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Philosophischer Hintergrund
Siegfried Bernfeld gehörte zum Kreis von Walter Benjamin, mit dem er eine Zeit lang zusammen arbeitete (vgl. Grubrich-Simitis 1988, S. 14; vgl. Lohmann 2003, S. 52).
Schule und Jugendbildung waren in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ein Grund heftiger politischer und pädagogischer Auseinandersetzungen. Bernfeld suchte Anschluss an den kulturkritischen Flügel der deutschen Jugendbewegung - die Jugendkulturbewegung von Gustav Wyneken. Von dessen Ideen inspiriert gründete er das „Akademische Commitee für Schulreform“ (A.C.S.). Bernfeld war Mitherausgeber der Zeitschrift „Der Anfang“ und versuchte damit in einigen Beiträgen innerhalb der Jugendbewegung sozialistischen, pazifistischen und feministischen Strebungen Geltung zu verschaffen (vgl. Bernfeld 1914/1991, S. 280; Grubrich-Simitis 1988, S. 14).

Bernfeld machte eine Ausbildung bei Sigmund Freud und konzentrierte seine Aktivitäten und seine Schriften auf die Psychoanalyse, er studierte vor allem in den letzten Jahren seines Lebens bis zu seinem Tod die Biographie und Theorie Freuds (vgl. Grubrich-Simits 1988, S. 15; vgl. Lohmann 2003, S. 54).
Fragestellungen und Forschungsschwerpunkte
Bernfelds Name ist bis heute mit einem Buch verbunden: „Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung“. Das Werk erschien in erster Auflage 1925 in Leipzig im Internationalen Psychoanalytischen Verlag. Es wurde in über fünfzig Zeitungen und Zeitschriften angekündigt und besprochen. 1928 erschien das Buch in zweiter Auflage, eine Ausgabe in englischer Übersetzung wurde 1973, versehen mit einem Vorwort von Anna Freud, publiziert (vgl. Lohmann 2003, S. 54).
Bernfeld verband in seinen theoretischen Schriften erziehungs- und kulturgeschichtliche Analysen mit der Untersuchung seiner eigenen Erfahrungen und stieß an drei Grenzen des Erziehens (vgl. Grubrich-Simitis 1988, S. 16f):

1. Die „soziale“ Grenze der Erziehung (vgl. Bernfeld 1925, S. 123).
2. Die Grenze, die „durch die seelischen Tatsachen im Erzieher gegeben ist“ (Bernfeld 1925, S. 142).
3. Die Grenze der Erziehung, die in der „Erziehbarkeit des Kindes, seiner Konstitution, seiner Veränderbarkeit“ liegt (vgl. Bernfeld 1925, S. 143).

Siegfried Bernfeld unterschied zwischen einer äußeren und zwei inneren Grenzen.
Die erste Grenze, die äußere, besteht in der konservativen Tendenz und Funktion der Erziehung.
Sie ist gesetzt durch die sozioökonomische Realität der Gesellschaft. Er formulierte also einen gesellschaftlichen Rahmen, in dem ein Erziehungsprozess abläuft, immer zu dem Zweck, diesen Rahmen zu konservieren.
Diese Konservierung bedeutet die Verhinderung von Neuem und somit, dass die Erziehung für die strukturelle Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse ein ungeeignetes Mittel darstellt (vgl. März 2000, S. 507).
Zur Untersuchung dieser Grenze zog er die Soziologie, Ökonomie und Sozialphilosophie von Marx als Instrumentarium heran (vgl. Grubrich-Simitis 1988, S.16f).

Bei den beiden anderen Grenzen handelt es sich um innere, sie bestehen in der Triebnatur des zu Erziehenden und des Erziehenden. Nach Bernfeld ist sie mit Hilfe von Freuds Psychologie des Unbewussten zu ermitteln (vgl. Grubrich-Simitis 1988, S.16f).

Bei der zweiten Grenze handelt es sich um den Erziehenden selbst.
Das Kind vor ihm ist er selbst als Kind mit denselben Wünschen und Konflikten. Die Unterschiede sind die Unterschiede des Ichs, aber nicht Unterschiede der Triebe und Wünsche. D.h. der Erzieher steht vor zwei Kindern: dem zu erziehenden vor ihm und dem verdrängten in ihm. Bernfeld folgert, dass der Erzieher deshalb gar nicht anderes kann, als jedes Kind so zu behandeln, wie er es selbst erlebt hat (vgl. Bernfeld 1925, S 141).

Die dritte Grenze liegt in der Erziehbarkeit des Kindes, seiner Konstitution, seiner Veränderbarkeit. Diese Grenze stellt die altbekannte Grenze dar, dass zwei Kinder, die man identischen Maßnahmen aussetzt, gleichartig reagieren können, da aber jedes Kind eine andere Geschichte hat, ist das nicht gewiss. Laut Bernfeld wirkt die Geschichte des Individuums auf die Handlung, auf jede psychische Reaktion und deshalb wird die Prognose in höchstem Maße unsicher (vgl. Bernfeld 1925, S. 143 - 146).

Die zeitgenössische Rezipientenschaft des Buches war sehr gespalten. In einigen Publikationen wurde Siegfried Bernfeld sogar überhaupt nicht erwähnt (vgl. Lohmann 2003, S. 54f).
Seine Bemühungen, mit Hilfe von Marx und Freud die verborgenen sozialen und psychischen Strukturen der Erziehung zu erkennen, teilte die Pädagogik nur in der Studentenbewegung der sechziger und siebziger Jahre.
1962 hielt Peter Fürstenau seinen Vortrag „Zur Psychoanalyse der Schule als Institution“. Eine der zentralen Quellen dieses berühmt gewordenen Vortrages war Bernfelds „Sisyphos“. Der Beitrag wurde zum ersten Mal 1964 im „Argument“ gedruckt, wie auch 1969 im viel rezipierten Band „Zur Theorie der Schule“ und in grauen Materialien wie dem Oberseminar-Reader „Theorie der Schule“ von Wolfgang Klafki für das Wintersemester 1974/75 (vgl. Lohmann 2003, S. 57).
Zur gleichen Zeit wichtig geworden war Bernfelds Sisyphos auch für die Sozialisationsforschung, wo Gottschalch u.a. und später Klaus-Jürgen Tillmann an zentralen Stellen auf ihn Bezug nahmen (vgl. Lohmann 2003, S. 58).
Im Jahr 1972/73 war Bernfeld im „Wörterbuch Kritische Erziehung“ für die Artikel über „Antiautoritäre Erziehung“, „Fürsorgeerziehung“ und „Kinderläden“ von entscheidender Bedeutung. Auch Hartmut Titze nannte 1973 Bernfelds Sisyphos als Quelle für die Auseinandersetzung mit der „allgemeinen Problematik“ seiner Untersuchung über „Die Politisierung der Erziehung“.

Insbesondere in zwei Schriften, die als Eckpfeiler der Pädagogik-Diskussion der 70er Jahre gelten, wurde Bernfeld als Klassiker herangezogen: In Klaus Mollenhauers Schrift „Theorie zum Erziehungsprozeß“ von 1972 und in Hans-Jochen Gamms „Allgemeine Pädagogik“ von 1979. Für andere jedoch gehörte er zur gleichen Zeit nicht einmal zur Zunft (vgl. Lohmann 2003, S. 58).
Auswirkungen auf praktische Handlungsfelder
Bernfeld gründete 1919, nach dem Ersten Weltkrieg, das Kinderheim Baumgarten. Im Kinderheim Baumgarten sollten in Kindergarten, Schule und Heimleben die Erziehungsideen und Unterrichtsgrundsätze Maria Montessoris, Berthold Ottos und Gustav Wynekens umgesetzt werden. Als Prinzipien galten: die erziehende Wirkung einer geordneten Umgebung, die entwicklungspsychologische Orientierung am Werdegang der kindlichen Persönlichkeit, Lernen als Selbstbestätigung (Maria Montessori), „Gelegenheits“-Unterricht als „geistiger Verkehr“ mit Kindern, Orientierung an den Fragen und Interessen der Schüler (Berthold Otto), Leben in sich selber regulierenden und erziehenden Gleichaltrigen-Gruppen im Rahmen einer autonomen „Schulgemeinde“ (Gustav Wyneken). Ebenfalls beteiligt war Willi Hoffer, späterer Psychoanalytiker, mit dem Bernfeld befreundet war (vgl. Bernfeld 1921/1996, S. 9).
Jüdische Kriegswaisen, die aus Galizien geflüchtet waren, sollten aufgenommen und nach Reformgrundsätzen erzogen werden. Das Fernziel war ihre Übersiedlung nach Palästina. Doch das Experiment scheiterte und hat Bernfelds reformpädagogischen Elan gebrochen.
Weiterhin ungebrochen jedoch war sein theoretisch-wissenschaftliches Interesse an Erziehung und Jugend. Bernfeld war, nach Freud, zum ersten psychoanalytischen Erforscher der Pubertät geworden (vgl. Grubrich-Simitis 1988, S. 15). Später, als praktizierender Analytiker, begann er sein wissenschaftliches Interesse auf die frühe und früheste Kindheit auszudehnen (vgl. Grubrich-Simitis 1988, S. 17).
1922 wurde Bernfeld zu einem der Sekretäre der Wiener „Psychoanalytischen Vereinigung“ gewählt, für deren Lehrinstitut entwickelte er Kurse über die psychoanalytische Betrachtung von Erziehungsfragen, welche er ab 1925 in Berlin fortführte (vgl. Lohmann 2003, S. 53).
Anmerkung
Bernfelds Interesse für die Psychoanalyse und Sigmund Freud begann früh und blieb zeitlebens erhalten. Seine letzten Arbeiten, die Forschungen zur Freud-Biographie, sind in gewisser Hinsicht eine Rückkehr zu den Anfängen (vgl. Grubrich-Simitis 1988, S. 23).

Kritisch betrachtet, könnten die Freud-Studien eventuell auch als ein Versuch gesehen werden, seine Entwurzelungsgefühle, die durch die Emigration entstanden sind, zu beschwichtigen, da in Bernfelds und Freuds Biographie einige Gemeinsamkeiten bestehen: Bernfelds und Freuds Geburtsort liegen nicht weit entfernt; beide waren bewunderte Erstgeborene; beide wurden von jungen Müttern geboren; beide Väter waren im Textilgewerbe tätig; beide wuchsen in Wien auf und besuchten das humanistische Gymnasium; beide besaßen die Neigung und Fähigkeit zur Selbstbeobachtung; beide haben ihr Studium mit naturwissenschaftlichen Fächern begonnen (vgl. Grubrich-Simitis 1988, S. 25).
In seinen Forschungsarbeiten strebte Bernfeld eine verifizierbare „Libidometrie“ an, aber seine diesbezüglichen Arbeiten stießen schon damals auf mehr Kritik als Anerkennung (vgl. Grubrich-Simitis 1988, S. 18).

Im Sisyphos analysierte und beschrieb er drei wichtige Gemeinsamkeiten, die auch für die von ihm so sehr kritisierte pädagogische Klassik relevant waren:
Bernfeld suchte Antworten auf Fragen, die bereits 100 Jahre zuvor die pädagogische Klassik beschäftigten. Eine dieser Fragen betraf die Tatsache, dass die Zöglinge, die aus niederen Schulen kamen, auf den Gymnasien fast immer zurückblieben (vgl. Lohmann 2003, S 59).
Bernfeld kritisierte in diesem Zusammenhang sehr stark die Didaktik. Seine reformpädagogischen Gedanken kommen hier zutage:
„Weil die Schule des Kindes Leben und Lernen trennt, weil die Schule dies lebendigste Lebewesen zwingt – in ihren Räumen – ein intelligentes oder dummes, aber ein Lernwesen zu sein, meint die Didaktik, was sie vom Lernen in der Schule feststellt, sei Einsicht in das Lernen, in das Leben des Kindes überhaupt. Und meint, in der Psyche des Kindes gäbe es einen säuberlich abgetrennten Bezirk für Lesen, Schreiben, Rechnen, Handfertigkeit und Religion, und untersucht die Vorgänge in diesem Bezirk, und hält die vorgefundenen Regeln für seelische Gesetzmäßigkeiten. Und sieht nichts vom Bios des Kindes, seinen Trieben, Wünschen, Idealen, nichts von seiner Lust und nichts von seinem Haß gegen den Lernbezirk“ (Bernfeld 2000, S. 29).

Bernfeld beschäftigte sich auch, gleich wie die pädagogische Klassik, mit der Frage nach den Bedingungen der Verbreitung der Kultur sowie der Entfaltung der Persönlichkeit.

„Die Verbreitung der Kultur ist eine höchst persönliche Angelegenheit, sie ist Angelegenheit der Persönlichkeit. Wir verstehen darunter, daß Geist, Fühlen, Wollen, Leben des einzelnen Menschen durchdrungen sei von den höchsten Werten und Gütern der Kultur der Nation, der Übernation Menschheit“ (ebd., S. 126).

In der dritten Gemeinsamkeit postulierte er, dass die Erziehungswissenschaft eine Wissenschaft für die Praxis und nicht bloß Erfahrungs- oder Erkenntniswissenschaft von der Praxis sein sollte, denn nur so könnten Ungleichheit und Leiden überwunden werden (vgl. Lohmann 2003, S. 59f).