Friedrich Jodl: Von Feuerbach zur Gesellschaft für ethische Kultur


Von Edith Lanser (Graz)


Friedrich Jodl's view on the tasks of religion was deeply influenced by the theory of Ludwig Feuerbach. Jodl fought against the clerical hegemony at the universities and in the sciences. He tried to develop a system of ethics that does not depend on any religion but on the benefits of scientific research. He intended to realize his concept in the Gesellschaft für ethische Kultur.

Friedrich Jodl (1849–1914) lehrte an der Wiener Universität von 1896 bis 1914. Seine zweibändige Geschichte der Ethik erschien bereits 1882 beziehungsweise 1889, seine Allgemeine Ethik kam posthum im Jahre 1918 heraus. (1) Eine eigene Religionsphilosophie hat er nicht geschrieben, in seiner Wiener Zeit allerdings zahlreiche kleinere Schriften zu aktuellen religiösen Belangen. Diese Schriften wurden in Tagesblättern und literarischen Zeitschriften veröffentlicht und sind im zweiten Band der gesammelten Aufsätze und Vorträge Vom Lebenswege abgedruckt, welche Wilhelm Börner nach dem Tode Jodls herausgegeben hat. (2)
Jodl kam in seiner Kindheit in den Genuss einer fundierten katholisch-religiösen Erziehung, welche in seiner Jugendzeit starkem Zweifel wich und schließlich zu einer positivistischen Einstellung etwa ab dem 20. Lebensjahr führte. (3) Georg Gimpl verweist darauf, dass Jodl aufgrund seiner kritischen Grundhaltung zu religiösen Belangen 1882 und 1888 die ihm fast zugesicherte Professur in Würzburg und 1889 in München von Seiten des Ministeriums verwehrt wurde. (4) Ab 1885 lehrte Jodl in Prag – einem Hexenkessel, mit Blick sowohl auf nationale als auch religiöse Angelegenheiten. (5) Als Jodl zweiter Vorsitzender der 1892 in Berlin gegründeten Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur wurde, warfen ihm zahlreiche Universitätskollegen, welche mit dem Klerus sympathisieren, „Freigeistigkeit" vor. (6) Zu diesem Zeitpunkt hatte Jodl bereits die Schriften Ludwig Feuerbachs, seines großen Ideals, studiert, betätigte sich aber aufgrund der angespannten politischen Situation noch auf historischen und psychologischen Gebieten. Als der Lehrstuhl Brentanos an der Wiener Universität frei wurde, wurde Jodl als Nachfolger von der Fakultät vorgeschlagen. Allerdings wandte sich das Ministerium gegen diesen Vorschlag und der Ruf nach Wien erging an Ernst Mach, welcher sich für Jodl einsetzte, als die Professur Zimmermanns vakant wurde. So wurde Jodl 1896 nach Wien berufen – nicht aber nur aufgrund des seit dem liberaleren Unterrichtsminister Freiherr von Gautsch und seinem Sektionschef Wilhelm von Hartel bestehenden gemäßigteren Klimas in Besetzungsfragen, sondern auch aufgrund von Jodls Protest gegen die Deutsche Gesellschaft für Ethische Kultur und seinem Austritt aus dem Vorstand 1896, da sich nach Jodls Auffassung die Gesellschaft zu sehr der Strömung des Sozialismus zuwandte. (7) An Wilhelm von Hartel schrieb Jodl im April 1896:

Ich darf kein Hehl daraus machen, daß ich als Philosoph nicht auf dem Boden der kirchlichen Weltsicht stehe, nicht Dualist, sondern Monist bin, nicht den Theismus, sondern die Religion der Moral vertrete, daß ich grundsätzlich der Ansicht bin, für den Philosophen existiere keine wie immer geartete äußere Autorität, sondern nur die innere seines Gewissens, der wissenschaftlichen Tradition. (8)

1899 wurde Jodl in die Wiener Akademie der Wissenschaften gewählt, was als ein weiterer Ausdruck des gemäßigten politischen Klimas zu werten ist. Allerdings wehte ein völlig anderer Wind, als Lueger Bürgermeister von Wien wurde. Der klerikale Einfluss auf das Schulwesen und die Universitäten veranlasste Jodl zu einer Reihe von Stellungsnahmen gegen die Vorgehensweise und Ideale der christlich-sozialen Partei, welche besonders deutlich auf dem sechsten Katholikentag im November 1907 in Wien formuliert wurden.


Feuerbach


Jodl war – insbesondere in religiösen Angelegenheiten – ein glühender Anhänger Ludwig Feuerbachs, was nicht zuletzt in der Abfassung zahlreicher kleinerer Artikel über Feuerbach und der mit Wilhelm Bolin gemeinsam herausgegebenen Gesamtausgabe der Werke Feuerbachs (1903–1911) ihren Ausdruck findet. Bereits 1903 schrieb er an seinen Freund und Gesinnungsgenossen:

Wie eng die Verwandtschaft meiner eigenen Gedankenwelt mit der des Alten von Bruckberg ist, wie vieles ich mir im Laufe der Jahre, seit meiner ersten Bekanntschaft mit ihm in mir gewachsen, das sehe ich erst jetzt, wo ich mich an ein systematisches Gruppieren des ganzen außerordentlich reichen Gedankenstoffes begebe. […] Mir ist es, als schriebe ich mein eigenes testament philosophique: ein unendlich beruhigender Gedanke. Denn wenn ich auch niemals dazu kommen sollte, meine eigene Weltanschauung zu skizzieren; in ihren Grundzügen läge sie im Feuerbach vollständig vor. (9)

Feuerbach analysierte insbesondere in seinem Werk Das Wesen des Christentums (1841) die berühmte These, das Geheimnis der Theologie sei die Anthropologie, wenn man die Religion von ihrem unwahren, d. h. projizierten Anteil befreit. Das eigentlich wahrhaft religiöse Moment sei die allgemein-menschliche Liebe als Bindeglied zwischen den Menschen („Menschheitsreligion"), während der Glaube trennt. Jodl führt in seinen Schriften und Vorträgen diese Anschauung fort, indem er immer wieder die Trennung zwischen Kirche und Staat, zwischen Schule und Kirche, zwischen Universität und Kirche ins allgemeine Blickfeld rückt. Beispielhaft ersichtlich ist Jodls unermüdlicher Einsatz am sogenannten Fall Wahrmund.


Der Fall Wahrmund


Der Innsbrucker Kirchenrechtler Ludwig Wahrmund veröffentlichte 1907 die Schrift Katholische Weltanschauung und freie Wissenschaft, in welcher er den Gegensatz zwischen Wissenschaft und Kirche beleuchtete und sich massiv gegen den klerikalen Einfluss auf die Politik wandte. (10) Die Konfiskation der Schrift führte zu heftigen Auseinandersetzungen; der päpstliche Nuntius Granito Pignatello di Belmonte forderte darüber hinaus, dass Wahrmund nicht mehr an der Innsbrucker Universität lehren dürfe. Nach zahlreichen Protestaktionen – sowohl pro als auch kontra Wahrmund – mussten 1908 die Universitäten in Graz und in Innsbruck geschlossen werden. Man legte Wahrmund nahe, eine Professur in Prag anzunehmen. (11) Jodl reagiert auf diese Polemik gegen Wahrmund mit dem Artikel Der Klerikalismus und die Universitäten. (12) Auch Jodl wendet sich in diesem Artikel massiv gegen den klerikalen Einfluss auf Politik und Universität, welcher sich laut Jodl insbesondere darin äußert, dass entscheidende universitäre Posten von kirchentreuen (oder wenigstens sich indifferent verhaltenden) Gelehrten besetzt werden, um – so die Rechtfertigung von Seiten der Klerikalen – auf diese Weise der (vermeintlichen) Religionslosigkeit an den Universitäten Herr zu werden. Jodl betont, dass Vertreter der Naturwissenschaften in religiösen Fragen noch zurückhaltender als Philosophen und Theologen seien, obwohl gerade auf naturwissenschaftlichem Gebiet der Widerspruch zwischen den Ergebnissen der Forschung und den Dogmen bzw. Lehren der Kirche noch größer ist. (13) Auch die Geschichtswissenschaften sind dazu angehalten, ihre historische Methode auf kirchliche Bereiche anzuwenden, was unweigerlich zu einer historischen Berichtigung bestimmter, von kirchlicher Seite anders (dogmatisch) dargestellter Ereignisse und Begebenheiten führen muss. (14) Dies alles jedoch sagt, so Jodl, nichts über das persönliche Verhalten des einzelnen Forschers in Glaubensdingen aus:

An der Universität wird nicht gefragt: ,Was glaubst du?', sondern: ,Was weißt du?' Die Religion des einzelnen Lehrers ist eine Note persönlichen Lebens, von der man annimmt, daß sie sein wissenschaftliches Denken nicht unmittelbar beeinflusse. Die Universität ist keine Anstalt zur Pflege des religiösen Lebens, sondern eine Pflanzstätte wissenschaftlicher Forschung, ein Mittelpunkt theoretischer Unterweisung. […] Eine Wissenschaft, welcher von Religions wegen vorgeschrieben wird, welche Resultate sie finden, welche Grenzen sie nicht überschreiten darf – eine solche Wissenschaft gleicht dem armen Zeisig, der zwar nicht im Käfig sitzt, den aber ein Faden am Beine bei jedem Flugversuch daran erinnert, daß die ihm gegönnte Freiheit nur ein täuschender Schein ist. (15)

Die Universität müsse überkonfessionell sein – allerdings sei der klerikale Einfluss gegenwärtig ein äußerst großer, vor allem in Fragen der Besetzung der Lehrstühle. Schuld aber an der vermeintlichen Unvereinbarkeit von Kirche und Universität, von Glauben und Wissen sei die alte Praxis der „doppelten Buchhaltung in geistigen Dingen". (16) Diese veranlasst die Kirche zu einem untragbaren Universalismus in geistigen Dingen, sodass innerhalb von Konflikten, wie es sich im Falle Wahrmund zugetragen, die Schuld nicht dem Kritiker, sondern dem universalistischen Anspruch der Kirche zugewiesen werden muss. (17) Der Forscher unterliegt keiner höheren Autorität als seinem wissenschaftlichen Gewissen.


Ethik


Wie bereits erwähnt, veröffentlichte Jodl eine zweibändige Geschichte der Ethik und eine Allgemeine Ethik, in welchen er sich mit ethischen Fragestellungen auseinandersetzt. An dieser Stelle möchte ich allerdings auf einen Artikel hinweisen, den Jodl im Jahre 1891 im Januarheft des International Journal of Ethics mit dem Titel Über den Begriff des sittlichen Fortschritts veröffentlichte. (18) In diesem Artikel rechtfertigt Jodl die Notwendigkeit einer fundierten Ethik in einer Zeit, in welcher Ethik von vielen einerseits belächelt, als antiquiert und statisch angesehen wird und andererseits von anderen einer wie auch immer gearteten Autorität anvertraut wird. Jodl wendet sich massiv gegen beide Auffassungen: Ethik sei, zum Ersten, keinesfalls statisch, und eine autoritative Ethik, wie sie beispielsweise im katholischen Dogmengerüst anzutreffen sei, schließe jegliche Diskussionsgrundlage von vornherein aus. (19) Der Einzelne scheint zwar in ein fertiges Werte- und Normensystem hineingeboren worden zu sein, welches er selbst nicht beeinflusst hat, aber dies dürfe nicht zu der Annahme verleiten, dass dieses sich an der Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft (20) befindliche Normensystem unbeweglich sei, vielmehr sei es historisch bedingt. Das Sittliche ist somit ein Produkt einer Entwicklung – mit Blick auf die Erkenntnisse der Biologie verstanden als „Anpassung des organischen Individuums an die veränderlichen Bedingungen der Umgebung" (21). Die Gesellschaft als „höchster Organismus" (22) mit ihren mit Selbstbewusstsein versehenen Gliedern erhebt zum Zweck seiner Erhaltung bzw. Entwicklung das Areal des Sittlichen in seine Sphäre, damit das Wohl des Einzelnen als auch der Gemeinschaft gewährleistet wird. Mit dieser methodischen Nähe zur Biologie rechtfertigt Jodl gewissermaßen indirekt die Gefahr einer wertenden Betrachtungsweise, wenn man verschiedene Wertesysteme miteinander vergleicht. Im Rahmen dieser Vorgehensweise sei eine gewisse Wertung im Sinne von mehr oder weniger stark entwickelt unumgänglich – ähnlich verhalte es sich in ethischen Fragestellungen, wenn das Humanitätsideal von immer mehr Menschen und größeren Gruppen angestrebt wird. (23) Damit einher gehe eine inhaltliche Differenzierung ethischer Ideale:

[…] wir wissen heute wohl, daß die wahre Humanität nicht Almosen spendet, sondern Rechte, und da Kräfte zu entwickeln sucht, wo vordem unterdrückte Schwachheit herrschte. Und damit geht mit der Entwicklung der Humanität die steigende Schonung der Individualität Hand in Hand innerhalb der Grenzen, welche durch die Bedürfnisse der Gesamtheit unabänderlich vorgezeichnet sind. Immer rationaler, immer genauer den Zwecken angepaßt werden auch die Mittel, durch welche wir unsere Ideale zu verwirklichen streben; immer heller wird das Bewußtsein, womit alle Normen der Wertbestimmungen auf dasjenige bezogen werden, was sie für die Wohlfahrt und Entwicklungsfähigkeit des Geschlechtes bedeuten. (24)

Wenn es also darum geht, Moralsysteme aus früheren Zeiten bzw. anderen Gesellschaften in ihrer Entstehung und Leistungsfähigkeit zu verstehen, so dürfe man nicht gleichzeitig der Täuschung unterliegen, diese für die gegenwärtige oder zukünftige eigene Gesellschaft zu legitimieren, sondern vielmehr die historische Betrachtungsweise dazu nutzen, aus damals nicht ersichtlichen Irrtümern zu lernen. (25) Aus diesen Gründen und auf jeden Fall sei die historische der ethnographischen Methode vorzuziehen, da letztere in einem unüberblickbaren Relativismus steckenbleibe:

Die Erforschung und Darstellung der sittlichen Entwicklung eines bestimmten Volkes oder Kulturkreises, von dem genügend Dokumente vorhanden sind, um einen Einblick in diese, nicht gerade auf der Oberfläche der Erscheinungen liegenden Dinge zu gewinnen, würde daher für ein vertieftes Verständnis der Gesetze des sittlichen Lebens mehr Wert haben als die ausgebreitetste Sammlung eines ganz unhomogenen Materials, das aus allen möglichen Volks- und Kulturkreisen zusammengetragen ist und uns nirgends den Einblick in die inneren Bildungsverhältnisse des sittlichen Wollens und Wertens gestattet. (26)

Wenn man von einem ethischen Fortschritt im Sinne eines Fortschritts der sittlichen Ideale – ausgelöst durch höhere Aufgaben, welche zu bewältigen sind – ausgeht, drängt sich unweigerlich die Frage auf, ob der Einzelne dadurch gleichzeitig besser werde. Jodl verweist auf den allgemein verbreiteten Kulturpessimismus, welcher sich nicht zuletzt darin äußert, dass überall ein moralischer Verfall konstatiert wird und die so genannten guten alten Zeiten herbeigesehnt werden. (27) Diese Auffassung entspringe jedoch einem ganz natürlichen Prozess, der auf das subjektive Erleben eines jeden Einzelnen im Zuge seines Älterwerdens vollzogen wird. Anhand zahlreicher Beispiele wie beispielsweise dem beliebten Schlittschuhlaufen von Mädchen bzw. dem „weibliche(n) Radl- und Bergsport" (28) zeigt Jodl, dass derartige Aktivitäten eine halbe Generation früher große Entrüstung ausgelöst hätten – Aktivitäten, welche Menschen persönlich dazu veranlassen, einen allgemeinen moralischen Verfall in der Gesellschaft zu diagnostizieren. Hinter diesen „Gefühlen des Fremdartigen" steckt oft, so Jodl, eine gewisse „Altersgrämlichkeit, welche sich in jeder Generation wiederholt und durchaus subjektive Stimmungen mit objektiven Tatsachen der Sittengeschichte verwechselt". (29) In historischer Hinsicht hält Jodl fest, dass im Rahmen dieser herbeigesehnten Vergangenheit oftmals eine große Nähe zwischen den natürlichen Trieben und den sittlichen Idealen herrschte, dass ferner die zu lösenden Kulturaufgaben wesentlich einfacher waren und dass nicht zuletzt die Anforderungen an das Individuum hinsichtlich seiner Anpassungsfähigkeit geringer waren. (30)
Jodl plädiert dafür, den herrschenden, auf den Fortschritt der industriellen Technik bezogenen Optimismus auf Fragen der sozialen Technik auszuweiten und damit dem Misstrauen entgegenzuwirken, auch wenn es leichter sei, Naturkräfte zu beherrschen als eine soziale Technik auf Wissenschaft und Erkenntnis zu begründen. (31) Der wissenschaftliche Fortschritt darf sich nicht mit der industriellen Technik als seinem eigentlichen Wirkungskreis begnügen. Vielmehr müssen sich wissenschaftliche Erkenntnisse auch auf Fragen einer sozialen Technik auswirken:

Und zugleich liegen hier ernste Mahnungen für unsere Wissenschaft selbst. Ihren hohen Beruf kann sie nur ausüben, wenn sie ihr Augenmerk nicht nur auf die Natur, sondern auch auf Leben und Gesellschaft richtet und bemüht ist, die erkannten Gesetzmäßigkeiten im Dienste unserer Zweckgedanken auszunutzen. (32)

Dies soll unter anderem durch „eine von wahrhaft humanem Geiste beseelte, volksfreundliche Sozialgesetzgebung" (33) bewerkstelligt werden, welche die Menschen einander näher bringen und den ständigen Kampf zwischen individualistischen und sozialistischen Formen vermindern soll. Dann erst wird eine von Wissenschaft getragene Ethik weite Kreise erreichen:

Die Entwicklung der sittlichen Ideale ist nicht nur eine intensive, sondern zugleich eine extensive; sie erfahren nicht nur eine immer feinere Durchbildung und Läuterung, sondern beanspruchen zugleich für immer weitere Kreise der Menschheit als Norm zu gelten. […] Die fortgehende Idee der sittlichen Ideale strebt diese Schranken mehr und mehr zu durchbrechen, an Stelle der Klassenmoral die Staatsmoral, an Stelle der nationalen Moral eine internationale, an Stelle der konfessionellen Moral die humane zu setzen. […] Die Anpassung, die in dem einen Falle schon vollzogen schien, erscheint nun plötzlich in die Ferne gerückt; aber der scheinbare Verlust der Gegenwart ist die Hoffnung der Zukunft. (34)

Jodl wendet sich somit gleichzeitig gegen die sozialistische Idee, in welcher er einen „gefährlichen Dogmatismus" (35) erblickt. Der Sozialismus sei nicht das geeignete Mittel, um eine humanistische Solidarität unter allen Menschen durchzusetzen, da es völlig absurd wäre, wenn eine gesellschaftliche Organisation den Menschen mit Ethik versorgt, gleich wie er ihm Nahrung, Kleidung oder Wohnung zur Verfügung stellen würde. Hier liegt laut Jodl ein massiver Denkfehler verborgen:

„Ethische Kultur" bedeutet eine innere Friedensordnung in den Gemütern der Menschen; soziale Organisation kann nie mehr tun, als gewisse äußere Bedingungen herbeiführen, welche diese Friedensordnung zwar erleichtern, aber niemals selber schaffen können. […] Ist jemand wirklich so naiv, zu glauben, in einer kommunistischen oder sozialistischen Gesellschaft könnte man der ethischen Kultur den Laufpaß geben, weil gewisse Formen der Unsittlichkeit durch die veränderten Einrichtungen ausgeschlossen würden? Als ob der alte Adam im Menschen nicht für hundert Wege, die man ihm verschließt, hundert neue zu finden wüßte! (36)

Hier wird Jodls Stellung als „Rechtsfeuerbachianer" (37) besonders ersichtlich – im Gegensatz zu Georg von Gizycki, dem Gründer der Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur, welcher ebenfalls – allerdings der ‚Linken' zuzurechnender – Anhänger Feuerbachs war.


Die Gesellschaft für ethische Kultur


Jodl sieht seine Auffassung von Ethik in der 1876 in den Vereinigten Staaten von Amerika von Felix Adler gegründeten Gesellschaft für ethische Kultur verwirklicht. Im Rahmen dieser Vereinigung wird die Verbindung zwischen Wissenschaft und dem „einfachen Volk" besonders über Belange der Bildung und Erziehung manifest – ein Anliegen, das Jodl zeit seines Lebens am Herzen lag. (38) Grundlage dieser Gesellschaft ist eine religiöse Toleranz, welche im „eingewurzelten religiösen Individualismus Amerikas" (39) zu Hause ist und von welcher freisinnige Gelehrte im deutschsprachigen Europa bislang geträumt haben. 1892 löste der Entwurf im preußischen Abgeordnetenhaus für ein Schulgesetz, welchem zufolge der preußische Volksschulunterricht auf konfessioneller Basis organisiert werden sollte, großen Widerspruch aus und mündete in der Gründung (durch Georg von Gizycki) der Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur. (40) Ab 1893 erschien die Zeitschrift Ethische Kultur; in zahlreichen anderen Städten wurden ebenfalls derartige Vereine gegründet – so auch 1894 in Wien von Jodl.
Jodl begreift Ethik als einen „Teil der menschlichen Wissenschaft" (41) und zugleich als eine Art Technik, um Vorurteile, Halbwahrheiten und unreflektierte Leidenschaften im Zaum zu halten und positive Eigenschaften zu fördern und zu verwirklichen. Wahre Ethik müsse, so Jodl, von innen kommen – dies zu verwirklichen sei Ziel der Ethischen Gesellschaften:

Sie wollen einer ethischen Denk- und Fühlweise freie Bahn schaffen; sie wollen zunächst das eigene Leben und die Kreise, auf welche sie zu wirken vermögen, mit ethischem Geiste durchdringen; sie streben dahin, den Gedanken der Solidarität aller Volksgenossen wahrhaftig lebendig und den Gesichtspunkt der allgemeinen Wohlfahrt in der Behandlung öffentlicher Angelegenheiten zum herrschenden zu machen. Ethische Kultur bedeutet demnach die Arbeit an einer beständigen Läuterung und Klärung der allgemeinen Denkweise. Es kann keine Reform der Institutionen geben, ohne eine Reform der Gesinnungen. […] Sache der Ethik und ihrer Überzeugungen sind die großen Impulse, ist die Weitherzigkeit der Auffassung, ist die grundsätzliche Zurückdrängung des engherzigen Klassengeistes durch ein lebendiges Gefühl für das Ganze, durch den Gesichtspunkt der allgemeinen Wohlfahrt, durch den Begriff der sozialen Pflicht, durch ein lebendiges Nachfühlen dessen, was die verschiedenen Klassen einander schuldig sind. (42)


Fazit


So schließt sich der Kreis zu Fragen der Religion, wenn Jodl explizit den überkonfessionellen Charakter der Gesellschaft für ethische Kultur als das Neue und Wünschenswerte hervorhebt. Ganz im Sinne Feuerbachs kommt man ohne symbolisches, rituelles und theologisches, d. i. übermenschliches Beiwerk aus, wenn es darum geht, Religion von ihrem projizierten Gehalt zu befreien und sich ihres anthropologischen Charakters bewusst zu werden. So verbannt Jodl Religion auch in den Bereich, wo sie seiner Meinung nach hingehört: in den Bereich des Individuellen und Privaten, und macht sie somit zum Gegenstand der persönlichen Wahl.



(1) Friedrich JODL, Geschichte der Ethik in der neueren Philosophie, 2 Bde, Stuttgart 1882 und 1889. – Friedrich JODL, Allgemeine Ethik, hg. von Wilhelm BÖRNER, Stuttgart 1918.
(2) Friedrich JODL, Vom Lebenswege. Gesammelte Vorträge und Aufsätze in zwei Bänden, hg. von Wilhelm BÖRNER, 2 Bde, Stuttgart–Berlin 1916 und 1917. – Ich beziehe mich in weiterer Folge auf die Seitenanzahlen aus diesem Werk.
(3) Vgl. dazu Wilhelm BÖRNER, Friedrich Jodl. Gedenkblätter, Frankfurt/Main 1914, 7. – Margarete JODL, Friedrich Jodl. Sein Leben und Wirken, Stuttgart–Berlin 1920, insbesondere Teil II (Studentenzeit), 23-58.
(4) Vgl. Georg GIMPL, Vernetzungen. Friedrich Jodl und sein Kampf um die Aufklärung, Oulu 1990, 12 f.
(5) Diese Berufung als ordentlicher Professor für Philosophie an die deutsche Universität in Prag erfolgte auf die persönliche Empfehlung Ignaz Döllingers. – Vgl. GIMPL, Vernetzungen, 59.
(6) Vgl. Carl SIEGEL, Art. Friedrich Jodl, in: Neue österreichische Biographie 1815–1918, begr. und hg. von Anton BETTELHEIM, Bd. 2, Wien 1925, 86. – Jodl war zudem Mitherausgeber des International Journal of Ethics und Mitbegründer der österreichischen Ethischen Gesellschaft im Jahre 1894.
(7) Vgl. dazu GIMPL, Vernetzungen, 27.
(8) Brief an Wilhelm von Hartel (April 1896), zit. n. Margarete JODL, Friedrich Jodl, 169 f. – Hillebrand, ein Anhänger Brentanos und interimistischer Verwalter dessen Lehrstuhls in Wien, wurde nach der Berufung Jodls nach Innsbruck versetzt. – Vgl. GIMPL, Vernetzungen, 29 f.
(9) Brief vom 11.09.1903 an Bolin, in: Georg GIMPL (Hg.), Unter uns gesagt. Friedrich Jodls Briefe an Wilhelm Bolin, mit einer Einführung von Juha Manninen und Georg Gimpl: Ego und Alter-Ego. Wilhelm Bolin und sein Kampf um die Aufklärung, Wien 1990, 229.
(10) Vgl. Hermann J. W. KUPRIAN, „Machen Sie diesem Skandal ein Ende, Ihre Rektoren sind eine nette Gesellschaft." Modernismudiskussion, Kulturkampf und Freiheit der Wissenschaft: Die Wahrmund-Affäre 1907/08, in: Michael GEHLER, Hubert SICKINGER (Hg.), Politische Affären und Skandale in Österreich. Von Mayerling bis Waldheim, Thaur–Wien–München 1995.
(11) Vgl. Peter LEISCHING, Die römisch-katholische Kirche in Cisleithanien, in: Die Habsburgermonarchie 1848–1918, hg. von Adam WANDRUSZKA, Peter URBANITSCH, Bd. IV: Die Konfessionen, Wien 1985, 161 f. – William M. JOHNSTON, Österreichische Kultur- und Geistesgeschichte. Gesellschaft und Ideen im Donauraum 1848 bis 1938, Wien–Köln–Graz 1972 (Forschungen zur Geschichte des Donauraumes 1), 75. – Der Fall Wahrmund regte Schnitzler zu seinem Stück Professor Bernhardi (1912) an.
(12) Dieser Artikel ist abgedruckt in JODL, Vom Lebenswege, Bd. 2, 458-477.
(13) Vgl. ebda, 464 f.
(14) Gleichzeitig sei jedoch gerade die katholische Kirche eine große Nutznießerin am entstandenen historischen Interesse gewesen, bezog sich doch das allgemein wachsende historische Interesse insbesondere auf Kirchengeschichte und veranlasste viele, sich mit kirchlichen Angelegenheiten und Glaubensfragen zu beschäftigen. Vgl. ebda, 466 ff.
(15) Ebda, 469.
(16) Ebda, 472.
(17) „Man hat es Wahrmund außerordentlich verübelt, daß er an vielen Stellen seiner Broschüre den gesunden Menschenverstand und dogmatische Sätze so scharf kontrastiert habe, und hat dies eine geistlose Auffassung der religiösen Ideen genannt. Gewiß ist sie das; aber nicht durch Schuld des Kritikers, sondern durch Schuld der kirchlichen Autoritäten, welche in den feierlichsten Erklärungen ex cathedra jede symbolische Deutung der heiligen Geschichten und der auf sie aufgebauten Dogmen mit dem Anathema belegen und die Interpretation nach dem buchstäblichen Wortsinne und nicht nach einem diesem untergelegten höheren geistigen Sinne verlangen. Diese Praxis aber […] bedeutet vielmehr eine Gefahr für die Kirche als für die freie weltliche Wissenschaft." – Ebda, 474.
(18) Dieser Artikel ist ebenfalls abgedruckt in: JODL, Vom Lebenswege, Bd. 2, 3-28.
(19) Vgl. Friedrich JODL, Über den Begriff des sittlichen Fortschritts (1891), in: JODL, Vom Lebenswege, Bd. 2, 4 ff.
(20) Diese Schnittstelle lässt die Janusköpfigkeit des Sittlichen erkennen: „Es [das Sittliche] drückt einerseits die Summe der Eigenschaften und Willenbeschaffenheiten aus, welche der Einzelne besitzen soll, um der Gemeinschaft, welcher er angehört, wahrhaft nützlich zu sein; es drückt aber auch anderseits die Forderungen aus, welche das organisierte Gemeinwesen erfüllen muß, um die Individuen zur Entfaltung ihrer sittlichen Persönlichkeit gelangen zu lassen und dadurch erst für den wahren Sozialzweck brauchbar zu machen. Alle Sittlichkeit ruht auf diesem Wechselverhältnis." (Friedrich JODL, Über das Wesen des Naturrechts und seine Bedeutung in der Gegenwart [1893], in: JODL, Vom Lebenswege, Bd. 2, 79). – Vgl. auch den in der Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur gehaltenen Vortrag Personenleben und Gemeinschaftsleben (1893) in: JODL, Vom Lebenswege, Bd. 2, 38 f.
(21) JODL, Über den Begriff des sittlichen Fortschritts, 8. – Analog dazu führe eine falsche Anpassung – ein Irrtum – wie im Falle des Tierreichs zum Untergang.
(22) Ebda, 11.
(23) Vgl. ebda, 13.
(24) Ebda, 13 f.
(25) Vgl. dazu auch den Unterschied zwischen historischem Begreifen und philosophischem Billigen, welchen Jodl in seinem 1893 erschienen Artikel Wissenschaft und moderne Theologie, abgedruckt in: JODL, Vom Lebenswege, Bd. 2, insbesondere 331 f, dargestellt hat, ferner in dem Aufsatz Volkswirtschaftslehre und Ethik (1885), ebenfalls in: JODL, Vom Lebenswege, Bd. 2, 86-117, wo es lautet: „Der Kern alles Unheils liegt also darin, daß die Volkswirtschaftslehre vielfach den fundamentalen Unterschied zwischen B e u r t e i l e n und B e g r e i f e n vergessen und gemeint hat, mit dem Verstehen der naturgesetzlichen Notwendigkeit einer sozialen Erscheinung sei auch deren Rechtfertigung gegeben." (Ebda, 100).
(26) Friedrich JODL, Ursprung und Entwicklung der Moralbegriffe (1908), in: JODL, Vom Lebenswege, Bd. 2, 35 f.
(27) Vgl. JODL, Über den Begriff des sittlichen Fortschritts, 16 ff.
(28) Ebda, 19.
(29) Ebda.
(30) Vgl. ebda, 20.
(31) Vgl. ebda.
(32) Ebda, 27.
(33) Friedrich JODL, Über das Wesen des Naturrechtes und seine Bedeutung in der Gegenwart (1893), in: JODL, Vom Lebenswege, Bd. 2, 66.
(34) JODL, Über den Begriff des sittlichen Fortschritts, 24 f.
(35) JODL, Über das Wesen des Naturrechtes und seine Bedeutung in der Gegenwart, 64.
(36) Ebda, 61 f.
(37) GIMPL, Vernetzungen, 7.
(38) Jodl war ab 1896 zwölf Jahre lang Vorsitzender des 1886 gegründeten Wiener Volksbildungsvereines und des Zentralverbandes der deutsch-österreichischen Volksbildungsvereine. In seinem Vortrag Was heißt ethische Kultur (1894, ebenfalls abgedruckt in: JODL, Vom Lebenswege, Bd. 2, 172-195) nimmt er u. a. dezidiert auf die amerikanische Gesellschaft für ethische Kultur Bezug. Er verweist darauf, dass hinter Adlers Auffassung die Philosophie Kants steckt und bemerkt so nebenbei: „Also auch hier wieder der Fall, daß das Gold, welches im tiefgehenden Strome deutscher Gedankenarbeit gefunden worden ist, im Auslande geprägt wird und umlaufsfähig zu uns zurückkommt." – Ebda, 176. Umgekehrt vermerkt Gimpl mit Blick auf die Gesellschaft für ethische Kultur: „Die Ethische Bewegung ist ein geradezu klassisches Importgut der amerikanischen und englischen Aufklärung und ihre Rückzahlung an Europa und den Kontinent zugleich. Bezieht man den Widerstand, auf den sie in Europa und Deutschland vor allem trifft, in das Interaktionsfeld der Ideengeschichte ein – so könnte man auch gut von ihrer Invasion sprechen." – GIMPL, Vernetzungen, 61.
(39) JODL, Was heißt ethische Kultur?, 176.
(40) Angeregt von den Diskussionen um dieses neue Gesetz schrieb Jodl 1892 den Artikel Moral, Religion und Schule, abgedruckt in: Friedrich JODL, Vom Lebenswege, Bd. 2, 270-293.
(41) JODL, Was heißt ethische Kultur?, 173.
(42) Ebda, 187 f.

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