„In eminentem Sinne Kulturaufgaben"

Der Briefwechsel zwischen Friedrich Jodl und Alexius Meinong


Von Peter Stachel (Wien)


The Wiener Stadt- und Landesbibliothek (Vienna City and State Library) holds the posthumous works of the Austrian philosopher Friedrich Jodl (1849–1914) who was one of the intellectual leaders of Vienna's liberal public around 1900. Among the works is a voluminous, unpublished typescript of Jodl's correspondence with contemporaries such as Sigmund Freud and Georg Simmel, edited by Jodl's widow. Part of this typescript is Jodl's correspondence with his colleague Alexius Meinong (1853–1920), professor for philosophy at the University of Graz, from the years 1885–1896: This small collection is especially interesting, since it a) gives insight into personal networks within the academic field of that time, b) contains political statements and c) contains principal statements of both authors about philosophical ethics.

Ich weiß wohl, daß es gegen den Strom schwimmen heisst, will man der Philosophie noch einen notwendigen Anteil an der heutigen Bildung retten; aber ich sehe auf der anderen Seite so viele traurige Folgen dieser Abwendung von der Philosophie an der zunehmenden Verengung und Verkümmerung des Geistes, daß ich meine Pflicht zu verfehlen glaubte, wenn ich schwiege ... (1)

Der Philosoph Friedrich Jodl (2) (1849–1914) gehört in der Wahrnehmung der Kultur „Wiens um 1900" nur zu den Randfiguren, sein Name taucht zumeist en passant in zwei Zusammenhängen auf: Zum einen war Jodl der Doktorvater Otto Weiningers, dessen Dissertation – die Urfassung von Geschlecht und Charakter – er trotz massiver Vorbehalte approbierte, zum anderen war er einer der Wortführer jener Wiener Universitätsprofessoren, die gegen Gustav Klimts für die Aula der Wiener Universität bestimmtes Deckengemälde Die Philosophie (1900) protestierten. Würde man die Person Jodls ausschließlich aufgrund dieser beiden Tatbestände beurteilen, so läge eine Missdeutung nahe: Bereits Carl Schorske hat auf den Umstand verwiesen, dass sich Jodl mit seiner Kritik am Klimt-Gemälde unversehens in die Nachbarschaft seiner politischen Gegner, konservativer und klerikaler Kreise, versetzt sah. (3) In Wahrheit war Jodl das Paradebeispiel eines intellektuellen Wortführers des liberalen Bürgertums, der seine akademische Position dazu nutzte, sich immer wieder zu politischen und sozialen Fragen öffentlich zu äußern: Als Vertreter eines robusten fortschrittsgläubigen Rationalismus und Utilitarismus engagierte er sich unter anderem für Frauenrechte und Volksbildung, sowie für die Ersetzung des konfessionsgebundenen Religionsunterrichtes durch einen rationalen und areligiösen Ethikunterricht und die nach US-amerikanischem Vorbild gegründeten Wiener Gesellschaft für Ethik (1894).

In rekontextualisierender Perspektive erscheint er somit als eine in der intellektuellen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit des Wiener Fin de Siècle überaus präsente Persönlichkeit. Seine akademische Laufbahn führte den in München geborenen Jodl im Jahr 1885 auf ein philosophisches Ordinariat der deutschsprachigen Prager Universität, von 1896 bis zu seinem Tod 1914 lehrte er an der Universität Wien. Seine Berufung nach Wien erfolgte gegen heftige Widerstände klerikal-konservativer Kreise, die sich der Berufung eines bekennenden Freidenkers widersetzten. (4) Vor allem von Hume, Mill und Feuerbach beeinflusst, vertrat er in seinem Werk die Position eines erkenntnistheoretischen Realismus, einer utilitaristischen, rational begründbaren Ethik sowie in der Psychologie einen naturalistischen Monismus. Mit seinen umfangreichen Arbeiten verband Jodl den ehrgeizigen Anspruch, eine alle Teilgebiete des Faches umfassende philosophische Systematik anzubieten, die zugleich ein humanistisch-rationales „Weltbild" begründen sollte. (5) Der Großteil dieser systematischen Arbeiten ist heute freilich nur mehr in ihrem historischen Kontext zu verstehen, während Jodls philosophie- und ideengeschichtliche Analysen immer noch mit Gewinn zu lesen sind. (6)
Zur im damaligen Österreich vorherrschenden philosophischen Orientierung, einem von bolzanoschem Gedankengut mitgeprägtem Herbartianismus, der aufgrund politischer Förderung vor allem die philosophischen Schullehrbücher, aber auch – wenn auch gegen Ende des 19. Jahrhunderts in bereits geringerem Ausmaß – die akademische Lehre prägte, (7) stand Jodl in schroffer Opposition. Die Schullehrbücher galten ihm, so eine briefliche Äußerung gegenüber Meinong, als nicht die besten, (8) die historische Wurzel der österreichischen Philosophietradition, die Leibnizsche Philosophie, erschien ihm als „eine der eigentümlichsten Weltkonstruktionen der neueren Philosophie, welche [...] in der Philosophie der Gegenwart seltsam nachwirkt". (9) Über den „österreichischen" Stammvater dieser Tradition, den Prager Philosophen Bernard Bolzano (1781–1848), äußerte er sich mit mild-herablassendem Spott: Er sei ein „sehr gütiger, aber unendlich geschwätziger Schulmeister, der seitab von der Welt mit ungeheurem Aufwand von Geduld und Papier die Pfade der Selbstverständlichkeit wandelt". (10) Auch der Brentano-Schule stand er, wie nicht zuletzt briefliche Äußerungen gegenüber dem Brentano-Schüler Meinong belegen, (11) ablehnend gegenüber; eine Ablehnung, die offensichtlich auch in Erlebnissen Jodls mit Studenten und Kollegen während seiner Prager Jahre wurzelte und einen eigentümlich persönlichen Charakter annahm. (12) Diese totale Ablehnung der regional dominierenden philosophischen Strömungen war wohl auch die Ursache dafür, dass Jodls immerhin beinahe drei Jahrzehnte umfassende Lehrtätigkeit innerhalb der Habsburgermonarchie in seinem Fach weitgehend ohne weiterwirkende Resonanz blieb; eine Tradition oder Schule vermochte der Süddeutsche Jodl in Österreich nicht zu begründen, er blieb ein Fremdkörper in einer ansonsten gänzlich anders gearteten philosophischen Tradition.

Nach Jodls Tod bemühten sich seine Witwe Margarete, geb. Förster (1859–1937), und sein Freund und Schüler Wilhelm Börner (1882–1951), erfolgreich um die Veröffentlichung mehrerer Manuskripte aus dem Nachlass (13) sowie um die Neuauflagen von Jodls älteren Werken. Der heute in der Wiener Stadt- und Landesbibliothek verwahrte, vorgeordnete, d. h. nicht im Einzelnen inventarisierte Nachlass belegt überdies Margarete Jodls Bemühungen, auch eine möglichst umfassende Sammlung der Korrespondenz ihres Mannes – teils im Original, teils in Abschriften – zu erstellen. Zu diesem Zweck schrieb sie an dessen ehemalige Korrespondenzpartner bzw. deren Nachlassverwalter und bat um Rücksendung der Briefe ihres Mannes; auch die entsprechenden Antwortschreiben wurden in den Nachlass aufgenommen (auf diese Weise gelangte übrigens eine handgeschriebene Korrespondenzkarte von Virginia Woolf in den Nachlass; ihr Vater, der Philosoph Leslie Stephen [1832–1904], hatte zu Jodls Briefpartnern gehört). Die Sammlung der Briefe von und an Jodl wurde in der Folge von seiner Witwe für zwei Publikationen ausgewertet: Einerseits für die Veröffentlichung des Briefwechsels mit dem Schriftsteller und Politiker Bartholomäus von Carneri (1821–1909), (14) andererseits wurden Textstellen aus Jodls Briefen mit Tagebuchaufzeichnungen zu einer Art „postumen Autobiographie" verbunden. (15) Eine dritte, von Margarete Jodl vorbereitete, Publikation gelangte jedoch nicht in Druck: Aus insgesamt 171 Briefen von und an Jodl wurde ein kommentiertes Typoskript mit einem Umfang von 482 Seiten erstellt, das gleichfalls im Nachlass enthalten ist. (16) Dieses Typoskript enthält einige handschriftliche Zusätze (insbesondere erläuternde Fußnoten) sowie einige nachträgliche manipulative Eingriffe in den Text: So wurde beispielsweise im letzten in das Typoskript aufgenommen Brief Jodls an Meinong vom 7. 11. 1896 die Äußerung, dass ihm, Jodl, die Wiener „sogar als Antisemiten noch lieber sind als die Tschechen" (17), mit Bleistift durchgestrichen.

Den umfangreichsten Teil des Typoskripts stellen 41 Briefe aus Jodls Korrespondenz mit dem von ihm als „Alter-Ego" titulierten schwedischen Philosophen Wilhelm Bolin (18) dar, die mittlerweile größtenteils im Druck vorliegen. (19) Zu den umfangreicheren Sammlungen gehören weiters 34 Briefe Jodls an seinen Jugendfreund, den Erforscher der altnordischen Rechtsgeschichte, Karl von Amira (1848–1930), und 23 Briefe an den buddhistischen Freidenker und Mitinitiator der Ethischen Bewegung, Arthur Pfungst (1864–1912). Vom Umfang her deutlich geringer, jedoch historisch interessanter sind jene Briefe, die Kontakte Jodls zu zwei der heute als überragend bedeutsam eingeschätzten Denker der Zeit um 1900 belegen: Georg Simmel und Sigmund Freud. Simmel stand Jodl mit größter Distanz gegenüber, in einem Schreiben an Meinong beurteilt er dessen Arbeiten als zwar „scharfsinnig, aber wesentlich zersetzend" (20). Der kurze Briefwechsel mit Freud aus dem Jahr 1908 belegt vor allem dessen Bemühen, den im Entstehen begriffenen psychoanalytischen Institutionen durch Kontakte mit anerkannten akademischen Lehrern wissenschaftliche Dignität zu sichern: Er müsse gestehen, so Freud, dass bislang unter seinen Mitstreitern „kein einziger Philosoph [sei]; leider nur Ärzte". (21) Angesichts der Neuauflage der Traumdeutung im Jahr 1908 versuchte Freud Jodl – „den gerechtesten und parteilosesten Lehrer der Philosophie" (22) – dazu zu bewegen, in einer allfälligen Neufassung seines Psychologielehrbuches die Ideen der Traumdeutung zu berücksichtigen. Jodl lehnte dieses Ansinnen zwar höflich, aber unmissverständlich ab: „Ich lese ihre Traumdeutung mit einem Vergnügen, das sich aus der Freude am Märchen und einer zur größten Virtuosität ausgebildeten Methode zusammensetzt. Aber – wie die Psychologie eines Marsbewohners." (23)

Im Hinblick auf die Geschichte der Philosophie in Österreich ist vor allem Jodls Briefwechsel mit dem Grazer Ordinarius für Philosophie Alexius Meinong (1853–1920) von Interesse: Er datiert im Wesentlichen aus Jodls Prager Zeit (1885–1896) und umfasst insgesamt elf Briefe (24) (sieben von Jodl, vier von Meinong). Interessant ist diese nicht sonderlich umfangreiche Textsammlung vor allem deshalb, weil sie erstens Einblick in die persönlichen Netzwerke innerhalb des Faches gewährt und zweitens auch die politische Orientierung der beiden Protagonisten durchscheinen lässt. Drittens aber sahen sich beide durch den gegenseitigen Gedankenaustausch dazu veranlasst, zumindest ansatzweise so etwas wie ein grundsätzliches Bekenntnis im Hinblick auf die philosophische Ethik abzulegen.
Es war Meinong, der auf die Nachricht von Jodls Berufung nach Prag im Mai 1885 den Kontakt mit seinem Kollegen suchte und ihn zugleich auf die vermeintlich national-politische Bedeutung seiner neuen Position einstimmte:

Die Stellung des Deutschen in Österreich ist heute nicht immer eine leichte; der Schauplatz Ihrer künftigen Tätigkeit zumal ist im Laufe der letzten Jahre etwas wie ein vorgeschobener (oder zurückgebliebener) Posten des Deutschtums geworden. (25)

Diese kulturelle und politische Orientierung am Deutschnationalismus entsprach ganz jener Art von fortschrittsoptimistischem Liberalismus, der sich auch Jodl verpflichtet fühlte; dementsprechend fiel auch seine Antwort an Meinong aus:

Sie dürfen überzeugt sein: ich komme mit den besten Vorsätzen, ein guter Österreicher zu werden und hoffe sehr, dass es mir gelingen möge, auf dem schwierigen Boden in Prag festen Fuß zu fassen. Dass ich nicht ganz leichten Herzens an meine Aufgabe gehe, darf ich, nach dem, was sie selbst in Ihrem Briefe bemerkten, ohne Rückhalt gestehen; Andererseits bin ich auch überzeugt, dass die oft mehr Parteienleidenschaft als gesunden Menschenverstand verratenden Darstellungen nach welchen man im Reiche sich über österreichische Verhältnisse zu informieren genötigt ist, vieles in einem grelleren Lichte erscheinen [...] lassen. (26)

Dass Jodls Deutschnationalismus im nationalistisch aufgeheizten Klima Prags in der Folge eine deutliche Verschärfung erfuhr, belegen nicht nur zahlreiche Aussagen an anderer Stelle, sondern auch die erwähnte durchgestrichene Briefstelle von 1896.
Bereits im Juni 1885 wandte Meinong sich mit einem zweiten Schreiben an Jodl, in dem er ihn darum bat, seine Streitschrift für den bedrohten Erhalt des Philosophieunterrichts an den österreichischen Gymnasien (27) zu rezensieren, eine Thematik, bei der er mit Jodls uneingeschränkter Unterstützung rechnen konnte. Diesem erschienen Meinongs Forderungen sogar noch zu vorsichtig formuliert:

Sie gehen in Ihren praktischen Vorschlägen nicht weit genug, und versperren sich dadurch den Weg zu einer radikalen Lösung der Frage [...] Allem was Sie über die Notwendigkeit philosophischer Vorbildung für die verschiedensten Berufe sagen, gebe ich nicht bloss meine vollste Zustimmung: ich möchte Ihre Sätze sogar noch verschärfen. (28)

In seiner Antwort erläutert Meinong die vermeintliche Zurückhaltung seiner Ausführungen als im Wesentlichen taktisch motiviert und erklärt sich zugleich mit Jodls Zuspitzung einverstanden:

Die eigentliche Stärke meiner Position liegt darin, dass meine Forderungen konservativ sind, ich glaube darum nicht, dass es wohlgetan wäre, sich dieses Vorteils zu begeben [...] ich höre in Gedanken schon den Chorus derjenigen, welche meine bescheidenen Ansprüche überspannt und utopisch finden werden, – solchen gegenüber ist der Hinweis darauf, dass andere noch erheblich weiter gehen, kein geringer Gewinn. (29)

Philosophisch am interessantesten sind jene beiden Briefe der Sammlung, die Mitte 1886 verfasst wurden und in der beide Korrespondenzpartner eine Art von philosophisch-weltanschaulichem Bekenntnis ablegen. Auf Meinongs Auskunft, dass er gerade an einer Studie zur Ethik arbeite, antwortet Jodl, dass er dieser mit größtem Interesse entgegensehe:

Hier liegen für mich die höchsten Aufgaben der heutigen Philosophie, die in eminentem Sinne Kulturaufgaben sind; denn unsere Kultur, das ist meine feste Überzeugung, ist am Anfang des Endes angelangt, wenn es nicht gelingt, im Gegensatz zum praktischen Materialismus einerseits und dem Kirchentum andererseits einen rationalistisch klar durchgebildeten ethischen Idealismus zum Gemeingut weiterer Kreise zu machen, der mit unserer theoretischen Weltsicht nicht im Widerspruch steht und doch über das bloss gegebene Tatsächliche [...] hinausstrebt. Schon einmal, im römischen Weltreiche, hat die Philosophie vor einer ähnlichen Aufgabe gestanden, welche sie indessen damals nur sehr teilweise zu lösen vermochte. Und doch hat sie wenigstens eines getan: den geistigen Rahmen für die neue Religion geschaffen. Unsere Philosophie ist in weit besserer Lage als die griechisch-römische zu Beginn der christlichen Aera: sie wird hoffentlich auch mehr zu leisten imstande sein. Ob auch ihre Arbeit, um auf die Massen zu wirken, irgend eine religiöse Form wird annehmen müssen, weiss ich nicht: es ist für uns gleichgültig; wir haben nur dafür zu sorgen, dass unsere Wissenschaft bereit sei. (30)

Durch dieses Bekenntnis Jodls angeregt, antwortete auch Meinong mit einem grundsätzlichem Statement:

Sie [haben] natürlich recht, wenn Sie erwarten, vor Transcendentalismus beliebiger Gestalt bei mir sicher zu sein. Mein ethisches Untersuchungsgebiet ist ganz und gar von dieser Welt: an höhere Instanzen als Menschenglück und Menschenleid weiss ich nicht zu appellieren: auch kenne ich kein anderes Mittel als scharfe Prüfung dessen, was ist, um nicht etwa dabei befriedigt stehen zu bleiben, sondern ebenso scharf feststellen zu können, was sein kann und soll. (31)

Allerdings, so Meinong, habe er feststellen müssen, dass die Umsetzung eines solchen Arbeitsprogramms mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden sei:

Als ich vor Jahren die ersten Schritte ins ethische Gebiet hineintat, da war mir gar nicht Columbus-artig zu Mute; nichts zu suchen war mein Sinn als einen gangbaren Pfad, den ich längst ausgetreten dachte. Dass ich indessen [...] in Gestrüpp und Dickicht geriet, weil die vorhandenen Wege und Fahrstrassen ganz anderswo hinweisen, – darauf war ich nicht gefasst gewesen, und was ich seither auf meinem Wege gefunden, davon habe ich mir oft ein paar Schritte vorher noch nichts träumen lassen [...]: aber das Ziel habe ich auch heute noch fest im Auge. (32)

Das Schreiben schließt mit einer Schilderung von Meinongs Arbeitssituation an der Grazer Universität:

Freilich war ich bei meinem Eintritt in die hiesige Wirkungssphäre gezwungen, sozusagen mit meiner Person in eine Bresche zu treten, welche langjährige Traditionen hier zerrissen und eigentlich ausgebröckelt hatten: aber auch heute noch [...] begegnen mir ab und zu noch ganz seltsame Ansichten über das Ausmass von Zeit und Kraft, welche man für philosophische Dinge „übrig" behalten zu sollen meint. Übrigens ich will nicht klagen: die Arbeit der Grazer Jahre war kaum, was man so dankbare Arbeit nennt; aber es war auch keine verlorene. (33)

Mit diesem bekenntnishaften Text endet die intensive Phase des brieflichen Meinungsaustauschs zwischen Jodl und Meinong; die übrigen vier in das Typoskript aufgenommenen Briefe sind ausschließlich von Jodl verfasst, die Antworten Meinongs, auf die in den Schreiben teilweise Bezug genommen wird, sind nicht im Archivbestand erhalten. In seinem Schreiben vom 28. 12. 1894 versichert Jodl Meinong, mit ihm in Fragen einer praktischen Ethik „ganz einig" (34) zu sein; im letzten Schreiben, dem ersten und einzigen, das er bereits an seinem neuen Dienstort Wien verfasste, lädt er seinen Grazer Kollegen schließlich erneut zu näherem persönlichen Kontakt ein. (35)



(1) Friedrich JODL an Alexius Meinong, 18. 4. 1887 (Wiener Stadt- und Landesbibliothek. Wilhelm Börner Stiftung. Vorgeordneter Nachlaß. M.A.9 – 137/52. Nachlass und Korrespondenz Friedrich Jodls. Karton 15/2, Typoskript [im folgenden JN 15/2 T]).
(2) Vgl. Wilhelm BÖRNER, Friedrich Jodl. Eine Studie, Stuttgart 1911. – Als neuere Sekundärliteratur zu Jodl vgl. Herbert FRANK, Friedrich Jodl (1849–1914). Seine Lehre und seine Rolle in der bürgerlichen Reformbewegung in Österreich und Deutschland, Phil. Diss. Freiburg i. Br. 1970. – Georg GIMPL, Vernetzungen. Friedrich Jodl und sein Kampf um die Aufklärung, Oulu 1990. – DERS. (Hg.), Ego und Alterego. Wilhelm Bolin und Friedrich Jodl im Kampf um die Aufklärung. Festschrift für Juha Manninen, Frankfurt/Main [u. a.] 1996.
(3) Vgl. Carl E. SCHORSKE, Gustav Klimt: Die Malerei und die Krise des liberalen Ich, in: DERS., Wien. Geist und Gesellschaft im Fin de Siècle, München 1994, 175-264, hier 221.
(4) Zu den Umständen von Jodls Berufung nach Wien vgl. Wolfdietrich SCHMIED-KOWARZIK, Vergessene Impulse der Wiener Philosophie um die Jahrhundertwende. Eine philosophiehistorische Skizze wider den main stream verdrängenden Erinnerns, in: Jürgen NAUTZ, Richard VAHRENKAMP (Hg.), Die Wiener Jahrhundertwende. Einflüsse, Umwelt, Wirkungen, Wien 1993, 187-192.
(5) Vgl. u. a.: Friedrich JODL, Die Culturgeschichtschreibung, ihre Entwickelung und ihr Problem, Halle 1878. – DERS., Lehrbuch der Psychologie, Stuttgart 1896 [mehrere Neuauflagen]. – DERS., Ästhetik der bildenden Künste, Stuttgart 1917. – DERS., Allgemeine Ethik, Stuttgart 1918.
(6) Vgl. u. a. Friedrich JODL, Leben und Philosophie David Humes, Halle 1872. – DERS., Geschichte der Ethik in der neueren Philosophie, 2 Bde, Stuttgart 1882–89 [mehrere Neuauflagen bis in jüngste Vergangenheit unter dem Titel Geschichte der Ethik als philosophischer Wissenschaft]. – DERS., Ludwig Feuerbach, Stuttgart 1904. – DERS., Geschichte der neueren Philosophie, Wien 1924.
(7) Vgl. Peter STACHEL, Leibniz, Bolzano und die Folgen. Zum Denkstil der österreichischen Philosophie, Geistes- und Sozialwissenschaften, in: Karl ACHAM (Hg.), Geschichte der österreichischen Humanwissenschaften. Bd. 1: Historischer Kontext, wissenschaftssoziologische Befunde und methodologische Voraussetzungen, Wien 1999, 253-296.
(8) Friedrich JODL an Alexius Meinong, 17. 6. 1885 (JN 15/2 T). – Die verbreitetsten Philosophielehrbücher der Monarchie waren zu jener Zeit die vom Bolzano-Schüler Robert Zimmermann und vom Herbartianer Gustav Adolf Lindner verfassten Philosophischen Propädeutiken.
(9) Friedrich JODL, Aus der Werkstatt des Philosophen, Wien 1911, 25.
(10) Friedrich JODL an Wilhelm Bolin, 27.–28. 12. 1890, in: Georg GIMPL (Hg.), Unter uns gesagt. Friedrich Jodls Briefe an Wilhelm Bolin, mit einer Einführung von Georg Gimpl und Juha Manninen, Wien 1990, 104.
(11) Vgl. die kritischen Anmerkungen in: JODL an Meinong, 22. 7. 1896 (JN 15/2 T).
(12) Vgl. Margarete JODL (Hg.), Friedrich Jodl. Sein Leben dargestellt nach Tagebüchern und Briefen, Stuttgart 1920, 175.
(13) Vgl. Friedrich JODL, Zur neueren Philosophie und Seelenkunde. Aufsätze, hg. von Wilhelm BÖRNER, Stuttgart 1917. – DERS., Vom Lebenswege. Gesammelte Vorträge und Aufsätze, 2 Bde., Stuttgart 1916–17. – DERS., Einführung in die neuere Psychologie. Mit besonderer Berücksichtigung des Kindesalters. Aus dem Nachlaß hg. von Wilhelm BÖRNER, Wien 1917. – Vgl. auch Fußnote 5.
(14) Bartholomäus CARNERI, Briefwechsel mit Ernst Haeckel und Friedrich Jodl, hg. von Margarete JODL, Leipzig 1922.
(15) Vgl. Fußnote 12.
(16) Friedrich JODL, Vier Jahrzehnte seines Briefwechsels mit Gelehrten und gelehrten Freunden 1876–1914, hg. von Margarete Jodl, Typoskript, JN 15/2 (= JN 15/2 T).
(17) JODL an Meinong, 7. 11. 1896 (JN 15/2 T).
(18) Zu Bolin vgl. Juha MANNINEN, Georg GIMPL, Prometheus im Abseits? Andreas Wilhelm Bolin und sein Kampf für die Aufklärung, in: Kuka oli Wilhelm Bolin?, Helsingfors 1991, 58-92. – DIES., Unter uns gesagt. Ego und Alterego. Wilhelm Bolin und sein Kampf um die Aufklärung, in: Georg GIMPL (Hg.), Unter uns gesagt, 11-76.
(19) Vgl. Georg GIMPL (Hg.), Unter uns gesagt. – Der Band umfasst 169 Briefe Jodls an Bolin aus dem Zeitraum, 1889–1913, die Briefe Bolins an Jodl wurden nicht aufgenommen. – Siehe auch: Georg GIMPL, Waffenbrüder der Aufklärung. Friedrich Jodls Briefe an Wilhelm Bolin, in: Edgar HÖSCH (Hg.), Finnland-Studien, Wiesbaden 1990 (Veröffentlichungen des Osteuropa-Institutes München. Reihe Geschichte 59), 118-150.
(20) JODL an Meinong, 28. 12. 1894 (JN 15/2 T).
(21) Sigmund FREUD an Jodl, 1. 12. 1908 (JN 15/2 T).
(22) Ebda.
(23) JODL an Freud, 30. 11. 1908 (JN 15/2 T).
(24) 22 Typoskriptseiten. Die Originale der von Meinong verfassten Briefe befinden sich im Meinong-Nachlass in der Handschriftensammlung der Universitätsbibliothek Graz.
(25) MEINONG an Jodl, 3. 5. 1885, (JN 15/2 T).
(26) JODL an Meinong, 8. 5. 1885 (JN 15/2 T).
(27) Alexius MEINONG, Über philosophische Wissenschaft und ihre Propädeutik, Wien 1885.
(28) JODL an Meinong, 17. 6. 1885 (JN 15/2 T).
(29) MEINONG an Jodl, 26. 6. 1885 (JN 15/2 T).
(30) Ebda.
(31) MEINONG an Jodl, 18. 7. 1886 (JN 15/2 T).
(32) Ebda.
(33) Ebda.
(34) JODL an Meinong, 28. 12. 1894 (JN 15/2 T).
(35) Vgl. JODL an Meinong, 7. 11. 1896 (JN 15/2 T).

zurück zur Startseite