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Eugenie Schwarzwald
Eugenie Schwarzwald
Geburtsdatum: 04.07.1872
Geburtsort:Polupanowka/Galizien
Sterbedatum: 07.08.1940
Fachbereiche: Schulpädagogik
Wirkungsorte: Wien
Eugenie Schwarzwald zählt zu den großen Reformpädagoginnen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt ihr Einsatz dem Mädchenschulwesen und einem neuen Verständnis für den Schulunterricht. Als eine der wenigen Frauen mit abgeschlossenem Studium setzte sie sich vergebens beim k.u.k. Kultusministerium für die Anerkennung ihres in der Schweiz erworbenen Abschlusses zum Dr. phil. ein (vgl. Deichmann 1988, S. 52-61). Obwohl sie wegen fehlender Lehramtsprüfung und Nicht-Anerkennung ihres Studiums die Schule nur provisorisch leiten durfte, widmete sie sich ab der Jahrhundertwende gänzlich dem Aufbau der Schwarzwaldschen Schulanstalten in Wien, die erst durch die Machtübergreifung Hitlers ein Ende fanden (vgl. Deichmann 1988, S. 249).

Eugenie Schwarzwald, auch „Fraudoktor“ genannt, war eine Pionierin in der Geschichte der Erziehung in Österreich: eine beharrliche, moderate Persönlichkeit, die ihre reformatorischen Anliegen hinter dem Schild eines traditionellen Frauenbildes in der Gesellschaft trug (vgl. Schiferer 1996, S. 13). Sie wird als weltoffene, tolerante Frau beschrieben. Menschlichkeit hatte einen sehr hohen Stellenwert in ihrem Leben. Es wird beschrieben, dass sie mit ihrem Mann Hermann Schwarzwald für folgende Tugenden ein Vorbild war: Zuhören; Geduldhaben; Vorurteilen aus dem Weg gehen; im Urteil unbestechlich zu sein; nichts zu beschönigen; Zielgerichtetheit, ohne das Ziel um jeden Preis sofort erreichen zu müssen; die eigenen Fehler hinnehmen und sie eingestehen; Selbstpersiflage. All diese Eigenschaften braucht der Mensch, um relativ frei zu sein und um die Welt erleben zu können. Sie schaffte eine neue Lebenskultur: selbstbewusste, authentische und gleichwertige Menschen, die sich frei entwickeln können (vgl. Deichmann 1988, S. 56).

Eugenie Schwarzwald war gesellschaftlicher und künstlerischer Kristallisationspunkt in Wien. Sie führte einen Salon, in dem sich viele junge Künstler und Persönlichkeiten der Öffentlichkeit präsentiert haben. Unter ihnen waren unter anderem Elias Canetti, Karl Kraus, Robert Musil, Arnold Schönberg, Oskar Kokoschka und Adolf Loos. Viele von ihnen waren zu dieser Zeit noch nicht von der Gesellschaft anerkannt und entwickelten sich erst später zu bekannten Persönlichkeiten. Einzelne Salongäste wie z.B. Elias Canetti portraitierten Eugenie Schwarzwald in ihren Werken. Karl Kraus nahm Eugenie Schwarzwald als Vorlage für seine Figur der Hofrätin Schwarz-Gelber in den „Letzten Tagen der Menschheit“, bei Robert Musil wird Eugenie Schwarzwald als Diotima im „Mann ohne Eigenschaften“ verkörpert. Im Kreis des Salons fand Schwarzwald auch vielfach Unterstützung für die Umsetzung ihrer Vorhaben (vgl. Streibel 1996, S. 9, 11; Schiferer 1996, S. 16).

In den Jahren des Ersten Weltkrieges engagierte sich Eugenie Schwarzwald in der Sozialarbeit und organisierte Hilfsaktionen zur Linderung der Not. Ihre Bemühungen in den darauf folgenden Jahren mündeten in der Gründung des „Schwarzwaldschen Wohlfahrtswerkes“ (vgl. Deichmann 1988, S. 143).
Im Zweiten Weltkrieg kämpfte sie, solange es ihr möglich war, tapfer gegen das Destruktive der Zeit durch Güte und Hilfsbereitschaft. Sie suchte das Wahre, Schöne und Gute im Leben. Als Frau jüdischer Herkunft emigrierte sie 1938 in die Schweiz und ihre Werke wurden geschlossen. Auf Grund fehlender Konzeptionen ihrer Arbeit geriet Schwarzwalds Wirken schnell in Vergessenheit und kann nur noch über Briefwechsel, Jahresberichte der Schulanstalten und Veröffentlichung in Zeitungen nachvollzogen werden.
Daniela Jörgler, Elisabeth Schweitzer, Maria Theresia Reisinger, 09.05.2006