Lutz Musner
Kultur als Transfer. Ein regulationstheoretischer Zugang am Beispiel der Architektur


Zum Referat:

Dieser Beitrag analysiert das Phänomen Kulturtransfer nicht als Austausch zwischen Kulturen bzw. als Verflechtung von Kulturen, sondern sucht „Kultur“ selbst als einen Transfervorgang zu verstehen - und zwar als einen Prozess, der sozialökonomische Strukturen in Bedeutungen „übersetzt“. Im Zuge des Poststrukturalismus ist die in der Tradition von Max Weber bzw. den frühen Cultural Studies noch versuchte Synthese von ökonomischer und kultureller Analyse um den Preis verloren gegangen, „Kultur“ vor allem als ein selbstbezügliches Textuniversum zu sehen. So sehr dieser Zugang einer intertextuell orientierten Kultur- bzw. Literaturwissenschaft auf die Sprünge verhilft, so einseitig ist jedoch die damit einhergehende Sichtweise von Kultur, da sie die Materialität kultureller Phänomene ebenso marginalisiert wie deren Prozesshaftigkeit.
Dieser Beitrag schlägt eine neue heuristische Klammer für den Zusammenhang von Materialität und symbolischen Formen im Gefolge der Regulationstheorie (Michel Aglietta, Alain Lipietz) vor. „Kultur“ kann dieserart als ein Zeichen- und Bedeutungssystem verstanden werden, das zwischen spezifischen Akkumulationsregimes (Kapitallogiken) und Regulationsmodi (Institutionen) vermittelt. Kultur als „Textur des Sozialen“ bedeutet in diesem Modell weder eine Reduktion menschlicher Handlungen auf bloße Marktbeziehungen noch einen Einschluss der Akteure in einen vorgegebenen „Käfig“ von Sinn und Weltanschauung.
Vielmehr generiert die jeweilige historische Konstellation der Mediationen von Akkumulation und Regulation eine charakteristische Musterung des sozialen Gewebes, die man als „Kultur“ definieren kann. Kultur wäre als die Art und Weise zu sehen, wie sich Menschen zu den sozialen, wirtschaftlichen und institutionellen Verhältnissen verhalten, in denen sie leben, die sie hinnehmen oder im besten Fall zu ihren Gunsten verändern. Und sie würde damit als eine Formation von Wertungen und Deutungen zur Bewältigung lebensweltlicher Problemlagen verstanden werden können, die „objektive“ Systemzwänge durch subjektive Formen eigensinniger Interpretation, Aneignung und Praxis bricht und modifiziert. Dieser regulationstheoretische Zugang soll an zwei lebensweltlich markanten Architekturbeispielen erprobt werden: den Gemeindebauten des „Roten Wiens“ und der funktionalistischen Moderne der Nachkriegszeit (Wiener Stadthalle).

e-mail: musner@ifk.ac.at

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