides' zuliesse (Weinh. BG. § 39, â für ai); in einem Nachtrag im selben Bd. d. Neuphil. Mitt. S. 135 berichtet Sp. von einer Erklärung, die Schatz ihm nahelegt: der Reim könnte sich aus einer etwa schon zu O.s Zeit bestehenden Aussprache des deutsch ei = oa (wie im heut. Bayr.) erklären, also: loades und dazu mit ungenauem Reim die roman. Wörter mit -ades. Zu beachten ist dazu, dass nach Schatz, Tirol. Ma. (ZsFerd. 47), S. 40 ā für ai zwar in Tirol vorkommt, aber doch nur in wenigen

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verstreuten und in sich abgeschlossenen Gegenden neben sonst bei weitem überwiegendem ǫa, ǫe, oe. Jmmerhin, es kommt vor in Tirol! Und hält man nun noch die Reime 'lait' (aus 'legete') : tät' 85,50/52; 'hailg : sälg' 119,2/4 und 'schrät : wät : -kait : stät' Mundi renovatio (s. hinter Ged. 125!), Vss. 8ff, deren Reimmöglichkeit auf dem hellen, "hohen" ā für ae im Tirol. beruht (85,50 'latt' A!), so ist die Beurteilung des Reimes hier mit den roman. Wörtern in ihrem Schwerpunkt auf 'laides' gerückt; es kann ohne Bedenken 'disligades', 'racades' und 'Prades' angesetzt und das eingeschobene -i- als orthographisch angesehen werden; viell. wird sich dann für 'disligades' noch eine auch dem Romanisten annehmbare Erklärung finden lassen (vgl. Spitzer, a.a.O. SS. 73-75!).

46. ... 'neun personier künklicher zier' - 'personier' ist nicht: "Mummerei, angenommene Rolle", wie Lexer nach B. Web. angibt, sondern offenbar = span. 'personero', d.h. "Geschäftsträger, Bevollmächtigter", wobei allerdings das einfache "Person" auch mitsprechen mag; waren ja doch auch wirklich Personen königl. Geschlechts dort. - 'künklicher zier' bedeutet dementsprechend auch nicht bloss, dass 9 Könige, Königinnen und Königliche Hoheiten dort waren, sondern eben die Geschäftsträger mit Vollmachten (und deren Kennzeichen) von Königen sind auch 'künkl. zier'. Es befanden sich nämlich bei den Verhandlungen in Perpignan ausser König Ferdinand und seiner Familie auch Gesandte der übrigen Höfe, die zur Obedienz Benedikts XIII. gehörten, und zwar die der anderen span. Fürsten (Kastilien und Navarra) und Schottlands (s. Aschb. II, 142f und 148f). Rechnete man als Geschäftsträger je zwei, so wären es mit Ferdinand, Margaretha und ihrem Sohn Alfonso zusammen neun (!?).

47. ... 'Pärpian : Lun' s. zu 63,16. - 'ir pabst', nämlich der

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'neun personier', die ihn jedenfalls vorläufig noch als solchen anerkannten.

48. ... Komma fort nach 'küng' (M. u. Türler). - ls. 'zent' - 'Pra(i)des'; nach L. Spitzer (a.a.O. S. 75) jedenfalls richtiger Vermutung ein Geschlecht aus dem Ort dieses Namens (Prades), der etwa 45 km westl. von Perpignan liegt!

49. ... Sprich 'lēm' (aus lebn)!

50. ... 'wol zwai ganze jar' s. unten Zus.-Fassg. von 64!

52. ... 'die minn' zu Sabine!? s. unten!

56. ... 'ain kutten' ist ganz wörtl. zu nehmen und nicht etwa als Metonymie für "Mönch", wie Türler (S. 62) es annimmt; richtig dagegen hatte schon Beyrich (S. 36) diese Stelle als Beispiel für Personifikation angegeben (vgl. z.B. noch stärker: 100,32 'mein mantel sprach, wes liestu nicht dein wallen'!).

57. ... 'in handen' = 'enhant' - "vieles ging mir leicht vonstatten".

58. ... 'die kappen mit dem lappen', "der Kapuzenmantel mit den flatternden langen Enden"; der Umhang ist sehr weit und hat vielleicht auch noch 'lappen' an den Aermeln.

59f. ... "Nie kam mir vorher und nachher ein Mädchen so entgegen, das meine Worte freundlich anhörte"; d.h. von dem Mädchen, die meine Worte freundlich anhörten, kam mir keine so entgegen.

61f. ... "Schnell fuhr die Andacht zum Schädel hinaus, in demselben Augenblick als ich ..."; vielleicht ist sogar 'gebel' statt 'gibel' zu lesen - die komische Wirkung würde durch den Vorreim 'gebel : nebel' noch erhöht; O. hat diese Art der Klangspielerei ja auch sonst nicht selten: z.B. 1,9/11 'nahent schier : umbvahent mier'; 10,26 'senliche klag, mordlicher tag'; 54,13/15 'gogelleichen

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hel : vogel reich sein kel'; 62,30/32 'verkeren wolt : werden holt'; 94,11 'laub, gras, gevilt, das wasser wilt'; u.a.m.

63. ... 'mit laid vertreib', beim Vertreiben des Leides, d.h. im Kampfe gegen Unbill aller Art.

66. ... ls. 'zwingt'. - 'ain auserw. mündlin rot': Sabine.

67. ... vgl. 29. Anfg. 'mein herz das ist versert und giftiklichen wunt ... zwir durch pis an den grunt'!

68. ... 'vor ir', "ihr gegenüber" (s. Vs. 70!). - Die hsl. Ueberlieferung 'mangen' (manign̄ A, nach B. Web. Laa. auch in B 'mangen') ergibt also trans. Konstr. von 'berinnen', entspr. dem Gebrauch von 'rinnen' für 'rennen' = rinnen machen, r. lassen; in C ist das dann "verbessert". - Zu diesem und folg. Vss. vgl. die hübsche Schilderung eines ähnl. Zustandes, als er Margarete gegenüber steht (70,17ff).

70. ... "Wenn ich dem schönen Mädchen meine Aufwartung machete". - Dieser Satz steht in Konstr. ἀπὸ κοινου̃.

73. ... 'zwai hundert meil' für "mehr als hundert"; vgl. 29,18; s. zu 19,1!

74. ... 'gerost' (: getrost) - Dass alle drei Hss. Umlaut haben, muss auffallen, denn dies Wort, das nur im Ptz. im Reim erscheint, reimt ausser dieser Stelle noch zweimal auf -öst (18,35 u. 94,43) und einmal auf 'getrost' (70,25), wo B. Web. und Sch. I für B (Ged. 70 ist nur in BC überliefert) ebenfalls Umlaut verzeichnen. Doch da sich für 'getrost' im Reim keine Abweichung in den Hss. findet und eine Unterscheidung zwischen -ö- und -o- in Präs. und Prät. von 'troesten' ebenso wie bei '(er)loesen' (s. zu 18,35) offenbar vom Dichter angestrebt ist, so ist jedenfalls hier, 64,74, und 70,25 'gerost' auch gegen die hsl. Ueberlieferung anzusetzen und eben ein Schwanken bei diesem Vb. festzustellen. Ganz fest durchgeführt ist die Unterscheidung ja

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auch nicht bei '(er)loesen', wenngleich da 'erlost' bei weitem überwiegt. Die hier und 18,35 besprochenen Reime sind bei Maurer S. 62, wo er den Rückumlaut behandelt, nur zum Teil aufgeführt.

76. ... 'ich prunne' = 'ich enpr...': "Kälte, Regen, Schnee taten mir nie so weh mit dem Ansturm des Frostes, dass ich nicht trotzdem brannte, wenn mich die Sonne der Lieben heiss machte". Eine solche Gegenüberstellung von dem "Beissen" des Frostes und dem "Brennen" des (Liebes-)feuers auch 71,19f! - Das subst. Adj. die 'liebe' im Sinne von das 'liep' auch sonst bisweilen bei Osw.: 5,29; 39,12; (65,84?; 71,10?; 93,24; 111,76?), im übrigen meist das 'liep'. - 'sunne : wunne' (aber auch 68/72 'berunnen : verprunnen') - hier gilt ebenfalls das zu Vss. 12/16 Gesagte.

77. ... Vgl. zu Vs. 68! - 'mein mitt und mass' (vgl. a. 66,26); es geht dies wohl auf eine stabr. Formel 'mütt und mâz' zurück. Doch wenn auch Entrundung zu 'mitt' für O. möglich ist, so wird er, glaub ich, die entrundete Form doch schon übernommen und als 'mitte' gedeutet haben.

78. ... 'von': "wegen"; gegenüber Vs. 74, wo es wörtl. "von" (= entfernt von) heisst. - 'ellende' hier im urspr. Sinne, vgl. zu 20,7.

79. ... 'in wilden rat', "zu fremden Unternehmungen", oder einfach "in die Fremde" (s. Vss. 49ff) - 'lat', etwa: "entlässt"; denn 'iren' bezieht sich natürlich auf 'frau'.

81ff. ... Diese Episode scheint sich der Nachforschung zu entziehen; ob mit 'Nyo' "Lyon" gemeint sei, wie Schatz (Sch. I, 113) es vermutet, erscheint fraglich. Auch Nyon am Genfer See kann kaum in Frage kommen: O. verliess jedenfalls schon vor Sigmund Konstanz, da dieser erst am 21. Juli abreiste (am 27. Juli verliess S. Aarberg, sodass er kaum

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vor dem 30. in Nyon war; s. Aschb. II, 138f) und Osw. am 21. Aug. die Eroberung Ceutas mitmachte. Am meisten Wahrscheinlichkeit hat wohl die Sporaden- (Cykladen-) Jnsel Jos, heute Nio(s) für sich (nach freundlicher Mitteilung durch Herrn Prof. Edw. Schröder). Oswald könnte sie bei Gelegenheit seiner Reise ins heilige Land (s. II. Teil, 1. Kap.) berührt haben. Das würde überdies hier, imitten der Liebesklagen um Sabine, am besten in den Zusammenhang passen. Der Name selbst wäre damit also wohl erklärt, aber die 'vier hundert weib'?!

82. ... Komma nach 'Nyo' (M).

84. ... 'disem weib' - wieder Sabine. - 'geharmen', ihr Schmerz, Schande bereiten, ihr etwas anhaben; d.h. keine konnte ihre Schönheit verdunkeln.

86. ... 'west si doch halbe ...' vgl. 34,10.

87. ... 'ringer', "leichter", nämlich die 'swäre purt'.

89. ... Zu der Aenderung in Sch. II gegenüber der Stellung in den Hss. und Sch. I auf Wustmanns (AfdA 29, 230; Bespr. v. Sch. I) Vorschlag hin s. Sch. II, 55. - Dieser Satz gehört jedenfalls zum Vorhergehenden, sodass nach 'erparmen' Komma und nach 'muess' Punkt zu setzen ist (M); denn wenn auch im allg. die Lieder dieses Versmasses (64; 94; 100) jedesmal nach einem vier-zeiligen Strophenteil Sinneseinschnitt (Punkt) haben (von 59 Stellen 53 sicher Sinneseinschnitt, zwischen Aufges. u. Abges. alle!!), so ist diese Regel doch hie und da durchbrochen: z.B. 64,28/29; (64,68/69); bes. gleich vorher 64,84/85!

93. ... Punkt oder Ausr.-Z. nach 'pflegen' (spr. 'pflen͡g'; s. unten zu Vs. 95!), denn das 'lait' und 'wie wol mir wart' passt doch nicht zusammen; der Ausruf bezieht sich noch auf die Klagen vorher!

94. ... Viell. ist auch besser Ausr.-Z. nach 'segen' ('sen͡g') zu setzen!?

95f. ... ls. 'widergeng', Pl. v. 'widerganc'; - 'erparmen'; dieser rührende Reim zu Vs. 88 fällt auf, auch will das Wort in den Zusammenhang

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nicht recht passen. Nun hat B. Web. in seinem Text dort 'erp...' und hier 'erb...'; Laa. sind sonst leider keine bemerkt - doch selbst wenn die Fassung in A und B widersprechen sollte, möchte ich trotzdem vorschlagen, nach dem B. Weber'schen Text hier 'erwarmen' zu lesen, wie es übrigens auch Passarge in der Uebersetzung auffasst.

Wahrhaftig, auf meine Ehre: hätte ich ihre Ausflüchte vergessen (müsste ich nicht noch an ihre Ausfl. denken), darüber (nämlich, dass sie mir 'pot iren segen') müsste mein Auge in Tränen ganz warm werden."

97f. ... 'vierzig jar leicht minner zwai' - "etwa 38 Jahre" - Durch den Beweis, den Schatz (Sch. II, 4) für 1377 (1376/78) als Geburtsjahr O.s erbringt, wobei 64,10 meiner Meinung nach noch die sicherste Angabe ist, erhält diese Stelle, die Schatz für "verlässlicher" ansieht, erst ihre richtige Bedeutung. Denn es ist aus dem Wortlaut nicht schlechthin zu entnehmen, dass O. 38 Jahre alt sei: 'ich han gelebt ... mit toben, ...' - die anderen Stellen (91,54; 104,30 und eben bes. 64,10) ergeben das erst, wenn man alle zusammenhält; an und für sich könnten ja doch auch die 38 Jahre vom 10. Jahr ab gezählt sein, wo sein Abenteurerleben begann!

101f. ... vgl. 26,20f - gemeint ist natürlich auch hier Sabine.

103. ... 'iren gleich' - Apokope von -en wegen des Reimes!! vgl. dagegen 96,58 'geleich kiest sein geleichen'; 103,40 'gleich sein gleichen / in ausserwelt ...'!

108. ... ls. 'als' - vgl. 1,7; 20,69; 118,91; auch 121,86.

109. ... ls. 'Und wol bekenn ich, (waiss nicht, wenn ich sterben sol)' - also von 'bekenn ich' (erkenne ich) ist 'das' Vs. 110 abh., und 'waiss ... sol' ist Parenthese!

110. ... "Dass mir nichts Sichtbareres folgt als meine Werke", d.h., dass dann nur auf meine Werke gesehen wird!

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112. ... vgl. z.B. Ged. 91 u. bes. 98!

Ged. 63, das Schatz jedenfalls mit Recht in den April/Mai 1416 setzt (Sch. I, 113 "in unmittelbarem Anschluss an diese Reise"), und 64 gehören zusammen; und zwar ist wohl auch das zweite in diese Zeit zu setzen, es schliesst sich ungezwungen an. Dass Schatz diese beiden Lieder gegen die Hss. umstellte, lag nahe, denn 64 geht noch mehr in allgemeine Betrachtungen über, was sich dem Schluss von 63 gut anpasst. Die Uebersicht über gesehene Länder hat ja O. auch schon in dem Febr. 1416 entstandenen Ged. 36, aber doch in anderer Art, als sie in den Gedichten von jetzt ab sich findet. Jn der Zeit nach der grossen Spanienreise lernte er jedenfalls Margarete kennen (zunächst wohl ohne Heiratsabsichten, wenn auch nicht ohne Eindruck, s. zu 26 u. 25 bei Ged. 26!). Oswald ahnte einen Lebensabschnitt, und diese Stimmung führte zu überschauender Betrachtung des bisherigen Lebens (64; auch noch 65); der Gedanke an ein 'elich weip' und eigene Kinder kam dazu. Dabei mag er wohl zunächst Sabine im Auge gehabt und bei ihr wieder eine Werbung versucht haben (vgl. zu Ged. 20), was ja aus verschiedenen Gründen nahe genug läge. Aus einer erhaltenen Abweisung würde sich dann leicht die Stimmung von Ged. 65 (s.d.!) ergeben; an das sich die Marienlieder 50; 54; 68; 125; 126, sowie die beiden Hymnennachdichtungen zwanglos anschlössen (s. zu 65!). - Jm Jan. 1417 führte dann etwa das Wiedersehen mit Margarete (zu 26!) zu tieferen Neigungen (Gedd. 25; 66 usw.) und Werbung (Gedd. 3; 4; 27; 77; 69 usw.; siehe zu Ged. 77!).

Für 64 kommt also, ebenso wie für 63, jedenfalls April/Mai 1416 als Abfassungszeit in Frage

Die Lebensepisoden, die O. in 64 behandelt oder streift, sind, ausser der Spanienreise 1415/16: 1.) die Reisen vor 1400 (Vss. 1-17; 25-32),

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2.) der Römerzug Ruprechts (Vss. 18/20) und 3.) wohl die Fahrt ins Heil. Land, etwa auf Geheiss Sabinens, wie überhaupt seine Liebe zu ihr (Vss. 49-96). -

Von den Reisen vor 1400 interessiert wohl am meisten die Preussenfahrt. Die Annahme B. Webers, dass Osw. mit Herzog Albrecht III. 1377 gefahren sei, ist ja durch Schatz' Berichtigung von O.s Geburtsjahr hinfällig geworden. Da man trotzdem annehmen kann, dass die Fahrt nach Preussen den Anfang der Reisen machte, so kommt dafür 1386-88 in Frage. Hierzu sei erwähnt, was sich bei dem 'Annalista Thorunensis' und bei Joh. v. Posilge findet (Script. rer. Pruss. III, 144); "Anno domini (13)86 worin wil geste zu Kongsberg, die herczogen von Gelre und von Beyern Clemme genant (= Ruprecht v.d. Pfalz!!), der marggrafe von Baden und die herin von Hennenberg und von Plawin, und vil ritter und knechte. sunder man mochte nicht gereysen, der winter war weich."

Angesichts von O.s Fahrt mit eben diesem Ruprecht ('Clem' war der Beiname des späteren Kaisers R.!) nach der Lombardei (64,20) und überhaupt angesichts seiner Beziehungen zum Pfälzischen Hofe liegt die Vermutung nahe, dass der Zehnjährige auch schon bei diesem Preussenzug dabei war. Allerdings darf nicht übersehen werden, dass anscheinend nur in dieser Quelle von einer Preussenfahrt Ruprechts berichtet wird; jedenfalls habe ich weder in den RJ. noch bei K.A.C. Höfler, Rupr. v.d. Pfalz, Freib. 1861, sowie L. Häusser, Gesch. d. rhein. Pfalz, Heidelb. 1845 irgendeine Andeutung gefunden. Es mag aber immerhin zunächst als richtig unterstellt werden. Zu dieser Zeit, vor 1400, gehörten dann auch Vs. 17 'Littwan, Tartarei, Türkei'.

Die zweite Episode liegt ja klarer. Bei der dritten waren jedoch einige Kombinationen nötig, die bei Ged. 20 näher ausgeführt sind. Danach fallen diese 'wol zwai ganze jar' wahrscheinlich in die Zeit 1409/10.

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Für die Spanienreise selbst ist mir sehr wahrscheinlich, dass O. die von ihm selbst 109,1ff (s.d.!) beschriebene Reiseroute eingeschlagen hat; vielleicht mit einem Auftrage Sigmunds für England?!

65 (95)

(Aa 13, f. 7 a; B 12, f. 5 a; C, f. 13 b)

Metr.: Es gehört in eine Gruppe zusammen mit 96; 103; 117 - 84; 85; 88; 89; 92; 93; 108. Von diesen Liedern haben nur die ersten drei die gleiche Reimverteilung in den Stollen wie 65, das jedoch von allen anderen dadurch abweicht, dass es in der 2. Stollenzeile das Schema –6–́ hat; daraus ist (mit Unterstützung der Mel.) zu schliessen, dass die zweisilb. Kadenzen dieser Verse in den anderen Liedern als klingend (–6–̀) anzusehen sind; das Gleiche gilt von den vierten Versen jedes Stollens! - Da bei einer ganzen Reihe der 52 Strophen (104 Stollen!) dieser Gruppe in der 2. Zeile nach dem 2. Takt Sinneseinschnitt zu bemerken ist, dem das Fehlen eines solchen zwischen 1. und 2. Vers gegenübersteht, war zu untersuchen, ob es sich nur um eine Cäsur handele, die ja ohnehin beim Vortrag im 2. Vers wegen des voraufgehenden Zweitakters entstehen muss, oder ob dieser Einschnitt tief genug sei, etwa eine Versabteilung zu rechtfertigen. Denn die Verse 3/4, die zusammen eine Periode gleicher Taktzahl wie 1/2 haben, sind ja anders abgeteilt; und auch hier findet sich, wenngleich nicht so häufig, in der 3. Zeile ein Sinneseinschnitt nach dem 2. Takt, was dem Zweitakter des Stollenanfanges entsprechen würde! Es ergibt sich nun, dass immerhin fasst zwei Drittel der Stollen (etwa 64%), ja auch noch beinahe die Hälfte der Strophen,

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d.h. also beide Stollen einer Str. (etwa 48%) den Sinneseinschnitt in der 2. Zeile haben.

Für die Entstehung der Strophe interessant, jedoch natürlich ohne jeden Einfluss auf die Versabteilung ist, dass in der 3. Stollenzeile sich in immerhin 19 Fällen (also etwa 18%) Sinneseinschnitte an der genannten Stelle finden! Jm ersten Falle, also bei der 2. Stollenzeile, bringen erstens die Melodien eine Klärung, und zwar die von 65; 96; 103 und die von 117, während die Mel. der anderen (Gruppe 84-108, s. oben) beide Möglichkeiten zulässt: Die Melodien von 65 usw. und von 117 haben einen scharfen Einschnitt (mit Melismen) nach dem Zweitakter des Strophenanfangs, lassen jedoch keinen in der 2. Zeile zu! Dazu kommen als letzthin ausschlaggebend die Stellen, wo die genannte Cäsur in der Mitte eines Wortes fallen würde: 65,2, 8; 84,62, 92, 116; 85,44, 62; 88,38; 89,26, 38; 92,20, 44; 93,44; 96,26, 38, 98, 110; 108,2; 117,8, 56, 62, 74, 128, 134, 170, 182 - also 26 x, d.h. in einem Viertel der 104 Stollen! - Besondere metr. Einzelheiten, wie z.B. 65,3, 7, 32/34, 85-88, s. bei den betr. Vss.!

Melod.: (38) rezitativisch, dem erzählenden, bezw. klagenden Jnhalt entsprechend; die gleiche Mel. haben 96 (54) und 103 (53), und zwar hat in A Ged. 103 Hinweis auf Ged. 96, Ged. 65 nicht - in B 65 Hinweis auf 96, aber 103 nicht! Die Mel. von 117 ist eine andere, eigene, jedoch ebenfalls rezitativisch; sie ist auch im Abges. ernst gehalten, während die von 65 usw. hier tanzartigen Charakter (mensuriert!) einer Repetitio haben (in A anscheinend auch als solche bezeichnet - s. Sch. I, 157 -, wenn es auch eine "unechte" ist). - Ganz anders in Bau und Charakter der Mel. ist die Gruppe der Lieder 84; 85; 88; 89; 92; 93; 108, die sich ja auch schon durch die andere Reimverteilung im Stollen als eine für

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sich stehende Spielart gegenüber den anderen Gedichten dieses Strophenbaus dokumentiert. Näheres s. zu Ged. 84!

3. ... Sprich 'Swedn' - Auf 'Tenmark, Sweden' ist 4 Mal d' notiert, wärend der Bau der Mel. es nur 3 Mal verlangt, wie die Notation zur Parallelzeile (Vs. 9) im 2. Stollen zeigt. 96 (und 103) haben hier statt d'd'd': e'c'c'. - 'dort' ist das nur Reimwort, oder soll man sich dabei Osw. gegenüber einer Karte vorstellen? (vgl. zu Gedd. 6 u. 17!).

4. ... 'Afferen': Navarra (s. zu 36,78).

6. ... 'Soldans kron' s. zu 36,76.

7. ... Sch. I, 114: "Da es dem Dichter darum zu thun ist, die sechzehn Königreiche namhaft zu machen, welche er gesehen hat, und er deswegen bereits Vers 3 zwei Silben zu viel verwendet, habe ich hier 'sechzen' nicht gestrichen; wenn er im Gesang in Vers 3 über die überschüssigen Silben wegkam, war das auch hier der Fall." (vgl. a. Sch. II, 55 unten). - Es ist allerdings nur eine Silbe zu viel in Vs. 3 (s.d.), doch ist die Möglichkeit, 'sechzen' beim Singen unterzubringen, hier bei der ersten Stollenzeile noch grösser, als in den anderen Versen; denn für die 4 im Schema vorgesehenen Silben hat diese Zeile in der Mel. mindestens 10 Töne! - zu dem Jnhaltlichen von 'sechzen' s. unten die Zus.-Fassg. von 65.

10. ... Komma fort nach 'geweren' (M).

16. ... 'als ander frauen tuen' ist jedenfalls auf Sabine gemünzt (s. Sch. I, 114), doch s.a. unten Zus.-Fassg.!

21/27. ... 'jehen : anesehen' - hier an Stelle eines einsilb. Reimes im Schema, also 'jēn : -sēn' zu sprechen; auch die Mel. lässt nichts anderes zu, sodass nicht an "zweisilb. stumpf" im alten Sinne zu denken ist. - Auffällig bleibt der Reim, als Osw. sonst -ehen (jehen, -sehen, be-, geschehen), auch

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1 Mal 'sehen : flêhen' (110,82/84) nur klingend reimt, wie die Mel. der betr. Lieder erweist (14,6/16; 55,10/12; 85,8/10). - Nach 'jehen' viell. besser Kolon; "und wer sie kennt, der muss mir das unbedingt zugestehen: an ihr ist nichts misslungen".

24. ... Zu erg. "hat sie".

28. ... "vor mir, mir gegenüber köstlich gekrönt".

32/34. ... ls. '-kosn : rosn' - die Mel. lässt nur einsilb. Kadenz zu! - 'ab erkosen': abschwatzen, überreden.

37ff. ... 'Vier künigin verkrönt, ...' Schatz (Sch. I, 114) nennt nur die beiden in 63 u. 64 erwähnten: Königin Margaretha von Aragonien und Königin Elisabeth (Jsabeau) von Frankreich - die dritte ist jedenfalls Königin Barbara, die zweite Gemahlin Sigmunds (von 1408 ab) - aber die vierte? ist es Königin Margaretha, die Beherrscherin von Dänemark, Norwegen und Schweden?1 Wenngleich die Ausführungen B. Webers in seinem Osw. u. Friedr. S. 111ff auf der falschen Voraussetzung eines Geburtsjahres 1367 beruhen und auch sonst mehr oder weniger dem Reiche der Phantasie entstammen, so bleibt für 'Tenmark, Sweden' und somit die Königin Margaretha trotzdem eine Möglichkeit. Denn wenn O. um 1387 von Hause fortgezogen ist, und zwar jedenfalls nach Preussen, so kann er sehrwohl 1389 oder in den folg. Jahren (s. unten d. Anm.!) auch nach Schweden und Dänemark

1*1353; regierte von 1376 ab Dänemark, von 1380 ab Norwegen für ihren Sohn Olaf (*1371, gest. 1387) und nach dessen Tode allein; nach der Schlacht bei Falköping, 24. Febr. 1389, beherrschte sie auch Schweden, bis ihr Grossneffe Erich v. Pommern König v. Dänemark, Norw. u. Schweden wurde, behielt aber bis zu ihrem Tode (1412) Einfluss. Der Bürgerkrieg in Schweden in den ersten 1390er Jahren zog auch Deutschritter aus Preussen dorthin, die dem abgesetzten König Albr. v. Schweden zu Hilfe kamen!

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gekommen sein. Für eine Beteiligung an der Schlacht bei Falköping ist natürlich kein Anhalt. Ob nun allerdings dem höchstens 15- bis 16-jährigen Knaben von der Königin Marg. v. Dänemark 'eren vil beschehen' seien, erscheint recht fraglich!

42. ... 'auff ainem knie' - vgl. dagegen 63,185 'auff paiden knien so lernt ich gan'! Gilt das einseitige Knien nur den eben besonders genannten Fürstinnen, während er vor der Königin sich auf beide Knie niederliess?!

43f. ... 'Als ichs besinn, so ist ...' - Nachsatz zu den einen Vordersatz bildenden konstruktionslosen Nominativen 'Vier künigin ... und manch fürstin ...'.

45. ... 'nach adeleicher art' - der gleiche Ausdruck in dem Marienlied 50, Vs. 15!

49-52. ... 'tempft' erklärt B. Web. "dampft, überstimmt", und da 'resonanz' hier wie 102,21 schlechthin "Klang" bedeutet, liesse sich das ja denken. Doch scheint im Zusammenhang nicht von Uebertönen die Rede zu sein, sondern nur davon, dass sie in der ganzen Musik Bescheid wüsste oder ähnl. Daher glaub ich, dass vielleicht irgendein Fachausdruck missverstanden ist; welcher, konnte ich allerdings nicht feststellen. Vielleicht ist am ehesten ein Hineinspielen von 'tempern' anzunehmen, sodass etwa zu übersetzen wäre: (sie mischt die ganze Musik mit, d.h.) "sie verleiht der ganzen Musik einen vollen Klang" (Sch. I, Laa.: 'dempft' A!) - 'mensur apposita' - es ist wohl 'opposita' zu lesen, sodass man an die 'proprietas opposita' der Mensuralmusik denken könnte, d.i. die Geltung zweier (oder dreier) Semibreven als eine Brevis, wenn sie die ersten Noten einer Ligatur bilden. - 'all noten hol und ganz' - O. kannte ja bereits die Notation mit leeren ("weissen") Noten, die im 12. Jh. z.T. die roten vollen zu vertreten begannen; in beiden Hss., A und B, findet sich diese Notation (in A neben vollen und leeren roten

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Noten!). Da bekanntlich die roten, bezw. die leeren weissen Noten einen 'tempus'-Wechsel anzeigen, so ist hier mit 'all not. hol u. ganz' gemeint: "Alle Töne verschiedenster Zeitmasze" (lässt sie erklingen). - vgl. Koller, Sch. I, 131ff und bes. Joh. Wolf, Gesch. d. Mens.-Not. I, 393ff.

56. ... 'Pruck': Brügge - 'Thomasch': Damaskus - 'die Trippel in Barbarei': Tripolis in Nordafrika. - Auch hier bei der Aufzählung Ueberfüllung des metr. Rahmens, die sich jedoch bei dem schon erwähnten rezitativischen Charakter der Melodie und bes. dieser Zeile leicht beim Gesang unterbringen lässt.

57. ... 'als überstreut' - man könnte schwanken, ob 'als': "wie", oder 'allez' (alles), Adv., "ganz" ist; doch halte ich das zweite für wahrscheinlicher.

59. ... 'mit diamant' - wieder zurückbezogen auf 'als überstreut'.

60. ... Für 'Mundpoliers' (Montpellier) gibt Sch. II die La. 'munip...' BC - Sch. I hat für B richtig die Var. 'mump...', wie aus der Photogr. von B, fol. 6b in Sch. I zu ersehen ist. B. Web. hat im Text 'muni...' und verzeichnet das Gleiche auch für B; entweder also hat er, durch den Abschreibefehler in C veranlasst, die Fassung der Vorlage B (s. Sch. II, 44) verlesen, oder in C steht ebenfalls 'mump...', was am wahrscheinlichsten ist (vgl. z.B. Mömpelgard!). - Das Semik. in Sch. II ist Druckfehler aus dem richtigen Kolon in Sch. I!

62. ... Nach 'frei' besser Punkt!

64/65. ... ἀπὸ κοινου̃.

65. ... 'd. t. m. p. verwant': "in tausend Maschen verstrickt' - 'verwenden' tritt hier an die Stelle von 'verwinden'! Schwache Ptz.-Formen an Stelle der starken bisweilen bei O. im Reim: 36,52; 37,20; 40,17 - 'tausend' vgl. zu 19,1!

66. ... 'auss m. tieffen runst' - "erlöst mich aus vielen grossen Nöten" - 'runst' braucht O. auch sonst übertr., wo es dann

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mehr den Charakter nur eines Reimwortes hat: 13,44; (50,22); vgl. dagegen 83,6 u. 90,27!

69. ... Komma fort nach 'züchtiklich', vor dem nachgestellten 'so'!

71. ... vgl. 6,94 'umb tr. g. i. nicht ain har'.

78. ... Näheres s.u.!

83. ... 'liepl. ungemach' hier "Liebesnot" - sonst scheint es auch "Liebesunruhe", d.h. "Liebesspiel" zu bedeuten; vgl. z.B. 19,7 und 32,12!

85-88. ... Die Mel., die für beide Doppelverse die gleiche ist, geht glatt durch, sodass die zweizeilige Periode hier ein in sich geschlossenes Stück ist. Demnach bilden die zweisilb. Kadenzen 'freien : greien' nur dem äusseren Augenschein nach, nicht in der metr. Periode eine Durchbrechung des Schemas; denn es folgt ihnen kein Auftakt, sodass die Synaphie gewahrt bleibt.

87f. ... Punkt fort nach 'greien'!! (M. u. Türler) - Sch. I hat auch keinen! Zum Jnhalt vgl. 68,26/27! 'greien' = 'krîen'.

Die Schatz'sche Zeitansetzung für dies Marienlied (Sch. I, 114) lässt sich wohl noch etwas ergänzen. Da die vier Königinnen, zu denen auch Jsabeau zu rechnen ist, genannt werden (s.a. Vs. 55 'Paris'!), so ist die Zeit um den 1. April 1416 der term. post qu. - andererseits ergeben die Vss. 73ff, dass eine Verbindung zwischen seinen Heiratsgedanken und Margarete v. Schwangau noch nicht vorhanden war und damit der term. ante qu.: Nach Schatz' Ansatz (a.a.O., 114 zu Gedd. 66-77) Sommer 1416, nach meinem Ansatz (s. zu Gedd. 26; 25; bei 26!) Winter 1416/17. Weitere Anhaltspunkte könnte die Anspielung in Vs. 15, die sicher Sabine meint, geben: die bei 64, Zus.-Fassg. vermutete vergebliche Werbung um Sabine müsste etwa in den Sommer 1416 (bis spätestens August, s. zu 26!) fallen - danach wäre 65 in den Spätsommer 1416 zu setzen.

Die Bemerkung, dass sein Bart grau werde (Vs. 78), braucht nicht stutzig zu machen; denn in dem ja schon Febr. 1416 entstandenen Ged. 86

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spricht er Vs. 47 auch von grauen Haaren.

Zu den für ein Marienlied recht lebhaften Farben (Vss. 24, 29f, 31-36, 46-54, 80, 83, 88) vgl. die Gedd. 50; 54; 68, die ich mit 65 zeitgleich zusammenstelle! Hierher setze ich auch 123; 126 und die beiden Hymnendichtungen.

Es bleibt noch etwas über die aufgezählten 16 Länder zu sagen, die O. also bis 1416 gesehen haben will. Die in diesem Zusammenhang immerhin geringe Möglichkeit, dass er eine Karte vor sich hatte (Vs. 3 'dort'!), soll dabei ausgeschaltet werden, sodass also als sicher unterstellt wird, er habe diese Länder wirklich besucht. Für 1415/16 gelten: Frankreich, Jspanien, Arragun, Castilie, Engelant1, Portigal, Granaten, wohl auch Afferen (Navarra); ebenso kann man für die Zeit vor 1400 in Anspruch nehmen: Püllen, Cippern, Cecilie, Sondans kron, vielleicht auch Tenmark, Sweden (s. zu Vss. 37ff) sowie Peham, Ungern (s. II. Teil, 1. Kap.); dabei können allerdings die ersten vier auch 1409, auf der Wallfahrt nach dem Heil. Lande (s. zu 20 u. 64) 'versuecht' oder 'umbvarn' sein.

66 (89)

Ah 69, f. 38 b; B 110, f. 44 a; C, f. 85 a)

Metr.: Jn den ersten sieben Zeilen der Strophe gleich gebaut wie 1 und 67, jedoch im Strophenschluss und in der Reimverbindung der letzten Strophenzeilen untereinander wesentlich abweichend und komplizierter.

Mel.: (119) eigen; sowohl in A, als in B anscheinend nur im Entwurf vorhanden; die Reimwörter und einige Anfangswörter der Verse sind untergeschrieben. Der Versuch Kollers, den ganzen

1England wahrscheinlich auf dem Hinweg zur Belagerung Ceutas besucht (s. zu 64, Zus.-Fassg. u. zu 109,1ff).

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Text unterzulegen, erweist einen ziemlich deutlichen Mangel an Uebereinstimmung zwischen Text und Melodie, was die Taktzahl angeht. Wollte O. eine vorhandene Mel. dem unterdichteten Text erst angleichen? (vgl. zu 42, Melod.!). - Jn B steht über dem Abgesang "Repetitio"! - Was in B an Text, wohl unter den Noten, steht, hat B. Web. S. 534 als "Gekritzel" besonders abgedruckt; da 'Gratis' (also die Bezeichnung für Vor- und Zwischenspiel oder -gesang, Jntonation) voransteht, hat es Zingerle fälschlich mit dieser Bezeichnung als besonderes Gedicht in das Verzeichnis von B aufgenommen (WSB. 64, 671), was Schatz schon Sch. I, 6 berichtigt hat.

4. ... 'roch' - "roh", d.h. also etwa: kurzerhand.

5f. ... Punkt nach 'grunt', sowie Komma nach 'erkunt'! (M) - Es wird sich schwer entscheiden lassen und ist auch für die Bedeutung gleichgültig, ob 'erkunt' auf 'erkunnen' oder auf 'erkünden' zurückzuführen ist.

8. ... 'här : gepär' s. zu 45,36/37! - Ls. 'wart, fart'! B. Web. erklärt 'fort' jedenfalls richtig mit "Fahrt, Betragen" - es wäre also dies noch ein Beispiel für den Reim -ort : -art bei O. (vgl. 6,26, 28; 26,22; 44,4); zur Bedeutung vgl. 48,15 'wort, geverte', auch 30,14; 75,18; 112,18.

9. ... 'gemainiklich', "alles zusammen". Es fasst nachträglich die aufgezählten Dinge aus Schwaben, die ihm über alles gefallen, zusammen und betont damit, dass sie alle ein und demselben Wesen zugehören, das er nachher 'ain stolze Swäbin' (Marg.) nennt.

12. ... Komma fort nach 'vermärt' (M): "Die meiner Seele vertrauter ist als alle, ...".

14ff. ... Hier wieder "ist" oder "sind" zu erg. (vgl. Gedd. 3 u. 4).

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17. ... Besser Komma nach 'prust'; 'lust an ent' als Appos. dazu, während 'ermlin, hent, prust' Subjj. für die Prädikatsnomina 'hert, weiss (vermalt) ...' sind.

19ff. ... vgl. bes. die Schilderung von Ged. 3!

19. ... 'klein in der mitt', "schlank in der Taille", erg.: ist sie. 'ain dicken sitz', "breite Hüften", erg.: hat sie.

20. ... Weitere Attribute zu 'sitz' - 'keiff': "kräftig, drall" (vgl. B. Web. Gloss. und Schm. Fr. I, 1229). - 'schon underspreutzt', "schön unterstützt"; vgl. 3,20 'gross hindersetzt'.

21. ... Zu erg. "hat sie".

22. ... Zu erg. "ist". - 'unverscheutzt' : "unverhöhnt, tadellos" (B. Web.).

24f. ... vgl. 3,22 und 3,23ff. - "Sie verkehrt ohne jeden Tadel mit der Welt".

26. ... Nach dem Vorgang von 64,77 'mitt und mass' könnte man etwa auch hier an diese Formel denken; dann müsste Komma nach 'mit' stehen - doch scheint mir die Präpos. 'mite' näher zu liegen; natürlich ist das Komma nach 'mass' zu beseitigen!

Zur Zeitfrage s. nach Ged. 77, wo die Lieder des Margaretekreises zusammen besprochen sind.

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67 (68)

(Ah 72, f. 40 a; B 80, f. 33 a; C, f. 68 b)

Metr.: Der gleiche Rahmen wie bei Ged. 1; nur mit Jnreimen in den Stollen; in der 3. Str. fehlen diese im 2. Stollenvers.

Melod.: (6) eigen; frische Dur-Melodie (lydisch, ionisch)! Die Jnreime sind nicht bes. hervorgehoben; in B, wo die Mel. einen Ton höher transponiert ist, muss der Tonart entsprechend fis statt f gelesen werden. Auffällig ist, dass die Stollen verschiedene Mel. haben! - B hat durchweg chorale Notation; aus der mensuralen Fassung in A ist zu erkennen, dass der Aufges. zweiteil. Takt hat und der Abges. dreiteil. mit Tanzcharakter.

1f. ... Vorwegnahme im Nom. - der eigentliche Satz beginnt erst mit Vs. 3 (vgl. z.B. 85,13ff).

2. ... 'klain auffgedrät ...', "zierlich gedrechselt" (vgl. 59,63!) "ohne den Vorwurf eines Tadels".

3. ... 'gailt mich so hön', "gib mit so hochgemute Freude" - vgl. 75,23! dagegen 28,15; 88,35; bes. 62,7 im üblicheren Sinne: "hochmütig, stolz".

11. ... 'auffrüstig gar' vgl. 28,43!!

12. ... 'undrölich ist gericht', "ist ohne Tadel".

13f. ... Komma nach 'gapär' - 'mit ganzem fleiss, wort u. gepär' gehört zum Vorhergehenden; denn 'unverschroten' passt besser zu 'leib' als zu 'wort u. gepär'! Dementsprechend ist das Komma nach 'gevär' zu streichen.

15. ... Auch das Komma nach 'frücht' muss fort mit B. Web., der dies Wort richtig als Vb. erkannte: "ganz unverletzt (und ohne Gefahr) trägt ihr schöner Leib reiche Frucht der Tugend".

23. ... Wörtl. wie 20,44!!

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Die Art der Beschreibung ist doch m.E. in diesem Gedicht eine so ganz andere, als in den Margareteliedern sonst. Das gleiche gilt von der Stimmung, die deutlich den nicht erhörten Liebhaber kennzeichnet. Hält man zu dieser Charakterisierung, die ganz auf die Sabinegedichte passt, die Parallelen mit solchen, so ist die Einreihung von Ged. 67 klar; man vergleiche folgendes: Versmass wie Ged. 1; 'auffrüstig' nur hier (67,11) und 28,43; bes. aber die wörtl. Uebereinstimmung der Vss. 67,23 und 20,44 - die Verbundenheit von 67 und 68 in A, die Schatz (Sch. I, 114) als Beweis für Margarete ansieht, ist insofern ohne Belang, als 68 (s.d.) jedenfalls auch nicht in den Marg.-Kreis gehört, sondern an die Jungfrau Maria gerichtet ist.

Jch stelle Ged. 67 zu Ged. 20 (s.d.), und zwar davor (nach 28); vgl. II. Teil, 1. Kap.

68 (66)

(Ah 71, f. 39 b; B 78, f. 32 a; C, f. 67 b)

Metr.: Am Anfang der Strophe bis einschl. zu dem ersten Abgesangsteil (Vs. 7) gleich dem Bau von 69, das jedoch nachher abweicht. Die glattere Versfüllung von 68, trotz der Aufzählungen, fällt auf: nur der zweisilb. Jnreim Vss. 26/28 bringt an der zweiten Stelle einige Schwierigkeiten, während bei 69 mehrere Unregelmässigkeiten mit unterlaufen.

Melod.: (103) zweist.; der Satz ist schwer zu lösen (s. Koller im Revis.-Ber. S. 226ff, wo auch die hsl. Fassungen abgedr. sind); doch lässt sich so viel aus dem Tenor erkennen, dass er eine urspr. einstimmige Mel. enthält, die nur für den Satz mensural bearbeitet ist. Trotz einiger geringfügiger Anklänge

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scheint diese Mel. mit der von 69 (102) nichts zu tun zu haben; s.d. Übertragg. im II. Teil, 3. Kap.

1. ... 'adeleiche mait' vgl. 50,15 und 65,45.

3. ... 'keuschlich er' s. unten!

9. ... 'went ungemach' vgl. 65,83!

11. ... vgl. den Anfang v. Ged. 4!

13ff. ... 'nach menschlicher natur ... keuschliche wat besitzt ...' s. unten!

16. ... 'Dich, smel, kürz, leng' sind also Accusative der Beziehung - nach 'leng' Komma fort!

17. ... 'posnieret' w. zu 54,6 'plasnieren' - 'unverhönt' vgl. 65,22 'an ir ist nicht verhönet'!

18. ... Komma vor der Anrede 'weib' (M)! - Zu dem Subj. 'gemeng', das am besten nach B. Web. mit "Farbenspiel" übersetzt wird, gilt noch das 'ist' von Vs. 16 als Prädikat.

19. ... 'getrönt' - '(be)trönen', das B. Web. mit "befeuchten, benetzen" übersetzt, lässt sich nach dem sonstigen Gebrauch kaum anders wiedergeben: 120,61 'mit pluet sein antlütz, haubt betrönt' - vgl. a. 116,80 'do sich empfärbt in dem geschrai sein leib durch roten tron' (: -ôn); 117,58 'mit tüftikleichem trone' (: krone) - 'troenen' in dieser Bedeutung ist also wohl eine Verbalbildung zu 'trôn', das etwa zu 'trôr' sich verhält wie 'trahen' zu 'zaher'!

20. ... 'verkrönt' vgl. 65,28 'köstleich gekrönet'!

21. ... 'Junkfrau' s. unten!

25. ... 'gsläfelein' vgl. 65,31ff!

26ff. ... vgl. 65,87ff! - zu Reim 'geud(en) : freud(en)' s. zu 1,44ff!

28. ... vgl. 34,1. - Striche man 'herz', so wäre der Vers metr. glatt; aber wegen der einheitlichen Ueberlieferung der Hss. muss er wohl schon so bleiben, wie er ist!

304

Schatz bemerkt zu diesem Lied: "68 ... ist sicher an seine Braut gerichtet" (Sch. I, 114); alle Untersuchungen und Aufsätze über Osw. - vor und nach Schatz - sind, soweit sie dies Gedicht erwähnen, gleicher Ansicht. Demgegenüber gilt es mir als ziemlich ausgeschlossen, dass Marg. in Frage kommt - dann müsste Ged. 65 auch auf Marg. gedichtet sein! Denn gerade mit diesem hat es manche Parallelen (s. oben die Vergleiche!), die mir mehr als nur zufällig zu sein scheinen. Ebenso finden sich Aehnlichkeiten mit den Marienliedern 50 u. 54 (s. zu Vss. 1 u. 17!). Ferner braucht Osw. 'junkfrau' hauptsächlich für die Jungfrau Maria oder für Heilige: von 20 x Vorkommen (ausser 68,21) 16 x; die beiden Stellen in Ged. 79, wo das Sternbild gemeint ist, sind nicht mitgezählt; Marg. wird sonst nie so bezeichnet! auch 'mait' (magt) findet sich zwar häufig für Geliebte u.ä., jedoch in der Mehrzahl (19:14) der Stellen für Maria und keinmal für Margarete! Noch deutlicher ist das bei 'keusch(lich)', das von 19 x sonst. Vorkommen 16 x bei der Geburt Christi oder als Eigenschaft der Jungfrau Maria Verwendung findet. Von den anderen drei Stellen ist nur eine (12,3) auf die Geliebte, aber in einer Aufzählung und daher nicht prägnant; die zweite bezieht sich auf Planetenkinder (79,57), und die dritte enthält eine sittliche Forderung, gehört also mehr zu dem überwiegenden Gebrauch des Wortes! Gegenüber diesen Unterlagen ist die Parallele von Vs. 11 zu 4,1 nicht von Belang.

Jedenfalls stehe ich nicht an, auch dieses Gedicht aus dem Marg.-Kreis auszuscheiden und zu den Marienliedern zu stellen, und zwar nach seiner Art zu 65; 50; 54, also April/Mai 1416. - Dass das Lied in A in einer der späteren Lagen der Hs. steht (Sch. I, 114), besagt nichts, denn 66 z.B. ist wohl erst 1432 in A eingetragen (s. Sch. II, 29 und bes. 41!).

305

69 (56)

(Ae 49, f. 30 b; B 68, f. 29 a; C, f. 62 b)

Metr.: ähnl. Ged. 68 (s.d.!). - Durch den Zusatz der zwei Takte in der 8. Zeile der Strophe und durch die Auffüllung der vorletzten Zeile zu einem vollen Viertakter erhält das Schema der Strophe einen symetrischen Bau:

Aufges.: –4–́ / –6–̤́ // 〓4–́ / –6–̤́ // –4–̤́ // = 24 Takte

Abges.: 2+4: –6–́ / –4–́ // 2+4: –6–́ / –4–́ // –4–̤́ // = 24 Takte

Danach kann man hierin wohl die volle Durchbildung des in 68 erst angedeuteten Schemas erblicken. Der schon bei 68 vergleichsweise berührte Mangel an dem Schema glatt entsprechender Füllung zeigt sich an folg. Stellen: in Vss. 12, 22, 24 sind die Schlagreime taktlich verschoben; Vss. 26/28 fehlt der Auftakt, und der Jnreim ist zweisilb. (wie 68!), wobei an der zweiten Stelle auf diesen zweisilb. Reim noch Auftakt folgt; näheres s. unten zu Vss. 26/28.

Melod.: (102) in A zweist., in B einst. (nur der Tenor); es lässt sich nicht deutlich erkennen, welche als die Originalmelodie anzusprechen ist, da B mit gleichem Schlüssel einen Ton höher notiert, wodurch der Charakter der Mel. verändert würde; doch ist vielleicht, entspr. dem e' in der A-Fassung, in B überall fis' statt f' zu lesen!?

2. ... 'getrost : erlost' - s. zu 18,35; vgl. a. zu 64,74.

4. ... '(mir) erschoss' - "zu meinem Wohle beitrug" (vgl. 17,8!).

6. ... vgl. 111,30 'zeit, weil, minut noch quint' - 'quint' nicht: Sekunde (so B. Web.), sondern Viertelstunde (vgl. mhd. 'quintîn', "Quentchen": d. 4. Teil eines Lotes; s.a. Schm. Fr. I, 1395).

8. ... Viell. doch besser mit BC 'Das' statt 'Do' zu lesen, wie es auch Sch. I hat!

306

12. ... 'mich :̂ glich' - s. zu 58,45ff!

19. ... Viell. sinngemäss zu lesen: 'und desgeleich pin ich berait'?!

21. ... 'ler' in diesem Zusammenhang (etwa: "Bildung, Anstand") vgl. (24,13); 31,12.

22. ... Komma nach 'frucht' - Anrede! (vgl. 15,57; 20,61).

25ff. ... Die Zeichensetzung ist in Sch. I jedenfalls die richtige (Komma nach 'abelan' und Punkt nach 'jar'), denn die Vss. 26/27 gehören unzweifelhaft zum Vorhergehenden (M).

26. ... Die metr. Glätte liesse sich, ohne dass dem Sinn irgend zu nahe getreten würde, durch Vorsetzung von 'Gar' ja leicht herstellen; doch s. unten zu Vs. 28.

27. ... 'hundert tausent j.' vgl. zu 19,1!

28. ... Diesen Vers würde jede Aenderung zu metr. Zwecken mehr umgestalten müssen, als für die Originalität gut wäre. Es muss schon bei der Durchbrechung des Schemas bleiben, trotzdem dass sich dann auch bei der Mel. Unebenheiten ergeben; demnach wird auch bei Vs. 26 eine Aenderung besser unterbleiben.

S. zu Ged. 77 am Schluss!

70 (72)

(fehlt A; B 87, f. 36 b; C, f. 72 b)

Metr.: gleich 48 (s.d.!); ähnl. 82; gegenüber 48 (auch 82?!) hat hier in Ged. 70 die 3./4. Zeile der Rep. Auftakt (vgl. auch zu 82).

Melod.: (59) gl. d. Mel. v. 48 (4); die Auftakte in Verbindung mit den zweisilb. Reimen wirken im Laufe der Mel. etwas störend, lassen sich aber bei dem dreiteil. Takt zur Not unterbringen; zwischen den Vss. 4/5 der Rep. hat ja auch 48 diesen Uebergang!

307

1-8. ... Wieder prädikatslose Aneinanderreihung der Schönheiten, die jedoch hier so lieblich lebendig wirkt, dass eine Ergänzung von "ist" oder "hat sie" nur stören würde!

5. ... 'durchsichtiklich geschittert' - "fein durchbrochen, sodass man durchsehen kann - 'durchs.' vgl. a. 54,2!

7. ... 'smielisch' vgl. zu 12,24!

8. ... 'swarzen euglin' - vgl. zu Ged. 3! - Punkt nach 'klar' (s.d. Folg.!).

9. ... 'die ... weckt' - dass wir es hier mit der 3. Pers. Pl. auf -et zu tun haben, wie Maurer (S. 60 unten) es für möglich hält, glaub ich nicht. Das Relativum 'die' bezieht sich entweder dem Sinne nach auf die Geliebte (Marg.) entspr. dem gleich folg. 'Jr', oder, was wahrscheinlicher ist, es beginnt mit Vs. 9 ein neuer Satz, dergestalt dass 9-11 Vordersatz zu 12f ist! Es wäre also nach Vs. 11 ein Komma zu setzen.

10. ... 'darinn' - d.i. in den Freuden!? - man könnte auch an seine Brust denken, auf die er etwa beim Vortrage des Liedes zeigte!

11. ... 'kittert' ist ganz gewiss nicht nur als Reimwort zu werten, sondern ein treffendes Wort für das Gefühl inneren Jauchzens bei plötzlich aufsteigender Freude! - vgl. 75,33 'kuttern'!

13. ... "Wenn ich mich in die Betrachtung versenke".

17. ... vgl. 14,2 '... lan mich gedenk nicht frei'!

17ff. ... "Wenn ich auch immer daran denken muss, so traue ich mich doch nicht, zu sprechen: Es verfolgt mich (nur um so schlimmer wirds für mich dabei) die Furcht, dass ich nicht werde sprechen können". - 'die tütsch' hier: "das Sprechen" schlechthin; s. zu 64,21f, vgl. a. unten zu Vs. 29!

23/25. ... 'getrost : gerost' (geröscht B; s. B. Web. u. Sch. I, Laa.) - s. zu 64,74.

27. ... 'reiden' - drehen, wenden (sc. in meinem Herzen).

308

28ff. ... 'süenlichen' - die Konjektur gibt jedenfalls das Richtige (s.d. Laa.), denn an 'siunlich', "sichtbar" ist hier ebensowenig zu denken, wie 37,15! - "Friedlich Anschauen, wenig Worte ("beredtes Schweigen") - wenn eines die Sprache nicht versteht, so bringt das dem anderen oft Unruhe, weil es seine Bedrängnis nicht zu wenden weiss; davon (nämlich, dass das so ist) hab ich oft den Schaden!.

32 (37/38). ... 'engelten : melden : selten' - d:t sonst bei O. vgl. zu 28,1 u. zu 17,55/56 (nd/nt); ld/lt noch: 79,17/19; 93,8/10; 106,28/32; 109,42/44; 114,96/98.

35. ... 'mich nicht enklemm, ...' - "Dein schöner Leib bringe mich nicht in Bedrängnis, kann er ja doch ...".

37f. ... "Ganz im Geheimen täte ich es". Doppelte Negation: 'âne ... selden'. - 'tet ich es' vgl. z.B. 40,36 'du tetst mirs'.

Siehe zu 77 am Schluss!

71 (32)

(Ae 50, f. 30 b; B 33, f. 15 a; C, f. 38 b)

Metr.: ganz gleich 54; gleicher Rahmen wie 55 u. 104. Zeile 5/6 und 7/8 jd. Str. anders abzuteilen:

Die mich zu fleiss mit ermlin weiss
und hendlin gleiss kan frölich zue ir smucken,
usw.

Näheres s. zu 54, Metr.!

Melod.: (7) eigen; nach ihr gehen auch die Lieder 54; 55; 104, bei denen sich in A und B (bei 54 nur in B!) Hinweise auf Ged. 71 finden. Näheres s. zu Ged. 54.

309

Diese "Nachtweise" ist ein wenig anderer Art, als die zu 7,46f genannten! Gleich der Anfang wirkt ergötzlich durch die parodierende Umkehrung des üblichen Tageliedeinganges! Und so ernsthafte Worte der Dichter auch braucht, etwas Selbstironie kommt doch zwischen den Zeilen immer wieder zum Vorschein (s. z.B. Vss. 9 u. bes. 29ff!) und lässt die unbezweifelbare Sehnsucht nach seiner lieben 'Gret' nur noch rührender erscheinen!

4ff. ... Viell. besser Komma nach 'ungedecket' und 5/6 als ἀπὸ κοινου̃!

7f. ... 'lang': weit fort, fern - 'pang' aus 'pan̡n̡' aus 'pangen', subst. Jnf. - "Die ist so fern, dass ich vor Betrübnis meine Klage nicht einmal mit Gesang betäuben kann".

10. ... 'die lieb' ist subst. Fem. des Adj., denn s.d. folg. Vs.! - "Wenn ich um der Lieben willen seufze, die allein mir ...".

10/12. ... -ht- : -ft- s. zu 53,79/80.

12. ... 'meins vaters teuchte' - vgl. zu 30,3, wo 'teucht' jedenfalls "Bedrückung, Kummer" (zu 'diuhen') ist.

13. ... "Jn Unruhe werfe ich mich hin und her".

13/15. ... 'verkêr : vërr' - s. zu 55,15f!

19. ... vgl. wörtl. 15,50!!

20. ... 'prenn ... reiffe ...' vgl. zu 65,76.

22. ... 'gen tage' - warum ihn gerade gegen Tagesanbruch die Gedanken an sie besonders fesseln, ergibt der Schluss des Gedichtes!

23. ... 'Jr mund' - d.h. der Gedanke daran! - 'gail' hier: "Verlangen"; sonst bei O. meist: Freude u.ä.!

29. ... 'ain ratz' - vgl. 36,89 u. 74,39 'rätzli'! s.d. Folg.!

31. ... 'Die mir ...' scheint sich doch nach dem Zusammenhang auf 'ratz' und nicht auf das folg. 'lieb' zu beziehen, wenngleich das Fem. 'ratz(e)' auch für O. wohl noch

310

ungebräuchlich war (vgl. Schm. Fr. II, 193!); aus 60,50 'umb ain ratze' ist nichts zu ersehen, sodass sich kein Widerspruch ergäbe! Wird der Relativsatz als auf 'ratz' bezogen, so ist natürlich nach 'frue' Punkt, oder besser Kolon zu setzen.

33ff. ... 'auff hohem stuel' - "hoch" - vgl. die RA "auf hohem Pferde sitzen"! - 'Die freud', nämlich 'Und mich ... schrenket' (s.d. Laa. 'Das mich' BC!). - Reim 'freud/geud' s. zu 11,44ff!

S. zu 77 am Schluss!

72 (81)

(Ah 102, f. 54 b; B 97, f. 39 b; C, f. 77 b)

Metr.: eigen; Schwierigkeiten bieten die Anfangszeilen der Stollen, bes. die der ersten! Ob der Einschub von 'we' den Schatz ja selbst als "Notbehelf" bezeichnet (Sch. II, 55), das einzig Mögliche ist, wird sich schwer entscheiden lassen; ich würde eher vor 'weil' ein zweites 'langer' einschieben (vgl. 60,64!); ich halte aber (mit M.) einen Einschub nicht für notwendig, sondern glaube nach der Fassung der Parallelzeilen, dass für den Anfangsvers des ersten Stollen ein Fünfheber mit Auftakt in Frage kommt. Näheres s. unten zu Vs. 1, 11 u. 21, sowie zur Melodie!

Melod.: (60) eigen; "ionisch" (!); es ist die Mel. eines Liedes des Mönchs von Salzburg zu vergleichen (M.-R. Nr. 83, S. 374), die manche Verwandtschaft aufweist, trotz des anderen Versmasses. Jm Abges. dieser Mel. finden sich auch Parallelen zum Abges. des Liedes von Osw. Nr. 26 (Mel. 1). Mayer bemerkt S. 491 zu dem Liede des Mönchs, dass es

311

"wohl die Bearbeitung eines Volksliedes" sein könnte; gemeint ist nur der Text; trifft das auch für die Melodie zu? Die Melodd. der beiden Oswald'schen Lieder 26 u. 72 haben ja auch durchaus volkstümliche Züge! - Die zwar etwas verschiedene Fassung auch der Mel. für die Anfangszeilen der Stollen (s. oben) lässt immerhin deutlich genug eine Aehnlichkeit (oder doch beabsichtigte Gleichheit?) erkennen:

Grafik

Vergleicht man beide Fassungen, so geht daraus hervor, dass Einschub für die Mel. nur vor der drittletzten Note in Frage käme; denn nach dem Bau dieser Periode aus den Motiven Grafik ist das erste der drei c' in AI als Auftakt zu werten:

Grafik

Es "fehlt" hier also das zweite Mal h h, und das g a statt a a könnte auf Verschreibung beruhen; doch haben es anscheinend die Hss., da Koller nichts dazu bemerkt. Demnach sehe ich in der gegebenen Analyse nur den Zweck, die gemeinsame Grundlage der verschiedenen Fassungen aufzudecken. Jch wage es nicht, daraus Schlüsse für eine etwaige "Wiederherstellung" zu ziehen, sodass mein oben beim Metr. gemachter Vorschlag ('langer' auch vor 'weil') nur mehr hypothetischen Wert haben soll!

1. ... ls. 'Senlich mit l...', wie in den Hss. (M) - metr. Begründung s. oben! - Die einzige Frage entsteht bei dieser Auffassung, wie Zeilen 1/2 zu konstruieren sind; diese Schwierigkeit hat jedenfalls Schatz veranlasst, in Anlehnung an Vs. 22 'we' einzuschieben, um ein Obj. für 'schaft' zu erhalten, denn 'senlich' kann natürlich nicht als solches gelten. - Entweder ist 'schaft mir' absolut zu nehmen, etwa: "macht mir zu schaffen", oder ein davon abhängiger Satz

312

steckt in dem folg. Nebensatz: "verursacht, bewirkt mir, dass ich, wenn ich erwache, von ihr nichts finde". Jch neige zur zweiten Lösung, da mit für den absoluten Gebrauch von 'schaffen' mit Dat. im Sinne von "zu schaffen machen" die Belege fehlen. - Jn jedem Falle ist 'senlich' Adv.: "schmerzlich" (d.h. so, dass ich Sehnsuchtsschmerzen empfinde) - die Lesungen 'langer-zeit' und 'weil-vertreib', die Türler vorschlägt, kommen nicht in Frage: 'mit' gehört zu 'vertreib', und 'langer zeit und weil' sind Genitive.

5. ... Das Fehlen von 'genzlich' in A besagt für die metr. Beurteilung des Liedes nichts, wie sich aus Vss. 15 u. bes. 25 ergibt!

6. ... 'grosser qual' s. zu 9,11 und vgl. 101,7!

9. ... 'rüglich', s.v.a. 'rogel, roglich', "beweglich, lebhaft"; vgl. 45,57 'rügel dich'; 81,26 'rogeleichen'! S. Sch. Fr. II, 74-76. - Ein Reim -ü- : -üe- kommt hier also gar nicht in Frage wie ihn Maurer S. 23 fälschlich ansetzt, indem er 'rüegelich' interpretiert (vgl. a. zu 40,20/21). - "Munter, mit Recht, lebhaft wäre ich wahrlich freudenvoll, ...".

10. ... 'noch ainst' - "noch einmal; wieder" (s. unten Vs. 20 'wider'!); vgl. 94,22 und 111,79!

11. ... ls. 'Ach scháiden, du píttre ...'. - Nach dem Schema, das Schatz durch den Einschub von 'we' in Vs. 1 ansetzt, müsste dieser Vers 'Ách schaidèn, du ...' gelesen werden, was eine Unmöglichkeit bedeutet (M); auch etwa Auftakt anzunehmen und dann 'scháidèn' zu lesen, wäre zu gekünstelt; s. auch zu Vs. 21!

12. ... 'praut' - möglich wäre ja, hier an unser "Braut" zu denken; doch liegt wohl O. die ältere Bedeutung "junge Frau" näher, was ja auch den Jnhalt von 71; 72; 73 besser entspricht. Ja, die beiden folg. Vss. liessen sogar eine Annäherung an die Bedeutung vermuten, die das Wort 40,34 hat!

313

(12). ... Auf höherer Stufe steht 120,56 (Maria!).

15. ... 'Fǘrwar'! Nach Ausweis von Vss. 5 u. 25! Vgl. dieselbe Betonung 12,18; sonst (12 x) 'fürwár' (M).

19. ... vgl. 18,38.

21. ... ls. 'glück'! Da auf 'freud' in jedem Falle Hebung kommt, müsste es hier gar heissen: 'Gésell, gélück, fréud ...', was natürlich ein Unding ist (M). Die Aenderung in 'glück' ist so leicht, dass demgegenüber jede andere Aenderung, um einen metr. einigermassen einwandfreien Sechsheber, wie Schatz in ansetzt, zu bekommen, schwerer ins Gewicht fallen würde. Dieser Vers gibt eigentlich den Ausschlag zugunsten eines Fünfhebers für die Anfangszeile des ersten Stollen! - Jnhaltlich vgl. 13,7!

22. ... 'wenda jo' vgl. 15,69 'Bedenka jo'!

24. ... Die metr. Forderung, das überschüssige 'an' der Hss. zu streichen, erhält durch die Mel. noch besonderes Gewicht, weil hier jede zukommende Silbe den leichten Fluss unterbrechen würde!

25f. ... Die Konstr. ist etwas verwickelt, denn das Obj. von 'sprichst' 'dein stäte lieb' steht in Beziehung zu 'gelauben', aber auch zu 'dran nicht emprichst', welches wieder als von 'sprichst' abh. zu denken ist: "Weil ich deine treue Liebe bestätigt sehen will, wie du sagst, dass sie dir nicht fehle!". - 'emprichst' - die 2. Pers. Jnd. (od. Konj.) ohne eigentliches Pron. ist selten bei O.; meist innerhalb mehrteiliger Sätze: 96,90; Plur.: 81,43; 112,71; 119,13; kaum hierher zu ziehen ist 95,74 'welst', das einen Jmperativ vertritt; also 5 x (gegen rund 230 x mit Pron.!). Vgl. a. zu 11,17 (Jmperativ mit Pron.!).

27f. ... 'damit' final! s. Gloss.! - 'adeliche - ödleichen' ist deutlich beabsichtigtes Wortspiel. B. Web. fasst 'frücht' als Vb. und 'pau' als Obj., was wohl gegenüber dem

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Umgekehrten den Vorzug hat, wenn auch der Sinn bei beidem fast der gleiche wäre; das Wortspiel kommt auch besser heraus. Vielleicht ist dementsprechend doch besser mit BC 'ödlichen' zu lesen!?! (vgl. zu 10,26 und 96,8). Schrott (S. 208 Anm. 56) vermutet in dieser Stelle eine Anspielung darauf, "dass sich Margaretha zur Ehe nicht sogleich entschliessen konnte, dass aber der Dichter auf ihr gegebenes adeliches Wort sicher rechnete". Denkbar wäre diese Erklärung ja, doch vgl. das zu Vs. 12 'praut' Gesagte! Danach käme hier doch wohl etwas anderes in Frage; vielleicht ist die eheliche Einsamkeit gemeint!?

29. ... 'Fanze' zu 'vanz', "Schalk", also: "munter, schalkhaft"?! - 'spranze' zu 'spranzen', stolzieren, also: "anmutig, zierlich"!?

30. ... 'halt wie es get' - Diese Wendung findet sich nur in den Margareteliedern, und zwar ist sie an den anderen beiden Stellen (74,40 und 76,4) Margarete in den Mund gelegt. War das etwa eine Antwort, die Marg. ihm zu geben pflegte, wenn er sie um Liebe und Treue bat, im Sinne von "so gut ich kann" oder "wie es sich macht"? Osw. verwendete die Worte dann hier, Ged. 72, sie halb im Scherze zitierend?!

s. zu 77 am Schluss!

315

73 (88)

(fehlt A; B 107,f.43 a; C,f.84 b)

Metr. eigen; Vss 2/3 und 4/5 sind als je eine Zeile zu lesen, und 'zu tratz' ist zur folg. Zeile zu ziehen, nach Ausweis der Mel.. Diese hat am Ende jedes metr. in sich geschlossenen Stücks einen Halbschluss, der trotz der starken mensuralen Verschiebung des Tenors überall deutlich zu erkennen ist, da er stets das gleiche Motiv hat: 4 (auch 3) absteigende Töne, entweder stufenweise, oder, wie es in der Mehrzahl ist, zuerst absteigende Terz und dann Stufen; eine Ausnahme bildet nur der erste Zweitakter, wo die Mel. in den Halschluss springt. - Einige metr. Unebenheiten der Ueberlieferung sind an den betreffenden Stellen besprochen (s. Vss. 13, 16, 27).

Melod.: (100) eigen; zweist.; auf die in Diskant und Tenor abwechselnden Jmitationen hat Koller im Revis. Ber. hingewiesen. Eine urspr. einst. Mel. lässt sich aus dem Tenor herausschälen (vgl. II. Teil, 3. Kap.), sodass die oben bespr. Schlüsse für die Zeilenabteilung gezogen werden können.

4. ... Komma nach 'kum' (s. Vss. 1 u. 6!).

8. ... ls. 'laidvertreib', ein Wort (wie Sch. I.)!

12. ... Komma nach 'Wort' (M).

13. ... Es wäre auch ein anderes Wort als Einschub möglich, etwa 'haimlich' oder 'grosse' u. ä. (M); doch glaube ich, dass nach dem Zusammenhang, bes. wenn man die Lieder 71 u. 72 vergleicht, 'senlich' das Gegebene ist. Dass diese beiden Silben in der Ueberlieferung fehlen, wird neben Parallelen wie 70,12 auf den Rhythmus der umgebenden Versstückchen zurückzuführen sein, deren Wirkung vielleicht noch durch den Anklang zwischen den Reimen Vss. 12ff u. 15ff verstärkt wurden.

14. ... 'lieber mär' - zu erg. "ist": "Noch liebere Kunde ist mir,

316

dass meiner begehrt ..." - statt "Kunde" etwa auch "Ding, Sache"; vgl. 34,11 'vil lieber mär' und 85,49 'was ich si man der lieben mär'!

16. ... Die Streichung der überlieferten 'und' nach 'hoch' ist nicht nötig - das Gleiche gilt von 'sinnen' Vs 27; denn die zugrunde liegende Melodie (s. oben) hat in den fragl. Takten je drei Töne (dreiteil. Takt!): Danach wäre also, wnn überhaupt nötig, höchstens in der 1. Str. noch eine Silbe einzufügen; vgl. oben zu Vs. 9!

20. ... Der dreiteil. Takt der Mel. nimmt auch diesem Vers seine metr. Härte (s. d. übertr. im II. Teil, 3. Kap.).

21f. ... Komma nach 'alt'. - 'und pin ergetzt' viell. am besten als Parenthese aufzufassen; Vs. 22 hat dann als Subj. grammatisch 'gestalt', dem Sinne nach "sie". - Oder ist etwa 'mich' in der Ueberlieferung Schreibfehler für 'auch' oder 'reich'?!

25. ... Nach 'röt' (= 'roetet') mindestens Komma, wie Sch. I; besser ist Semik., denn Subj. zu 'röt' ist natürlich ebenfalls 'dein schaiden'!

27. ... ls. mit BC 'sinnen' - s. oben zu Vs. 16!

29. ... "verliert in Sehnsuchtsschmerz ihre Befriedigung, ihren inneren Frieden" ... - zu 'genucht' vgl. 35,55f!

Die Gesprächsform, die Schatz hier auch durch Zeichen verdeutlicht, ist ja klar zu erkennen: I. Sie, II. Er, III. Sie - Das es sich um Oswald und Margarete handelt, kann man wohl annehmen, wenn auch nur die "allgemeine Stimmung" dafür spricht. Jedenfalls werden z.B. 13 und 14 (s. diese!) mit mindestens dem gleichen Recht hierher gestellt!! -

Weiteres s. zu 77 am Schluss!

317

74 (59)

Ae 53,f.32 a; B 71,f.30 a; C, f.64b)

Metr.: ähnl. Ged. 14; auch hier die drei Doppelstrophen, die durch die Reime in sich verbunden sind. Es läge allerdings hier näher, immer je zwei Zeilen zu einem Vers zu vereinigen (so in Sch. I !), weil sie kürzer sind und zusammen einfache Viertakter (Zeile 5/6 Fünf- oder Sechstakter) ergeben, die auch in der Mel. hintereinanderweg gesungen werden. Dazu käme in der 1. Doppelstr. der zweisilb. Reim am Anfang mit folg. Auftaktlosigkeit gegenüber den einsilb. Reimen mit folg. Auftakt an den Parallelstellen. Doch ist es wohl besser die kurzen Zeilen so zu setzen, wie es in Sch. II geschehen ist - erstens ist offenbar Rede und Gegenrede in der 3. Doppelstr. (Vss. 41-60) zum Teil nicht zweizeilig (s. unten) und zweitens kommt die Aehnlichkeit mit 14 so deutlicher heraus.

Melod.: (104) eigen; zweistimmiger Kanon ('Fuga'); es fällt auf, dass zwischen den Doppelzeilen immer Melodiestücke ohne Text stehen (vgl. Ged. 33!), die meist die gleiche Taktzahl wie die Stücke mit Text umfassen. Doch lässt sich da nicht der Text der zweiten Halbstr. unterbringen, denn die Mel. umfasst höchstens 38 Takte, während eine Doppelstrophe mindestens 42 Takte hat! vgl. die Uebertragg. und die Bemerkungen dazu im II. Teil, 3. Kap.!

4. ... 'neu' bezeichnet als Subst. Neutr. sonst ja meist den "Neumond", doch heisst es hier "Neujahr"; vgl. Ged. 3!

6. ... Dieser Vers (sowie die Parallelverse der anderen Strr.) hat klingd. Ausgang mit pausierter 4. Hebung (-4–̤́), sodass auch bei Vss. 26/36 die Kadenzen lauten: / –̀ / x̀ v / v́ v // sé-nè zé-nè vgl. Ged. 14 und zu Ged. 4, Metr.!

318

23f. ... zu erg. "bin" - vgl. 13,31!

26. ... Jn Sch. I steht richtig 'mich'.

33f. ... Der Jnterpunktionsvorschlag Türlers (Komma nach 'dasselb') geht an dem Sinn der Stelle vorbei - 'ich main' und 'ich ... berait' sind koordiniert !!

39. ... ls. 'daim' (so Sch. I !).

40. ... vgl. zu 72,30!

41-44. ... Die Jnterpunktion, die Türler bringt, erscheint einleuchtend:

'Vergiss mein, schatz nicht
durch all dein güet!
wer ist mein hail?
wer tröstet mich?'

45. ... 'wart' s. zu 39,8!

46/56 ... Reim s. zu 11,44ff.!

Auf die Bezeichnung der Rede und Gegenrede durch "...." hat Schatz gegenüber Sch. I in Sch. II verzichtet. Jedenfalls kann die Einteilung der Rede weder in der ersten, noch in der letzten Doppelstrophe so bleiben. Die Reihenfolge der Vss. 1-20 in A führt ja vielleicht zunächst irre. Sieht man sich jedoch die einzelnen Parallelverse innerhalb der jeweiligen Doppelstr. genau an, so erkennt man, dass darin kurze Reden und Gegenreden stecken, die so wie sie im Text stehen, oft anscheinend unvermittelt aufeinanderfolgen. Es liegt eben hier ganz ähnlich wie bei Ged. 14. Allerdings scheint die Anordnung durchbrochen zu sein, die immer in 10 zu 10 Zeilen Worte Oswalds oder Margaretens vorsieht. Bei Vss. 21-30 und 31-40 ists ja wohl soe, aber nicht bei Vss. 1-10, 11-20, 41-50 u. 51-60. Man wird Vss. 1-20 am besten folgendermassen verteilen, um Rede und Gegenrede herauszubekommen:

1-6 Osw.
11-14 Marg.
15/16 Osw.
7/8 Marg.
17/18 Osw.
9/10 Marg.
19/20 Osw.

Zur Verdeutlichung mögen die Verse folgen; auf den

319

Neujahrswunsch Oswalds (1-6) antwortet Margarete (11-14) und schliesst die Antwort: 'dir lon mein treu'. Es erwidert Osw. 'der wunsch, lieb, wert an uns gemeret', "möge in Erfüllung gehen" (15/16); dann setzt sich das Gespräch fort:

M. "Amen, mein hort
zwar das ist recht."
O. "Dank hab das wort
ich pin dein knecht."
M. "gedenk an mich
geselle mein."
O. "neur freut es dich,
zwar das sol sein."

17/18 ist sicher als von Osw. gesprochen zu denken ('knecht'), ebenso kommt 18/20 wohl für ihn in Frage - gleich danach setzt er fort: "Mich freuet, traut weib ..."; daraus ergibt sich dann das andere. - die Vss. 21-40 liegen klar:

O. 21/22 - M. 31/32 -
O. 23/24 - M. 33/34 -
O. 25/26 - " 35/36 -
O. 27/28 - " 37/38 -
O. 29/30 - " 39/40 -

liest man die Verse in dieser Reihenfolge, so wird der Zusammenhang deutlich.

Für die folg. Vss. gebe ich die Einteilung, die mir die wahrscheinlichste dünkt, ohne jedoch den Anspruch absoluter Richtigkeit erheben zu können:

O. 41/42 - M. 51/52 (diese Vss. können doch nur der Ausdruck eines weibl. Gefühls sein gegenüber dem durchdringenden (schärfflich!) Blick des Mannes!)
O. 43 - M. 53/54
O. 54 - M. 45/46
O. 55/56 - M. 47
O. 57 - M. 48
O. 58 - M. 49/50
O. 59/60 - .

Auch hier mögen die Verse selbst sprechen:

O. "Vergiss mein, schatz, nicht
durch all dein güet."
M. "Dein schärflich gesicht
mein herz durchplüet."
O. "wer ist mein hail?"

320

M. "neur ich an mail!
wer tröstet mich?"
O. "frau, das tuen ich!"
M. "des wol mich wart
der grossen freuden."
O. "zwar unverkart
sol ich dich geuden."
M. "Du wendst mir we!"
O. "Auch du vil me!"
M. "du wendst mir pein."
O. "lieb, das sol sein."
M. "du wendst mir lait
und ungemach."
O. "zart frau gemait,
dem kum ich nach!"

Die falschen Einteilungen der beiden Uebersetzer Schrott und Passarge sollen nur kurz erwähnt werden, weil sie zeigen, wie verschieden die Deutungen dieses Liedes sind, denn Sch. I teilt ja wieder anders:

Schrott 1-30 Osw.
31-40 Marg.
41-60 Osw.
Passarge 1-10 Osw.
11-20 Marg.
21-30 Osw.
31-40 Marg.
41-60 Osw.

s. auch zu 77 am Schluss (Zeit usw.)!

75 (63)

(Ag 60,f.35 a; B 75,f.31 a; C,f.66 a)

Metr.: eigen; nur der erste Stollen der 1. Str. (Vss. 1-6), sowie die Rep. scheinen dem Schema zu entsprechen, das sich aus der Mel. ergibt; allenfalls noch der erste Stollen der 3. Str. Nach 8 Takten ist nämlich in der Stollenmel. ein durch Finalis (c) markierter Absatz, der offensichtlich einsilb. Schluss

321

verlangt. Der Auftakt in Vs. 44 liesse sich ja auch unterbringen, sowie entsprechend die zweite Silbe des Reimes in Vss. 12, 28, 35, 51; doch an den letzten vier Stellen stört die Verschiebung der Versgrenze etwas den Lauf der Mel. - Diese Verschiebung findet ja auch sonst hier in den Strr. statt, man braucht nur die Parallelverse der einzelnen Strr. miteinander vergleichen; das geschieht aber innerhalb der Perioden von je 4 Versen, deren Mel. ohne Absatz durchgeht, während eben an der genannten Stelle eine Schlusswendung steht. Auch sonst sind kleinere Unregelmässigkeiten zu verzeichnen: Vss. 24, 32 fehlt der Auftakt, Vs. 54 ist der Auftakt zu viel; sie lassen sich jedoch leicht in der Mel. unterbringen, denn die fehlenden Auftakte stehen am Anfang der Stollen, und das Überschüssige 'die' erhält seinen Ton durch Zerlegung eines zweizeitigen Tones (die Mel. hat dreiteil. Takt!) in zwei Töne. - Hübsch zu erkennen ist bei diesem Liede die Symmetrie des Strophenbaus:

I. Stollen 8 Takte 10 Takte = 18 Takte
II. Stollen 8 Takte 10 Takte = 18 Takte
Rep. an Stelle des Abgesangs 10 Takte 8 Takte = 18 Takte

(die Schlussreime zwischen den Stollen sind nach Ausweis der Mel. klingend, also zweitaktig!)

Melod.: (115) eigen; zweist.; wie aus dem Abdruck der beiden Fassungen von A und B bei Koller im Revis.-Ber. zu ersehen ist, weichen diese zum Teil voneinander ab, sodass der zweist. Satz Kollers mehr als Versuch zu werten ist. Eine urspr. einst. Gestalt des Tenors ist zu erkennen und lässt sich herstellen (s. II. Teil, 3. Kap.). Wenn die oben beim Metr. gezogenen Schlüsse teilweise auf dieser rekonstruierten Mel. beruhen, so lässt sich das wohl dadurch rechtfertigen, dass die durch den Text einerseits und durch die

322

Schlusswendungen in der Mel. andererseits gegebenen Grenzen doch immer die gleiche Grundlage für alle irgend möglichen Rekonstruktionen bilden müssen (s. II. Teil, a.a.O.).

4. ... 'fr.fr.fr.' vgl. zu 43,20.

17ff. ... 'Amplick herte' ist jedenfalls, entspr. den 'mündlin schöne' eine einfache Vorwegnahme im Nom. - 'der geverte', "solche Sachen, so etwas" (wollen wir meiden).

19. ... 'süll' (soll A, well BC) s. zu 39,23!

23. ... 'höne': hochgemut, froh (also wie 67,3, w.m.s.!).

24f. ... 'Rauha, steudli' - 'riuhen, rǔhen' hier Jntrans.: rauh werden, s.v.a. Blätter bekommen - "begrüne dich, Stäudlein" vgl. 37,10 u. 55! - nach 'dreudli' besser Ausr.-Z., wie Sch. I!

28. ... Komma fort nach 'pluemen', das attrib. Gen. abh. v. 'plüede' ist (M); Sch. I hat auch keine Jnterp.; vgl. zu 36,8, sowie 40,8; 53,26; 54,19!

29. ... Viell. besser 'wend' zu lesen im Jnnern des Verses; jedenfalls ist es Konj. adhort.! - "Der Blumen Blühen verscheuche uns die Müdigkeit".

31. ... 'rauch' jedenfalls dasselbe wie 'reuch' 3,12 u. 12,37 - es ist, wie vorher 'müede', Akk.-Obj.

32. ... Komma nach 'den puttern' (M) - Jst das wirklich die "Butter"? Wort und Geschlecht lassen kaum eine andere Deutung zu, aber was soll das in dem Zusammenhang??

33. ... 'kuttern' - "lachen und albern"; vgl. 70,11.

39. ... vgl. 36,89!! auch 71,29!

46. ... Komma nach 'erfreut' (M).

47. ... 'durchreut = 'durchreuhet'; vgl. 48,4f. 'wenn sich die löch mit grüenem laub verveuhen'! - Zum Reim -iu-: -Öu- s. bei 11,44ff.!

50f. ... "Jndie Fessel tiefer Erwartung", d.h. des Wartens in der Tiefe (der Erde).

323

52. ... Komma nach 'gesmogen' (M).

55. ... 'deinem trost' Dat. comm.!

Eine gewisse Verwandtschaft in der Stimmung mit den Gedd. 35 und 37 ist nicht zu verkennen; dazu kommen bei dem zweiten auch noch metr. Aehnlichkeiten zwischen dessen Abges. und dem Stollen von 75.

Passarge (S. 112) übersetzt Vs. 27 'ösli, Gredli' mit "Faules Madle" und rechnet dies Lied nicht zu den Margarete-Gedichten; aber gerade dieser Vers gibt den Ausschlag für die Annahme der Zugehörigkeit zu den Marg.-Liedern. Da offenbar Kinder von ihm (ösli ?) hier z.T erwähnt werden, ist dies Ged. frühestens ins Frühjahr 1418 zu setzen; 'Gredli' und 'Mätzli' bleiben allerdings unklar (eine seiner beiden Töchter hiess 'Maria' - aber die andere ??).

Jm übrigen s. zu 77 am Schluss!

76 (65)

(Ag 62,f.36 a; B 77,f.31 b; C,f.67 a)

Metr.: eigen; das einfache, aus 2x (2x3) Viertaktern bestehende Mass, denen im Abges. noch zwei Viertakter angehängt sind, wird durch die Jnreime lebendiger gestaltet. Auffallen muss dabei, dass diese Jnreime bei den Stollen von Strophe zu Strophe um einen vermindert werden, sodass die 2. Str. nur mehr die ersten und zweiten Stollenzeilen, die 3. Str. sogar nur noch die ersten Stollenzeilen miteinander durch Jnreime bindet; ob diese auffällig regelmässige Abnahme als künstlerische Absicht zu werten ist? - O.s Klangfreude zeigt sich in den "Stammreimen" zwischen dem letzten Wort jeder zwölften Stropehnzeile und dem ersten der folgenden; sie haben

324

jedenfalls auch das gleiche Motiv in der Melodie!

Melodie: (123) eigen; zweist.; der Tenor enthält wieder eine urspr. einst. Mel., die sich aus den beiden nur scheinbar sich widersprechenden Fassungen von A und B, wie sie Koller im Revis.-Ber. gibt, herstellen lässt. Dabei ist in der Fassung von A überall b statt h einzusetzen, sowie zwischen die beiden Noten auf 'wenken' der Schlüssel auf die oberste Linie und nach der Note auf 'dein' wieder auf die zweite Linie von oben zu setzen; in B fis statt f und durchweg der Tenorschlüssel. Dann sind beide Fassungen, von unerheblichen Abweichungen abgesehen, einander gleich, und eine Rekonstruktion, unter Fortlassung einiger Kolorierungen und Zwischenspiele ohne Text, verhältnismässig einfach (s. II. Teil, 3. Kap.). Die Aehnlichkeit mit dem Charakter der Mel. von Ged. 9 (s.d.!) ist unverkennbar; sie erstreckt sich im übrigen zum Teil auch auf den Bau der Verse!

1. ... 'Sim' s. zu 38,4!

3. ... Komma fort nach 'er' (M); 'er' ist Subj. für den Konj. adhort. 'weich'.

4. ... vgl. zu 72,30!

6. ... 'leren' = lernen; s. zu 48,34!

25. ... 'herzlieb' natürlich ein Wort (M), wie in Sch. I!

26. ... Viell. 'du' statt 'die' zu lesen?!

28. ... ls. mit BC 'wenn' (s. Vss. 31 u. 34 und dagegen Vss. 11, 16 u. 23!) - vgl. 71,34; 84,111; 96,36; 97,1 wo Schatz auch überall 'wenn' mit BC gegen A in den Text gesetzt hat; 'wann' für 'swanne' s. zu 2,14.

29/32. ... 'freud: geud' s. zu 11,44ff!

35. ... 'zuckernar' vgl. 7,52; 14,22; 31,14!

36. ... 'glit' - Für die körperliche Bedeutung scheint dies die bei O. gebräuchliche Plur.-Form zu sein (vgl. 85,70; 93,15); denn 'glider' erscheint nur in anderem Zusammenhang:

325

64,27 'meres glider'; 79,65 = Glieder der Menschheit, zudem Reim auf das in dem astrolog. Gedicht unentbehrliche 'wider' ("Widder"). Höchstens könnte dem widersprechen: 118,22, wo vom kranken Haupt die Rede ist, das auch kranke 'glider' zur Folge hat; doch ists ja auch hier bildl. gemeint!

37. ... Durch 'günstlichen' kommt in A eine überschüssige Silbe in den Vers, die dann B(C) zu der Aenderung veranlasste. Jn der Mel., der überlieferten Kolorierten sowohl, als der rekonstruierten einfacheren lässt sich jedoch das dreisilb. Wort leicht unterbringen!

41. ... 'zw. mein und dir' - vgl. Gr.Gr. IV,941!

S. zu 77 am Schluss!

77 (57)

Ae 51,f.31 a; B 69,f.29 a; C,f.63 a)

Metr.: Leichte Weiterbildung des Masses von Ged. 27 durch Wiederholung der Hinterreihe (s. zu 27, Zus.-Fassg.). Das wird jedoch erst deutlich, wenn man immer je zwei Zweitackter zu einem Viertakter vereinigt (-2a–̀, -2b–̀); dazu s. auch Zeile 37/38 u. 39/40! - Ob die Rep. mehr zusammenzulegen ist, erscheint fraglich. Die Mel. würde ja eine Zusammenlegung von 13/14 und 15-17 zu je einem Vers unterstützen, sodass die Rep. drei Verse umfasste. Doch spricht die Priamelform zu deutlich für die Beibehaltung der kurzen Verse!

Melod.: (13) eigen; s. hat mit der von 27 (8) kaum etwas gemeinsam ausser der Tonart (dorisch).

Zur Anordnung des Kommentars vgl. zu Ged. 27! Es soll auch hier

326

neben dem fremdsprachl. Stück gleich die überlieferte Uebersetzung ('exposicio' B) stehen, wenn sie auch nicht selbst zum Gedicht zu rechnen ist, wie bei 27. - Dür die Erklärung der ungar. Wörter ist die kurze Notiz von A. Motz, Magyar Nyelv 1913 (IX), 424, über die ungar. Wörter bei O. herangezogen worden mit freundlicher Unterstützung durch Dr. E. Moor im Berliner Ungar. Jnstitut

1. ... 'Do frayg amors' / 'Ach wars mein lieb'
franczoß
Do - tü ? Oder ist das D verlesen aus O: 'Oo'?! frayg: vrai - das -yg zeigt die diphthong. Ausspr. des -ai! amors: amo(u)r(s). "O (Du!?) wahre Liebe, wahres Lieb" - Anrede!

3. ... 'ma lot (loat A, lout B) / 'mein pherd' 'min ors (mein orss AB!) / 'mein ross'
ungrisch

flemmsch
ló: ung. "d. Pferd"; 'lovat' ist d. Acc. (vgl. d. Laa.!); jedenfalls von O. missverstanden. ma: ?? jedenfalls nicht ungar. Auch Motz findet keine Erklärung dafür! ors - O. stellt also der mnl. Form 'ors' als "deutsche" Form 'ros' gegenüber, obgleich er selbst 63,127 'ors' braucht!

4. ... 'nai moi serce' (nay moy A, namoy sercce BC) / 'darczu mein hercz'
windisch
na-i: dazu (vgl. 27,5, 8, 20), mój: mein, srcê: Herz (Reim auf me also richtig!). Alles sloven.!

6. ... 'frau, pur a ti' (puräty AB) / 'fraw newr zu dir'
welsch

327

pur a̤ ti: gröd.!! (a̤: ein kurzer, unbestimmter Vokal vor betonter Silbe, zwischen a und e! s. oben d. Hss.!).

7. ... 'eck lop, eck slap' / 'ich loff, ich slaff'
flemmsch
mnl. ick! s. zu 26,1 - vgl. auch unten Vs. 30. - mnl. 'lo(o)p, sla(e)p! - Vordersatz zu 'mein kr...'!

9. ... 'wesegg' / 'werlich' 'mein krap' / 'mein kraph'
vngrisch

tewczsch
bezzeg: ung. "wahrlich, fürwahr", bes. auch im negat. Satz (Moor). krap(h): Haken, Klammer (mit der er sich ins Herz der Liebsten einhaken will?!).

10. ... 'ne dirs dobro' / 'der halt nicht vast'
windisch
nè: nicht, držá: halten; 3. Pers. aber: drži! dobro: Adv., "gut, angemessen, zweckentsprechend" - also hier "fest"!

11. ... 'iu sglaf e frank' / 'ich aigen vnd frey'
welsch
ital. 'io schiavo et franco' - fröd. kommt hier nicht in Frage (gröd. 'frank', "freimütig", a.d. dtsch. "frank"!).

12. ... 'merschi vois gri' / 'dir denklich schry' (rüff BC)
franczoß
merci (c=ts; im Pikardischen u. in Teilen des normannischen u. des wallonischen Sprachgebietes hier c=tš!! Nach Schwan-Behrens, Afrz. Gramm. 8, 1909, §137 Anm.) vois - vous (woher das -i-?); an 'voiz', "Stimme" ist doch kaum zu denken! gri = cri(e), ich rufe (g- s. zu Vs. 20!). "Um Gnade flehe ich euch an".

328

13-18. ... Diese Aufzählung steht in ihrer Form und ganzen Art dem Priamel nahe. Vielleicht hat O. diese Rep. einem im Schwange befindlichen nachgebildet?! Vgl. die bekannte Schilderung des idealen Mädchens, dessen einzelne Körperteile aus verschiedenen Ländern sein müssen (z.B. bei Sch. Fr. I, 693f unter "Fud"; ähnl. bei F. Vetter, Lehrhafte Literatur des 14. u. 15. Jhs., Kürschner Dt. Nat.-Lit. Bd. 12, I, S 364 Nr. 10); zugleich ist damit immer das Charakteristikum der Mädchen des betr. Landes gegeben; s.a. ferner bei Euling, Hundert Priameln des 15. Jhs., Paderb. 1887, Nr. 48. Etwas Aehnliches liegt auch hier bei diesen Versen O.s von den Sprachen vor, indem die Jmperative das Charakteristische der betr. Völker, die die Sprache haben, bezeichnen soll. Allerdings enttäuscht der Schluss etwas, der vielleicht für die Zwecke des Liedes verändert wurde; man sollte eher eine Wendung erwarten etwa des Jnhalts "so bist du ein tüchtger Kerl".

19. ... 'Mille schenna' / 'zart liebstes weip'
windisch
mȋl Fem. míla: lieb; i.d. Anrede 'míle'? od. nur Abschwächung? žéna: WEib. Komma nach 'schenna', wie Sch. I!

20. ... 'yme' / 'se hin,' 'man gür' / 'mein hercz'
vngrisch

franczoß
ime (íme): siehe da! ung. man: für 'mon' jedenfalls durch die verdunkelte Ausspr. das a (bes. vor Nas.!) im Tirol. veranlasst! gür - viell. besser 'guͤr' zu lesen: cuer, afrz. = Herz! (vgl. z.B. die Reime 60,76, 78, 80, 81; 80,36 i.d. Hss. -ü- (ü...) statt -ue- (uo); desgl. 54,6/8 -ü- statt -üe-! - Der Reim (:spür) steht dem nicht

329

entgegen, wegen der Diphthongierung vor -r, die sich aus den vielen Reimen O.s von -ir-: -ier- ergibt; vgl. Maurer, S 21. - Der g-Anlaut für franz. c erklärt sich aus der Lautähnlichkeit zwischen frz. Tenuis und obd. stimmloser Media - der vorhergehende Nasal kann ausserdem auch verursacht haben, dass O. mehr g als k hörte; doch vgl. Vs. 12 'gri'!

21f. ... 'des leibes spür' / 'mein l.s.'
tewczsch
'spür' ist als von 'omnia' abh. Gen. zu denken: "durch alles der Spur", d.h. durch alle Spur meines Leibes - also etwa "durch mein ganzes Wesen". - Nach der Anrede Vss. 19, 20 sind Vss. 21/22, 23, 24 adverb. Bestimmungen für das Prädikat 'servirai'!

23. ... 'cenza befiw' / 'an allen spot'
welsch
ital.: senza beffi (Pl. v. beffe); der Reim auf 'twiw' (s. zu Vs. 39!) erweist auch hier einfaches -i als Endung! - Wegen der Schreibung 'cenza' vgl. gröd. 'tsá̤ntsa̤' (á̤ etwa = ë)!

24. ... 'met schoner war' / 'mit schönem werd' (pärd C!)
flemmisch
mnl. 'met' und 'mit' (vgl. 'mit' 25,8; 26,23!). - ls. mit BC 'gschoner'; vgl. zu 25,7! 'war' ist mnl. 'baer', Fem., "Benehmen, Betragen"; also etwa: "mit Anstand" (werde dienen ich).

25. ... 'dutt servirai' / 'ich bin dir gancz' (pur) / (newr)
welsch
gröd.: dutt serviré-i pur, "ganz werde dienen ich nur...". Der ital. Konditionalis 'servirèi' würde ja auch passen, doch geben die anderen beiden Wörter wohl den Ausschlag! Jn

330

der Uebersetzung ist wohl 'dien' zu lesen (Diktat oder Abschreibfehler!?).

26. ... '(pur) schzäti gais' / '(newr) was du wilt'
windisch
(kaj) štè: wie immer, was immer, ti: du, gais: wohl entweder 'kažeš (zu 'kázati': zeigen, weisen, lehren) oder 'kaniš' (zu 'kániti': beabsichtigen, vorhaben, im Sinne haben); das erste ist mir wahrscheinlicher. - 'hotẹ́ti': wollen (čèm, ich will) liegt doch wohl zu fern gegenüber den anderen beiden! Dass 'du wilt' nicht wörtliche Uebersetzung zu sein braucht, ergibt sich aus Vs. 31 'mundesch' = 'mondasz', "du sagst"! Also etwa: "mit Anstand werde dienen ich nur, wie du es mich lehrst!.

27. ... 'nem tudem' / 'und waiß nit' 'fray' / 'für war'
vngarisch

franczoß
nem tudom: (ich) weiss nicht; ung. - wegen 'nem tudom' verweist Motz vergleichend auf Vs. 31 'mundesch'! fray: v(e)rai - ai diphthongisch (s. zu Vs. 1) - Reim auf -é̜-i!

28. ... 'kain valsche rais' / 'k. f. rayß'
tewczsch
"keinen falschen Weg", d.h. "keinen Weg der Falschheit" - der Punkt nach 'rais' ist mit Sch. I besser beizubehalten.

29. ... 'got wet wol twiw' / 'got wayß wol wie' (eck) / (ich)
flemmisch
mnl. 'god weet wel twi' - der Reim ist also 'beffi:twi'! Zu 'eck' s.d. Folg.!

331

30. ... '(eck) de amar' / (ich) dich lieb hab'
lateinisch
('eck' wohl nicht 'ego', sondern zum vorhergehenden 'flemmisch'; vgl. Vs. 25f 'pur'!) - mnl. 'ic'! vgl. Vs. 7 und s. zu 26,1! de = te!! Ob hier das Gleiche gilt wie bei Vss. 12 und 20, 'gri' und 'gür'?! amar - Jnf.-Form für die 1. Pers. Präs.; vgl. 27,20 'propesar'; auch 27,11 'cum pietas'!

31. ... 'De mit mundesch' / 'newr was du wilt' (Demit C)
vngrisch
reim auf '(ex) profundes (= -is ?? !!). de: aber, doch allein, mit: was, mundesch: entspricht 'mondász' von 'mondani', sagen. Zu der Bedeutung vgl. Vs. 26!

32. ... 'Margrita well' / 'meine schöne gret'
welsch
ital.: Marg(a)rita, bella -- gröf. 'bé(a̤)' - die Kürzung ist wohl im Gröd. eher möglich, sodass auch hier dieses angenommen werden kann. - w für "welsch" b vgl. 17,32 und 64,29! - Nach 'well' muss natürlich Komma stehen, wie in Sch. I.

33. ... 'ex profundes' / 'auß ganczen gründen'
lateinisch
für 'ex profundis' - Reim auf 'mundesch' (s.d.)!!

35. ... 'dat löf' / 'dz glaub' 'draga (Griet)' / 'liebe gret'
flemmisch

windisch
dat löf - anscheinend zu mnd. (! vgl. Gedd. 25/26!) 'löven: die Apokope allerdings ist wohl dem Mnl. geläufiger (s. Franck, Mnl. Gr. 2, 1910 § 123). draga: Fem zu slov. 'drȃg', "teuer, lieb"

332

36. ... '(Griet) per mai foi / 'auf mein trew'
franczoß
'mai' ist wohl nur als Verschreibung aus 'ma' anzusehen, die durch das folg. 'foi' veranlasst ist! Jm übrigen vgl. zu 63,210 - Nach 'foi' besser Kolon!

37. ... 'in recommisso' / 'in dein pefelhnuß'
lateinisch
'in recomissum' wäre das "Richtige" - der Reim veranlasste wohl den Abl. (s. auch zu Vs. 30!) - vgl. 'recommissio': 'beuelniß', Voc. 1515 (Dieff. Gloss. 487b). - Vss. 37-40 erweisen deutlich, dass immer je zwei Zeilen als ein Vers anzusehen sind (s. oben zum Metr.). - Beachtenswert ist dabei, dass es sich hier (Vss. 37/39) offensichtlich nur um Augenreime handelt, denn die Reimsilben -so : -do stehen in der Senkung!

38. ... 'diors e nott' / 'tag und nacht'
franczoß
jurs, jorz - afrz.; Nom. Sing. (spr. dž...) - das Folg. scheint jedoch schon wie die folg. Zeile 'welsch' zu sein: e nott(e); denn die La. für A 'noyt', die B.Web. angibt ist kaum ernst zu nehmen, da er ja nur eine Abschrift von A benützt hat. Der Reim gibt ausserdem wohl den Ausschlag.

39. ... 'mi ti commando' / 'mich dir emphilch'
welsch
ital.: mi ti commendo! Das Gröd. weicht mehr ab!

40. ... 'wo ich trott' / 'wo ich trott'
tewczsch
'trott' als so ausgesprochen 'tewczsch' ist ja dies Reimwort zu 'nott' nicht anzusehen; der "Globetrotter" Oswald hat es aber jedenfalls so empfunden, was immerhin zu beachten ist.

41. ... 'jambre' / 'liebe' 'twoia' / 'newr dein'
vngrisch

windisch
jámbor: fromm, zahm, sanftmütig, gelassen, verträglich.

333

Die Form erklärt Motz nicht; jedenfalls ist sie nicht ungarisch (Moor)! tvója: Fem. (!) zu 'tvọ́j' "dein"! beide Formen sind wohl durch den Reim veranlasst, die des ungar. Wortes vielleicht noch durch die Endung der deutschen Bedeutung?!

42. ... 'all op mi troi' / 'all awf mein trew' (allopp ABC!)
flemmisch
all: al, mnl. Adv. "ganz", op: op mnl., mi(n): viell. hat i.d. Vorlage 'mī' gestanden! troi - mnl.: trouwe, truwe, trou; mnd.: truwe, trouwe - es ist eigtl. Oswalds obd. Form, die nur durch die Schreibung mit -oi einen etwas fremden Anstrich bekommt!

Der Versuch, Regelmässigkeit im Vorkommen der Sprachen in den Strr. durchzuführen, ist auch hier zu erkennen, was jedoch infolge der Schwierigkeit nicht ganz gelungen ist: Jede Halbstrophe (oder jeder Stollen, wenn man die Rep. als Abges. auffasst) enthält alle sieben Sprachen: die zweisprachigen Kurzverse stehen in der 1. u. 3. Str. an gleichen Stellen innerhalb der Halbstrophen (1. Str.: im 3., 3. Str.: im 5. Kurzvers); in diesen zweisprachigen Versen ist mit Ausnahme von Vers 35 in allen Strr. 'vngrisch' die erste Sprache, während die zweite in der 2. u. 3. Str. innerhalb der Strr. die gleiche ist (2. Str. 'franczoß', 3. Str. 'windisch'); dies letzte (d.h. Gleichheit innerhalb der Strophe) gilt auch von den Sprachen, die den zweisprachigen Versen vorausgehen, in der 1. Str. auch von der darauf folgenden Sprache:

1. A lat./vngr. flem./wind.
B lat./vngr. ttsch./wind.
2. A wind./vngr. francz./....
B wind./vngr. francz./....

334

3. A ttsch./flem. wind./....
B ttsch./vngr. wind./....

Eine Beziehung zu der Reihenfolge der Sprachen in der Rep. ist nicht vorhanden, ebensowenig eine solche, wie sie in Ged. 27 zwischen den Strophenteilen besteht (s.d.!). Zu beachten ist nur noch, dass jeder der 7 Teile des Liedes (einschl. der Rep.) mit einer anderen von den 7 Sprachen beginnt!

Dass hier gegenüber Ged. 27 ausser 'flemmisch' und Franz. auch Ungar. dazu kommt, würde nahelegen, Ged. 77 etwa erst in den Sommer 1419 (s. Sch. II,13) zu setzen. Doch ist das für eine festere Grundlage zu unsicher; denn die wenigen ungar. Brocken konnte O. leicht am Hofe Sigmunds von ungar. Hofleuten aufgeschnappt haben, sodass der Ansatz: allg. 1416/17 für dies Marg.-Lied ebenso möglich ist. Praktisch ist es daher am besten mit 27 zusammenzustellen (s.u.). Keinesfalls in Frage kommt jedoch nach meiner Meinung 1424/25 (A. Motz, S 35 f. u. 86.), da die Wendung von 111,86, auf die Motz sich stützt, offensichtlich ironisch gemeint ist und sich nicht auf die Sprache bezieht, sondern aus dem Kreise übertragener Bedeutung zu verstehen ist, in den etwa unser "mit einem Deutsch reden" gehört!

Bei diesem Liede, dem letzten der eigentlichen Margarete-Lieder bei Schatz, ist am besten der Ort, kurz alle in Frage kommenden Gedichte zu überschauen und, soweit möglich, wenigsten zueinander in Zeitbeziehung zu setzen. Jm allgemeinen kann man ja wohl sagen, dass diese Lieder in die Zeit der Werbung und die erste Zeit der Ehe gehören (so Sch. I,114), also 1416/17 oder 1417/18, eventl. auch 1419 (s.u.) Es sind, nach meinem Ansatz: 3; 4; 12; 14; 25; 66; 69-77. Diese 15 Lieder lassen sich am besten folgendermassen zeitlich anordnen, wofür Näheres im Kommentar an den betr. Stellen selbst zu vergleichen ist:

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3 Neujahr 1417
27 Neujahr 1417
77 Januar 1417 (eventl. auch 1419)
4 Januar 1417
66 Januar 1417
69 Januar 1417
70 Januar 1417
25 Januar 1417
14 allgem. 1417
76 allgem. 1417
13 Winter 1417/18
71 Winter 1417/18
72 Winter 1417/18
18 Winter 1417/18
73 Winter 1417/18
74 Neujahr 1418
75 Frühjahr 1418
(77 Sommer 1419? s.o.?)

An den Anfang rücke ich also die Neujahrslieder 3 u. 27; 77 ist aus praktischen Gründen gleich hinter 27 gesetzt; es folgen zunächst die anderen einseitig werbenden Lieder und darauf die Gespräche, sowie die Lieder der Trennung, die jedenfalls in den Winter 1417/18 gehören - das Neujahrslied 74 setzt auch schon eine nähere Verbindung voraus, ebenso das Frühlingslied 75.

Die von Schatz auch in diesen Kreis gezogenen Lieder 67 und 68 fehlen also hier, da das erste offenbar auf Sabine (s. zu 20 und 67!) und das zweite auf die Jungfrau Maria (s. zu 65 und 68!) zu beziehen ist!

Wenigstens genannt werden sollen hier noch die Lieder,

336

die zwar für Margarete möglich sind, bei denen ich aber eine Entscheidung nicht wage. Es sind 33; 34; 35; 46 (dieses dann aber später); Näheres s. zu den betr. Gedichten!

78 (10)

(fehlt A; B 85,f.35 b; C,f.71 b; G, s.Sch. II, 48 u. 49)

Metr.: eigen, insofern diese Bezeichnung für ein so einfaches volkstümliches Mass zulässig ist. Es ist nämlich deutlich die aus der Nibelungenstrophe entwickelte Strophe des "Jüng. Hildebrands-Liedes" zu erkennen, von deren vier Zeilen jede das Grundmass: –̯4–̀, –̆4–̤́ hat; die Reimverteilung weicht allerdings insofern ab, als die Reime durch die ganze Strophe gehen, mit der Besonderheit der ersten 3. Strr. (d. urspr. Lied?!!), dass deren Schlusszeilen untereinander reimen. - Die Cäsur nach dem (ausser Vs. 14 klingend ausgehenden, s. Melod.!) vierten Takt ist in B vielfach durch Reimzeichen kenntlich gemacht; so in Vss. 1, 6, 8, 9, 11, (13), 14, 15, 16, 17, 18, 19, 20, 21, 22, 24, 25, 26, 28, die in Sch. I bei den Laa. erwähnt sind, ausser Vss. 1, (13), 21 (doch s.d. Photogr.!). Auch Reime oder reimähnliche Anklänge stützen die Cäsur: 5/6 gestöber: köfel; 15/16 gezogen: geflogen; (17/18 Jörgen: gesworen); 21/22 schiessen: verdriessen; (25/26 Ritten: Melten). - Die mensural, mit Semibreven und Minimen notierte Melod. unterstützt aufs deutlichste die obige metr. Jnterpretation. Wo im Text Verschiebungen in der Silbenzahl vorkommen, sind entweder die Semibreven in je zwei Minimen zu zerlegen oder zwei Minimen in eine Semibrevis zusammenzulegen. Jm zweiten Falle kommen natürlich nur zwei Minimen gleicher Tonhöhe in Frage; bei Vs. 3 'Wolkenstain' und

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19 'Raubenstein' sind zwei Töne auf die betr. Silbe zu singen, da verschiedene Tonhöhe vorliegt; eine ausnahme machen Vs. 12 'bezálèn hérzog', wo das h, das sonst den Auftakt des folg. Halbverses bildet, fortfällt, und Vs. 26 'Hä́fnìng' wo abgesehen von dem Ausfall des Auftaktes f, die beiden Minimen a͡g, die auf 'Häf-' fallen würden, am besten durch eine Semibrevis a ersetzt werden; Vs. 20 ist wohl besser 'treue die ist' zu lesen!

Melod.: (49) eigen; durch die beigegebene Photographie aus der Hs. B, die ich für einen anderen Zweck von diesem Liede hatte herstellen lassen, bin ich in der Lage, die Wiedergabe Kollers zu berichtigen. Dessen Annahme, dass wegen der auffällig hohen Tonlage wohl Schlüsselfehler vorläge und daher Tenorschlüssel anzusetzen wäre, ist nach dem Notenbild, das die Hs. bietet, wohl hinfällig. Denn gerade die Schlüsselwechsel am Anfang und innerhalb der drei Systemzeilen, sowie besonders die Kustoden am Schluss der 1. u. 2. Zeile zeigen, trotz des offenbaren Fehlers bei der 6. u. 7. Note (h h statt c' c'), dass die Notation mit einer gewissen Sorgfalt vorgenommen ist. Die hohe Tonlage könnte sich daraus erklären, dass sie für ein mitspielendes Jnstrument zu gelten hätte, während die Singstimme eine Oktave tiefer intonierte (H - d'), was gerade der Tonlage einer durchschnittlichen Männerstimme entspräche!

1. ... 'huss' Hetzruf

3. ... 'za hürs' jedenfalls: 'ze orse', "aufs Pferd!" - aus den folg. Strr. ergibt sich, dass ein Ausfall mit anschliessender Verfolgung der fliehenden Belagerer gemacht wurde.

5. ... 'gestöber': "Aufwirbeln" (v. Funken!); s. unten zu Vs. 6! - 'auss der glüet' - jedenfalls war die Burg in Brand geschossen.

338

6. ... 'nider in die köfel' - von der Höhe des Burgfelsens hinab auf die kleinen Vorhügel, die sich aus den Schutthalden erheben. vgl. 107,22 'auff einem kofel' - Hauenstein, das da gemeint ist, liegt inmitten solcher Schutthalde des Schlernmassivs! - 'das es alles plüet' - dass alles "blühte" (im Brande, der wohl durch die herunterfliegenden Funken im Zeuge der Belagerer hervorgerufen wurde; s. Vs. 9/10!); an 'pluoten' ist jedenfalls wegen des Reimes kaum zu denken - 'gestöber', Vs. 5 und hier 'glüet' erklären sich gegenseitig im genannten Sinne.

10. ... 'in dem obern velt' - "im oberen Lager" - wahrscheinlich hatten die Belagerer auf den genannten "Köfeln" einen Teil ihres Volks mit den Belagerungsmaschinen usw. angesetzt, während der andere weiter unten im Etschtale "in Reserve" lag.

11f. ... "Wenn einer übel ausleiht, so ist das eine böse Schuld", d.h. es wird ihm ebenso übel zurückgezahlt, und 'also well wir bezalen'!

13. ... 'Schallmützen, schallmeussen' - Spiel mit den beiden Formen, die an sich dasselbe bedeuten. Die zweite Form mit -euss- hatte Osw. viell. am Hofe von anderen gehört; sie scheint mehr in md. Maa. gebräuchlich zu sein (s.d. Belege bei Lexer unter 'scharmützel') - ob Umbildungen vom Subst. 'scharmützel' oder der subst. Jnfinitive 'scharmützeln' bezw. 'scharmützen' vorliegen, ist für den Sinn nicht von Belang; doch wird man am besten das letzte annehmen. "Die Scharmützel, Geplänkel entschied niemand", d.h. sie blieben unentschieden.

14. ... 'vorm Raubenstain in dem Riet' - 'Raub.' ist nicht etwa Greifenstein "im Munde des Volkes" wie B.Web. annimmt und nach ihm die Uebersetzer Schrott und Passarge, sondern Rafenstein, wie schon J.V.v. Zingerle, Zs. f. vgl. Lit.-Gesch. II (1889), 380 (Bespr. v. Schrotts Übers.) feststellte. Diese

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Feste Rafenstein liegt nördl. v. Bozen etwa eine Stunde ins Talferbachtal hinein hoch an der Ecke, wo das Grümmenbachtal einmündet. Das Ried (Gegend oder Anwesen) liegt gleich dabei, etwa 600-1000 m südlich; es ist demnach 'Rist', also gross zu schreiben!

16. ... 'armberost' - jedenfalls durch das Singen veranlasste Epenthese; denn es sind 3 Töne auf das Wort zu singen. Sprachlich läge ja 'arembrost' näher; doch artikuliert sich 'armberost' leichter, wozu noch der Deklamationsgebrauch, kommt, Bindungen zweier und mehrerer Töne auf eine Silbe lieber bei Silben mit Nebenton als bei solchen mit Hauptton anzubringen. Beispiele dafür finden sich bei O. häufig, genug in Schlussligaturen. Es ist also jedenfalls:

Grafik

das zunächst Gegebene gewesen, aus dem sich:

Grafik

entwickelt hat.

17. ... ls. 'Gepaurn' (s.o. Melod.; vgl. C!) - 'Sant Jörgen': St. Georgen, Ortschaft am Westhang des Talfergbachtales zwischen Gries bei Bozen und Rafenstein.

17-20. ... ls. 'gemain - unrain - Raubenstein - klain' - der scharfe Rhythmus der Mel. verträgt keinen zweisilib. Versschluss, sodass die hsl. Ueberlieferung als Fehler anzusehen ist.

18. ... 'valsch' und 'unrain' ist wohl beides als Adv. anzusprechen; daher besser Komma dazwischen.

19. ... 'do kamen ... von Raubenstain' - die Verfolger bekamen jedenfalls Hilfe vom Rafenstein. Nach 'Raubenstain' ist Kolon zu setzen; Vs. 10 ist die Rede der Rafensteiner gegen ihre Nachbarn aus St. Georgen! (so fasst es auch Schrott mit Recht.)

340

20. ... Viell. ist besser zu lesen 'eur treue die ist klain'!?

21. ... 'und' besser zu streichen - vgl. die Parallelverse, bes. die für den Charakter des Liedes typischen: (1), 9, 13, 25!

22. ... Komma nach 'glöggel', das angeredet wird? 'dich' = 'tȋch' Jmp. v. 'tȋchen' - "Glöcklein, lasse deine Stimme erschallen und brause!" Als Anrede an die Sturmglocke?! - Es ist dies nur ein Vorschlag; ganz sicher bin ich mir der Stelle nicht. Die Auslegung "klöppeldicht, hageldicht", die B.Web. bringt, scheint ja verlockend, ist aber hinfällig, weil dann 'seus' als Adj. oder Adv. aufgefasst werden muss, und das geht wohl kaum an!

23. ... Mit 'hofeman' redet wohl Osw. sich selber an!? Jedenfalls scheint hiernach die Lage der Ritter bei diesem Gefecht nicht gerade günstig gewesen zu sein - man hatte die Ausfallenden viell. in einen Hinterhalt gelockt (s.d. folg. Str., bes. Vs. 28!).

24. ... 'meuss' - nicht ganz sicher - B.Web. gibt an "'mauss' = Loch, Unterkunft, Zelt"; man könnte auch an 'maisz', "Holzschlag mit jungem Anflug, Schonung" (s. Schm. Fr. I, 1663) denken, obgleich natürlich die Lösung "Mäuse" die einfachste wäre; orthographisch stünde dem letzten nichts entgegen, denn B hat bei allen vier Reimwörtern dieser Str. -ouß (s.d. Photogr.!).

25. ... 'der Ritten' - eigtl. der Name des Bergrückens selbst, der im NO von Bozen liegt; hier für die Bewohner seines Bezirks.

26. ... 'Häfning': Häfling; 'der Melten' ähnl. wie bei 'der Ritten': der Möltener Berg für den Ort Mölten, der daran liegt - beides Ortschaften im Zuge des Tschögglbergrückens zwischen Bozen und Meran.

27. ... 'Särntner' - Bewohner von Sarnthein (weiter aufwärts im Talferbachtal, das da Sarntal heisst, etwa auf gleiche Breite wie Häfling). - 'Jenesier' - Bauern aus Jenesien,

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Ortschaft im Grümmental oberhalb Rafenstein (s.d.!). Dass die Hss. 'senesier' haben, sieht Schatz (Sch. I,114) als mögliche Folge einer Schreibung 'Genesier' mit G für J, wobei die Majuskel G in S verlesen wurde. Doch bietet Tarneller, Hofnamen i. Burggrafenamt Tirol u.i.d. angrenzd. Gemeinden, Arch. f. österr. Gesch. 100 (1910): "Senesien" neben "Genesien"!

28. ... 'vergärnen' - ins Garn locken und fangen - aus dieser Zeile geht deutlich hervor, dass die Ritterlichen bei dem Ausfall in einen Hinterhalt, oder wenigstens durch Umzingelung in eine gefährliche Lage geraten waren. Zu dem Reim -ȃ/-an: -on s. zu 15,40.

Die Zeit der Belagerung Greifensteins fällt ins Jahr 1418 (Sch. 1,114), und zwar in den März/April dieses Jahres, wie Noggler, ZsFerd. 27,5ff, bes. 27ff u. 59, ziemlich sicher nachgewiesen hat ("nach dem 25. Febr." und "vor dem 12. April"). Es fehlt aber eine genauere aktenmässige Ueberlieferung für den Verlauf der Belagerung, sodass man für Einzelheiten auf O.s Darstellung angewiesen ist. Mir scheinen nun, wie schon bei den einzelnen Stellen oben angedeutet, die Belagerung und die Kämpfe danach etwa folgendermassen sich abgespielt zu haben:

Greifenstein wurde berannt; die Belagerer waren schon in eine bedenkliche Nähe gerückt, soweit das bei dem steilen Felsen möglich war, und hatten von den umliegenden Kuppen aus mit ihren Belagerungsmaschinen die Burg in Brand geschossen. Das wurde ihnen aber selbst zum Verhängnis. Denn die herabfallenden Funken und brennenden Holzstücke fielen auf das am Fusse des Burgfelsens aufgebaute Lager des Feindes und setzten dies ebenfalls in Brand. Die Wolkensteiner befeuern die Jhren zum Ausfall, und es gelingt ihnen dabei, die Belagerer aus deren brennendem "Felde" vollends zu vertreiben. Das "untere Feld", etwa aus den Meranern, Häflingern und Möltnern bestehend, schloss sich jedenfalls der Flucht an, verlor sich aber vielleicht

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seitwärts, während der andere Teil um die Hügelgruppe am Glaning herum über Moritzing und Gries ins Talferbachtal hinein verfolgt wurde. Hier griffen die Bauern von St. Georgen, Jenesien, Sarnthein und vom Ritten ein, sodass das Feld im Ried unter Rafenstein zum Stehen kam. Die Rafensteiner kamen den Ritterlichen zu Hilfe und begrüssten besonders ihre feindlichen Nachbarn aus St. Georgen. Unterdessen waren die versprengten Meraner, Häflinger und Möltener mit den Bozenern wieder nachgekommen. Man glaubte jedenfalls die Ritter und die Jhren in der Falle, aus der sich diese dan mit genauer Not herausschlugen ('nu rüer dich, guet hofeman, gewin oder fleus'!).

Leider ist dies nicht eine Auslegung, die sich als einzig notwendig ergibt, wenn sie auch in ihrem Zusammenhang und durch die Uebereinstimmung mit dem Jnhalt des Liedes die grösste Wahrscheinlichkeit für sich hat. Zum mindesten nämlich ist das Lied selbst in zwei Etappen gemacht, deren erste (Strr. 1-3) nur das Feuer und den Beginn des Ausfalls zum Vorwurf haben; denn diese 3 Strr. sind durch den Reim der letzten Verse miteinander verbunden und stellen sichen den ursprüngl. Umfang des Liedes vor. Jhnen wurde dann später, wahrscheinlich bald, die folg. Strophen angereiht, wobei sich eben nicht entscheiden lässt, ob nur das Lied in zwei Etappen entstand, oder ob dieser Entstehungsart auch Ereignisse zugrunde liegen, die nicht unmittelbar aufeinander folgten.

Die stark abweichende "zersungene" Fassung dreier aus verschiedenen Versen des Liedes zusammengesetzten Strophen im Augsbg. Ldb. von 1454 (Cgm. 379; bei Schatz Hs. G, s.Sch. II,48) zeigt, dass dies Lied jedenfalls als eine Art histor. Volkslied im Schwange war. Dem kam ja das volksmässige Versmass entgegen (vgl. auch die Verse auf die Hussitenschlacht oben i.d.Einl.!). Es hat anscheinend auch sonst weitergewirkt und wurde wohl für

343

ähnliche Anlässe entsprechend umgedichtet; vgl. bei Fr. Böhme, Altd.Ldb.Nr. 296 'die Pawren von St. Pölten darzue die gantz gemein' (a.e.Hs.d.16.Hs.).

79 (17)

(Ae 47,f.29 a; B 22,f.10 a; C,f.25 b)

Metr.: gleich 111; 112 - fast gleich 91. Das einfache Mass, welches Ged. 78 zugrunde liegt, ist auch hier Ausgangspunkt; es ist nur zu längeren Strophen zusammengestellt: erst 4x4 Langzeilen (bei 91: 3x4) bilden eine Strophe. - Ferner ist der Cäsur-Reim ganz durchgeführt, sodass es gerechtfertigt ist, die Zeilen nach den Kurzversen abzusetzen. Die Strophenviertel (bezw. -drittel) von je 8 Kurzversen sind Abschnitte, von denen die beiden ersten mit gleicher Mel. den Aufges., die beiden letzten (bezw. der dritte) ebenso den Abges. bilden. Mit den Schlüssen dieser Abschnitte fallen natürlich auch fast immer Sinneseinschnitte zusammen; auch die Stellen 79,40; 79,56; 79,92; 79,144 sind hierher zu rechnen, weil da mindestens ein Semikolon angebracht erscheint; nur 91,40 u. 111,136 lassen den Sinneseinschnitt vermissen, alle übrigen Stellen haben ihn. Die Mel., bes. im Aufges. weist nun auch nach 4 Kurzversen einen Abschnitt auf, was ja der Reimbildung entspricht; und diese Teile sind ebenfalls häufig durch Sinneseinschnitte gekennzeichnet (von 66 Stellen 35 sicher, 24 leicht und nur 7 ohne S.-E.!). Dass die 8-zeiligen Teile trotz der Strophenbildung eine gewisse Selbständigkeit haben, zeigt das überschüssige Stück bei Ged. 112; die andere Stelle bei O., wo noch ein überschüssiger Abges. der letzten Str. angefügt ist (117,199-204), kann dem wohl nicht gleichgesetzt werden, da das Abgesangsschema

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in der dortigen Str. nur einmal erscheint und in dieser Schlussbetrachtung wiederholt wird. Weiteres s. unten Melod. und in der Zus.-Fassg. zu 79 (zu der Beziehung zwischen Jnhalt und Strophenbau vgl. auch zu 111 u. 112!)

Melod.: (12) eigen; die metr. gleichen Lieder 91; 111; 112 haben in A und B Hinweis auf 79. - Einfache, ansprechende Dur-Mel. (transpon. ionisch); Strophenschema und Mel. ergeben deutlichen Aufbau aus der 8-taktigen Liedperiode; je zwei solcher Perioden, also 16 Takte, sind in sich geschlossen; ebenso sind wieder je zwei dieser 16-taktigen Teile zu einer Mel. von 32 Takten verbunden, die wiederholt wird. Diese 32 Takte und ihre Wiederholung bilden dann den Aufges.; der Abges. ist entsprechend gebaut. Am Schluss jeder Periode, die der beim Metr. erwähnten Langzeile entspricht, verlangt die Mel. Bindungen von zwei Tönen auf eine Silbe. Dabei erscheint es mir jedoch fraglich, ob der vorletzte Ton als eine Art Vorschlag zum Schlusston anzusehen ist, wie es sich aus der Textunterlegung bei Koller ergibt. Es würden vielmehr entweder der drittletzte und vorletzte Ton auf die vorletzte Silbe zu binden sein, da sich, bei Betrachtung des Melodielaufes ohne den überschüssigen Ton, dieser als eine Verzierung des vorletzten Tones herausstellt; das ist der Fall in Zeilen 2, 4 u. 6 der Stollen. - oder der viertletzte und drittletzte Ton auf die drittletzte Silbe, wo Verzierung des drittletzten Tones vorliegt; das entspricht den Verhältnissen in der 2., 4. u. 6. Zeile des Abgesangs. Die Schlusszeilen der beiden Melodiestücke, also Zeile 8 der Stollen und Abgesänge, sind nicht eindeutig; doch scheint da die Bindung der beiden ersten Töne auf die Auftaktsilbe das Richtige zu sein, denn in der Fassung von A fehlt der zweite Ton dieser Halbperiode im Abgesangschluss (s. Koller, Revis.-Ber.). Allerdings darf nicht verhehlt werden, dass die 6. Zeile des Abgesangs,

345

die am Anfang der letzten gleich ist, anscheinend einer solchen Einteilung widerspricht. Vs. 32 würde sich jedoch bei der angenommenen Bindung der ersten beiden Töne ohne jede Schwierigkeit in die Mel. einordnen lassen (vgl. die Textunterlage bei Koller, S. 144!).

Benützt, bezw. verglichen sind: Fr. Boll, Sternglaube u. Sterndeutg., 1919²; Wolf, Gesch.d. Astronomie; Mittelalterl. Hausbuch (Facsimile-Ausg.); Konr.v. Megenbergs Sphaera (Hsg. v. O. Matthaei, DTM, XXIII, 1912); Fr. Saxl, Verz. astrolog. u. mythol. ill. Hss. ... (HSB 1915,6.7.); A. Hauber, Planetenkinderbilder u. Sternbilder (Stud. z. dtsch. Kunstgesch. 194, Strassbg. 1916). -

Von Hss. habe ich durchgesehen: Tübingen UB., M d 2 (s. Hauber a.a.O.) und Kassel, Landesbibl. 20 Ms. Astron. 1 (IV,2).

6. ... 'in der planeten purt' - "als Planetenkind".

9. ... 'durchjeten', "auserlesen".

14. ... 'prüet' - 'bruot', stn.: Keim; (:gemüet!) - die umgelautete Form ist vielleicht durch Hineinspielen von 'bruot', Fem. zu erklären? Doch besser ist wohl, 'gemuet' für 'gemüet' einzusetzen, was auch bei 121,71/72 'gemüet:guet' angebrachte erschiene; dass 'gemüet(e)' sonst nur im Reim auf -üet(e) (18,21; 24,8; 86,2; 100,4) steht, braucht dem nicht zu widersprechen; O. verwendet eben auch die nicht umgelautete Form im Reim -- 'ue' und 'üe' hält er sonst meist auseinander (vgl. zu 16,16!).

16. ... vgl. Vs. 72!

17. ... 'ain planet' - Einer Deutung, die 'pl.melden' parallel setzt mit 'pl.lesen, stellen' stehen Form und Betonung entgegen. Es bleibt wohl nur, ein Neutrum 'plánet' anzusetzen mit der Bedeutung "Plánetàr, Planetentabelle" od. ähnl. - begegnet

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ist es mir in den benützten Büchern und Hss. nicht. Es muss genaueren Kennern astrologischer Hss. des Mittelalters überlassen bleiben, das etwaige Vorkommen dieses Wortes festzustellen.

18. ... 'fluss': Guss, Gegossenes aus Metall; vgl. zu Vs. 141!

19. ... 'melde : zelte' - s. zu 70,32; vgl. a. zu 17,55/56 (nd/nt) und 28,1 (d/t)!

'Jovis' (so auch Vs. 97!) - schon alte Nebenform für 'Jupiter' - das könnte ein Fingerzeig für Beziehung O.s zu einer Quelle sein; in den verglich. Hss. fand sich die Form nicht. - Beide Male 'Jovís' betont, allerdings im Versanfang! - Bei 'Venús' fällt diese Betonung schon mehr auf; Vs. 113 jedoch steht es jedenfalls im Versanfang. Aus 'zwen' ist zu ersehen, das auch 'Venus' als Mask. (der Planet) aufgefasst wird, wozu Vss. 113ff. durchaus passen: 'Venus ..., sein menschen ...'! vgl. die männl. Darstellungen der Planeten Venus bei Saxl a.a.O. (Tafel XX u.S. 114, Anm. zu Abb. 41), sowie i.d. Kass. Hs., f. 53r 'wer vntter dem venus geporen wirt'.

18-24. ... Zu der Reihenfolge, in der hier die Planeten aufgezählt werden und die auch nachher bei der Beschreibung ihrer Kinder eingehalten wird, s. unten die Zus.-Fassg.!

26. ... 'ain zwelfer': einer von den zwölfen.

27f. ... 'ain kr.': der Kr. (wie Vs. 30 'ain schütz' und 67 'ain wider') - ob gegen alle Hass. 'sainem' einzusetzen ist, erscheint mir doch fraglich; denn es liegt kein Grund vor hier nicht 'sein' = suus - anzunehmen, wenn auch die Verbindung mit 'slaichen' die von Schatz angenommene Möglichkeit in den Gesichtskreis rückt. - Für das Zeichen Skorpion ('tarant') vgl. die Tüb. Hs., f.271v im Text zur Luna (auch bei Hauber, a.a.O. S. 26), sowie f. 110rb; sonst hat diese Hs., wie auch die Kasseler nur 'scorpio' und 'scorp'. - Jn einem deutschen Kalender des 13. Jhs., den

347

R.v. Liliencron Z.f.d.A 6,349-369 veröffentlichte, findet sich bei den Bemerkungen der Hs. zum Oktober, der den Grafik als Zeichen hat, ebenfalls 'tarant'! Dass die beiden, Krebs und Skorpion, miteinander verglichen werden, liegt nahe, wenn man ihre bildl. Darstellungen aneinanderhält; s. z.B. bei Hauber a.a.O die Tafeln III, IV, XXXV (d. ganze Tierkreis); X/XI (Planeten mit ihren Häusern, da also Mars und Luna); am deutlichsten i.d. Kass. Hs. Taf. XXI (Mars) und XXXIV (Luna).

30. ... 'das zwiling' (so auch Vs. 84!) - jedenfalls Einfluss von 'zwinlin' oder 'zwinliut' - Konr. v. Megenberg hat nur den Plur., was ja das Richtigere ist (gemini). Allerdings kommt in der Tüb. Hs. häufig auch der Sing. vor, nur ist es, wo das Geschlecht zu erkennen ist, Maskulinum (z.B. f.39va 'Der zw...'; ebenso ff. 70ra; 70rb; 71ra; 71rb; 72vb zweimal; 76ra; 83vb usw.).

32. ... Zum Metr. dieses Verses s. oben bei Melod.!

33. ... 'welcher von der Sunne orient geporen ist', "vom Sonnenaufgang geboren", also: "bei wessen Geburt die Sonne im 'Aszendenten', d.h. im eben über den Horizont steigenden Punkt der Ekliptik sich befindet". Der "Aszendent" ist ja nach der Lehre der Astrologie ein sehr wichtiger Faktor bei Feststellung von Horoskopen. Das Zeichen des Löwen ist das besondere "Haus" der Sonne; es gilt von ihm das Gleiche. Näheres s. unten in der Zus.-Fassg.!

36. ... Hier, sowie bei vielen der folg. Aufzählungen von Eigenschaften ist sinnentsprechend "ist" /bezw. "sind", "hat er", "haben sie") zu ergänzen. - Komma fort nach 'ring' oder nach 'frist' (M) - ich möchte es nach 'frist' streichen, weil 'ring' besser für sich steht (etwa "behende"); es ist sicher ein 'ringer' einer Vorlage missverstanden; denn die "Ringer" gehören anscheinend zum festen Bestand der Sonnenkinder (s.d. Abb. bei Hauber, Taf. XXII u. XXIV; sowie unten

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die Verse des Mönchs v. Salzb.!).

40. ... ls. 'zaller' - Semik. nach 'stunt' (s. Metr.!).

41. ... ls. 'Smal'!

44. ... ls. 'schön'!

45. ... 'vorschen nach d. sch.', "sehen ihn vorher".

47. ... 'hübsch geladen' - "zu Hofe geladen"; vgl. Tüb.Hs., f. 269v (Hauber S. 25) 'grosser herren amptman'; Kass. Hs. f. 55v (Hauber S. 51) '... die da wonent pey den fürsten und in dienent'. - 'undienstlich' scheint dem zu widersprechen; es findet sich auch anscheinend nicht bei Sonnen-Löwen-Kindern, sondern eher bei Mond-Krebs-Kindern: vgl. Kass. Hs., f. 49r (Hauber S. 49) 's. dient nicht gern, wann sy sint nymant gern untertan'.

49. ... 'kalt und feuchte' - vgl. Vs. 66 'Mars (tarant, wider) dürr und ... heiss' - 97ff. 'Jovis ... schütz ... visch, feucht, haiss' - 129f 'Saturn kalt, dürr' - Näheres s. unten die Zus.-Fassg.!

51. ... 'vaisster euchto' - man könnte an ein mhd. '*iuhte' (aus ahd. '*ȗhtȋ' zu got. '(bi-) ūhti', "Gewohnheit") denken, etwa mit der Bedeutung "habitus, constitutio" - doch will mir eine andere Möglichkeit mehr einleuchten: mhd. '*öuchte' aus ahd. '*ouhhida' zu 'ouchen/ouhhȏn'; also entweder: "Fülle" (des Leibes), oder: "Wuchs"; vgl. auch aus der Tüb. Hs., f. 83vb 'Der krebß macht eynen /menschen grop vnd/ groß eyn fett angesicht / ', sowie Kass. Hs., f. 25r; '... hat ein vaistes grobs antluͦtz ...'. - Der Reim -iu- : -öu- ist ja für O. nichts Ungewöhnliches (s. zu 11,44ff.!).

54. ... ls. 'nasen spitz' (M)! vgl. 111,72 'mit meiner nasen spitz'; 110,76 'mit ... grauseleichem spitze' hat das Wort übertr. Bedeutung! Man könnte allerdings zweifeln, ob nicht doch ein Wort zu lesen, also Mask. anzusetzen wäre, denn 111,72 ergibt für das Geschlecht nichts, weil es da nach der

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Ueberlieferung unzweifelhaft zwei Wörter ('nase(n) spitz') sind!

"in Lüben unleugbar gross" (sind sie) - das Spiel mit den Ablautstufen ist wieder bezeichnend für O.s Klangfreude (vgl. z.B. 35,51; 36,43; 59,69). - 'lugȇren' in A (nach B.Web. auch in B: lugern!) ist jedenfalls Fehler aus 'lugenen' zu 'lugene'.

56. ... 'launiger witz', prädikativer Gen. (erg. "sie sind"); - "launisch". - Nach 'witz' besser Semik. (s.o. zum Metr.!).

62. ... 'lang gezaft' - 'zȃfen' auch 100,19 auf die menschliche Gestalt bezogen; sonst: "züchtigen, in Zucht nehmen" (16,17; 111,115); "pflegen, aufziehen" (82,11); vgl. auch zu 'zaff', 6,37.

65. ... 'glider', d.i. "Glieder der Menschheit".

68. ... 'stan in demselben kraiss' - das könnte sich auf eine Abbildung beziehen, die O. etwa in einer Vorlage vor sich hatte!? vgl. z.B. die Bilder bei Hauber Taf. XIV (18), XV (20) usw. (d. Abb. der Schermar-Hs. u.d. Kass. Hs.).

71. ... 'fruchtent': "statten aus". - 'vast' ist zu streichen aus metr. Gründen (Türler).

72. ... vgl. Vs. 16!

74. ... Der Vorschlag Türlers, mit BC 'stelen' zu lesen, ist wohl ohne weiteres anzunehmen. Wenn auch sonst Diebe meist bei Saturn genannt werden, so bleibt zu beachten, dass in der Marsstrophe des Mönchs v. Salzb. (s. unten Zus.-Fassg.!) ebenfalls 'steln' genannt ist!

76. ... Zu diesem Motiv vgl. auch die Zusammenstellungen zu Mönch v.S. 59,20 (M.-R. S. 482) und zu Hugo v. Montf. 14,8-13 (Wack. S. CIX und 227f).

77. ... Jnterp. besser nach B.Web.: 'dünn, wang gerumpfen, rüemer'; 'gerumpfen' gehört natürlich zu 'wang'! - Für 'rüemer' vgl. Tüb. Hs., f. 268v 'eyn berümer siner bozheit und ander

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syner werke' (Hauber S. 24).

78. ... 'teuff augen' vgl. ebd. 'cleyn scharfe augen und diefe'.

79. ... Komma nach 'weitmeulig' - vgl. Tüb. Hs. 'eyn grossen münt das merteil offen'. - 'lüemer' - jedenfalls "einer der leicht ermattet" (zu 'lüemen'); vgl. ebd. 'begert der minne und mag doch nit also vil'; desgl. Kass. Hs., f. 57v 'begert mer frawen denn er u̕ mag'; vgl. a. Schm. Fr. I, 1473 unter 'lummer'!

81. ... 'adelar' - bezeiht sich jedenfalls auf die Flügel an den Füssen, mit denen Merkur seit alters abgebildet wurde; vgl. die Abb. aus der Schermar- und Kass. Hs. bei Hauber Taf. XXIX, wo man fast von Adlerflügeln sprechen könnte. Das Gleiche gilt auch von den Flügeln am Kopfe, mit denen er in den Abb. der Tüb. Hs. erscheint (s. ebd. Taf. VII, IX u. XI) - Der Adler selbst ist ja Attribut allein des Jupiter! - Dieses, sowie der Ausdruck 'ich vinde', lassen wieder auf eine Vorlage schliessen!

88. ... Besser Semik. nach 'neu'

89. ... 'Die red mit red verkeren' - (erg. "sie") - Merkur wird auch 'sprechherre' genannt; vgl. z.B. Megenbergs Sphaera a.a.O. SS. 5 u. 32.

97. ... 'Jovis' vgl. zu Vs. 21!

101ff. ... 'zu fride schiessen' - (erg. "sie") "eilen zum Frieden"?? (so B.Web.) - kommt jedoch kaum in Frage; 'schiessen' ist jedenfalls wörtl. zu nehmen, denn zu den Kindern des Jupiters gehören die Jäger und Schützen (vgl. Saxl, S. 19; Hauber, S. 52 u. Taf. XVII-XIX). - Die Stelle ist vielleicht so zu erklären: Obj. zu 'schiessen' ist 'den preis' (Vs. 104) - Vs. 103 ist adverb. Bestimmung, also Komma fort nach 'verdriessen' - Vs. 102 ist Parenthese - 'zu fride' und 'zu weidenhait' sind die beiden Arten ihrer Schiessbetätigung: 'zu fride' friedlich, nach Scheiben und leblosen

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Zielen - 'zu waidenhait' auf der Jagd (s. Schm. Fr. II, 855 unter "Die Waid"?!); vgl. das Jupiterbild im Mittelalterl. Hausbuch (fol. 12a), wo beide Betätigungen dargestellt sind! -

"feucht, heiss (sind des Jupiter und der beiden Zeichen Eigenschaften, die auf ihre Kinder übertragen sind), sie schiessen friedlich - böser Art schämen sie sich - und jagend höfisch mit Lust den Preis" (d.H. sie sind hierbei die besten Schützen). - Allerdings darf nicht verhehlt werden, dass die Jupiterkinder auch meist als friedliebend bezeichnet werden, sodass 'zu fride' auch darauf Bezug haben könnte!

105. ... 'murr' kaum: "stumpf", wie B.Web. ansetzt; jedenfalls ist es 'mürwe, mür', hier mit "zart, dünn" oder "spitz" (vgl. dagegen 117,181!) wiederzugeben. Die Schilderungen bei Hauber (z.B. SS. 24 und 56) haben 'slecht' oder 'longus', was sich mit dem Obigen einigermassen vereinigen lässt. Allerdings finden sich gerade, was die körperlichen Eigenschaften angeht, manche Widersprüche mit den Schilderungen der astrol. Hss. bei Hauber.

107. ... 'an vasen' - jedenfalls wohl: "ohne Bart" (Fasern, Haare!); vgl. u.U. 12,24 'vöslocht'!

108. ... ls. 'dick' (Sch. I!).

114. ... 'sein' auf 'Venus' bezügl.! - vgl. zu Vs. 21.

115. ... Komma fort nach 'gaile', zwischen Subj. u. Obj. (M), denn 'si' bezieht sich auf 'menschen' und nicht auf 'Venus'!!

123. ... 'schöcke': "Aufgehäuftes, Haufe"; wohl Pl von 'schoc'; vgl. 37,54 'schock'; ferner 3,22 'geschocket'; 48,28 'zue geschöck'; 53,17 'zuegeschockt'!

125. ... Komma nach 'füesse' (M).

133f. ... Komma nach 'rauben' und nach 'bekant' (M. u. Türler).

134. ... B.Web. hat im Text 'frauen schenten' und gibt die La. -er für B! Danach hat also C -en (!?), was gut in den Text

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gesetzt werden könnte. Jedenfalls kommt dann die Parallelität mit 'morden', stelen, rauben' besser heraus. Dass die folg. Zeile Subst. und Vb. nebeneinanderstellt, besagt nichts, weil das Subst. anderer Art ist: es bezeichnet ebenso die Tätigkeit wie die Verben und nicht die Täter, wie es bei der La. '-schender' der Fall wäre!

136. ... Semik. nach 'gewant' (s. Metr.!).

137. ... 'engring': Sprinkel, Mitesser. - 'täsig' = 'daesic', "kleinlaut, bedrückt, schlafmützig".

139. ... ls. 'dick har, prait, herz gar hässig'!

141-152. ... Die Umstellung von Vss. 149-152 vor die Vss. 141-148, die in B (C) vorgenommen ist, muss wohl als Abschreibfehler angesehen werden; denn die Art, wie das Zeichen Wassermann Vs. 141ff eingeführt wird, würde überholt wirken, wenn davor schon die Vss. 149-152 stünden.

141. ... 'wirt ir fluss gemenget' - "... ihre Gussmasse ..." (vgl. zu Vs. 18). - Hier spielen also die Vorstellungen aus dem Gebiete der Metallgiesserei hinein. Die Planetennamen sind ja in der Chymie zugleich Metallnamen, sodass die Planetenkinder gleichsam als aus dem betr. Metall gegossen gelten können! Jmmerhin mag bei der Wahl des Wortes 'fluss' auch der "Wassermann" eine Rolle gespielt haben (s.d. Folg.!).

143. ... 'davon gesprenget' auch abh. v. 'doch wirt'! Entweder: "davon besprengt", oder: "davon durchsetzt" - das zweite würde besser im Bilde des Metallgusses bleiben.

144. ... Semik. oder besser Kolon nach 'kan' (s. Metr.!) - es ist nicht nötig, 'ain tail' als Subj. für 'sich schamen' zu fordern; elliptische Konstruktionen begegnen ja auf Schritt und Tritt in diesem Gedicht!

147f. ... Diese Stelle bezieht sich wohl darauf, dass keiner von ihnen eines natürlichen Todes stirbt, was ja auch sonst den Saturnkindern nachgesagt wird.

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150. ... 'geplunst' - etwas anderes, als "aufgeblasen, aufgebläht" kann zunächst nicht in Frage kommen; nach dem Zusammenhang ('zu wankelhait gepl.') muss allerdings eine übertr. Bedeutung, etwa im Sinne von "geneigt" angenommen werden.

151. ... 'aussrichtig' - die Bedeutung "anstellig, geschickt" ist wohl als sicher anzunehmen. Man könnte ja etwa als Zusammenhang mit 'ausrichten', "übel nachreden, bereden" (vgl. Schm. Fr. II,39f) denken, sodass 'aussrichtig' dem 'cleffig' in der Tüb. Hs. (Hauber S. 23) entsprechen würde. Doch fällt für die erste Bedeutung ins Gewicht, dass die Saturnkinder in schwereren oder gröberen handwerklichen Tätigkeiten meist der Landwirtschaft u.ä. dargestellt werden; vgl. auch Kass. Hs., f. 61r '... und alle arbeitsame handwerk' (Hauber S. 53); ferner s. auch Hauber, S. 123 u. Taf. XIII-XV. Den Ausschlag gibt wohl die Schilderung der Kinder des Wassermann, die sich auch in der Kass. Hs., f. 29r, findet und in der es heisst: 'Er ist / fleissich vnd wirt ausrichtig ...'!

152. ... 'flunst': das Fliessen - s. zu 23,1-3.

154. ... 'prait' - auch hier könnte man zweifeln, ob es sich um 'breit' oder 'bereitet' handele (vgl. 15,76 u. 61,11). Zu beachten ist jedenfalls, dass an allen drei Stellen dem 'prait' ein Wort vorausgeht, das Adv. sein könnte ('zierlich', 'natürlich' ...). - Also hier entweder: "durch Gott von Natur her allenthlben" oder: "... bereitet, geschaffen".

158. ... "durch die Stütze der Tugend".

160. ... 'kreutz' aus 'kreutzes'! s. zu 59,43 'des gnäsch'; vgl. auch 81,67 u. 92,44.

153-160. ... Dieser Gedanke einer menschlichen Freiheit auch gegenüber dem Einfluss der Gestirne findet sich ja häufig im

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MA., bes. auch bei den Theologen (vgl. z.B. Fr.Boll, a.a.O., S. 48f.). Man könnte aber immerhin an Dante denken, der im 16. Gesang des Purgatorio sagt (Vss. 73ff):

Lo cielo i vostri movimenti inizia,
Non dico tutti; ma, posto ch'io il dica,
Lume v'è dato a bene ed a malizia,
E libero voler ...

Doch vgl. auch zu Ged. 98!

Der Jnhalt des Gedichtes steht, wie sich das auch bei den Gedichten gleichen Masses, 111 und 112 (s. diese!), zeigt, mit dem Strophenbau in deutlicher Beziehung:

1. A (1-16) Allg. Einleitung
B1 (17-24) Aufzählung der Planeten
B2 (25-32) Aufzählung der Zeichen
2. A. Sonne - Löwe
B. Mond - Krebs
3. A. Mars - Skorpion, Widder
B. Merkur - Jungfrau, Zwillinge
4. A. Jupiter - Schütze, Fische
B. Venus - Wage, Stier
5. A u. B1 Saturn - Steinbock, Wassermann
B2 Schlussbetrachtung

Jm allgemeinen sind also die Halbstrophen inhaltlich in sich geschlossen; die Planeten mit den zugehörigen Zeichen umfassen je eine Halbstrophe; nur die letzte Str. weicht davon ab, indem der Planet mit seinem Zeichen drei Viertel der Strophe einnimmt. Die 1. Str. zeigt in der zweiten Halbstrophe eine weitergehende Teilung, wodurch bis zu einem gewissen Grade die Einteilung der Schlusstrophe eine Bestätigung erfährt; denn da bildet das letzte Strophenviertel einen besonderen Teil, es wird von der allgemeinen Schlussbetrachtung eingenommen.

Auffallen muss nun in diesem Zusammenhang die gewählte Reihenfolge der Planeten, sowohl in der Einleitung der 1. Str., als

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nachher in der Einzelausführung. Das meist Uebliche war, entsprechend der Entfernung von der Erde, die Reihenfolge: Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur, Mond - oder umgekehrt (s. Fr. Boll, a.a.O. S. 55); vgl. die bildl. Darstellung in Megenbergs Sphaera, a.a.O. S. 6; ferner den Kosmos in der Tüb. u. der Kass. Hs., Hauber Taf. I u. II, desgl. Darstellungen der Planeten selbst in der Tüb. Hs., ebd. Taf. VII-XI; textlich bei Hauber z.B. SS. 22ff, 48, 54ff, 68 - vgl. ferner bei Saxl, a.a.O. pass. - Die Reihenfolge Oswalds findet sich auch in der Tüb. Hs. neben der anderen: f. 321vb (Hauber Taf. XI) 'Dje 7 liechter am hiemel / sonne mone Mars mer- / curius Jupiter venus vnd / Saturnus'. Es ist dies die Reihenfolge der "Planetenwochen"1

Die bei den Planeten genannten Tierkreiszeichen sind nach der allgemein üblichen Einteilung ihre "Häuser"; und zwar Tag- und Nachthäuser - Sonne und Mond haben naturgemäss nur je eins von beiden. Bei den eigentlichen Planeten nennt dann O. das Taghaus immer an erster Stelle! - Auch die "Elemente" oder "Qualitäten" der Planeten ('kalt und feuchte', 'dürr und haiss' usw.) entsprechen dem Gebräuchlichen. Bei der Sonne ist es angedeutet: 'haiss' (und trocken). Nur bei Merkur und Venus fehlt diese Angabe - Merkur schwankte meist; vgl. z.B. Mittelalterl. Hausbuch: 'warm pin ich pey einem warmen stern / Vnd kalt bey dem kalten gern'; Auch bei Venus ist anscheinend nur die Feuchtigkeit sicher. Bezüglich der Tierkreiszeichen allerdings scheinen andere Verteilungen der Elemente stattgefunden zu haben (vgl. d. Tabelle bei Fr. Boll, a.a.O. S. 67). Doch kam es wohl darauf an, ob sie für

1Entstanden aus der obigen "natürlichen" Reihenfolge, in der die Planeten als Zeitregenten der einzelnen Stunden verwendet wurden. Der jeweils auf die erste Stunde eines Tages fallende Planet war dann zugleich der Zeitregent des betr. Tages (vgl. Wolf, a.a.O. S. 21).

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sich, oder im Zusammenhang mit "ihren" Planeten genannt wurden; in diesem Falle nahmen sie wohl deren Qualitäten an.

Die Schilderungen der Planetenkinder nun scheinen auch im allgmeinen auf dem Ueblichen zu fussen. Eine irgendwie bewusste Anordnung der seelischen und körperlichen Eigenschaften, bezw. der Berufe bei den einzelnen Planeten usw. ergibt sich für O.s Schilderungen nicht; bei den verglichenen sind die genannten Eigenschaften teils auch durcheinander aufgeführt, meist aber wohl zuerst die körperlichen, dann die seelischen, je für sich. Wenn man nun bei genaueren Einzelvergleichen Widersprüche zu dieser oder jener Ueberlieferung findet, so darf das nicht auffallen, da schon innerhalb des verhältnismässig geringen Materials bei Hauber starke Abweichungen, ja Widersprüche im Einzelnen sich ergeben (dies gilt besonders von den körperlichen Merkmalen); die Durchsicht der beiden Hss. und des Hausbuchs bestätigte dies nur. Die grossen Züge allerdings und gewisse Grundeigenschaften kehren immer wieder und finden sich auch bei Oswald. Einiges Auffallende sei vermerkt

Sonne Vs. 47 'undienstlich' sonst anscheinend nicht (s.o.!).
Mond Vs. 56 'saumig' - selten (s.M.v.S.!).
Vs. 57 'keusch' - selten (s.M.v.S.!) (Gött. Kyeserhs., Hauber S. 59, Luna Vs. 9: 'castum'!).
Vs. 59 'allzeit geren sunder' (s.M.v.S.!)
Vs. 64 'bewart gar tugendhaft' - sonst nicht!? (a.a.O.: 'iustum'!?).
Mars Vs. 76 'schent fraun und priester' (s.M.v.S.!). (vgl. Saturn!)
V. 79 'lüemer' - selten (s.o.!)
Merkur Vs. 85 'götlich christen'
V. 86 'reich, mild, warhaft, getreu' anscheinend selten - vgl. Karlsr. Hs. f. 24 (Hauber S. 68): 'juriste, tichter und goldsmid, stainmetzer, maler, müntzer, Gut, warhaft, getruwe und wolgemut, Riche lute ...' (s. unten Mönch v. Salzbg.!!).

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Vs. 95 'verswigen' - sonst nicht?! 'weis' - selten!?
Vs. 96 'rain, sauber' - sonst nicht?!
Jupiter Vs. 109 'misstrauig, wanklersinne' - sonst nicht!?! - Es müssen auch gerade bei der "benefica stella" diese Eigenschaften auffallen. Vielleicht sind es solche der Kinder des Schützen? vgl. Kass. Hs. f. 28r: 'Aber nach den sitten wirt er trugenhafftig. Vnd / volbringt nicht seinen sitten als der anvengt sunderlich er verderbt sy an / dem end vnd gwint lieb zu reytten' (s. Vs. 110!).
Venus Vs. 128 'das nächst ir liebster gedank' - sonst nicht?!
Vs. 134 'fraunschender' (-en?! s.o.!) - so speziell sonst nicht ?! Doch vgl. M.v.S.!
Saturn Vs. 135 'spil, swern, trinken' - anscheinend selten; vgl. Stuttg. Hs., Hauber S. 75: 'spiler', 'gotes swerer', 'trunkenbolt', sowie Mönch v.S.!

Zu beachten sind ferner:

Vs. 17 'planet' (das 'pl.'!?)
Vs. 21 u. 97 die Form 'Jovis'
Vs. 21 u. 113 'Venus' Mask.
Vs. 28 u. 67 'Tarant' für Skorpion
Vs. 30 u. 84 'Das Zwiling', Sing. u. Geschlecht - sonst meist Plur., für das Sternbild 'gemini'.

Diese Wörter und Formen könnten Fingerzeige sein für eine eingehendere Quellenuntersuchung, die hier zu weit führen würde, da natürlich die Heranziehung möglichst vieler astrolog. Hss. selbst notwendig wäre. Für eine solche Untersuchung sind vielleicht auch einige Schreibungen in A von Wert:

Vs. 17 'Jn' statt 'Ain'
Vs. 113 'Enus' statt 'Venus'

ferner: Vss. 60 u. 130 'pozz' A; 102, 159 'pozzer' A; 95 'weizz' A; 103 'allez' A - bei dem Schreiber Ae findet sich nämlich anscheinend sonst nicht -z, bezw. -zz; die Laa. der von Ae geschriebenen Gedichte weisen jedenfalls nichts Derartiges auf.

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Eine Quelle glaube ich allerdings gefunden zu haben in Planetenkinderversen der Kasseler Hs. Ms. Astr. 1, 20, die dort dem Mönch von Salzburg zugeschrieben werden. Da sie noch nicht zusammenhängend abgedruckt sind1, gebe ich hier alle sieben Strophen. Sie stehen in der Hs. jedesmal am Schluss der betr. Planetenkinder-Schilderungen; und zwar unmittelbar hinter der entsprechenden Strophe des Hausbuchs. Bei jeder Strophe ist der Mönch v. Salzb. ausdrücklich in einer Art Ueberschrift als Verfasser ('hat ... geticht') genannt. Die Hs. ist in Passau (1445) geschrieben, wie sich aus einer Schreibernotiz fol. 97r ergibt2, sodass Fäden nach und von Salzburg denkbar sind. Es liegt jedenfalls m.E. kein Grund vor, an der Verfasserschaft des Mönchs v.S. zu zweifeln. Dass dieser astrologischen Dingen nicht fernstand, ergibt sich z.B. aus dem Anfang seines Liebesgedichts 'Planeten und die element ...' (M.-R. Nr. 35)3; der Schreiber mag also neben anderem Material, das ihm für unsere Hs. vorlag, auch eine Niederschrift der Planetenverse des Mönchs benützt haben, die sich etwa in Passau befand. - Nach den Beispielen, die Hauber aus einer Karlsruher

1Nur die Sonnenverse (f. 55v) und die Mondverse (49v); die ersten: A. Hauber a.a.O. S. 51, die zweiten: bei Kautzsch, Planetendarstellungen a.d. Jahr 1445, Repert. f. Kunstwiss. XX (1897), S. 34.

2vgl. auch meine Beschreibung dieser Hs. für das Handschriftenarchiv der Deutschen Kommission d. Preuss. Akad. d. Wissenschaften.

3Der Cisiojanus des Mönchs (M.-R. Nr. 99), sowie die Erwähnung der vier Temperamente in dem Ged. M.-R. Nr. 81 können auch in diesen Stoffkreis einbezogen werden.

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und einer Stuttgarter Hs. gibt (a.a.O. S. 68 u. 75; s.o. die Notizen zu den auffallenderen Wörtern beim Merkur und Saturn), sind die Strophen des Mönchs auch in diesen Hss. überliefert. Jch gebe links den Text aus der Kass. Hs. und rechts die Parallelen bei O.

Der mon ist feucht vnd darzu kalt 49 'kalt und feuchte'
Sein chinder sint also gestalt 50 '... also gestalt' !
Dick vaist leib vnd augen clain 51 'vaisster euchte'
52 'klaine augen'
Slaffering (?) vnd sint gern ay̆n 52 'd. slaff tuet in gewalt'
59 'allz. gern sunder'
Si claffen vnd sind lewnig 55 'lugen' - 56 'launiger witz'
Jr vil sint ub̕ sewnig 56 'saumig' !!
Die myn tut yn nit uberlast 57 'keusch i.d. minne wunder'
wann frewd ist yn ein seltzsam gast (f. 49v - neben d. Bild, d. 50r steht) 58 'vil freud ist in ain gast' !!
Mercurius hat synrei sit
Juristen tichter vnd goltsmit 87f. 'scharff tichter, klueg juristen, stainmetzer, goltsmid ...'
Stainmetzen maler und muntzer gut
warhaft getrew vnd wilden(!) muͦt (ls. milden!) 86 'reich, mild, warhaft, getreu'
Reich lewt vnd wol gearttet
Jr chunst auff hubscheyt wartet 83 'ain hübsch gesinde'
Die red mit red u̕ kern 69 'Die red mit red verkeren' !
Vnd horent fromd sach gern (f. 51v - Bild 52r) 91f. 'und hören geren fremd sach' !
Venus die lert liebleich synn
Die allzeit reden von der mynn
cluͦg singet schympflich wolgemuͦt nur die allgemein üblichen Uebereinstimmungen - 'Venus die lert' widerspricht sogar Osw.!
Jr schimpfen tuͦnkt maniklich guͦt
Mit tantzen pfeuffen saitten spil
Si leben frölich wie man wil
vnd sprechent altzeit frawen wol
Da pey man sy erchenen sol. (f. 53v - Bild 54r)

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Der sunnen lewt sint springer
Stark lewt stainwerfer ringer 36 'stark, ring ...'
Fraydig hayzz und lang gesunt 37 'haiss und fraidig'
38 'dick gesunt'
Si claffen vil zu aller stund 40 '... zu a. stunt'
Und vorschen allen dingen nach 45 'dick vorschen nach dem schaden'
Nach frömden landen ist yn gach 40 'unpleiblich'
Si sind unten clain und oben gross vgl. Vss. 41/42
Und yglicher ist nit ir genoss (f. 55v - Bild 56v!) 44 'niemd ir genoss'
Mars haiss vnd durr lernt criegen 66 'dürr ... haiss'
Steln rauben vnd liegen 73f 'verlogen, krieg, stelen, rauben'
Tieff augen vnd auch nyder pra 78 'teuff augen in der pra'
Geruͦmpfne wang pozz hie und da 77 'wang gerumpfen'
80 'pös hie und da' (A: pozz!!)
Die frawen vnd pfaffen schēden 76 'schent fraun u. priester guet'
Vnd chain guͦt dinck volenden
Falsch gewder ruͦmer gar von nicht 80 'valsch zung'
77 'rüemer'
Durr pŏzz gestalt ist ir gesicht. (57v/58r - Bild 58v!)
Jupiter ist feucht und haisß (101 'feucht, haiss')
Sein tugent chain vntugend wais
Frid machen fugen lieb und guͦt 101 'zu fride'?!
Frisch frölich vund wolgemuͦet (112 'hügleich zu aller tat'? s.u.)
vnu̕ drossen gar berayt 103 'an als verdriessen'
Synt sy zu aller waydenhayt 104 'zu waidenhait'
Si schamen sich was ubel stat 102 'sich schamen pöser weis'
Vnd sint höfflich zu gut tat. (f. 59f - Bild 60v!) (112 'hügleich z. all. tat'?)
103 'hofleich'!
Saturnus durr vnd kalt geschickt 129 'kalt, dürr'
Sein kint aus durren (?) augen plickt 138 'trüeb augen'
verzagt vnd vnu̕ standen
vnd werdent alt mit schanden (Hs.: schalden!)

361

Dieb spiler morder vngetrew 133ff. 'ze morden, stelen, rauben, fraun schenden sind bekant, ze spil, swern, trinken, glauben untreulich ...'.
Got swerer gar on alle rew
Sy sint altzeit trunkenpolt
vnd werden den frawen nymer holt. (61v/62r - Bild 62v)

Besonders zu beachten sind die Parallelen:

Mond 2 'also gestalt'
6 'sewnig' / Osw. 'saumig'!!
8 die gleiche Wendung ('gast') trotz gegenteiliger Behauptung!
Merkur 2/3 die Berufe
4 die Eigenschaften (sonst seltener!)
bes. 7/8 die wörtl. Uebereinstimmung!
Sonne 4 etwa 'claffen' zu Osw. Vs. 39 'släffrig'?! - die Wendung 'zu aller stund'
8 '(niemd) ir genoss'
Mars 4 'nyder pra' zu Osw. 'in der pra'!
4 'gerumpfen'! 'pös hie und da'!
7 'rüemer'!
Jupiter 5/6 'vnu̕ drossen' - 'zu (aller) waydenhayt'
Saturn 5-8 zu Osw. Vss. 133ff.!

Diese Parallelen, die neben wörtl. Uebereinstimmung oft gerade bei sonst selten oder gar nicht erscheinenden Eigenschaften auch in Fehlerhaftem (Mond, 6 u. 8; Sonne, 4; Mars, 3) wertvolle Fingerzeige bieten, machen die Annahme einer direkten Benützung der Verse des Mönchs durch Osw. so gut wie sicher! Selbständig wie immer, hat Osw. auch hier weiter ausgestaltet (vgl. z.B. auch Ged. 122!), wenn auch vielleicht mit Hilfe noch anderer Quellen, da ja bildl. Darstellungen ihm anscheinend bekannt waren (s. z.B. zu Vss. 27f, 68, 81). Dass von den Strophen des Mönchs mehrere Ueberlieferungen vorliegen, war ja schon oben berührt; die kurzen Beispiele aus Hauber zeigen auch einige kleine Abweichungen. Die genannten fehlerhaften Parallelen könnten also wohl

362

in einer der Ueberlieferungen ihre Auflösung finden. Wenn also auch vielleicht nicht gerade der Ueberlieferungszweig, dem die Verse in der Kass. Hs. entstammen, in Frage käme, so steht es doch für mich fest, dass diese Planetenkinderverse eine Quelle zu O.s Gedicht sind!

Bezüglich der Zeit, die für die Entstehung dieses astrologischen Gedichtes in Betracht kommt, hat Behaghel, Lit.-Bl. 1903, 368 (Bespr. v. Sch. I), darauf verwiesen, dass in Sch. I eine genauere Datierung nicht vorgenommen ist. Dort ist nämlich nur gesagt, dass wohl erst nach 1418, nachdem O. Kinder bekam, diese Fragen ihn interessieren konnten. Ladendorf (1901!) bezeichnete es als Altersgedicht. Ob gerade das Bekommen von Kindern Oswald dazu gedrängt hat, sich mit der Astrologie zu beschäftigen, erscheint mir fraglich; ebensowenig kann ich das Gedicht als Altersgedicht ansehen. Es erscheint mir so gut wie sicher, dass es mit den beiden Kalendergedichten 56/57 zeitlich zusammengehört; denn es steht am Schluss des Grundstockes von A mit diesen beiden zusammen (98 und 111 sind erst später eingeschoben; s. Sch. II, 28, sowie oben zu 56/57 Anm. 39), und zwar in der Reihenfolge 56; 57; 79. Abgesehen von der an sich vorhandenen Beziehung zwischen Kalender und Astrologie, findet sich der direkte Beweis solcher Verbindung in den mittelalterlichen Hss., die uns ja bezüglich O.s allein angehen: Fast alle Hss. bei Saxl und Hauber enthalten sowohl astronomisch-astrologische Notizen und Abhandlungen usw. als Kalender oder Cisojani (s. z.B. Hauber S. 63!). Man braucht sich also nur an diese ja nicht unbekannte Tatsache zu erinnern, um die ziemlich gleichzeitige Entstehung der Gedd. 56; 57; 79 als sicher anzunehmen. Oswald mag vielleicht die Anregung zu diesen Stoffen auf der Reise 1424 (s. zu 56/57) aus einer Hs. nach Art der bei Hauber beschriebenen, bezw. von mir verglichenen geschöpft oder erweitert haben, als ihm eine solche Hs. zu Gesicht kam. Dass eigene Anschauung einer Bilderhandschrift der Art anzunehmen ist,

363

erhellt ja besonders aus den Vss. 27/28, 68, 81, die Kenntnis von Planeten- und Planetenkinder-Abbildungen voraussetzen. Natürlich können es auch mehrere solche Hss. gewesen sein, was vor allem wird angenommen werden müssen, wenn es nicht gelingen sollte, eine bestimmte Hs. als die augenscheinliche Quelle O.s festzulegen. - Die Verse des Mönchs von Salzbg. könnte er in Salzburg kennengelernt haben, das er ja auf dieser Reise berührte (Ged. 100!). - Genauer lässt sich im übrigen Ged. 79 nicht zeitlich bestimmen, es ist nur allgemein ins Jahr 1424 zu setzen.

Die Gedd. 56; 57; 79 sind also am besten nach Ged. 100 einzureihen (Näheres s. im II. Teil, 1 Kap.).

80 (67)

(Ah 70,f.39 a; B 79,f.32 b; C,f.66 a)

Metr.: eigen; in den beiden ersten Stollen (Vss. 1-4) der 1. Str. ist das Schema des inreimenden Zweitakters (-2a-́) leichter gefüllt: 'Frö́leìch' und 'Hainz Háinreìch' (diese Betonungen ergeben sich notwendig aus der Mel.!). - Jn den "beiden ersten Stollen"! Denn Vss. 7-10 sind die andern beiden, sodass der "Abgesang" in der Mitte liegt. Diese Da-Capo-Form ABA hat auch die Mel., von geringfügigen Abweichungen in den Zweitaktern abgesehen; Näheres vgl. zu 18, Metr. und ebd. Anm. 15! - Zu erwähnen ist noch, dass die Verteilung der Reden der metr. Gliederung entspricht: Jmmer jeweils die ersten der 2 x 2 Stollen, sowie die ersten der beiden "Abgesangs"-Verse (also Vss. 1/2, 5, 7/8 jd. Str.) enthalten die Reden des Bauern, die anderen 2 + 1 + 2 = 5 Verse (also Vss. 3/4, 6, 9/10 jeder Str.) die Antworten des Fräuleins! Zu den

364

Unebenheiten der Versfüllung s. bei 81 am Schluss (für 80 und 81).

Melod.: (120) eigen; zweist., aus der hsl. Ueberlieferung, die Koller im Revis.-Ber. abgedruckt und die auch in der photogr. Reproduktion in Sch. I zu vergleichen ist, lässt sich deutlich urspr. Einstimmigkeit der Tenormelodie erkennen (s. II. Teil, 3. Kap.). Diese ist auch allein mit Text versehen; der Diskant wird also nicht einem der beiden Redenden zugeteilt (vgl. z.B. Gedd. 13; 14), sondern hat hier lediglich den üblichen begleitenden (instrum.!) Charakter.

3. ... Komma nach 'wolgelingen'!

6 (u. 35). ... 'Sim...' s. zu 38,4!

7. ... Besser Ausr.-Z. nach 'e' (M).

11. ... 'guldein' gegen die Hss. (Sch. I hat '-in'!) mit Recht (aus 'gúldeìnen'); vgl. zu 59,77 und 63,158.

15. ... 'sam ain valkenkel' - "Jhr seht aus wie eine Falkenkehle" - der Bauer meint die zarte Färbung ihrer Haut, während das Fräulein ihn absichtlich missversteht und den Falken als Vogel für die Vergleichung nimmt.

17. ... "Und sollte die Feldbestellung darunter leiden: ich setze zwei Ochsen daran, wenn mir nur ..."

19. ... Zu dem Reim 'ochsen: ungelachsen' s. Maurer, S. 16 (o-Tönung des a); vgl. 'tralle (aus 'trolle'): schalle' 97,86/90; 'lom: Rom' 118,393/94; 'gedacht: mocht' Mundi Renov., 26/27, sowie zu 6,42! - Nach 'ungelochsen' Komma, und das Fragezeichen erst nach 'trutz' (M. und Türler).

20. ... vgl. 5,11!

23. ... Gegenüber der Zeichensetzung, die Türler vorschlägt (Punkt nach 'wett ich' und Komma fort nach 'zende'), verdient die Schatz'sche doch wohl den Vorzug!

26. ... 'Trittenprei' - wie Vs. 36 'Richtenpflueg' - Namenbildungen dieser Art finden sich ja gerade auch in den Liedern

365

der Neidhartschule (vgl. Einl.).

27. ... 'unnider' - Man wäre versucht, die Fassung von AB als einen Lesefehler aus der Vorlage anzunehmen; denn um 'wunder' handelt es sich offenbar. Doch verlangt der Reim das '-ider'. Diese Zerdehnung erhöht die komische Wirkung der Sprache des Bauern, der sich, bei häufigem Rückfall in die Mundart, um eine "feine" Sprache bemüht; Dabei wird ihm hier durch umständlich deutliche Artikulation 'wunder' zu 'wunnider' (so ist demnach wohl besser in den Text zu setzen). Es handelt sich dabei um dieselbe psychische Grundlage wie bei den bekannten Hyperhochdeutschen Bildungen.

32. ... 'neur...' etwa: "(das will ich nicht annehmen, denn) dann würde ich gleich sehr grimmig werden".

33/35. ... 'schotten' und 'topfen' sind hier wohl nicht als reine Synonyma zu nehmen; eine Art Rangabstufung blickt durch: das Fräulein bietet ihm einen "Schotten", d.i. Käse von süsser Milch; der Bauer hingegen verfügt entweder nur über den gewöhnlicheren Quark von saurer Milch, oder will, was vielleicht mehr für sich hat, mit seiner Antwort ihren Spott vergelten, indem er ihren (süssen) Schotten einem (sauren) Topfen gleichsetzt.

35 (u. 37). ... 'ott' = 'ett' 81,52 (s. Sch. I, 115).

36. ... A hat wohl das Richtige, jedenfalls das Charakteristischere (Sch. I im Text 'mein' mit BC statt 'ain'!). Die altmodisch erlesene Anrede mit 'ain' bringt den Spott nach den voraufgegangenen Wechselreden noch besonders zur Geltung. Das Komma nach 'hab' ist viell. besser zu streichen!

39. ... 'Ge smirb dein wagen' - Elvira Sever (Beitr. 32, 296f.) sieht in dieser Stelle eine Beziehung, Entlehnung, ja ein "Zitat" des Gedankens, der sich bei Neidhart 55,27ff. findet: 'mîn ouge an sach / daz si giengen alle tage als ein

366

gesmirten wagen, / eben unde lîse, niht bedrungen, / ...'.

Das Sprichwörtliche der Charakteristik der Bauern, das in dem Vergleich Neidharts liegt, soll auch O. zur Wahl seiner Wendung veranlasst haben. Da er aber einen Vergleich gar nicht zieht, sondern nur dieselben Wörter in anderem Zusammenhang verwendet und durch ähnliche Zusätze erweitert, so erhält er von E.S. den Vorwurf, dass er "den Witz unwirksam" mache! - Eine so nahe Beziehung jedoch, oder gar Entlehnung kommt, wie ich mit A. Leitzmann, (Beitr. 44, 310) annehme, nicht in Frage. An und für sich liegt ja schon neben den anderen Tätigkeiten (vgl. a. 81,64ff) die des Wagenschmierens für den Bauern nahe genug; doch auch wenn man Kenntnis des betr. Neidhart'schen Liedes bei O. voraussetzt, kann es sich allerhöchstens um eine ganz flüchtige Reminiszenz handeln.

S. zu 81 am Schluss!

81 (70)

(Ah 74, f. 41 a; B 82, f. 33b; C, f.69b)

Metr.: eigen.; die Verschiedenheit der Kadenzen in den drei Strophen fällt auf. Durchgehend gleich, nämlich –4–́ / –4–̀ sind nur die zwei letzten Zeilen der Stollen (also Vss. 4/5 und 9/10 jeder Str.) und die zwei ersten jedes Abgesangs (also 14/15 und 19/20 jd. Str.). Doch auch in dem, was übrig bleibt, also den ersten drei Versen der Stollen und den letzten drei der Abgesänge ist eine gewisse Gesetzmässigkeit zu erkennen: Bei der Verteilung der beiden Versarten –4–̀ und –4–́ auf diese Stücke von drei Versen haben immer zwei aufeinanderfolgende Verse die eine Art; und zwar ist

367

die Verteilung derart, dass die betr. drei Stollenverse mit den drei Abgesangsversen innerhalb jeder Strophe miteinander korrespondieren:

1. 2. 3.
Stollen Wiederholg der ... ...
Kadenzart des ... ...
ersten Verses zweiten ... ersten ...
im zweiten Verse dritten ... zweiten ...
Abges. Wiederholung der ... ...
Kadenzart des ... ...
zweiten Verses ersten ... zweiten ...
(d.i. der vierte ... ...
des ganzen ... ...
Abges.-Stücks) ... ...
im dritten Vs. ... zweiten ... ... dritten ...

Es ergibt sich dabei für die Vss. 6-15 jeder Str., also ein Stück, das den zweiten Stollen und den ersten Abges.-Teil umfasst, eine ähnliche metr. Symetrie, wie sie Plenio, Beitr. 42, 454 Anm. 1, an dem Beispiel von Wa. 94,11 grundsätzlich bespricht.

Jn der ("echten") Rep. hat, nach Ausweis der Mel., der zweite Versteil bei Vss. 3 u. 6 (= 23 u. 26) das metr. Schema: –4–̤̀ (vgl. zu Ged. 4, Metr.).

Abgesehen von der Rep., die für sich steht, schliesst sich auch Rede und Gegenrede eng an den Bau der Strophe an: Die zwischen dem 'mair' und seiner Angebeteten abwechselnden Reden umfassen immer je ein Strophenviertel von 5 Versen. Zu den Unebenheiten der Versfüllung s. unten Zus.-Fassg.!

Melod.: (30) eigen; Rede und Gegenrede kommen trotz der einstimmigen Melodie dadurch zum Ausdruck, dass die Stollenmel. sowohl als die Abges.-Mel. beim ersten Mal von ihm und bei der Wiederholung vor ihr gesungen werden. - Anklänge einiger Motive an solche der Mel. von 64 (u. 94) sind wohl nur der Tonart (dorisch) zuzuschreiben, die beiden Melodien gemeinsam ist.

368

9f. ... 'unter Krä zu Kastellrut' - bei Noggler, der Wolk.-Hauensteinische Erbschaftsstreit, ZsFerd. 26, 101-180, findet sich S. 159ff. ein Verzeichnis der Hauensteinischer Lehnsgüter (Urkunde Nr. 2); darin folgendes: S. 160, 'Jtem Ekehart von Goraw hat ze lehen ein jauch akcher ze Kraw vnd ain wise ...'; S. 161, 'Jtem Chuntz Saler hat ze lehen ein virtail, ist gelegen ze Kraw'. - vgl. ferner: Der Sammler, Bll. f. tir. Heimatskunde u. -schutz, Untermais 1909 (III) S. 277, unter Haus- und Hofnamen aus dem Dorfe Kastelruth auch der Name 'Kraa'! - Vielleicht gehört hierher auch der Hof 'Crey', der ABT IV, 383 in einer Urk. (Nr. 28) des Archivs Schloss Trostburg genannt wird!? 'junkfrä : Krä' (ou zu ā/ǟ) s. zu 37,45ff.

12ff. ... "Das wird er euch schon gern mit seinem Dienste vergelten, das dienstbereite Knechtlein; doch möge er sich nur beeilen, dass ihr ihm nicht fortgeschnappt werdet" - Nach 'berait' besser Komma oder Semik. - die mundartl. Form 'neut' auch 112,118 im Munde der Kupplerin!

21. ... 'frisch, frei, fr., fr.' vgl. zu 43,20!

21ff. ... Hier offenbart sich so recht O.s Klangfreude und Meisterschaft, solche Klangwirkungen anzubringen. Man hört den bäurischen Tanz, wie er etwa im Ged. 43 geschildert ist!

22. ... vgl. zu 28,34 - 'jutz' ist wohl nicht als Jmp. zu 'jutzen', d.h. 'juchezen' anzusehen, sondern ebenfalls als Jnterjektion, die ausserdem mit 'ju' zusammen in ähnlichem "reduplizierenden" Verhältnis zu 'jölich' steht wie 'tum' zu 'tümbrisch' und 'pum' zu 'pümbrisch'; daher die Kommata besser fort!

23. ... Es handelt sich hier zwar um selbständige Adjektiva ('gôl' = 'gogel', 'gȫlich' = 'gogelich'), doch die Wirkung gegenüber 'gogeleichen' ist ähnlich wie bei den vorhergenannten Bildungen.

369

24. ... 'tum' ist, wenns auch möglich wäre, kaum als selbständig zu werten, sondern, wie schon bemerkt, als "reduplizierende" Klangbildung; daher das Komma danach fort! - 'rümbrisch' zu 'tumben': sich tummeln.

25. ... 'knauss', "keck, verwegen"; vgl. 63,145. - 'pümbrisch' zu 'pumpern' (vgl. 63,108).

26. ... 'tentsch' - B.Web. erklärt es als 'däntzig': "artig, zierlich" - jedoch jedenfalls zu 'tant' / 'tanten', 'tenten'; also etwa: "narrisch" - 'rümblisch' zu 'rumpeln', also ähnl. 'pümbrisch'! - Nach 'rogeleichen' ("locker, beweglich, hüpfend") Komma fort; denn die Attribute, die zwar alle auf den bäurischen Tanz zielen, beziehen sich doch zugleich im Satz auf 'so ist mein herz ...' - (wegen des nachgestellten 'so' vgl. zu 14,55!).

28. ... Das subst. Adj. 'gleichen' ist hier wohl hauptsächlich als Reimwort zu werten, sodass 'meins lieben puelen gleichen' für 'mein lieben puelen' steht.

31. ... 'derklupfe' - vgl. 'erklupfet' 116,58!

38. ... 'gepüdme' = '*gebideme', "Beben", aber in diesem Zusammenhang??!

39. ... 'Sich' ist imperativ. Jnterj.: "Ei sieh!"

40. ... 'unvermainet' ist nicht, wie B.Web. und nach ihm Lexer ansetzt, "unbemerkt", sondern: "ohne Falsch" - also etwa: "das heisse ich ohne Falsch gesprochen!" - 'keut' vgl. Vs. 62 'gekeude'!

43. ... 'schämpen' - hat mit 'schamen' usw. (B.Web.!) nichts zu tun! - "und liesset das Knechtlein laufen" - vgl. z.B. Lexer KWb. 'tschámp'n': "lässig, schläfrig einhergehen" - 'und liesst' 2. Pers. ohne Pron. s. zu 72,26!

44. ... 'mir an mein e' - "gegen meine Grundsätze".

47. ... Türler schlägt jedenfalls mit Recht vor, 'gestreupt' zu lesen; es ergäbe sich dann mit der mundartl. Form

370

'leup' ('liup') ein vokalisch reiner Reim (vgl. zu 11,44ff. -iu- : -öu- !) - -p : -pt würde für O.s Reimgebrauch nicht weiter auffällig sein (s. zu 18,4/5).

49. ... 'heint' steht jedenfalls nicht für 'heut' (so. Sch. I, 115!), sondern in seiner selbständigen Bedeutung (aus 'hînaht').

50. ... 'sant Hädeweik und sant Jenuein' - St. Hedwig und St. Jngenuinus am 15. Okt. und 5. Febr. - also für Ernte und Erstbestellung? Und daher vom Bauern angerufen? - Uebrigens wird der hl. Jngenuinus besonders in Brixen verehrt als dessen erster Bischof (gest. um 630 in Säben, 993 nach Br. überführt). Für St. Hedwig konnte ich nichts Besonderes dieser Art in Erfahrung bringen.

51. ... 'versnorffen', "versessen" - eigtl. "verbogen, verkrümmt" (vor Verlangen, vor Begierde).

52. ... 'ett' = 'ott' 80,35 und 37 (Sch. I, 115). - Komma nach 'knächt', wie Sch. I!

59 (u. 60/65). ... 'gämet' und 'geläben : schäben' - vgl. 113,36/38 'gäbe : schäbe' - uo zu â/ä s. zu 37,45ff; vgl. auch zu 6,42.

62. ... 'gekeude' = 'gekiude' aus 'gequede' - ist hier jedenfalls als 1. Pers. Präs. anzusehen (vgl. Vs. 40 'keut') und nicht als schwaches Prät. statt des starken (so Maurer, S. 62!). - 'gekeude : gesneude' vgl. zu 11,44ff. (-iu- : -öu-).

67. ... 'gesneude' Gen. ohne -s! s. zu 59,43; vgl. auch 79,160 u. 92,44.

68. ... 'reut' - vgl. zu 36,14f.!

"Für diese vier Lieder, von denen 80 und 81 ebenso 82 u. 83 enger zusammengehören, ist mir die Zeit nach 1417 und vor 1421 am wahrscheinlichsten, sie haben stark heimatliche Färbung, am ehesten dürfte noch Nr. 48 'Ain jeterin' dazu gehören, das ich aus Gründen der Zeit vor seiner Ehe zugetheilt habe." (Sch. I, 114).

371

Jch schiesse mich für 80/81 der Datierung von Schatz an; wenn sie sich auch nicht sicher beweisen lässt, soch spricht doch andererseits die Wahrscheinlichkeit dafür und nichts dagegen.

"80 und 81 sind Lieder ironischer Art; der unbeholfene, bäuerliche Liebhaber wird mit Spott hingehalten und abgewiesen. Jn beiden macht sich der Mann durch seine Redensarten lächerlich." (Ebd. S. 115) - Das erste Gedicht ist wohl als Gespräch zwischen Edelfräulein und Bauer anzusehen1; beim zweiten scheint der Standesunterschied nicht so gross zu sein, obgleich auch da in erster Linie der Mann die lächerliche Figur macht, der in allen beiden am Schluss in die Grenzen seines Standes verwiesen wird.

Die sprachliche Kennzeichnung des Bäurischen wirkt besonders drastisch, nicht nur durch die stark mundartliche Färbung (Näheres s. Sch. I, 115), sondern auch durch das Holpern der Verse, sodass hier ein Aendern nach metr. Grundsätzen durchaus unangebracht wäre.

Zu erwähnen ist noch, dass auch hier die Art der Anrede durchaus geregelt ist: in beiden Liedern braucht Er die 2. Pers. Pl. und Sie die 2. Pers. Sing. in der Anrede; vgl. z.B. Gedd. 20; 25; 112 - s. auch II. Teil, 2. Kap.

1vgl. auch J. Schatz in "Südtirol", 1919, S. 195.

372

82 (69)

(Ah 73,f.40 b; B 81,f.33 b; C,f.69 a)

Metr.: fast gleich 48 und 70 (s. diese!); es fehlt gegenüber diesen beiden die an den zweiten Sollen angehängte Zeile (–4c–̤̀). Die 1. Str. weicht insofern vom Schema ab, als die c-Reim-Zeilen (5/10) nicht das Schema –4c–̀ sondern –4c–́ also einsilb. Kadenz haben.

Zur Rep. ist folgendes zu bemerken: Vs. 13 fällt das Sch. II eingesetzte 'wer' (fehlt ABC!!) und Vs. 14 'den' mit BC besser fort - der Sinn verlangt beides nicht unbedingt, und das zugrunde liegende metr. Schema, wie es in Ged. 48 auftritt, verlangt Auftaktlosigkeit beider Zeilen. Auch in der Mel. von 82 würde der Einschub von Auftakten den flüssigen Lauf stören. Daher kann die Tatsache, dass diese beiden Verse in Ged. 70 unzweifelhaft Auftakt haben, nicht ins Gewicht fallen; denn auch da ist ihre Unterbringung in der Mel. eine Notlösung.

Melod.: (63) eigen; eine Aehnlichkeit mit der Mel. von 48; 70 findet sich höchstens in der Rep., die jedoch auch Anklänge an den Schluss des Abgesangs von 37 (Mel. 68) hat!

1. ... 'schimpflich lach' - nach dem Folgenden könnte man eventl. an das Subst. 'lach' denken: "Schweige, lieber Freund, zu spöttischem Lachen" ('sweigen' wev. in diesem Sinne vgl. Tund. 42,69); doch braucht Osw. 'schimpf' so ausdrücklich noch in dem Sinne von "Spass" u.ä., dass auch hier 'schimpflichen' als Adv. und dementsprechend 'lach' als Jmp. zu nehmen ist. Es muss also heissen: "Schweig, lieber Freund, und lache fröhlich" (lach dir eins).

5. ... 'Hainz Mosmair' - derselbe 83,4 - "Der 82, 83 genannte 'Hainrich Mosmair' war ein Bauer bei Kastelrut, der von 1410 ab in Urkunden genannt wird; der Dichter scheint mit

373

ihm auf gutem Fusse gelebt zu haben". (Sch. I, 115). - Als Bauer bei Kastelrut ist mir ein Mann dieses Namens in veröffentlichten tiroler Urkunden (Urk.-Buch des Klosters Neustift: Fontes rer. Austr. II, 34; ABT; O.v. Zingerle, Mittelalterl. Jnventare aus Tirol u. Vorarlberg, Jnnsbr. 1909) nicht begegnet. Dafür aber ein 'Hainrich (-reich) Mosmair (-meyer, -mayr)' als "Bürger zu Brichsen": ABT II, Nr. 3156, a. 1440; III, 1561, a. 1427; IV, 480, a. 1421. Jn der letzten Urkunde ist er auch Prokurator des Kapitels der Chorherren von Brixen genannt, zu dem O. Beziehungen hatte; das geht u.a. aus ABT II, Nr. 420 hervor, wo unter den Akten des Kapitelarchivs zu Brixen 'Ben. s. Oswaldi et Christophori' (gestiftet von Osw. v. Wolkenstein, Urk. seit 1407) genannt werden (Schrank III, Lade 68). Es ist danach also nicht ausgeschlossen, dass in O.s Gedichten dieser H. Mosmair gemeint ist. Allerdings will das nicht recht zu der Art seiner Erwähnung in Ged. 83 stimmen, wo der "Bauer bei Kastelrut" als Augenzeuge der Schneeschmelze auf der Seiser Alp besser passen würde, während der "Bürger zu Brixen" wieder eher als der schriftl. Rat Erteilende (82) anzusehen wäre.

Nun liegt kaum ein Grund vor, daran zu zweifeln, dass O. an beiden Stellen nur ein und denselben Mosmair meint; vielleicht ist das auch bei den beiden Gruppen urkundl. Belege der Fall!? Denn Schatz verweist a.a.O. auf Urkunden von 1410 ab; der Brixener Bürger erscheint erst von 1421 ab (s. oben!).

6f. ... 'geit bevor' - also ihn "schmiert". Dieser Rat steht in einigem Widerspruch zu den Auseinandersetzungen in Ged. 118! - 'halt den pfarrer unversmächt' kann Aehnliches meinen wie 'geit bevor' und wäre danach etwa wiederzugeben: "und dabei auch den Pfarrer nicht vergisst". - Von diesen beiden

374

Ratschlägen könnte man sich sehr wohl vorstellen, dass sie der Prokurator des Brixener Chorherrenkapitels an Osw. ausgeteilt hätte!

11. ... "Wer Nesseln pflegt und Lilien schlecht behandelt, ...".

13f. ... Streiche 'wer' und 'den' (M)! Jn Sch. I fehlt auch beides im Text (s. oben zum Metr.!).

19. ... "Sie wäre denn träge in Ehrenpunkt".

21f. ... vgl. 91,33f.; 98,11 u. 22; 110,78f.!

24. ... 'unverhatzt' - hier: "ohne öffentliche Schmähung" (vgl. 35!).

26. ... 'Seit ich nu haiss die nachtigal' - Kannte Osw. Gottfrieds Tristan und bezog daher dessen allgemeine Bezeichnung für die Dichter-Sänger auch auf sich?! - Natürlich kann er auch von anderen unter Beziehung auf die bekannte Tristanstelle so genannt worden sein.

35. ... Vgl. Vs. 24! "Die besten Frauen sind die, von denen man nicht spricht"!

Eine Beziehung auf Margarete, wie Schrott, S. 208 Anm. 53, annimmt, ist nicht wahrscheinlich. Osw. kann natürlich bei den Vss. 28ff. an sie gedacht haben; doch ergibt der Zusammenhang, dass Vss. 29 und 32 'ain' nicht "ein bestimmtes, jenes" bedeutet, wie etwa 66,7 u. 10; denn Vss. 33f. sind zu übersetzen: "Deren Lob über alles Gold leuchtet, wenn Zucht und Ehre bei ihr wohnen, ohne dass sie irgend ins Gerede kommt".

Diese Sätze drücken also nur ganz allgemein aus, welche Frauen des Lobes würdig sind!

Weiteres s. zu Ged. 83!

375

83 (90)

(Ah 91, f.48 b; B 116, f.47b; C,f.92 a)

Metr.: gleich oder sehr ähnl. den Gedd. 11; 126; - 59; 87; - 58; 2. Näheres s. zu Ged. 11; auch zu 2 und 58. - Ged. 83 ist das einzige dieser metr. Gruppe, bei dem nicht die Vss. 4, 8, 12, 16 durch Reim gebunden sind, sondern nur 4:8 und 12:16!

Melod.: (82) gleich der Mel. von 11(18) und 126(25); Hinweise in A bei 11 auf 83, bei 126 auf 11 - B ohne Hinweis (126 fehlt B!). Die anderen Lieder dieser Gruppe haben eigene Melodien.

3. ... 'Flack' - B.Web. sagt dazu: Alpthal, Bergabschnitt unweit dem Dorfe Seis bei Kastellrut". Ob er das durch eigene Anschauung wusste oder nur aus O.s Gedicht erschloss, lässt sich nicht feststellen; doch ist das zweite immerhin wahrscheinlich. Jn Urkunden ist mir der Name nicht begegnet, auch nicht bei Tarneller (s. zu 48,19), ebensowenig auf Karten des Gebiets. - vgl. auch Wustmann, AfdA 31, 131 (Bespr. v. Sch. II), Anm.

4. ... 'Mosmair' s. zu 82,5.

11. ... 'd. musik prechen' s. zu 54,17!

13f. ... 'ut...la...fa...' vgl. 57,67 'sola'; 109,127 'fa, sol, la'; s. zu 64,24!

17ff. ... 'Plätscher' - zwar = Schwätzer (vgl. Schm. Fr. I, 334 'bletzen': "schwatzen, klatschen"). Allerdings liegt es wohl nahe, etwa an eine wirkliche Person zu denken, die O. meint. So erscheint z.B. mehrfach in Urkunden in Brixen und Umgebung ein 'Hans der Plätscher' (Hans Pletscher, Hanns von Plätsch), und zwar 1396 bis 1404 (ABT I, Nr. 297; II, 2859; U.-B. Neustift, Nr. 659). Dieser Hans Pl. tritt als Zeuge sowie als Siegelnder auf. Wenn sich auch nicht erweisen lässt, dass gerade dieser Plätscher bei O. gemeint ist, soviel ist zu ersehen: diese Familie spielt eine gewisse Rolle in Brixen und Umgebung.

376

Es kann also sehr wohl ein Plätscher mit O. in Handel geraten sein (s. auch unten die Zus.-Fassg.!). - Zu der Redensart selbst vgl. z.B. Herm. v. Sachsenheim, Mörin 2305 'Was get dis red grauf Egen an'; ders., Grasmetze (Hätzl. II, 72), Vs. 202 'was gaͮts den tilman an'.

20. ... vgl. 59,59!

24. ... 'valsch pöse münz' vgl. Musk. 61,13; Hätzl. I, 28,133f.

28. ... 'in der Matzen' - ob 'matz(en)' "Wiese, Grasboden" u.ä. bedeutet (so B.Web.) also zu 'mate' zu stellen ist, erscheint wohl nicht ganz sicher, gehört jedoch auch kaum hierher; denn es handelt sich offensichtlich um den Namen einer Oertlichkeit (vgl. z.B. ABT III und bes. IV, wo öfters die Ortsbezeichnung 'zu (von) der Matzen' zu finden ist). Die Wendungen 'dort enhalb' und 'sach ich' lassen vermuten, dass O. diese Gegend von Hauenstein aus sehen konnte; vielleicht handelt es sich um das Anwesen in St. Valentin, das auf der (heutigen!) Karte 1:75000 als 'Mutzen' zu lesen ist?! 'enhalb' würde dafür jedenfalls gut passen; denn zwischen der Höhe, auf der St. Valentin liegt, und Hauenstein befindet sich eine Senkung, in die sich Seis erstreckt - Mutzen in St. Valentin liegt also tatsächlich "jenseits, drüben" (Luftlinie etwa 1300 m!).

29f. ... 'vier stund zwai und zwai geweten', "viermal je zwei verbunden" (4 Paare!); vgl. zu 32,6!

31. ... 'nach des mutzen fueg' - nicht ähnl. wie vorher 'Matzen' (so B.Web!), sondern entweder der Name des Tanzes (etwa zu 'motzen, motzeln': "zögern, langsam, träge sein", s. Schm. Fr. I, 1706), oder = 'motz', "Hammel" (Schm. Fr. I, 1705f.); im zweiten Falle würde es also heissen "nach Art eines Hammels" und dem 'pöckisch' 43,15 bezw. 'als ain pock' 58,43 an die Seite zu stellen sein.

43. ... 'glosieren' - "mit Glossen versehen" (indem man mit dem

377

"Verstehen heisst Verzeihen" rechnet) - also kurz: "wegreden"!

45. ... vgl. 63,1; s. auch II. Teil, 2. Kap.!

46. ... vgl. 119,45!

49. ... "Herr Christus von der Sternpfarrei" (Schrott, S. 150). Jede andere Erklärung (etwa wie Passarge S. 102 Anm. 4: "Die Pfarre St. Valentin") ist irrwegig. Die für O. so typische Jronie, in der er meist die Spitze gegen sich selbst kehrt, tritt hier besonders deutlich in Erscheinung.

54. ... 'firmt er aim ain wang' - "Der Ausdruck 'firmt' ist hergenommen von der heiligen Firmung, bei welcher der Bischof dem Konfirmanden einen gelinden Backenstreich gibt, zur Mahnung, dass er Schläge des Schicksals und Unbilden aller Art christlich ertragen solle" (Schrott, S. 213 Anm. 64). Zu der Art "Firmung", die O. meint, vgl. das Sprichwort bei Joh. Nasus (Concordia 1583; Schöpf, S. 71): 'Gott hat beltzene Schuech, aber eysere handschuech'!

Die Gedd. 82/83 setzt Schatz (Sch. I, 114) ebenfalls in die Zeit nach 1417 udn vor 1421 (s. zu 81!). - Sie etwa wegen der verschiedenen Anspielungen in 83 in spätere Zeit zu rücken, hält Schatz (ebd. 115) nicht für angebracht, da diese Anspielungen zu allgemeiner Natur seien. Mir scheinen sie jedoch nicht so allgemein zu klingen, sondern sich auf ganze bestimmte Ereignisse und Erlebnisse zu beziehen (s. bes. 82,1-15 und 16; 83,17-24, 41-Schl.). Es kommt nur darauf an, ob sich feststellen lässt, auf welche Ereignisse seines Lebens diese Anspielungen gemünzt sind!

Da sind zunächst der (Hainrich) Mosmair (s. oben zu 82,5) und der Plätscher (s. oben zu 83,17ff.), welche beide nach urkundl. Belegen in Brixen und Umgebung eine gewisse Rolle gespielt haben. Ferner lässt die Anspielung 82,1-15 u. 16 auf Händel schliessen, die nicht in jeder Richtung einwandfrei

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waren; auch 83,17-24 scheinen irgend eine Auseinandersetzung als Hintergrund zu haben. Jch halte es nicht für ausgeschlossen, dass in beiden Liedern ebenfalls Händel mit Ulrich Putsch, dem Bischof von Brixen, gemeint sind wie bei Ged. 113. Die Richtigkeit der Einreihung des Gedichtes 83 durch Schatz hat Wustmann, AfdA 29, 231 (Bespr. v. Sch. I) bestritten; er setzt es ebenfalls in spätere Zeit, aber mit ziemlich allgemein gehaltener Begründung, die mir allerdings ebensowenig stichhaltig erscheint wie Schatz (Sch. II, 56). Eine Tatsache jedoch, die von Wustmann erwähnt und von Schatz nicht widerlegt wird, ist die, dass der Schreiber h erst etwa von 1427 ab an der Hs. A tätig ist (s. Sch. II, 33) - und von h sind 82/83 in A geschrieben! Daraus geht hervor, dass die Art der Eintragung in A nicht als Beweis gegen eine spätere Zeit herangezogen werden kann (wenn auch vor 1432, dem Entstehungsjahr von B).

Auch die Verbindung der Frühlingsstimmung mit der örtlichen Festlegung auf Hauenstein lässt es möglich erscheinen, dass 82/83 mit dem Winterlied 113 (s. dies!) zusammengehören, und zwar 82/83 bald danach. Es käme also für diese Gedd. in Frage: Frühling 1428!1

Bezüglich der Sichtbarkeit der Schneeschmelze von Hauenstein aus gehen die Ansichten von Schatz und Wustmann auseinander. Auf W.s Bemerkung (AfdA 29, 231) hin, dass O. es sich von anderen sagen lassen muss, dass die Schneeschmelze begonnen habe, verweist Schatz auf das Scherzhafte der ersten Verse von

1Die Spannung zwischen O. v. Wolk. und Ulr. Putsch, die im Okt. 1429 ihren bekannten Austrag erfuhr, mag schon in frühere Zeit zurückreichen. War ja doch Ulr. Putsch bis 1412 Pfarrer in Tisens, wo die Jägerischen sassen, son 1412 bis 1427 Pfarrer in Tirol und Kanzler Herzog Friedrichs, dem er manche wertvolle politische Dienste leistete. Von 1419 ab erhielt er auch die Aufsicht über die Bergwerke Tirols. Er hatte also Einfluss genug, um mit den Gegnern des Herzogs, also nicht zuletzt mit Oswald in Berührung oder zu Händeln zu kommen! (vgl. Schaller, ZsFerd 36, S. 234ff).

379

83 und meint, "das konnte der Dichter von Hauenstein aus besser als andere sehen" (Sch. II, 56f). Jn der Bespr. v. Sch. II (AfdA 31, 131) betont W., dass O. die Seiseralpe nicht sehen konnte. Dies letzte stimmt zwar; denn der Gesichtswinkel, unter dem man von Hauenstein aus den Rand der Seiseralpe sieht, ist grösser als der Neigungswinkel der Alpe. Aber den Ausschlag gibt, worauf Schatz schon Sch. II, 57 hinwies, dass die Schneeschmelze im Tale beginnt. Das Scherzhafte der ganzen Wendung ist daher wohl unbezweifelbar.

84 (108)

(Aa 1,f.1 a; B 1,f.1a; C, f.1 a)

Metr.: gleiches Grundschema mit den Gedd. 85; 88; 89; 92; 93; 108; - 65; 96; 103; 117. Das diesen elf Liedern Gemeinsame ist bei Ged. 65, Metr. besprochen. Jn der Reimverteilung bei den Stollen unterscheiden sich die beiden Gruppen von vier und sieben Liedern: die 65-Gruppe hat:

A. I II
a a
b e
c f
b e
c f
d d

die 84-Gruppe dagegen:

A. I II
a a
b b
c c
d d
e e
f f

Jm Abgesang stimmen alle überein!

Melod.: (2) gleich mit der von den ersten sechst obengenannten Liedern dieser Gruppe. Sowohl in A, als in B Hinweis bei

380

diesen sechs Liedern auf die Mel. von 84. Sie unterscheidet sich deutlich von den rezitativisch gehaltenen Melodien von 65; 96; 103 und von 117 (vgl. zu 65. Melod.). Die Unterstützung des Einschnittes nach dem Zweitakter der Stollen durch die Mel. ist hier, bei der 84-Gruppe, bei weitem nicht so stark, immerhin aber im zweiten Stollenvers noch schwächer; daher ist auch hier die Zeilenabteilung von Schatz unzweifelhaft.

1ff. ... Komma fort nach 'vorcht'! - 'die leng' bei O. stets adverbial, "auf die Dauer" (vgl. 82,15; 84,18; 95,57; 96,72, 78; 102,47; 113,79). - 'an götlich vorcht', 'kranker gwissen', 'der ... swanger ist' sind Attribute zu 'anevank'. Vss. 1-3 haben also die Bedeutung eines konditionalen Vordersatzes: "Wenn der 'anevank' (d.h. der erste Teil des Lebens bis hierher) auf die Dauer ohne Gottesfurcht und gewissenlos und von Sünden schwanger ist", - bis hierher nach M. - "so könnten, wenn sich auch alle Meister die grösste Mühe gäben, sie doch nicht ohne Gott, allein mit ihrer grossen Kunst, das Ende gut machen." - Der Nachsatz beginnt also schon bei 'an got', sodass die Streichung der Kommata nach 'flissen' und nach 'got', wie Türler will, nicht in Frage kommt!

8. ... 'verklag mein st.' - "tröste mich meines Sterbens" (da ich ja der Heiligen Fürbitte um Gottes Hilfe anrufe).

9. ... 'sant Kathrein' - "Die Bitte an die heilige Katharina, ihm eine Fürbitterin zu sein, kann nur darin begründet sein, dass er das Lied um den 25. November gedichtet hat, an welchem Tage das Fest dieser Heiligen gefeiert wird." (Sch. I, 115). - Diese Schlussfolgerung kann man wohl beipflichten. Oder konnte etwa die hl. Katharina als Helferin in der Folter angerufen werden, da nach ihrer Legende das Rad, auf das sie geflochten wurde, unter ihr zerbrach,

381

bezw. sie frei liess (s. Stadler, Heiligen-Lexikon I, 579ff.)?

14ff. ... 'also' - 'das' (16); - 'dasselbe' (16) - 'mit dem' (15) - "Dass mich das straft, womit ich mich versündigt habe" - die Fassung von BC macht die Anspielung deutlicher: "Dass mich diejenige straft, mit der ich mich versündigt habe". - Nach den folg. Vss. und bes. der folg. Str. wäre man versucht, diese zweite Fassung in den Text zu nehmen. Doch scheint mir, abgesehen von dem Grundsatz, A zu bevorzugen, der Zusammenhang gerade die allgemeine erste Fassung zu fordern. Diese wird dann durch Vss. 17/18 schon ein wenig und durch 19ff vollends erklärt!

21. ... 'wol dreuzen jar und dannoch mer' - der Beginn des beiderseitigen Verhältnisses zwischen O. und Sabine ist hiernach in die Zeit 1408/9 zu setzen, da Ged. 84 jedenfalls dem Winter 1421 angehört (Sch. II, 9f) - vgl. 95,11; ferner zu den Gedd. 1; 2; 20; 28.

22f. ... erg. "und der ich bin".

29. ... 'mit seniklichem hass', "mit Sehnsuchtsschmerzen".

30. ... 'verschart' Ptz. Prät. zu 'verscherten', "verwunden"; vgl. 3,23.

32. ... 'vil lieber hendlin loss' - 'v.l. hendlin' ist jedenfalls den Wendungen 'kainer hendlin', 'aller hendlin' usw. an die Seite zu stellen (s. zu 11,3). - "Durch sie ist mir allerlei Liebeslos zugefallen".

39. ... 'nie recht entrant' s. Sch. II, 9!

42. ... 'auf der wag' - s. unten 'übersnellet'!

45. ... "wegen des Offenbarwerdens meiner grossen Sünden" - also etwa: "wegen meiner offenkundigen Sündenlast".

46. ... 'übersnellet' - auf das Bild der Wage kann dies Wort sich allerdings beziehen; doch kaum in dem Sinne, wie Lexer es für diese Stelle auslegt: "intr. a.d. Wage das Uebergewicht haben, sinken" - sondern im Gegenteil: "darum bin ich hochgeschnellt" (Ptz. Pass!); vgl. "gewogen und zu leicht befunden"! - Die Bedeutung "überrumpelt" oder ähnl. ist

382

natürlich auch denkbar; dann wäre es eine Anspielung auf die Art seiner Gefangennahme (s. 85,66; 87,17ff.).

53f. ... "Du hieltest deine Vergeltung zwar zurück (vgl. Vs. 93!) - aber jetzt ist die Zeit da!" - 'pesserst' s. zu 88,6!

57. ... 'icht' = nicht! vgl. 95,7; 97,40 u. 100. Das erste 'icht' Vs. 56, steht ja in negat. Konstr. (119,26).

59. ... Sprich 'wandzeit'!

63. ... 'latz' - hier am besten mit "Falle" zu übersetzen (s. unten Vs. 72!). vgl. auch 111,11; desgl. 98,52. - s. Gloss.!

65. ... Wustmann, AdfA 29, 230 (Bespr. v. Sch. I) streicht das Komma nach 'got'. Das widerspricht dem Sinn der Stelle ("kein Meister kann das nach- und ausdenken als nur Gott, der ..."); daher ist das Komma mit Recht in Sch. II beibehalten.

67. ... 'eifert', "liebt eifersüchtig".

71. ... 'gereift' - wird reif; "dessen Sündenmass wird voll".

72. ... 'er' = Gott - 'im' und 'in' = der Spnder - vgl. 111,5 ff., wo der Tod diese Rolle übernimmt.

73ff. ... 'lieb' vgl. 108,37 ff ('sorg')! - Diese Strophe enthält offenbar den Grundgedanken, von dem aus O.s Umkehr erfolgte. Gerade, dass diese grösste Liebe seines Lebens ihm das härteste Leid und die grösste Qual brachte, ist für ihn das Erlebnis, das zur Wendung führt: von der weltlichen zur göttlichen Liebe (vgl. 89,16). Er denkt dabei nur an seine Liebe und deren Enttäuschung und ist sich irgend eines Unrechts in seinen Handlungen den Jägerischen gegenüber anscheinend gar nicht bewusst. Jn dieser Stimmung nimmt er auch seine früheren religiösen Gedichte (s. zu 55 u. 65) nicht ernst (Vs. 81). Vergleicht man nun diese (50-55; 65; 68; 90; 105; etwa auch 125; die beiden Hymnenübersetzungen; 126) mit den religiösen Liedern oder Stellen in Liedern nach 1421, so ist allerdings ein Unterschied zu erkennen: die früheren sind, trotz mancher Wärmen und oswaldischer

383

Lebendigkeit, nicht so aus dem Jnnersten geschöpft wie die späteren. Die früheren Lieder haben im ganzen einen fröhlicheren Unterton. Selbst, wo er vom Tod spricht, wirkt es bei ihnen mehr gedacht als empfunden; und gerade das wird in den späteren ganz anders - die Lebensgefahr ohne augenblickliche Möglichkeit der Gegenwehr, sowie die sich einstellenden Anzeichen des Alters bringen das Gefühl der Todesnähe, das in den späteren Liedern dann immer wieder durchbricht, häufig zur Todesfurcht sich steigernd (vgl. Sch. I, 115f zu Ged. 91!).

87. ... Hier ist wohl doch die Fassung der Hss. ausschlaggebend! Jch lese daher 'die ich der fraun zärtlichen trueg' (so Wustmann, AfdA, 29, 230; dagegen Sch. II, 55).

93. ... 'mir ... gepiten' - "der mir so lange Frist gegeben hat" - vgl. Vs. 53!

94. ... 'enthürnet' - "enthornt", d.h. entledigt - Anspielung auf den Teufel und seine Hörner?!

96. ... 'lätz' - hier: "Fesseln"! (s. oben zu Vs. 63!).

100. ... Die Daumen waren also in einem "Block" zusammen!

103ff. ... Hier gewinnt wieder etwas der Humor O.s die Oberhand. Aber auch der wird von jetzt ab grimmiger und beissender (s. bes. Ged. 86!!).

107f. ... vgl. 65,49ff - s. auch zu Ged. 29!

111ff. ... Komma fort nach 'tot'; 'den tag, d.n, d.m.' sind zeitl. Adverbia (M) - der Punkt nach 'morgen' ist besser durch ein Komma zu ersetzen, 111/112 also als ἀπὸ κοινου̃ anzusehen!

115. ... 'Maria' - die Betonung x́ x nur hier! x́ x x̀, das ja die Voraussetzung dafür ist, auch selten: 120,90 (u. 56,70; 57,68); 'Márei' (56,58); sonst (11 mal) x x́ x (u. 3 mal 'Maréi' 55,18, 38; 57,50). - Komma nach 'kint', wie Sch. I!

118ff. ... Auch diese Stelle lässt darauf schliessen, dass O. sich keines Unrechts gegen die Jägerischen bewusst war (s. oben zu 73ff!).

384

123ff. ... vgl. 104,11/12! Der Umschlag ist also so stark, dass seine Liebe zu ihr sich nicht etwa in Hass verwandelt; und das, trotzdem es ihm in seiner geraden Art nicht eingeht, wie sie, die ihm so viel in der Liebe eingeräumt hat, noch listige Hintergedanken hat haben können (vgl. 85,64f) - von sich lehnt er das ausdrücklich ab (Vss. 123f). Jn der Stimmung seiner himmlischen Liebe kann er sogar noch für Sab. eintreten. Allerdings bricht auch bisweilen der Aerger durch, wie 111,121ff drastisch zeigen!

Hält man die Vss. 49ff mit 96ff zusammen, so wird klar, dass, entsprechend dem Präs. an der ersten und dem Prät. an der zweiten Stelle, dies Gedicht zwar nach der Folterung in der "Vall" (vgl. zu 89!), aber jedenfalls noch ebenda (spätestens in Forst, aus noch unmittelbarer Erinnerung) entstanden ist; doch s. auch zu Vs. 9.

Weiteres s. zu 89 (für 84-89)!

85 (109)

(Aa 2,f.1 b; B 2,f.1 b; C,f.2 b)

Metr.: s. zu 84; die zweite Str. zeigt die engere Zusammengehörigkeit der ersten beiden Stollenverse (sie bilden eine 8-taktige Periode): Vs. 20 beginnt nämlich nach zweisilb. Reim ohne Auftakt; die Synaphie der Periode ist also gewahrt - dementsprechend ist das 'so' in Vs. 26 zu streichen (s. unten!).

Melod.: (71 = 2); s. zu 84!

3. ... 'erpflumsen' - hat mit einem '*blinsen' (zu 'blunsen'), wie B.Web. ansetzt und nach ihm Lexer, nichts zu tun, sondern ist jedenfalls eine lautmalende Bildung wie 'plumpfen' - also "geplumpst" - "Wie steckst du gar so tief in

385

deiner Sünden Wanne!" - vgl. Montf. IV, 188 '... in der sünden se'!

8. ... 'es vinstert pald' - Parenthese!

12. ... Die Zeichensetzung Türlers ist wohl vorzuziehen: "Punkt nach 'durchgat'. Jm folgenden Satz die drei Nominative kontruktionslos vorausgenommen, Komma nach 'kranz'." - Beachte: 'Die sunn' in A auf Rasur! - Zu solcher Konstr. vgl. z.B. 84,1ff.

18. ... "Wenn einer (sonst) nicht glauben wollte, dass es einen Gott gäbe" (, so müsste er schon durch diese Wunder überzeugt werden).

19ff. ... vgl. den ähnl. Aufbau bei Ged. 50!

19/25. ... Stabreim in beiden Stollenanfängen!

25. ... 'in tieffer timel' für 'in der timel der tieffe', "in der Finsterniss der Tiefe" (des Wassers).

26. ... 'So' ist zu streichen aus metr. Gründen (s. oben!); da es ja an sich nur ein nachgeschobenes Flickwort ist, kann es leicht fortfallen.

32-34. ... vgl. z.B. Konr. v. Megenberg, Buch der Natur (Pfeiffer, Stuttgart 1861), 'Von den reben' (S. 176): '... Augustinus spricht der rab hât die art, daz er seineu kindel niht speist unz daz er siht, daz in die federn swarzent; davon beleibenu diu jungen räbel siben tag ân allez ezzen, und an dem sibenden tag sô swarzent si, dâ nâch pringt er in ze ezzen.'

38. ... Viell. 'visch' statt 'vich' zu lesen!? (M)

41. ... "und weise die Frau auf den Weg friedlicher Aussprache".

45. ... Besser Semik. nach 'drung', doch s. unten zu 47! - 'parschaft' und 48 'schatz' vgl. 87,41; 101,37.

47. ... ?? - "Dadurch dass sie ..."? - "als ob sie ..."? - "wenn sie auch ..."? - Das letzte würde allerdings der positiven Fassung der folg. Zeile widersprechen - oder ist Vs. 46 als Parenthese aufzufassen und 'und das' als

386

abh. von 'kumpt mir selten immer auss d. oren' (so M!)?

49f. ... vgl. 84,107f; s. auch zu 29!

50/52. ... 'lait : tät' s. zu 64,44!

51. ... 'ain eisen', "wenigstens ein Eisen ...".

54. ... Nach dem ganzen Zusammenhang der beiden letzten Strophen dieses Liedes, sowie insbesondere auch des Satzes ('Was ich si man'; 'tät' und 'liess' haben als Optative nicht den durchaus präteritalen Sinn!) ist hier jedenfalls 'treib' für 'traib' einzusetzen!

63f. ... Punkt nach 'gestan' - Punkt fort nach 'gevärde', das zum folgenden gehört (M). - "Durch böse Hinterlist wurde ich ihr Gefangener". - Vgl. zu 84,123ff!

66. ... vgl. 87,17ff; auch 86,28ff!

69. ... 'sals' = 'salse' (folg. Vs. 'si'!).

70. ... Viell. besser 'meine glit' zu lesen, denn es ist Plur.! vgl. auch zu 76,36.

71f. ... "Jetzt erst habe ich geerntet, was ich säete; nun führe es Gott weiter, der mir den Rock gemacht" (d.h. der mir diese Geschichte besorgt hat).

Der Anfang dieses Liedes lässt sich sanft genug an; doch in der zweiten Hälfte brechen Qual und Aerger hervor, sodass er schliesslich nicht gerade wie ein Frommer die Sache Gott anheimstellt! Hiernach und vor allem nach dem durchgehenden Präsens (auch Vs. 54, w.m.s!) ist Ged. 85 wohl in der "Vall" selbst entstanden. Weiteres s. bei 89 (für 84-89).

Zum Jnhalt der ersten beiden Strr. vgl. auch Gedd. 90 u. 94.

Der Gegensatz zwischen Strr. 1/2 einerseits und Strr. 3/4 andererseits scheint allerdings fast nahezulegen, dass für beide Teile verschiedene Abfassungszeiten in Frage kommen könnten. Zumal die 2. Str. würde gut in den bei 55 besprochenen Kreis religiöser Lieder passen. Doch gibt den Ausschlag wohl

387

der Anfang (Vs. 1-10), der kaum anders als nach dem erfolgten Stimmungsumschwung durch die Gefangenschaft denkbar ist!

86 (49)

(Aa 38,f.23 a; B 60,f.26 a; C,f.56 a)

Metr.: fast gleich 26 (s. dies!); also auch hier Vss. 5/6 u. 7/8 jd. Str. als je eine Zeile zu lesen; desgl. 3/4 u. 5/6 der Rep. (= Schatz, Vss. 11/12 u. 13/14) - dann tritt auch die Gleichheit mit dem Bau von 26 zu Tage; da ist die 86,13/14 metr. entsprechende Stelle auch bei Schatz eine Zeile (weil sie sich nicht trennen liess!). Es kommt hier, bei 86, nur der innere Reim α in der ersten Rep.-Zeile und der an die Rep. angehängte Stosseufzer hinzu.

Melod.: (23) trotz mancher Abweichung ist eine Aehnlichkeit mit der Mel. von 26(1) in Bau und einzelnen Motiven zu erkennen. - Die in der Rep. angehängte (Halb-)Zeile ist dem zweiten Teil der Langzeilen zunächst gleich (also –4β–̤̀), auch melodisch der vorhergehenden - das 'plehe' ist als besonderer Takt vorgeschoben und unterbricht mit seinem ganz anderen Motiv wirksam den Lauf der Melodie!

1. ... ls. 'nahet'! - s. zu 34,13.

3. ... vgl. zu 32,6!

10. ... 'das üechsen'!! - Viell. eine Reminiszenz an ein Deminutiv? - Metr. macht dieser Vs. (wie auch Vs. 20) keine Schwierigkeiten bei dem dreiteil. Takt der Mel.

14. ... 'noch pas gewerren' - "Wie könnte mich zur Fastnacht etwas Besseres hindern!"

16. ... Komma fort nach 'sint' (M), entspr. Sch. I!

24. ... 'des maien wat' - es ist schwer zu entscheiden, ob hier auch ein Subst. '*wat' ähnl. 40,48 anzunehmen sei

388

(s. BC 'pfat'!!) oder einfach umschreibendes 'wât' (vgl. zu 52,18) - das zweite ist mir allerdings wahrscheinlicher, da das bei 40,48 angesetzte Wort ("Verbindung, Vereinigung") hier bei 86 doch nicht recht passt.

25ff. ... Damit sollen jedenfalls die Fastnachtslustbarkeiten mit denen des Maies verglichen werden; ebenso das Erwachen der Natur im Vorfrühling und im Frühling. Jn Bezug auf das Folgende wird allerdings Vss. 26/27 auch eine Anspielung auf Sabinens verborgene Tücke, die an den Tag gekommen ist zu suchen sein!

30. ... 'ich schrau ir vart' - die ihm mundartl. jedenfalls fremde Form1 benutzt Osw. hier offenbar, um den Ausdruck zu verschärfen: "Jch schreie Zetermordio über ihre Fahrt, ...". B.Web. gibt für A die La. '(ir)hart' (Goldhann!), wodurch die Fassung von A auch einen Sinn bekäme ('ir' wäre Gen., abh. von 'schrau').

Dies "Fastnachtslied" setzt Schatz jedenfalls mit Recht in den Febr. 1422 (Sch. I, 115: "Der Fastnachtdienstag fiel in diesem Jahre auf den 24. Februar").

Weiteres s. zu 89 (für 84-89).

1wohl am ehesten als alem. anzusprechen; s. Weinh AG § 333 u. vgl. BG § 268; doch siehe auch die zahlreichen Belege im DWb., Bd. 9, 1710f!

389

87 (7)

(Aa 37,f.22 b; B 59,f.25 b; C,55 a)

Metr.: gleich 59 (s. dies!); ähnl. 1; 11; 58; 83; 126; gleiche Reimverteilung wie 2; 58; 59 - Näheres s. zu 11; vgl. a. zu 2 u. 58.

Melod.: (62) eigen; im einzelnen Aehnlichkeiten mit der Mel. von 59 (11)

6. ... ls. mit B 'guldin', wie Sch. I; die unfl. Form hat sicher schon die Kürzung; vgl. auch zu 59,77 u. 63,158.

14. ... 'kan' - "es fertig bringt" - 'ain andern' = Herzog Friedrich IV. von Tirol.

17ff. ... vgl. 85,66; 86,30.

23. ... 'geschriben nach', "angeschrieben, angekreidet".

29. ... 'an gevär' - der Gebrauch gerade in diesem Zusammenhang zeigt besonders deutlich Formelhaftigkeit der Wendung! Hier etwa: "von ungefähr, ohne weiteres".

31. ... 'freuntlich'!!! vgl. 84,103ff! Desgl. unten Vs. 39 'zärtlich' sowie Vs. 47f.

35. ... vgl. 102,44!

36. ... "Jch allein war ihr ja so sehr lieb".

38f. ... "Kluge (raffinierte?!) Liebe braucht Hilfsmittel, darum ward ich so zärtlich hochgezogen ..." (vgl. 101,8).

41. ... 'Vier tausent mark' vgl. 101,37; auch 85,45,48 - s. Sch. II, 14ff.!

42. ... 'es was ir scherz' = erg. 'enwas' - "es war kein Scherz von ihr"!

45. ... 'pfaiff' - vgl. 111,117f '(mein alter puel), die mir hat zuegepfiffen vil meines leibes not' - "als sie mich nach Katzenart behandelte".

46. ... 'därt'? - Viell. nur eine lautmalende Bildung ('der meuse don'!)? - "da antwortete ich ihr mit dem Tone der Mäuse". - Der Schmerzenslaut könnte jedenfalls durch'därt' ebensogut

390

wiedergegeben werden, wie durch 'kerren', Vs. 44! - Allerdings gibt MZ für 'daeren', swv. als wahrscheinliche Bedeutung "hin und herziehen, tändeln, spielen"; das würde gut passen, also etwa (vgl. zu Vs. 45!): "da spielte ich die gehetzte, sich windende Maus" ('pfaiff' und 'don' sind jedenfalls bildl. zu nehmen). - vgl. 100,63 'verdärt'!

Jn der Schärfe der Jronie steht 87 dem Liede 86 nicht nach! - Dass es nach den ersten Liedern der Gefangenschaft 1421 steht, hat wohl seine Berechtigung - es ist schon mehr aus der Erinnerung geschrieben (vgl. auch Sch. I, 115). - Weiters s. zu 89 (für 84-89).

88 (110)

(Aa 3,f.2 a; B 3,f.2 a; C,f.3 b)

Metr.: s. zu 84!

Melod.: (72 = 2); s. zu 84!

1ff. ... vgl. 97,1ff!

2. ... 'sträfflich' - am besten mit "kritisch" wiederzugeben.

6. ... Zur Stützung der (jedenfalls gegenüber Wustmann - s. Sch. II, 55 - vorzuziehenden) Textherstellung durch Schatz ist auch 118,246 und 407 'pessern' heranzuziehen, das ausserdem noch sicherer ist als 84,54, wo B(C) 'büssest' hat! - Zu dem Wortspiel vgl. 110,65/68 und 121,53/54 (= Freid. 90,25f) sowie RRZw., Anm. zu 94,9.

8. ... 'da von Johannes schreibet' - jedenfalls ist der siebenköpfige Drache, Apokal. 12,3ff gemeint, der ja dort auch 'serpens antiquus' (Vs. 9) oder schlechthin 'serpens' (14/15) genannt wird.

391

8. ... Komma statt Punkt nach 'schreibet' (M. u. Türler), wie in Sch. I! - 'das ...' (Vs. 9f) ist von 'ich hab gedacht' abhängig, wobei das sinngemäss in den abh. Satz gehörende 'der slangen haubt ...' vorausgenommen ist.

12. ... ist die nähere Erklärung zu 'unweiplich zucht': "... unweibliches Benehmen, nämlich (od.: und zwar) Quälerei durch ...".

15ff. ... Das Komma nach 'abvilt' ist viell. besser zu streichen, denn das 'und' ist hier nicht rein als Konjunktion zu nehmen, sondern es führt kopulativ den konditionalen Sinn des Relativums weiter. - "Wenn man einem Weib die Haut abzöge und wenn sie der Tugend abhold ist, so könnte man sie doch nicht zähmen". - Rein dem Sinne nach haben natürlich auch Vss. 13/14 als Vordersatz zu Vs. 17 zu gelten.

18. ... 'gram' - hier weniger eine Stimmung, als vielmehr die Wirkung feindseligen Zornes ausdrückend; also 'ist ... gram' etwa: "bedroht, ist gefährlich."

27. ... 'Matusalem' s. unten Zus.-Fassg.!

39. ... Türler setzt mit Recht Komma nach 'freund' und liest: '..., der augen want' = "..., wenn man die Augen wendete"; doch ist das nicht, wie er annimmt als "Augendiener" zu deuten, sondern "hinter dem Rücken"!

41ff. ... 'Elias' - 'Joseph' - 'Joh. Bapt.' s. unten Zus.-Fassg.!

43. ... Komma nach 'leib', wie in Sch. I; 'hiess s. J.B.' ist als Parenthese zu nehmen!

48. ... vgl. 86,5ff und 31!

50-52. ... Hier spielt anscheinend die Darstellung der Frau Welt hinein mit der schönen Vorderseite, hinter der, wenn sie sich wendet, man das Gewürm sieht.

"88 hat das Thema des Weibertruges so ausgearbeitet, dass man an eine directe Benützung von Literatur glauben muss, der Stoff ist beliebt gewesen;" (Sch. I, 115). Diese Bemerkung ist zwar für das ganze Gedicht ausgesprochen; doch trägt die Fassung des

392

Liedes ein zu persönliches Gepräge, als das "directe" Quellen sicher vorausgesetzt werden könnten. Der Gedanke selbst, sowie die Aufzählung berühmter durch Frauen zu Schaden und Schande gekommener Männer als Beweis (Vss. 25-30, 41-45) wird allerdings auf literarische Vorbilder zurückgehen. Jedoch, um einen sicheren Quellennachweis zu ermöglichen, sind die Anspielungen auch in den Aufzählungen zu allgemein; d.h. sie enthalten kaum etwas Besonderes, sondern fast nur, was als typisch bekannt war oder sein konnte. Am ehesten wären noch die Stellen bei Montf. zu vergleichen: 11,22ff; 24,17-68 (bes. diese!); 38,45-56; (s. auch die Anm. Wackernells zu 11,22-25 u. 26). Ladendorf (S. 154) verweist auf den Spruch Frauenlobs (Ettmüller, Nr. 141). Da finden sich fast noch genauere Uebereinstimmungen (auch der Reim 'geblendet : geschendet'!); doch sind im allgemeinen auch sie mehr durch die Sache selbst begründet. Oswald mag vielleicht beide, besonders Montf., gekannt haben. Ob er sie aber "direct" benützte, erscheint mir doch fraglich. Vor allem haben sowohl Montfort als Frauenlob noch Gestalten aus dem trojanischen sowie aus den abendländischen und deutschen Sagenkreisen. - Osw. nur biblische Personen und dazu Aristoteles und Achilles. Er hat jedenfalls aus der Erinnerung diese Liste zusammengestellt, wobei eben das haften blieb, was er am häufigsten gelesen und gehört hatte. Hierher könnte auch zu rechnen sein: Freid. 104,22ff (vgl. Ged. 121!); Hätzl. I. 119, 201ff. - Für die folgenden vier jedoch habe ich vergeblich nach literarischen Parallelen gesucht; Gehörtes kam also sicher hinzu. Es sind: 'Matusalem' (27), 'Elias' (41), 'Joseph' (42), 'Johann Baptista' (44) - zu 'Matusalem' bemerkt Schrott, S. 214 Anm. 66: "An Mathusala scheint hier getadelt zu sein, das er als Vielhunderjähriger noch Söhne und Töchter zeugte, wenn hier nicht etwa eine Verwechslung mit Lamech vorliegt." Beides will mir nicht recht einleuchten; handelt es sich etwa um eine Ueberlieferung aus dem jüdisch-apokalyptischen Buch Henoch (d. Vater Methusalems!)?

393

- 'Elias' hatte durch die Königin Jsebel, die Gemahlin Ahabs zu leiden (1. Kön. 18,4, bes. 19,1ff). - 'Joseph' (Frau der Potiphar!) und 'Johannes' (Salome!) bedürfen keiner weiteren Erklärung.

Für diese Stoffgebiete vgl. auch RRZw., Anm. 372 (S. 349) und Anm. zum Spruch 103 (S. 596f).

Zeit s. zu 89 (für 84-89)!

89 (111)

(Aa 4,f.2 a; B 4,f.2 a; C,f.4 b)

Metr. u. Melod. (32 = 2) s. zu 84!

3. ... Jmperativ mit Pron. s. zu 11,17!

11. ... 'vickt' - ist wohl nicht anders zu deuten, als schon bei B.Web., nämlich aus lat. 'figere', it. 'ficcare': "heften". - "wie er die Liebe darauf heftet". - 'füegen' mag auch irgendwie im Hintergrund stehen; das andere mhd. 'vicken' kommt jedenfalls nicht in Betracht.

13. ... Komma fort nach 'glanz' von dem auch der Gen. 'der süessen zeit' abhängt.

15. ... s. unten Zus.-Fassg.! - Komma fort nach 'neit' (M); in Sch. I steht auch keins!

16. ... 'nicht melt' - etwa: "zeigt nicht an sich", "kennt nicht".

17f. ... 'begert' hier sowohl mit Acc. als mit Gen.; sonst fast ausschliesslich bei O. mit Gen.!

19. ... "Schamlosigkeit".

21. ... 'schidung', "Ausgleich"! - vgl. 'schidlich' 18,16 u. 118,325; dagegen 9,15 u. 11,52.

23. ... s. unten Zus.-Fassg.!

25. ... 'widerzam (: scham) s. zu 6,42 (bes. Anm. 7!).

26. ... vgl. 106,49ff (5 Sinne!) - Komma fort nach 'smecken' (M).

394

27. ... 'keine Wollust' ist ἀπὸ κοινου̃!

28. ... 'liep decken' - s.v.w. "mit dem Mantel christlicher Liebe umhüllen".

29. ... Komma fort nach 'list' (M)!

31. ... Komma fort nach 'parmung' und 'gross' (Türler)!

40. ... 'vasten, possen' - erg. etwa "betreibe er"! 'possen' jedenfalls: "geisseln".

42. ... Nach 'mass' Kolon (M), denn diese Aufforderung bezieht sich auf das Folgende! Daher auch besser Semik. nach 'knien'.

43. ... Komma fort nach 'tunst'!

44. ... Der Fehler aller Hss. ist offenbar durch die Länge des Satzes veranlasst; es ist natürlich nach wie vor 3. Pers. Konj. Präs.! (auch in Vss. 50 u. 52!).

47. ... 'süess' Adv.!! vgl. 117,188 'unsüesse'!

54. ... ls. 'in der Vall' - = Schloss Fahlburg! s. O.v. Zingerle, Mittelalterl. Jnventare aus Tirol und Vorarlbg. (Jnnsbr. 1909), Namensverz.: 'Vall, in der', Schloss Fahlburg, ehemals Ansitz "in der Fall" genannt, c.-G. Tisens, Fraction Prissian; dazu ebd. Nr. LXVII (Nachlass des Hans v. Wehrberg b. Prissian, Tisens) Stück 147 (1420) 'Ain brief von Hannsen Werberg als aͤin zehentrager, aͤin noderbrief (Notariatsurk.), ist aͤin compromiss von Jaͤger in der Vall, ...'. - vgl. ferner Ladurner, Regesten a. tir. Urk. 1382-89 (Arch. f. Gesch. u. Altertumskunde Tirols, Jg. V, Jnnsbr. 1869), Urk. Nr. 1227 (S. 349), a. 1388: "Ein Urtheilsbrief zwischen Hansen und Leonhard den Werbergern und Barbara Jägerin um den Thurm auf Tisens zu Prissan, genannt die Vall, mit aller Zugehörung von Dorothea Zoblin herrührend (Schatzarch.-Rep.)" - Barbara Jäger war Sabinens Mutter (s. Sch. II,6)!

Es unterliegt also wohl keinem Zweifel, dass "die Vall" zum Besitz der Jägerischen gehörte und dass Osw. ebendieselbe hier meint. Ein bestimmtes Datum für die Einlieferung des

395

gefangenen Dichters auf Schloss Forst liegt nicht vor; er selbst spricht bezüglich der Wallfahrt nur vom Herbst, und urkundlich ist erst der 20. Nov. für Forst belegt, während O. am 14. Sept. noch frei war (s. Noggler, ZsFerd. 26,130). Der Spielraum ist also gross genug, um die Annahme einer Festhaltung 'in der Vall' vor der Ueberführung nach Forst zuzulassen. Diese Festhaltung liegt auch insofern nahe, als eine Folterung, wie sie der Gefangene erdulden musste, auf Forst weniger Wahrscheinlichkeit für sich hat, denn in einer Oertlichkeit, die den Jägerischen gehörte! Ich stehe also nicht an, O.s Wendung ohne weiteres auf Schloss oder Turm Vall zu beziehen und demnach Ged. 89 an den Anfang der Lieder zu setzen, die sich auf diese erste Gefangenschaft beziehen.

Zeit s. hievor!

Bezüglich des sonstigen Jnhalts von 89 sind gewisse Beziehungen zu 98, aber bes. zu 106 (Beichte) nicht zu verkennen. Es erscheinen auch hier alle Todsünden, die er dort aufzählt:

Hoffart Vs. 15 u. 23
Geizigkeit Vs. 23
Unkeuschheit Vs. 23
Zorn Vs. 15
Gefrässigkeit Vs. 42ff
Trägheit Vs. 39
Neid Vs. 15

auch der Spott fehlt nicht (Vss. 15 u. 23), den er 106 bei den Todsünden nennt (s. zu 106,20ff).

Für die ganze Reihe der Gedd. 84-89 ergibt sich aus der Betrachtung der Beziehungen, die sie enthalten (s. z.T. bei den Gedd. selbst!) folgende Reihenfolge:

89 'in der Vall' Sept./Okt. 1421
85 ebd. Sept./Okt. 1421

396

(diese beiden eben genannten Gedd. liessen sich eventl. auch vertauschen)

84 nach der Folterung, entweder noch in der Vall, oder, was wahrscheinlicher ist, schon auf Forst Okt./Nov. 1421
86 in Jnnsbruck Febr. 1422
87 wohl bald nach Ged. 86, also: Frühjahr 1422
88 inst nicht genauer zu datieren (zw. Mz. u. Aug. 1422, s. Sch. II, 15f), gehört aber sicher hierher Frühjahr/Sommer 1422

90 (100)

(Ah 64,f.36 b; B 31,f.14 a; C,f.37 a)

Metr. u. Melod. s. zu 57!

3. ... 'an anevange' - hier, wie auch 97,96 handelt es sich wohl doch nicht um epithetisches -e dem Reim zuliebe (Maurer S. 36), so nahe die Annahme liegt; den O. hat solche Bildungen (s. zu 28,33f). Es ist offenbar Dat. nach 'ân(e)', beeinflusst durch das Gegenteil 'mit'; vgl. ausser Gr.Gr. IV, 762 u. 799f auch Schm. Fr. I, 83 und Vernaleken, Deutsche Syntax II, 232, sowie Behaghel, Syntax § 520 (II, S. 36).

4f. ... 'der ... gevasst ...' ist am besten als subst. Prät.-Adj. zu nehmen.

6. ... "ohne Dissonanz, ohne Widerspruch in unbegreiflicher Verschlingung" - vgl. 117,8 'ungemessen'!

11f. ... 'vergift', sowie 'getult, geschift' sind ebenfalls von 'hat', Vs. 10, abhängig. - "(der) mit Pfahl und Schaft alle Gewächse (oder Wurzeln?!) versehen hat für ihres Stammes Thron" (oder: als Thron für den Stamm?!).

397

18. ... ls. 'all wasserrenke' - jedenfalls: "alle Wasserwindungen, -läufe". Ob eventuell auch 'renke' = 'rînanke', hier für "Fisch" schlechthin, denkbar wäre? dann wäre allerdings besser 'wasser' und 'renke' durch Komma zu trennen.

20. ... Die Konstr. ist unverständlich - zur Not liesse sich in 'von dem' eine Wiederholung des 'Auss dem' sehen: "aus dem alles Wissen geflossen ist - von dem nämlich (geflossen), der ...". - Vielleicht könnte man auch 'das' für 'der' einsetzen und das Komma nach 'ist', Vs. 19, streichen; das würde den Satz noch am glattesten gestalten - doch wäre es natürlich besser, wenn man ohne Aenderung des überlieferten Textes auskommen könnte!

24. ... 'vergreusset', "ausstreut" (wie Körner); vgl. auch 123,62!

26. ... 'undersetzt an grundes hert', "ohne festen Untergrund unterstützt hat" - vgl. 85,19ff 'Wer habt den himel und die erd'!

27. ... fällt ebenfalls aus der Konstr.; sinngemäss müsste es ein Relativsatz sein - man könnte es ebenso wie die folg. Vss. 28-30 als Parenthese nehmen.

32. ... 'christenliche wat' - "Christentum", "christl. Glauben" od. ähnl. - 'wât' ist nur umschreibend, s. zu 52,18!

33. ... 'der geb mir rat' - hierzu ist das ganze Gedicht bis dahin Vordersatz! Die kleinen Ungenauigkeiten in der Konstr. (Vss. 20 u. 27) dürfen daher nicht zu streng beurteilt werden; wirklich störend erscheint auch eigentlich nur die erste.

34f. ... 'mein veind verpau' - "Meinen Feinden den Weg verlege" (, sodass sie mir nichts anhaben können) - also kurz: "meine Feinde abwehre". - Das erste 'Damit' ist noch relativisch zu erklären, doch auch mit finalem Sinn;

398

das zweite ist rein final (s. zu 2,42 u. Gloss.)!

36. ... 'schranke' = 'schrenke', "flechte" - also etwa "verleihe".

"Für die Einreihung dieses Gebetes an dieser Stelle sind die ernste Stimmung und die leise Anspielung auf trübe Zeiten Vers 34f, bestimmend gewesen, es ist eher in die Jahre 1422 oder 1423 zu setzen, als an das Ende seiner Leidensperiode gegen 1427 hin." (Sch. I, 115). - Jch glaube, dass weder das eine, noch das andere in Frage kommt; denn die genannte Anspielung ('mein veind ... paid hie und dort') wirkt doch zu allgemein um auf seine Feinde in dieser Periode bezogen werden zu müssen! Auch die sonstige Grundstimmung passt mir mehr in den Kreis der frühen religiösen Gedichte (vgl. zu 84,73ff!). Dazu kommt die Art der Eintragung in A (s. zu 55!).

Jch setze also dies ans "Credo" anklingende Gebet ohne Bedenken in die Zeit von O.s Fahrt zum Heilg. Land, also etwa 1409/10; vgl. zu 55 u. 105; vgl. auch II. Teil, 1. Kap.!

91 (119)

(Ah 75,f.41 b; B 24,f.11 a; C,f.29 a)

Metr.: fast gleich 79; bei 91 sind nur drei der Strophenteile zu einer Strophe vereinigt; Vs. 40 fehlt der Sinneseinschnitt. - Näheres s. zu Ged. 79!

Melod.: (58 = 12) - die Abges.-Mel. kommt wegen der dreiteil. Strophe nur einmal zur Verwendung; s. zu 79!

3. ... 'an' (âne), "ungerechnet ...".

5. ... Komma fort nach 'empfinde' (M), wie Sch. I!

10. ... 'die wart' - die (ängstliche) Erwartung (, wann der Tod kommt).

399

11. ... Komma fort nach 'sichel' (M), wie Sch. I!

14/15. ... 'ir'/'si' - nämlich 'des todes sichel'.

22f. ... "Schrecklicher wird die Frage, was zu tun sei, dass ich dort nicht verderbe, eng eingesperrt in der Höllenbrunst".

28ff. ... 'in der sünde gift tötleichen' - "beim Tode von Sünden befangen"; Vss. 28-30 sind ἀπὸ κοινου̃.

32. ... 'gepreu' ist jedenfalls wörtl. zu nehmen (so auch B.Web.), denn es handelt sich um die Hölle!

33f. ... vgl. 98,11 (u. 22/23); 110,79; auch 82,21f!

35ff. ... Dem Sinne des Satzes entsprechend ('nimpt ... wunder, ... das ...') muss 'immer' für 'nimmer' eingesetzt werden (M. u. Türler). Sowohl B.Web. als Sch. I haben im Text 'ymmer' ('immer'), ohne Laa. zu verzeichnen!! - "..., so wundert mich wirklich, das ich, wessen ich mich ja selber bezichtige (was ich ja selber zugebe), mein vergängliches Leben nicht ...".

43ff. ... "Schlecht ist meine Einsicht und meine sinne alle betäubt, dass ich nicht den giftigen Wurm (den "moralischen Schweinehung"!) in Fesseln legen will, ...".

54. ... 'wol sechs und vierzig jar' s. unten!

55. ... Fortsetzung des Relativsatzes, also sinngemäss: "und worin ich sündhaft geblieben bin".

62. ... 'hie' ist durch 'schaft freud und quale' von 'die zeit' getrennt, zu dem es gehört, entsprechend den Vss. 57 u. 59!

65. ... 'schranke' - ein schwer übersetzbares Bild, das jedenfalls gleiche Beziehung hat wie 53,36 'des degens vas'. A. Salzer, D. Sinnbilder u. Beiworte Mariens, bringt es nicht!

70/72. ... 'päm : widerzäm'; s. zu 6,42 u. 37,45ff!

"Die Angabe, dass er 'wol sechs und vierzig jar' alt sei, passt auf 1423; wie schon oben ausgeführt wurde, ist das Jahr

400

1377 wahrscheinlich das Jahr seiner Geburt, möglich wäre auch 1376 oder 1378, daher ist für unser Gedicht 1422 bis 1424 die Zeit der Entstehung." (Sch. I, 116); vgl. dazu auch Sch. II, 4.

Weiteres s. bei 98 (für 91-98)!

92 (113)

(Ah 67,f.37 b; B 6,f.2 b; C,f.6 a)

Metr. u. Melod. (37 = 2) s. zu 84!

1. ... vgl. 103,19!! - 'ain tier': der Teufel und der drohende Höllendrache ('slund' Vs. 5 und 'slauch' Vs. 42). - Die Apokalypse mag die Vorstellung auch beeinflusst haben; vgl. z.B. Frauenlobs Rätsel: 'ich sach ein tier ...', Kolm., Bartsch Nr. XI, S. 254.

6. ... Komma nach 'beschert' (M. u. Türler).

7. ... ls. 'nahet' (s. d. Hss.!); vgl. zu 34,13!

8f. ... ls. 'pfündlichem' - in empfindlicher Todesdrohung". Punkt nach 'getöte' und Komma nach 'mag' (Türler).

10. ... Parenthese (Türler)!

12. ... 'geschübert' - vgl. 49,17!

13ff. ... vgl. 108,25ff! - 'ervodert an den tanz', d.h. den Totentanz; vgl. zu Ged. 111!

14/16. ... 'wirt : gepirt' - Die Ansetzung des Reimes - irt erfolgte trotz der hsl. Ueberlieferung jedenfalls zu Recht, da sonst nur die entrundete Form 'gepirt' reimt (118,7/8: verirt; 118,159/160 u. 119,33/36: unverirt); vgl. auch Schatz, Ma. v. Jmst §49 und Tirol. Ma., ZsFerd. 47 (1903), S. 26; Maurer, S. 15 gibt die Beispiele nicht vollständig.

20. ... vgl. 97,12!

23f. ... 'mit klainem widergelt' - "mit geringem Ausgleich", d.h.

401

sodass ich nur wenig zu vergelten hätte, während es jetzt ('von stund') sehr viel wäre.

24. ... ls. 'diech' - vgl. zu 55,33!

27. ... 'die minst gezalt', "als Geringstes zu zählen", "noch nicht das Schlimmste"; nach 'gezahlt' viell. besser Kolon.

29. ... 'auffenthalt' - etwa: "Stütze, Hilfe, Anhalt".

34. ... 'in das pat' - vgl. Thomas. v. Zirkl., Welsch. G. (Rückert), Vs. 6761f: '... die stat, / dâ man bereitet s'tiufels bat'!

40. ... 'überraite' - etwa: "übervorteile, übers Ohr haue" - kaum "verführe" (so B.Web. u. danach Lexer).

41. ... ls. 'Lucifer' wie 110,42; s. 94,42; vgl. auch zu 6,86!

42. ... s. oben zu Vs. 1 (u. 5) - vgl. auch 96,102!

44. ... 'leiden' - Gen. ohne -s! s. zu 59,43.

45. ... 'cristan' - ebenso 111,133; aber 'cristen' 64,4!?!

48. ... ls. 'fleusst' (M)!

50. ... 'trag hin' vgl. 103,26!

52. ... 'in wildem walt' - im "Weltgetriebe" (B.Web.); s. Dante, Jnferno I,1ff 'selva obscura' (2) u. bes. 'selva selvaggia' (5) - vgl. 103,37!

Zeit usw. s. bei 98 (für 91-98)!

402

93 (112)

(Ab 21,f.12 b; B 5,f.2 b; C,f.5 a)

Metr. u. Melod (35 = 2) s. zu 84!

5f. ... 'des' auf 'verderben' zu beziehen (s. 'und klain empfand'!).

7f. ... "Mit (zer-)störender Krankheit zeichnet (mit) das Alter ..." - Punkt oder Semik. nach 'meldet'! - 'meldet : geldet' - s. zu 70,32; vgl. auch zu 17,55/56 (nd/nt) u. 28,1 (d/t).

10. ... "Herr Leib, ihr müsst es büssen" (Schrott, S. 169).

12. ... Komma fort nach 'gerumpfen'; 'graw' ist besser als Subst. anzusehen: "(büssen mit ...) verrunzelter grauer Farbe", d.h. "(mit) grauen Runzeln". - "Eure Sprünge sind gar vorsichtig geworden!"

15. ... Viell. besser mit C 'alle glit' zu lesen, da auch hier, wie 85,70, jedenfalls Plur. anzunehmen ist; vgl. zu 76,36!

17. ... 'quintier ich' - vgl. zu 36,31!

18. ... "Wenn ich singe, muss ich das Gesicht verziehen" (vgl. 59,11!). Es wird sich nicht ganz entscheiden lassen und ist auch für den Sinn der Stelle nicht ausschlaggebend, ob hier 'bedaht' (von 'bedecken') oder 'bedâht' anzusetzen ist; allerdings ist das zweite wahrscheinlicher. Osw. reimt durchweg 'bedâht' zu -aht; die beiden Reime 118,231/32 und 365/66 kommen als Gegenbeweis nicht in Frage, weil das Reimwort '(ver-)pracht' ausser diesen beiden Stellen sonst auch nur im Reim auf -aht erscheint (vgl. Maurer S. 10).

19. ... 'weiss': "hell, blond"!!

21f. ... "bildet, schmückt sich schild- oder wappenähnlich schw. und gr., von kahlen (Schild-)Feldern durchmustert"; ('scheck' der viereckige oder rhomboide Fleck auf dem Schilde).

403

24/30. ... 'widerzäm : träm' s. zu 6,42 und 37,45ff!

31ff. ... ls. mit B (C) 'Mein ringen, springen, lauffen snell' und 'für singen huest ich ...' - Diese Fassungen entsprechen der Klangfreude O.s besser, auch erscheint mit 'huest ich durch die kel' unbedingt oswaldischer, sodass diese Aenderungen in B (C) sicher Besserungen des Dichters selbst darstellen! - Das Komma nach 'snell' ist natürlich zu streichen (M)1.

37-40. ... Komma nach 'jüngelink' (Anrede!); nach 'schöne' Komma, dafür nach 'sterk' und nach 'gedöne' Ausr.-Z. (M. u. Türler!). Für diese (einzig mögliche!!) Jnterpunktion vgl. 95,47ff (M).

41. ... Wustmann, AfdA 29, 230 (Bespr. von Sch. I) will hier aus metr. Gründen nach C 'ietz' lesen. Das ist aber nicht nötig; der zweisilb. Auftakt stört nicht.

42. ... 'zu mir' - d.h. in meine Jahre. - ls. 'guettet' (vgl. 112,45!).

Zeit usw. s. bei 98 (für 91-98)!

94 (115)

(Aa 5,f.2 b; B 8,f.3 a; C,f.8 a)

Metr. u. Melod. (14 = 19) s. zu 64! s. auch unten zu Vss. 34 und 47.

5. ... 'Neun kör der engel' - vgl. Dante, Paradiso, XXVIII (bes. Vss. 94ff). - Zu den Zitaten bei Lexer (u. MZ.) wären noch

1'widersturz' ist in der gewöhnlichen Bedeutung zu nehmen; Lexers falscher Ansatz: "unharmonisches Singen" beruht auf einem Fehler in B. Webers Glossar, wo 'singen' statt 'ringen, springen' steht!

404

besonders hinzuzufügen: Such. 41,1031ff; Heinr. v. Neustadt, Gotes zuokunft, 7988ff; Montf. XV, 123. - 'underlast' = 'underlâz'! Das anorgan. -t ist offenbar Reimbildung. - Für diese ganze Stelle (Vss. 5-10) vergleicht Motz (S. 82) jedenfalls mit Recht den Anfang von Psalm 148 (bes. Vss. 2, 3, 4, 9 u. 10). Die Uebereinstimmung ist derart, dass die Benützung dieses Psalms durch Osw. wohl ausser Frage steht!

9. ... ls. 'der vogl. schal'!

10f. ... ls. 'all würm u. tier - gelaubet mir, was ich euch sag - laub, gras ...'.

13. ... ls. 'hörn'!

19f. ... am besten als nachträgl. Appos. zu 'Vil frucht auff erd' (Vs. 17) anzusehen. - 'frúcht zu erwérbèn' stört bei dem rezitativ. Charakter der Mel. nicht den Vortrag.

22. ... 'noch ainst so räss', "noch einmal so keck" - vgl. 72,10 und 111,79!

23. ... "(der geringsten Blume) vermöchte er nicht ihr natürliches Kleid mit der ganzen Leuchtkraft nachzubilden". - 'posnieren' vgl. 68,17 und s. zu 54,6!

26. ... Auch hier gilt das zu Vs. 20 Gesagte.

31. ... Komma statt Punkt nach 'milt' (M); Türler streicht jedes Zeichen; Sch. I hat auch Komma!

32. ... 'unzelieret' - eine Reimbildung, also gleich dem in C dafür eingesetzten 'ungezelet': "unermesslich"? - oder Fachausdruck aus dem Bildgiesser- (vgl. bes. Ged. 4!) oder Gravierhandwerk?

33. ... Komma fort nach 'geben'; Komma nach 'sel' (M). - Zu dem zweisilbigen Reim s. zu 64, Metr.!

34. ... ls. 'dir dient die erd, feur, wasser, werd- iklicher luft' (z.T.M.); vgl. die inneren Reime 8,1; 20,37/39; 41,27; 54,13/15; 76,3/6; auch 54,35.

35. ... 'tam' = 'toum' ("Duft")! vgl. Leitzmann, Beitr. 44,310 ("Zu Osw. v. Wolk."). - s. auch zu 58,17 ('das meres tam'); wegen

405

des Reimes vgl. zu 6,42 u. 37,45ff. - Komma nach 'tam' (M); bis dahin die Subjekte zu 'dir dient' - für das Folgende ist 'als', Vs. 36, Subjekt.

42. ... ls. 'Lucifer' wie 110,42! - s. 92,41; vgl. auch zu 6,86!

43. ... 'beröst' (= 'beroestet') s. zu 18,35 u. 64,74.

46. ... "dass du ihn nicht erkennst, sondern mit Uebernamen versiehst" (vgl. Vs. 43 'mit swüeren').

47. ... ls. 'der dich mag nemen, geben haisser h.gl.'; der unreine Schlagreim ersetzt hier den Binnenreim (M).

52. ... 'du macht' - B.Web. hat im Text 'magst' und gibt für A die La. 'macht' - sowohl in Sch. I als in Sch. II fehlen Laa.; man kann wohl A ohne weiteres folgen. Demnach läge hier eine dritte Form für die 2. Pers. Sing. Jnd. bei Osw. vor: 1.) 'mag du' 17,6 (magstu C!?); 2.) 'magstu' 27,9; 47,17; 'du magst' (macht B!) 85,6! Eine Vereinheitlichung (etwa: 'magst') ist wohl unangebracht; die hsl. Ueberlieferung spricht zu deutlich. - vgl. auch zu 17,8.

53. ... 'mancher gaist', d.i. 'Lucifer und sein genoss' (92,41).

55. ... ls. 'der sünden gart' - das gibt Wustmann, AfdA 31,129 (Bespr. v. Sch. II) als La. von C an; jedenfalls steht es so bei B.Web. im Text, mit der La. 'den' für B. - vgl. auch zu 6,22.

56. ... Eine Auslegung, wie etwa "Durch ihren Einfluss versäume ich, (Gott) Lob zu singen", erschiene zunächst vielleicht möglich, doch ist die folgende vorzuziehen: "Ueber ihre Ratschläge kann ich mich zu keinem Lobe aufschwingen"; denn das Präs. 'waiss ich' lässt die erste Erklärung nicht zu, und ausserdem stünden, abgesehen vom Anfang dieses Liedes, auch die anderen religiösen Gedichte dieser Zeit dazu im Widerspruch!

57. ... Jmperativ mit Pron. s. zu 11,17!

Zeit usw. s. bei 98 (für 91-98)!

406

95 (116)

(Aa 6,f.3 a; B 9,f.3 b; C,f.8 b)

Metr.: wie 97; der zweite Abgesangsteil (Vss. 12-15 jd. Str.) erhält durch den gegenüber dem ersten Teil (Vss. 9-11) an dritter Stelle eingeschobenen Viertakter (Vs. 14) ein ähnliches Gepräge wie die Stollen, mit deren dritten Versen dieser Vers ausserdem reimt; es unterscheiden sich dabei nur die Kadenzen der ersten beiden Zeilen, die beim Stollen –6–̀, beim Abges. –6–́ haben. Also etwa AABA (vgl. zu Ged. 18, Metr. sowie ebd. Anm. 15); doch findet dieser Bau in der Mel. nicht die geringste Stütze, sodass hier von einer Da-Capo-Form (s.a.a.O.!) nicht die Rede sein kann.

Melod.: (55) gleich der Mel. von 97 (73); A und B haben zwar gleiche Notationshöhe auf dem System, aber verschiedene Schlüssel! Aus dem Vergleich mit der nur in A ausgeschriebenen Notierung der Mel. bei Ged. 97 (B hat Hinweis auf 95!) geht hervor, dass die Fassung von B (transp. äolisch) zweifellos die richtige Mel. ist (vgl. Koller, Revis.-Ber. zu Melodd. 55 u. bes. 73, S. 218 u. 220); bei A ist also wohl Schlüsselfehler - Verlesung der Vorlage!? - anzunehmen.

Einzelne Motive, ja die ganze Zeile 12 der Mel. haben deutliche Parallelen in der Mel. von Ged. 64!

1. ... "Du Freude der schadhaften Mauer" - d.h. deine Freude ist einer schadhaften Mauer vergleichbar: nun steht sie noch und wir freuen uns darüber - im nächsten Augenblick fällt sie über uns zusammen (v. Vs. 3f!).

2. ... Nach 'pist' der Deutlichkeit halber viell. besser Ausr.-Z. (M.).

3. ... 'gevallen hast'! vgl. 6,67!

407

5. ... "..., du Leichentuch".

6f. ... "enn er nicht bei vielen edlen Frauen als Fremdling gelten, unwillkommen sein will".

9-11. ... vgl. zu 84,21, sowie zu 1; 2; 20; 28.

15. ... "meine Leidsaat in gute Ernte verwandeln" - 'eraren' aus 'erarn' aus 'erarnen' (vgl. 117,44; auch 42,22 'züren' und 55,26 'begegen'!

17. ... 'bekande' - Reimbildung! - vgl. zu 28,33f.

24. ... vgl. 96,81!

26f. ... Komma nach 'herzen' und Fragezeichen nach 'hat'; denn Vs. 27 ist jedenfalls der erklärende Nachsatz ("weil ...") für Vss. 25/26 (M).

29. ... "fasse mich mit deiner helfenden Hand!"

32. ... 'damit' - Rel. mit finalem Sinn des Satzes; vgl. Gloss.!

36. ... ls. 'ie merer toben, wüeten'.

37. ... Komma nach 'vesen', wie in Sch. I! Vielleicht ist besser 'Neithart' zu schreiben; denn wenn auch die allgemeinere Bedeutung an dieser Stelle ausser Frage steht, so darf doch nicht vergessen werden, dass einer der Helfer Martin Jägers bei O.s erster Gefangennahme Neidhart heisst und dass dieser bei der Gelegenheit ebenfalls Ansprüche an den Wolkensteiner stellt (s. Noggler, ZsFerd, 26, 131!). - Es liegt also immerhin nahe, in Vss. 37/38 neben der allgemeinen Anspielung zugleich eine solche auf diesen Neidhart zu sehen. - Zu dem Wort als allg. Bezeichnung eines neidischen Menschen vgl. 118,48 und 102 'gebhart'!

38. ... d.h. "bräche nur ein Unglück über einen herein" (, sodass der "Neidhart" dann im Trüben fischen könnte).

42. ... Komma nach 'laid' und Komma fort nach 'freuden' (Türler); vgl. Vss. 54ff, sowie 108,31ff! - Zu den Laa. des Reimes 'gemengt : verhengt' s. zu 18,4/5!

408

46ff. ... vgl. 93,37ff und bes. 111,157f!

51. ... ls. 'des' (M), wovon zeugmatisch auch 'noch muess erkrenken' abh. ist: "woran sich der Mensch (zwar) erfreut, aber doch schliesslich krank und schwach werden (also: die Lust verlieren) muss".

56. ... vgl. 108,31ff!

59f. ... ls. 'oft weiser man, wie wirstu plint, in aller kunst behende!' - 'in a.k. beh.' hat den Sinn eines Konzessivsatzes (M).

63. ... 'natürlich', "aus Naturtrieb" - vgl. 22,4; 62,28; 97,81.

74. ... 'welst' - der Konj. vertritt den Jmp.; vgl. zu 72,26 (2. Pers. ohne Pron.).

Zeit usw. s. bei 98 (für 91-98)!

96 (118)

(Aa 7,f.3 b; B 11,f.4 b; C,f.11 b)

Metr. u. Melod. (54 = 38!) s. zu 65 u. vgl. zu 84!

4. ... Diese Wendung in ähnlichem Zusammenhang 123,45!

7. ... vgl. 83,24 'valsch pöse münz'!

8. ... ls. 'luglich' nach BC; offenbar beabsichtigter Gleichklang mit 'truglichen' (M).

10. ... Komma fort nach 'gevärde'!

13. ... 'stick wir nach' - "heften wir (den Blick) auf", "streben wir nach ...".

16. ... "und was wir an guten Werken (ins Jenseits) vorausgeschickt haben" - vgl. 97,74!

24. ... "so hielte er mich für einen (lauernden) Fuchs im Gebüsch" (vgl. 48,6/7!).

409

27f. ... Besser Semik. sowohl nach 'got' als nach 'ungeräte'; Sch. I hat Komma und Punkt.

29. ... vgl. 5,44!

34f. ... Komma nach 'rauch' (M) wie in Sch. I! Das Folgende ist etwa nähere Erklärung zu 'es': "nämlich ...".

48. ... 'stampanei' s. zu 26,28!

49. ... Jmperativ mit Pron. vgl. Vs. 92; s. zu 11,17!

51f. ... 'für in so gach', "vor ihn (so) eile, damit er ...".

53f. ... vgl. 103,53/54!

55ff. ... vgl. 97,76ff; 103,40f; 110,51ff!

65. ... 'an mailes pein', "ohne (eigenen!?) Makel", also etwa in dem Sinne: selbst wenn er dadurch nichts zu entbehren brauchte.

66. ... Punkt nach 'zergan' (Türler), wie Sch. I!

74/80. ... 'freude : geude' s. zu 11,44ff!

76 u. 78. ... Die metr. überschüssigen Silben lassen sich beim Vortrag unterbringen, da die Mel. rezitativ. Charakter hat (s. zu 65, Melod.); allerdings könnte man, wenn man durchaus wollte, 'ich' in Vs. 78 leicht streichen, doch ist es nicht nötig, da der Auftakt 'oder ich' wegen des 'oder ('od'!) an sich nur als zweisilb. anzusehen ist!

81. ... vgl. 95,24!

88. ... vgl. 60,43-46!

90. ... 'vindst' - 2. Pers. ohne Pron. s. zu 72,26!

92. ... Jmperativ mit Pron. vgl. Vs. 49; s. zu 11,17!

102. ... vgl. die umgekehrte Wendung 92,42!

103ff. ... vgl. Ged. 106!

105. ... "wenn ihm auch ..." oder "da ihm doch ...".

114. ... 'über hundert jar' vgl. zu 19,1!

116. ... Zu der La. von BC vgl. 86,28! Doch hat A mit 'ainer' ohne Zweifel das Richtige; vgl. auch die Laa. von 84,15f und 103, sowie 85,41f.!

118. ... ls. 'grossen' (s. die La. von C, die versehentlich der

410

zu Vs. 116 angereiht ist).

120. ... erg. "und ich habe" (zeugmatisch in 'mich hat'!).

122. ... Komma fort nach 'vesten'; 'zier' ist Adj.!

123f. ... "und es täte, es genügte doch schon eine glatte Wand, die uns überdauert"; gemeint ist offenbar eine Grabsteinplatte (s.a.u.!).

126. ... 'wert' - nadelt es sich hier um ein Wortspiel von 'wërt' und 'wert', hervorgerufen durch das 'wërt', Vs. 124? Oder ist etwa die Vorlage von Aa nicht verstanden worden, sodass dem 'dich' etwas anderes zugrunde liegt? Aber was? - Jedenfalls wird man auf die zweite Vermutung geführt durch die Zeitadverbia 'lenger' Vs. 124 und 'ewikleich' Vs. 126. - Dass bei diesem Lied von Abschreibefehlern gesprochen werden kann, ersieht man aus einer Reihe von Fehlern in Aa, die sich nur so erklären lassen (vgl. auch Sch. II, 32 über die Entstehung von A).

Für den Gedanken1, den die letzten Verse (121ff) aussprechen, ist nicht ohne Jnteresse Petrarcas poetischer Brief "Der Hausbau" (F. Friedersdorff, Fr. Petrarcas Poet. Briefe; Uebers., Halle 1903; II, 19), wo P. von dem Bau seines Hauses in Parma spricht und daran ganz ähnliche Betrachtungen knüpft. Diese Parallele erscheint mir darum bedeutungsvoll, weil Osw. im folg. Gedicht (97) Petr. erwähnt und anscheinend zitiert.

Weiteres s. zu 97 und zu 98 (für 91-98)!

1vgl. Horaz, Carm. II. 18, 17ff: Tu secanda marmora Locas sub ipsum funus et sepulcri Immemor struis domos ...

411

97 (117)

(Aa 9,f.5 a; B 10,f.4 a; C,f.10 a)

Metr. u. Melod. s. zu Ged. 95!

1ff. ... vgl. 88,1ff! - 'närlichen' hier: "genau"; vgl. dagegen 89,50!

7. ... Nach 'gewan' besser Semik.!

9. ... 'die stunt', "mein Stündlein".

11. ... 'si' etwa auch 'stunt' zu beziehen, gäbe im Zusammenhang mit dem Folgenden keinen rechten Sinn; es ist auf "Welt" zu beziehen: "Jch weiss wohl, dass mein Stündlein kommt; besässe ich dann auch die ganze Welt, darum gäbe ich sie gern, dass ...".

12. ... vgl. 92,19ff!

13. ... 'der' ebenfalls auf "Welt" bezüglich - 'vil, manches', sc. 'jar'.

14. ... Nach 'widerstan' besser Semik.!

15. ... 'sein', "dessen", d.h. der Gnade noch ein Jahr zu leben.

19. ... "Wie er damit vertraut werde".

27. ... Komma nach 'schilling'.

28-30. ... 'er zeucht sein wan ze torhait' - "er übertreibt seine Einbildung bis zur Torheit". - Dies ist wohl mit dem Petrarca-Zitat gemeint, wie auch Schatz nach seiner Jnterpunktion annimmt; eine ähnliche Wendung findet sich bei Petr. z.B. in 'De sui ipsius et multorum ignorantia' etwa in der Mitte des V. Abschnittes (L.M. Capelli, Bibl. Littéraire de la Renaissance, VI, Paris 1906, S. 90): 'Mulit plus sapientes quam oportet periere, et dicentes se esse sapiens, ut ait Apostolus, stulti facti sunt, et obscuratum est insipiens cor eorum.' - Diese Stelle zeigt, dass offenbar die ganze Strophe auf solche Gedanken Petrarcas Bezug hat, bei dem sich besonders auch die Klage über die grosse Zahl der Toren in

412

der Welt häufig findet. s.a.u. die Zus.-Fassg. von 97 und 98.

37. ... 'den' Attraktion ('denen, die')!

39ff. ... "Wenn einer hoch hinauf klettert ohne festen Rückhalt und das nicht vollbringen kann, sondern (wenn er) herabfällt, so begnügte er sich wohl auch mit der Mitte und zwar so, dass er seine Zeit in Hinblick auf Gott nicht müssig gehen liesse". - vgl. 59,69; auch 109,89f!

41. ... Streiche 'in' (M)!

44f. ... 'es', d.h. etwa: "was man unternimmt".

46f. ... Reim s. zu 11,44ff!

48f. ... 'all sach' ist Obj. und 'kain wesen stät' Subj.: "weil jedem Ding dieser Welt keine Stetigkeit zuteil wird".

57. ... Besser Semik. nach 'geleich'!

62ff. ... "er wäre gleich dabei, könnte ers mit der Schnelligkeit eines Kaufes erwerben; seinen ganzen Besitz würde er wieder dafür geben". - 'herwiderumb', "wieder", etwa als Anspielung darauf, dass ja dieser Besitz selbst ebenfalls zu den Freuden der Welt gehört!

65. ... 'erreisse' - nach dem zu erwartenden Sinne der Stelle (vgl. auch z.B. Vs. 6!) kommt kaum eine andere Bedeutung in Frage, als die B.Web. gibt: "'arripere', erwerben in Eile und Eifer".

69. ... Komma fort nach 'aigenschaft'; 'gepurd und end' sind als Objj. zu 'gedenk' anzusehen (M). - 'mit aigenschaft' = 'eigenlîche', "ausdrücklich"!

73. ... vgl. 119,37ff!

74. ... 'fürgehatzt' vgl. 96,18 'fürgesant'!

75. ... "sicherlich treffen wir das (nämlich die guten Werke) im Jenseits an".

76f. ... Reim vgl. zu 17,55/56 (nd/nt); auch zu 28,1 (d/t) u. 70,32 (ld/lt).

76-90. ... vgl. 96,55ff; 103,40f; 110,51ff!

413

78f. ... vgl. 59,73f und 121,36f!

78/82/89. ... 'mensch: -gens: gedens' s. zu 63,169/71!

86/90. ... 'tralle (aus 'trolle' : schalle' s. zu 80,19!

87 u. 92. ... 'ellend, armuet' vgl. zu 64,3!

96. ... 'an neide' s. zu 90,3!

97. ... 'dein veinde', d.i. 'Lucifer und sein genoss' (92,41)!

100. ... 'icht' : nicht! vgl. Vs. 40; s. zu 84,47!

101f. ... sprich 'weng'! - 'ain nutzes sweigen' zieht B.Web. mit 'los' ("horche") zusammen, was wohl immerhin die beste Erklärung der Stelle ist; der Punkt nach 'sweigen' ist demnach zu streichen. - Also etwa: "mit nützlichem Schweigen höre zu"!

Die ausdrückliche Nennung Petrarcas in diesem Gedicht lenkt den Blick auf Beziehungen zwischen ihm und Oswald. Gedanken, die sich in O.s Gedichten dieser Lebensperiode finden, würden sich sonst vielleicht auch aus der Zeitstimmung usw. erklären lassen; durch die Namensnennung jedoch legen sie Beziehungen zur Gedankenwelt des italenischen Dichters recht nahe. So liegen z.B. die Todesgedanken in Ged. 91, die Weltverachtung in den Gedd. 95 u. 96 ganz im Kreise von P.s drei Gesprächen über die Weltverachtung, in denen bes. auch der Mittelweg (97,41!), sowie das angenommene Zugeständnis, noch ein Jahr leben zu können, um seine Sünden zu büssen (92,19ff u. 97,12ff) als Themata erscheinen. Auch die bei 96, Schluss genannte Parallele aus den Poetischen Briefen gehört hierher. - Auf Grund solcher Verbindungen, die sich in Einzelheiten noch vermehren liessen, kann man mit ziemlicher Sicherheit annehmen, dass die Nennung Petrarcas nicht etwa nur die beliebte Verweisung auf irgend eine Autorität bedeutet, sondern auf unmittelbarer Kenntnis dieser oder jener Schriften, vielleicht wirklich der vorher genannten, beruht!

414

Jn diesem Zusammenhang gewinnt das als Titelbild beigegebene Porträt O.s seine besondere Bedeutung. Es findet sich in der Wolfenbütteler Hs. 3006 (Heinemann, Bd. 7, S. 155ff) auf fol. 202v als Randzeichnung; und zwar neben dem 17. 'sine-nomine-Brief' Petrarcas. Dieser (ältere) Teil der Sammel-Hs., in der neben anderem (z.B. 'De vita solitaria') die "Anonymen Briefe" P.s enthalten sind, ist nach Ausweis der Wasserzeichen (wahrschl. nordital.) um 1400 anzusetzen, dem die Schrift nicht widerspricht. Dazu kommen Federproben am Schluss (220v, 221r), die eine Herkunft dieses Teils aus Tirol ziemlich sicher machen; da ist z.B. ein 'Schenkenberger' (d. tirol. Geschlecht?!) erwähnt, sowie ein 'Hanns von Techant' (?) - einige Urkundenanfänge als Federproben sprechen noch deutlicher: 'Wir Peter von Gottes ...' - 'Wir Ulrich ...' - 'Wir hertzog fridreich von gots gnaden'. - Diese wohl sichere Annahme der Herkunft könnte ihre weiter Stütze finden in dem Verfertiger der zahlreichen Randzeichnungen; denn die offenbare Porträtähnlichkeit bei Osw. setzt vielleicht persönnliche Bekanntschaft mit dem Dichter voraus. Dass sich dieser Zeichner übrigens auch sonst um Porträt bemüht, zeigt, ausser vielen recht charakteristischen, aber nicht genauer zu bestimmenden Köpfen, das Vollbild Petrarcas neben dem Anfang der 'sine-nomine-Briefe', dessen angestrebte Aehnlichkeit in den Gesichtszügen unverkennbar ist, wie mich ein Blick auf ein Petrarcabild lehrte, das H. Hefele seiner Uebersetzung einiger Petr.-Schriften (D. Zeitalter d. Renaiss., Serie I, Bd. 2, Jena 1910) S. 124 beigibt ("aus einem Manuskript seiner Schrift 'De viris'"). Eine inhaltliche Beziehung findet sich bei der betr. Stelle, neben der Oswalds Bild steht, allerdings nicht, obgleich bei einer ganzen Reihe der Randzeichnungen solche Verbindungen deutlich sind.

Sonach ergibt sich leider nur kurz die Tatsache: Eine höchstwahrscheinlich aus Tirol stammende Petrarca-Hs. aus der Zeit um oder bald nach 1400 enthält neben vielen anderen

415

Randzeichnungen ein Porträt Oswalds von Wolkenstein, den, nach der Aehnlichkeit zu urteilen, der Zeichner wohl persönlich gesehen hat. Eine auch dies einschränkende Möglichkeit darf allerdings nicht unerwähnt bleiben: der Zeichner kann durch das Brixener Monument (s. Sch. I, Photogr.) angeregt worden sein; ein Vergleich jedenfalls macht diese Annahme möglich. Jst es doch auch durchaus nicht sicher, ob der Zeichner nicht etwa einer späteren Zeit angehört; denn die Zeichnungen sind erst nach der Niederschrift gemacht, sie gehen nirgends bis unter den Schriftspiegel und nützen freigelassene Stellen aus. Einen Zusammenhang mit einer Randzeichnung, die ein Bruchstück einer Uebersetzung von Petrarcas 'De variis remediis utriusque fortunae' enthält, konnte ich nicht feststellen.1

A. Schönbach verweist a.a.O (s. unten Anm.) S. 230 auf die Beziehungen Südtirols zur italienischen Literatur unter Anführung von H. Vintlers 'pluemen der tugent', der Uebersetzung der 'Fiori di virtu' des Tomaso Leoni, und von Oswalds Beziehungen zu Dante und Petrarca. Bezüglich der besprochenen Petrarca-Bruchstücke fährt er dann fort: "Es wäre somit die Arbeit, deren Bruchstücke sich jetzt gefunden haben, nur ein Zeugnis mehr, für das Jnteresse, welches die deutschen Südtiroler im 15. Jh. der benachbarten Litteratur zuwandten." Für H. Vintler und die Uebersetzung aus Petr. mag das immerhin zutreffen; ob auch für O., erscheint mir fraglich. Denn dessen Beziehungen zu Dante und Petrarca sind eigentlich weniger literarischer als religiös-moralischer Natur. Sie erscheinen

1A. Schönbach, Altd. Funde a. Jnnsbruck, Nr. XII, ZfdA 35, 227-237, gibt die Beschreibung dieses Bruchstücks (Perg.), das er in den Anfang des 15. Jhs. und nach Südtirol verlegt. Eine Photogr. der hier (S. 233) genannten Federzeichnung eines Vogels wurde mir durch die UB Jnnsbruck freundlichst zur Verfügung gestellt.

416

lediglich in Gedichten und Gedankenzusammenhängen der zweiten Art, daher die Annahme sehr viel Wahrscheinlichkeit für sich hat, dass O. in erster Linie durch Motive der Lebensbetrachtung und Bussfertigkeit, wie sie in seiner Gefangenschaftsdichtung sich offenbaren, zu der Beschäftigung mit Werken dieser Dichter angeregt wurde.

(s. auch zu 98!)

98 (25)

(Ad 44,f.27 b; B 32,f.14 b; C,f.37 b)

Metr.: Jn der 3. Str. (Vss. 25ff) ist Reim a zweisilbig, wobei zu Anfang die Synaphie durch folgende Auftaktlosigkeit gewahrt ist; doch im 3. Vers steht sowohl am Anfang als nach dem inneren Reim Auftakt, der die Füllung anschwellen lässt und die sonstige Glätte etwas stört. - Jm übrigen s. zu 57, Metr.!

Melod.: (15 = 47) s. zu 57, Melod.!

4. ... 'und schier gedächt' ist Fortsetzung des vorhergehenden Bedingungssatzes: "es käme denn eine Wandlung und ich bedächte schleunigst, wie ...".

8. ... 'siben kamer' - entsprechend den 7 Todsünden (vgl. Dante, Purgatorio!)?! Aber von den Sünden, die O. nachher aufzählt, sind höchstens nur 4 Todsünden (1., 2., 5. u. 6. Kammer)! s. unten Zus.-Fassg.!

9. ... 'fund ich den funt' - Nur negativ hat dieser Satz einen Sinn im Zusammenhang mit dem folg.; also 'fund ich' für 'enfund ich'! - "Fände ich nicht den Ausweg, ...".

10f. ... Sap.Sal. 11,17 - vgl. 98,22; 91,33f; 110,79; auch 82,21f!

12. ... "Grosse Freude für Unrat, ein solcher Tausch ist nicht zu lernen", d.h. einen solchen Tausch gibt es nicht. -

417

(12) ... 'lêren': lernen; s. zu 48,34.

13. ... "Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr" (Röm 12,19). - Er spricht es wirklich: 5. Mos. 32,35!

15f. ... Am besten Kolon nach 'hell' (vgl. Vs. 44!); der Punkt nach 'lecken' ist zu streichen (Türler): "da quält ein wie ein Siegel aufgedrückter heisser Körperschaden durch so grimmiges und unerträgliches Feuer, dass ..." - Zu 'lecken' vgl. Schm. Fr. I, 1433; auch Lexer KWb., 174! - Die Möglichkeit, 'haiss erlecken' ("heisses Verschmachten") zu lesen, sei erwähnt; doch bleibe ich bei der ersten Erklärung, zumal sie einen glatteren Reim ermöglicht!

17. ... 'des meres tam' - Auch hier könnte man an 'toum' (vgl. 94,35!) denken, es würde zu 'erstecken' immerhin passen. Doch ist diese Wendung jedenfalls als Steigerung gegenüber 'alle flüss' anzusehen, sodass 'tam', "Damm", also etwa "Flutberg" angemessener erscheint!

21. ... 'kre' vgl. zu 15,84.

22f. ... Komma nicht nach 'das', sondern nach 'vergolten' (vgl. 121,39f!) - 'metz' ist wohl Konj. Präs. zu 'metzen', "den Mahllohn (die Metze) nehmen" (vgl. Schm. Fr. I, 1705, Metz 2.); DWb. unter "Metzen") - also etwa: "Damit (d.h. mit den vorher genannten Strafen) wird Vergeltung geübt, dass ein jeder nach den ihm verliehenen Gaben seinen angemessenen Lohn erhalte".

24. ... '(strass) ... strecken' - "bereiten".

26. ... 'gewamer' - doch wohl nicht "Gewimmer", wie Lexer ansetzt, sondern "Gewimmel" oder "Prickeln"; vgl. Schm. Fr. II, 911 'wammeln': "sich regen, wimmeln"; 'wammezen': "sich regen, kribbeln" (auch von Gliedern bei Kälte!).

30. ... 'glitzen' - hier (gegenüber 110,78 'glitze') schwach, also = 'gelitze' swm., wie es nach MZ I,1013a auch in der

418

Martina des Hugo v. Langenstein erscheint? Es ist aber doch wohl dasselbe Wort wie 'gliz' (s. dies bei Lexer!), das eben hier, im Reim (!), schwach gebraucht ist (vgl. Maurer S. 56f, wo allerdings dies Beispiel fehlt).

37f. ... "Das vierte Gefängnis ist böser Art durch üblen Gestank in seiner schändlichen Umzäunung".

40. ... "Jn grosser Schande findet man reichlich darin ...".

42. ... "und die unbarmherzig den Armen ihr Recht vorenthalten".

43. ... 'gilnitz': "Gefängnis"; Fischer (Schwäb. Wb.) führt es an als "nicht mehr gebraucht", dabei auf Birlinger, Wb. d. Augsburger Ma., 1481, verweisend; Lexer, Nachtr., 212 belegt es urkundl. aus Österr. u. d. Enns und vergleicht 'gilgezen', "keuchend husten"; danach würde die Bedeutungsableitung der von 'kîche', das da auch verglichen wird, entsprechen. Jst nicht eher an slav. Ursprung zu denken?!

44. ... Nach 'gezalt' am besten Kolon (vgl. Vs. 15!).

45ff. ... ls. 'gra manigvalt so ist darinn das leiden, / Von hochvart, grosser üppigkait. / wie sich der mensch gezieret hat gestalt und klait, / swär herzenlait ..." (M).

48. ... 'sneiden', "zuschneiden" - Anspielung auf 'klait' vorher!

50. ... 'sleich' - Reimkürzung!

52f. ... Komma fort nach 'sätz' (= 'setze', stf., "Verpfändung") (M), wie Sch. I - 'sein lätz ... richten', "seine Schlingen legen", vgl. 63,20f.; 84,63 u. 111,11! - 'richten tuet' ist jedoch ἀπὸ κοινου̃; daher ist das Komma nach 'tuet' ebenfalls zu streichen.

54. ... "solcher Sünde Widerspenstigkeit ...".

Dies Gedicht von den "Höllenstrafen" ist oft in Untersuchungen und Aufsätzen zu unserem Dichter mit Dante in Verbindung gebracht worden. Das Bild, das sich zunächst dem Leser aufdrängt, legt ja einen Vergleich nahe genug. Bei beiden ist von Höllenkreisen

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oder -kammern die Rede, in denen die einzelnen Sünder entsprechende Strafen zu erleiden haben. Ein genauerer Vergleich jedoch zeigt, dass diese Parallelen nicht quellenmässig zu werten sind.1 Es finden sich zwar bei Dante, sowohl in der Hölle als im Fegefeuer zum Teil dieselben Sünden, bezw. ähnliche oder gleiche Strafen. Aber mit Ausnahme der Wollust, die im 'Purgatorio' auch mit Feuer bestraft wird, sind bei Dante Sünden und Strafen anders miteinander in Beziehung gesetzt als bei Oswald! Auch die Siebenzahl der Sünden, die sich im Fegefeuer den 7 Hauptsünden anschliesst, bildet nur eine äusserliche Parallele; denn unter den 7 Sünden, die Osw. hier nennt, sind höchstens 4 Hauptsünden (1., 2., 5., 6. Kammer). Es bleibt also als Parallele nur die Einteilung der Hölle nach Sünden und entsprechenden Strafen und die Siebenzahl entsprechend der Einteilung des 'Purgatorio' Dantes. Nun ist ja bekannt, dass Dante diese Dinge aus weitverbreiteten Ueberlieferungen nahm, die in den Kreis der Visionen gehören.

Hier finden sich einige Parallelen mit O., die wenigstens etwas weiter führen könnten. Die 'Visio Lazari' kennt eine Reihenfolge von 5 Höllenstrafen, die den ersten 4 (5) Kammern Oswalds entspricht: 'feuer - eis - vinster, die wir greifen )!) - stank - (gepunden / An seulen, auf laittern mit vörchtleichen wunden)' - s. M. Voigt, Beitr. zur Gesch. d. Vis.-Lit. i. MA., Palästra 146, 1924, S. 31.

Auch das Elucidarium des Honorius bietet für den 'infernus inferior' eine 9-teilige Reihe (M. Voigt, a.a.O. S. 23), die im Hinblick auf O. beachtenswert ist:

Osw.
1. ignis 1.
2. frigus 2.

1Schrott weist in Anm. 62 (S. 213) bereits auf die Verschiedenheit hin!

420

Osw.
3. vermes 6.
4. fetor 4.
5. flagra cedencium
6. tenebrae palpabiles 3. (greiffen!)
7. confusio peccatorum 7.
8. horribilis visio demonum 5.
9. ignea vincula

Die 3. und 6. Strafe ist also bei O. vertauscht; nachher weicht die Reihenfolge ab.

Ferner ist vielleicht die deutsche Version der 'Visio Pauli' (H. Brandes, Visio S. Pauli, Halle 1885, S. 83-88) heranzuziehen, wo sich folgende Stelle findet (S. 85,16ff): '... Da waren inne man und frawen, und ir zungen azzen dy slangen. ... Das sind dy dy kein parmung habent gehabt, uͤber dy armen und dy geytig und furchauffer sind gewesen und dy wucher habent genomen.' - Dies entspräche Oswalds 6. Kammer; sonst allerdings weicht diese Fassung der V.P. ab.

Diese Parallelen, die ich fand, sind leider auch dürftig genug; doch zeigen sie, dass eher ein Zusammenhang mit der Visionenliteratur der Zeit besteht als mit Dante. Eine Bekanntschaft mit der 'Divina Comedia' mag ja auch anregend gewirkt haben, doch stofflich ist ihr für dieses Gedicht nichts entnommen. Dass O. sie kannte, schliesse ich aus Anspielungen, wie 79, Schluss (Willensfreiheit); 94,5 (neun kör der engel); bes. 92,52 (in wildem walt); auch die Vorstellung des Höllenrachens (92,5 u. 42; 98,7) könnte hierher zu ziehen sein.

Für die Zeit der Gedichte 91 bis 98 verweise ich auf Sch. I, 115f. Man wäre vielleicht versucht, etwa 92; 93; 98 (s. auch Sch. II, 28f zu Hs. A!) in das eigentliche Alter O.s zu setzen; doch entspricht die Stimmung auch der von fester (früher) datierbaren Gedichten (z.B. 89 u. 91!), sodass wohl kein genügender Grund vorliegt, hier von der Schatz'schen Einreihung

421

abzuweichen (vgl. auch Sch. II, 57 gegen Wustmann!). Dass gerade in den Gedichten dieser Zeit die Anklänge an Dante (s. zu 98) und besonders Petrarca (s. zu 96 u. 97) sich zusammendrängen, legt den Schluss nahe, dass O. sich in der zweiten Gefangenschaft von Aug. 1422 bis Dez 1423, "die gewiss nicht hart war, sondern nur eine Entziehung der Freiheit" (Sch. I, 116), mit diesen Dichtern beschäftigte. Vielleicht wurde er dazu angeregt durch gebildete Geistliche oder Mönche, mit denen sich auszusprechen ihm jedenfalls in dieser Zeit der Wandlung zu ernster Religiosität Bedürfnis geworden war. Diese Vermutung hat auch deshalb manches für sich, weil, wie hier noch einmal betont sei, in den Beziehungen zu Dante und Petrarca das Religiös-moralische und Ethische ausgesprochen im Vordergrund steht.

Auf solche Gespräche und ähnliche Beziehungen wie die ital. Dichter, oder gar auf sie selbst sind wohl auch z.B. folgende Gedanken zurückzuführen: 96,67-70, Freundlichkeit von Mensch zu Mensch nur in der Hoffnung auf 'gab' und 'guet'; 96,100f, Leiden eine Gnade von Gott; 96,55ff; 97,76ff (auch 103,37ff; 110,51ff) der Vergleich der Bosheit des Menschen mit dem doch viel vernünftigeren Tier!

99 (11)

(Ah 87,f.47 a; B 86,f.36 a; C,f.72 a)

Metr.: eigen; in Zeile 4 fehlt der Auftakt, Zeile 9b u. 37b haben Auftakt entgegen dem Schema; auch Zeile 36 birgt Schwierigkeiten. - 11b, 24b u. 37b sind besser als besondere Verse abzusetzen, weil dann das Verhältnis zwischen Auf- und Abgesang deutlicher herauskommt (s. Melod.!)

Melod.: (52) eigen; in der Frische an die Mel. v. 78 (49) gemahnend, wenn auch im einzelnen ohne Aehnlichkeit. Aus der mensuralen Fassung ergibt sich das eigentliche Bild des

422

Strophenbaus, wie es aus dem Text allein nicht zu erschliessen ist. Eine Reihe einsilbiger Taktfüllungen ist nach der Mel. unabweisbar, wobei die Tatsache wichtig ist, dass diese Füllungen meist von Wörtern bestritten werden, die Nebenton haben können oder sonst keine Schwierigkeiten solcher Betonung entgegensetzen (pfálzgràf, rǘerstù, fǘerstù, stä́tèm, mánhàit, wéishàit, wárhàft, rǘem dìch, zǘchtèn, wándèl, hándèl, (ích dèn), Unfrö́stlìch, kö́stlìch, (méin dà), líebèn, fǘchsèn); ebenso sind die Reime 11/12 frauen: getrauen, 24/25 milden: pilden, 37/38 bedecket: erschrecket unzweifelhaft klingend! - Die Ausnahme (nícht gè-, pérmàféi, júgènt, túgènt, wólgèziért, úngèviért, wás ic̀h kán, schérèn, gepflén͡g, èngéng vòn dem líebèn) dürfen nicht schrecken, da sie, abgesehen davon dass sie in der Minderzahl sind, auch im Oswald'schen Reimgebrauch zum grossen Teil ihre Bestätigung finden (vgl. auch II. Teil, 3. Kap.); was übrig bleibt (bes. Vs. 36!) muss hingenommen werden. Es zeigt sich nämlich in diesem durch die mensurale Melodie gegebenen Bau eine schöne Regelmässigkeit der Perioden von Auf- und Abgesang:

Schatz Zeile 1/2 : 8 Takte (paus. 8. Hebg.)
Schatz Zeile 3/4 : 8 Takte (paus. 8. Hebg.)
: Aufges. zusammen
Schatz Zeile 5-8 : ebenso 32 Takte
Schatz Zeile 9 : 8 Takte (paus. 8. Hebg.)
Schatz Zeile 10 : 8 Takte (paus. 8. Hebg.)
Schatz Zeile 11 : 8 Takte (paus. 8. Hebg.) Abges. zusammen
Schatz Zeile 12/13 : 8 Takte (paus. 8. Hebg.) 32 Takte!

Es sind also, um auch im Text diesem Bau etwas entgegenzukommen, entweder Zeile 12/13 als eine Zeile oder Zeile 11 als

423

zwei Zeilen zu lesen; ich ziehe dieses vor und setze 'permafoi' (/ –́ / –̀ / –́ / v̀ v /) usw. als besonderen Vers ab (s. oben Metr.!).

3. ... 'schraite' - Nach dem Zusammenhang ist wohl am ehesten ein Adj. als Variation zu 'praite' zu denken; so wird es auch bei B.Web., sowie MZ. und Lexer erklärt: "breit, ausgedehnt".

4f. ... Punkt nach 'genoss'! Vs. 5 ist ein neuer Satz (Subj., 'nicht')!

7. ... 'pärlich' - Nach dem Reim könnte man etwa ein '*baerelich': "angemessen" (s. Lexer!) annehmen, doch handelt es sich wohl, entspr. dem Sinn des Satzes, um dasselbe 'bärlich', "offenbar" wie 14,9! - Mit Sch. I besser Komma nach 'klärlich'.

8. ... Semik. oder Punkt nach 'mass'!

10. ... Punkt setze ich nach 'milt' wie Türler; aber ein Komma gehört nicht nach 'weishait', wie Türler will, sondern nach 'warhaft'; denn 'milt' ist nicht als Subst. anzusehen - 'werhaft, milt' sind satzgemäss nachgestellte Attribute zu 'manhait, weishait' und sinngemäss diesen beiden nebengeordnete Begriffe; sowohl 'warhaft' als 'milt' sind beides für sich Attribute für Fürsten (vgl. z.B. Such. XXIX, 149).

11. ... Komma nach 'frauen' - 'permafoi : Sophoi' s. zu 63,210.

14. ... Komma nach 'dich'.

15f. ... Komma nach 'perg' (M. u. Türler), 'das' = "dass", also nicht Ausr.-Z. nach 'schöne', wie Türler es setzt!

16. ... 'fröne mündlin', "herschaftliche Mündlein" - nämlich der 'schön kindichin wolgetan', die er in Heidelberg bei Pfalzgraf Ludwig antrifft (s. unten Zus.-Fassg.!).

19. ... 'ir', d.h. der 'mündlin', die eben den nachher genannten 'kindichin' zugehören! Zu den Namen selbst s. unten!

20f. u. 26. ... 'Kädrichin', 'Engichin', 'kindichin' - wir sind im

424

Gebiet des Rheinfränkischen! Vs. 29 'Nau' für 'Nahe' gehört wohl auch hierher.

22f. ... Beide Kommata fort; ls. 'wol geziert'; 'ungeviert' ist hier jedenfalls auch lobend gemeint, also etwa: "beweglich, ohne Steifheit". - "deren Jugend, Anstand und Zucht herrlich zieren ohne die geringste Steifheit".

24. ... ls. mit C 'des' (M).

31f. ... vgl. 59,2 und 63,11f!

33. ... 'an rueff ...' - "ohne viel Geschrei besorgte ich mir meine Bequemlichkeit ...".

36. ... Trotz der nicht gerade schönen Lesung, die sich aus der Mel. für die metr. Gestalt dieses Verses ergibt (s. oben!), muss daran festgehalten werden; es ist also 'gepflen͡g engen͡g' zu lesen (vgl. 64,93-95 - en͡g!). 'Part' wohl Wortspiel zwischen 'part', "Partner, Genosse" und 'bart' als Anspielung auf Ludwigs Beinamen "Der Bärtige", den dieser nach einer Pilgerreise nach Jerusalem bekam (vgl. K.A. Höfler, Rupr. v.d. Pfalz, Freib. i. B. 1861; Eberhard, Ludw. d. III, Kf. v.d. Pfalz ..., Giessen 1896) - vorausgesetzt allerdings, dass hier keine Verwechslung mit Ludwig VII. von Bayern - Jngolstadt vorliegt, der als "Der Bärtige" bekannter ist! - vgl. 100,59!

37f. ... vgl. 100,46. - 'mäder' für 'märder' gegen die Hss. ergibt sich aus dem Reim 100,46!

Hier sollen nur kurz die Namen in Vs. 20f besprochen werden; im übrigen vergleiche die Zus.-Fassg. bei Ged. 100.

'Mätzlin' ist ganz offenbar die älteste Tochter (= 1418/19) des Pfalzgrafen Ludwig, die später so berühmte Pfalzgräfin Mechthild. Oswald lernte sie also als 5-jähriges Mädchen kennen! Ueber die anderen beiden Töchter Ludwigs ist zu wenig überliefert, als dass sichere Schlüsse gezogen werden könnten; in Frage kommen sie jedenfalls nicht, denn sie haben andere Namen

425

Margarethe und N...?). Jedoch finden sich eine Katharina und eine Agnes in der Verwandtschaft des Pfalzgrafen. Adolf I. von Cleve war durch seine erste Gemahlin (Pfalzgräfin Agnes, gest. 1401) der Schwager Ludwigs; mit seiner zweiten Gemahlin (Maria, Tochter Johanns des Unerschrockenen, Herzogs von Burgund; verh. 1415) hatte Adolf 8 Töchter, darunter Katharina (* 1417) und Agnes (* 1422). Vielleicht waren diese beiden kleinen "Cousinen" der Mechthild gerade zu Besuch in Heidelberg, als Oswald hinkam?!

Ebenso, wie 'Kätzlin' und 'Kädrichin' sicher nur auf ein und dasselbe Mädchen bezogen werden muss, ist das wohl auch bei 'Agnes' und 'Engichin' der Fall (vgl. auch Noggler, ZfdA 27, 190f); eine 'Angelica' jedenfalls, wie B.Web. 'Engichin' auslegt, konnte ich in dem Kreis Ludwigs und seiner Verwandtschaft nicht nachweisen.

Um Missverständnisse bei Betrachtung von Ged. 100 (s.a. Sch. II, 17) vorzubeugen, weise ich darauf hin, dass der genannte Adolf I. von Cleve (u. Mark) nicht identisch ist mit dem (Adolf) vom Berg, den Osw. 100,53 nennt!

Zu der Beweisführung von Schatz (Sch. I, 116) wäre noch hinzuzufügen, dass O., wäre er erst 1426 oder 1427 nach Heidelberg gekommen, in diesen Gedichten auch den Tod des Sohnes Ludwigs aus erster Ehe mit Blanca von England erwähnt hätte (Ruprecht gen. England, gest. 1426).

426

100 (12)

(Ah 86,f.46 b; B 41,f.17 a; C,f.44 a)

Metr.: Der mstr. Rahmen entspricht dem von 64 u. 94, w.m.s.; Ged. 100 hat jedoch mehr Unterteilung durch innere Reime, und zwar sind die ersten und letzten Stollenzeilen von Stollen zu Stollen, sowie die letzten Zeilen der Abgesangsteile miteinander durch Jnreime im 2. Takt gebunden. Sowohl diese als die anderen inneren Reime (wie 64 u. 94) sind meist einsilbig, doch finden sich hier ebenfalls zweisilbige mit folg. Fehlen des Auftakts: 4/8; 41; 42; 43; (46); 47; also, abgesehen von 4/8, fast im ganzen Abges. nur einer Strophe!

Melod.: (70) i. allg. eigen; nur im Abges. ähnl. der von 64 (19) und 94 (14). - Der geringe mensurale Einschlag, den die Notierung im Aufges. zeigt, ist ganz offenbar nur als eine Unterstützung rezitativischen Vortrags zu werten; für den ja sonst klaren metr. Bau ergibt sich nichts daraus. Melodisch unterstützt scheint von den inneren Reimen nur der Jnreim des Abgesangs zu sein. - Die Zeilentrennung in Kollers Abdruck bietet ein falsches Strophenbild: seine Zeilen 1/2 und 3/4 dürfen ebenfalls nur je eine Zeile bilden, wie die anderen! Die genannte Mensurierung am Anfang hat wohl zu der Trennung verleitet. Stellt man die Zeilen richtig auf, so ergibt sich auch, dass in dem 2. u. 6. Vers (bei Koller d. 4. Melodiezeile) je eine Silbe zuviel auch eine Note zuviel veranlasst hat. Ein Vergleich mit den Parallelversen der anderen Strophen (ausser der Forderung des Schemas) zeigt die Notwendigkeit, eine Note zu streichen, und zwar das zweite g (die erste Note in Kollers 4. Zeile, auf 'zu' und 'dank'); die Mel. der zweiten Stollenzeile muss also lauten: c' d' e' d' g a h c' a a f e! (vgl. u. zu Vss. 2, 6 u. 22!).

427

2. ... ls. 'zainem' (s.o. zu Melod.!).

4 (8, 12, 16). ... d/t s. zu 28,1; vgl. a. zu 17,55/56 (nd/nt) und 70,32 (ld/lt).

6. ... sprich 'd'seuberliche'!

7f. ... Neujahrswunsch zum 1. Januar 1424.

9. ... 'des' Wiederaufnahme von 'meiner kunft'!

13. ... 'freud:geud' s. zu 11,44ff!

14f. ... "deren (d.i. der Freuden) ich da ein grosses Stück fand, wohin ich auch ging".

15f. ... Ob es sich hier um eine bewusste Anspielung auf Parzival handelt, wie man angenommen hat (vgl. Schrott, S. 200 Anm. 6; Passarge, S. 63 Anm. 4), erscheint mir doch nicht ganz sicher, wenn auch Parzival hinter dieser Wendung steht. Die Erklärung, die schon B.Web. hat (Gloss. unter 'reutter': "eine Art Ritterschwur"), ist wohl das Gegebene.

19. ... 'schon gezaft' - etwa: "schlank"; s. zu 79,62!

22. ... ls. 'Ulm' (aus 'Ulm͡n'!).

26. ... Kolon nach 'sten'!

28. ... vgl. a. 64,50! Ausführungsstriche nach 'gevallen?'!

29. ... 'halbs gesicht' s. zu 1,4; vgl. 5,17f; 30,6; 58,45f; 59,21; 64,96.

31. ... 'slecht gewant' - "einfaches Kleid"! Der Zusammenhang liesse ja die spätere Bedeutung "schlecht" auch zu; doch braucht O. das Wort sonst nur für "glatt, schlicht"; Adv. "schlechthin" u.ä.

34ff. ... 'fünf fürsten von der kur' - 'Kölen': Erzb. Dietrich II. von Mörs (1414-1463), 'Mainz': Erzb. Konrad III., Rheingraf von Dauhn (1419-1434), 'Triel': Erzb. Otto Graf von Ziegenhain (1418-1430), Pfalzgraf Ludwig III., Oswalds Freund und Gönner, Markgraf Friedrich I. von Brandenburg. Auf des letzten vor nicht langer Zeit (1417) erfolgte

428

Erhebung in die Kurfürstenwürde (Passarge übersetzt: "der neulich erst gebacken") ist das 'gemachet' jedenfalls eine Anspielung. - Zu der Zusammenkunft dieser Fürsten s.u. Zus.-Fassg.!

40. ... 'versprachet' : "angeredet" (vgl. unten Vs. 57 u. 12,14 'sprachen'!).

43. ... Komma fort nach 'miet' (Türler); doch ist nach 'unverzigen' besser Semik. zu setzen; den 'unverzigen' absolut zu nehmen, ist ungezwungener ("ohne dass ich auf irgend etwas zu verzichten brauchte"), als 'sölcher miet und er' als ἀπὸ κοινου̃ zwischen 'unverzigen', das dann die Rection ausübte, und 'ward ... erwachet' anzusetzen. - 'erwachet' aus 'erwaht' zu 'erwecken'! - etwa: "ward nie zuteil".

46. ... vgl. 99,37f; nach 'mäder' Komma fort: "wegen der Fuchs- und Marderfelle (, die ich bekam,) legte ich meine Wanderkluft ab". - Die metr. Glätte lässt sich kaum herstellen; doch gibt die rezitativ. Mel. Spielraum!

47. ... 'schait' = 'schaitel' (B.Web. Text 'schait(e)l', Laa. 'schaitl' für C!).

48. ... 'verdachet' aus 'verdaht' zu 'verdecken'; "(auf seinen Rat musste ich stets schwören) ich musste stets zu ihm halten (still und heimlich) im Jnnersten meines Herzens".

50. ... 'karren wilder ruer' etwa: "Rumpelkarren".

57. ... 'sprach' Präsens! s.o. Vs. 40!

58. ... 'die widervart' Obj. zu 'suecht ich'.

59. ... 'Fürstenberg' - Nach dem geographischen Zusammenhang des Vorhergehenden kann es sich wohl nur um das Fürstenberg handeln, das Oesterlay, Hist.-geogr. Wb., aus dem rheinländischen Kreis Geldern erwähnt; oder ist etwa die Burg Fürstenberg bei Bacharach gemeint? - 'Part' s. zu 99,36.

61. ... 'pagärt' ("bezahlt") steht dem Ursprungswort (it. 'pagare')

429

noch näher als 'pag' 36,44! - Reim vgl. 116,89/95 'pässärt : pfärt'!

63. ... 'hie', d.h. also in Heidelberg! - 'sich verdärt': "sich hinzieht" (vgl. zu 87,46 'därt').

Die Zeit der beiden Gedd. 99 und 100 ist wohl genügend nachgewiesen durch A. Noggler, ZfdA 27, 179-192, dem sich Schatz anschliesst (Sch. I, 116): Anfang 1424.

Wenn Osw. 100,34ff nur 5 der Kurfürsten nennt, trotzdem die Urkunde des Binger Kurvereins von allen 6 ausgestellt ist (RTA VIII, Nr. 294/295), so erklärt sich, worauf Noggler a.a.O. S. 189 mit Recht hinweist, das leicht aus der Tatsache, dass Friedrich von Sachsen erst bei dieser Tagung von den Kurfürsten in ihren Kreis aufgenommen wurde (18. Jan. 1424, RTA VIII, 297); Osw. hatte die anderen 5, die er nennt, wohl vorher in Heidelberg getroffen und war dann etwa mit ihnen nach Bingen (99,30!) gezogen!?

Oswalds Beziehungen zum pfalzgräflichen Hause sind jedenfalls schon älteren Datums. Den Vater Ludwigs, König Rupracht III, erwähnt er selbst (64,20), auch ist es nicht ausgeschlossen, dass er mit diesem seine "Preussenfahrt" im Jahre 1386 gemacht hat (s. zu Ged. 64!). Bei Ruprecht mag ihn dann der so gut wie gleichaltrige Ludwig (* 1376!) kennen und schätzen gelernt haben, sodass dieser Kunst und Wissenschaft liebende Fürst die Verbindung mit dem Dichter aufrecht erhielt. Jn diesem Zusammenhang ist es für die Gedd. 56; 57; 79; auch für 117,49ff nicht ohne Jnteresse, dass sich in der kurfürstlichen Bibliothek Ludwigs u.a. Handschriften astrologischen (wohl zugleich kalendarischen) Jnhalts befanden, sowie unter den theologischen ein Bibelkommentar des Thomas von Aquino (Fr. Wilken, Geschichte ... der Heidelberger Büchersammlungen, Heidelb. 1812, S. 99 und 102)! - vgl. auch zu Ged. 102.

430

101 (8)

(Aa 36,f.22 a; B 55,f.24 a; C,f.53 a)

Metr.: eigen; die Reimverteilung des ersten Strophenteils (Vs. 1-4) gleicht sich in Strr. 2 und 3 der von 61 u. 62 an (a b, a b); die Rep. bietet ebenfalls das gleiche Bild wie die von 61 u. 62 - im übrigen weicht aber der Bau von 101 vollständig ab, was auch die Mel. deutlich ergibt: Zu Vss. 3/4 wird nämlich die Mel. von 1/2 wiederholt, desgl. zu Vss. 9-12 die von 5-8, während die acht Verse der Vorstrophen von 61 und 62 sich nur in 2 x 4 mit gleicher Mel. teilen. - Für die Rep. ist immerhin interessant, dass bei Vss. 17ff die Fassung von A dem Metrum der Rep. von 61, die Fassung von BC der von 62 entspricht (s. a. u. Melod.!). - Eine Zusammenlegung der Rep. zu längeren Versen kommt hier wohl ebensowenig in Frage wie bei 61 u. 62, wenngleich die Mel. es gestatten würde.

Melod.: (77) eigen; ohne Aehnlichkeit mit einer der Melodd. von 61 und 62, auch nicht in der Rep.; 3-teil. Takt, mensuriert. - Der Einschub von BC bei Vs. 18 kennzeichnet sich in der Mel. als überschüssig; denn das eingeschobene Stück wiederholt, dadurch den Fluss der Mel. hemmend, die Töne für Vs. 18 (s. Koller, Revis.-Ber. zu Melod. 77).

1. ... 'mein puel': Sabine!

3. ... Der "ungefegte Rost" ist wohl nicht nur als Bild für die Quälereien Sabinens anzusehen, sondern zugleich eine Anspielung auf den Rost der Eisen, mit denen er gefoltert wurde; nach dem Reim jedenfalls, ganz abgesehen von dem Beiwort 'ungevegt', kann nur 'rost' und nicht etwa 'rôst' in Frage kommen; dieses reimt bei O. nur auf -ôst (44,9; 84,84; 119,18).

6. ... 'gelückes hab ich klainen val' - Jn dieser Wendung ist bei 'val' noch deutlich die Herkunft dieses Bedeutungszweiges

431

vom Würfelspiel zu erkennen (vgl. 'chance' usw.); s. DWb. unter "Fall". - "Jm Glücksspiel des Lebens werfe ich wenig Augen".

7. ... 'mit grossem qual' - s. zu 9,11 und Gloss.!

8. ... vgl. 87,39f!

10. ... Zur Konstr. vgl. Gr.Gr. IV, (620ff), 864ff (dopp. Acc. b. Vbb. mit 'ana, an').

15f. ... 'vol' Adv.! - Gemeint ist natürlich die Familie derer von "Hüpfenstich"!

20. ... Die La. von A bezieht sich offenbar auf das 'sünd ... püessen' (tle dd' = 'tale dicendum'?).

21ff. ... Diese Worte könnten immerhin übertragen gemeint sein ('vor dem ofenloch': auf dem Wege nach, oder vor Ofen; 'schüren, haitzen': mahnend erinnern oder ähnl.); doch ist wohl an der wörtl. Bedeutung festzuhalten, dass O. mit dem Ebser zusammen (s. Sch. I u. BC!) vom Vorzimmer aus den Ofen von Sigmunds Zimmer überheizte, sodass der König herauskommen musste. - Zu der Aenderung von BC, die in Sch. I in den Text übernommen ist, bemerkt Schatz (Sch. I, 117): "... eine wesentliche Aenderung ..., die doch nur vom Dichter herrühren kann. Einen Wilhelm Ebser, der ein Parteigänger der Starkenberger in ihrem 1422 gegen Herzog Friedrich ausgebrochenem Kampfe war, macht Noggler a.a.O. 27, 181 namhaft, es ist durchaus möglich, dass dieser mit Oswald zu König Sigmund gereist ist." - Die Ebser waren Pfleger zu Kufstein; vgl. ABT III u. bes. Iv, wo jedoch nur ein Otto und Konrad Ebser für diese Zeit erscheinen. Jn den RJ. sind beim 4. Juni 1425 (Ofen!) der genannte Otto und ein Stefan Ebser als Räte Sigmunds erwähnt, von denen der zweite am 29. Aug. 1425 Reichslandvogt zu Augsburg wird (RJ. 6396, Ofen) und später den Blutbann daselbst erhält (RJ. 6567, 16. März 1426, Wien). - Ein Wilhelm Ebser ist mir weder in den ABT noch in den RJ.

432

begegnet.

Jch halte deshalb dafür, dass der 'Ebser', den O. meint der genannte Stefan Ebser ist, den er als Rat König Sigmunds kannte und in Pressburg am Hofe traf. Der musste ihm dann bei der Erlangung der Audienz behilflich sein! Dieser liegt wohl auch deshalb am nächsten, weil er später zu höherer Stellung aufrückte, also im Hofkreise gegenüber den anderen am ehesten "Der Ebser" genannt werden konnte. Ausserdem hätte O., wenn er mit einem Ebser zusammen zu Sigmund gereist wäre (s.o.!), wohl schon gleich bei der ersten Fassung etwas durchblicken lassen (etwa durch Plur. od. ähnl.). Jedenfalls lässt die erst in B erfolgte Aenderung darauf schliessen, dass er beim Lesen des Verses 'da plaib ich allzeit in dem rat' ("da hielt ich mich immer im Kreise der Räte auf" oder "da antichambrierte ich dauernd"; vgl. Vss. 40ff!) sich der näheren Umstände erinnerte: "Wie war das doch gleich?! Da verhalf mir ja dann 'der Ebser' zu einer Audienz!"

31. ... 'als eur genad vernempt ...' - "wie Euer Gnaden vernehmen mögen" - 'vernempt' ist jedenfalls Jmperativ; die Konstr. wäre dem Jmperativen mit Pron. an die Seite zu stellen (s. zu 11,17).

36. ... "dann hört der Spass auf".

37. ... ls. 'guldin' mit B, wie Sch. I (Acc. Pl., also nur Apokope; s. zu 63,158 und vgl. zu 59,77). - 'Sechs tausent g.' - vgl. 87,41 'Vier tausent mark' (s. Sch. II,14ff).

40ff. ... bezieht sich jedenfalls auch auf die unbequeme Wartezeit bis zur Audienz; O. wurde offenbar tagelang nicht vorgelassen.

43f. ... "Darum denke jeder Liebhaber darauf, dass er sich seiner Liebschaft ('damit er puel') als eines Spasses freuen könne."

Für die Zeit s. zu 102!

433

102 (19)

(Ah 84,f.46 a; B 30,f.14 a; C,f.36 b)

Metr. u. Melod. s. zu 57!

4ff. ... Reim -ôrt : ort vgl. 117,185/191 (auch 104/106 in A!); 120,17; Mundi renov., 22ff; Annunt. BMV., 27/29. - s. Maurer S. 21f!

13. ... vgl. 107,64; 116,67!

15. ... s. zu 32,4/5!

16f. ... 'gewirt' = 'gewirret'; wie 'kirt' = 'kirret'; vgl. 86,12/14!

18. ... 'mein singen' ist zweites Subj. des Nebensatzes, also zu 'mich verirt' und 'erschellet'.

19ff. ... 'disonanz' usw. vgl. zu 64,24! 'disonanz' hier allg.: "Missklang", 'falseten' wohl: "falsche Töne", 'concordanz' s.v.w. unser: "Konsonanz", 'resonanz' schlechthin: "Ton, Klang" (vgl. 65,50); die ersten beiden Ausdrücke beziehen sich wohl auf sein Singen, die letzten auf den Zusammenklang seines Gesanges mit dem "melodischen" Geschrei des Kindes.

22. ... "Jst schwer zum Schweigen zu bringen".

29. ... ls. 'des ich da pflag' - so gibt auch B.Web. in seinen Laa. ausdrücklich für C an; 'pflegen' sonst nur mit Gen. bei Osw.!

30. ... 'tet ich zu straffen' - "liess ich zu seiner verdienten Strafe kommen". - Gross ist allerdings der Unterschied gegenüber der sonstigen Konstr. von 'tuon' bei Osw. (mit einf. Jnf.) nicht; metr. Erfordernis wird das Seinige dazu beigetragen haben, dass hier noch 'zu' steht (s.a.d. Laa. von BC!).

36. ... 'sein stimm verkeret' - "Seine Stimme im Schreien

434

überschlug".

37. ... 'Mich wundert ser an ainen man' (so auch Sch. I!); B.Web. hat im Text (ohne Laa., also wohl fälschlich) 'ainem'; wenn auch dies zu erwarten wäre, ist jedenfalls an dem überlieferten Acc. festzuhalten! - Komma nach 'man' (M), wie in Sch. I!

41. ... vgl. 42,31!

44. ... vgl. 87,35!

45. ... Besser Komma nach 'verhönen'!

Zu 101 und 102 bemerkt Schatz (Sch. I,116): "Dass beide Gedichte nach 1421 fallen, geht aus 101,1ff sicher hervor, denn beide gehören zusammen, wenn auch 102 keine Beziehungen zu den Leidensjahren des Dichters aufweist. Er war schon im Frühjahr 1419 einmal in Ungarn (Zeitschrift für deutsches Alterthum 27,181); aber 102,6f spricht vom Winter, so dass diese Reise von 1419 nicht gemeint sein kann. 111,97ff sagte er, dass er 'pei dritthalb jaren' nach dieser Reise nach Ungarn von Herzog Friedrich gefangen wurde, das war Ende März 1427, es träfe also Herbst 1424 für die Reise nach Pressburg. Bedenken regen sich da nur insoferne, weil der Dichter bereits im November 1424 nicht mehr in Ungarn war, König Sigmund versprach ihm am 15. Dezember auf seine schriftliche Bitte um Hilfe gegen Friedrich es zu thun. Bis der Dichter an Sigmund geschrieben und dieser ihm geantwortet hatte, vergingen Wochen. Wenn wir die Angabe 'pei dritthalb jaren' nicht peinlich genau nähmen, könnten wir auch an den Februar 1424 denken, so dass er unmittelbar nach der Rheinreise sich an den Hof König Sigmunds begeben hätte. Doch ist der Dichter in den Zeitangaben verlässlich, zu dem ist die genannte Stelle gewiss nicht nach Mitte 1427 geschrieben, also auch die Erinnerung noch ganz frisch; es ist also wohl der October 1424 die Zeit dieser Reise."

Jch schliesse mich Noggler und Schatz an und halte am

435

Okt. 1424 für diese Ungarnreise fest. Die Noggler'sche Beweisführung ist einleuchtend genug, sodass sie nicht hinfällig wird, wenn man auch den Wilhelm Ebser (s. zu 101,21ff) nicht gelten lässt und ferner annimmt, das Sabine bei O.s Ungarnreise (also Okt. 1424) schon tot war. Aus der von Noggler (a.a.O. S. 183) angezogenen Stelle 111,79ff geht nämlich deutlich hervor, dass Sabine nicht mehr lebte; denn es ist zu übersetzen: "Wäre sie doch noch einmal gestorben! Denn sie ist mir noch immer gefährlich. Das wurde ich inne, als ich nach Ungarn ritt" (M). Die urkundl. Belege widersprechen dem auch nicht; sie ergeben nur, dass Sabine im Juli 1425 als verstorben genannt wird (Noggler a.a.O. S. 183; Sch. II,18); sie kann also sehr wohl im Herbst 1424 gestorben sein (s. Sch. II,9!). Ihr Tod wäre dann etwa die Veranlassung für O.s Bittgang zu König Sigmund gewesen, weil der Dichter hoffte, nach dem Tode seiner Feindin, die Sache leichter beilegen zu können. Diese Annahme wird nun nicht entkräftet sondern eher gestützt durch die Schilderung, die Osw. 101,26ff. von seinem Gespräch mit Sigmund gibt, und durch die Klagen, die er daran knüpft. Es steht also nicht nur nichts entgegen, sondern es spricht manches dafür, den Tod Sabinens in den Herbst 1424 (September!?) zu setzen.

Die von jetzt ab deutliche Verstimmung des Königs gegen Osw. (s. Sch. II,18) kann z.T. ihren Grund auch in O.s Reise nach dem Rhein haben. Denn der Dichter wurde bei seinem Gönner Ludwig von der Pfalz freundlich aufgenommen, wo sich auch die anderen Kurfürsten des Binger Kurvereins befanden. Jnfolge des gespannten Verhältnisses zwischen Sigmund und den beiden Kurfürsten Ludwig von der Pfalz und Friedrich von Brandenburg nahm der König auch den Binger Kurverein übel auf (vgl. u.a. Lindner, Der Binger Kurverein, Mitt. d. Jnst. f. öst. Gesch.-Forschg. XIII, 394 bis 413). Dass Sigmund den in diesen Kreisen freundlich empfangenen Dichter nicht eben entgegenkommend behandelte, ist also schon allein daraus verständlich, wenn auch noch andere

436

Gründe für die ablehnende Haltung des Königs den Anlass gaben (vgl. Noggler, ZsFerd 26, 148f). Zweifel, die wegen des Ortes auftauchen könnten1, werden behoben durch Noggler, ZfdA 27, S. 183 Anm. 4, wo er Sigmunds Anwesenheit in Pressburg um den 15. Oktober 1424 nachweist.

103 (20)

(Ah 90,f.48 a; B 95,f.39 a; C,f.76 b)

Metr. und Melod. s. zu 65; vgl. a. zu 84!

9. ... 'sein', d.i. Gottes! - 'du ... darff' s. Gloss. unter "Präteritum".

11. ... vgl. 118,191 - nach 'verkart' besser Semik. oder Komma; sinngemäss gehört Vs. 11 auch zu dem Nachsatz für 'klag'.

13. ... 'lert' wohl: "lernt", wenngleich "lehrt" hier ebensowohl möglich wäre; s. zu 48,34!

15ff. ... Zu diesem beliebten Bild vgl. Seiler, Entwicklung d. dt. Kultur i. Spiegel des Lehnworts, Bd. 5 (Lehnsprichw., Halle 1921), S. 251f!

18. ... Punkt nach 'swär' (M)!

25ff. ... 'die vier' sind die folgenden, das Begräbnis darstellenden Jmperative; es ist also wie Türler mit Recht vorschlägt, zu lesen: 'So es die vier / hie sprechen tuen, "heb auff!", "trag hin!", "lass gelten / sein schuld!", "grab in und deck in zu!"' - desgl. nach 'erkennet' Kolon (Türler). - Zu 'trag hin' vgl. 92,50!

1Pressburg; RJ. verzeichnen für das ganze Jahr 1424 keinen Aufenthalt in Pressburg, sondern fast nur Ofen und Totis, sowie einige kleine Orte in deren Umgebung.

437

35. ... ls. 'niemd beweisen', "(davon sie) niemand überzeugen (konnte)"; der Text nach B ("wovon sie niemand abbringen konnte") würde ja ebenfalls in den Zusammenhang passen. Doch weil C noch eine dritte La. hat, ist hier entsprechend dem berechtigten allgemeinen Grundsatz (s. Sch. II,1), die La. von A vorzuziehen und in den Text zu setzen.

37. ... 'in dem walt' vgl. zu 92,52!

40f. ... vgl. 96,55ff und 110,51ff!

44. ... 'auss Flandern' nur sprichwörtlich oder eine bestimmte Anspielung?

47. ... 'gneusst' ergäbe einen glatten Vers; doch würde 'seiner' in der (rezitativ.) Melodie keine besonderen Schwierigkeiten machen; die Laa. (seinr B, sein̕ C) scheinen auch zu bestätigen, dass 'seiner' in der Senkung zu stehen hat.

51ff. ... vgl. 96,54f!

"Die Grundstimmung weist es in die Zeit 1421/27, die Anspielung 13f könnte auf die schlimmen Erfahrungen zurückgehen, welche der Dichter 1424 gemacht hat, wo er trotz seiner Bemühungen keine Hilfe fand." (Sch. I,117). - Die genannte Anspielung erinnert an die Strophe über den Hofmann (96,37ff) und könnte ähnlicher Stimmung entsprungen sein. Sicher bestimmen lässt Ged. 103 sich allerdings nicht, es sei denn, dass Vss. 44ff eine bestimmte Anspielung enthielten. Doch liegt sonst kein Grund vor, es an eine andere Stelle zu rücken.

438

104 (103)

(Ah 77,f.42 a; B 36,f.15 b; C,f.40 b)

Metr.: gleicher Rahmen wie bei 54; 55; 71; es fehlen die Jnreime im ersten Aufges. u. im Abges. - Die Zeilen 5/6 u. 7/8 jd. Str. sind abzuteilen:

Wie wol der leib von ainem weib
mit todes schreib ist in der erd versoffen

usw.

Näheres s. zu 54, Metr.!

Melod.: (83) gleich der Mel. von 71 (7); Hinweis in A und B; vgl. zu 54 und 71!

1. ... vgl. 110,19!

5. ... 'von ainem weib', d.i. Sabine; s.u.!

8. ... 'erloffen' s. zu 63,33!

11f. ... vgl. 84,121ff!

13. ... 'Ain schaffer ...' ist hier nicht, wie 103,3ff Anrede, sondern Subj. zu 'lait' (Vs. 19), das wegen der eingeschobenen Sätze durch 'er' wieder aufgenommen wird.

18. ... "wieder zum Guten wendete".

28. ... 'trepfen' nicht etwa: "schreiten, wandeln" (so Lexer!), sondern subst. Jnf.: 'trepflen'; Osw. bleibt also Vss. 25-28 im Bilde! - Punkt fort nach 'trepfen' (M. u. Türler).

29f. ... 'pis auff die schrank schier gen ...' etwa: "bald bis zur Grenze der Fünfziger"; Punkt nach 'jaren' (Türler).

31. ... Komma nach 'vergult' (Türler); 'vergelt' zu 'vergülten' - also etwa: "dass ich deine Gnade (, die dur mir gabst,) nicht verzinst habe" (mit meinem Pfunde nicht gewuchert habe).

32. ... ls. 'tue ... sparen' (M); s. die Laa.!

35f. ... "haben vielleicht auf die österliche Zeit Bezug" (Sch. I,117).

439

Wegen der Anspielung auf Sabinens Tod (Vss. 5ff) und wegen der Altersangabe auf bald 50 Jahre setzt Schatz (Sch. I,117) dies Gedicht jedenfalls mit Recht ins Spätjahr 1425; besser ins Jahr 1426. - vgl. auch Sch. II,9 und 18; dass Sabine 1424 starb, ist mir das Wahrscheinlichste (s. zu Ged. 102); den Ausschlag für die Datierung gibt also O.s Anspielung auf sein Lebensalter!

105 (99)

Ah 68,f.37 b; B 29,f.14 a; C,f.36 a)

Metr. u. Melod. s. zu 57; vgl. a. zu 55, Schluss!

15. ... vgl. 117,199!

17. ... vgl. 54,33 u. 110,89. - ls. 'schaden, schanden frei'!

18. ... ls. 'hailign' (spr. 'hailing'); vgl. 56,63 u. 57,61!

22. ... 'dem hailgen grag' s.u.!

26. ... 'eingeschlossen in die feste Form des Einen, des Vaters".

30. ... spr. 'Abrams'!

33. ... 'wenn er sich spalt' bezieht B.Web. (Gloss.) jedenfalls mit Recht auf den Höllenrachen.

34. ... 'von diesem ellend', "von dieser Erde, auf der wir Fremdlinge sind"; zugleich mit dem Nebensinn des Jammertals (vgl. zu 20,7).

35. ... ls. 'steimlich'! - B.Web. setzt 'stumlich' und erklärt: "stumm", so auch MZ. und Lexer; nach dem Zusammenhang wäre dies jedenfalls eher möglich als 'stüemlich', das doch "ruhig" heissen müsste! - Jch glaube, dass nach den Laa. von Sch. II (Sch. I hat 'stümlich' !!?) am besten die vorgeschlagene Form einzusetzen ist, also ein '*stîmlîche', "ringend, kämpfend", zu 'stim' ('steim'): "Das Gedränge, Gewühl des Kampfes".

440

Auch dies Gedicht setzt Schatz (Sch. I,117) ins Jahr 1426 - ich kann dem nicht beipflichten. Aus Vs. 22 scheint mir doch deutlich hervorzugehen, dass dieser "Morgensegen" (Ladendorf 156) in die Zeit von O.s Fahrt ins Heilige Land (also etwa 1409/10) zu setzen ist und demnach mit 90 zu den Liedern 51; 52; 55 gehört (Näheres s. zu Gedd. 55 und 90). Die Aenderungen in BC aus dem Sing. in den Plur., denen auch die tiefer greifende Umgestaltung von Vss. 34ff zuzuschreiben ist, schiebt Schatz gegenüber Sch. I,117 in Sch. II,42 nicht mehr auf den Schreiber; sie gehen auch sicherlich auf den Dichter zurück (vgl. zu 55!)!

106 (105)

(Ah 89,f.48 a; B 39,f.16 b; C,f.42 a)

Metr.: eigen; einfach.

Melod.: (46) eigen.

2. ... 'der alle ding vermag' - vgl. 53,51.

3. ... ls. 'vorchtlich s'sag'! (Türler streicht 'das' ganz!).

9/11. ... zu dem Reim s. zu 58,45ff; doch s. d. Folg.!

11. ... 'und' wäre leicht zu streichen, doch ist es nicht nötig ('vater und': u u x). - Türler schlägt vor, 'eren ich' zu lesen; also: "(Das Gebot,) Vater und Mutter (zu) ehren, habe ich gar sehr beiseite gedrängt" (eigtl. auf falschen Weg geführt) - allerdings sagt er selbst dazu: "etwas seltsam aber einigermassen verständlich". Ganz befriedigend erscheint auch mit diese Lösung nicht, doch gliedert sie wenigstens das 'vertragen' brauchbar ein. Jch schliesse mich ihr daher an, wenn auch mit Vorbehalt.

13. ... Besser Komma fort nach 'gach'; 'leig, er und guet' ist wohl in dreifachem Chiasmus auf 'Raub(guet), stelen(er),

441

töten (leib)' zu beziehen. Also 5. und 7. (oder 8.?) Gebot.

15. ... ls. 'panveir' nach A. Leitzmann, Beitr. 44, 311; Komma vor 'vast'! Also teils 3. der Zehn Gebote, teils 1. und 5. der fünf Gebote der Kirche!

17. ... 'Spil, fremder hab wird ich nicht vol' gehört zur 'Avaricia' - s. z.B. bei O. Zöckler, D. Lehrstück v.d. 7 Hauptsünden (= Bibl. und Kirchenhist. Stud. 3), München 1893, S. 78f; dort sind im 2. Teil der 'Summa de virtutibus et vitiis' des Wilhelmus Peraldus (gest. c. 1248) bei der 'Avaricia' 8 Unterarten aufgeführt, darunter die Spâelsucht!

18f. ... 'zaubrei, lug, untreu ..., verräterschaft, prand ...' gehören zu den 'Casus episcopales', wie sie sich in der 'Summa penitentis' finden (vgl. Joh. Geffken, Bilderkatechismus d. 15. Jhs., Hambg. 1855, S 195): Sortilegus; mentita fides, infringens votum, periurus; faciens incendia.

20ff. ... Zu den Todsünden vgl. Ged. 89 u. 98! - 'spot' (s.a. 89,15 u. 23!) gehört zum 'peccatum linguae', das Wilh. Peraldus a.a.O. als achte Sünde nennt; er zählt dabei 24 Einzelfehler auf, darunter "Afterrede, Spötterei, Klatscherei". - Der Casus episcopalis 'blasphemus' könnte ebenfalls mitsprechen.

32. ... 'velden' - die Erklärung, die Schatz (Sch. I,117) versucht, ist kaum stichhaltig, es handelt sich offenbar um ein Vb. '*(velten) velden': "falten machen, zum Falten bringen" - Obj. ist 'hent', wozu 'krank, tot, gefangen, ellend' Attribute sind (M). Also: "Kranke, tote, gefangene, vertriebene Hände vermag keine Barmherzigkeit zum Falten zu bringen", d.h.: Hände von Kranken, usw. kann ich nicht zu (dankbarem) Falten zu bringen, da ich ihnen keine Barmherzigkeit erweise. - vgl. auch die Zus.-Fassg.! - Zum Reim ld/lt s.u. zu Vs. 40/44.

37ff. ... Komma nach 'gots' (Türler); desgl. nach 'inprunst' (Sch. I!);

442

'vernunft und kunst', 'sterk, inprunst' und 'lieb, güet' sind je eine der 7 Gaben des Heiligen Geistes (s.u.!).

40/44 'kante' : 'ande' - vgl. zu 17,55/56; auch zu 28,1 (d/t) und 70,32 (ld/lt).

41/43. ... streiche 'ich' (Türler)!

44. ... Türl. streicht 'puess' - es könnte wohl auch 'peicht' gestrichen werden - eins ist jedenfalls metr. überschüssig; das formelhafte 'peicht, puess' hat das vielleicht veranlasst. Dür die Streichung fon 'puess' spricht allerdings das beim 7. Sakrament wohl übliche lat. 'confessio', dem 'peicht' besser entspricht.

49f. ... Komma fort nach 'hören' und 'smecken' (M. u. Türler); 'prauch' und 'slauch' sind 1. Pers. Präs., wie schon vorher in diesem Gebet oft, ohne Pronomen!

51. ... Hier kann ich Türlers Vorschlag ('mit greiffen geng gedenk v.') nicht folgen. Es ist ganz offenbar mit BC 'mein' zu lesen und im übrigen die Jnterp. von Schatz beizubehalten. Denn "Gehen" und "Gedanken" werden neben anderem auch sonst in Beichten den 5 Sinnen angereiht; so z.B. schon in der Sächs. und der Lorscher Beichte, sowie der Benediktbeurer Beichte (MSD.³, LXXII,25ff; LXXIIb, 21ff; XCVI, 79ff). - 'verdauch' ebenfalls 1. Pers. Präs. ("drücke herunter, erniedrige" - das Komma danach ist besser zu streichen; 'unfrüchtikleich' prädikativ: "Ohne dem Herrn Frucht zu tragen".

53f. ... ἀπὸ κοινου̃.

60. ... ls. nach BC 'tuent'! - 'die gens': "Hussiten"; vgl. Ged. 110!

62. ... 'rot' ist: "Rotte, Menge" (s.d. Laa.!); diese Stelle ist also bei Maurer S. 12 unter den Belegen für o : ô zu streichen!

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66. ... 'stain' - ? = "Edelstein", dabei: 'des hailgen gaistes' als ἀπὸ κοινου̃? Oder = 1. Pers. Präs., also: "steinige ich" (so M.)?

67. ... 'verain' - ? = stf. "Vereinigung", also 'fünf sinn' Gen.? Oder ebenfalls = 1. Pers. Präs.: "vereinige ich" (in mir) (so M.)?

69. ... 'hailikait der siben gab' sind natürlich die 7 Sakramente; denn die 7 Gaben des Heil. Geistes sind ja schon Vs. 66 erwähnt (M).

71. ... "Auch über die Sünden gegen die 8 Seligkeiten sehmt ihr mir die Beichte ab und erteilt mir Absolution" (M). Diese Erklärung ist jedenfalls die richtige gegenüber der von Schrott (S. 213 Anm. 61), der die "Beherzigung der 'Acht Seligkeiten' (Matth. 5), welche den gebeichteten Sünden entgegenstehen" als "auferlegte Busse" aus diesem Vers herausliest. - 'ir nept' Jmperativ mit Pron.! s. zu 11,17!

Ob bei diesem Gedicht von einer Quelle gesprochen werden kann, halte ich für fraglich. Für die Einzelheiten liesse sich ja genug Material aus diesem grossen Zweig mittelalterlichen Geisteslebens beibringen. Es ist aber bei der Fülle schwierig, wirkliche Quellen zu bestimmen. Hat O. etwa die 'Summa de virtutibus et vitiis' des Wilh. Peraldus (s. zu Vss. 17 u. 20ff) vorgelegen? Auch eine Fassung der 'Summa penitentie' könnte er benützt haben. Die Parallelen jedoch, die sich gegenüber anderen Werken der deutschen Literatur ergeben, sind nur mehr in der Sache selbst begründet. Jch nenne (z.T. mit M.) z.B. die Predigten Bertholds v. Regensburg (Pfeiffer I, 187 ff, 211ff, 289), das Bihtebuoch' (Oberlin, Strassbg. 1784), Des Teufels Netz (Barack, Stuttg. 1863), Such. XL, Montf. IV, 71ff, usw. - irgendwie quellenmässig kommen diese Werke nicht in

444

Frage1. Es liegt hiermit vielleicht ähnlich wie mit den Beziehungen zu Dante und Petrarca (s. zu 97 u. 98!); die Anregung zu diesem Stoff kann sehr wohl von einem Geistlichen ausgegangen sein, hier bei O.s dritter Gefangenschaft März/April 1427 (s.u.!). Osw. hat fast katechetische Anordnung, so sehr auch selbst bei diesem stofflich übervollen Gedicht der lebendige Eindruck auf den Leser nicht ausbleibt.

Vss. 1-8 Allg. Sündenbekenntnis
I. Vss. 9-19 Verstösse gegen die Zehn Gebote; jedoch mit Abweichungen. 9: 1. Gebot, 10: 2. Gebot, 11/12: 4. Gebot, 13/14: 7./5. Gebot, 15: 3. Gebot, 16: 8. Gebot, 17f: 9./10. Gebot und Cas. episcop. Das 6. Gebot fehlt!
II. Vss. 20-24 Hauptsünden (mit dem 'pecc. linguae' 'spot' acht! Vs. 62 'siben'!
III. Vss. 25-28 die fremden Sünden; bei Osw. acht, sonst meist neun!
IV. Vss. 29-32 Sünd. geg. d. Werke der Barmherzigkeit (6 oder 7); Osw. kennt 7; vgl. die 'Summa pen.' (Geffken a.a.O. S. 194): Visito, poto, cibo, redimo, tego, dolligo, tumbo -, was also O.s 'krank', 'durst', 'hunger', 'gevangen', 'plossen', 'ellend', 'tot', entspricht.
V. Vss. 33-36 die vier rufenden (himmelschreienden) Sünden
VI. Vss. 37-40 Sünd. geg. d. 7 Gaben d. Heil. Geistess
VII. Vss. 41-44 Missachtung der 7 Heiligkeiten (Sakr.)

1Hätzl, II, 82 'Von den großen haubtsünden' (= WK. II, 631) sei genannt, wenn es auch wohl später als O.s Ged. anzusetzen ist. Beyrich S. 127ff vergleicht es im einzelnen.

445

VIII. Vss. 45-48 Sünden geg. d. acht Seligkeiten (unvollständig!)
IX. Vss. 49-52 Missbrauch der fünf Sinne usw.
Vss. 53-60 persönliche Bemerkung (s.u.)
Vss. 61-72 zusammenfassende Benennung der Sündenkategorien mit einigen Verstellungen (V., VI. u. IX.)

Zu den (7) Hauptsünden in Vss. 20-24 sei noch bemerkt, dass sie, mit Ausnahme von 'spot' und einer Umstellung am Schluss, die durch die Metrik veranlasst sein kann, die seit dem 13. Jh. auch sonst erscheinende Reihenfolge des Stichwortes S A L J G J A haben: Superbia, Avaricia, Luxuria, Jra, Gula, Jnvidia, Acedia (Osw.: Acedia, Jnvidia!).

Dass die "Häufung der Begriffe" "Unklarheiten verursacht" (Sch. I,117), tritt vielleicht höchstens in Vss. 9-19 zutage; im übrigen lassen sich die Sünden in den einzelnen Kategorien leicht durch Vergleichungen feststellen. Auf genaue Bestimmung einer Quelle wird man allerdings, wie gesagt, verzichten müssen. Doch so viel kann wohl als sicher angenommen werden, dass eine italienische Quelle, die übersetzt wäre, wie Schatz (a.a.O.) vermutet, nicht in Frage kommt. Denn 'velden', worauf allein Schatz seine Vermutung stützt, ist anders zu erklären (s. zu Vs. 32!).

Bezüglich der Begründung für die Zeit schliesse ich mich Schatz (Sch. I,117) an. Doch weist die Erwähnung der Hussiten, Vs. 60, das Gedicht nicht nur auf die Zeit "gegen 1427 hin", sondern führt jedenfalls in die der letzten Gefangenschaft März/April 1427; gelobte er doch bei der Urfehde am 1. Mai 1427 einen Hussitenzug (s. zu 110). Danach wäre 106 also am besten nach 108 einzureihen!

446

107 (3)

(Ah 92,f.49 a; B 44,f.18 b; C,f.47 a)

Metr.: gleich 60; die Zeilen 5/6 und 11/12 jd. Str. sind besser als eine Zeile zu lesen. Näheres s. zu 60!

Melod.: (17) gleich der Mel. v. 60 (76); s.d.!

1. ... 'Barbarei' vgl. zu 6,6; auch zu 36,78; s.u. Vs. 14!

2. ... 'Harmanei' - es erscheint mir doch nicht ganz sicher, ob hier wirklich das eigentliche Armenien (so offenbar B.Web. u.a.) anzunehmen sei. Man könnte sehr wohl an das Reich Caraman im Südosten Kleinasiens denken, an das sich um 1400 östlich das Reich Timurs anschloss und das sich z.T. mit dem früheren (12./13. Jh.) "Königreich Armenien" deckte.

3. ... 'Tartarei' - vgl. zu 64,17, wo es sich wohl um die Krimländer handelt; hier jedoch halte ich es eher für das Land der Turkomanen in Cilicien, ('durch T. in Suria'!), das bei Schiltberger pass. als 'weysse Tathrey' erscheint.

4. ... 'Romanei' vgl. zu 36,80; a. zu 64,22 ('roman').

5. ... 'Jbernia' - Jrland (B.Web. u.a., auch Motz) kann kaum in Frage kommen - 109,5 nennt es O. selbst 'Jrland'. - Vor allem aber bemüht er sich bei dieser "General"-Aufzählung darum, geographisch Zusammengehöriges auch einigermassen zusammen zu nennen: 1-4 Südosteuropa und westl. Asien; 7/8 Nordosteuropa; 9-11 von da über den Norden nach Nordwesten; 13-16 Spanien usw.; 17 Südfrankreich; 18 Tirol - er beschreibt also, bei Nordafrika beginnend, in grossen Zügen etwa eine sich verengende Spirale um die ihm bekannte Welt und endet da, wo er sitzt und schreibt! Jch sehe daher, entsprechend dieser deutlichen Anlage der Aufzählung, Jberien im Kaukasus (= Georgien) in diesem 'Jbernia'! Die 'sprüng' von Romanien sowohl nach der

447

"iberischen" Halbinsel als nach Jrland wären doch zu gross!!

7f. ... 'Eiffenlant', 'Liffen' - beides Livland! vgl. zu 36,77. - 'Litto' - zu der Endung vgl. zu 64,17 'Littwan'! - ls. 'übern Strant'; das ist auch ein Name, und zwar: Nehrung (meist kur., aber auch fr.); darauf weist mit Recht Passarge S. 37 Anm. hin. Vgl. Livl. Chronik, Vs. 350, bes. Vss. 3939 bis 3980!

13. ... 'Kastilia' vgl. zu 65,2!

14. ... 'Afferen' = Navarra; s. zu 36,78!

16. ... ls. 'Vinstern Steren'; das Kap 'Finis terrae'; aber nicht bei Afrika, wie B.Web. annimmt, sondern das bekannte Kap im Nordwesten Spaniens (Galicien), das, jedenfalls auf dem Wege über die Volksetymologie 'vinster steren', wiederum lat. auch als 'stella obscura' erscheint (s. Schm. Fr. II, 783f). Die Erklärung Schrotts (S. 205 Anm. 35) "Nordstern" ist abwegig (vgl. J.V.v. Zingerle, Zs. f. vgl. Lit.-Gesch. 2 (1889), 380).

18. ... Bad Ratzes am Schlern, 1/2 Stunde von Hauenstein; besser Punkt nach 'saleren'.

19. ... 'in der e' - "auf die Dauer" oder "in der Ehe" - das zweite liegt wohl am nächsten; s.bes. den Schluss der 2. Str.; auch braucht O. 'ê' vorwiegend in diesem Sinne - also: "da sass ich dann als verheirateter Mann".

27ff. ... vgl. 60,89f!

32. ... 'gevach' s. zu 63,82!

41f. ... 'den ich ie pot', sc. Küsse - "die lassen mich ausser Landes sein", d.h. nehmen mich nicht mehr in ihren Kreis auf.

44f. ... 'köstlicher ziere sinder' - die "Schlacke", d.h. der Rest, der sich in seinem Jnnern von all dem "Edelmetall" seiner Erlebnisse und dessen, was er alles gesehen hat, abgesondert hat - als Erinnerung; auch vielleicht mit

448

Gedanken an die Schmuckgeschenke, die er erhielt.

49. ... vgl. 60,38f!

52ff. ... Auf die beabsichtigt spasshafte Uebertreibung in der Schilderung dieser Familienszene mach schon Schrott (S. 205 Anm. 37) aufmerksam, wenn auch Margarete gerade kein "Käthchen" sar! Ein Stückchen Wahrheit wird schon dabei sein.

56. ... 'erzaust' vgl. Vs. 89 'erzeisen' (-ai-)!

60. ... 'mit spelten' - als handgreifl. Ausdruck des Zornes - jedenfalls ist das von Lexer mehrfach belegte "Handgerät zum Weben" gemeint, das Frau Margarete wohl gerade zur Hand hatte.

75. ... 'widerzam' s. zu 6,42!

79. ... ls. 'geswechet hat leib, er, guet, nam' (vgl. d. Laa. u. Sch. I!).

80f. ... 'fürstenwaide' - etwa: "Fürstenwürde" (vgl. 'weidelich'!); oder auch "Fürstenlust, -übermut". - 'köstlich raide' (reite), lobendes Beiwort ohne besondere Bedeutung (Reim!). - Zu dem Reim d/t bei 'raide' vgl. 37,78f; s. zu 28,1; auch zu 17,55/56 (nd/nt) und 70,32 (ld/lt).

89. ... vgl. 113,73f! - gegenüber 'erzeisen' (Hss. "richtig" -ai- s. Sch. II, 54) vgl. Vs. 56 'erzaust'; Osw. kennt also beide Formen! - 'die wolf' sind an beiden Stellen, bes. aber hier in Ged. 107 jedenfalls die Jägerischen und sonstige Feinde.

90. ... 'verweisen' (-ai-) - ob dies von 'die wolf' abh., also trans. zu denken ist oder von 'mich', also intrans., ist schwer zu sagen und für den Zusammenhang verhältnismässig ohne grossen Unterschied; das erste (trans.) ist mir wahrscheinlicher.

Die Zeitbegründung von Schatz (Sch. I,117f) leuchtet ohne weiteres ein. Das Gedicht gehört in den Winter 1426/27. Durch

449

die Erinnerung an seine Reisen passt es sehr gut in die Zeit kurz vor seinem durch die Gefangennahme im März 1427 unterbrochenen Reiseversuch (109). Die Erinnerung und der Druck der Verhältnisse waren so stark geworden, dass er wieder "auf die Tour" wollte!

Bemerkenswert ist die Art der Aufzählungen in der 1. Str.; Osw. will eine Gesamtübersicht über die besuchten Länder geben, wobei dieser oder jener Name, bes. im Osten, nur als allgemeinere Bezeichnung ("so da herum") wird zu werten sein. Die Reihenfolge erweist sich als in grossen Zügen geordnet (s. zu Vs. 5!); und zwar setzt auch hier wieder diese Ordnung unbedingt eine Kartenvorstellung voraus, wie sie bei den Gedd. 6 u. 17 besprochen ist; besonders auch die Wendung 'pis gen dem Vinstern Steren' weist dahin (vgl. 6,9 'von ort zu ent'!) - vgl. auch zu 64 u. 65!

108 (114)

(Ah 76,f.41 b; B 7,f.3 a; C,f.6 b)

Metr. u. Melod. s. zu 84; vgl. auch zu 65!

9. ... 'du lait'; s. Gloss. unter "Präteritum"!

16. ... Semik. nach 'wol', wie Sch. I!

20. ... 'kinde' - jedenfalls Dat. (Mutter dem Gotteskind).

24. ... 'damit' final; s. Gloss.!

25ff. ... vgl. 92,11ff!

27ff. ... Besser Punkt oder Semik. nach 'sein'; dafür Komma nach 'schein'.

30. ... ls. 'er vodert dich: "gib mir das petenpret!"' (M)!

31ff. ... vgl. 95,42,55/56!

37ff. ... 'sorgen', 'sorg' usw.!! (vgl. 84,73ff 'lieb' ...!).

49ff. ... d.h.: der Welt habe ich so gedient, dass ich die Bedrängnis nicht dadurch verdient haben kann; dagegen Gott gegenüber

450

habe ich sie verdient.

Die Schlusszeile ergibt die Zeit für die Abfassung dieses Gedichtes:

Es ist in Vellenberg selbst (vgl. 109,32!) entstanden, also Ende März oder Anfang April 1427 (s. Sch. I, 118; vgl. Sch. II, 18).

109 (13)

(Ah 78,f.42 b; B 26,f.12 a; C,f.31 a)

Metr.: gleich 110; einfaches Mass, bei dem von Auf- und Abgesang kaum zu sprechen ist. Den beiden Hauptteilen Vss. 1-4 und Vss. 5-8, innerhalb deren die Perioden von je zwei Versen auch gleiche Mel. haben, folgt noch ein Anhängsel von 8 Takten (s.a. zu Melod.!). Dieses ist besser als eine Zeile zu lesen; denn abgesehen von den Verhältnissen bei Vss. 19/20 spricht dafür die Tatsache, dass fast in allen Strr. dieser Schluss eine Sinneseinheit darstellt (meist selbständ. zusammenhängd. Satz); doch vgl. 110!

Melod.: (16) eigen! Dem schlichten Mass entsprechend. Die innerhalb der Teile wiederholten beiden Melodieperioden für Vss. 1-8 ähneln sich in Motiven und Aufbau, während der 8-taktige Anhang darin abweicht und eine Art lebendigeren Schlusshöhepunkt bildet; Notierung mensural (3-teil. Takt), mit Kennzeichnung der klingenden Kadenzen!

1ff. ... Zu dieser Reiseroute bemerkt Noggler, ZfdA 27,188: "Ob dem Dichter ... dabei ein vollstänig neuer Weg vorschwebte, oder ob er wie B. Weber (O. u. Fr. S. 173f) glaubt, dabei seine erste Fahrt nach Spanien im Auge hatte, vermögen wir nicht zu entscheiden, ..." - eine solche erste Reise kommt ja nun

451

kaum in Frage (s. zu 64,18!). Will man jedoch einen von ihm schon einmal gemachten Weg annehmen, was mir nach dem Zusammenhang wahrscheinlich ist, so kommt nur die Spanienreise von 1415 in Betracht. Da wäre es sehr wohl denkbar, dass O. den hier beschriebenen Weg zog, sich nach Britanien begab und dort mit einem der durch den König von Portugal gemieteten Schiffe nach Portugal mitgefahren ist (s. Schäfer, Gesch. Portugals II, 266). Am 16. Febr. 1415 ist O. noch in Konstanz (s. Sch. II,10); er ist aber wohl bald abgereist (a.a.O. S.11)1; jedenfalls war bis zum Juli (25. Juli: Abfahrt der portugies. Flotte) Zeit genug, den Weg Rheinabwärts nach Britanien und von da zu Schiff nach Portugal zu nehmen.

7ff. ... Diese Stelle legt die Anspielung auf einen schon einmal gemachten Weg besonders nahe; denn sie bezieht sich offenbar auf die Ordens- und Kleidungserlebnisse in Spanien, die Osw. in den Gedd. 63 und 64 schildert (63,154ff u. 64,33ff), - 'erstiglen': "erklimmen"; hier natürlich witzig-bildlich für "erlangen".

13f. ... Es kann dies sehr wohl eine allg. Angabe sein. Doch passt hierher gut die Schilderung einer Episode aus dem Kampfe bei Ceuta, die Schäfer a.a.O. II 280 nach portugies. Quellen gibt: Ruy Gonçalez war der erste, der an Land sprang und den nachfolgenden Portugiesen Raum schaffte. "Nun warf sich der Jnfant Henrique mit zwei Andern in einen Nachen, hiess den Trompeter das Zeichen zur allgemeinen Landung geben und gewann das Ufer, von Vielen gefolgt, während Ruy Gonçalez

1Die Ansicht von Motz (S. 25), dass O. am 24. Juni noch mit Sigm. in Ueberlingen gewesen sei, ist wegen der Kürze der Zeit bis zum Falle von Ceuta kaum zu halten. M. spricht selbst bald hinterher davon, dass O. wohl vorausgeschickt wurde!

452

nebst einem deutschen Ritter, in den Kampf mit dem Feinde fortgerissen, einen Mann von ungemeiner Grösse und Stärke zu Boden streckte - in den Augen der Ungläubigen für sie ein unglückliches Vorzeichen - War der deutsche Ritter etwa Oswald?!!

16. ... 'der rote küng', der Maurenkönig Jussuf (vgl. Schrott S. 202 Anm. 18 u. Passarge S. 68 Anm. 1).

21ff. ... "obgleich ich in vielerlei Gefahren bewandert war (daher mir zu helfen wusste), so nützte mir doch nichts, als ich an den Steigbügeln mit beiden Füssen angeschlossen wurde".

26ff. ... 'geleret : ververret : versteret' - Gegenüber der Vereinheitlichung durch Schatz hat eine andere, nach hsl. Ueberlieferung und nach dem Zusammenhang, bei weitem mehr für sich; nämlich 'gelernet, ververnet, versternet' - das erste passt in den Zusammenhang ("gelernt"!), das zweite und dritte wird hsl. gestützt; dabei bietet, meine ich, 'ververnet (vgl. Lexer 'entvërnet'!) nicht so viel Schwierigkeiten wie im anderen Falle 'versteret'! Auch der vokalische Reim bietet dann durchweg ë! - Der 'weg gen Wasserburg', der ihm nächtlich nicht geheuer ist, hat natürlich "topographische" Bedeutung. "Zährenburg" wie Schrott S. 19 übersetzt und S. 202 Anm. 19 zu erhärten versucht, kommt kaum in Frage, trotz 'Feuerspach' 110,58!

31ff. ... Die Erinnerung an die "Vall" taucht beim Anblick der Fesseln warnend wieder auf! Vgl. a. Vss. 112ff.; aber Osw. hat doch seinen Humor wiedergefunden und lässt ihn in grimmiger Selbstironie laut werden (Vs. 35f; die 'sporen' für solche 'ritterschaft' sind die Fesseln!). Allerdings schreibt er dies Gedicht ja auch erst, nachdem er endgültig frei ist (s.u.!).

37. ... Komma fort nach 'gail' (M).

39f. ... "Was ich ihnen als Ablass darum gab, tat ich heimlich" - bes. nach dem zweiten Teil dieses Satzes ist recht

453

wahrscheinlich, dass 'antlas', wie Passarge (S. 69) annimmt, ironisch gemeint ist und etwa "Flüche" od. ähnl. bedeutet.

42f. ... 'vergulde' Konj. Prät. zu 'vergelten' - er würde die Sorge mir nicht vergelten, die Angst nämlich, dass ich etwa schuldlos enthauptet werden würde. Wegen dieser Anspielung vgl. Vss. 86ff u. zu Ged. 102! - zu dem Reim ld/lt s.zu 70,32; vgl. zu 28,1 (d/t) und 17,55/56 (nd/nt).

47. ... Der 'Peter Märkel' ist jedenfalls der "Peter Aufpasser", entspr. Vs. 71 dem 'Peter Haizer'!

48. ... 'bescheid' - 'beschîde', s.v.w. 'geschîde' - also "gewitzt, schlau".

52. ... Diese 'Preussenvart' ist so recht eigentlich das köstlichste Beispiel von O.s Selbstironie, die gerade in diesem Gedicht, sowie den folgenden ihre Triumphe feiert.

55. ... "wie ein Vagabund".

64. ... ls. 'ward'!? Mitten unter den Präteritis wäre 'wird' doch gar zu auffällig!

65. ... 'kluft' - der Schluss Passarges (S. 70 Anm. 1) auf "ein hölzernes Bein" will mir nicht einleuchten. Es ist jedenfalls eine offene Wunde gemeint, die ebenfalls nicht gerade zur Verbesserung der Luft beitrug!

69f. ... Kleist's Bild findet hier also schon einen kleinen Vorläufer.

71. ... 'Peter Haizer' s.o. zu Vs. 47!

76. ... Für die bildlich drastische Wirkung von 'pomhart' wäre es ohne Belang, ob "Blasinstrument" oder "Geschütz" als Bedeutung angesetzt wird. Wegen des Folgenden ist das zweite wahrscheinlich.

78. ... Komma nach 'wär' - 'durch pulvers lasse' ("durch losbrennen des Pulvers, abschiessen") ist nähere Bestimmung zu 'spil'.

82. ... 'gedenk hinhinder' - "Gedanken hinterher" - Erinnerung.

84. ... 'ob im': "zu seiner Rechten"!

85. ... 'der falk' = 'der pfalzgraf von dem Rein' - die 'kelber'

454

sind seine Wohn- und Tischgenossen. Wir würden heute "Schweine" sagen.

86ff. ... vgl. Vs. 42 u. zu Ged. 102!

89f. ... vgl. 97,39ff!

91. ... 'in der leuss', "im Verborgenen", d.h. im Gefängnis - vgl. dagegen zu 'lauss' 48,7.

93. ... 'hafenreuss' = 'havenriuz̡e', "Kesselflicker" (vgl. 'altriuz̡e'); zugleich Wortspiel mit 'rûz̡en' (riuz̡en): "schnarchen"!

101. ... 'Der Kreiger' - jedenfalls Konrad von Kreig, Hofmeister Herzog Friedrichs; vgl. z.B. Schaller, ZsFerd, 36, 252 (üb. d. Tagebuch des Ulrich Putsch); ebd. S. 287 (i. Tageb. selbst). - 'der Greisnegger' - Hans G., der Kammermeister Herzog Friedrichs; s. Noggler, ZsFerd. 27, 94ff, 1423/24.

102. ... 'Moll Trugsäz': Joh. Truchsesz von Diessenhofen, gen. Molle - vertrauter Rat Herzog Friedrichs. - Bei Ulr. Richenthals Konstanzer Chronik ist er mehrfach genannt, auch mit dem Beinamen, z.B. Buck S. 62 als im Bunde mit Friedrich bei der Flucht des Papstes Johann des XXIII. (20. März 1415) - Auch sonst öfter in Urkunden: z.B. RTA VII, S. 280,12; Mone, Quellensammlg. d. Bad. Landesgesch. (1848) bei den Händeln der Grafen von Sulz mit Rheinau (1404-34) passim - ebd. S. 352.

103. ... 'Salzmair' - im "Allg. National-Kalender für Tirol u. Vorarlberg auf das Jahr 1826, Jnnsbruck" (6. Jg.) findet sich bei einem Aufsatz "Die Stadt Hall" (S. 74f) ein Verzeichnis der Salzmaire.1 Für die Zeit Herzog Friedrichs erscheinen da: Hanns Sigwein 1414; Christian Hammerspach 1421;

1Nach dem Histor.-Statist. Archiv für Süddeutschland, Bd. II und nach der Chronik des Jgnaz Jakob Mader, Bürger zu Hall; beide stimmen bis 1657, soweit das erste reicht, überein, das zweite geht bis 1618.

455

Caspar Füeger (Fieger) 1424; Hermann Rindsmaul, Verweser 1436. - Vielleicht handelt es sich in O.s Gedicht um Caspar Füeger; dieser entstammte einer Familie, die nach Ausweis der Liste des öfteren, sowohl vor ihm als nach ihm Salzmaire stellte. -

'Neidegger' - ABT IV, Nr. 432 kennen einen "Hans der Wilde, Pfleger zu Neideck". - Viell. derselbe bei O.v. Zingerle, Mittelaterl. Jnventare, Nr. LXVIII (Nachlass der Wehrbergerin 1423), wo "Hanns v. Neidegg" als Zeuge genannt ist. - Einen Ansitz Neidegg gibt es gleich nord-östl. von Klausen (nach dem Namensverz. bei O.v. Zingerle a.a.O. zur "O.-G. Layen, Malgrei Griesbruck bei Klausen im Eisacktale" gehörig).

104. ... 'Säldenhoren' - Heinrich Seldenhorn, Herzogl. Rat, Hofrichter zu Brixen und Pfleger zu Salern; er hatte wohl auch Beziehungen zu Osw. (1429 bei der Angelegenheit mit Ulr. Putsch!). - Er erscheint häufig genug, sodass sich urkundl. Belege erübrigen. Erwähnt sei nur, dass Ulr. Rich. (Buck S. 62) einen 'maister Condrad Säldenrich' (Ulrich Saldenhorn K) als 'diener' Herzog Friedrichs nennt, der diesem die Flucht des Papstes Johann meldet.

107. ... 'damit' final; s. Gloss.!

109. ... "Solche Leute (wie Oswald) wachsen nicht auf Bäumen", d.h. sind selten; s. a. d. Laa.!

112. ... 'meines puelen freund' vgl. 87,13ff!

113f. ... 'vor jaren' - 1421 in der "Vall"! (s. Ged. 89).

118. ... ls. 'müessen s'ire ...'!

120. ... Es ist dies die einzige Stelle, wo Osw. Sabine mit Namen nennt!

127. ... 'fa sol la' - s. zu 64,24!

128. ... 'hoflich' - hier: "höfisch", wie 36,32!

137. ... 'do lacht er frue', "da lachte er sogleich".

138ff. ... 'heulen', "durcheinanderschreien" - welcher Art das war, besagt die La. von C (Hönen)! - Es sind anscheinend auch

456

noch Missgünstige in diesem Kreise. Denn die Rede Vs. 139f heisst doch wohl: "dein Missgeschick wirst du nicht verraiten", d.h. vergessen.

141ff. ... "Der Freund, dem er zur Freiheit half, ist 'Aldriet Kastelwarter' (Aldriget von Kastelbarco), siehe Anzeiger für die Kunde der deutschen Vorzeit 1881,99f. Dafür dass Oswald diese Strophe absichtlich nicht in die Handschrift B aufnehmen liess, vermöchte ich keinen Grund anzuführen." (Sch. I, 118).

144. ... "Unter des edlen Fürsten Banner", auf seinen Befehl.

152. ... Nach '-lich' Rasur in A! Sollte da etwa 'und der' folgen? eine Aenderung jedoch ist unangebracht: "der Wundervollbringer an denen, die er erkoren".

155. ... 'tentschikait' zu 'däntschig': "artig, graziös" (s. Schm. Fr. I, 527) also "höfischer Anstand", hier nach dem Zusammenhang mit dem Nebensinn etwa des Pfauenhaften. - B. Webers Lesung 'teutschikait' ist jedenfalls ganz abwegig - dementsprechend muss natürlich die 'tiutschechait' bei Lexer I, 444 gestrichen werden!

159f. ... Siehe d. lat. Glosse in A! - "Der Seufzer ist nach den rechtlichen Erkenntnissen vom 1. Mai 1427 begreiflich" (Sch. I, 118).

Den zeitlichen Nachweisen von Schatz, die sich auf A. Noggler, ZfdA 27 und ZsFerd 26 stützen, ist nichts hinzuzufügen. "Nach dem Mai" also etwa Sommer 1417 ist die Abfassungszeit dieses Gedichtes.

457

110 (18)

(Ah 81,f.44 b; B 27,f.12 b; C,f.33 b)

Metr.: s. zu 109; die dort besprochene Sinneseinheit der beiden (bei Schatz!) Schlusszeilen ist hier nicht so deutlich - ein Widerspruch jedoch gegen die Lesung als eine Zeile findet sich nicht.

Melod.: (34) eigen! - Jn der äusseren Anordnung der Motive wie die Mel. von 109 (16), also entsprechend dem Strophenmass von 2 x (2 x 2) Versen + 8-taktigem Schluss; die Mel. ist jedoch sonst in Motiven usw. ganz selbständig gegenüber der von 109; sie ist wie diese mensural (3-teil. Takt) notiert und bringt ebenfalls die klingenden Kadenzen zum Ausdruck!

1. ... 'grans' - "Schnabel" ist im Zusammenhang der mannigfachen Anspielungen dieses Liedes auf die Vogelwelt offenbar absichtlich als Bild für Mund vom Dichter gewählt!

3f. ... Dieses 'sprichwort', ebenso wie das in Vs. 61f, konnte ich sonst nicht feststellen.

6. ... "dass der Lauf der Welt vielerlei (seltsame) Wege wählt!".

12. ... 'smieren' - jedenfalls = 'smirlen', "Zwergfalken" (Suolahti, S. 338f: "Merlinfalke").

14. ... 'timpelieren' - in allg. Sinne: "klingen"; vgl. zu 64,24.

15/17. ... 'geviecht: verdiecht' - zu 'geviecht' vgl. a. Schm. Fr. I, 836 'G'vihhat'; 'verdiecht' = 'verdiuh(e)t' - zur Diphthongierung vgl. die Reime -ir : -ier (s. Maurer S. 21); s.a. Weinh. BG §90. - Entrundung s. zu 58,44, auch zu 59,16.

19. ... vgl. 104,1!

21ff. ... 'pilgerin' als nähere Erklärung für 'valken' zu verstehen, denn im folgenden werden diese (die Wanderfalken! vgl. a. unten Vs. 31 'plaufuess') dem anderen Falken gegenüber-

458

gestellt! - Schrott S. 208 Anm. 46: "Der Wanderfalke, durch Muth, Stärke und schnellen Flug ausgezeichnet". Der Name 'pilgerin' enthält hier zugleich die Anspielung auf den geistlichen Stand, der in dieser Strophe aufgerufen wird zum Kampf gegen die "Gans". Auch soll er sich bessern ('mausst die alten vedern ab', "zieht den alten Adam aus"), um den Angriffen gegen Kirche und Geistlichkeit den Boden zu entziehen; dann wird es auch leicht gelingen die Gans zu 'verdürnen', also wieder einzufangen und einzusperren.

31f. ... 'sägger' = 'sackers, sackervalke' - 'plaufüess' - der grosse Blaufuss (auch "isländ. Falke", der edelste aller Jagdfalken; kl. Blaufuss heisst auch der Wanderfalke. - ls. 'gviecht' (s.o. zu Vs. 15/17). - nach 'war' Komma ("passt auf!"), Vs. 32 muss ebenfalls als Anrede gelten (M); nach 'pesunder' dann Kolon.

38. ... 'adler gross' - der Kaiser! vgl. Musk. 92,59ff 'o kunyg Gygemont wirt nymmer krang, / wirff uf den adelare! / laiß in erswingen sin gefyder'.

41ff. ... 'Huss' gilt hier ganz offenbar als Anrede an die Hussiten, wie Schatz (Sch. I, 118) mit Recht betont.

42. ... 'Pilatus' ist als Gen. anzusehen: "Lucifer, des Pilatus Herr".

46. ... "An einer Lagerstatt wird es dir (da) nicht fehlen".

49. ... Die La. in C zu 'Wigklöf' entbehrt nicht der Laune. So wahrscheinlich es ist, dass sie auf Verlesen der Vorlage B zurückzuführen ist, ändert sie doch kaum den Sinn der Stelle; den 'Wiclif' (auch 'Wiclef'!) ist ja der 'vorlauff' des Huss, auf den sich dieser beruft.

51ff. ... Hier werden ähnliche Klagen O.s, die sich auf den Menschen schlechthin beziehen (vgl. 96,55ff; 97,76ff; 103,37ff) auf die Hussiten, die "Gans", im besonderen bezogen.

58. ... 'gen Feuerspach' - man könnte hierin wohl eine Anspielung auf Hussens Verbrennung (also 'F.' etwa: "Scheiterhaufen")

459

sehen (s. Roethe, Osw. v. Wolk., Deutsche Rdsch. 50, 150) - doch halte ich nach dem Zusammenhang (s. bes. a. die Vss. 41ff!) die Bedeutung "Hölle" (so Sch. I, 118) für wahrscheinlicher, zumal da das Gedicht sicher erst 1427 entstanden ist (s.u.!).

61f. ... vgl. o. Bs. 3f - Hier mag immerhin auf das Gänselob des Königs von Odenwald verwiesen werden, das, wenn auch ohne wörtl. Parallele, doch im Gedankengang dem "Zitat" Oswalds entspricht.

64ff. ... Der Punkt nach 'misselungen' ist zu streichen, denn 'mit ainem wort' gehört unbedingt dazu; gemeint ist 'das pest', das von ihnen falsch geschrieben ('das pöst') würde! Also Kolon nach 'wort'! - 'das pest' und 'das pöst' sind daher im Text besser in "..." zu setzen. - Vielleicht ist 'gest' aus 'ietzt' vom Schreiber verhört; 'ietzt' würde jedenfalls dem Sinn der Stelle ausgezeichnet entsprechen. Doch der Reim?! - (Die Jnterp.-Vorschläge, sowie die Vermutung 'ietzt' nach M.). - Für 'pest' / 'pöst' s. zu 88,6. - Gemeint sind in diesem Zusammenhang offenbar die Schriftauslegungs-Streitigkeiten zwischen Hussiten und Kirche.

73. ... "Sobald der (nämlich 'ain man' = Gott) seinen Zorn vergässe und aus Barmherzigkeit seine feindliche Waffe in die Scheide steckte" ('stiess ... in'). - Der ursächliche Zusammenhang mit 'Jr praiter fuess möcht werden smal' besteht darin, dass die Hussiten und ihr Wüten als Gottesgeisel betrachtet wird (s. u. Vss. 83ff!).

76. ... 'spitze' - vgl. zu 79,54.

78. ... 'sünden glitze' - B.Web.: "'peccata emicantia', die ans Licht kommen".

79f. ... vgl. 91,33f; 98,11 u. 22/23; auch 82,21f!

89. ... vgl. 54,33 u. 105,17!

460

Zeit 1427; Osw. hatte bei der Urfehde am 1. Mai 1427 einen Zug gegen die Hussiten geloben müssen; hierzu und für das Uebrige verweise ich auf Sch. I, 118, sowie auf die dort angezogene Stelle bei M. Hermann, VJs. f. Lit.-Gesch. 3, 606 Anm. 4 (bes. auch für die 'inflüss' Vs. 87, die gerade auf 1427 zutreffen). - Zu den Hussitenkämpfen 1427 vgl. Musk., Gedd. 81 u. 92 (auch 70 und 72). Ebenfalls bietet Konrad Oettingers Hussitenlied (Liliencron, Volksld. I, Nr. 57), das wohl etwa 1420/21 entstand, einige Parallelen; allerdings sind diese in der Hauptsache im Stoffe begründet ('gans', 'adler', 'falken', 'sperber'). -

Jn diesem Zusammenhang sei übrigens hingewiesen auf A. Hauffen, Huss eine Gans - Luther ein Schwan (Kelle-Festschrift II, 1ff), wo die Weissagungen des Huss besprochen werden.

111 (2)

(Af 46,f.28 b; B 23,f.10 b; C,f.27 a)

Metr. u. Melod. s. zu Ged. 79; die dort berührten Beziehungen zwischen Strophenbau und Jnhalt sind hier (wie auch bei 112) besonders deutlich:

1. Str. Allg. Einleitung
2. Str. 1. Hälfte: 1. Erlebnis
3. Viertel: 2. Erlebnis
4. Viertel: 3. Erlebnis
3. Str. 1. Hälfte: 4. Erlebnis
2. Hälfte: 5. Erlebnis
2. Hälfte: 6. Erlebnis
4. Str. 7. Erlebnis und Betrachtung dazu
5. Str. betrachtender Schluss:
1. Hälfte: persönl. Gedanken
2. Hälfte: Anwendung auf d. Allgemeinheit

1ff. ... vgl. 63,217/18!

9. ... "ohne recht- und gesetzmässige Fehdeansage".

461

11. ... '(mit) lätze(n) richten': "Schlingen legen, Fallen stellen" - vgl. 63,21; 84,63; 98,52.

14. ... 'walt' - jedenfalls zu 'waln', intr.: "sich rollen, wälzen". - "Sehr schnell geht meine Reise vonstatten", "schnell jagt er seinen Weg dahin".

22. ... 'Soldan' - die ägyptischen Sultane gelten als besonders reich (vgl. Schiltberger, Kap. 38 a, Schluss).

25f. ... Es sind dies von den sieben Erlebnissen die ersten drei ('val', 'wassers trenke', 'wunde tieff'), die er Vss. 33-64 schildert.

27. ... Beachte die La. von A! - s. u. Zus.-Fassg.!

28. ... 'noch' - dennoch, d.h. trotz dieser grossen Gefahren, in denen ich geschwebt habe.

35. ... ls. 'aim'.

36ff. ... Komma fort nach 'valt' und Semik. nach 'weit'! 'valt' 1. Pers. Prät. von 'vellen', Obj. 'ain tür'! - 'klimme' s. zu 54,20.

40. ... "... war es zur Unzeit", d.h. unangebracht, (denn ...); also Kolon nach 'zeit'!

41ff. ... ls. 'staffeln/raffeln'; zum zweiten gibt B.Web die La. 'raffeln' für A (Goldhann!).

51ff. ... vgl. 64,28ff, wo dieselbe Todesgefahr geschildert ist!

53. ... 'lert' : "lernte"; ebenso Vss. 65 u. 86; s. zu 48,34. - kein Komma nach 'begreiffen'; Sch. I hat auch keins!

55. ... 'zue dem reiffen' s. zu 64,32!

58. ... Kolon nach 'gab'!

64. ... 'nach halbes lank', "beinahe zur Hälfte lang", "fast bis zur Hälfte".

72. ... vgl. zu 79,54.

73ff. ... Erste Gefangenschaft, Herbst 1421!

79f. ... "Wäre sie doch noch ein (zweites) Mal gestorben! Denn sie ist mir ja noch gefährlich" (z. Teil M.); vgl. zu Ged. 102!

81ff. ... Ungarnreise 1424 (Okt.); s. d. Gedd. 101/102!

462

86. ... 'maierol' - magyarul, "ungarisch" - "Husch, lernt ich ungarisch"; wie schon bemerkt (zu Ged. 77), handelt es sich hier offenbar nicht um Ungarischlernen im eigentlichen Wortsinne, sondern um eine ironische Metapher mit Anspielung auf unerfreuliche Erlebnisse.

87. ... "und 'blieb' auch beinahe" (tot).

88ff. ... 'tauggel' - ?? - Jst das etwa der Name eines Gewässers? Das Folgende liesse darauf schliessen; für ein deutsches Wort allerdings möchte ich es nicht halten, wenn es mir auch, trotz freundlicher Unterstützung durch Dr. Moor und Dr. Bartha, nicht gelang, ein ungarisches Wort, wie es ja der Zusammenhang nahe legen würde, ausfindig zu machen. - Nach 'vol' ist jedenfalls das Kolon aus Sch. I beizubehalten - in Vs. 89 ist besser 'wassersumpern' zu lesen: "Wassergetöse" (Wasserfall?) - Komma nach 'stainer' (M), das Folgende ist Appos. dazu; Kolon nach 'dach'. - 'die stainer, poliert durch edel dach' sind jedenfalls "Edelsteine, geschliffen und poliert für edle Bedeckung", d.h. für Kronen und adl. Kopfschmuck. - Gemeint ist ja hier die Ungarnreise 1424, aber worauf sich im einzelnen diese Anspielung auf eine unfreiwillige "Taufe" bezieht, liess sich ebensowenig, wie das Wort 'tauggel' feststellen.

97ff. ... 'Darnach pei dritthalb jaren' vgl. zu 102; a. Ged. 109; - Letzte Gefangenschaft, Ende März bis 1. Mai 1427 (s.u.).

103f. ... "dabei wurde mir zuteil manches unerfreuliche Erlebnis" - 'stamp.' vgl. zu 26,28!

117. ... vgl. zu 87,45; a. 63,64 und 135!

121. ... vgl. 112,115!

125. ... 'versüdert', 'versuttert' (s. Schm. Fr. II, 340 'suttern') - "Hätte ich die Liebe auskochen lassen", d.h. hätte ich sie in überschäumender Liebesglut sich austoben lassen, anstatt mich dauernd in Sehnsucht zu verzehren. - d/t vgl. zu

463

28,1; auch zu 17,55/56 (nd/nt) und 70,32 (ld/lt).

132. ... Komma fort nach 'han' (M)!

133. ... vgl. 64,4!

137. ... 'Und waiss' = 'und enwaiss'! - vgl. 91,11 - 'er': der Tod.

139. ... 'stumpfleichen' - hier "dumpf, schwach", mit Bezug auf das Obj. 'mich'

150. ... 'der sünde keusch' - hier also 'keusch' noch ganz allgemein: "enthaltsam".

156. ... Der Punkt nach 'entrent', wie ihn Sch. I hat, ist besser beizubehalten.

157f. ... vgl. 95,46ff!

Für die Entstehung dieses Liedes ist, worauf Schatz (Sch. I, 118) hinweist, die Tatsache von Bedeutung, dass die Str. 97 bis 128 in A nachgetragen ist. Sie enthält die siebente der Todesgefahren, die O. aufzählt. 'siben', Vs. 27, steht nun auf Rasur. Hält man beides zusammen, so wird klar, dass die anderen Strr. etwas früher als die genannte entstanden sind, denn für 'siben' kann es "früher ja nur 'sechsmal' geheissen haben" (Sch. I). Die Zeit nach 1424 kommt jedoch auch für die anderen Strr. nur in Betracht, da ja die Ungarnreise vom Oktober 1424 (s. zu 102) Vss. 81ff eingegliedert ist; also 1425 oder 1426 (Sch. I), wahrscheinlich 1425 (Vs. 80 'noch ist sie mir gevär'); "wohl 1425" setzt es Schatz in Sch. II, 56.

Für die Zusatzstr. 97-128 ist die Zeit bald nach dem Mai 1427 anzusetzen. Die angeführten, von Schatz a.a.O. herangezogenen Beweise für diese Gliederung der Entstehung genügen und bedürfen nicht der vermeintlichen Stütze eines Vergleichs zwischen Vs. 80 und Vss. 119ff; Schatz meint nämlich, an der ersten Stelle spräche O. von der Hausmannin als von einer Lebenden und stellt dem die ausdrückliche Erwähnung ihres Todes an der zweiten Stelle entgegen. Abgesehen von dem Widerspruch, der

464

sich dann gegenüber der Entstehungszeit der übrigen Strr. (1425; Sabine starb höchstwahrscheinlich Herbst 1424; s.u.) ergeben würde (M), kommt die genannte Auslegung für Vs. 80 auch gar nicht in Frage (s.o. zu Vss. 79f). Schon als Osw. im Oktober 1424 nach Ungarn ritt, war Sabine jedenfalls tot (s. zu Ged. 102!).

Der "lebendige" Eindruck, den dies "Todes"-Gedicht erweckt, legt den Schluss nahe, dass O. nicht nur literarisch, bezw. sonst aus seiner Zeit heraus den Begriff des Totentanzes (vgl. 92,13ff!) kannte, sondern aus bildlichen (oder dramatischen) Darstellungen lebhaftere Anregungen schöpfte, die seinem Temperament entgegenkamen. Vielleicht kannte er den "Tod von Basel"?!

112 (31)

(Ah 83,f.45 b; B 25,f.11 b; C,f.29 b)

Metr. u. Melod. s. zu Ged. 79. - Hier ist die Parallelität zwischen Strophenbau und Jnhalt (s. zu 111) noch deutlicher:

1. Str. 1. Viertel: Einleitung
2. Viertel: Rede des Hofmanns
3. Viertel: Rede des Bürgers
4. Viertel: Rede der Kupplerin
2. Str. 1. Viertel: Rede des Hofmanns
2. Viertel: Rede des Bürgers
3. Viertel: Rede des Hofmanns
4. Viertel: Rede der Kupplerin
3. Str. 1. Viertel: Rede des Bürgers
2. Viertel: Rede des Hofmanns
3. Viertel: Rede des Bürgers
4. Viertel: Rede der Kupplerin
4. Str. 1. Viertel: Rede des Hofmanns
2. Viertel: Rede des Bürgers
3. Viertel: Rede der Kupplerin
4. Viertel: Rede des Bürgers

Die 8 Anhangsverse: Schlussbetrachtung.

465

2. ... 'tispitiern' - Angleichung an das vorhergehende und folgende -i-!

10. ... 'kraus, weiss' - vgl. Vs. 123 'valben'; auch 93,19!

17. ... 'ich sei' = 'ich ensi'! Der Bürger knüpft in seiner Antwort gleich an das zuletzt vom Edelmann Gesagte an: "Wofern ich nicht ein verständiger Bürger bin", also etwa: "ich bin aber ein ...".

20. ... Komma nach 'beschert', wie Sch. I!

25f. ... Um die sonst in diesem Gedicht vollständig durchgeführte Uebereinstimmung der Redeeinteilung mit dem Strophenbau auch hier herzustellen, möchte ich nach 'wol', Vs. 24, Ausführungsstriche setzen und konjizieren: 'des sprach ... slecht: ...'. Ein Missverständnis von seiten der Schreiber könnte immerhin bei 'frag' vorliegen, sodass 'sprach' im Sinne des Dichters durchaus möglich wäre.

31. ... 'parell' - vgl. Vs. 64!

43ff. ... Das Reiten ist also nach dem Bürger der Fähigkeit zu 'guettet an dem leibe' unzuträglich.

49. ... Besser Komma nach 'eren'; der vorgestellte Nom. entspricht sinngemäß einem konditionalen Vordersatz (vgl. z.B. den Anfang von Ged. 84!).

54. ... Semik. oder Punkt nach 'tieff'.

55. ... 'tue' offenbar nach BC; denn in Sch. I steht im Text 'tuet' mit der La. "tue B"; B.Web hat im Text 'tuͦ', ohne Laa.!

58. ... 'sprach es' vgl. Vs. 89 und zu 38,25. - ls 'griesw ...' (klein!), es ist sicher kein Name, sondern eine einfache Femininbildung zu 'griez̡wartel'; also: "Schiedsrichterin".

60. ... "Das Liebesverhältnis und Werben (d.h. ein solches, wie es der Ritter schildert) hat nicht inne", d.h. besitzt nicht. - Sie will sagen, wie sie ja auch gleich erläutert, dass Verliebtheit allein nichts erreiche und nicht zum Besitz in der Liebe führe; dazu müsse man noch andere Mittel heranziehen.

466

61. ... "Jch hatte einmal fehlgeschossen auf ein junges Bürschlein" - d.h. sie hatte mit ihrer Liebe auf ihn gezielt und ihn verfehlt (er erwiderte die Liebe nicht).

63f. ... "mit dem hätte ich nie der Minne pflegen können, wenn nicht mit Hilfe eines Zaubertrankes". - Nach 'trunk' natürlich Punkt!

71. ... 'mügt' - 2. Pers. ohne Pron.; s. zu 72,26!

72. ... 'recht getauft' - jedenfalls (etwa mit entspr. Bewegung von Daumen und Zeigefinger) Anspielung auf Geldbesitz! Sonstige Belege dieser Redensart konnte ich nicht finden.

74. ... 'ich sei' = 'ich ensî' - "Es müsste mit dem Teufel zugehen, wäre ich nicht von Christenart"! - Die treuherzig-gerade Art des Ritters kommt hier besonders zum Ausdruck, weil er die offenbar nicht so zu verstehende Anspielung des Bürgers wörtlich aufnimmt. Es ist doch mehr ein höfischer Ritter als ein eigentlicher "Hofmann"!

79f. ... Obscöner Doppelsinn, etwa im Hinblick auf die Worte des Bürgers, Vss. 43ff?

89. ... 'sprach es' vgl. Vs. 58 und s. zu 38,25!

94. ... "bis zum endgültigen Tode" (weil der Gestorbene sich streckt!).

95. ... 'bekützen', "befassen" (eigtl. "bekleiden"); s. Schm. Fr. I, 1318.

105f. ... vgl. 60,23!

115. ... vgl. 111,121!

118. ... 'neut' vgl. 81,15!

123. ... 'valben' - s. Vs. 10 und vgl. auch 93,19! Der Bürger betrachtet also das Blondhaar verächtlich!!

131. ... 'weiber' - dieser Plur. nur hier bei Osw.!

133f. ... vgl. 114,106!

135f. ... Auf die beiden vorhergehenden Verse bezüglich - also etwa folg. Sinn: ich mache kein Hehl aus meiner Meinung; dann ist's wenigstens mit dem Geschnatter zu Ende. - Die

467

Schlusszeile lässt zugleich in witziger Form die Hörer wissen, dass das Lied zu Ende ist.

Anhaltspunkt für die Zeitbestimmung finden sich kaum. Jn der datierenden Aufzählung - Sch. II, 56 - lässt Schatz es auch fort. Warum man es "nicht wohl ... vor 1427" (Sch. I, 118) setzen könnte, ist aus dem Jnhalt nicht ersichtlich; die "leicht lehrhafte Tendenz" (a.a.O.) ist kein genügender Beweis, das Witzig-Drastische überwiegt durchaus. Auch von einer ungünstigen Gesinnung gegen die Hofleute (a.a.O, 119; s.a. H. Jantzen, Gesch. des dt. Streitgedichts, Breslau 1896, S. 46) ist in diesem Gedicht nichts zu spüren. Der 'hofman' ist hier der "höfische Ritter", dem unzweifelhaft des Dichters Sympathie gehört. Da dieser Ritter manche Züge trägt, die sehr wohl auf Oswald zutreffen (Vss. 10/123 mit Vergleichung von 93,19 - sowie Vss. 97ff), so stehe ich nicht an, hinter diesem Liede ein persönliches Erlebnis zu sehen, etwa derart dass ein Bürger den Dichter bei einer Werbung mit Hilfe einer Kupplerin ausgestochen hat; an dieser hat sich dann Ritter Oswald in seiner Art gerächt. Auch die Schlussverse wirken wie ein recht persönlicher Stosseufzer, trotz der sprichwörtlichen Form. Jedenfalls liegt, meine ich, die Grundlage persönlichen Erlebnisses näher, als etwa eine "Parodie auf den Herzog Friedrich mit der leeren Tasche", wie Passarge (S. 145) annimmt.

Bezüglich der Form des Streitgedichts sei gegenüber anderen Gedichten dieses Zweiges (s. H. Jantzen, a.a.O.) die Selbständigkeit O.s betont. Die gewöhnlich längere Einleitung (z.B. bei Such. und Hätzl.) fehlt bei ihm so gut wie ganz; er springt nach kurzer Angabe des Streitpunktes sofort mitten hinein und bleibt bis zum Schluss in der Gesprächsform; selbst Handlungen der Redenden (Vss. 97ff) sind nur in den Gesprächen zum Ausdruck gebracht. Der kurze Schluss, in der Länge von 8 Versen der Einleitung entsprechend, gibt zwar eine Betrachtung, aber "didaktisch"

468

(Ladendorf S. 147; Sch. I, 118) kann ich ihn kaum nennen; er ist, wie gesagt, ein Stosseufzer mit offenbar persönlichem Hintergrund.

Bei der Verschiedenartigkeit der Redenden übrigens gibt dies Gedicht ein gutes Beispiel für bewusste Anrederegelung bei O. (vgl. Ged. 20!): Der Ritter spricht zum Bürger im Sing., zur Schiedsrichterin zunächst, soweit er sie überhaupt anredet, im Plur. (Vs. 35), am Schluss, als er verloren hat und die Kupplerin schilt (97ff), im Sing; der Bürger zum Ritter im Plur., zur Kupplerin, die ihm wohl schon manchen bezahlten Dienst geleistet hat, im vertraulichen Sing. (107ff); die Kupplerin zu beiden Streitenden im Plur. (vgl. a. II. Teil, 2. Kap.).

Die metr. Form und Melodie geben ebenfalls keinen Anhalt für die Eingliederung; denn von den Liedern dieser metr. Gruppe, die alle in den Hss. Hinweise auf die Mel. von 79 haben (91; 111), ist nur 111 sicher nach 79 entstanden, 91 dagegen vorher (1423; 79: 1424!). Die Stellung in A in der 6. Lage besagt nicht viel, da diese auch Lieder früherer Zeit enthält (z.B. 11; 19; 20; 25; 26; 32).

Jch nehme daher 112 aus der Reihe der datierbaren Lieder heraus. Und zwar setze ich es hinter Ged. 42, mit dem es in A zusammensteht (s. II. Teil, 1. Kap.).

113 (16)

(fehlt A; B 104,f.41 b; C,f.81 b)

Metr.: gleichen metr. Rahmen haben 114 u. 116; in den Strr. 1/2 andre Reimverteilung bei den Stollen als in den Strr. 3/4; von den anderen beiden Liedern hat 114 die Reimverteilung der 3. u. 4. Str., dagegen 116 die der 1. u. 2. Str. von 113 (s.u. Melod.!); 116 bindet ausserdem noch neben den Schlusszeilen der Abgesangsteile, die in allen drei

469

Liedern auf die Schlusszeilen der Stollen reimen, auch deren vorletzte Zeilen mit der entspr. Zeile der Stollen. - vgl. auch, bes. was die Stollen von 113 usw. angeht, die bei Ged. 11 besprochene metr. Gruppe (bes. 58!).

Melod.: (69) eigen; Ged. 116 (21) hat die gleiche Mel.; danach ist wohl die Reimverteilung der 1. u. 2. Str. von 113 (s.o.!) die diesem Strophenbau zukommende, während die der 3. u. 4. Str. lediglich als Abweichung nach 114 hin zu betrachten ist. Denn dies Lied hat eine vollständig andere Melodie! - Zu der - frischen, lebendigen, ich möchte sagen neckischen - Melodie von 113 und 116 ist noch zu bemerken, dass die durch die ganze Strophe gleichgebundenen Schlusszeilen der Stollen und Abgesangsteile auch gleiche (oder fast gleiche) Mel. haben.

2. ... ls. 'Winderklaub' (gross!) - "Winterklaub" ist ein Hofname im Bezirk St. Valentin bei Kastelruth (s. Der Sammler, Bll. f. tirol. Heimatkunde u. -schutz, Jg. III, 1909, S. 281). Zugleich als Wortspiel mit "Winter"; vgl. u. Vss. 11ff!

3. ... 'herwider' - s.u. Zus.-Fassg.!

11ff. ... 'Pösaier' - jedenfalls: "Passeirer" - etwa der damalige Besitzer des Hofes "Winterklaub"? - Der Name ist etwas verdreht, um dem Wortspiel mit dem bekannten Sprichwort gerecht zu werden. - Komma fort nach 'ai' (M).

21. ... 'der pauer' - kollektiv; der Bauer, der in der 1. Str. bei den Winterschilderungen mit Hilfe der Wortspiele etwas abbekommt, ist jedenfalls ein Beispiel für viele.

23. ... Komma fort nach 'han' (M)!

24ff. ... Wer gemeint ist, hat sich noch nicht feststellen lassen; denn die B. Weber'sche Annahme, auch hier (wie Vs. 50!) sei Bischof Ulrich Putsch gemeint, ist zwar möglich, aber doch unsicher. Jedenfalls: "Unter 'widerdriss', Vers 25 ist

470

nicht der Stoss zu verstehen, den er am 28. October 1429 dem Bischof Ulrich versetzte" (Sch. I, 119)1 - es ist ein Verdruss, den er dem "kleinen Ungenannten", dem "frechen Kerl" ('gerad. viess') bereitete oder androhte, der ihm "den Spass verdarb". Ein Geistlicher allerdings scheint der Angegriffene zu sein nach der Anspielung Vss. 32ff.

30. ... 'dem risen' - ironisch für den "Kleinen"! 'geweret': "vergolten" - der bereitete Verdruss war also irgend ein Racheakt Oswalds.

31. ... Komma fort nach 'tuet'!

32f. ... Punkt fort nach 'mantel', dafür höchstens Komma; Punkt nach 'Gabriel'. - Jch sehe hierin eine Anspielung auf Boccaccio, Dekam. 4,2 (Albert von Jmmola als Engel Gabriel bei Liseta); die Aehnlichkeit der Situation legt das sehr nahe, wobei es gleichgültig ist, ob die Anspielung aus eigner Kenntnis von Bocc.s Dekam. oder aus einer Fama stammt, die Vorgänge in Brixen mit dieser Geschichte verglich.

35f. ... "Jch bekäme einen grossen (freudigen) Schreck, wie wenn mir einer ganz Strasburg schenkte". - 'gäbe : schäbe' vgl. 81,60/65 - uo:â/ä; s. zu 37,45ff; vgl. a. zu 6,42.

41ff. ... Es ist offenbar O.s Lage in Tirol nach seiner Urfehde (Vs. 45!) gemeint; man traute ihm wohl nicht (Vss. 42ff), und Umtriebe verschiedener Art (welche?!) liessen ihn nicht recht zur Ruhe kommen.

47f. ... 'die rigel und die zeun' ist doch wohl kaum als Umschreibung für "Mund" (so Beyrich, S. 17!) anzusprechen, sondern wörtlich zu nehmen; ferner kann nach dem Vorhergehenden 'vermuft' nicht "zerbrochen" (also "aufgemacht" u.ä.) heissen, wie B.Web. und nach ihm Schrott und Passarge annehmen. Der Zusammenhang fordert gerade das Gegenteil: Gott sei Dank, dass ich frei bin (durch die Urfehde),

1vgl. V. Schaller, ZsFerd. 36, 225ff; bes. 293ff (s.o. S. 378 Anm.)

471

wo man mich gerne länger gefangen gehalten hätte. - Dem käme die Bedeutung, die DWb. für (ein allerdings späteres) 'vermüffen' gibt, sehr entgegen: "machen, dass etwas nach Moder richt"; also etwa: "..., wo man doch die Riegel und Zäune am liebsten hätte (an ihrer Stelle) vermodern lassen" (, statt sie zu rühren und mich herauszulassen).

48. ... Dieser Vers hat wohl mit dem folgenden dazu beigetragen, die Anspielungen des Gedichtes auf die Händel O.s mit Bischof Ulrich Putsch im Jahre 1429 (s.o. zu Vss. 24ff!) zu beziehen. Nach dem Zusammenhang, bes. mit dem Folgenden (Vss. 57f!), ist dies aber doch wohl eine Drohung, die O. ausspricht. Das bestätigt vor allem auch Vs. 50!

50. ... Die Angeredeten, die ihn nicht foppen sollen, sind jedenfalls Bischof Berthold (gest. Sept. 1427) und Bischof Ulrich Putsch (gewählt Nov. 1427) - s. Sch. I, 119!

51ff. ... Viell. Anspielung auf Rechtshändel, bei denen O. sich durch römische Rechtseinflüsse ('mit der neuen hand beluckt nach welischer vernuft') geschmälert sieht (vgl. Ged. 118!). Es könnte ja auch auf die Urfehde selbst gemünzt sein. Denn sie "weicht so sehr von anderen Actenstücken ähnlicher Art ab, zeigt die Bestimmungen, unter welchen dieser zu einer Aussöhnung bereit war, in so bestimmter Weise, dass wir daraus leicht zu erkennen vermögen, mit welcher Sorgfalt Friedrich den schlauen Gegner auf immer unschädlich zu machen suchte" (Noggler, ZsFerd 26, 154). Diese so sorgfältig ausgearbeitete Urfehde mag den Dichter hinterher gewurmt und zu Gedanken geführt haben, wie sie diese Stelle ausspricht. Allerdings lässt der sonstige Zusammenhang eher auf Händel mit dem Bischofssitz Brixen (vgl. zu 83, Zus.-Fassg. Anm.) schliessen, zumal dazu Vs. 53f besser passt.

55ff. ... "Jch muss mich zwar dem Rechtsspruch beugen; wenn ich

472

mich aber doch wieder sollte aufrichten können, so würde ich wohl einen beugen helfen, der mir am liebsten die Stufen bis in den Meeresgrund bereiten würde". - Auch für diese Drohung ist das Ziel wohl in Brixen zu suchen; sie bildet etwa die genauere Ausführung zu dem 'Noli me tangere'.

61ff. ... Vgl. Ged. 107!

61. ... Komma nach 'Ach'; es gehört dies offenbar mit zu der Aufzählung: "Aachen"! (vgl. 100,50!).

62. ... ls. 'Affiane' - vgl. zu 63,132f. - Komma nach 'Nüremberg'.

73. ... vgl. 107,89!

76ff. ... Diese Verse enthalten wohl eine Erinnerung an eine der Versöhnungsurkunden, in der Osw. sich verpflichtet, dem Herzog ein getreuer Untertan zu sein und sein Recht nur bei ihm zu suchen (s. Sch. II, 19f!).

78. ... "Der 'schatz' sind die 6000 Dukaten, welche der zum Ausgleich vom 1. Mai 1427 gezwungene Dichter nicht verschmerzen kann." (Sch. I, 119). - Osw. blieb diese Summe dem Herzog schuldig; sie umfasste die Verpflichtungen gegen die Hausmannin, die auf den Herzog übergegangen waren (s. Sch. II, 19).

79. ... Die sprichwörtl. Anspielung geht wohl auf Sabinens Tod.

Bezüglich der Zeit ist auf die schon im einzelnen zum Teil herangezogenen Bemerkungen von Schatz (Sch. I, 119) zu verweisen. Motz, S. 44 setzt es ohne nähere Begründung, warum er auf die Datierung M. Herrmanns (s. Sch. I a.a.O.) zurückgreift, in den Winter 1432/33; höchstens könnte man eine solche Begründung darin sehen, dass er die Erwähnung Nürnbergs, Vs. 62, auf O.s Aufenthalt daselbst 1430/31 und 'von eoner wis' auf die lombardische Ebene bezieht. Die Schatz'schen Gründe sind mir jedoch einleuchtender, sodass ich den Dezember 1427 für sicher halte. Aus Gründen, die an Ort und Stelle

473

angeführt sind, lasse ich diesem Gedicht die beiden 82 u. 83 folgen; dass Händel mit den Bischöfen von Brixen, bes. Ulrich Putsch, gemeint sind, wenn auch der eigentliche Austrag vom Okt. 1429 nicht in Frage kommt, begegnet nach den Ausführungen bei 83 und in der Anm. S 378 keinen weiteren Schwierigkeiten.

114 (86)

(fehlt A; B 102,f. 40 b; C,f.79 b)

Metr. u. Melod. (61, eigen!) vgl. zu Ged. 113!

2. ... Die Auftaktlosigkeit fällt bei der Mel. kaum ins Gewicht.

3. ... Sch. I hat im Text 'ichs'!?

6. ... 'in swären pein' - vgl. zu 7,50 u. 18,26!

7f. ... Komma nach 'gan'! - vgl. Hätzl., Denkspruch 118 (Halt auf S. LXXVIII).

15f. ... "Für Stein und Krampf wurde ich 'massiert' ...".

26. ... 'Hanns Maler' - ? - Spottname?!

31ff. ... "Jch sprach zu ihr, ..., und kam mir darum sehr kühn und draufgängerisch vor".

44/48/54/60. ... Reim s. zu 6,42; dieser Reim ist etwas unreiner, als die dort besprochenen, wegen des 'näm', Vs. 60, das keinesfalls Konj. Prät., sondern Konj. Präs., also = 'nem' ist (Sch. I: 'nem' B; B.Web. Text: 'nem'!).

48f. ... Komma nach 'widerzäm' - Kolon nach 'bedeut'! - "Und es lief übel für mich aus, wie ich es euch erzählen will: ...".

52. ... "unverzüglich".

58. ... 'ain pischof solt ich machen' - offenbar Anspielung darauf, dass uneheliche Kinder der Kirche geweiht (als Sühne), also später Geistliche wurden. Etwa eine sprichtwörtl. Wendung?!

65. ... 'Viegga waniadat' - Nach dem Folgenden "soll" es anscheinend

474

Ungarisch sein. - Motz lässt es sowohl in Magyar Nyelv als in seiner Arbeit über Osw. v. Wolk. zweifelhaft und sieht es zum mindesten als stark verderbt an. - Wustmann, AfdA 31,131 (Bespr. v. Sch. II) erklärt es "nach Erkundigung bei J. Goldzieher" als: 'vigye az anyádat': er möge wegtragen deine Mutter (zu erg. ördög = der Teufel). Der Ausgangspunkt kann sehr wohl ein ungarischer Fluch dieser Art sein, den sich O. dann nach dem Grödnerischen, von dem er wohl eine Ahnung hatte (vgl. Gedd. 27 u. 77!), zurechtmachte oder in der Erinnerung damit vermengte. Denn wenn es auch nicht "kaltes Wasser" (Sch. II, 57) heisst, vom Grödnerischen her wäre der Ausspruch jedenfalls verhältnismässig leicht abzuleiten: Vi = fę, "mache!", egga = ę́ga̡, "Wasser", wani = bany, "Bad", adat = ä de̡ äd (äl), "zu geben ihm".

71f. ... vgl. 116,18, wo auch 'sein' als Gen. Neutr. in allg. Beziehung auf 'peulen' steht!

75f. ... ls. 'wol' und 'flaisch', wie Sch. I! - 'gedont wol zwischen flaisch und palge' - eine Folterart??

82ff. ... "wiewohl ich im Jnneren dem nicht beipflichtete, dass sie mich gefangen nahmen und dass mich das trotzdem gut dünkte".

89f. ... 'von in jat' - "von ihnen eilte"! vgl. 37,3 u. 40,47! - 'geprechen' Ptz. Prät., Angleichung an die Verba der 'gëben'-Reihe! - Das sonstige Vorkommen von 'jeten' in der genannten Bedeutung bestätigt wohl die beiden Erklärungen. Andernfalls müsste man 'geprechen' als Acc. Sing. zu 'gebreche' ansehen und etwa übersetzen: "bis ich von ihnen Leibes-Gebrechen bezog".

91f. ... Er befand sich also mit Marg in Bruneck zur Zeit dieser Episode. - Die Synaphie zwischen der Weise und dem folg. Vers ist durch Auftaktlosigkeit ebenso wie Vs. 117f gewahrt!

475

93f. ... Wustmann, AfdA 31, 130 (Bespr. v. Sch. II) wendet sich, jedenfalls mit Recht, gegen die Konjektur von Schatz. Der Reim (: mär) verlangt ja eine solche; sie ist jedoch, worauf Wustm. hinweist, viel einfacher möglich: 'pär'. - Für dies weniger gebräuchliche Wort, das etwa in einer Vorlage gestanden hat, setzte dann der Schreiber von B 'trüg' ein! Die Konjektur 'pär' hat also neben dem Reim auch die Wahrscheinlichkeit des Ursprünglichen für sich! - Zu dem Jnhalt erzählt Wustm. a.a.O. von dem Schreck einer Boznerin in Seis, als sie ihn mit einem blauen Eisenhut (d.h. der Pflanze 'Aconitum Napellus'!) in der Hand erblickte!

95. ... 'das pat' - s.o. Vss. 65ff!

96/98 -ld- : -lt- s. zu 70,32; vgl. a. zu 28,1 (d/t) und 17,55/56 (nd/nt).

97. ... Komma nach 'treu' (M), wie Sch. I!