Genese der mehrschichtigen und multimedialen Hugo von Montfort-Edition

Den motivationalen Ausgangspunkt der neuen Edition der poetischen Werke des alemannisch-steirischen Grafen Hugo von Montfort bildete die vormals mangelnde Verfügbarkeit seiner Texte. Um dem abzuhelfen und zugleich eine editionstechnisch vielleicht richtungsweisende Textausgabe anzubieten, konnte der Verlag de Gruyter gewonnen werden. In Absprache mit ihm entstand auf der Grundlage der Grazer dynamischen Editionsmethode (nach Andrea Hofmeister-Winter) 2002/03 die sog. Basistransliteration, das ist eine äußerst handschriftennahe elektronische Transliteration aller relevanten Überlieferungsträger. Diese Transliteration wurde hernach für den Druck in einen sog. Lesetext übergeführt und dabei durch selektive Kommentare angereichert, wie sie u.a. (im Sommersemester 2003 in einem editionsbegleitenden Seminar) von Studierenden für hilfreich erachtet wurden.

Simultan zum Erscheinen der gedruckten Textausgabe 2005 ging eine zusätzliche – schon im Buch per Linkhinweis angegebene – Editions-Homepage online: http://www-gewi.uni-graz.at/montfort-edition. Sie präsentiert im Sinne einer mehrschichtigen internetbasierten Hybrid-Edition zum einen die gesamte Überlieferung in Form aller Faksimiles und zum anderen deren Basistransliteration; Codierungstabellen und weitere Materialien traten von Beginn weg ergänzend hinzu.

Die in der gedruckten Edition mitgelieferten neuen Melodietranskriptionen (von Agnes Grond) bildeten kurze Zeit später den Ausgangspunkt für die erstmalige Gesamteinspielung der zehn Lieder Hugos von Montfort bzw. seines Komponisten Bürk Mangolt durch Eberhard Kummer. Für die Umsetzung in Form einer Doppel-CD [Link] konnte der ORF gewonnen werden.

In weiterer Folge bewährte sich insbesondere die Basistransliteration im Rahmen des (vom Editor geleiteten) Schriftforschungsprojekts DAmalS (Datenbank zur Authentifizierung mittelalterlicher Schreiberhände), da sie es nach ihrer Überführung in einen XML-codierten Text erlaubte, eine bis in jeden i-Punkt hinein genaue Text-Bild-Verbindung herzustellen und damit für den Heidelberger Hugo von Montfort-Codex cpg 329 die vormals strittigen Fragen der Schreiberhandgrenzen mittels objektiver Befundungen zu klären. Mit beteiligt waren an diesem intensiven Pilotprojekt die Grazer Forschungsgesellschaft Joanneum Research, die dafür erstmals ein – mittlerweile allgemein gebräuchlich gewordenes – Annotator-Tool zur editorischen Bild-Text-Verknüpfung entwickelte, sowie das Grazer ZIM, das vor allem für die XML-Transformationen samt Tagging-Prozessen verantwortlich zeichnete. Näheres dazu ist dem Endbericht zum Projekt zu entnehmen.

Da die Basistransliteration jedoch jenseits des Forschungsprojekts DAmalS nicht die erhoffte Aufmerksamkeit des eigenen philologischen Faches erlangte, entstand 2007 am Rande der ersten großen, von der Edition entscheidend mit auf den Weg gebrachten Tagung zu Hugo von Montfort in Dornbirn (geleitet von Klaus Amann) die Idee, den Informationsreichtum dieser elektronischen Textbasis mittels einer ikonischen Recodierung augenfälliger zu machen: Dieses Vorhaben konnte gemeinsam mit dem Grazer ZIM 2010 fertig gestellt werden und erhielt den sprechenden Namen ‚Augenfassung‘; seine Kernfeatures, darunter die kontextsensitive Faksimilelupe oder der Wechsel zwischen einer folio- und einer druckbezogenen Ansicht, konnte auf den Daten und Erfahrungen aus dem Projekt DAmalS aufbauen.

Durch solche Weiterentwicklungen und durch das Potenzial für allenfalls noch ergänzende Tools oder Prozeduren konnte die hybride Hugo von Montfort-Edition ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen, wobei sich oft schwer sagen lässt, ob eher der Drucktext oder sein begleitender Internetauftritt für die international beobachtbaren Forschungs- und Unterrichtsimpulse verantwortlich sind. Näheres zu Genese und wissenschaftlicher Vermittlung dieser Edition ist der Publikationsliste zu entnehmen.

Wernfried Hofmeister
Graz, am 27.1.2015