ABSTRACTS

ANKE BOSSE (Namur): "Modern sind alte Möbel und junge Nervositäten ..." – Maeterlinck und Hofmannsthal revisited


Zum Referat: Im Anschluss an Paul Bourget war "Nervosität" in der Wiener Moderne eine der wahrnehmungsästhetischen Grundlagen im Sinne einer (Hyper-)Sensibilität, zugleich aber auch eine produktionsästhetische Kategorie (z.B. Evokation von "Stimmung"). Während Hermann Bahr dies in den Dramen des Belgiers Maurice Maeterlinck meisterlich umgesetzt sah, gewannen Theorie und poetisch-dramatische Praxis des jungen Hofmannsthal Kontur in einer ambivalenten Doppelbewegung der faszinierten Reaktion und der kritischen Absetzung gegenüber Drama und Poesie Maeterlincks. Mein Beitrag wird nicht um eine (weitgehend erledigte) "Einflussforschung" kreisen, sondern sich auf bestimmte Aspekte der Affinität zwischen beider Autoren Poesie und Drama konzentrieren. Untersucht werden soll an Textbeispielen, wie sich – in Anlehnung an das Titelzitat – bei beiden das Doppelgesicht der Moderne darin manifestiert, dass der Druck der perpetuierten Innovation und Transition (vgl. H. Bahrs "Überwindung") den Rückgriff auf konstante, fixierende, repetitive und /oder totalisierende Formen und Verfahren provoziert wie Synästhesie, Ornament, Tableau, Ritual. In den Blick rücken hier z.B. ritualisierte Sprachmonotonie und -magie, Fetischisierung und Auratisierung von Objekten, Dekor und Körpermerkmalen oder auch die Evokation einer diffusen "Stimmung", die sich um eine mit ritualisierten Kommunikationsverläufen umspielte Leere bildet. Doch solche Formen und Verfahren stehen nicht nur unter dem Zeichen einer "Betörung" des Rezipienten. Vielmehr werfen sie auch die Frage auf, inwiefern Ritualformen ein Zeigemodus eignet, der demonstrativ auf Sprachverlust und Unsagbares verweist (und darin Hofmannsthals spätere Sprachkritik antizipiert) und inwiefern der den ornamentalen Verfahren innewohnende semantisch ungebundene Überschuss und Überfluss auf Simulation verweist – und so auf ein Element, an dem sich nicht nur Unbehagen und Ungenügen der Wiener Moderne, sondern auch das Interesse der sog. Postmoderne an ihr entzündet.


Zur Person: Anke Bosse, geboren 1961 in Hannover, studierte Germanistik, Romanistik und Komparatistik in Göttingen und München; ab 1987 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Komparatistik der Universität München; ab 1992 Hochschulassistentin an der Université de Genève (Schweiz); 1996 Thèse d'état über den Nachlass zu Goethes West-östlichem Divan; seit 1997 Univ.-Doz. für Germanistik und Komparatistik an der Université de Namur (Belgien); seit 1998 Direktorin des dortigen Instituts für deutsche Sprache und Literatur und Mitherausgeberin sowie Redakteurin der Germanistischen Mitteilungen; seit 2000 Vorstandsmitglied des Belgischen Germanisten- und Deutschlehrerverbands.


Veröffentlichungen: "Meine Schatzkammer füllt sich täglich…" – Die Nachlaßstücke zu Goethes "West-östlichem Divan". Dokumentation. Kommentar. Entstehungsgeschichte, 2 Bde., Göttingen 1999; Hg. mit C. Ruthner: Das Belgienbild in der deutschen Literatur, Germanistische Mitteilungen 49, Brüssel 1999; Hg. mit C. Ruthner: "Eine geheime Schrift aus diesem Splitterwerk enträtseln ..." Marlen Haushofers Werk im Kontext, Tübingen 2000; Hg. mit B. Beutler: "Spuren, Signaturen, Spiegelungen". Zur Goethe-Rezeption in Europa, Köln, Weimar, Wien 2000 [ersch. demn.] (Beiträge des Brüsseler Internationalen Kolloquiums zur europäischen Goethe-Rezeption, veranst. v. A. Bosse und dem Goethe-Institut Brüssel). Forschungs- und Publikationsschwerpunkte: Literatur der Goethezeit, Wiener Moderne, belgischer Symbolismus, Gegenwartsliteratur, Editionsphilologie und "critique génétique", interkulturelle Fragestellungen und Kulturwissenschaft.


SUSANNE DEICHER (Wismar): Imaginäre Praxis. Ästhetische Inszenierungen des Wohnens in der neuen Architektur seit 1900


Zum Referat: In meinem Vortrag werde ich einen Überblick geben über meine derzeitigen Forschungen zu Repräsentationsformen des Wohnens in der modernen Architektur bei Behrens, Adolf Loos, Walter Gropius u.a. Es geht um mediale Formen der Repräsentation von Wohnpraxis in Vorzeige-Bauten einer neuen Architektur, welche von ihren Erbauern ausdrücklich als "Kunstwerk" (Behrens) bzw. als Modelle der Überführung der Ästhetik des 19. Jahrhunderts in Praxis (Gropius) aufgefasst werden. Der neuen Architektur wird die Aufgabe zugewiesen, ästhetische Ideale, welche dem 19. Jahrhundert nur im Kunstwerk bzw. im Medium des Kunstscheins zugänglich waren, in die Wirklichkeit zu überführen.
Bei der Untersuchung einiger dieser Modell-Bauten ästhetischer Praxis (z.B. dem Wohnhaus auf der Mathildenhöhe in Darmstadt) bin ich darauf gestoßen, dass in diesen Bauten nie "wirklich" gewohnt wurde – ästhetische Praxis fand nur als mediale Inszenierung, z.B. als Ausstellungs-Wohnen statt. In anderen Fällen lässt sich die "wirkliche" Praxis des Wohnens nicht mehr wissenschaftlich untersuchen oder darstellen, sie ist im historischen Dokumentenbestand komplett von ästhetischen und medialen Inszenierungen überlagert worden. In weiteren Fällen finden sich entschlossene Künstlerkollektive, die an sich selbst einen Großversuch des Praktischwerdens ihrer Ästhetik durchführten, indem sie "öffentlich" wohnten – Betrachtern den Einblick in das Haus ermöglichten, Fotoreportagen über ihren Alltag lancierten, Filme herstellen ließen etc. Besonders interessant ist, dass in der Regel Frauen – oft die Frauen der Architekten – die Aufgabe der Repräsentation des Wohnens übernehmen. Der Innenraum des Hauses wird dabei entschlüsselbar als öffentliche Projektion weiblicher gender-Rollen. Mein Interesse ist darauf gerichtet, diese Inszenierungen theoretisch zu bestimmen und in der Geschichte der Ästhetik seit dem Ende des 18. Jahrhunderts zu situieren. In meinem Vortrag werde ich mich auf Ansätze einer theoretischen Analyse konzentrieren; insbesondere werde ich darzustellen suchen, wie mit Hilfe von Theoremen von J. Derrida, J. Butler, E. Koslowsky-Sedgwick u.a. die imaginären Qualitäten einer so sehr von ihrem praktischen Charakter eingenommenen historischen Form der ästhetischen Repräsentation dechiffriert werden können.


Zur Person: Susanne Deicher, geboren 1959 in New York, studierte an der Georg-August-Universität Göttingen und der Freien Universität Berlin, dort 1993 Promotion in Kunstgeschichte (Thema: "Piet Mondrian und die protestantische Erweckungsbewegung in den Niederlanden"); 1982-1984 Mitarbeit an Forschungsprojekt und Ausstellung "Skulptur und Macht. Figurative Plastik im Deutschland der 30er und 40er Jahre" im Auftrag der Akademie der Künste Berlin und der Kunsthalle Düsseldorf; 1985-1986 wissenschaftliche Mitarbeiterin der Ausstellungsabteilung der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf; 1989 Stipendium des DAAD für Forschungsaufenthalt in den Niederlanden, Untersuchungen über die Frühgeschichte des "De Stijl"; 1991/92 Mitarbeit beim kulturwissenschaftlichen europäischen Forschungsprojekt "Modernisierung" an der RU Limburg/Niederlande, der TU Aachen und der U Liège/Belgien; 1994/95 Mitarbeit an der Ausstellung "When tekkno turns to sound of poetry" (Neue Konzeptkunst) für die Shedhalle Zürich und die Kunstwerke Berlin; 1997/98 Koordination des Forschungsprojekts "Design und Politik 1947-1989" an der Hochschule Wismar; seit 1997 Professorin für Kunst- und Kulturgeschichte, Ästhetik, Architektur- un Designtheorie an der Hochschule Wismar.


Veröffentlichungen (Auswahl): Piet Mondrian 1872-1944. Konstruktion über dem Leeren. Köln 1994; Piet Mondrian. Protestantismus und Moderntiät, Berlin 1995; Die weibliche und die männliche Linie. Das imaginäre Geschlecht der modernen Kunst von Klimt bis Mondrian (Hg.), Berlin 1993; Gendered spaces. Heft 3/1995 der "kritischen berichte" (Hg. zus. mit Brigitte Schoch-Joswig; darin zus. mit Monika Schröter: Eros als Bauherr, S. 23-42); Skulptur und Macht. Figurative Plastik im Deutschland der 30er und 40er Jahre, Berlin 1983 (Hg. zus. mit Magdalena Bushart, Ulrike Müller-Hofstede, Bernd Nicolai u.a.); Farbe-Vision. Unveröffentlichte Texte aus dem Arbeitsjournal von Paul Sharits, in: Frauen und Film, 47 (September 1989), S. 78-88; Produktionsanalyse und Stilkritik. Versuch einer Neubewertung der kunsthistorischen Methode Wilhelm Vöges, in: kritische berichte, 1 (1991), S. 65-82; Polychromie in der englischen Architektur um 1850, in: Daidalos, 51 (15.3.1994), S. 90-101; Zur Differenz von Künstlertheorie und abstraktem Bild bei Otto Freundlich, in: Otto Freundlich. Ein Wegbereiter der abstrakten Kunst, Regensburg 1994, S. 65-70; Zuivere vorm en een verhaal van lijden. De betekenis van het gereformeerde denken voor het werk van Piet Mondrian, in: Jong Holland, 4 (1994), S. 6-17; Imaginäre Praxis. Ideologie und Form in Peter Behrens´ unbewohntem Haus auf der Darmstädter Mathildenhöhe, in: Annette Tietenberg (Hg.): Das Kunstwerk als Geschichtsdokument. Festschrift für Hans-Ernst Mittig, München 1999, S. 100-128; Kunst und Karriere Paul Klees, in: Kunstchronik. September/Oktober 1999, S. 454-459.


DIEDRICH DIEDERICHSEN (Berlin): Die Visual-Culture-Diskussion – Modelle für einen Kompromiss zwischen Ästhetik und Kulturwissenschaften?


Zum Referat: Die Zeitschrift "October" hat 1996 in einer Umfrage unter der kritischen Prominenz der Kunsthistoriker der USA versucht zu ermitteln, wie diese zu dem Projekt steht, die Kunstgeschichte zu einer allgemeineren Bildwissenschaft zu erweitern, den Visual Studies oder der Visual Culture. Die Reaktion war überwiegend skeptisch. Vor allem wurde einem solchen VC-Paradigma vorgehalten, durch seinen Focus auf das synchronische Nebeneinander aktueller visueller Phänomene die Dimension der Geschichte und letzten Endes auch die kritische Option, zwischen Wünschbarem und Abzulehnendem zu unterscheiden, an einen Bildpositivismus zu verramschen. Der andere Vorwurf war der des Technizismus. So verständlich diese Reaktionen auf einen noch wenig umrissenen Feind, so nötig auf der anderen Seite die Entwicklung einer kritischen Perspektive auf aktuelle Visualitäten, die den wesentlichen Einschnitten der letzten Jahre und Jahrzehnte Rechnung trägt (weiche Materialitäten, Verfügbarkeit von Bildproduktion und -ausgabe für viele, neue ideologische Bilderpolitik, Aufstieg eines synästhetischen Massenmediums - Musikvideo, Konvergenz der Interface von Bildbearbeitung mit anderen etc.). Diese Fülle von Fragen und Problemen wird meist unerledigt, bestenfalls unsystematisch erledigt an Einzelne delegiert, ohne an die Revisionen der Fachwissenschaften, Kunstgeschichte, Filmgeschichte nur zu denken - es sei denn in einem technizistischen Sinne.
Als Achillesferse bei der Konstituierung eines neuen Bildwissenschaftenmodells hat sich erstaunlicherweise aber die Kunst/Nichtkunst-Unterscheidung erwiesen. Gerade ihre Resistenz gegen allzu leichte Eingemeindungen verpflichtet zu einer Revision sowohl der links-konservativen Ablehnung des VC-Modells wie der allzu optimistischen Begeisterung aus dem Cultural Studies Umfeld.


Zur Person: Diedrich Diederichsen, geboren 1957, Redakteur "Sounds" 1979-83, Redakteur "Spex" 1985-1991, Herausgeber "Spex" 1988-2000; zahlreiche Professuren: Gastprofessor Akademie München 1996, Gastprofessur HFG Offenbach 1996/97, Gastprofessor Bauhaus Uni Weimar 1997, Visiting professor Art Center Pasadena seit 1993, Professur Merz Akademie Stuttgart seit 1998, Gastprofessur Justus-Liebig-Uni Giessen 2000; zahlreiche Lehraufträge/Projekte: Städel Frankfurt 1991/92, Merz-Akademie Stuttgart1992-97, Angewandte Wien 1994/95, Uni Wien 2000/01.


Veröffentlichungen (Auswahl): Staccato (1982, Hg.); Schocker (1983, mit D.Hebdige und O.D.Marx); Sexbeat (1985); Elektra (1986); Popocatepetl (1989); Freiheit macht arm (1993); Yo!Hermeneutics! (1993, Hg.); Politische Korrekturen (1996); Loving The Alien (1998, Hg.); Der lange Weg nach Mitte (1999); 2000 Schallplatten (2000).
Diverse Katalogbeiträge (Bildende Kunst) seit 1984; zahlreiche Anthologien und Reader (Bildende Kunst, Design, Politik, Literaturwissenschaft, Soziologie, Ethnologie, Medientheorie, Literatur); diverse Zeitschriftenbeiträge (Sounds, Spex, Konkret, Spiegel, Szene Hamburg, Art Forum, Artscribe, Texte zur Kunst, Beute u.a.); zahlreiche Tageszeitungsbeiträge (Tageszeitung, Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, Frankfurter Rundschau, FAZ-Berliner Seiten).


BETTINA FRAISL (Graz): InZwischen. Körper(de)konstruktionen in Texten von Mela Hartwig


Zum Referat: Während einerseits eine Ästhetisierung von (menschlichen) Körpern diese durch ihre Verbildlichung, ihre Bannung ins Gegenständliche vielfach entleiblicht, beinhaltet andererseits gerade der ästhetische Diskurs das Potenzial, dieses Andere des logozentrischen Diskurses zu artikulieren. Die "Revolution der poetischen Sprache" (Kristeva) findet eben darin statt, dass Vor- bzw. Nichtdiskursives sich dem Diskurs einverleibt, indem es in diesen einbricht, sich in ihm Bahn und Raum bricht.
Postmodern werden Übergangszonen betont, Denkfiguren inZwischen zu etablieren gesucht, welche diskursive Inklusions- und Exklusionsmechanismen durch ein Mitreflektieren von Grenzhaftigkeit beantworten. Der Körper/Leib fungiert dabei aufgrund seiner prinzipiellen Gedoppeltheit, seiner "Natürlichkeit" bei gleichzeitiger "Konstruiertheit", als Grenzraum schlechthin, als "Königsweg der Ästhetik" (H. Böhme) in einem unentwirrbaren Geflecht natürlich-lebendiger Gegebenheiten und kultureller Einschreibungen. Die Tatsache, dass im identitätslogischen Diskurs der Moderne die pejorativ besetzte Sphäre des Körperlichen der Frau zugeschrieben wird, macht es notwendig und sinnvoll, die Kategorie "Geschlecht" mitzureflektieren.
In Mela Hartwigs frühen Schriften, dem Novellenband "Ekstasen" (1928), der Novelle "Das Kind" (1928), den Romanen "Das Weib ist ein Nichts" (1929) und "Bin ich ein überflüssiger Mensch?" (unveröffentlichtes Typoskript, geschrieben 1930/31) nimmt der Körper sowohl auf motivischer als auch auf metaphorischer Ebene breiten Raum ein. Hartwigs Körper(de)konstruktionen werden daraufhin analysiert, inwiefern ihnen ein Potenzial zur Verschiebung traditioneller Binaritätsmodelle und die Möglichkeit neuer Identitätskonzeptionen eignet.


Zur Person: Bettina Fraisl, geboren 1970, studierte Germanistik, Pädagogik/Psychologie/Philosophie und Slawistik in Innsbruck, Freiburg und Graz; seit September 1999 wissenschaftliche Mitarbeiterin im SFB Moderne.


Veröffentlichungen: "Verlorene Mutterwörter, leere Vatermilch." Die Erzählung 'Fotze' - Anschreiben gegen die Verdrängung, in: SCRIPT 17 (1999), S. 32-37; Visualisierung als Aspekt der Modernisierung. Ein Blick auf "modernes" Sehen im Spiegel der Geschlechterverhältnisse um 1900. (Im Erscheinen.)


WOLFGANG FRITSCHER (München): Lust am Schmerz? (Post)moderne Tattoos zwischen Kunst und Melancholie


Zum Referat: Das Geschäft der Tätowierer(innen) blüht, die Szene zeigt einen Grad der Ausdifferenzierung wie Institutionalisierung, der nach einer langen Exklusionsgeschichte nun die Inklusion der Vielen erlaubt. Das kann nicht nur Folge einer postmodernen "Klassenlosigkeit" oder Entgrenzung des Ästhetischen sein. Auch der Tip aufs individualisierte Erlebnis mit (zweifelhaftem) Identitätsversprechen greift zu kurz. Denn die Frage ist: Warum haben gerade "echte" Tattoos Konjunktur? Es scheint tatsächlich um eine Art "starke Identitätswahl" zu gehen, ein authentisches Selbst auf der Haut, rückversichert in Unauslöschlichkeit, trotz aller unvermeidlichen Mediatisierung noch Zeichen einer revolutionären Politik der Differenz. Der Schmerz, den der Erwerb impliziert, verdankt dem seine Lust. Tattoos transportieren (auch noch als hochartifizielle Body-Art) Sehnsüchte nach (vergangenem) "Anderen", sind aber zugleich immer ein Stachel in der profunden Melancholie unserer Fin-de-Siècle- Mentalitäten. Einige Parallelen zwischen der neuen Tattoo-Welt (als kultureller Praxis) und dem Mentalitätsgemisch des Wiens um 1900 sind daher zulässig zu etablieren.


Zur Person: Wolfgang Fritscher, geboren 1954, war von 1982-1988 wissenschaftlicher Mitarbeiter (teilweise in Forschungsprojekten), Dozent in der Erwachsenenbildung, Promotion 1989 (über Systemtheorie und kritische Theorie), ab 1990 außerhalb der Universität tätig.
1992-1995 mehrere Forschungsaufenthalte in Andalusien (Kultursoziologie des Flamenco, Stipendium der VW-Stiftung), ab 1994 Lehrbeauftragter für Soziologische Theorie und Kultursoziologie (LMU-München). Hauptinteressen: Kultur-, besonders Musiksoziologie; Soziologische Theorie.


Veröffentlichungen: Differenzierung, Verdinglichung und Abstraktion, Frankfurt/Main u.a. 1989; Niklas Luhmanns moderne soziologische Romantik, in: Soziale Systeme 2 (1996)1; (Post-)moderne Tätowierungen und Individualisierung, in: Kultursoziologie 5 (1996)2; Flamenco und Differenz (in Vorb.); populärwissenschaftliche Schriften.


HEINZ HIEBLER (Graz): Zur medienhistorischen Standortbestimmung der literarischen Moderne um 1900 – Ästhetik und Wahrnehmung der Jahrhundertwende aus medienhistorischer Sicht


Zum Referat: Datiert man von einem literatur- bzw. sozialhistorischen Standpunkt aus die literarische Moderne als Epoche vom Auftauchen eines programmatischen Moderne-Begriffs im Umfeld des Naturalismus (1886) bis zum Ende experimenteller Literatur durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland (1933), so fällt auf, dass im nahezu selben Zeitraum – mit Ausnahme der bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelten Medientechniken Daguerreotypie bzw. Photographie – alle analogen Einzelmedien erfunden bzw. institutionalisiert werden: das Telephon (Bell 1876), der Phonograph (Edison 1877), das Grammophon (Berliner 1887), die Amateurphotographie (Eastman/Kodak 1889), der Stummfilm (Lumière 1895), der Hörfunk in Deutschland (1923) und Österreich (1924) sowie der Tonfilm (1927–1932). Die medienhistorische Sonderstellung der literarischen Moderne resultiert dabei vor allem aus dem Spannungsverhältnis zwischen einer äußerst hochentwickelten Schriftkultur und dem Aufkommen neuer – durch die analogen Medientechniken beförderter – akustischer bzw. optischer Ausdrucksmöglichkeiten. Die Thematisierung dieses Spannungsverhältnisses, das in engem Zusammenhang mit den gravierenden Veränderungen von (Alltags-)Wahrnehmung und (Kunst-)Ästhetik um 1900 steht, hat ihre historischen Wurzeln bereits in der Epoche der Moderne selbst. Ihre Ausgangspunkte haben heutige Medientheorien und Medienperspektiven in der – durch die Anwendung des Phonographen bei der Erforschung oraler Kulturen beförderten – Entdeckung der Differenz von Mündlichkeit und Schriftlichkeit, in den ersten – nicht selten von Literaten und anderen Medienprofis entwickelten – Einzelmedienbetrachtungen zu Photographie, Film und/oder Hörfunk sowie in vereinzelten kultur- und medienkritischen Positionen, die sich mit den unkonventionellen gesellschaftlichen Verbreitungsformen und dem manipulativen Impetus der (Massen-)Medien beschäftigen. Eine umfassende, ästhetische Betrachtung medienhistorischer Ausdifferenzierungsprozesse ermöglicht nicht nur einen neuen – traditionelle Periodisierungsmodelle erweiternden und präzisierenden – Blick auf die konkreten ästhetischen Probleme der Moderne selbst, sondern erlaubt außerdem eine medienhistorisch fundierte Abgrenzung des Moderne-Begriffs gegen die von den literalen Techniken der Schrift und der Typographie bestimmte konventionelle Ästhetik der "Vormoderne" bzw. die von der zunehmenden Digitalisierung analoger Medientechniken unterlaufenen, von absoluter Medienkonvergenz und virtueller Beliebigkeit geprägten ästhetischen Konzepte der sogenannten "Postmoderne".


Zur Person: Heinz Hiebler, geboren 1967 in Graz, studierte in Graz Deutsche Philologie und Kunstgeschichte; seit 1994 Mitarbeiter beim FWF-Forschungsprojekt "Literatur und Medien" (am Institut für Germanistik in Graz, Abteilung Prof. Dr. Hans H. Hiebel); Publikationen zur Mediengeschichte sowie zur medienorientierten Literaturinterpretation (Schwerpunkte: Hugo von Hofmannsthal und die literarische Moderne).


Veröffentlichungen: Kleine Medienchronik. Von den ersten Schriftzeichen zum Mikrochip (mit Karl Kogler, Herwig Walitsch, hg. v. Hans H. Hiebel), München 1997; Die Medien. Logik - Leistung - Geschichte (zus. mit H.H. Hiebel, K. Kogler und H. Walitsch), München 1998; Große Medienchronik (zus. mit H.H. Hiebel, K. Kogler und H. Walitsch), München 1999; Medienorientierte Literaturinterpretation, in: Ansgar Nünning (Hg.): Lexikon Literatur- und Kulturtheorie: Ansätze - Personen - Grundbegriffe, Stuttgart 1998, S. 351-353; Georg Büchners literarische Praxis in Leonce und Lena - Individuum und Kollektiv im Getriebe des materialistischen Idealismus, in: "Weine, Weine, Du armes Volk!" Das verführte und betrogene Volk auf der Bühne. Vorträge des Salzburger Symposions 1994, Bd2, Anif/Salzburg 1995, S. 501-519; Religiöse und mediale Strategien bei der Darstellung des Unsichtbaren und Unaussprechlichen – Zu Vorlage und Genese von Hofmannsthals Turm-Dichtungen, in: Religion – Literatur – Künste. Aspekte eines Vergleichs. Gesammelte Vorträge des Innsbrucker Symposions 1995, Anif/Salzburg 1998, S. 247-269; Odysseus im Land der Sirenen – Radio und Mythos in der Moderne: Zur Identitätsproblematik aus medientechnischer Sicht, in: Alice Bolterauer, Dietmar Goltschnigg (Hg.): Moderne Identitäten. Wien 1999, S. 243-259; Phonographentheater für ein Marspublikum – Medienecho und phonographisches Gedächtnis in "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus, in: Alban Bergs "Wozzeck" und die Zwanziger Jahre. Gesammelte Beiträge des Symposions der Salzburger Festspiele 1997, Anif/Salzburg 1999, S. 617-634; Zur medienhistorischen Standortbestimmung der Stimmporträts des Wiener Phonogrammarchivs, in: Dietrich Schüller (Hg.): Begleitbuch zu: Tondokumente aus dem Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Gesamtausgabe der Historischen Bestände 1899-1950. Serie 2. Stimmporträts, Wien 1999, S. 219-232 u. 235-240.


WERNER JAUK (Graz): digital musics – digital culture


Zum Referat: Willkürlichkeit – unterschieden von Beliebigkeit – ist jenes Kriterium, das Musik stets in die Nähe der Mathematik setzte. Die barocke Polyphonie, Zwölfton- und Reihen-Musik, das Sequenzing in der Elektronischen Musik durch Triggering, die Muster-Variation in der Minimal Music, das Schleifen-Denken und algorithmische Strukturieren der Computermusik und des MIDI-pattern-structurings der Rhythm-Machines, schließlich das Sampling/Looping, das Rappen/DJ-ing, das Tracking und Sound-Editing am Harddisc-Recorder im Techno sind Beispiele willkürlicher Setzung und Reihung von akustischen Ereignissen zu musikalischen Strukturen – einzig durch Spannung und Lösung geregelt (vgl. H. Schenker).
Was mit musikalischen Zeichen (des Klanges) möglich war, ist durch die Digitalisierung des Klanges nun auch mit dem Klang selbst machbar. Sampling/Looping, Rap und DJ-ing, realtime digital-sound-editing/synthesis/tracking markieren diese Wende. Klang selbst wird abseits seiner physikalischen Bestimmtheit verfügbar.
Abseits physikalischer Determination, abseits der narrartiven Logik der Abfolge von Geschehnissen ist Realität in ihrer virtuellen Form willkürlich machbar.
Willkürlichkeit und Machbarkeit sind Spezifika der digitalen Repräsentation von Wirklichkeit – Marker der digital culture; (wirtschaftliche) Verfügbarkeit ist eine Generalisierung daraus.
Durch unsere Körper-Umwelt-Interaktion erlernen wir ein Imagery der Wirklichkeit der Welt, das wir im mechanistischen Gefüge der Beziehung von Distanz – Zeit – Geschwindigkeit formulieren, in dem Kausalität als logische Kraft wirkt.
Technische Möglichkeiten erhöhen Geschwindigkeit (vgl. P. Virilio) über das Maß des Erfahrbaren und reduzieren räumlich-zeitliche Beziehungen zur "all-at-onceness" (M. McLuhan).
Das Generieren nach Programmen löst die Entstehung von "Wirklichkeit" von der Kausalität.

Musik als die Formalisierung der Erfahrung der Körper-Klang-Interaktion, als dynamisch systemisches Gefüge, das non-mechanistisch/non-narrativ "funktioniert", wird als Paradigma auf die Beschreibung der digital culture anzuwenden versucht. Abseits jeglicher extern motivierten Ordnung werden solche Ereignisstrukturen bevorzugt und kulturell verstärkt, die (körperliche) Spannung-Lösung in einem angenehmen Maß hervorrufen. Das Populäre ist diesem Mechanismus inhärent (vgl. A. Benjamin) – das Populistische, als Spiel damit, wird als mögliche Implikation der digital culture diskutiert.
Kognitive Theorien der Wahrnehmung von Klang und Musik, musikalische Kybernetik und eine neubewertete musikbezogene Informations-Ästhetik/experimentelle Ästhetik (D.E. Berlyne) und Theorien einer digitalen Kultur werden zueinander geführt.


Zur Person: Werner Jauk, geboren 1953, ist Musikwissenschafter/Scientific artist. Studium der Psychologie/Kybernetik/Musik; Lehrbeauftrager für Experimentelle Ästhetik an der MHS-Graz (1980-86), seit 1982 Ass.-Prof. für Systematische Musikwissenschaft an der Karl-Franzens-Universität Graz mit dem Forschungsschwerpunkt "Naturwissenschaft, Musik und die Neuen Technologien/Medien - Logik des Auditorischen und Medienkunst und Alltagswahrnehmung".
Gründer von grelle musik <--> Intermedia: Science and the electronic arts (1986), der Reihe Klang im Intermedium: Kunst und Wissenschaft als Medien der Erkenntnis und der GRUPPE 01: interactice-realtime-computermusic aus kommunikativem Verhalten. Post Graduate-Studies am IRCAM des Centre G.Pompidou in Paris (1991-96), Mitglied der internationlen Jury des Prix Ars Electronica Computermusik (1992-96). Initiator von POP-CULT, einem informellen Arbeitskreis an der Karl-Franzens-Universität-Graz.
Kooperation mit dem Institut für Neue Medien/Frankfurt.
Wiss. Publikationen und Vorträge unter dem Blickpunkt Musik als Gegenstand des Alltags zur empirischen Rezeptionsforschung (politische Haltung und Musikpräferenz), zu Rock-Musik als Sozialisationsgröße: Sound und Dissidenz, Medientechnologie und Musik, zu auditive Wahrnehmung, musikalisches Denken und alternative Theorien der Medien-Künste, zu Formalisierung nonverbaler Kommunikation und Net-Space/Art.
Performances auf internat. Festivals für Medienkunst und Neue Musik, Radio-Arbeiten und Net-Art-Projekte, Anerkennungspreis des Prix AE "interaktive Kunst" für die Permanentinstallation "Chronik" an der Karl-Franzens-Universität Graz.


Veröffentlichungen: Die Musik und ihr Publikum im Graz der 80er Jahre, Graz 1988; Das Styriarte-Publikum. Eine empirische Erhebung über seine Musikpräferenzen und Motive musikalischen Verhaltens, Graz 1987; Lautheit. Ein kognitionstheoretisches Modell der Lautstärkewahrnehmung und seine Anwendung in der Musik, in: Acta Musicologica 66 (1994), S. 67-77; Veränderung des emotionalen Empfindens von Musik durch audiovisuelle Präsentation, in: Musikpsychologie. Empirische Forschungen – Ästhetische Experimente. Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie 11 (1994); Aspekte der Genese des emotionalen Hörens. Die Präferenzausbildung für Rock-Musik in der Pubertät, in: Mus. Au. 10 (1992), S. 53-62; Minimal Music, Rock und Punk, in: Minimal Mürzwerk. Programmheft zur Mürztaler Werkstatt des Steirischen Herbstes, Graz 1992, o.S.; Funktionsmusik: Musik in der Werbung, in: Internationales Festival der Dia-Audiovision. Katalog, Graz 1990, S. 45-47; Sprache und Musik. Der angebliche Sprachcharakter von Musik, in: Klang im Intermedium. Ausstellungskatalog, Graz 1990, S. 2-11; Klang – ein Medium der Musik. Klang – ein Medium der bildenden Kunst, in: Klang im Intermedium. Ausstellungskatalog, Graz 1987, S. 2-6; Zur Leistungsbeurteilung in der Musikerziehung. Ist Emotionales meß- und beurteilbar? In: Unser Weg. Pädagogische Zeitschrift 7/8 (1987), S. 297-303; Computer und Musik. Gedanken zur Theorie der Computermusik anläßlich eines Besuches im Institut de Recherche et de Coordination Acoustique – Musique, in: Österreichischer Musikrat (1986), S. 14-15; Untersuchungen zum Steirischen Herbst, in: Österreichische Musik-Zeitschrift (1986), S. 52-53; "Technologie ist nicht Bedeutung. Sie ist Mittel", in: Sterz 32 (1985), S. 38-39; Natürlichkeit als Argument, in: Österreichische Musik-Zeitschrift (1985), S. 57; Videoclips. Ein Lagebericht, in: Bestände 7 (1985), S. 10-12; Musikalische Vorlieben im Umfeld gesellschaftlicher Einstellungen, in: Österreichischer Musikrat (1984), S. 9-18; Neue Musik und Musikkritik. Eine Längsschnittuntersuchung zur empirischen Rezeptionsgeschichte des Musikprotokolls seit dessen Bestehen, in: IRASM 15/2 (1984), S. 215-236.


WITTIGO KELLER (Wien): SkinArt . ZeitGeist . EthnoBoom oder die Sehnsucht nach dem verlorenen Wilden


Zum Referat: Der "neue Körper" als transglobale Zeiterscheinung gibt Anlass genug, sich mit boomartig auftauchenden Erscheinungen und Atavismen auseinanderzusetzen. Spätestens seit dem Südseetraum und Konzept vom Edlen Wilden, der Rezeption von "primitiver" Kunst und einem alles niedertrampelnden Tourismus der Exotik, haben die Zeichen am Körper als Ritual, visueller Code und gleichzeitig Kontrapunkt unserer Normgesellschaft Eingang gefunden in eine stereotype Welt der Hyperzivilisation.
Zeitgeist-Macher wie etwa Popszene, Mode oder Make-Up Branche bauen solche Trends geschickt ein bzw. richten ganze Kollektionen danach aus und moderne Ethnologen behaupten sogar, dass sich der/das "Wilde" längst nicht mehr in den letzten Rückzugsgebieten unserer Erde, sondern in den Ballungszentren der Metropolen wiederfindet.
Weg vom einstigen Flinserl und Pickerl-Tattoo beginnt sich permanent Artwork so ziemlich des ganzen Körpers zu bemächtigen – auch flächenmäßig. Das Adolf Loos´sche "Ornament und Verbrechen" scheint endgültig überwunden zu sein.
Durch kaum mehr verarbeitbare Informationsflut, Stress und stetig stärker werdenden Druck auf unsere Psyche beginnt sich vor allem der junge Mensch mit immer unkonventionelleren und "neuen" Darstellungsmechanismen zu beschäftigen und findet so zurück zum ureigensten Medium: dem Körper selbst. Zwischen "New Tribalism", Provokation und Gesamtkunstwerk.


Zur Person: Wittigo Keller, geboren 1947, ist Designer, Kulturanthropologe und Grenzgänger. Universitätslektor für außereuropäische Kunst sowie freischaffend tätig im Bereich der visuellen Kommunikation in Grenzkunst und Grenzwissenschaft. Spezialisiert auf Ethno-Kunst (Body-Art, Ritual-Design) und Ethno-Psychologie (spirituelle Phänomene), deren erlebnishafte Darstellung, Kultur-Übersetzung und Nutzung zum generellen Wohl für Körper-Geist-Seele im Sinne einer ganzheitlichen Konzeption.


Veröffentlichungen (Auswahl): Tatau-tatauen-tatauieren-tätowieren, in: Expansion. Internationale Biennale für Graphik und visuelle Kunst. Ausstellungskatalog, Wien 1979; Signalakte – Zum Phänomenkomplex der Körperbemalung und Tätowierung, in: InterAKTion 1. Das Nackte – Der Hintergrund. Das Wiener Sommersymposion mit der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien, Wien 1987; Nihon Irezumi. Die japanische Ganzkörpertätowierung, in: Schmuck. Zeichen am Körper. Hg. vom Linzer Institut für Gestaltung, Wien 1987; "Funeral Art". Ritual und Design – Ambiente zwischen Sterben und Tod, Trauer und Erinnerung, in: Schmuck. Zeichen am Körper. Hg. vom Linzer Institut für Gestaltung, Wien 1987; VooDoo im Bild: Impulse zwischen Ritualdesign und Wunderkunst, in: Manfred Kremser (Hg.): "Ay Bobo": afro-karibische Religionen, Wien 1996; Balancieren, in: Hermann Lechleitner (Hg.): Selbstheilungskräfte. Die Quelle zur Stärkung und Heilung im eigenen Ich, Neckarsulm 1997.


SONJA KOLBERG (Zürich): Das Leben als Kunstwerk: Walter Pater und die Wiener Moderne


Zum Referat: In der "Conclusion" zu seinem 1888 erschienen Werk "The Renaissance. Studies in Art and Poetry" stellt der englische Kunstkritiker und Schriftsteller Walter Pater fest, dass mit den Kunstwerken als solchen auch die "fairer forms of nature and human life" Objekte ästhetischer Betrachtung sein könnten, und zwar insofern sie eine angenehme Empfindung beim Betrachter hervorrufen würden. Damit formuliert Walter Pater nicht nur eine grundsätzliche Voraussetzung postmodernen Lebensgefühls, welches auf der Devise gründet, das eigene Leben so zu gestalten, dass man es ästhetisch geniessen kann, er scheint zudem die theoretische Grundlage für das literarische Motiv "ästhetischen Lebens" zu liefern, das die Dichter der Wiener Moderne so beschäftigt hat.
Bei genauerer Betrachtung ergeben sich jedoch bedeutsame Unterschiede zwischen Walter Pater und den Wiener Modernen in der Auffassung und Bewertung dessen, was denn "ästhetisches Leben" sei. Während beispielsweise Hofmannsthals ästhetische Helden von der dauernden Angst gepeinigt sind, das "Höchste, Tiefste" zu verfehlen ("Gestern") oder an der "Wahrheit" vorbeizugehen ("Kreuzwege"), erklärt Walter Pater das Streben nach dem Absoluten als "effort of a sickly thought" ("Coleridge"-Aufsatz) und empfiehlt, das Walten verschiedener gegensätzlicher Prinzipien als "charming" zu betrachten. Pater verficht den Ästhetizismus als eine den modernen Umständen angepasste und glückverheißende Form der Lebensbetrachtung, bei Hofmannsthal erscheint das "ästhetische Leben" schon in den frühen Werken als etwas Bedrohliches.
Ich denke, dass sich in den Standpunkten der beiden Zeitgenossen bereits die kontroversen Einschätzungen der Ästhetisierung der Lebenswelt in der Moderne und Postmoderne abzeichnen. Vereinfachend lässt sich sagen, dass Walter Paters Version des Ästhetizismus in die Richtung des Spielerisch-Unverbindlichen der Postmoderne zielt, während bei Hofmannsthal das Projekt ästhetischen Lebens deshalb versagt, weil es mit dem "modernen" Verlustgefühl absoluter metaphysischer Werte verbunden ist, für die es Entschädigung bieten soll - was nicht gelingt.
Hofmannsthal hat sich selbst zu seinem gleich-ungleichen englischen Zeitgenossen geäußert - auch in dieser Kritik bilden sich bereits grundsätzliche Kontroversen um die ästhetische Postmoderne ab.


Zur Person: Sonja Kolberg, geboren 1970, studierte deutsche und englische Literatur in Olympia (WA), Bern und Zürich, Forschungsaufenthalt am Sören Kierkegaard Research Centre in Copenhagen. Seit September 1999 Assistentin für Deutsche Literatur an der Universität Zürich.


Veröffentlichung: "Der Verführer in der Literatur des ‚Weltschmerz'. Don Juan und Faust bei Sören Kierkegaard, Nikolaus Lenau und Christian Dietrich Grabbe."


IRENE NIERHAUS (Wien): Munitionen des Hauses. Zur Diskursivierung der Grenzen des Privaten


Zum Referat: Der Beitrag zeigt räumliche und architektonische Privatisierungsstrategien im Wohnen im Wandel vom Historismus zur Moderne. Im Laufe des 19. Jahrhunderts formieren sich bürgerliche Vorstellungen vom Wohnen, die den häuslichen, privaten Innenraum als Gegenstück zum städtischen, öffentlichen Außenraum beschreiben. Diese Oppositionsfigur wird an den Grenzen des Wohnhauses, der Wohnung architektonisch und in der Innenausstattung figuriert: An der Fassade, dem Wohneingangsbereich, dem Vorzimmer oder den Fensterverkleidungen. Die Befestigung der Schwelle zieht sich als Diskurs auch durch andere Medien, wie die Malerei, die Literatur und später den Film. Diese Ausbildung der Schwelle ist Teil des Projektes des Privaten und der Privatheit, das den Raum der bürgerlichen Familie betrifft.
Die Transformation des Wohnens in der Moderne hebt die Abschottung des privaten Innenraumes nicht auf – auch wenn in der Architekturgeschichtsschreibung die Transparenz, das Öffnen nach Außen als paradigmatisch für die Moderne beschrieben wird. Die Schwellenarchitekturen des 19. Jahrhunderts werden in einen räumlichen Prozess, eine architektonische Passage übersetzt (z.B. Adolf Loos, Ernst A. Plischke, Ludwig Mies van der Rohe, Le Corbusier).


Zur Person: Irene Nierhaus studierte in Wien und Rom; 1992-1996 Universitätsassistentin an der Technischen Universität Graz/Architektur. 1999 C4-Vertretungsprofessur an der Universität Gesamthochschule Kassel/FB Stadt- und Landschaftsplanung. Derzeit Lehre an Universitäten und Kunsthochschulen in Österreich und Deutschland. Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Architektur. Forschungsschwerpunkte zur visuellen Kultur mit kulturwissenschaftlicher und –theoretischer Ausrichtung zu Architektur und bildnerischen Medien des 19. und 20. Jahrhunderts: z.B. Wohnbau und Wohnen; Kunst im öffentlichen Raum; Stadtraum; Visuelle Repräsentationen von Raum und Architektur, Architekturzeichnungen.


Veröffentlichungen (Auswahl): Kunst-am-Bau im kommunalen Wiener Wohnbau der 50er Jahre Wien, Köln, Weimar 1993; Arch6. Raum, Geschlecht, Architektur. Wien 1999.
Schriftkopf, in: Klaus Pinter (Hg.): Wiener Mischung. Ausstellungskatalog des Historischen Museums der Stadt Wien. Wien 2000; Transfer: Die Stazione Termini und ihre Instandsetzung, in: Architektur Aktuell, Juni-Heft, 2000.


EBERHARD ORTLAND (Berlin): Ästhetik als Lehre von der Wahrnehmung. Drei Optionen für eine philosophische Ästhetik nach der Postmoderne


Zum Referat: Von den Brüdern Schlegel, Schelling und Hegel bis Adorno, Lyotard und (partiell) Danto hat über fast zweihundert Jahre eine um geschichtsphilosophische Welterklärungsansprüche zentrierte Philosophie der "schönen" (oder "nicht mehr schönen") Kunst die Vorstellung davon bestimmt, was Ästhetik sei. Seit diese Kunstphilosophie in ihrer hochgradig paradoxen Selbstüberbietungsfigur, der sog. "Postmoderne", den letzten Rest ihrer Überzeugungskraft verspielt hat, wird es möglich, die Frage, was Ästhetik sei bzw. was sie leisten könne, neu zu stellen.
Der Beitrag wird drei Optionen für eine im weiteren Sinn als "Lehre von der Wahrnehmung" verstandene Ästhetik diskutieren, die in jüngerer Zeit auf größeres Interesse gestoßen sind: (1) Die Theorie der ästhetischen Erfahrung , in deren Zentrum ein Begriff der ästhetischen Wahrnehmung (im Unterschied zur "alltäglichen" Wahrnehmung) steht – quasi in "Reinform" (abgelöst von Problemen der Kunstphilosophie) entwickelt in Martin Seels Ästhetik der Natur. (2) Walter Benjamins Versuch zur Verdrängung der Ästhetik durch ihre Überführung in eine (ihrerseits spekulativ historisch angelegte) "Lehre von der Wahrnehmung". (3) Alexander Gottlieb Baumgartens ursprüngliches Projekt einer "Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis" und Möglichkeiten seiner Aktualisierung.
Wenn sich auch nicht die gesamte Entscheidung über die systematische Möglichkeit und die zu fordernden Leistungen der philosophischen Ästhetik nach der Postmoderne zwischen diesen Optionen abspielt, so wird doch zumindest dafür argumentiert, dass diese drei jeweils relevante Fragestellungen aufwerfen. Allerdings führen sie in divergente Richtungen und werden sich kaum – wie oft angenommen wird – gegenseitig ergänzen, sondern teilweise sogar ausschließen.


Zur Person: Eberhard Ortland, geboren 1966 in Bochum, studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Bochum und Berlin; Magisterarbeit über ,,Konstellationsbegriffe bei Adorno" 1993 an der Freien Universität Berlin. Ergänzungsstudium zur Philosophie im modernen Japan 1993/94 in Kyôto. Seit 1995 Arbeit an einer Dissertation über ,Ästhetik als Lehre von der Wahrnehmung'. Lehraufträge am Philosophischen Institut der FU Berlin und auf der Sommerakademie des Evangelischen Studienwerks Villigst. Zahlreiche Veröffentlichungen, u.a. über Baumgarten, Benjamin, japanische Naturästhetik, komparative Ästhetik und zur Philosophie der Musik.


Veröffentlichungen (Auswahl): Artikel ,Genie', in: Karlheinz Barck u.a. (Hg.), Historisches Wörterbuch ästhetischer Grundbegriffe. Bd 2, Stuttgart 2001 (in Vorbereitung); Kants Ästhetik-Konzeption vor dem Hintergrund seiner Auseinandersetzung mit der Physikotheologie, in: Volker Gerhardt u.a. (Hg.): IX. Internationaler Kant-Kongress, Berlin 2000 (in Vorbereitung); Aesthetics East and West, in: Philosophy East and West 50 (2000), (im Druck); Über Gegenstände, Methoden und Voraussetzungen komparativer Ästhetik, in: Rolf Elberfeld, Günter Wohlfahrt (Hg.), Ästhetik - Ost und West, Köln 2000 (im Druck); Zukunft des Wissens? Der XVIII. Deutsche Kongreß für Philosophie, in: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie, 25 (2000), S. 189-201; Zur Konstitution des musikalischen Gegenstandes, in: Polth, Schwab-Felisch, Thorau (Hg.): Musikalische Analyse zwischen Phänomen und Begriff, Stuttgart 2000 (im Druck); Dichte und Fülle. Baumgartens uneingelöstes Projekt der ästhetischen Erkenntnis in der symboltheoretischen Perspektive Nelson Goodmans, in: Jürgen Mittelstraß (Hg.): Die Zukunft des Wissens. XVIII. Deutscher Kongreß für Philosophie. Workshop-Beiträge, Konstanz 1999, S. 1330-1337; Aesthetics as a Theory of Perception? Walter Benjamin's Attempt to Overcome Aesthetics, in: Canadian Aesthetics Journal, vol. 3 (Fall 1998) >http://tornade.ere.umontreal.ca:80/~guedon/AE/vol_3/ortland/ortland.htm<; The Aesthetics of Nature and the Art of Gardening in Japan, in: Dialogue and Universalism, 4 (1997), H. 3/4, S. 73-82; Nihon teien to shizen bigaku ('Japanese Garden and Nature Aesthetics'; japanisch), in: Nihon no Bigaku (The Aesthetics of Japan), 26 (1997), S. 116-130; Ästhetik des Schnitts - Zu Ryôsuke Ohashi, "Kire – Das Schöne in Japan", in: Hôrin. Vergleichende Studien zur japanischen Kultur, 4 (1997), S. 267-276; mit Annette Riedinger und Beate Redslob: Genealogie als konstellatorische Form in Hesiods Theogonie, in: M. Hattstein u. a. (Hg.), Erfahrungen der Negativität, Hildesheim 1992, S. 15-28.


GÖTZ POCHAT (Graz): Symboltheorien und Weisen der Welterzeugung


Zum Referat: Verstärkt hat sich der Symbolbegriff Ernst Cassirers in seinen verschiedenen Ausformungen das Interesse der Kommunikationstheorie und der Ästhetik des letzten Jahrzehnts zugezogen. Der Vortrag über den Symbolbegriff und Weisen der Welterzeugung befasst sich mit der Situation der Kunst an der Schwelle der Moderne, zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zum einen wird die Neuorientierung der bildenden Kunst aus formaler und inhaltlicher Sicht am Beispiel von Picassos Demoiselles d´Avignon erläutert; zum anderen die völlig neue Situation infolge des neuen Kunstbegriffs, d.h. die Verlagerung vom Kunstwerk als einem symbolischen Objekt, das Anspruch auf eine eigene Aussagekraft, Wertigkeit und Substanz erhebt, auf einen Akt der Benennung und des öffentlichen Diskurses (Marcel Duchamp). Gestalttheorie und Handlungstheorie stehen sich hier gegenüber, und in der Floge bestimmen zwei grundsätzlich unterschiedliche Weisen der Welterzeugung die Entwicklung der Kunst in der Moderne. Diese Antinomie besteht immer noch und ein Ende des Konflikts ist nicht abzusehen. Die Post-Moderne hat nicht die Kraft, sich gegen die Vergangenheit zu behaupten, und die Avantgarde kann sich nur auf eine kleine Gruppe von Eingeweihten verlassen, die den Kunstbetrieb selbst, eigentlich völlig gegen die Intentionen Duchamps, für sich in Anspruch nimmt. Diese Folgeerscheinungen werden allerdings nicht zur Sprache gebracht.


Zur Person: Götz Pochat, geboren 1940 in Gotha/Thüringen, studierte Kunstgeschichte und Psychologie in Bonn, ab 1961 Studium der Literaturgeschichte und Kunstgeschichte an der Universität Stockholm. Dissertation über Landschaftsmalerei bei Prof. Sten Karling, Stockholm 1968, Habilitation ebendort 1973 mit der Abhandlung "Figur und Landschaft". Studien als Stipendiat in Rom, Florenz und London. Fil.lic. in Komparatistik bei Prof. Inge Jonsson, Universität Stockholm 1974. Dozent am Kunsthistorischen Institut der Universität Stockholm ab 1974, Gastsemester in Würzburg 1979, a.o. Prof. in Stockholm 1980, Professor für mittlere und neuere Kunstgeschichte an der RWTH Aachen ab 1981, Ordinarius für Kunstgeschichte an der Karl-Franzens-Universität Graz ab WS 1987. Vorsitzender des Österreichischen Kunsthistorikerverbandes 1981-1995. Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Historische Gärten. Vorträge und Teilnahmen an wissenschaftlichen Symposien in Deutschland, Schweiz, Italien, Frankreich und Schweden. Mitglied des wissenschaftlichen Beirates der Österreichischen Forschungsgemeinschaft. Betreuer der "Kunstgeschichte" im SFB-Projekt "Moderne"; Herausgeber des Kunsthistorischen Jahrbuches Graz, Forschungen und Berichte des Kunsthistorischen Institutes Graz sowie der Serie "ars Viva" (Böhlau). ember 1999 Assistentin für Deutsche Literatur an der Universität Zürich.


Veröffentlichungen (Auswahl): Der Symbolbegriff in der Ästhetik und Kunstwissenschaft, Köln 1983; Geschichte der Ästhetik und Kunsttheorie – Von der Antike bis zum 19. Jahrhundert, Köln 1986; Friedrich Theodor Vischer: Gedanken zur Form und Funktion der Historienmalerei im 19. Jahrhundert, in: Ekkehard Mai (Hg.): Historienmalerei in Europa. Paradigmen in Form, Funktion und Ideologie, Mainz 1990, S. 253-261; Kunstgeschichte an der Universität, in: Kunsthistoriker Aktuell, V. Österreichischer Kunsthistorikertag in Wien 1990, S. 43-60; Theater und bildende Kunst im Mittelalter und in der Renaissance in Italien, Graz 1990; zus. mit B. Wagner (Hg.): Internationale Gotik in Mitteleuropa. Kunsthistorisches Jahrbuch Graz, Bd 24, Graz 1991; Peruzzi´s Bacchides. Reconstruction of a Stage Performance in Rome 1531, in: Docto Peregrino. Roman studies in Honour of Torgil Magnuson, Uddevalla 1992, S. 261-281; Tradition und Erneuerung. Symmetrie als künstlerisches Gestaltungsprinzip, in: Festschrift für Wilfried Skreiner, S. 252-262; Affektendarstellung im 17. Jahrhundert, in: Ausstellungskatalog Lust und Leid; Steirische Landesausstellung Trautenfels 1992, S. 59-66; Das Bild der Landschaft, in: Kunsthistoriker Aktuell, VI. Österreichischer Kunsthistorikertag in Linz 1991; zus. mit W. Höflechner (Hg.): 100 Jahre Kunstgeschichte an der Universität Graz, Publikationen aus dem Archiv der Universität Graz, Bd 26 (darin: Entwicklungslinien der Ästhetik und ihre Ausprägung an der Universität Wien bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, S. 189-213); The Classical Traditions and the Depiction of the Indians in the Sixteenth Century, in: W. Hase (Hg.): The Classical Tradition and the Americas, Boston, Berlin (in Druck); Peiero della Francesca. Die Ordnung der Dinge, Accademia di Studi Italo-Tedeschi XVI. Symposion Nov. 1992, Meran 1993, S. 1-64; zus. mit B. Wagner (Hg.): Barock. Regional-International. Kunsthistorisches Jahrbuch 25, Graz 1993; Rhetorik und bildende Kunst in der Renaissance, in: Heinrich F. Plett (Hg.): Renaissance-Rhetorik, Berlin, New York 1993, S. 266-285; Unzeitgemäße Betrachtungen über bildende Kunst?, in: C.W. Ernst und M. Jaroschka (Hg.): Die Zukunft beginnt im Kopf. 75 Jahre Urania für Steermark, Graz 1994, S. 290-301; Bild/Zeit: Zeitgestalt und Erzählstruktur in der bildenden Kunst von den Anfängen bis zur frühen Neuzeit, Wien 1996; Mythos und Kunst im 19. Jahrhundert, in: Dei ed Eroi. Classicità e mito fra ´800 e ´900. Katalog, Rom 1996; Utopie und bildende Kunst, in: Kunsthistorisches Jahrbuch Graz, Bd. 26, Graz 1996, S. 69-99; Gartenkunst und Landschaftsgarten vor Wörlitz, in: F.-A. Bechthold (Hg.): Weltbild Wörlitz. Entwurf einer Kulturlandschaft, Katalog, Wörlitz 1996, S. 17-49; Die Hermeneutik vom Ganzen und vom Teil – Probleme der Interpretation, in: Das Ganze und seine Teile. Europäisches Forum Alpbach 1995, Wien 1996, S. 535-537; Yugen – Konkret. Zum Werk Shizuko Yoshikawas, in: Shizuko Yoshikawa. Kosmische Gewebe. Contemporary Sculpture Center, Katalog, Tokyo 1996, S. 17-31; Fantasia um 1500, in: O. Bätschmann (Hg.): Phantasia. Symposionsband, Bern 1996; Die Moderne in Wien um 1900, in: Rudolf Haller (Hg.): Nach Kakanien, Wien 1996, S. 267-323; Das Fremde im Mittelalter, Würzburg 1997; Katalog Zeit/Los. Zur Kunstgeschichte der Zeit, Kunsthalle Krems, Köln, Wien 1999; Das Fremde im Spiegel der Kunst des Mittelalters, in: E. Vavra (Hg.): Bild und Abbild vom Menschen im Mittelalter, Klagenfurt 1999, S. 113-146; Das verlorene Paradies. Ethelwold im Kloster zu Winchester, in: E. Vavra (Hg.): Die Suche nach dem verlorenen Paradies – Europäische Kultur im Spiegel der Klöster, Landesausstellung NÖ 2000, St. Pölten 2000, S. 177-186.


BETTINA RABELHOFER (Graz): "Des Dichters Aug' in schönem Wahnsinn rollend". Zum Verhältnis von Psychopathologie und Ästhetik um 1900


Zum Referat: Biologistische "Degenerationshypothesen" (Morel, Lombroso, Nordau) dienen der Diffamierung und Pathologisierung moderner Kunst; veränderte Wahrnehmungserfahrungen werden auf physiologisch begründete Krankheitsbilder zurückgeführt, dem "modernen Blick" der Jung-Wiener wie auch der impressionistischen Maler wird – und das nicht im metaphorischen Sinn – "Sehstörung" diagnostiziert: Nystagmus (Nordau). Freud setzt an die Stelle der tradierten Vererbungstheorien und Degenerationskonzepte ein neues wissenschaftliches Paradigma: das hermeneutische Deutungsmuster der lebensgeschichtlichen Interpretation psychischer Devianz. Wenn auch das ‚Entartungsstigma' bei den Jung-Wienern verständlicherweise auf Widerstand stößt, so ist dennoch ihr Rezeptionsverhalten in Bezug auf die Psychoanalyse durchaus ambivalent. In ihren Texten, so die These, geht es längst nicht nur um eine Kritik traditioneller Schulmedizin, sondern um (positivistische) Wissenschaftskritik schlechthin. Das "auf den Begriff gebrachte" Unbewusste steht gleichermaßen im Zentrum literarischen wie psychoanalytischen Interesses. Zwei Phänomene sind es, die Skandalon und Faszinosum zugleich darstellen: der Wahn in seinen vielfältigen Erscheinungsformen und der Traum als Aufhebung des vollen Tagesbewusstseins. Vor dem Hintergrund dieses wissenschaftlichen Paradigmenwechsels stellt sich die Frage nach dem normativen Potenzial diagnostischer Diskurse, die zum einen literaturimmanent, in fiktiven Welten, Normen und Werte verhandeln, zum anderen als reale Praxis in die Kunst- und Kulturkritik eingehen und Devianz pathologisieren.


Zur Person: Bettina Rabelhofer, geboren 1962 in Schladming, studierte Deutsche Philologie und Anglistik/Amerikanistik an der Karl-Franzens-Universität Graz; Projektassistentin am Institut für Anglistik: "Literatur und die anderen Medien"; 1989 Prom. Dr. phil.; ab 1990 halbtägig beschäftigte Vertragsassistentin am Institut für Germanistik; ab 1999 Mitarbeit im Spezialforschungsbereich "Moderne. Wien und Zentraleuropa um 1900".


Veröffentlichungen: So es geraunt rundumihn. Der ästhetische Code in Marianne Fritz' Roman "Dessen Sprache du nicht verstehst". Versuch einer semiotischen Poetik. Graz, Erlangen 1991; Aufsätze zu Elfriede Jelinek, Gert Jonke, Fritz von Herzmanovsky-Orlando, Norbert C. Kaser, Reinhold Michael Jakob Lenz, Leopold Andrian.


EIKE RATHGEBER (Wien): Pathos und Ironie - Oder von den Schwierigkeiten, die Moderne von der Postmoderne zu unterscheiden


Zum Referat: Vom Schmelztiegel der Moderne sprach man nicht nur im Wien der Jahrhundertwende sondern auch im Berlin der Zwanzigerjahre, wobei sich das darstellerische Personal keineswegs zur Gänze erneuert hatte. Alexander Zemlinsky begegnete Kurt Weill an der Kroll-Oper, studierte die Uraufführung von Mahagonny in Max Reinhardts Theater am Kurfürstendamm ein und komponierte im Anschluss daran 1931–32 seine erfolgreichste Oper "Der Kreidekreis" nach Klabunds freier Übertragung aus dem Chinesischen von 1924, die auch für Brecht 1944 als Vorlage für den "Kaukasischen Kreidekreis" diente. Die Neue Oper und der Neue Stil, eine Neue Dekade in der Kunst oder gar den Neuen Menschen als solchen - das waren weder in den Zwanzigerjahren noch im Fin de Siècle originelle Begriffe, und dennoch wurden sie mit großer Vehemenz bei beiden Komponisten verwendet, die sich allem Anschein nach bestens verstanden und beide gleich weit vom Pathos eines Schönberg oder Stockhausen entfernt waren. Ironische Distanz war ihrem Oeuvre und damit der vermeintlichen Postmoderne vielleicht verwandter als sie es jeder Phase heroischer Moderne je gewesen war. Durch die verschlungenen Pfade der Kunstentwicklung begleiten wir Max Dessoir und Arnold Schering, um die begrifflichen Verwirrungen an den ästhetischen Ausformungen zu messen.


Zur Person: Eike Rathgeber, geboren 1965 in Kassel, ist Musikwissenschaftlerin in Wien. Sie studierte Musikwissenschaft und Philosophie an der Universität Wien. Sponsion 1991 mit einer Diplomarbeit über Frühe Lieder Alexander Zemlinskys. Doktoratsstudium Musikwissenschaft mit einer Dissertation (1994) über den Symbolismus in der Musik. Bis 1996 Mitarbeit an der Neuen Johann Strauss Gesamtausgabe im Verlag Alexander Hermann, Wien. 1995–1997 Mitglied im Spezialforschungsbereich Moderne der Universität Graz, 1996–1999 Aufbau und Leitung des Archivs im Herbert von Karajan Centrum Wien. Forschungsprojekte an der Wiener Universität für Musik und Darstellende Kunst sowie an der Universität Wien. Publikationen zu Zemlinsky, dem Wiener Fin de Siècle, Conrad Ansorge und der Barockoper.


Veröffentlichungen: Alexander Zemlinsky. Der Komponist und seine Lieder op. 2. Dipl.-Arb. Wien (185 S., mschr.) 1991; Die Rolle des Symbolismus in der Dekonstruktion der Kunst um die Jahrhundertwende. Alexander Zemlinsky: Der Triumph der Zeit. Diss. Wien (433 S., mschr.) 1994; Kulturzeitschriften der Jahrhundertwende. Ein Forschungsprojekt im Rahmen des Spezialforschungsbereich Moderne der Karl-Franzens-Universität Graz, Teilgebiet Musikwissenschaft. Wien (mschr.) 1997; Von den Mühen der Zeitenwende. Der Musiker Conrad Ansorge (1862-1930). Eine Monographie. Berlin 2000 [Im Erscheinen]; Das gläserne Herz. Zemlinsky, Hofmannsthal und der Jugendstil in Wien, in: ÖMZ 4/1992, S. 199-206; Alexander Zemlinsky. Varianten zur Ruhelosigkeit, in: Hartmut Krones (Hg.): Alexander Zemlinsky. Ästhetik, Stil und Umfeld, Wien 1995, S. 259-267; In Zeiten des alterierten Tones. Ein Versuch über Alexander Zemlinskys nachgelassenen Liederzyklus "Stromüber" nach Gedichten Richard Dehmels (1907). (Gemeinsam mit Christian Heitler), in: Rudolf Flotzinger (Hg.): Fremdheit in der Moderne, Wien 1999, S. 235-272; Der Wiener Ansorge-Verein 1903-1910 (Verein für Kunst und Kultur). (Gemeinsam mit Christian Heitler), in: Heidemarie Uhl (Hg.): Kultur – Urbanität – Moderne, Wien 1999, S. 383-436; "Was die Mode streng geteilt..." Von Hosenrollen und anderen Ungehörigkeiten in der Oper, in: Hildegard Kernmayer (Hg.): Zerfall und Rekonstruktion, Wien 1999, S. 189-203; Am äußeren Rand der Moderne. Weill, Zemlinsky und die Menschlichkeit der Oper. Kurt Weill zum 100. Geburtstag, Symposion Wien 2000.


MARIA REICHER (Graz): Imagination und Objekt. Die Rolle des Rezipienten bei der Konstituierung des ästhetischen Gegenstandes


Zum Referat: In diesem Vortrag soll Kunst als eine Form der Kommunikation zwischen Autor/Künstler einerseits und Lesern/Rezipienten andererseits aufgefasst werden. Sprachzeichen, Klänge, bildliche Darstellungen etc. fungieren dabei als Medien der Kommunikation, sind aber nicht mit dem ästhetischen Gegenständen zu identifizieren. Ästhetische Gegenstände werden konstituiert durch Bedeutungen. Bedeutungen werden konstituiert durch intentionale Akte. Jene Gegenstände, die als Medien der ästhetischen Kommunikation fungieren können (nennen wir sie Repräsentationen), haben an sich keine Bedeutung, sondern erhalten diese erst durch intentionale Akte. Im Verlaufe des ästhetischen Kommunikationsprozesses kommen intentionale Akte (und damit Bedeutungen) von zwei Seiten ins Spiel: einmal von der Seite des Autors/Künstlers und einmal von der Seite des Rezipienten, der die Repräsentationen interpretiert. Man kann daher Autorenbedeutung und Rezipientenbedeutung unterscheiden.
In dem Vortrag soll der Versuch unternommen werden, die Begriffe der Bedeutung und der Interpretation zu erhellen und die Beziehung zwischen Autorenbedeutung und Rezipientenbedeutung zu klären. Insbesondere sollen folgende Fragen diskutiert werden: Ist die Interpretationsarbeit des Rezipienten nur ein Versuch der Rekonstruktion der Autorenbedeutung (und damit ein Versuch der Rekonstruktion des ästhetischen Objekts, das vom Autor vorgegeben wurde)? Oder konstituiert der Rezipient durch seine intentionalen Akte ein eigenständiges ästhetisches Objekt? Oder entsteht das ästhetische Objekt erst im Verlaufe des Rezeptionsprozesses? Oder löst sich das, was in der Tradition "ästhetisches Objekt" genannt wurde, überhaupt auf in einen potentiell unendlichen Prozess der Bedeutungsgenerierung durch stets neue Interpretationsakte?
Fragen wie diese spannen einen Bogen von den Phänomenologen der Jahrhundertwende mit ihrem Begriff der "Vorstellungsproduktion" über Roman Ingarden bis zu postmodernen und post-postmodernen Debatten.


Zur Person: Maria Elisabeth Reicher, geboren 1966, studierte von 1989-1995 Philosophie an der Karl-Franzens-Universität in Graz, 1998 Doktorat. Sie war 1996/97 Lektorin am Institut für Philosophie der Pedagoska Fakulteta in Maribor, 1997 Visiting Scholar an der University of Arizona in Tucson (USA), 1997 Vertragsassistentin am Institut für Philosophie der Universität Salzburg, 1997/98 Stipendiatin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 1999 Visiting Assistant Professor am Department of Philosophy der University of Arizona in Tucson (USA). Seit 1998 ist sie Lektorin am Institut für Philosophie in Graz und Mitarbeiterin des SFB Moderne. Inhaltliche Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit sind: Ontologie, Ästhetik, Geschichte der österreichischen Philosophie.


Veröffentlichungen (Auswahl): Zur Metaphysik der Kunst. Eine logisch-ontologische Untersuchung des Werkbegriffs, Graz 1998; Fiktive Gegenstände als abstrakte Individuen, in: K. S. Johannessen/ T. Nordenstam (Hg.): Culture and Value. Philosophie und die Kulturwissenschaften. Beiträge des 18. Internationalen Wittgenstein Symposiums (Kirchberg am Wechsel 1995), S. 233-240; Zur Identität fiktiver Gegenstände (Replik auf Amie Thomasson), in: Conceptus 27, Nr. 72 (1995), S. 93-116; Gibt es unvollständige Gegenstände? Unvollständigkeit, Möglichkeit und der Satz vom ausgeschlossenen Dritten bei Meinong, in: Grazer Philosophische Studien 50 (1995), S. 217-232; Works and Realizations, in: Nicola Guarino (Hg.): Formal Ontology in Information Systems. Proceedings of the First International Conference (FOIS'98), June 6-8 in Trento, Amsterdam u. a. 1998, S. 121-132; Kunstwerke als Meinongianische Gegenstände, Prädikationsweisen und die Nuklear-extranuklear-Unterscheidung, in: Winfrid Löffler, Edmund Runggaldier (Hg.): Vielfalt und Konvergenz der Philosophie. Vorträge des 5. Kongresses der Österreichischen Gesellschaft für Philosophie. Teil 1, Wien 1999, S. 269-273.


HANS WALTER RUCKENBAUER (Graz): Nietzsche Kunst als "Daseins-Vollendung". Die Bedeutung des Ästhetischen in Nietzsches Philosophie des Lebens


Zum Referat: Die kraftvolle Ouvertüre zu Friedrich Nietzsches (1844-1900) öffentlichem und unakademischem Philosophieren bildet die vordergründig als Apologie der Musikdramatik Richard Wagners (miss)verstandene Schrift "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik" (1872, dem Geburtsjahr Mondrians). Darin trifft Nietzsche eine Differenzierung, die zahllose Kunstschaffende seither inspirierte und beschäftigt und gerade deshalb für den gesamten europäischen Kunstdiskurs des 20. Jahrhunderts von prägender Bedeutung sein sollte: Die weitere Entfaltung der Kunst sei - so Nietzsche damals auf die Moderne vorausblickend – "an die Duplicität des Apollinischen und des Dionysischen gebunden". Die darin symbolisch gefasste Dialektik von Subjektivität und Selbstvergessenheit gilt Nietzsche jedoch nicht als statisches Entweder-Oder, vielmehr als das wechselweise ermöglichende Ineinander. Kraft seiner apollinischen Könnerschaft vermag der Künstler überhaupt erst Medium des Dionysos zu werden. Zum Inbegriff der diesem Spiel zweier Kräfte zugrunde liegenden Haltung wurde ein beinahe zu Tode zitiertes Wort der Tragödienschrift: "denn nur als aesthetisches Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt".Mit Blick auf diesen Auftakt schlägt der Vortrag einen Bogen zur funktionalen Bestimmung der Kunst als "Stimulans des Lebens, zum Leben" beim späten Nietzsche. Kunst ist ihm Lebensmodell unter dem Vorzeichen seiner ursprünglichen (und wohl auch traumatischen) Einsicht in das "souveraine Werden". Hierin bricht sich die für die Moderne charakteristische Erfahrung der Veränderungsanfälligkeit, Wandelbarkeit, des Fehlens eines letzten und zuverlässigen Halts schon früh eine Bahn. Die Welt wird zunehmend veränderbar und damit zugleich zu einer Welt, in der der einzelne selbst unübersehbaren Veränderungen unterliegt, die darin kumulieren, dass der tragende Grund der Welt entschwindet. Die radikale Abwesenheit von (allgemein verbindlichem) Sinn, das Fehlen eines Ziels hat Nietzsche unter der Überschrift "Nihilismus" bis in die letzten Facetten durchleuchtet. Das an ihm selbst vorweg Durchlebte diagnostiziert er zudem klarsichtig als Leitstern des Jahrhunderts, das mit seinem Tod begann und seither ohne nennenswerte Unterbrechung die Erfahrung des Nihilismus macht. Gegenläufig dazu ist ein anderer Grundgedanke Nietzsches zu lesen, der sein Leben quer durch die Schaffensperioden noch nachhaltiger prägt: In der Kunst liege der Keim zur Überwindung des Nihilismus, wie Aufzeichnungen der Spätzeit seine Erstlingsschrift erneut und explizit thematisieren. Das künstlerische Vermögen sei die "einzige überlegene Gegenkraft gegen allen Willen zur Verneinung des Lebens", weil es wesentlich in Richtung "Bejahung, Segnung, Vergöttlichung des Daseins" dränge.


Zur Person: Hans-Walter Ruckenbauer, geboren 1970 in Graz, studierte Biologie, Theologie (beide ab WS 89/90) und Rechtswissenschaften (ab WS 93/94) in Graz; Angehöriger des Studienförderungswerkes "Pro Scientia" (SS 92-WS 98/99); die letzten beiden Jahre als Vorsitzender der Grazer Gruppe; Magister theologiae (1995) mit einer Arbeit im Bereich Ästhetik und Theologie; seit 1995 Univ.-Ass. am Institut für Philosophie an der Kath.-Theol. Fakultät der KFUG; 1999 Doktorat mit einer Arbeit im Bereich Philosophie (zu naturalistischen Ethikkonzeptionen). Arbeitsschwerpunkte sind: Friedrich Nietzsche, Anthropologie und Naturwissenschaften, Praktische Philosophie, Sinnfrage, "Philosophische Praxis", Fragen der lebensweltlichen Relevanz von Philosophie heute, Wissenschaftsmanagement. Mitorganisator des Vierten Internationalen Österreichisch-Slowenischen Philosophischen Kongresses, Celje/Cilli, 19.-23. August 2000; Organisator des Symposions "Restposten SEELE?", veranstaltet von der Kath.-Theol. Fakultät der KFUG in Zusammenarbeit mit dem Kulturzentrum bei den MINORITEN in Graz am 21. Juni 2000. Mitgliedschaft in wissenschaftlichen Vereinigungen: Österreichische Gesellschaft für Philosophie, Nietzsche-Gesellschaft e.V. (Halle/Saale), Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse, Wien (ao. Mitgl.).


Veröffentlichungen: Kunst als Stimulans zum Leben. Bemerkungen zur Funktion der Kunst im Denken Friedrich Nietzsches, Marburg 1996; Moralität zwischen Evolution und Normen. Kritik am "Réealismus" und an der Soziobiologie, Graz 1999 (= Diss., Theol. Fak., im Erscheinen); "Die Kunst ist mehr wert als die Wahrheit" - Zum Erlösungsmotiv in Nietzsches antipessimistischem Entwurf, in: A. Schramm (Hg.): Philosophie in Österreich 1996. Vorträge des IV. Kongresses der österreichischen Gesellschaft für Philosophie. Graz 28. Februar - 2. März 1996, Wien 1996, S. 452-455; Zwischen Gleichheitspostulat und Glücksoptimierung. Zur Problematik utilitaristischer Argumentation, in: A. Kolb, R. Esterbauer, H.-W. Ruckenbauer (Hg.): Ökonomie - Ökologie - Ethik. Vom Wissen zum richtigen Handeln, Innsbruck 1997, S. 70-89; Interpretation und Entwurf. Überlegungen zur Relevanz von Philosophie, in: Theologie Interaktiv, Graz 1997 (= CD-ROM); Kann Kunst den "Tragisch-Erkennenden" erlösen? Blicke auf Emile M. Ciorans Geborgenheit im Nihilismus, in: G. Larcher (Hg.): Gott-Bild. Gebrochen durch die Moderne?, Graz 1997, S. 300-318; Homo ludens auf der Datenautobahn: das Spiel mit imaginären Wirklichkeiten, in: A. Kolb, R. Esterbauer, H.-W. Ruckenbauer (Hg.): Cyberethik. Verantwortung in der digital vernetzten Welt, Stuttgart 1998, S. 73-95; E. Biser, F. Hahn, M Langer (Hg.): Der Glaube der Christen. 2. Ein ökumenisches Wörterbuch, München, Stuttgart 1999 (darin 21 Artikel u.a. zu: Anthropomorphismus, Aufklärung, Ökonomie, Hermeneutik, Ontologie, Kultur, Neuscholastik, Nihilismus u.v.a.m)


REINOLD SCHMÜCKER (Hamburg): Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft. Zur Aktualität eines historischen Projekts


Zum Referat: Das Forschungsprogramm, das Max Dessoirs 1906 erschienenem Buch "Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft" und der im selben Jahr von ihm begründeten "Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft" den Titel gab, hebt nicht nur das Ergänzungsverhältnis von Ästhetik und Kunsttheorie deutlich hervor. Die diesem Programm zugrunde liegende, von Dessoir und vor allem von Emil Utitz entfaltete Idee einer allgemeinen Kunstwissenschaft (die schon im 19. Jahrhundert von Robert Zimmermann gefordert worden war) sucht vielmehr zugleich die Abstraktheit zu überwinden, die jeder rein philosophischen Kunsttheorie eignet, und ein Gebiet zu erschließen, das "zwischen der Ästhetik und den historischen Kunstdisziplinen gelegen" ist. Für die Kunstphilosophie der Gegenwart ist der in den Jahren nach 1900 unternommene Versuch, Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft voneinander abzugrenzen und als eigenständige Forschungsgebiete zu konturieren, zugleich aber auch aufeinander zu beziehen, deshalb in mehrfacher Hinsicht anregend und aktuell. Der Vortrag wird diese Aktualität zu verdeutlichen suchen, indem er (1) das durch den Titel von Dessoirs Buch bezeichnete historische Projekt resümiert und (2) in einer programmatischen Skizze andeutet, inwiefern die Wiedererinnerung dieses Projekts der kunstphilosophischen Diskussion der Gegenwart neue Impulse zu geben vermag. Obwohl ich primär einem systematischen Erkenntnisinteresse folge, ist es mir auch um ein Stück kunstphilosophie-historischer Gerechtigkeit zu tun: Dass das nationalsozialistische Regime die bedeutendsten Vertreter der Idee einer allgemeinen Kunstwissenschaft ihrer Lehrstühle beraubte, hat zu einem Bruch geführt, durch den eine der interessantesten kunstphilosophischen Positionen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Vergessenheit geriet, ehe sie den kunsttheoretischen Diskurs nachhaltig befruchten konnte.


Zur Person: Reinold Schmücker, geboren 1964 in Dortmund, studierte Philosophie, Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Evangelische Theologie in Tübingen und Hamburg, 1991 Magisterprüfung, 1997 Promotion. 1991–1995 wissenschaftlicher Mitarbeiter, seit 1997 wissenschaftlicher Assistent am Philosophischen Seminar der Universität Hamburg. 1998 Dr. Helmut und Hannelore Greve-Förderpreis der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften.


Veröffentlichungen: Ernst Cassirers Werk und Wirkung (hg. zus. mit Dorothea Frede), Darmstadt 1997; Was ist Kunst? Eine Grundlegung, München 1998; Dialogische Wissenschaft. Perspektiven der Philosophie Schleiermachers (hg. zus. mit Dieter Burdorf), Paderborn, München, Wien, Zürich 1998.


ANDREAS VEJVAR (Wien): Auge – Ohr – Zeit. Zu deren Spannungsverhältnis und jeweiliger Gewichtung in der Bewusstseinsgeschichte


Zum Referat: Das Schlagwort von der Ästhetisierung der Lebenswelt, wie es im Umfeld der Postmoderne bekannt ist, läuft, reduziert gesagt, auf die mehr oder weniger vage These hinaus, dass die Welt zum Bild werde, näher: zum Spiegelbild des Menschen. So betrachtet wäre die genannte Tendenz keine erst jüngst akut gewordene; erinnert sei etwa an die kritische Auseinandersetzung Friedrich Heinrich Jacobis oder Jean Pauls mit Fichtes "Wissenschaftslehre" im Kontext des "Atheismusstreits". Jean Paul spitzt das Problem zu, indem er eine "mehr dynamische als atomistische" Philosophie in Aussicht stellt - gesetzt den Fall, für die Tätigkeit der Vernunft wäre eine akustische anstelle der optischen Metapher (Anschauung, Idee, Bild u. dgl.) wirkungsmächtig geworden.
Kritik an der "monologisierenden Vernunft" wurde und wird nicht selten religiös inspiriert geübt. Martin Buber erinnert im Umkreis seiner Dialogschrift an Friedrich Heinrich Jacobi und an Franz Rosenzweig. Rosenzweig (1886–1929) wendet sich nach seinem zweibändigen Opus "Hegel und der Staat" (München/Berlin 1920) von der akademischen Gelehrsamkeit ab und der Erwachsenbildung zu. 1921 schreibt er "Das Büchlein vom gesunden und kranken Menschenverstand", eine leichter verständliche Fassung der vorangegangen Schrift "Der Stern der Erlösung", worin, wenige Jahre vor Heideggers "Sein und Zeit", unter anderem von "Gegenwart", "Ereignis" und ähnlich Ungewohntem die Rede ist. Eugen Rosenstock-Huessy, selbst Fürsprecher eines "Hörweges", steht in Kontakt mit Rosenzweig. Nicht zuletzt Emmanuel Lévinas, Denker der Zeit als Potenz des Anderen, wird sich wiederum mit Rosenzweig auseinandersetzen.
Angeregt von einer wiederaufgenommenen Lektüre des "Büchleins" von Rosenzweig, soll im pointierten Durchgang durch historisch markante Positionen in der Debatte um die neuzeitlich-moderne Dominanz des Gesichts- oder Gehörsinnes die jeweilige Zeitansage der entsprechenden Konzepte herausgearbeitet und Rosenzweigs Kritik des "Als ob"-Entwurfs der Moderne auf ihre postmoderne Aktualität hin befragt werden.


Zur Person: Andreas Vejvar, geboren 1965, studierte Musikwissenschaft an der Universität Wien, Promotion 1995; Diplom Konzertfach Orgel 1993 (Prof. Leopold Marksteiner, Konservatorium der Stadt Wien); tätig u. a. als Musikkritiker ("der Standard" 1990/91) und Redakteur des mica-"Lexikons zeitgenössischer Musik aus Österreich" (Wien 1997); lebt und arbeitet als Musiker und Korrektor in Wien.


Veröffentlichungen: Musik als Geheimnis und Gegenwart. Zum Schein des Augenblicks, Wien (mschr. Diss) 1995; "das pult extra". Gedenkschrift für den Schriftsteller Klaus Sandler zum 50. Geburtstag, mit Beiträgen von Friederike Mayröcker, Brigitte Kronauer, Karl-Markus Gauß, Hans Raimund u.a. (Hg.), Wien 1995; darin: Das Wagnis des Neuen. Klaus Sandlers zeitstille Augenblicke, S. 159-166; Wie die Zeit vergeht!, in : Elisabeth Th. Hilscher (Hg.): Österreichische Musik – Musik in Österreich. Beiträge zur Musikgeschichte Mitteleuropas. Theophil Antonicek zum 60. Geburtstag (Wiener Veröffentlichungen zur Musikwissenschaft Bd. 34), Tutzing 1998, S. 647-657.


BEAT WYSS (Stuttgart)


Zum Referat: Jeder Stil ist "Renaissance". Zu den ersten, welche diesen geschichtlichen Mechanismus erkannten, gehört Alois Riegl. Sein Begriff des "relativen Kunstwerkes" entsteht zur selben Zeit, im gleichen selben Wien wie Freuds "Nachträglichkeit". Dieser Begriff aus der Traumatheorie soll auf den Prozess der Erinnerung und Stilbildung übertragen werden.


Zur Person: Beat Wyss, geboren 1947 in Basel, studierte Kunstgeschichte, Philosophie und deutsche Literaturgeschichte in Zürich. Von 1980 bis 1983 war er Stipendiat des Schweizerischen Nationalfonds an der FU Berlin und am Instituto Svizzero di Roma, 1986 bis 1990 arbeitete er als Lektor beim Artemis-Verlag und als Lehrbeauftragter für Architektur- und Kulturgeschichte an der Eidgenössisch-Technischen Hochschule Zürich. 1990 war er Visiting Scholar am Getty Center in Santa Monica, von 1991 bis 1997 hatte er eine Professur für Kunstgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum inne. 1996 war er als Gastprofessor an der Cornell University in Ithaca. Seit 1997 ist er Institutsleiter an der Universität Stuttgart. 1999 nahm er eine Gastprofessur an der Aarhus Universität wahr.


Veröffentlichungen (Auswahl): Trauer der Vollendung. Zur Geburt der Kulturkritik, Köln 1985; Peter Bruegels Landschaft mit Ikarussturz. Ein Vexierbild des humanistischen Pessimismus, Frankfurt/Main 1990; Luzern 1850-1920, Bern 1991; Ein Druckfehler. Panofsky versus Newman – verpasste Chancen eines Dialogs, Köln 1993; Der Wille zur Kunst. Zur ästhetischen Mentalität der Moderne, Köln 1996; Die Welt als T-Shirt. Zu Ästhetik und Geschichte der Medien, Köln 1997.