Die Albanische Volkszählung von 1918
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Migration in Albanien am Anfang des 20. Jahrhunderts

Digitalisierung

Die Digitalisierung aller Orte in Albanien wurde aufgrund der Generalkarte Mitteleuropa 1:200.000 vorgenommen, wobei drei Versionen (1900, 1925 und 1940) verwendet wurden. Dabei stellte sich heraus, dass die Karten von Franz Seiner gröbere Ungenauigkeiten aufweisen. Probleme bei der Digitalisierung der Orte ergeben sich vor allem durch die oft unterschiedliche Schreibweise der Ortsnamen: für die Publikation der Ergebnisse der Volkszählung wurden die damals offiziell festgelegten albanischen Ortsnamen verwendet, während auf den älteren Karten oft eine slawische Schreibweise der Ortsnamen vorkam. Durch die Kombination verschiedener Ausgaben (1900, 1925 und 1940) ließ sich der Anteil der digitalisierten Orte wesentlich erhöhen. Eine vollständige Digitalisierung aller Orte dürfte sich nur schwer erreichen lassen, weil es viele sehr kleine Orte gab; andererseits sind auf den Landkarten teilweise auch Ortsteile und Weiler vorhanden.

Der Stand der Digitalisierung der Orte in Albanien

Von den insgesamt 1.794 Orten wurden bereits 81,3 % digitalisiert, außerdem wurde von einem weiteren Teil der Orte mindestens ein Ortsteil digitalisiert, sodass es sich um insgesamt 86,8 % der Orte handelt, die auf den Karten lokalisiert werden konnten. Bei den noch nicht digitalisierten Orten gibt es einen eindeutigen Zusammenhang mit deren Größe: je kleiner die Ortschaft war, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie noch nicht digitalisiert worden ist. Bei den Orten bis 100 Einwohnern wurden erst 75,8 % der Orte digitalisiert, bei den Orten mit mehr als 400 Einwohnern sind es bereits 93,6 %. Aufgrund dieses Zusammenhangs sind die Wohnorte von 91,9 % der Bevölkerung bereits digital verfügbar. Bei den Orten bis 100 Einwohnern handelt es sich um 76,6 % der Bevölkerung und bei den Orten mit mehr als 400 Einwohnern um bereits 94,8 %.

Digitalisierte Orte und Bevölkerungsanteil in Prozent
Kategorie
Orte
Bevölkerung
vollständig erfasste Orte
92,8
98,2
stichprobenartig erfasste Orte
86,8
90,3
Orte mit Daten von 1916
81,3
90,4
Orte bis 100 Einwohner
75,8
76,6
101 bis 200 Einwohner
83,8
84,7
201 bis 300 Einwohner
91,1
91,4
301 bis 400 Einwohner
93,0
93,0
Orte mit mehr als 400 Einwohnern
93,6
94,8
alle Orte
86,8
91,9


Migrationsmuster

Die Forschung ergab, dass man vier verschiedene Migrationsmuster aufgrund des Geschlechts und des Wohnorts (ländlich oder städtisch) in Albanien am Anfang des 20. Jahrhunderts unterscheiden kann. Erwachsene Männer in den Dörfern waren meist im selben Ort geboren worden, während verheiratete Frauen in den Dörfern nur zu einem Drittel im selben Orte geboren worden waren, der Großteil kam durch Heirat aus einem anderen Dorf. Verwitwete Frauen, vor allem die jüngeren unter ihnen, kehrten zum Teil in ihren Geburtsort zurück. In den Städten war der Anteil an Zuwanderern unter den Männern höher als in den Dörfern und bei den Frauen niedriger als in den Dörfern. Bei Frauen spielte der Familienstand außerdem keine Rolle. Die meisten Migranten verlegten ihren Wohnsitz nur über geringe Strecken, vor allem bei Frauen aufgrund von Heirat war das der Fall.

Urbanisierung

Insgesamt sieben Siedlungen wurden als Städte klassifiziert, davon wurden die Daten von Berat (9.000 Einwohner) vernichtet, die Datenerfassung von Tirana (10.000 Einwohner) wurde erst Ende 2003 abgeschlossen und die Daten von Kruja (4.000 Einwohner) und Elbasan (10.000 Einwohner) bezüglich der Geburtsorte ihrer Einwohner sind offensichtlich zweifelhaft (99,4 % am Ort geboren bzw. 99,9 % Zuwanderer).
Die Einwohnerschaft von Shkodra (22.000 Einwohner) war zu beinahe 80 % auch dort geboren worden. Die Zuwanderer stammten zum Großteil aus Montenegro, vor allem aus den Städten Podgorica und Ulcinj, sowie Tuzi und Dinoša. Die wichtigste Geburtsregion der Zuwanderer aus Albanien waren die Dörfer südöstlich von Shkodra. Die Bewohner der Hafenstadt Durrës (4.000 Einwohner) waren nur zu zwei Dritteln dort geboren worden. Die wichtigsten Geburtsorte von Zuwanderern waren die Ortschaften der Umgebung, besonders die Städte Tirana und Kavaja. Die Einwohnerschaft der Stadt Kavaja (5.000 Einwohner) war zu mehr als 80 % dort geboren worden. Die Zuwanderer kamen vor allem aus der näheren Umgebung, im Besonderen aus Tirana. Daraus ersieht man, dass die Zuwanderung in die Städte vor allem aus deren näherem Umfeld erfolgte, wobei die Übersiedlung von einer Stadt in eine andere eine große Rolle spielte.

Heiratsmigration

Das patrilokale Heiratsmuster ist durchgehend anzutreffen, d. h. Frauen zogen fast immer in den Haushalt ihres Ehemannes bzw. Schwiegervaters. Dorfendogamie, d. h. Heiraten innerhalb des Dorfes, gab es in den Kreisen Kruja, Kavaja, Puka und Peqini Nord, also vorwiegend in den küstennahen Gebieten Mittelalbaniens. Verwitwete Frauen kehrten teilweise in den Haushalt ihres Vaters (1,1 % lebten mit ihrem Vater) oder Bruders (5,8 % lebten mit ihrem Bruder) zurück. Dies betraf vor allem jüngere Frauen in den Kreisen Kiri, Lezhja, Peqini Nord und Süd und Shinapremtja, d. h. jeweils zwei Kreise des Nordens und der Mitte und ein Kreis im Südosten des Landes.

Immigration

Immigration spielte nur eine untergeordnete Rolle. Nennenswerte Anteile an Personen, die außerhalb Albaniens geboren worden waren gab es nur in den Städten Shkodra (11,7 %) und Durrës (4,1 %). In der ländlichen Umgebung dieser beiden Städte war der Anteil an Immigranten ebenfalls erhöht. Im Großteil der Kreise gab es überhaupt keine Person, die nicht in Albanien geboren worden war. Rund zwei Drittel der Zuwanderer kamen aus Montenegro, weitere 10 % (Männer) bzw. 15 % (Frauen) aus dem Kosovo, 7 % aus Bosnien-Herzegowina und der Rest verteilte sich vor allem auf Makedonien und das Osmanische Reich.

Abwesende Personen und Emigration

6,1 % der Männer und 0,8 % der Frauen waren zum Zeitpunkt der Volkszählung nicht anwesend. Bei ihnen handelte es sich vor allem um jüngere Menschen. Die regionale Verteilung war sehr unterschiedlich: Im Kreis Gora waren ein Drittel der männlichen Bevölkerung und mehr als 6 % der weiblichen Bevölkerung abwesend. Ebenfalls über dem Durchschnitt lag die Abwesenheit im angrenzenden Kreis Hasi, in den Kreisen Peqini Nord und Süd und Shinapremtja (jeweils mehr als 8 % der männlichen Bevölkerung). 2 % der Frauen befanden sich in den Kreisen Durrës und Malcija e Gjakovës nicht in ihrem Zählort. Die abwesenden Männer befanden sich vor allem in anderen Orten Albaniens, in der Türkei, im Kosovo, in Montenegro, Bulgarien und in Italien. Die abwesenden Frauen waren vor allem in anderen Orten Albaniens, in Montenegro, in Makedonien, im Kosovo, in Bosnien-Herzegowina und in der Türkei. Bei einem Viertel der Männer ist der Aufenthaltsort noch nicht identifiziert, unleserlich oder nicht bekannt. Ein kleiner Teil der Männer befand sich bereits in Übersee: 2,6 % der Männer lebten in Amerika.

Aufenthaltsland der abwesenden Personen in Prozent:
Aufenthaltsland
Männer
Frauen
Albanien
18,8
27,4
Montenegro
6,9
24,6
Kosovo
8,7
8,2
Türkei
17,2
5,5
Makedonien
2,4
13,4
Bulgarien
5,7
2,9
Bosnien-Herzegowina
2,8
6,0
Italien
5,0
0,7
Amerika
2,6
-
unbekannt
24,3
6,4

Die wichtigsten Aufenthaltsorte innerhalb dieser Länder waren: in Montenegro Rijeka, im Kosovo Kosovska Mitrovica und Vučitrn, in der Türkei Istanbul, in Makedonien Tetovo, in Bosnien Sarajevo; für Bulgarien, Italien und Amerika wurden normalerweise keine Orte genannt.

Abwanderungsregionen

Die drei wichtigsten Abwanderungsregionen zeigten ein völlig unterschiedliches Bild. In den Kreisen Gora und Hasi im Nordosten des Landes war Wanderarbeit ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, und deshalb waren so viele Männer zur Zeit der Volkszählung abwesend. Sie befanden sich zu einem Drittel in der Türkei, zu einem Viertel im Kosovo und zu einem Fünftel in Makedonien und Bulgarien. In den Kreisen Peqini Nord und Peqini Süd gab es einen annähernden Gleichstand mit rund 40 % der Abwesenden in der Türkei und in Amerika. Dadurch stammten zwei Drittel der zur Zeit der Volkszählung sich in Amerika befindlichen Albaner aus diesen beiden Kreisen. Im Kreis Shinapremtja wiederum konnte bisher der Großteil der Aufenthaltsorte der Abwesenden noch nicht eindeutig indentifiziert werden.
Der Grund für die jeweilige Abwesenheit wurde nur bei etwas weniger als der Hälfte der Abwesenden angegeben. Die wichtigsten Gründe waren die Berufsausübung in einem anderen Ort, der Dienst in Armee, Gendarmerie oder dem albanischen Arbeitsbataillon, politische Emigration und Schulbesuch im Ausland.

Wanderarbeit

Wanderarbeiter waren im südöstlichen Europa weit verbreitet. Die Zone der Herkunftsgebiete erstreckte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts über Kosovo und Makedonien und die angrenzenden Gebiete. Auch die Region im Nordosten Albaniens gehörte dazu. Sie unterschied sich in mancherlei Hinsicht vom Großteil Albaniens: es gab eine bedeutende Anzahl an slawischer Bevölkerung, ihr Heiratsalter war höher, und die Bevölkerung lebte vorwiegend in Kernfamilien. Die Wanderarbeiter kamen gewöhnlich aus gebirgigen Landschaften, die für die Landwirtschaft wenig ertragreich waren. Sie waren vor allem Handwerker, wobei das Bauhandwerk besonders wichtig war. Der Großteil der Herkunftsregionen war bis zu den Balkankriegen ein Teil des Osmanischen Reiches, und daher waren Arbeiter in Istanbul oder auch in Ägypten innerhalb desselben Staates tätig. In vielen größeren Städten des Osmanischen Reiches entstanden daher albanische Kolonien.

Resumée

Die digitalisierten Orte als historisches Geographisches Informationssystem (GIS) ermöglichten eine wesentlich eingehendere Untersuchung der räumlichen Komponente der untersuchten Migrationsbewegungen. Konzentrationen von Herkunfts- und Zuwanderungsgebieten ließen sich so wesentlich einfacher feststellen. Die bisher geleistete Grundlagenarbeit ermöglicht einen verstärkten Einsatz geographischer Methoden in zukünftigen historischen Analysen mit räumlichen Einflussfaktoren.


 

 



Siegfried Gruber, 21. Jänner 2004