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Sprache – Denken – Nation.
Bilaterales Symposion des SFB Moderne Graz und des ungarischen FWF-Projektes (OTKA) Alle Philosophie ist ‚Sprachkritik'. Zur Geschichte der Sprachphilosophie im 17.–20. Jahrhundert, Budapest, 28.–29. März 2003


Zentrales Thema der zweitägigen interdisziplinären österreichisch-ungarischen Konferenz im Haus der Fotografen in Budapest bildete der Komplex Sprache und ihr vielschichtig funktionaler Stellenwert sowohl in philosophischer und geschichtswissenschaftlicher als auch in literarischer und künstlerischer Hinsicht. Im Vordergrund standen neben sprachkritisch orientierten wissenschaftsimmanenten Beiträgen auch wissenssoziologisch orientierte Problemstellungen im Kontext der österreich-ungarischen Doppelmonarchie in der Zeit um 1900. Die traditionelle ethnisch-kulturelle und linguale Heterogenität der urbanen Milieus Zentraleuropas erweist sich als geradezu paradigmatisch für die Beleuchtung der Frage sprachlicher Funktion und die Bedeutung im Zusammenhang mit der Bildung von Nationalismen, kollektiven Identitäten und kulturellen Differenzen (Peter Karoshi, Klaus Puhl, Werner Suppanz). Der Sprachbegriff war dabei in einem sehr weiten Rahmen bestimmt und umfasste eine Vielzahl unterschiedlichster verbaler und nonverbaler Symbolsysteme (Johannes Feichtinger).
Neben konstruktivistischen Aspekten im Kontext von Sprache und Lebenswelt bildete die Frage nach divergierenden Ausdrucksbeziehungen zum Bereich des Mentalen sowie die zentrale Funktion sprachlicher Abbildung die weiteren Schwerpunkte des Symposions. Hier wurden, ausgehend vom 18. Jahrhundert bis hin zum so genannten ‚linguistic turn', vor allem sprachkritische Tendenzen besonders transparent (Katalin Neumer). Die Bandbreite der Beiträge reichte dabei von Leibniz, Locke (Gábor Boros) und Hume (Tamás Demeter), Schleiermacher (János Weiss), Bolzano (Peter Stachel) und Mauthner (Andrea Fruhwirth, Peter Stachel) bis hin zu Carnap, Schlick (Gergely Ambrus), Wittgenstein (Volker Munz) und von Brandenstein (Balázs Mezei), sowie im literarischen Kontext Hofmannsthal (Andrea Fruhwirth, Bettina Rabelhofer), Bahr (Kurt Ifkovits) und Musil (Alice Bolterauer). Hier betraf Sprachkritik vor allem die Ausdrucksform soziokulturell bedingter, bewusst reflexiver Krisenphänomene, welche allerdings nicht auf die Schriftsprache begrenzt war, sondern sich ganz entsprechend auch in der bildenden Kunst (Elfriede Wiltschnigg) und der Rolle der Fotografie (Miklós Lehmann) zeigte.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass insbesondere die Fülle unterschiedlichster, interdisziplinärer Beiträge zu einem Topos den zentralen Stellenwert von Sprache im wissenschaftsimmanenten und lebensweltlichen Diskurs verdeutlichte.
Ein Sammelband mit den Symposionsbeiträgen wird 2004 erscheinen.

Volker Munz


Kulturtransfer und kulturelle Identität – Budapest und Wien zwischen Historismus und Avantgarde.
Ein bilaterales Symposion des Collegium Hungaricum Wien und des SFB Moderne Graz, Wien, 3.–5. April 2003


Das bilaterale Symposion verstand sich als wissenschaftliches Begleitprogramm zur gemeinsamen Ausstellung Zeit des Aufbruchs. Budapest und Wien zwischen Historismus und Avantgarde des Collegium Hungaricum und des Kunsthistorischen Museums mit einer umfassenden Auswahl an Kunstwerken mit den Schwerpunkten Budapest und Wien.
Die Themenauswahl war dabei allerdings keineswegs auf unmittelbare Bezüge zur Ausstellung beschränkt. So waren neben kunsthistorischen ebenso literaturwissenschaftliche, philosophische, historische, soziologische und andere vorherrschende geistige Strömungen in zahlreichen Beiträgen vertreten.
Der erste Tag war bestimmt durch Plenarvorträge, die sich mit Fragen der Moderne in Wien und Budapest (Gábor Gyányi, Ilona Sármány-Parsons), der Donaumonarchie als paradigmatischer Ort von Vielsprachigkeit (Peter Stachel), den kulturellen Transferprozessen aus aktueller Sicht (Helga Mitterbauer) sowie geistigen und politischen Strömungen Ungarns zur Zeit des Dualismus (György Miru) auseinander setzten. Abgerundet wurde er durch einem Beitrag der Organisatorin (Katalin Földi-Dózsa) zum Konzept der Ausstellung.
Die beiden folgenden Tage gliederten sich in die vier Schwerpunktsektionen: „Geistige Strömungen", „Literatur", „Urbanisation" und „Kunst". Die umfangreichen und vielseitigen Beiträge beschäftigten sich unter anderem mit der Frage von Identitätskonstruktionen, der frühen ungarischen Experimentalpsychologie, der Rolle des öffentlichen Raumes und der Baukunst sowie ungarischer Ornamentik und Stimmungsmalerei in Wien. Thematisiert wurden des Weiteren namhafte Vertreter der österreichisch-ungarischen Monarchie, wie beispielsweise Freud, Ferenczi, Mach, Musil, Simmel oder Barczy, um nur einige zu nennen.
Die vorbildliche Organisation erlaubte neben dem wissenschaftlichen Programm im Rahmen einer gemeinsamen Ausstellungsbesichtigung und von Zusammenkünften einen intensiven Austausch zwischen österreichischen und ungarischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Ein Sammelband mit den Symposionsbeiträgen wird 2004 erscheinen.

Volker Munz

Symposien – Vorschau


ernst mach-forum. wissenschaften im dialog: verhandlungen um das gedächtnis: speicher oder momentaufnahme?
Podiumsdiskussion, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Theatersaal, Sonnenfelsgasse 19/I 15. Oktober 2003, 18 Uhr. Veranstalter: Kommission für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der ÖAW, ORF 1 (Wissenschaftsredaktion)


„Gedächtnis" bezeichnet eine Schnittstelle wissenschaftlichen, gesellschaftspolitischen und kulturellen Interesses. Die Frage, wie unsere Vorstellungen von der vergangenen (und gegenwärtigen) Wirklichkeit entstehen, eröffnet gemeinsame Fragestellungen für Medizin, Kommunikationstechnologie und Medienwissenschaft, Informationstechnologie und Kulturwissenschaften. Wie verschränkt sich Gedächtnis als kollektive und individuelle Form der Erinnerung mit Gedächtnis als neurophysiologischem Prozess? Ist das Gedächtnis tatsächlich ein Speicher unserer Erfahrungen?


Cultural Heritage – National Heritage?
5. Internationale Konferenz der Kommission für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der ÖAW. Wien, 6.–8. November 2003. Österreichische Akademie der Wissenschaften, Theatersaal, Sonnenfelsgasse 19/I, 1010 Wien


Ziel des Kongresses ist eine theorieorientierte Auseinandersetzung mit Prozessen der Generierung von „Kulturerbe", in deren Mittelpunkt eine kritische Analyse der nationalen und internationalen Deutungs- und Handlungsmechanismen stehen soll, die bei der Definition von „kulturellem Erbe" (National Cultural Heritage bzw. World Cultural Heritage) wirksam werden.

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Rezensionen


Sebastian Conrad, Shalini Randeria (Hg.): Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften, Frankfurt/New York: Campus 2002. 398 S., EUR-D 24,90, EUR-A 25,60


Diese Sammlung zentraler empirischer Arbeiten aus postkolonialer Perspektive ergreift dafür Partei, das vorherrschende Bild von der Geschichte Europas/des Westens vor dem Hintergrund einer globalisierten Welt zu dekonstruieren. Hiefür wird die Geschichte des Kolonialismus in ein neues Licht gerückt, wirft letzterer doch seinen langen Schatten auf Moderne, Modernisierung und selbst auch noch auf die Gegenwart. Ziel des Buches ist nicht eine Umkehrung des Eurozentrismus und seine Substitution durch eine andere, als authentisch begriffene, z. B. indische, chinesische oder afrikanische Geschichtsschreibung, sondern eine kritische Infragestellung jedweder teleologischen Erzählung von Moderne und Modernisierung. Die HerausgeberInnen, der Berliner Nationsforscher Sebastian Conrad und die Globalisierungsspezialistin Shalini Randeria aus München, haben sich in diesem Feld schon mehrfach profiliert. Das Buch tritt so für eine Vervielfältigung der Erzählstränge ein: So würden auch außereuropäische Zivilisationen jeweils einer eigenen Dynamik der Modernisierung unterliegen, die nicht mit Verwestlichung gleichzusetzen sei, Modernisierung erfolge nicht ausschließlich durch die Übernahme westlicher Ideen und Institutionen. Was aber seit dem 19. Jahrhundert – wenn auch bewusst verdeckt – bestand, war eine „geteilte" Geschichte (S. Randeria), eine unauflösbare Verwobenheit zwischen europäischer und außereuropäischer Welt: eine „Verflechtungsgeschichte". So wirft dieser Band ein neues Licht auf eine Welt jenseits der von nationalen Teleologien und Eurozentrismus durchdrungenen Geschichts- und Sozialwissenschaft, die das Wissen (Terminologie, Methode und Theorie) von Anfang an derart organisierten („disziplinierten"), dass eine Dichotomisierung zwischen Europa und der außereuropäischen Welt unaufhaltbar voranschritt. Das Modell der Verflechtungsgeschichte hilft, diesen „Tunnelblick" zu überwinden, es eröffnet eine zeitgemäße transnationale Perspektive: So werde nicht nur deutlich, dass die Globalisierung eine lange Vorgeschichte habe, auch würden die kolonialistischen Dichotomien zwischen „wir" und „die Anderen", also binäre Oppositionen, destabilisiert; sichtbar würden sodann die vielfältigen Austauschprozesse, jener unleugbare, jedoch unterdrückte Tatbestand der „connected histories": So wie sich Europa aus dem aufgeklärten Okzident nährte, speiste es sich ebenso aus seinem „Anderen". Die Kolonien werden als Experimentierfelder der europäischen Moderne betrachtet, auf denen z. B. diverse Sozialtechniken durch die Kolonialverwaltungen erprobt wurden, bevor diese in Europa angewandt wurden. Dank dieser relationalen Perspektive, durch den Blick auf die Interaktionen zwischen Europa und der außereuropäischen Welt, wird schließlich auch sichtbar, dass die Moderne wesentlich von den Rückwirkungen des Kolonialismus auf Europa beeinflusst wurde. Die im angloamerikanischen Raum entwickelte postkoloniale Theorie, die diesen Band theoretisch fundiert, schärft nicht nur den Blick auf die „geteilten Geschichten" der Moderne, sondern sie dechiffriert auch die Vielzahl von Mustern kolonialer Herrschaft, alter, verfestigter, weil reproduzierter Asymmetrien, die noch in „post"-kolonialen Zeiten nachwirken. Die HerausgeberInnen vereinten zehn Arbeiten namhafter AutorInnen unterschiedlicher disziplinärer und nationaler Herkunft (Steven Feierman, Michel-Rolph Trouillot, Anthony Pagden, Timothy Mitchell, Fernando Coronil, Stuart Hall, John L. und Jean Comaroff, Dipesh Chakrabarty, Ann Laura Stoler und Sheldon Pollock), deren Texte hier das erste Mal in deutscher Sprache vorliegen. Zu den abgehandelten Schauplätzen zählen Haiti und Indien, Deutschland, Ägypten und Indonesien sowie Afrika als Kontinent, dessen Historien in der Weltgeschichte kaum Platz fanden. Den einzigen deutschen Beitrag des Bandes liefern die Afrikawissenschaftler Andreas Eckert und Albert Wirz. Die fundierte Einleitung von Conrad und Randeria dechiffriert die Verfahren, mit denen der Westen seinen Hegemonialanspruch begründete. Auch führen die beiden Herausgeber eine Reihe charakteristischer Schwerpunkte (die Kulturen des Kolonialismus, Identitäten, Wissen/Macht, Geschichten, Deutsche Geschichte postkolonial) an, durch die die Ergiebigkeit eines postkolonialen Blickwinkels für das Studium der Geschichte Europas ersichtlich wird: Der brillante Band liefert so nicht nur einen ausgezeichneten Einstieg in die Materie; es ist zu hoffen, dass diese Aufsatzsammlung der postkolonialen Theorie auch im deutschsprachigen akademischen Diskurs zum Durchbruch verhelfen wird. Ein Anfang ist getan: Das Buch wurde kürzlich mit dem Prädikat „Das Historische Buch 2002" in der Kategorie „Außereuropäische Geschichte" ausgezeichnet.

Johannes Feichtinger


Rainer Warning, Winfried Wehle (Hg.): Fin de Siècle. München: Fink 2002 (= Romanistisches Kolloquium 10). 488 S., EUR-D 45,-, EUR-A 46,30


Dass typische Motive des Fin de Siècle, wie Fragmentarismus, Naturferne, Künstlichkeit, Fortschrittsfeindlichkeit, Nervosität, Überfeinerung, Schönheitskult, Lebensüberdruss, Todessehnsucht u. s. w., im Tagungsband des X. Romanistischen Kolloquiums häufig bemüht werden, versteht sich von selbst. Interessant an dem Band ist aber die Schwerpunktsetzung auf der internationalen Vernetztheit der Kultur an der Wende vom 19. bis 20. Jahrhundert. Die Palette der Themen reicht von Beiträgen über die Formen der Modernität bei Cézanne und Rodin (Gottfried Boehm) über Aufsätze zur amerikanischen und britischen (Winfried Fluck und K. Ludwig Pfeiffer) sowie zur deutschen Literatur (Kablitz, Schulz-Buschhaus, Warning und Wolfzettel). Den umfangreichsten Raum nehmen erwartungsgemäß Beiträge zur französischen und italienischen Literatur ein, während die spanische kaum erwähnt wird. Erfrischend ist der transdisziplinäre Zugang, der sich nicht nur in der Auswahl der Beiträge manifestiert, sondern auch in den einzelnen Artikeln selbst präsent ist, und der den Band für ein weit über den engeren Fachbereich der Romanistik hinaus reichendes Publikum interessant macht. Hervorzuheben wäre etwa der Aufsatz über das Motiv der Multiplizität der Kunst und Einheit des Lebens in Musils Mann ohne Eigenschaften des zu früh verstorbenen Grazer Romanisten Ulrich Schulz-Buschhaus, dessen Gedenken der Tagungsband auch gewidmet ist. Schulz-Buschhaus bringt dieses Motiv in Verbindung mit dem bei Ernest Renan diagnostizierten „Phänomen einer hermeneutischen Duplizität" (325), wobei dem Christentum bei gleichzeitiger moralischer Loyalität der überlieferte Glaube aufgekündigt wird. Er zieht die Linie von John Stuart Mill, Herbert Spencer über Hippolyte Taine und Ernst Mach zu Gustave Flaubert und zu Paul Bourgets Wahrnehmung der Multiplizität, aus der als latente Willenskrankheit der „Dilettantisme" resultiere, wie er auch in der Figur Ulrichs sichtbar werde. Ähnlich wie Schulz-Buschhaus setzt Friedrich Wolfzettel Musils Opus magnum in Zusammenhang mit der These des „deambulatorischen" Romans, den er als Gegenmodell zum Zeitroman auffasst und unter anderem mit der Flanerie in Verbindung bringt.
Klaus W. Hempfer trägt der „Kopräsenz des Differenten" im Fin de Siècle Rechnung und argumentiert überzeugend, dass Mallarmés Gedichte im ersten Parnasse contemporain (1866) bereits die parnassische Ästhetik durch eine programmatische Radikalisierung subjektiver Konstruktionen unterlaufen habe. Am Beispiel Marcel Prousts und Robert de Montesquious erläutert Luzius Keller Strategien der Selbstdarstellung, während Joachim Küpper Dekadenz als Bearbeitung von Tradition am Beispiel von Gedichten Baudelaires und D'Annunzios vor der Folie Petrarcas analysiert. Gerhard Regn wiederum untersucht D'Annunzios L'Innocente vor dem Hintergrund des zeitgenössischen psychiatrischen Diskurses. Unbedingt hervorzuheben ist noch der Beitrag von Gerhard Neumann Verdichten und Verströmen. Zum Wahrnehmungs- und Darstellungsparadox des Fin de siècle, in welchem er wahrnehmungs-, erinnerungs- und medientheoretische Überlegungen in seinen Vergleich der französischen Literatur mit jener der Wiener Moderne einbringt und dadurch die Diagnose des Bewusstseins von der zerstörerischen Dialektik von Erinnerung und Vergessen im Fin de Siècle untermauert.
In den meisten Beiträgen werden Fragen nach der Modernität der Fin de Siècle-Literatur erörtert, immer wieder wird die Periodenabgrenzung zwischen Fin de Siècle und Moderne abgehandelt. Irritiert hat der Band durch die alphabetische Reihung der Beiträge nach den AutorInnennamen. Wünschenswert wären kurze Informationen zu den Beiträgern sowie ein Register, das keinem Band fehlen sollte.

Helga Mitterbauer


Jacques Le Rider: Kein Tag ohne Schreiben. Tagebuchliteratur der Wiener Moderne. Aus dem Französischen übersetzt von Eva Werth. Wien: Passagen 2002 (= Orte des Gedächtnisses). 382 S., EUR 44,-


Aufbauend auf die vielbeachtete Studien Das Ende der Illusion. Zur Kritik der Moderne (1990) spannt der französische Germanist Jacques Le Rider nach einer Einleitung in die Wiener Moderne, wobei der Rückgriff auf das Tagebuch als Ausdruck der Krisen der Moderne erklärt wird, den Bogen über eine zweihundert Jahre zurückreichende Gattungstradition von Goethe bis Kafka. Zwischen Gedächtnis und Vergessen werden am Beispiel der Textsorte Tagebuch die wesentlichen Elemente der Wiener Moderne demonstriert. Dabei wird der Begriff des Tagebuchs relativ weit gefasst, reicht bis Weiningers Taschenbuch, Schieles Gefängnistagebuch und sogar bis zu den Selbstbildnissen eines Richard Gerstl. Hervorzuheben ist die angewandte Perspektive des kulturellen Transfers, wobei vor allem Vergleiche zwischen der französischen und der Wiener Moderne gezogen werden, etwa am Beispiel der Linie Amiel – Nietzsche – Hofmannsthal – Andrian und darüber hinaus zu Pessoa. Le Rider nimmt die Unterscheidung einer ersten und einer zweiten Wiener Moderne wieder auf, wobei die angeführten Beispiele von Schnitzlers „Ego-Dokumenten", an denen auch das Verhältnis zwischen Tagebuch und Autobiographie ausgelotet wird, zu Tagebüchern „von Frauen" (Kaiserin Elisabeth, Marie von Ebner-Eschenbach, Rosa Mayreder, Lou Andreas Salomé), vom zionistischen Tagebuch Theodor Herzls, jenen von Bahr, Kraus, Altenberg, Broch zu jenen von Stefan Zweig, Robert Musil und Ludwig Wittgenstein reichen.
Der kurzweilig formulierte Band bringt eine Vielzahl von interessanten Details und Perspektiven, umso bedauerlicher und geradezu unverzeihlich von Seiten des Verlags ist, dass der Band nicht über die offizielle website des deutschen Buchhandels abgerufen werden kann.

Helga Mitterbauer


Karl Vocelka: Österreichische Geschichte 1699–1815. Glanz und Untergang der höfischen Welt. Repräsentation, Reform und Reaktion im habsburgischen Vielvölkerstaat. Wien: Ueberreuter 2001. 542 S., EUR 51,90


Mit dem Band über das 18. Jahrhundert wurde eine im Wiener Ueberreuter-Verlag veröffentlichte zwölfbändige Reihe über die Geschichte Österreichs abgeschlossen. Gerade dieses Jahrhundert ist für die Geschichte der Habsburgermonarchie von besonderer Bedeutung, markiert es doch in seiner zweiten Hälfte den Übergang von einem frühneuzeitlichen Personenstaatsverband zu einem verwaltungstechnisch zumindest im Ansatz modernen und teilzentralisierten Staatswesen. Die Folgen dieser Entwicklungen sollten noch bis zum Zerfall der Monarchie 1918 nachwirken, ja, manche Entwicklungen der Zeit um 1900 lassen sich ohne Verständnis dieser „Achsenzeit" der österreichischen Geschichte kaum angemessen verstehen. Umso anspruchsvoller war die Aufgabe, der sich der bereits durch eine vorbildliche Gesamtdarstellung der österreichischen Geschichte hervorgetretene Wiener Historiker Karl Vocelka gegenübersah, als er kurzfristig als Verfasser dieses Bandes „einsprang": Er hat sich dieser Aufgabe mit Bravour entledigt, im Wissen, dass, wie er in der Einleitung ausführt, ein wesentlicher Teil einer solchen Aufgabe im „Weglassen" besteht. Das Resultat ist eine vorzügliche, die gesamte neuere Literatur und auch die aktuellen Methodendiskussionen berücksichtigende Darstellung, die überdies auch noch gut und stellenweise nachgerade spannend zu lesen ist. Dazu ist freilich anzumerken, dass das Verständnis von Vocelkas Ausführungen grundlegendes „Faktenwissen" über den behandelten Zeitraum voraussetzt: Als erste Einführung in die Thematik ist dieses Werk nicht konzipiert und auch nicht geeignet. Vielmehr wird einerseits eine kritische Auseinandersetzung über die vorhandene Literatur zur Thematik geboten, dies mit ausdrücklicher Berücksichtigung damit verbundener politischer Wertungen, zum anderen werden aktuelle methodische Fragestellungen in die Analyse einbezogen. Vocelka widmet sich der Thematik sowohl unter sozial-, als auch unter kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Aspekten, geht etwa insbesondere der Frage der Repräsentation von Machtverhältnissen und dem Verhältnis der Geschlechter nach und ist – ein besonderer Vorzug der Arbeit – durchgehend darum bemüht „Längsschnitte" durch die österreichische Geschichte zu ziehen. Der Verfasser verweigert sich überdies allzu linearen Erklärungsansätzen und führt beispielsweise aus, wie die Auswirkungen der Reformpolitik der zweiten Jahrhunderthälfte verschiedene Bevölkerungsschichten in ganz unterschiedlicher Weise betrafen.
Der positive Gesamteindruck des Werkes wird zudem durch zahlreiche Illustrationen, ein in seinem Umfang geradezu Ehrfurcht gebietendes Literaturverzeichnis und ein gründlich erarbeitetes Register unterstrichen. In Summe: Ein ohne Einschränkungen empfehlenswertes Meisterwerk gegenwartsbezogener historischer Darstellung.

Peter Stachel


Kurt Pätzold, Manfred Weißbecker (Hg.): Schlagwörter und Schlachtrufe. Aus zwei Jahrhunderten deutscher Geschichte, 2 Bände. Leipzig: Militzke 2002. 750 S., EUR-D 49,60, EUR-A 51,-


Als im Jahr 2001 die drei Bände der von Hagen Schulze und Etienne François herausgegebenen Deutschen Erinnerungsorte veröffentlicht wurden, monierten einige der Rezensenten, insbesondere solche aus Deutschland, dass in diesem offenkundig als Fundament einer künftigen deutschen Identität konzipierten Mammutwerk ein nicht unwesentlicher Aspekt des deutschen „kollektiven" Gedächtnisses unterschlagen worden sei: Die DDR sei nur am Rande berücksichtigt und gleichsam aus der „deutschen Erinnerung" hinauskomplimentiert worden. Die beiden ostdeutschen Historiker Kurt Pätzold (Berlin) und Manfred Weißbecker (Jena) haben mit ihrem im Leipziger Militzke-Verlag veröffentlichten zweibändigen Werk versucht dies zu korrigieren – es bleibt leider über weite Strecken ein Versuch mit untauglichen Mitteln.
Dabei ist die zugrunde liegende Idee durchaus witzig und originell: Den „Erinnerungsorten" wurden Parolen und Schlagwörter der deutschen Geschichte gegenübergestellt, von „Blut und Eisen" über „Kraft durch Freude" bis „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh" und „Moralkeule Auschwitz" reicht das Spektrum der Schlüsselworte deutscher Befindlichkeiten, das in den beiden Bänden abgehandelt wird. Was die kritische Lektüre eines nicht geringen Teils der gesammelten Abhandlungen jedoch in erheblichem Maße beeinträchtigt, ist – neben der extrem gedrängten Form der Darstellung, die aus einer zu großen Zahl an Texten resultiert – die allzu schablonenhafte ideologische Ausrichtung. Als ein Beispiel für viele mag hier der von Herausgeber Pätzold selbst verfasste Beitrag zum Stichwort „Verlorene Siege" dienen. Die inhaltliche Analyse der vom NS-Feldmarschall Erich Lewinski von Manstein im Jahr 1955 unter diesem Titel veröffentlichten Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, die weitestgehende Verweigerung einer auch nur halbwegs kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle innerhalb eines verbrecherischen Regimes, fällt durchaus überzeugend aus, doch bleibt der Autor nicht nur den detaillierten Nachweis dafür schuldig, dass es sich dabei um ein breitenwirksames Schlagwort gehandelt habe (was immerhin glaubhaft erscheint, aber eben nicht belegt wird), sondern biegt die Analyse kurzschlüssig auf eine allzu unreflektierte Schlussfolgerung hin: „Publikationen [...] in der Art der Verlorenen Siege [...] gab es in der DDR nicht. Die ehemaligen Generale und Offiziere der Wehrmacht, die im ostdeutschen Staat Erinnerungen publizierten, hatten zum Geschehen und ihrer eigenen Rolle eine kritische Distanz gewonnen." [Bd. 2, S. 152]. In derart platt ideologische Backe-backe-Kuchen-Sätzchen münden leider allzu viele der hier gesammelten Beiträge.
Eine pfiffige Idee wurde hier – ungeachtet einiger durchaus gelungener Einzelbeiträge – auf nachgerade peinliche Weise verpfuscht: Schade darum! Auf eine originelle und kritische Gegenerzählung zu den nicht unproblematischen Deutschen Erinnerungsorten wird man weiterhin warten müssen.

Peter Stachel


Magda Whitrow: Julius Wagner-Jauregg (1857-1940). Aus dem Englischen übersetzt von Iris Theyer. Wien: Facultas 2001. 308 S., EUR 28,90.


Das nunmehrige Vorliegen der Biographie des österreichischen Psychiaters und Medizin-Nobelpreisträgers Julius von Wagner-Jauregg in deutschsprachiger Übersetzung ist für die Psychiatriegeschichtsforschung umso begrüßenswerter, als seit der (teilweisen) Veröffentlichung von Wagner-Jaureggs Autobiographie im Jahr 1950 und Kurt R. Eisslers Werk über Freud und Wagner-Jauregg vor der Kommission zur Erhebung militärischer Pflichtverletzungen (1979) keine monographischen Publikationen zu dieser herausragenden Figur der österreichischen Medizin um 1900 erschienen sind. Dabei ist das Wirken dieses Arztes keineswegs nur für eine Fachgeschichtsschreibung der Disziplin von Interesse, sondern durchaus auch für eine sozial- und kulturwissenschaftliche Auseinandersetzung.
Schließlich war Wagner-Jauregg der Protagonist der Eindämmung einer der „Leitkrankheiten" des Fin de Siècle überhaupt, der meist tödlich verlaufenden Neurosyphilis (Progressive Paralyse), wie auch an der systematischen Erforschung der im Alpenraum damals am häufigsten auftretenden Form von Mehrfachbehinderung, des „Kretinismus", sowie an der Umsetzung von dessen sozialmedizinischer Prophylaxe (Jodierung des Speisesalzes) führend beteiligt. Auch bei der Reform der österreichischen „Irrengesetzgebung" spielte Wagner-Jauregg eine bedeutende Rolle, ebenso bei der psychiatrischen Behandlung von traumatisierten Soldaten während des Ersten Weltkriegs. Wagner-Jauregg beschäftigte sich ferner mit Fragen der Heredität psychischer Erkrankungen und sprach sich für eine „eugenische" Bevölkerungspolitik aus – jedoch nicht im Sinne von Gewaltmaßnahmen; insbesondere die sogenannte „Euthanasie" lehnte der 1940 verstorbene Wissenschafter (trotz seiner anfänglichen Zustimmung zum Nationalsozialismus) ab.
Alle jene Aspekte von Wagner-Jaureggs Tätigkeit werden in Whitrows Werk (auch für den Nichtmediziner) gut nachvollziehbar dargelegt; besonders wertvoll sind die Erörterungen über seine politischen Ansichten sowie sein Sozial- und Privatleben, da hierüber in anderen Publikationen bislang kaum berichtet wurde. Jedoch macht sich gelegentlich der dem biographischen Genre häufig anhaftende Zug zum Spekulativen und Anekdotischen allzu sehr bemerkbar; dagegen wäre eine eingehendere gesellschaftliche Kontextualisierung der Individualbiographie wünschenswert gewesen. Gerade der wissenschaftliche Benutzer muss zudem das Fehlen einer Bibliographie als Manko betrachten; die den einzelnen Kapiteln beigegebenen Literaturhinweise können hierfür keinen vollen Ersatz liefern.

Carlos Watzka


Hans-Joachim Bieber, Hans Ottomeyer, Georg Christoph Tholen (Hg.): Die Zeit im Wandel der Zeit. Kassel: University Press 2002 (= Intervalle 6). 454 S., EUR-D 19,90, EUR-A 20,50.


Dieser Band ist eine Sammlung von Beiträgen aus einer Vortragsreihe bzw. eines Symposions im Jahr 2000 in Kassel. Er präsentiert fünfzehn Annäherungen aus verschiedenen Disziplinen zu Fragen der Begrifflichkeit von Zeit, der Struktur von Zeitwahrnehmung und Zeitmessung, der Präsenz und Erfahrung von Zeit und der Denkformen und Diskurse im Hinblick auf Zeitvorstellungen vorwiegend seit der frühen Neuzeit sowohl in den Wissenschaften als auch in Kunst und Literatur, in den Medien wie im Alltag. Im Fokus stehen dabei die historische und soziokulturelle Verortung dieser Dimensionen von Zeit, ihre Veränderung und Krisen.
Der erste Teil versteht sich als Einführungsabschnitt. Zunächst versucht der Soziologe Günter Dux eine umfassende Rekontextualisierung der Zeitbegriffe, ihre historische, anthropologische und physikalische Erfassung, die Herstellung einer Verbindung zwischen „Konstrukt" und „Realität" von Zeit. Der Assyriologe Walter Sallaberger und der Japanologe Peter Pörtner erweitern diese Herangehensweise um explizit außereuropäische Dimensionen, wobei ersterer die Grundlagen der mesopotamischen Zeiteinteilung und ihrer praktischen Umsetzung in der frühen Hochkultur skizziert, der letztere sich dem Phänomen der differenzierten japanischen Zeitannäherung deutlicher mittels der Analyse grundlegender Texte widmet. Der Philosoph und Historiker Jürgen Hamel untersucht in einer moderne Zeitbegriffe relativierenden Perspektive den Einfluss der Astrologie auf die Denksysteme und theologisch-wissenschaftlichen Diskurse der Neuzeit. Zuletzt historisiert und analysiert der Historiker Lucian Hölscher das Phänomen der Zukunft, ihrer Wahrnehmung und ihrer Deutungskonzepte mit Ausblick auf seine Zukunft.
Im zweiten Teil wird der Schwerpunkt auf politische und alltagsgeschichtliche Aspekte gerichtet, wobei vor allem revolutionäre Phasen bearbeitet werden. Der Kulturhistoriker Rolf Reichardt setzt sich mit der Geschichte des Republikanischen Kalenders während und nach der Französischen Revolution auseinander. Die Beziehung zwischen Arbeitsorganisation, Technologisierung, sozialer Differenzierung und dem Wandel von Zeitmustern und Zeitwahrnehmung seit der Industriellen Revolution ist Gegenstand des Beitrages des Historikers Hans-Joachim Bieber. Zuletzt fasst der Soziologe Heinz Bude die Geschichte des 20. Jahrhunderts als Generationengeschichte zusammen und setzt sich mit dem Begriff der Generation, den Selbstdeutungen der einzelnen Generationen und deren Manifestationen in Politik und Kunst auseinander.
Zwei Aufsätze befassen sich im folgenden Abschnitt mit dem Zeitbegriff in den Naturwissenschaften. Der Physiker Klaus Grupen legt die bedeutendsten Theorien der Physik des 20. Jahrhunderts dar bis hin zu der theoretischen Möglichkeit einer Zeitreise und verweist auf die enge Verflechtung der Komponenten Raum und Zeit. Der Naturwissenschaftler Friedrich Cramer reflektiert mit einem umfassenden Zugang zu verschiedenen wissenschaftlichen Theoremen über Zeitdynamiken anhand der Denkfigur des Zeitbaumes.
Auch der Zeit in der Literatur ist ein eigener Abschnitt gewidmet. Der Medienwissenschaftler Burkhardt Lindner dekonstruiert die Romanform kursorisch an den Beispielen Diderot, Sterne, Jean Paul, Cervantes. Der Germanist Jochen Hörisch betrachtet poetische Zeiterfahrung an beispielhaften Gedichten vor allem entlang der Bilder von Ende, Tod und Vergänglichkeit. Mit der Struktur und Geschichte der Biographik unter besonderer Berücksichtigung des Mann ohne Eigenschaften setzt sich der Literaturwissenschaftler Helmut Scheuer auseinander. Nicht fehlen darf ein Beitrag über Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, dem sich die Journalistin Verena Joos widmet.
Zuletzt folgt der Teil über die Zeit in Kunst und Philosophie. Mit dem Zusammenhang zwischen natürlicher Vergänglichkeit und Architektur und der Ruine als Ort der Wahrnehmung dieser Beziehung beschäftigt sich der Kunsthistoriker Christian Freigang. Der Medienwissenschaftler Georg Christoph Tholen problematisiert Zäsuren und Krisen der Zeitwahrnehmung und des Zeitbewusstseins, der „Chronopathologie". Der Band klingt aus mit den Reflexionen des Kommunikationswissenschaftlers und Publizisten Diedrich Diederichsen über die Verortung des Zeitbegriffs in der Popmusik, speziell an den Beispielen von Techno und HipHop.
Der Komplexität des Themas wurde durch eine Vielzahl von Beiträgen und Annäherungen Rechnung getragen. Das ist zugleich die Stärke und die Schwäche des Buches. Nicht immer ist die Struktur der Einteilung, aber auch die Herangehensweise innerhalb der Beiträge konsistent. Das ihm zugrunde liegende Konzept ist ein sehr weit gefasstes und schematisches. Der Vortragscharakter wurde in einigen Beiträgen auch in schriftlicher Form beibehalten, was allerdings der Verständlichkeit auch schwieriger Zusammenhänge nicht abträglich war. Insgesamt ein spannendes Buch, das für Reflexionen über die Zeit selbst, aber auch über prinzipielle Fragen von Rekontextualisierung und Dekonstruktion Ansätze bietet, für das man jedoch viel Zeit braucht.

Monika Stromberger


Neuerscheinungen aus dem SFB


Federico Celestini, Helga Mitterbauer (Hg.): Ver-rückte Kulturen. Zur Dynamik kultureller Transfers. Tübingen: Stauffenburg 2003 (= Discussion)


Sowohl Identitäten als auch Kulturen sind Resultanten permanent ablaufender Konstruktions- und Transferprozesse, von Bedeutungszuschreibungen und selektiven Codierungen. Folglich findet kultureller Transfer nicht nur zwischen, sondern bereits innerhalb von Kulturen statt, ist damit nicht länger ein Außenphänomen, sondern zugleich ein den Kulturen immanentes. In theoretischen Abhandlungen und Fallbeispielen wird der Transferprozess aufgefasst als ein auf Mehrdeutigkeit beruhender multiplexer Austausch von Informationen, Symbolen und Praktiken, die im Zuge dieses Prozesses ständig transformiert und uminterpretiert werden. Der von ForscherInnen aus insgesamt sechs Disziplinen kollektiv verfasste Band leistet eine kulturwissenschaftliche Neuorientierung der Kulturtransferforschung.


Johannes Feichtinger, Ursula Prutsch, Moritz Csáky (Hg.): Habsburg postcolonial. Machtstrukturen und kollektives Gedächtnis. Innsbruck [u. a.]: Studienverlag 2003 (= Gedächtnis – Erinnerung – Identität 2)


Die Donaumonarchie war keine Kolonialmacht im eigentlichen Sinn – doch wurde in diesem wirtschaftlich, sozial und kulturell sehr unterschiedlich entwickelten Vielvölkerstaat mit hierarchischem Machtgefüge zweifellos „innere Kolonisierung" betrieben. Zur Aufdeckung dieser machtpolitischen Asymmetrien innerhalb Österreich-Ungarns sind postkoloniale Ansätze hilfreich.
Innerhalb der Analyse historischer, soziokultureller und ökonomischer Prozesse werden für Österreich, Ungarn, Galizien und die Bukowina, für Böhmen und Mähren sowie für Bosnien-Herzegowina und Jugoslawien Antworten u. a. auf folgende Fragestellungen gegeben: Wie manifestierten sich Machtansprüche in der Wirtschafts-, Sozial- und Bildungspolitik? Wie stellen sich Herrschafts- und Machtstrukturen der Vergangenheit im Zuge sich ausbildender neuer Staatswesen (gerade in den jüngeren Umbruchszeiten) im kollektiven Gedächtnis dar? Welche Rolle spielten Konfessionalismus und Nationalismus? Lässt sich auch die Sprachenpolitik der Zentralmacht als Ausdruck einer „inneren Kolonisierung" verstehen?


Jacques Le Rider, Moritz Csáky, Monika Sommer (Hg.): Transnationale Gedächtnisorte in Zentraleuropa, Innsbruck [u. a.]: Studienverlag 2002 (= Gedächtnis – Erinnerung – Identität 1)


„Orte des Gedächtnisses" werden in der Nachfolge des berühmten Sammelwerks von Pierre Nora zumeist im Zusammenhang mit nationaler Geschichtsschreibung dargestellt. Die Beiträge dieses Bandes gehen demgegenüber davon aus, dass die Identifikatoren, die einen derartigen Erinnerungsort ausmachen, nicht zwangsläufig national codiert sein müssen, dass sie vielmehr national instrumentalisiert und vereinnahmt werden (können). Als paradigmatisches Forschungsfeld dient Zentraleuropa: Aufgrund ihrer pluralistischen Verfasstheit lassen sich gerade in dieser Region zahlreiche Beispiele von Gedächtnisorten mit transnationalem Charakter nachweisen.


Moritz Csáky, Heidemarie Uhl (Hg.): Zivilisationsbrüche. Die Bruchlinien des 20. Jahrhunderts im Gedächtnis des beginnenden 21. Jahrhunderts. Innsbruck [u. a.]: Studienverlag 2003 (= Gedächtnis – Erinnerung – Identität 3)


Der Topos des „Zivilisationsbruchs" verknüpft zwei zentrale Aspekte historischen Denkens im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert: einerseits die Frage des individuellen und kollektiven Umgangs mit dem Trauma des Holocaust und anderer Ereignisse, von denen eine anthropologische Irritation ausgeht, und andererseits die Reflexion über Vergangenheit als (Re-)Konstruktion, als Prozess des (Neu-)Schreibens der Geschichte. Die Beiträge des Sammelbandes, der aus einer Tagung der Kommission für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte an der Österreichischen Akademie hervorgegangen ist, diskutieren aus der Perspektive unterschiedlicher Disziplinen Repräsentationen und Problemfelder gegenwärtiger Gedächtniskulturen.


Heidrun Zettelbauer: „Und handelt sich's um Opfermut und Treue, kann auch die Frau nicht müßig abseits steh'n". Geschlechteridentität(en) im deutschnational-völkischen Milieu um 1900 am Beispiel des ‚Schutz'-Vereins Südmark. Phil. Diss. Graz 2003.


Vor dem Hintergrund aktueller theoretischer Ansätze zur historischen Geschlechterforschung, zur Körpergeschichte und zu cross-identities behandelt die Dissertation Verschränkungen der Identitätskategorien Geschlecht und Nation in Zentraleuropa um 1900. Das deutschnational-völkische Milieu der Habsburgermonarchie und insbesondere der Verein Südmark dienen dabei als exemplarische Untersuchungsfelder für Fragestellungen der Ausformung, Durchsetzung und Annahme deutschnationaler Geschlechteridentität(en).
Das untersuchte ‚deutschnationale Projekt' bot Frauen und Mädchen die Integration in die ‚nationale Sache' an, schloss sie aber gleichzeitig von einer konkreten politischen Beteiligung aus. Eine Untersuchung der Organisationsstrukturen der deutschnationalen Schul- und ‚Schutz'-Vereinsbewegung verdeutlicht allerdings, dass Frauen gerade in diesen als ‚unpolitisch' deklarierten Räumen politische Handlungsfähigkeit entwickeln konnten. Nichtsdestotrotz konstruierte das Milieu wirkungsmächtige Vorstellungen eindeutiger nationaler (Geschlechter-)Identität(en) und Alterität(en). Insbesondere die nationale Codierung der Privatsphäre (nach der ‚bürgerlichen Geschlechterordnung' per definitionem ein weiblicher Bereich) führt die Wirkungsweise deutschnationaler Identitätsstiftungsprozesse und ihrer gender-meanings vor Augen. Die Generierung nationaler (Er-)Lebenswelten machte – ausgehend von der Funktionalisierung von Mutterschaft – dabei auch vor dem weiblichen Körper nicht halt. Die Mehrdeutigkeiten und Ambivalenzen des deutschnationalen Geschlechterkonzeptes zeigten sich schließlich auf subjektiv-individueller Ebene: Deutschnational-völkische Frauen entwickelten spezifische Strategien, um die wirkungsmächtigen normativen Konzepte mit den eigenen Wünschen und Bedürfnissen in Einklang zu bringen.


Moritz Csáky, Peter Stachel (Hg.): Mehrdeutigkeit. Die Ambivalenz von Gedächtnis und Erinnerung. Wien: Passagen 2003 (= Passagen Orte des Gedächtnisses)


Menschliche Gemeinschaften bestimmen ihre Zusammengehörigkeit mittels Symbolen, Ritualen und Traditionen, die – bewusst oder unbewusst – auf die Konstruktion eines kollektiven Gedächtnisses und einer kollektiven Identität abzielen. Vor allem die Analyse von Nationsbildungsprozessen hat den Blick für den konstruktiven Charakter dieser Identifikatoren geschärft. Die Beiträge des Bandes beschäftigen sich mit dem Umstand, dass „Gedächtnisorte" nicht automatisch national verfasst sind, sondern in unterschiedlichen Kontexten unterschiedliche Bedeutungen erhalten können.


Karl Acham, Katharina Scherke (Hg.): Kontinuitäten und Brüche in der Mitte Europas. Lebenslagen und Situationsdeutungen in Zentraleuropa um 1900 und um 2000. Wien: Passagen 2003 (= Studien zur Moderne 18)


Dem Band liegen drei Orientierungen zugrunde: politische, soziale und kulturelle. Teil 1 geht u. a. Aspekten der Migration, der Beziehung von Sprache, Religion und Nation sowie aktuellen Fragen des Europäischen Gemeinschaftsrechts nach. In Teil 2 stehen historisch-soziologische Analysen im Vordergrund: beispielsweise die Bewusstseinslage ethnisch-religiöser Gruppierungen sowie theologische Paradigmen und Prozesse der Säkularisierung – samt deren politischen Folgen – von der Aufklärung bis heute. Teil 3 widmet sich jenen Formen der kulturellen Selbstvergewisserung im 20. Jahrhundert, die in Bereichen der Literatur sowie der bildenden Kunst bestimmend wurden. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Beziehung von Form und Inhalt.


Petra Ernst, Sabine Haring, Werner Suppanz (Hg.): Aggression und Katharsis. Der Erste Weltkrieg im Diskurs der Moderne. Wien: Passagen 2003 (= Studien zur Moderne 19)


Die Beiträge des Bandes befassen sich aus kulturwissenschaftlicher Perspektive mit dem Ersten Weltkrieg als „Kulturkrieg", der als Beginn des „kurzen 20. Jahrhunderts" eine Zäsur setzte und zugleich bereits in Gang befindliche Prozesse der Moderne intensivierte. Der Erfahrung neuartigen Vernichtungspotentials stand zunächst die Deutung durch Intellektuelle, KünstlerInnen und politische Strömungen als Überwindung der als „Kulturkrise" empfundenen Moderne gegenüber. Der Band untersucht diese Diskurse vorrangig am Beispiel Zentraleuropas und thematisiert den „Großen Krieg" als Ereignis, das Paradigmen der Moderne sowohl fortsetzte als auch erschütterte und damit wesentliche Voraussetzungen für die Postmoderne hervorbrachte.


Helene Zand: Identität und Gedächtnis. Die Ausdifferenzierung von repräsentativen Diskursen in den Tagebüchern Hermann Bahrs. Tübingen: Francke 2003 (= Kultur – Herrschaft – Differenz 3)


Die Tagebücher, Skizzenbücher und Notizhefte Hermann Bahrs aus den Jahren 1885 bis 1905 sind für die Fragestellung nach der Ausbildung von Identität und Gedächtnis von Interesse, da Tagebucheintragungen keine rein ‚subjektiven' Äußerungen des Tagebuchschreibers sind. Es geht daher nicht um eine historisch-biographische Rekonstruktion der Person Hermann Bahrs bzw. seiner Tagebücher, sondern es wird besonderer Wert auf die Relevanz der Narrativität gelegt, deren Funktion darin besteht, dass sie Realität nicht nur beschreibt, sondern erst ‚konstruiert'. Somit erhält die multipolare Konstruktion von Identität eine neue weitreichende Bedeutung. Der moderne Lebensstil Bahrs erfordert das Schreiben eines Tagebuchs, das mit seinen Ritualisierungen und Stereotypisierungen als Identitätsstütze dient. In diesem Band wird gezeigt, wie in den Tagebüchern unter bestimmten biographischen und sozioökonomischen Bedingungen die vielfältigen Identitäten eines modernen Individuums erschrieben werden.


Helga Mitterbauer: Die Netzwerke des Franz Blei. Kulturvermittlung im frühen 20. Jahrhundert. Tübingen: Francke 2003 (= Kultur – Herrschaft – Differenz 4)


Robert Musil war überzeugt, dass es ohne seinen „anerkannten und anerkennenden Freund" Franz Blei wesentlich weniger „Geist" im deutschsprachigen Raum gegeben hätte. In der Tat war Blei nicht nur ein vielseitiger Essayist und Verfasser der gern zitierten Literatursatire Das große Bestiarium der modernen Literatur, sondern vor allem einflussreicher Kulturvermittler. Um 1900 baute Blei ein weitreichendes Netzwerk an Beziehungen auf, das es ihm ermöglichte, deutschsprachige Literatur international bekannt zu machen und zugleich den Zugang zu Literatur, Kunst sowie politischen und sozialen Denkfiguren aus anderen Gebieten und Epochen zu öffnen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der britischen, US-amerikanischen und der französischen Literatur. Seinen Einfluss übte Franz Blei als Berater von Avantgarde-Verlagen, von Bühnen sowie als Beiträger und Herausgeber von Zeitschriften aus, zum Beispiel durch die Gründung des Hyperion, in welchem 1908 Franz Kafka debütierte. Die Studie bietet eine umfassende Rekonstruktion dieser kulturellen Netzwerke und macht deren Bedeutung für den kulturellen Modernisierungsprozess transparent.

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