Visualisierung als Aspekt der Modernisierung

Ein Blick auf "modernes" Sehen im Spiegel der Geschlechterverhältnisse um 1900.


Von Bettina Fraisl


Ansätze zu einer Geschichte des Sehens (1) verdeutlichen zunächst den hervorragenden Stellenwert, den der Sehsinn im menschlichen Sinnesgefüge über die Jahrhunderte hinweg eingenommen hat, und zeichnen seine nicht nur etymologische Verbindung mit Wörtern der "Erkenntnis" und des "Wissens" nach, die schon bei Platon und Aristoteles (2) nachweisbar ist.
Die rationalistische Kritik des Sehens als eines Täuschungen unterworfenen Sinns erfährt unter postmodernen und poststrukturalistischen Vorzeichen eine neue Wendung, indem auf die wissenschaftstechnisch-ideologische Prägung von Wahrnehmungsstrukturen fokussiert wird. Jede Epoche hat ihr spezifisches, meist heterogenes Verhältnis zum Sehsinn entwickelt, ihre ",Politik des Sehens'" (3) in Abhängigkeit von Entwicklungen in Kunst, Wissenschaft und Technik. In Abrede gestellt wird die Vorstellung eines "reinen Sehens", das einer kulturellen Überformung zugrunde liege.
Im Zentrum der postmodernen Sehkritik steht der kontrollierende Blick (4) des neuzeitlichen Vernunftsubjekts, dessen Herausbildung an der Wende zum 19. Jahrhundert Foucault am Beispiel des ärztlichen Blicks (5) beschrieben hat, der auf der Grundlage institutionalisierten Wissens selektiv, d. h. besonders aufmerksam für jegliche Art von Devianz, und Unsichtbares kalkulierend, da Risiken abwägend, sieht (6). Kontrastiv zu einer kontemplativen Betrachtung, zu mystischer Schau oder dem, was Goethe "anschauendes Denken" (7) genannt hat, zeichnet sich der kontrollierende Blick durch eine distanzierte Vergegenständlichung des von ihm Erblickten aus, er ordnet und vermisst Gegenstände und soziale Verhältnisse. Christoph Wulf weist darauf hin, dass dem distanziert-überwachenden Blick in der zunehmend bildüberfluteten Moderne eine distanzlose Schaulust gegenübersteht, die auf Einverleibung nicht der Dinge, sondern ihrer Bilder drängt. "Das Sehen ist hin und her gerissen zwischen der Auslieferung an die Welt der Bilder, dem Wunsch, sie in sich hineinzureißen, und dem Anspruch auf Überwachung und Kontrolle der Gegenstände und Lebensverhältnisse." (8) Die kritische Reflexion der Dominanz des Sehsinns, seiner aktuellen Prägungen und seiner Engführung mit Erkenntnisfähigkeit setzten bereits die Kunst der Moderne und manche moderne philosophische Strömungen in Gang.


Visualisierung des Invisiblen


Barbara Duden beschreibt die "körperbildende Wirkmacht der Technik" (9) am Beispiel der schwangeren Frau, genauer: der Geschichte des Fötus, die sie größtenteils als die "Geschichte [...] einer Visualisierung" (10) fasst. Über Jahrtausende bestand die Präsenz des Ungeborenen in einer Andeutung der Frau, die erste Regung zu spüren, eine sinnlich nur ihr zugängliche Erfahrung. Im 17. Jahrhundert, so Duden, verschafft nicht die ärztliche Untersuchung, sondern die erste Regung Gewissheit darüber, ob eine Schwangerschaft besteht oder nicht. Während dieses Ereignis zunehmend in die Sphäre des Privaten verbannt wird, wächst die öffentliche Bedeutung der weiblichen Physiologie. Der Ende 18., Anfang 19. Jahrhundert lebende Arzt Ploucquet markiert in diesem Prozess eine Schwelle, denn er ist es, der die Bewegung des Ungeborenen von außen zu ertasten, zu erblicken versucht. (11) Durch die damit einsetzende "Veröffentlichung" ihres Leibesinneren büßt die Frau ihre Definitionsmacht ein. Im Zuge technischer Neuerungen, die das bildlich aufbereitete Körperinnere nicht mehr nur Anatomen zugänglich machen, seiner Verbreitung über Bücher, Zeitschriften und schließlich die optischen Medien, findet eine Veränderung der körperlichen Befindlichkeit statt, die sich als "Akzentverschiebung von der Hapsis zur Opsis" (12), vom Tastsinn zum Sehsinn begreifen lässt.
Für Duden markieren die Ultraschallbilder des Ungeborenen einen blickprägenden Wendepunkt in jüngerer Zeit: "das Objekt wird nicht vom Licht abgezeichnet (photographiert), sondern aus Licht hergestellt. Es ist aus Licht gemachter Schein (Photogonie)" (13). Dem so konstruierten Fötus wird auf dem Bild sinnliche Wirklichkeit verliehen; Duden spricht von "misplaced concreteness" (14), die das Erleben der schwangeren Frau strukturiere, ihre Wahrnehmung biologisch objektiviere und einer Medikalisierung dessen, was vom inneren Spürsinn übrig sei (15), Vorschub leiste.


Das Werden des Geschlechts als "Folge eines Sehens"


Die Favorisierung des Auges als "Hauptsinn der Moderne und als Hebel einer neuzeitlichen Körperpolitik" (16) schlägt sich auch in verschiedenen theoretischen Schriften nieder. Die Texte Freuds lesend, wirft Marianne Schuller die Frage auf, wie sich das psycho-analytische Werden des Geschlechts vollzieht, und stellt fest: "Es vollzieht sich als Folge eines Sehens: als Folge der Kastration, die sich als ,Kastrationskomplex' strukturiert." (17) Das Mädchen sieht an sich – nichts, sieht in dem, was es sieht, ein Fehlen, ein Unsichtbares, das in der Freudschen Theorie zum Defekt gerät. "[N]ur unter der Herrschaft der Allianz von Sichtbarkeit, Präsenz und Wissen wird das Unsichtbare zum Defekt" (18), konstatiert Schuller und ortet den Mangel, von dem so oft die Rede ist, in der aufs Ganze gehenden "Ordnung Sehen/Wissen" (19) selbst. Indem das Sichtbare fürs Ganze genommen werde, fehle das Fehlen oder – das "unsichtbare Unsichtbare" (20). In der mythischen Bildersprache, die Freud in seinen Aussagen über die "Weiblichkeit" und die "weibliche Sexualität" verwendet, die entgegen seiner Ankündigung beobachteter Tatsachen überraschend spekulativ ausfällt, artikuliert sich nach Schuller auch ein "Verschwinden von Bildern" (21). Sie resümiert: "Das Weibliche ist das, was dieser Ordnung und ihren Repräsentationsmodi gerade entgeht." (22) Freuds Text löse das "Rätsel der Weiblichkeit" nicht, nähere sich ihm aber in dem Maße, in dem er die Lösung verfehle, da darin der "Defekt der Ordnung von Sehen/Wissen, sofern [...] sie die vollständige Repräsentation des Geschlechts verspricht" (23), zu lesen sei.
Der weibliche Körper repräsentiert hier also das, was nicht zu sehen ist, während bei Duden doch von einer zunehmenden Sichtbarmachung selbst des weiblichen Leibesinneren, das dem anatomischen Blick verhältnismäßig lange unzugänglich blieb, die Rede war. Gerade um die Jahrhundertwende entfaltet sich ja bekanntlich, insbesondere in den urbanen Zentren, eine massive bildliche Präsenz auch des weiblichen Körpers durch die Verbreitung der Photographie, die einsetzende Plakatwerbung, die Entwicklung des Films usf. Dem Bilderreichtum auf der einen Seite korrespondiert ein Verschwinden des "Weiblichen" in die Unsichtbarkeit auf der anderen.
Der kontrollierende Blick bannt nicht nur ins Bild, was er bannen will, sondern auch, was sich bannen lässt: Körper, die zu medizinischen oder ästhetischen Typen gerinnen. Von feministischer Seite wurde oft die Typisierung kritisiert, die konkret lebenden Frauen spiegelbildlichen Uniformitätszwang suggeriere, von einer "Entleiblichung" abgebildeter Körper ist die Rede, mit Schuller davon, dass das, was zu sehen ist, nicht alles ist, was da ist, dass etwas fehlt, von dem das Bild zeugt, nennt man es nun das "unsichtbare Unsichtbare", das "Weibliche" oder das "Lebendige".
Damit soll keinerlei Zuschreibung an das "Weibliche" erfolgen. Positional als einer "Ordnung von Wissen/Sehen" Widerständiges verstanden, verschiebt sich durch sein Mitdenken, das Denken von Grenze und Exklusion, der Blick auf das, was sichtbar ist.


Georg Simmels Exkurs über die Soziologie der Sinne


Vor dem Hintergrund der skizzierten zunehmenden Dominanz des Visuellen im Zusammenhang mit technischen Neuerungen, der damit einhergehenden Marginalisierung des Taktilen, die Duden beschrieb, und dem Verschwinden des "Weiblichen" als nicht Repräsentierbarem im Freudschen Sinn(es)- und Sichtbarkeitsgefüge möchte ich im Folgenden Georg Simmels Exkurs über die Soziologie der Sinne (24) von 1908 näher betrachten – ein Zeitdokument, dessen Implikationen für den Geschlechterdiskurs hier von Interesse sind.


Sehsinn


Simmel ergeht sich zunächst in einer Hymne über das Auge. Er bindet das "Übergewicht des Sehens [...] vor allem [an] die öffentlichen Beförderungsmittel" (25), argumentiert somit zwar nicht mit der photographischen Entwicklung, aber doch mit Prägungen modern-urbanen Lebens. Durch die in ihm angelegte Möglichkeit des "gegenseitigen Sich-Anblickens" (26) verbinde der Sehsinn Individuen auf eine Weise, so Simmel, die vielleicht "die unmittelbarste und reinste Wechselbeziehung, die überhaupt besteht" (27), sei. In dieser fragilen, durch eine Abwendung des Blicks leicht unterbrech- und damit zerstörbaren Beziehung ist jedes wahrnehmende Auge auch ein ausdrucksvolles, d. h. gebendes, indem es dem Anderen gewissermaßen Einblick gewährt. Simmel interpretiert ein Abwenden des Blicks entsprechend nicht nur als schamvolles Zu-Boden-Blicken, sondern – und das vor allem – als Verweigerung einer Erkenntnisgewinnung des Anderen über einen selbst.
In diesem Szenario ist die Betrachtung eine durchaus kontemplative, und der Beobachter hat die Macht nicht im Blick, sondern in dessen selbstbestimmter Abwendung.
Geht man hier der Frage nach, ob Simmels vordergründig neutrale Perspektive einen impliziten Fokus auf eine Begegnung unter Männern aufweist, muss geklärt werden, inwiefern sich der Blick zu dieser Zeit geschlechtsspezifisch fassen lässt.
Dass die Genese des kontrollierenden Blicks historisch in einem durchwegs männlichen Umfeld erfolgte, versteht sich ebenso wie die Tatsache, dass diese Blickprägung keiner prinzipiellen geschlechtlichen Grenze unterliegt. Betrachtet man die Plakate (28) um die Jahrhundertwende, so fällt auf, dass blickliche Direktheit von Frauen meist anbiedernd wirkt, mit entsprechend aufrechter Kopfhaltung oft Unverfrorenheit und Verdorbenheit suggeriert und ein Attribut des Typus der sexuell Lockenden, der Hure, bildet. Gisela Breitling hat dargelegt, wie lange – mit Ausläufern bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts – Frauen etwa der Anblick von Nacktheit verboten war. Künstlerinnen war Aktzeichnen untersagt, sowohl des männlichen als auch des weiblichen Körpers. Früh anerzogenes züchtiges Niederschlagen des Blicks der bürgerlichen Frau zeigt ebenso wie die Transformation einer Frau durch diversen Dekor in sein Objekt der Begierde: "Frauen sollen, selber blicklos, Anblick sein." (29) Die Simmelsche blickliche reinste Wechselbeziehung aber setzte für eine Begegnung beider Geschlechter voraus, dass der weibliche Blick keiner Reglementierung unterliegt. Ihr selbstbestimmtes An- und Wegblicken jedoch steht gar nicht erst in Rede und ist keinesfalls mitgemeint. Sie ist Gegenstand mancher Betrachtung und ist in diesen Ausführungen gerade nicht bzw. nur als abwesend in den Blick zu kriegen.


Geruchssinn


Nach einer kurzen Diskussion des zweitgewerteten Hörsinns beginnt Simmel seinen soziologischen Diskurs über die "niederen Sinne" (30) mit dem Geruch, der sich von Auge und Ohr insofern unterscheide, als er kein Objekt bilde, sondern sozusagen am bzw. um das Subjekt bleibe. Symbolisiert werde dies dadurch, dass sämtliche Bezeichnungen für Gerüche von Geschmäckern abgeleitet werden, nicht objektivierbar, nicht abstrahierbar seien. Simmel erklärt die soziale Frage zur "Nasenfrage" (31), denn vielfach scheitere eine Begegnung über soziale oder kulturelle Differenzen hinweg trotz moralischer Vorsätze an unüberwindlichen Abneigungen gegen bestimmte Gerüche, wie auch kein Bericht über Elend je so eindrücklich sein könne wie das sinnliche Erleben einer entsprechenden Atmosphäre.
Während mit zunehmender Verfeinerung einer Zivilisation die sinnliche Wahrnehmungsschärfe sinke, steige ihre Lust- und Unlustbetonung, meint Simmel, und führt den modernen Menschen mit seinen schwachen Nerven als beispielhaft dafür an, sieht Hygiene- und Reinlichkeitsmaßnahmen als auf die sich daraus ergebende stärkere Isolierung des Menschen bezogen.
Da es mehr unangenehme Gerüche gebe als angenehme, habe ein Mensch mit sensibler Nase mehr zu leiden als ein anderer. Simmel hält den Geruchssinn für den intimsten unserer Sinne: "Daß wir die Atmosphäre jemandes riechen, ist die intimste Wahrnehmung seiner, er dringt sozusagen in luftförmiger Gestalt in unser Sinnlich-Innerstes ein, und es liegt auf der Hand, daß bei gesteigerter Reizbarkeit gegen Geruchseindrücke überhaupt dies zu einer Auswahl und einem Distanznehmen führen muß, das gewissermaßen eine der sinnlichen Grundlagen für die soziologische Reserve des modernen Individuums bildet." (32) Außerdem sei Geruch dissoziierend, da er aufgrund der häufigen Unannehmlichkeiten Menschen eher auseinander- als zusammenbringe. Künstlich hergestelltes Parfüm sieht Simmel wie Schmuck dazu angetan, eine Atmosphäre von Wohlgefallen zu schaffen, die unabhängig von der konkreten Person besteht und ihre Persönlichkeit damit untergräbt.
Simmel fügt an- und abschließend Ausführungen über den Geschlechtssinn an, es geht ihm dabei hauptsächlich um das Inzestverbot, das seiner Ansicht nach kulturell unterschiedlich ausgeformt (33) existiert, um durch räumliche Nähe Verwandter entstehende geschlechtliche Verlockungen von vornherein zu unterbinden, damit kein Chaos ausbreche.


Sinn(e) und Geschlecht


Von der anfänglichen Irritation abgesehen, die davon ausgeht, dass das Taktile in diesem Exkurs über die Sinne völlig exkludiert ist und die unmittelbarste Wechselbeziehung nicht in einer Berührung, sondern einem Blick bestehen soll, fallen sogleich die Wertigkeiten auf: das an erster Stelle stehende erkennende Auge, gebend und nehmend, ist positiv, der intime Geruch, ein niederer Sinn, negativ konnotiert, eine Assoziationskette führt über Schmutz, Krankheit (Lungentuberkulose!) zum Tod. Während das Simmelsche gegenseitige Sich-Anblicken Momente von Bewusstheit, Entscheidung und Gleichrangigkeit impliziert, legt der eindringende Geruch, der meist auseinander treibe, Vereinnahmung und Gewalt nahe.
Ist eine gewisse Distanz notwendig, damit etwas überhaupt gesehen werden kann, so intensivieren sich umgekehrt Gerüche durch größere Nähe.
Das meist unangenehme Eindringen des Geruchs legt eine körpersymbolisch männlich-geschlechtliche Assoziation nahe und verweist in diesem Kontext m. E. auf die vordergründige Unmöglichkeit, sich als Mann weiblich zu identifizieren. Eine zweite Assoziation allerdings fokussiert auf das grenzüberschreitende, -auflösende, zersetzende Element, welches zumindest im psychoanalytischen Geschlechterdiskurs der Jahrhundertwende prinzipiell mit Weiblichkeit positiv korreliert.
Vom Geruchssinn schreitet Simmel zum Geschlechtssinn voran, nicht nur der Tastsinn, auch der Geschmackssinn wird hier nicht erwähnt. Gert Mattenklott beschreibt Schmecken als ",Akte der Empfängnis'. Nur was im Speichel löslich ist, kann geschmeckt werden." (34) Zahlreiche Bedeutungsüberlagerungen verweisen auf einen assoziativen Konnex von Geschmacks- und Geschlechtsorganen – Appetit, Verlangen, Sättigung, Überreizung, Exzess usf. Auch Berührungen passen in dieses Feld, das bei Simmel in Ausführungen zu Gesetz, Verbot und Ordnung aufgeht. Was muss hier reglementiert werden?
Kehren wir noch einmal zum Geruch zurück, der diesem Bedeutungsfeld vorangeht, es vielleicht hervorruft.
Im Zuge allgemeiner Hygienebestrebungen erfolgten geruchsbegründete Abgrenzungen etwa gegen Arbeiter und Arbeiterinnen, Juden und Jüdinnen, aber auch gegen Frauen unabhängig von ihrer Schicht- und Religionszugehörigkeit. Oft als äußerst unangenehm empfundene Gerüche um 1900 waren beispielsweise jene menstruierender Frauen. Manche Ärzte empfahlen besonders häufiges Waschen, auch weil sie es widerwärtig fanden, den Zustand einer Frau an ihrem Geruch zu erkennen. Andere wiederum sprachen sich gegen Waschungen aus, da sie glaubten, der Blutfluss könnte damit unterbrochen werden. Die unterschiedlichen, einander großteils widersprechenden hygienischen Vorschriften trafen sich in der Ausgrenzung der Frau durch ihre Pathologisierung. Die Menstruation galt lange als "Entartungserscheinung" (35), als krankhaft, etwa durch mangelnde Hygiene provoziert oder durch eine chronische Reizung des Nervensystems hervorgerufen (36). Zwischen den Erkrankungen weiblicher Genitalien und denen des Nervensystems wurde prinzipiell ein enger Zusammenhang angenommen, und da auch gesunde Eierstökke "permanent Reizungen ausgesetzt" (37) seien, folgt, dass frau – die schließlich ihr Geschlecht ist (38) – permanent krank ist.
Auch die explizite Verbindung von Nase und – weiblichem – Geschlecht nahm im medizinischen Diskurs der Jahrhundertwende durchaus einen gewissen Raum ein: Von Wilhelm Fließ etwa, einem mit Sigmund Freud befreundeten Arzt, erschien 1897 dessen Hauptwerk Die Beziehungen zwischen Nase und weiblichen Geschlechtsorganen und 1902 die Schrift Über den ursächlichen Zusammenhang von Nase und Geschlechtsorgan. Fließ nahm an, dass Beschwerlichkeiten wie beispielsweise Magen- oder Menstruationsleiden, die ihre Ursache in Masturbation, der Verwendung von Kondomen oder der Praxis von Coitus interruptus haben könnten, also in bestimmten sexuellen Praktiken, im Geschlechtsorgan lokalisiert, über die Nase behandelbar wären. Traurige Berühmtheit erlangte diese Praxis durch die Operation Fließ' an Emma Eckstein (39), einer Patientin Freuds, im Februar 1895, der Freud zustimmte. Aufgrund eines Kunstfehlers Fließ' litt sie lange an den Folgen dieser unnötigen und selbstverständlich fruchtlosen Operation (40).


Das Andere der Erkenntnis als andere Erkenntnis


Mit der Positionierung des Weiblichen wird m. E. die latente Geschlechtsmetaphorik, die Simmels sinnlichem Exkurs zugrunde liegt, manifest.
Das aufgeklärte männlich-rationale Subjekt, dessen Erkenntnis wesentlich durch sein Sehen bestimmt ist, verortet sich in diesem Text neuerlich als selbstbestimmt und beweglich (41) und weist der Anderen wiederum jene Aspekte zu, die seiner Identitätskonstruktion zuwiderlaufen: Negativität, Trieb, Krankheit, Tod – Auflösung durch Vereinnahmung. Dem Geruch sind in der skizzierten Metaphorik wesentlich zwei Aspekte inhärent, jener der Sexualität und jener der Verwesung, des Todes, Aspekte, die für die Bestimmung des Weiblichen im Geschlechterdiskurs der Jahrhundertwende fundamental sind, wie vielfach nachgewiesen worden ist. (42)
Bereits Kant bezeichnete die sogenannten Zustandssinne als niedere Sinne, weil sie der Erkenntnis kaum dienlich seien (43). Rolf Dagstra wendet sich gegen das Primat des identitätskonstituierenden Blicks bei Lacan und klagt demgegenüber "witterndes Gespür" als eine nicht rein analytische, sondern "diffundierende [...], emphatische [...]" (44) Art des Erkennens ein. "Nein, diesem narzißtischen Blick, der als des Pudels Kern unserer Einbildungskraft in die Individualgeschichte eingeht, liegt ein Fonds spürenden Erkennens und Wiedererkennens zugrunde, durch welches sich der Säug- und Riechling in unverkennbar sensibler Weise auf seine besondere Welt einläßt." (45)

Der Versuch, diskursive Randständigkeiten positional zu verschieben – also Negativität, Unsichtbares, Taktiles –, Marginalisierungen zu hintertreiben, beinhaltet auch für eine solcherart fixierte "Weiblichkeit" Veränderungspotential.



(1) Vgl. etwa Ralf KONERSMANN, Die Augen der Philosophen. Zur historischen Semantik und Kritik des Sehens, in: R.K. (Hg.), Kritik des Sehens, Leipzig 1997, 9-47. – Christoph WULF, Das gefährdete Auge. Ein Kaleidoskop der Geschichte des Sehens, in: C.W., Dietmar KAMPER (Hg.), Das Schwinden der Sinne, Frankfurt/Main 1984 (edition suhrkamp Neue Folge 188), 21-45.
(2) Vgl. KONERSMANN, Die Augen der Philosophen, 19 ff.
(3) WULF, Das gefährdete Auge, 24.
(4) Ebda, 27.
(5) Michel FOUCAULT, Die Geburt der Klinik. Eine Archäologie des ärztlichen Blicks. Frankfurt/Main 1988.
(6) Vgl. ebda, 103.
(7) Vgl. WULF, Das gefährdete Auge, 25.
(8) Ebda, 24 f.
(9) Barbara DUDEN, Der Frauenleib als öffentlicher Ort. Vom Mißbrauch des Begriffs Leben, München 1994, 97.
(10) Ebda, 115.
(11) Vgl. ebda, 120.
(12) Ebda, 115.
(13) Ebda, 29.
(14) Ebda, 31.
(15) Vgl. ebda, 109.
(16) Dietmar KAMPER, Christoph WULF, Blickwende, in: D.K., C.W. (Hg.), Das Schwinden der Sinne, 11
(17) Marianne SCHULLER, Sehen/Wissen und "das Rätsel der Weiblichkeit", in: Silvia HENKE, Sabina MOHLER (Hg.), Wie es ihr gefällt III, Freiburg 1991, 35.
(18) Ebda, 36.
(19) Ebda.
(20) Ebda.
(21) Ebda, 40.
(22) Ebda.
(23) Ebda.
(24) Georg SIMMEL, Exkurs über die Soziologie der Sinne, in: G.S., Gesammelte Werke, Bd. 2: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Berlin 1968 [1908], 483-493. Eine frühere Fassung dieses Textes erschien 1907 unter dem Titel Soziologie der Sinne. Die Einleitung von 1907, die der Legitimierung dieser Untersuchung dient, wurde 1908 dem Exkurs nicht mehr vorangestellt, der Text wurde jedoch erweitert um Simmels Ausführungen zum Geschlechtssinn, an deren Stelle in der Fassung von 1907 ein relativ abruptes Ende steht.
Vgl. Georg SIMMEL, Soziologie der Sinne, in: G.S., Gesamtausgabe, hg. von Otthein RAMMSTEDT, Bd. 8: Aufsätze und Abhandlungen 1901-1908, Bd. II, hg. von Alessandro CAVALLI, Volkhard KRECH. Frankfurt/Main 1993 [1907] (suhrkamp taschenbuch wissenschaft 808), 276-292.
(25) Ebda, 486.
(26) SIMMEL, Exkurs über die Soziologie der Sinne, 484.
(27) Ebda.
(28) Vgl. Bernhard DENSCHER, Die Frau in der Werbung, in: Die Frau im Korsett. Wiener Frauenalltag zwischen Klischee und Wirklichkeit 1848-1920, 88. Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien, Wien 1984, 97-100.
(29) Gisela BREITLING, Der verborgene Eros. Weiblichkeit und Männlichkeit im Zerrspiegel der Künste, Frankfurt/Main 1990 (Die Frau in der Gesellschaft 4740), 205.
(30) SIMMEL, Exkurs über die Soziologie der Sinne, 489.
(31) Ebda.
(32) Ebda, 490.
(33) Das Inzestverbot kann nur die Kernfamilie betreffen oder auf weitere Verwandtschaftsgrade ausgedehnt werden. Nach Simmel hängt dies von der konkreten Lebensweise der Familien ab, davon, in welcher Form jeweils zusammengelebt wird.
(34) Gert MATTENKLOTT, Geschmackssachen. Über den Zusammenhang von sinnlicher und geistiger Ernährung, in: KAMPER, WULF (Hg.), Das Schwinden der Sinne, 179.
(35) Sabine HERING, Gudrun MAIERHOF, Die unpäßliche Frau. Sozialgeschichte der Menstruation und Hygiene von 1860 bis 1985, Pfaffenweiler 1991, 30.
(36) Bis zur Entdeckung der Hormone zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde an dieser Nerventheorie festgehalten. Vgl. ebda.
(37) Ebda.
(38) Die Tatsache, daß "Frau" und "Geschlecht" seit der Aufklärung in einem Naheverhältnis zueinander gedacht werden, liegt in der vordergründig unkörperlichen Neutralität begründet, mit der das neuzeitliche männliche Vernunftsubjekt sich ausstattet. U. a. Christina von Braun hat herausgearbeitet, dass die Frau um die Jahrhundertwende sowohl in ihrer Definition als grundlegend asexuell (Krafft-Ebing, Freud) als auch in ihrer Fixierung als ausschließlich sexuell (Havelock Ellis, Weininger) die männliche Sexualität verkörpert. Im ersten Fall wird ihr die Libido, da diese männlich sei, völlig abgesprochen, sie verkörpert diese also als spiegelbildliche Negativfolie, während sie im zweiten Fall zur bloßen Trägerin der Sexualität wird, der kein eigenes Begehren zukommt. Die Frau hat keinen Phallus, sie kann höchstens Phallus sein. – Vgl. Christina VON BRAUN, Die Erotik der Kunst-Körper, in: Irmgard ROEBLING (Hg.), Lulu, Lilith und Mona Lisa...: Frauenbilder der Jahrhundertwende, Pfaffenweiler 1988 (Frauen in Geschichte und Gesellschaft 14), 1-17. – Vgl. dazu auch Jacques LACAN, Die Bedeutung des Phallus, in: LACAN, Schriften II, Olten 1975, 13: "Findet der Mann die Möglichkeit, seinen Liebesanspruch in der Beziehung zur Frau zu befriedigen, sofern der Signifikant des Phallus sie als diejenige konstituiert, die in der Liebe das gibt, was sie nicht hat, so wird umgekehrt sein eigenes Begehren nach dem Phallus seinen Signifikanten hochkommen lassen in seiner übrigbleibenden Divergenz auf ,eine andere Frau' hin, die auf verschiedene Weise diesen Phallus bedeuten kann, ob als Jungfrau oder als Hure."
(39) Vgl. ausführlich zu diesem Fall: Jeffrey M. MASSON, Was hat man dir, du armes Kind, getan? Oder: Was Freud nicht wahrhaben wollte, Freiburg i. Br. 1995, 101-154.
(40) Die Beschwichtigungs- und Bagatellisierungsversuche Freuds in Bezug auf den Fehler seines Freundes Fließ, die Rationalisierungsstrategien beider und ihre schließlich folgenden Schuldprojektionen auf Emma Eckstein – "hysterische Blutungen" nach der fehlerhaften Operation – weisen hinsichtlich der Rollen von männlichen Ärzten, ihrer Freundschaft und der weiblichen Patientin ein durchaus ähnliches Muster auf wie die "Komplizenschaft" von Sigmund Freud und C.G. Jung in der "Affäre Spielrein". – Vgl. ebda. und Sabina SPIELREIN, Tagebuch einer heimlichen Symmetrie, Freiburg i. Br. 1986.
(41) Die Möglichkeiten von Blickkontakt und Unterbrechung als Aufnahme und Verweigerung von Beziehung und Erkenntnis implizieren Beweglichkeit.
(42) Vgl. z. B. Christa ROHDE-DACHSER, Expedition in den dunklen Kontinent. Weiblichkeit im Diskurs der Psychoanalyse, Frankfurt/Main 1997 (Die Frau in der Gesellschaft 12845). – Elisabeth BRONFEN, Nur über ihre Leiche. Tod, Weiblichkeit und Ästhetik, München 1996. – Annemarie TAEGER, Die Kunst, Medusa zu töten, Bielefeld 1987.
(43) Vgl. Rolf DAGSTRA, Der witternde Prophet. Über die Feinsinnigkeit der Nase, in: KAMPER, WULF (Hg.), Das Schwinden der Sinne, 173.
(44) Ebda, 174.
(45) Ebda, 171.

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